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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
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16. Ein Soldat, der Räuber fängt.

Rittmeister Föhnwald lag um diese Zeit mit seiner Eskadron in irgend einer Stadt des ungarischen Tieflandes in Garnison.

Die bösen Gestirne kulminierten im Zenith des Elends. Hier und da verlautete bereits, daß die hungernden Menschen raubten. Sie nahmen, was sie fanden.

Eines schönen Tages erhielt Föhnwald von seiner Vorgesetzten Behörde Befehl, da in dem Komitat, in welchem er stationiert war, das Standrecht publiziert worden, sich zur Jagd auf die Räuber aufzumachen; wo er in Wald und Flur, in Weilern, Dörfern, Städten, auf der Straße oder im Keller einen Räuber träfe, sollte er ihn einfangen, binden, niederschießen, lebend oder tot einbringen. Er möge niemand schonen, ob er im Leder- oder im Sammetrock einherginge; die Hehler, die Unterstandsgeber möge er mit aufpacken samt den Räubern; er habe keinen Unterschied zu machen zwischen Groß und Klein, Herr und Bauer; gegen niemand soll er Gnade üben, wer es immer sei.

»Auch eine schöne Gegend!« dachte Föhnwald bei sich, und steckte den Brief seiner Oberbehörde in die Tasche.

*

Herr Lemming reiste um diese Zeit viel herum.

In einer der großen Landstädte des ungarischen Tieflandes war eben die Zeit der Saatkornverteilung. Als Saatkorn kam es zwar schon zu spät, doch hatte die Regierung überdies angeordnet, daß die Frucht dem Notleidenden auch für den Konsum zu honnetten Bedingungen vorschußweise verteilt werden könne; heute verschreiben sie 5 Gulden für die Metze Frucht, die sie erhalten; nach der Ernte können sie von dem Erlös von 3½ Metzen ihre Schuld leicht zurückzahlen. In dieser Stadt wohnte ein Agent Lemmings, Hameter oder Hamster mit Namen – meinetwegen kann er heißen wie er will.

Sowie Lemming im Gasthofe angelangt war, suchte er den Sensalen auf, und der sagte; »Die Wagen sind bereits hier.« – »Haben Sie Weizen gekauft? wie teuer?« – »Billiger als mein Auftrag lautete. Um 2½ Gulden.« – »Das ist unmöglich. Der kann ja nicht mehr das Aussehen von Weizen haben.« – »Belieben Sie das Muster anzusehen.«

Der Sensal schüttelte die Probekörner aus einem Leinwandsäckchen auf den Tisch. Herr Lemming war erstaunt. »So wahr ich lebe, schöneren Weizen konnte man auf der Londoner Weltausstellung nicht sehen; 95pfündiger, nicht wahr?« – »l08pfündiger.«

Es war schöner, rötlicher, schwerkörniger Weizen.

»Wie konnten Sie den um 2½ Gulden erhandeln? Ist doch um 4 Gulden kaum die schlechteste Ausschußware zu haben.« – »Er hat einen Fehler.« – »Was kann er für einen Fehler haben? ich vermag mir's nicht vorzustellen.« – »Den Fehler, daß er sechs Stunden lang auf dem Grund des Wassers lag. Der Kaufmann, der ihn gestern nicht unter 6 Gulden gegeben hätte, fuhr mit dem Zugschiff an einen Baumklotz an; das Schiff bekam einen Leck und ging unter, der Weizen wurde getränkt; allein zum Glück war das Ufer nicht weit, der Weizen wurde herausgeholt und getrocknet; der Kaufmann aber war genötigt, ihn um jeden Preis loszuschlagen. Er umarmte mich noch, als ich für 2½ Gulden die ganze Sendung übernahm. Niemand anders kann ihn mehr brauchen, denn übermorgen wird er bereits keimen. Wir können ihn heute noch verteilen. Zwar ist heute Sonntag, aber dem Armen wohlzuthun ist auch Sonntags erlaubt. Wird er sogleich vermahlen, so erhalten sie zwar klebriges, kleistriges Mehl daraus, aber die Leute essen's doch und sterben nicht daran. Merken sie auch morgen, was dem Weizen fehlt, so mögen sie sich das Maul darüber zerreißen; heute aber werden sie sicherlich vor Freude aus der Haut springen, sobald sie ihn sehen. Jedes Korn ist wie von Glas.«

»Sie sind ein gescheiter Mensch.« Herr Lemming lobte den Sensal, zahlte ihm seine Provision und trug ihm auf, bei der Fruchtverteilung anwesend zu sein. Die Wagen standen schon auf der Mitte des Platzes; die Ortsbehörde war von der Verteilung verständigt. Als die Leute aus der Kirche kamen, wurde ihnen mit Trommelschlag kundgegeben, die Brotfrucht sei da; jeder solle sagen, wieviel er haben wolle. Bis zu Mittag war auch alles vertheilt. Jeder schaffte fort, was er an Vorschuß übernommen, der eine im Karren, der andere auf dem Rücken.

Doch die Vorsehung bewahrte die armen Leute davor, sich mit Brot aus dieser ungesunden Frucht auch noch Krankheiten zuzuziehen: ich meine nämlich die bürgerliche Vorsehung.

Denn als die Gläubigen von der Fruchtverteilung bei sich zu Hause anlangten, standen bereits vor dem Hause eines jeden zwei bis drei Soldaten mit schwarzen Tornistern, welche die oben belobte Civilvorsehung zur Steuerexekution dahin beordert hatte.

Diesmal konnte sich wahrlich keiner damit ausreden, er habe nichts, womit er die Steuer abzutragen vermöge, denn er brachte ja eben sein geliehen bekommenes Getreide heim. Er hat's also.

Die guten Leute begaben sich also zum Steuereintreibungskommissär – den auch wir schon nach seinem guten Renommée zu kennen das Glück haben – zu Herrn Gierig. Und die Schriftkundigsten unter ihnen zeigten ihm jene Statthaltereiverordnung im amtlichen Regierungsblatte, welche verbietet, in Notstandsorten die Steuern zu exequieren. Und dort ist sie auch heute noch zu lesen: ein lehrreiches Dokument zur Illustration jener Musteraera. Daß man so was erst noch verbieten mußte! Freilich wäre es noch löblicher gewesen, wenn sich jemand gefunden hätte, der sich an dieses Gebot kehrte.

»Was geht das mich an!« schnauzte Herr Gierig den sich Beschwerenden entgegen, und gab dem ihm vorgehaltenen Amtsblatte einen Nasenstüber, als wollte er damit diesen kuriosen Käfer vom Papier wegschnellen, »die Statthalterei in Ofen ist nicht meine Behörde. Meine Oberbehörde ist das Wiener Finanzministerium.«

»Aber Herr, soeben in dieser Stunde hat die Regierung uns dieses Getreide gegeben, wir haben gerade jetzt unterschrieben, daß wir verpflichtet sind, es ihr zurückzuzahlen; kann denn die Regierung in derselben Stunde uns das wegnehmen wollen, was sie uns soeben erst gegeben?«

»Natürlich!«

Verweilen wir nicht bei dieser Scene. Genug, daß die Sache geschehen ist. Herr Gierig sammelte das ausgeteilte Getreide sorgfältig wieder ein und ließ es auf denselben Wagen, die es gebracht hatten, in die nächste Stadt führen. Dort übergab er es dem Militär-Verpflegungskommissär, welchen Posten dazumal Herr Konyecz einnahm, als Belohnung für seine vielfältigen Verdienste. Die wackeren Herren machten damit ein gutes Geschäft. Das exequierte Getreide ist eine billige Ware, und überdies hat es auch einen kleinen Fehler. Aber deshalb wird es noch immer gut sein für die Soldaten.

*

Eines schönen Tages trat darauf beim Rittmeister Föhnwald ein Wachtmeister ein und redete ihn also an:

»Herr Rittmeister, bitte gehorsamst mir zu sagen, was das ist, was ich hier in der Hand halte?«

Und er legte das namenlose Etwas vor ihn hin.

In der That, es war etwas Namenloses. Hob man's auf, so konnte man nach seinem Gewichte glauben, es sei Käse; schaute man sich's an, so schien es der Farbe nach etwas zwischen Torf und Ölkuchen; betastete man es, so hätte man schwören können, es sei Makadam, das Risse zu bekommen anfängt; beroch man es, so glich es in Essig gebeizten Pilzen; brach man es entzwei, so glaubte man irgend eine neue Stoffkomposition, aus Millionen in einander greifender Seidenfäden, vor sich zu haben, trieb man dann aber endlich die Tollkühnheit so weit, das Ding auch zu kosten, dann erst bemerkte man – daß es Brot sei. Mit solchem Brote lehrt man der allertapfersten Armee Sr. Majestät die Liebe zum Vaterlande!

Rittmeister Föhnwald, um in Gegenwart seines Unteroffiziers einen Beweis persönlichen Mutes zu geben und zugleich seine Bereitwilligkeit zu zeigen, jedes Ungemach mit seiner Mannschaft zu teilen, biß in das unbenennbare Ding hinein, kostete es und verschluckte sogar ein Stück davon. Dann sprach er: »Wachtmeister! nehmen Sie vier Mann mit geladenen Karabinern mit sich und bestellen Sie einen Wagen. Ich will die Schufte, welche Schuld an diesem Brote haben, wer immer und wieviel ihrer sein mögen, in Eisen schlagen und nach Ofen bringen lassen. Ich schwör's bei meiner Ehre.«

Als Föhnwald dies gelobte, wußte er noch nicht, wer diejenigen waren, mit denen er zu thun bekommen würde; hätte er es gewußt, er würde sicherlich noch einen zweiten Schwur darauf gesetzt haben.

Nach fünf Minuten stand der Wachtmeister mit vier Mann und einem Fuhrmannswagen vor der Thür.

Zuerst suchte Föhnwald den Feldbäcker auf. Ein großer Teil der Kommißbrote lag noch im Proviantmagazin. Sie waren hoch übereinandergeschichtet und aus der untersten Lage floß eine Art Brühe heraus. Wegen des erstickenden Gestankes war es ein Wagnis, ihnen auch nur nahe zu kommen. »Sie gehen zum Profoß, Ihre Strafe wird Ihnen das Kriegsgericht diktieren.« – »Ich weiß es, Herr Rittmeister,« antwortete der Bäcker, »die Brote sind schlecht ausgefallen, ich selbst leugne es nicht; aber ich konnte sie nur aus jenem Mehle backen, welches der Müller hierher geschickt hat.« – »Es war Ihr Fehler, wenn Sie gesehen, daß das Mehl schlecht gewesen, und Sie dies nicht sofort gemeldet haben. Verteidigen Sie sich vor dem Gerichte.«

Man lieferte den Bäcker an den Profoß ab und ging zum Müller.

Außer dem gebackenen corpus delicti führte Föhnwald auch noch ein Säckchen Mehl mit sich. »Was beliebt, mein Herr?« fragte der Müller den seltenen Besuch. »Mir beliebt, Sie zu arretieren, weil Sie für meine Soldaten solches Mehl gemahlen haben.« – »Ich kann nur Mehl mahlen nach dem Weizen, den man mir liefert. Ihr Verpflegungskommissär hat mir dumpfigen, schon im Keimen begriffenen Weizen geschickt, aus dem kann auch nur Mehlkleister werden. Ihr Weizen ist, Korn für Korn, verdorbene Ware aus einem untergegangenen Schiff.« – »Dem Verpflegungskommissär gegenüber mögen Sie recht haben; ich aber arretiere Sie auf alle Fälle. Setzen Sie sich auf den Wagen.« – »Ich gehe, mein Herr. Man hat mich schon wegen ganz anderer Dinge gepackt und ich habe schon wegen kurioserer Dinge sitzen müssen; sind sie's überdrüssig, so lassen sie mich schon wieder los.«

Bis jetzt hatte Föhnwald nur erst mit den subalternen Komplicen zu thun. Das sind jene kleinen Fliegen, welche in den Netzen der Spinnen hängen bleiben; jetzt kommen aber die Hummeln und Wespen, welche durch das Spinngewebe der Gesetze kreuz und quer hindurchfliegen.

Es war schon Abend, als er von der Mühle zur Wohnung des Verpflegungskommissärs zurückkehrte. Als er nach Herrn Konyecz sich erkundigte, sagte man ihm, derselbe sei bereits zum Abendbrot gegangen.

Er schickte nach ihm, daß er zu Hause kommen sollte.

Herr Konyecz wollte zeigen, was für ein großer Herr er jetzt sei, und ließ den Rittmeister warten. Er hatte keine Ahnung davon, welches Ungewitter sich über seinem Haupte auftürmte. Nach einer guten halben Stunde kam er endlich zum Vorschein. Er pfiff lustig vor sich hin und trug die Mütze schief auf dem Kopfe; er hatte im Gasthause starken Wein getrunken.

»Sie haben lange auf sich warten lassen,« warf ihm der Rittmeister vor. Herr Konyecz antwortete nur mit einem impertinenten Lächeln, und wollte mit dem Rittmeister ins Zimmer gehen.

»Hier hinein gehen wir nicht. Ich will das Magazin sehen. Öffnen Sie gefälligst die Thür.«

Herr Konyecz fuhr zurück. »Was wollen Sie dort?«

»Ich will den Weizen sehen, aus dem dies Brot gebacken ist.« Und damit hielt er ihm das aus seiner Umhängetasche hervorgeholte Gebäck unter die Nase. Bei diesem Anblicke veränderte Herr Konyecz wohl viermal das Gesicht; bald verzog er es zu einem Grinsen, bald erblaßte er; zuletzt dachte er, mit einer tüchtigen Portion Unverschämtheit sich am besten aus der Klemme helfen zu können.

»Nun ... ist dies Brot nicht gut? was fehlt diesem Brote? Es ist jetzt noch ganz frisch, also neugebacken; es ist vom feinsten Weizen, auf meine Ehre! wenn nur die Soldaten im Felde solch Brot bekämen! auf meine Ehre, es ist sehr schönes Brot, Herr Rittmeister! auf meine Ehre!«

Föhnwald machte jedoch mit dem Brote, das er in der Hand hielt, eine Bewegung, als hätte er Lust, es seinem Lobredner ins Gesicht zu schlagen. Dieser wich auch um einige Schritte zurück. Föhnwald that dies aber nicht. Er begnügte sich damit, dem andern barsch in die Rede zu fallen: »Dieses Brot ist für einen Hund zu schlecht! Ich will den Weizen sehen, aus dem Sie es backen ließen. Wo ist der Schlüssel zum Magazin?«

Nur frecher Widerstand konnte Herrn Konyecz retten, wenn ihn noch was retten konnte. »Den bin ich Ihnen zu geben nicht schuldig,« schrie er zurück, sich auf die Fußspitzen stellend. »Wenn Sie etwas gegen mich haben, so reichen Sie Ihre Beschwerde beim Verpflegs-Oberinspektorat ein. Sie sind weder mein Vorgesetzter, noch mein Kontrolleur. Sie haben Ihren Soldaten zu befehlen, nicht mir.«

Föhnwald befahl also seinen Soldaten: »Schlagt diesen Menschen in Eisen, dann nehmt ihm die Schlüssel ab.« Diese gehorchten in der That rasch dem Befehle. Konyecz hatte Wein getrunken, geriet in Wut und widersetzte sich. Das brachte ihm den Vorteil, daß er noch auf die Erde geworfen und gebunden wurde. Mit einem der ihm gewaltsam abgenommenen Schlüssel öffnete Föhnwald die Magazinsthür. Mit Schauder kehrte er zurück. In der geballten Faust hatte er eine Hand voll Weizen, so wie er sie aus einem der Säcke herausgerissen hatte, und hielt sie dem gefesselten Kommissär vor die Augen.

»Haben Sie dafür eine Entschuldigung?«

Dieser antwortete ihm mit einem rohen Fluch.

»Sie thäten besser, zu beten als zu fluchen; denn morgen werden Sie hängen.«

»Ja!« schrie der Gefangene mit schäumenden Lippen, »die kleinen Diebe hängt man, das weiß ich schon lange, die großen läßt man laufen. Dazu haben Sie Kourage, einen armen Teufel zu packen, wie mich: aber höher hinauf wagen Sie nicht zu suchen. Mir hat man den Weizen hierhergeschickt; der Oberkommissär hat ihn mir selbst übergeben, so, wie er ihn bei der Steuerexekution zusammenbekam, was kann ich dafür, wenn die Spitzbuben von Bauern den Weizen angefeuchtet haben, als man sie exequierte, um uns einen Possen zu spielen.«

»Seien Sie vollkommen beruhigt, ich werde dafür sorgen, daß alle, die in dieser Sache eine Schuld trifft, Ihnen gebunden Gesellschaft leisten sollen.«

»Das wird gut sein, das wird sehr gut sein! Belieben Sie nur weiter oben zu suchen. Da ist Herr Gierig, sehen Sie, wie Sie mit dem fertig werden können. Gehen Sie dem auf den Leib, wenn Sie Mut haben. Nicht wahr, mit dem wagen Sie nicht anzubinden?«

Konyecz hielt es für eine gute Taktik, Herrn Gierig vorzuschieben; er dachte, das sei ein Mensch geheiligten Hauptes; sein Wort gilt in Wien mehr, als das von hundert Rittmeistern: hat er doch schon einmal Herrn Föhnwald aus dem Sattel gehoben, er wird auch jetzt mit ihm fertig werden. Föhnwald gab keine Antwort. Er ließ einen Tornister mit Weizen anfüllen, den er dem Wachtmeister übergab; das Magazin verschloß er wieder, versiegelte die Thür dreifach und stellte eine Wache davor. »Wo wohnt Herr Gierig?«

»In einem Privathause, natürlich, wie überall. Er hat unser Wörterbuch durch ein neues Wort bereichert: ›Zwangsgastfreundschaft‹.«

Der gute Herr lag schon in den Federn und schlief, als Föhnwald in später Nacht ihn besuchen kam. Er konnte sich nicht denken, was dieser in so später Stunde bei ihm zu suchen habe. Kann das nicht bis zum nächsten Morgen aufgeschoben werden? Herr Föhnwald drang jedoch so scharf auf eine Diskussion, daß er sich ihm zu Liebe entschließen mußte, aus den Federn zu kriechen.

»Nun, was fehlt Ihnen, Herr Rittmeister? Pflegen Sie zu solcher Zeit nicht zu schlafen? Ich für meinen Teil bin schläfrig.«

»Ich werde Ihnen schon den Schlaf vertreiben. Ich bin gekommen, um Sie zu verhaften.« Herr Gierig staunte gewaltig und schüttelte das Haupt. »Sie kommen von einem guten Abendessen, Herr Rittmeister, nicht wahr?«

»Gut kann ich es nicht nennen!« erwiderte Föhnwald gelassen; »denn ich habe nichts zu Abend gegessen, als ein Stück von dem Brote hier, das man für meine Soldaten gebacken. Sehen Sie, das ist mörderisches Gift. Ich arretierte den Feldbäcker, der wies mich an den Müller, welcher das Mehl gemahlen hat. Hier in dieser Schachtel ist das Mehlmuster. Der Müller entschuldigte sich mit dem Verpflegskommissär, der ihm das Korn geschickt hatte. Den steckte ich gleichfalls bei. In der zweiten Schachtel sehen Sie den Weizen, der an die Militärmagazine abgeliefert wurde. Der Kommissär sagte, er habe den Weizen von Ihnen erhalten. Ist das wahr oder nicht?«

Herr Gierig fuhr in schrecklichem Zorn auf.

»Was hab' ich mit all' den Dummheiten zu thun, die Sie mir hier durcheinander erzählen? Was kümmert's mich, was Ihre Soldaten essen und was sie nicht essen? Und wie können Sie sich herausnehmen, mich überhaupt zur Rechenschaft ziehen zu wollen? Wer, frage ich, gab Ihnen hierzu ein Recht?«

Herr Gierig stellte sich wütend vor Föhnwald in Positur; er hatte ein paar große Pantoffeln an den Füßen, die ein gewaltiges Gepolter machten, während er mit ihnen vorwärtsstampfte. Föhnwald aber zog kaltblütig den Befehl aus seiner Brusttasche, welchen er von seiner Oberbehörde erhalten hatte.

»Hier, mein Herr, hab' ich die Verordnung, durch die mir, dem Rittmeister Föhnwald, aufgetragen wird, alle Räuber, Diebe, Hehler und Helfershelfer, deren ich in diesem Komitate habhaft werden kann, einzufangen und einzuliefern, ohne Rücksicht auf die Person, ob Herr oder Bauer, ob der Betreffende im Loden oder im Sammetrocke einhersteigt, ob er in der Pußta oder in seinem Kastelle wohnt; wo ich ihn treffe, soll ich ihn gefangen nehmen, in Eisen schlagen, ins Loch stecken; und auf Grund dieses Befehles nehme ich Sie gefangen und dazu ihre Spießgesellen, die dem Volke den Almosenbissen aus dem Munde stehlen, daraus Gift bereiten und dies den Soldaten zu essen geben, die dem Herrscher die Liebe des Volkes rauben, die aus den Gesetzen die Gerechtigkeit entwenden, die sogar der Waffe die Spitze abbrechen und sie stehlen. Ich bin auf die Räuberjagd ausgeschickt worden! Ich erfülle meinen Auftrag und fange sie alle ein. Ich bin Soldat, ich schlage mich überall durch. Möglich, daß man mir vorwerfen wird, irgend einen Verstoß begangen zu haben; aber ich gelobe bei meiner Offiziersparole, daß ich alle zu Schanden mache, die ihre Hand in dieser ruchlosen Geschichte hatten, und ich werde Wort halten.«

Gierig wurde blaß; er sah bereits, daß sein Gegner ihm gefährlich zu werden beginne. Er versetzte sich aus der Offensive in die Defensive und verlegte sich aufs Bitten.

»Ich gebe zu, daß hier ein großes Verbrechen begangen wurde, ich leugne nicht, daß auch meinerseits ein Fehler dabei untergelaufen sein kann; aber an dem Verbrechen selbst habe ich keinen Anteil; das nimmt seinen Anfang bei höheren, bei sehr hochgestellten Herren.«

»Ich werde auch bis zu denen hinaufgehen. Dem Soldaten bleibt keine Thür verschlossen. Ich verfolge meinen Weg, bis ich meinen Mann finde, mag er noch so ein großer Herr sein, und werde ihm das brandmarkende Wort ins Gesicht rufen: ›Auch der ist ein Räuber!‹ Sie sind einer von den geringeren, lassen Sie mich nicht unnötig meine Zeit mit Ihnen verlieren.«

»Mein Herr, berücksichtigen Sie, daß ich Familienvater bin.«

»Haben Sie sich nicht aufnotiert, wie viele Ihnen schon in diesem Jahre gesagt haben: ›Mein Herr, berücksichtigen Sie, daß ich Familienvater bin!‹ Haben Sie nicht jedesmal dazu gelacht? – Gut denn. Ich werde barmherziger sein. Ich lasse Ihnen keine Eisen anlegen, ich erlaube Ihnen, daß Sie uns in Ihrem eigenen Wagen begleiten; sagen Sie mir aber: Wer folgt jetzt nach Ihnen?«

Gierig war mürbe gemacht.

»Ich sage Ihnen alles, Herr Rittmeister, so wie es ist. Das fragliche Getreide hat die Regierung unter die Bewohner eines Notstandsortes verteilen lassen. Hatte das Getreide einen Fehler, so ist derjenige schuldig, der es verteilte, dessen Name aber ist Lemming.«

»Auch den hole ich mir.«

»Er steht in großer Gunst in den höheren Kreisen.«

»Ich hole mir ihn dennoch. Beeilen Sie sich, mein Herr, sich anzukleiden, ich lasse einen Soldaten vor Ihrer Thür. Und wollen Sie gefälligst die Thür offen lassen.«

»O, belieben Sie nichts zu fürchten. Ich werde keinen Fluchtversuch machen, werde mir den Hals nicht abschneiden, so lange noch einer hinter mir steht, der um einen Kopf größer ist, als ich. Ich werde Ihre weiteren Anordnungen gehorsamst abwarten.«

Es mochte gegen drei Uhr nach Mitternacht sein, als Föhnwald in den Gasthof eintrat, in welchem Herr Lemming wohnte. Es dämmerte schon und im Hofe des Gasthauses standen bereits die Vorspannspferde angespannt, ein Zeichen, daß der noble Herr sehr früh abzureisen beabsichtigte. Föhnwald ließ Herrn Konyecz, der gefesselt auf dem Wagen saß, und Herrn Gierig in dessen eigener Equipage unter Militärbedeckung in denselben Hof bringen. Die unterwegs ihnen begegnenden Landleute, welche zum Wochenmarkte hereinkamen, staunten nicht wenig über diese seltsame Prozession. Es war niemand unter ihnen, der diese beiden Herren nicht aus persönlicher Erfahrung kannte.

Föhnwald selbst eilte in das Zimmer des Herrn Lemming hinauf. Der Bediente wollte ihn anmelden. Der Rittmeister sagte ihm aber, daß das durchaus nicht nötig sei, er werde sich gleich selbst vorstellen und ging geraden Weges hinein. Herr Lemming war schon angezogen und schlürfte seinen Thee, als der Rittmeister bei ihm eintrat.

Herr Lemming glaubte, der fremde Herr habe sich verirrt und fragte barsch: »Wen suchen Sie?« – »Herrn Lemming.« – »Der bin ich. Nehmen Sie Platz.« – »Ich setze mich nicht. Wir haben andere Dinge mit einander zu thun. Ich bin Rittmeister Föhnwald, der Kommandant der hier in der Umgegend stationierten Kavallerie. Gestern beschwerten sich meine Soldaten darüber, daß sie ungenießbares Brot erhalten hätten. Ich überzeugte mich davon, daß ihre Klage begründet war; ich ging der Sache nach, arretierte den Müller, den Bäcker, den Verpflegs-Oberkommissär und den Steuereinhebungskommissär. Alle sind schuldig.« – »Diable!« murmelte Herr Lemming und schlürfte gemach den Rest seines Thees aus der Tasse. »Jene konnten nicht ableugnen. Die Beweise habe ich bei mir: das Brot, das Mehl und den Weizen. Was von letzterem noch übrig geblieben ist, das lasse ich versiegelt im Magazin bewahren.«

Herr Lemming machte sich daran, ein weiches Ei aufzuschlagen.

»Und was werden Sie jetzt mit all den Leuten anfangen, die Sie so schön auf einen Haufen zusammengefangen haben?« – »Sie sind noch nicht alle beisammen.« – »Sapperlot! Kommen noch mehr dazu? Und wenn Sie alle bei einander haben?« – »Dann führe ich sie hinauf nach Ofen zur Statthalterei und schlage dort solch einen Lärm, daß ihn die halbe Welt hört.« – »Und darf ich erfahren, inwiefern mich diese Geschichte interessiert, welche der Herr Rittmeister mir soeben mitzuteilen die Güte hatten?« – »Der zuletzt Arretierte, der Steuereinhebungskommissär, sagte vor mir aus, daß er jenen für menschlichen Nahrungsgebrauch nicht mehr verwendbaren Weizen, den er meinen Soldaten gegeben, als Steuerrückstand in der Nachbarstadt eingesammelt habe, wo Sie, Herr Lemming, diesen Weizen als Regierungsunterstützung verteilt hatten. Sie aber kauften ihn aus einem versunken gewesenen Schiff auf, dessen Eigentümer genötigt war, das durchnäßte Getreide um einen Spottpreis loszuschlagen.«

Herr Lemming fand, daß das Ei doch schon etwas zu hart gekocht sei und man es nicht mehr verspeisen könne. Bei sich aber dachte er: »Aha! da ist schon wieder einer, dem man das Maul verstopfen muß,« und schätzte im Stillen ab, wie viel das vor ihm stehende Kaliber wohl gebrauchen dürfte, um voll zu werden? Deshalb stand er aber noch nicht einmal vom Stuhle auf; mochte der andere stehen, wenn's ihm so beliebte.

»Wissen Sie, Herr Rittmeister, solche Mißverständnisse kommen vor. Bedauerliche Sache. Der Mensch kann ja nicht überall selbst dabei sein.« – »Nur, daß Sie gerade dort selbst dabei waren.« – »Nun, nun, nun! Dieses Getreide war keineswegs für Ihre Soldaten bestimmt. Es war Ungeschicklichkeit des Kommissärs, es von den Bauern einzutreiben. Die hätten es als Saatkorn verwendet.« – »Sie glauben wohl, mein Herr, der Rittmeister Föhnwald wisse nicht, daß um diese Jahreszeit niemand mehr Weizen anbaut?«

Jetzt erhob sich Lemming von seinem Sitze und trat mit der Aalglätte eines feinen Weltmannes vor Föhnwald.

»Ich glaube, Rittmeister Föhnwald ist ein wackerer Kavalier, der es für seine ritterliche Pflicht hält, Sorge um seine Soldaten zu tragen. In solchen Fällen weiß auch Lemming, was es heißt, Kavalier zu sein. Haben Ihre Soldaten durch ein Versehen schlechtes Brot erhalten, so werde ich sie dafür mit Milchbroten entschädigen.«

Und damit griff er mit bedeutsamem Lächeln in seine Brusttasche und zog eine große vielfächerige Brieftasche daraus hervor. Hier wird man schon ein paar Tausender springen lassen müssen. Das gehört mit zum Risiko. Wird seinerzeit unter »Manko« geschrieben. Rittmeister Föhnwald wurde bis zu den Ohrenspitzen rot, als er sah, daß dieser Mensch sein Portefeuille öffnete. Und mit welch impertinenter Sicherheit er dies that! Wie einer, der wohl weiß, wie viel es in ähnlichen Fällen Brauch ist, um auf die gestellte Frage die richtige Antwort zu geben; wie einer, der seine Leute längst kennt und weiß, wie sie poltern, drohen und die Minute danach lächeln und Bücklinge machen, sobald sie befriedigt sind.

»Geben Sie diese Brieftasche her!« donnerte Föhnwald wütend Lemming zu. Lemming war in der That ganz verdutzt. »Alle Wetter!« dachte er bei sich, »der versteht seine Wissenschaft und zwar aus dem Fundamente, der braucht gleich die ganze Brieftasche. Noch ein Glück, daß bloß zwölf Stück Tausendguldennoten darin stecken. Der weiß fürwahr die gute Gelegenheit beim Schopfe zu fassen. Aber was läßt sich hier machen? Man muß ihm entgegenkommen. Nun, so mag er sich denn das Ganze nehmen!«

»Bitte!« sagte er, die schon halb geöffnete Brieftasche hinreichend. Föhnwald riß sie ihm hastig aus der Hand. Lemming sah ihn mit grimmer Verachtung an; der fällt ja über das Geld her, wo er's irgend erraffen kann, nicht anders, als nähme er's dem Feinde auf dem Schlachtfelde ab! »Bitte, mein Herr! Nehmen Sie sich heraus, was Sie an Geld finden; dann aber geben Sie mir das leere Portefeuille zurück.«

Föhnwald that genau, wie ihm Herr Lemming sagte. Er nahm das Geld aus der Brieftasche; alles, alles; er durchsuchte auch die verborgenste Ecke, in welche sich noch ein einsamer Guldenzettel verkrochen haben könnte; es blieb nichts darin. Dann aber freilich that er doch nicht völlig, was Herr Lemming gewünscht hatte, denn er legte all' das herausgeholte Geld bis auf den letzten Einser auf ein Packet zusammen, das er Herrn Lemming zurückgab, steckte dagegen das leere Portefeuille in die eigene Tasche.

Jetzt begann Lemmings Antlitz sich immer mehr zu den Zügen der hippokratischen Todtenmaske zu verzerren. Dieser Mensch will nicht sein Geld, er will seinen Kopf!

»Mein Herr,« sagte er mit vor Angst zitternder Stimme, »ich bedarf dieser Brieftasche notwendigst. Es sind meine geschäftlichen Notirungen darin.«

Föhnwald knöpfte den Rock über der in die Brust gesteckten Brieftasche zu. »O, ich bin überzeugt, daß sie darin sind. Aufzeichnungen über Ihr Geschäft. Ein wackeres Geschäft das. Ein Geschäft mit den Brotschnitten der hungernden Notleidenden; ein Geschäft mit dem Charakter glänzender Namens- und Würdenträger! Gerade diese Daten will ich besitzen. Ich will die Namensliste jener trefflichen distinguirten Männer in Händen haben, welche dies Ihr Portefeuille sich genau so öffnen gesehen, wie Sie es vor mir geöffnet, damit sie schwindelnd in dasselbe hineinfallen, gleich den vom Jägerspiegel geblendeten Pieplerchen.«

»Sie täuschen sich, mein Herr!«

»Die Blässe Ihres Gesichts, Ihre zitternde Hand, sie beweisen mir, daß ich mich nicht täusche, daß ich die Öffnung des geheimen Schlosses aufgefunden. Solche Geheimnisse durften Sie nicht der Schreibtischlade anvertrauen, sie mußten Sie beständig bei sich herumtragen.«

Auf Lemmings Stirn begannen dicke Schweißtropfen zu perlen.

»Ja, mein Herr, ich gestehe, daß diese leere Brieftasche für mich einen viel größeren Wert hat, als das Bündel Geld, welches Sie mir daraus zurückgeworfen haben. Ich muß dies Portefeuille zurückbekommen um jeden Preis, mein Herr! mein ganzer Kredit liegt darin. Sie können das nicht wissen; nur ein Geschäftsmann versteht, was das heißt ›mein ganzer Kredit‹. Bestimmen Sie den Preis, sprechen Sie verwegene Summen aus, ich gebe sie. Sagen Sie hunderttausend Gulden, auch die werden mich noch nicht zum Bettler machen, ich gebe sie. Ich gebe Ihnen zehn Wechsel zu zehntausend Gulden – überall in der Welt nimmt man sie als bares Geld an.«

Föhnwald stampfte zornig mit dem Fuße.

»Es war schon genug! Beleidigen Sie mich nicht länger. Die Brieftasche gebe ich nicht heraus.«

An dieser festen Ruhe brach Lemming in sich zusammen. Er warf noch einen flüchtigen Blick auf sein Rasierzeug und auf das offene Fenster; vielleicht dachte er an eine rasche Schwenkung mit dem Rasiermesser oder an einen kühnen Sprung kopfüber auf das Pflaster. Doch er gab den Gedanken wieder auf. Irgend etwas flüsterte ihm ins Ohr: qui habet tempus, habet vitam. Er erklärte sich bereit, zu gehen, wohin der Offizier befehle. Es war eben Wochenmarkt in der Stadt, als Föhnwald die drei Wagen, in denen die drei Herren als Gefangene saßen, unter Kavalleriebedeckung die Straße entlang führte. Der im offenen Wagen Sitzende war sogar gefesselt, so daß der Charakter der Prozession für niemand zweifelhaft sein konnte.

Die Leute in der Stadt jauchzten, als sie den Aufzug erblickten! Sie kannten jene drei gar gut! Es wünschte denn auch jedermann denselben gute Reise.

*

 

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