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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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15. Rivale und Rivalin.

Es ist schon lange her, daß wir das einsame Haus im Wolfsthale sahen; vielleicht vergaßen wir es bereits. Vielleicht kommen die früheren glücklichen Menschen auch jetzt noch dort zusammen?

An dem erstickend schwülen Sommernachmittage erhob sich ein wolkenbruchartiges Gewitter. Die Millionen Wasserstrahlen des niederströmenden Regens glichen den Saiten einer zwischen Himmel und Erde ausgespannten Aeolsharfe, durch welche die zuckende Hand des Blitzes fuhr, und in den Hohlwegen des Gebirges stürzten Regenbäche schlammigen gelben Wassers herab. Vom Felde hatten die Arbeiter sich bereits nach heim geflüchtet und jeder Vogel sich in sein Nest zurückgezogen. Fährt manchmal der Blitz nieder, so rollt ihm ein krachender Donnerschlag nach, und es fängt noch stärker zu gießen an. In diesem Ungewitter reitet eine Dame das Wolfsthal entlang. Der Regen schlägt ihr ins Gesicht; ihr Pferd rutscht gefährlich auf dem schlüpfrigen Lehmpfad; hin und wieder hat sie mit dem herabstürzenden Gebirgswasser zu kämpfen. Das Antlitz der Reiterin ist hochgerötet. Wo der Weg über Rasen führt, treibt sie ihr Roß rascher an; gegen das Aufflammen der Blitze hebt sie dann und wann die Hand empor, als könnte sie sich dadurch schützen. Schon ist das kleine Haus zu sehen. Auf den Rasen angelangt, läßt sie ihr Pferd galoppieren, unbekümmert um die Blitze, welche Roß und Reiterin verfolgen, und sobald sie in den Hof des Häuschens hineingestürmt ist, springt sie rasch aus dem Sattel und flüchtet sich in das Haus. Der Bewohner des Hauses stürzt ihr entsetzt entgegen.

»Um Himmelswillen! Du kommst? In solchem Wetter?«

»Für meine Liebe ... giebt es kein schlechtes Wetter,« antwortet die Dame und fliegt dem Geliebten an die Brust.

Sie ist völlig durchnäßt; das leichte Sommergewand hat sich an ihre Glieder geschmiegt, wie an eine Venusstatue; die losgegangenen Haarflechten hängen wirr und durchnäßt auf Brust und Schultern herab. Gesicht und Augen jedoch glühen.

»Sahst Du das aufsteigende Gewitter nicht, als Du aufbrachst?« – »Ich sah nur Dich!« – »Ah, wie kalt Deine Hände sind?« – »Wärme sie.« – »Wie Du durchnäßt bist.« – »Hülle mich in Deinen Mantel.« – »Fürchtest Du Dich nicht vor dem Donner?« – »Ich fürchte mich sehr. Drücke mich an Dich.«

Und dann setzten sie sich nebeneinander auf das Ruhebett, ein Mantel umhüllte ihre Schultern, ein Kuß erzählte, was sie dachten.

Das Gewitter zog langsam weiter, das ferne Grollen störte nicht mehr das nahe Flüstern.

»Weißt Du jetzt, wie sehr ein Weib zu lieben vermag? Du kennst meine Furcht vor Gewittern, und dennoch kam ich heraus, um bei Dir sein zu können. Du weißt, daß ich um solche Zeit am meisten vor dem strafenden Zorn des Himmels bebe, und dennoch sündige ich mitten unter seinen Donnern in meiner Liebe zu Dir! Glaubst Du nun, daß ich Dich wahnsinnig liebe?« Der junge Mann antwortete im schwermütigen Tone: »Mir aber stieg in diesem Augenblick ein seltsamer Gedanke auf. Mir ist's, als wärst Du hergekommen in dieser Stunde, bei solchem Wetter, in diesem Sturm – weil ich Dich nie wiedersehen werde.« Die Dame sah ihn starr und verwundert an und warf die nach vorn herabgefallenen Locken zurück. »Wie kommst Du auf solche Gedanken?« »Jeder Kuß sagt mir: das war ein Abschiedskuß: deshalb war er heißer und süßer als je.« – »Mondsüchtiger!« – »Jawohl, der bin ich. Ist aber nicht den Nachtwandlern die Gabe verliehen, die Zukunft voraus zu fühlen? Du kamst heute, um von mir Abschied zu nehmen.« – »Welcher Deiner Sinne sagte Dir das? Hast Du etwas mit Deinen Augen gesehen, mit Deinen Ohren gehört?«

»Ich habe nichts gehört und gesehen; aber ich fühle, was das Auge nicht sieht und das Ohr nicht hört. Ich werde Dich verlieren.« – »Undankbarer!« – »Das ist nicht wahr. Wenn Du mir glückliche Stunden geschenkt, so habe ich mit meinem ganzen Leben dafür bezahlt. Ich machte Dich zu meinem All. Wenn ich Dich verliere, habe ich nichts mehr, bin ich nichts. Du aber wirst auch dann noch glücklich sein. Der Vertrag zwischen uns ist ungleich.« – »Tihamer! – gestehe, was Dich beunruhigt.« – »Du! Dein Gesicht, Deine Augen, Dein Blick, Dein Händedruck, das Beben Deiner Hand, der Seufzer, der sich Deiner Brust entringt, die Thräne, welche in Deinem Auge ungestilltes Verlangen verrät, die Lippe, welche an meiner Lippe verstummt – all' das sagt mir, daß jemand zwischen uns Beiden steht. Wenn Du mich umarmst, umarmst Du ihn, wenn Du mir ins Auge blickst, siehst Du sein Auge; wenn Du mich küssest, küssest Du ihn. Eine Gestalt steht zwischen uns, die ich morden möchte – wenn ich sie kennte.« »Du bist ein Narr!« sagte die Frau und schlug die Augen nieder.

»O Leona, es war nicht gut, daß Du heute zu mir herauskamst. Nur heute hättest Du nicht kommen sollen. In Deiner Liebe war etwas, was der Rache gleicht.« – »Ich verstehe Dich nicht!« – »O, Du verstehst mich sehr gut. Und ich zittere für Dich, Leona! Einen so treuen Hund, wie mich, findest Du nicht mehr auf dem Erdenrund. Ich habe mein ganzes Leben dafür hingeopfert, der Sklave einer beglückenden Sünde zu sein. Auch Du warst die Sklavin dieser Sünde, aber auch Du warst glücklich in ihr. Bleibe ihr treu! Denn wenn Du Deine Tugend hintergehst, kannst Du Dich noch aussöhnen mit ihr; wenn Du aber Verrat begehst an Deiner Sünde, mit wem söhnst Du Dich dann aus?«

»Die Rätsel, in denen Du sprichst, werden mir immer dunkler.«

»Dann löse sie nicht. Sage, daß ich Unrecht habe, tritt mich mit Füßen, verhöhne mich, wenn Du nur Recht hast; das wird mir wohlthun. Schilt mich einen Narren. Nur das eine vergiß nicht, daß ich Dein Narr bin.«

»Mein teurer verliebter Narr!«

Ein verspäteter Donner zwang die erschreckte Dame, wiederum Zuflucht zu suchen. Die Schultern beider umhüllte Ein Mantel. Ihre Gedanken erzählte Ein Kuß: doch von Abschied und Trennung erzählte er nicht mehr.

*

Um die gewohnte Zeit fand sich Ilonka zur englischen Stunde bei Frau Lemming ein.

Der Unterricht nahm seinen ruhigen Gang, von Seiten Malwinens so schlecht als möglich. Es schien, als hätte sie alles vergessen. Ilonka hatte beständig zu korrigieren. Man merkte es Malwine an, daß ihre Gedanken ganz wo anders waren. Plötzlich, als sie die Übersetzung eines ganz einfachen Satzes schlechterdings nicht zustande bringen konnte, wandte sie sich mit dem Gesicht gegen Ilonka und sagte zu ihr: »Wissen Sie schon, daß Elemer Harter nach Hause gekommen ist?«

Das war ein meuchlerischer Überfall. Der Stoß traf unerwartet die Brust des nichts ahnenden Mädchens. Diesmal gelang es Ilonka nicht, ihn zu parieren. Ihr Blut wich aus den Wangen, sie wurde totenblaß und der verstörte Blick ihres Auges verriet, daß sie ins Herz getroffen war.

»Ich weiß nichts!« stammelte sie; sie wußte selbst nicht, was, und die Blässe ihres Antlitzes verriet, daß ihr der Kopf schwindele.

Malwine war grausam genug, diesen Todeskampf der Seele ganz ausgenießen zu wollen. Wie die römischen Messalinen wollte sie sich weiden an der Agonie des verwundeten Opfers und steigerte dessen Qualen, indem sie Gift in die Wunde träufelte. Jetzt war sie es, welche ihre Lehrmeisterin in der englischen Sprache examinierte. Sie setzte die Lektion fort. Und von Zeit zu Zeit warf sie eine Neuigkeit, den andern Gegenstand betreffend, dazwischen.

»Er ist zurückgekommen, er ist nicht tot. Es ist ein schöner, prächtiger Mann aus ihm geworden. Aber stolz und kalt ist er geworden; er will niemand seiner früheren Bekannten sehen. An dem Tage, an welchem er angekommen ist, ist er auch weggereist; er will nicht einmal im Lande bleiben.«

Malwine brachte dies in den Pausen zwischen den englischen Sätzen tropfenweise vor; und dann weidete sie sich daran, wie die Lehrmeisterin Fehler um Fehler machte, daß ihr die gewöhnlichsten Worte nicht einfielen, daß sie bei dem Namen der alltäglichsten Dinge das Wörterbuch zur Hand nehmen mußte und den Buchstaben R vor dem G suchte, daß die Bleifeder in ihrer Hand zitterte und andere Zeichen machte, als sie aufs Papier schreiben sollte, und wie sie das Fieber verbergen wollte, das ihr schon in allen Adern tobte.

Malwine ließ ihr auch nicht eine Sekunde Zeit, sich zu sammeln. Als die englische Stunde zu Ende war, sagte sie zu Ilonka: »Ihnen fehlt etwas, meine Liebe?« – »Ich fühle nichts.« – »Ich sehe es an Ihrem Gesicht. Lassen Sie mich Ihren Puls fühlen, ich verstehe mich darauf.« Und sie faßte Ilonkas Handgelenk. »Ach, der Puls geht mindestens 100 Schläge in der Minute.« – »Er geht immer so.« – »Immer? Ist dies Ihr normaler Zustand?« – »Ich glaube, daß es ein normaler ist, denn ich war bisher immer gesund dabei.« – »Dann, meine Liebe, werden sie gut daran thun, sich mit dem Heiraten zu beeilen. Mädchen, die ins achtzehnte Jahr gehen, haben sich wohl in acht zu nehmen, wenn ihr Puls über 100 schlägt.«

Ilonka war so gereizt, daß sie vergeblich nach ihrer gewohnten Kaltblütigkeit rang. »Gnädige Frau, ich bitte, mich mit dem Heiratsthema zu verschonen; das ist eine Sache, die mich allein angeht.«

»Das verstehen Sie nicht, meine Liebe. Wenn ein Mädchen heiratet, ist dabei manchmal nur eine Person beteiligt, manchmal aber beide, manchmal auch drei, ja manchmal sogar vier.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Es kann sein, daß ich Ihnen das einmal erklären werde: doch wäre es mir lieber, wenn Sie es nicht verlangten. Ich meinerseits verstehe, was ich gesagt habe.«

Ilonka stand eine Weile sprachlos da und schaute mit zusammengezogenen Augenbrauen in die Höhe, als suchte sie in der Ferne die unbekannte Deutung. Umsonst, sie lag ihr so fern, daß sie gar nicht in ihren Horizont fiel. Wenn ein Mädchen sich einem Mann vermählt, soll dies die Angelegenheit einer dritten Person sein – und einer vierten? Sie kam nicht darauf.

»Wenn gnädige Frau befehlen, so beginnen wir jetzt den Fechtunterricht.« – »Sie werden heute keine sichere Hand haben.« – »Was bringt Sie auf den Gedanken?« – »Ich sah, daß Ihre Hand zitterte, als Sie schrieben.« – »O, nicht doch, sie zitterte nicht.« – »Versuchen Sie's einmal und schreiben Sie den Namen: Elemer.«

Ilonka zuckte die Achseln und nahm die Feder. »Warum nicht?« und dann schrieb sie auf den Rand des Aufgabenheftes den Namen mit jenen zierlichen, langgeschlungenen Buchstaben, die sich in jedem Zuge so zart ans Papier anschmiegten, wie Blumenstaubfäden.

»Also gehen wir in den Saal.«

Malwine schloß wie gewöhnlich die nach dem Saal führenden Thüren ab, damit sie niemand in ihren Übungen stören könne. Sie kämpften schon lange nicht mehr in kurzen Kleidern und mit Plastrons; sie steckten sich nur die Rockschöße mit Stecknadeln über das Knie hinauf und nahmen während des Fechtens die Drahtmasken vor. Ilonka suchte die Maske. »Wo ist meine Maske?« »Nirgends. Heute werden wir ohne Masken fechten,« sagte Malwine und reichte ihr das Rapier hin. Ilonka schrie betroffen auf. »Was ist das?« Das Rapier hatte keinen Knopf; dagegen war seine Spitze geschliffen. »Heute tötet eine von uns die andere,« antwortete Malwine, und trat, die Brust hoch wogend von entfesselter Leidenschaft, an die Seite des Mädchens, sie trotzig über die Schulter anblickend und ihr den Fuß quer vorsetzend: »Heute stirbt eine von uns beiden.«

Ilonka schüttelte still das Haupt. »Ich verstehe diesen Scherz nicht.«

»Sie verstehen das nicht, mein Fräulein?« sprach mit mörderischem Blick die Dame, deren schöne Zähne in der Aufregung aufeinander schlugen: »Nun, Sie sollen es verstehen lernen. – Du liebst einen Mann, den Du nicht lieben darfst – und den ich liebe.«

Ilonka erstarrte bei diesen Worten. Jeder Nerv in ihr war wie gelähmt von dem keuschen Entsetzen jungfräulichen Schamgefühls. Sie blickte staunend auf die vor ihr stehende wunderschöne Furie, und fand in ihrer Seele nicht die Begriffe, dem, was sie sah, einen Namen zu geben. Tief errötend wandte sie ihr Gesicht ab und legte die Hand auf die Brust, als wollte sie ihr Herz bewahren vor Worten, welche dort nie das Echo eines Verständnisses gefunden.

»Gnädige Frau!« stammelte sie mit erstickter Stimme, »das sind Dinge, welche Ihnen, der verheirateten Frau, zu sagen, und mir, der Jungfrau, anzuhören nicht erlaubt sein sollte.«

»Ich brauche Deine Lehren nicht! Ich werde ein Teufel sein, wenn ich es sein will; und wenn Du ein Engel sein willst, so findest Du nur eine um so erbittertere Feindin in mir. Es ist aber gar nicht wahr. Du bist ein Weib wie ich. Du bist von Sinnen wie ich. Jede von uns beiden ist weder schlechter noch besser als die andere. Zwei Wahnsinnige sind aneinander geraten, das ist alles. Du kannst dem Manne nicht entsagen, dem auch ich nicht entsagen kann. Du bist bereit für diesen Mann alles zu verlieren; ich auch, – Familie, Zukunft, Behaglichkeit, guten Ruf, – alles. – Nun, so kämpfen wir denn um ihn! denn für zwei Wahnsinnige, wie wir, ist diese kleine Welt zu eng.«

Ilonkas Herz erfaßte jetzt tiefes Mitleid bei diesen Worten einer Rasenden; sie bedauerte dies Weib, wie man einen Kranken bedauert, der sich unter Krämpfen windet. Sie faltete ihre in den Schoß gesunkenen Hände und sah ihre Gegnerin an, wie ein Engel Gottes, der Sünder bekehren will.

»Gnädige Frau, Sie leiden sehr. Gott bewahre jede Frau vor ähnlicher Leidenschaft. Ich wünsche Ihnen, daß der Himmel Sie heile. Ich glaube, daß dies ein furchtbarer Schmerz ist. Ich werde schweigen von dem, was Sie vor mir ausgesprochen. Ich werde es vergessen. Lassen Sie mich fort von hier.«

»Ah, sie bedauert mich noch, sie verhöhnt mich noch! Welche von uns beiden die Bedauernswerteste ist, wird sich zeigen Ich könnte Dich morden wenn ich wollte; hinterrücks; ich könnte Deinen guten Ruf morden; ich vermöchte es, Dich ins Geschrei zu bringen als eine ehrlose Verliebte; ich könnte Dich ausrotten aus der Welt, in der Du atmen willst; doch mir behagt es nicht, so zu Werke zu gehen. Auge in Auge, Fuß gegen Fuß gestemmt, Eisen auf Eisen gezückt, so will ich Dich vernichten. Erfasse diese Waffe! Und wenn Du den Mut hast, ihn zu lieben, so habe auch den Mut, für ihn zu kämpfen.«

Ilonka wurde zornig. »Gnädige Frau, Sie sind in meinen Augen schon keine Wahnwitzige mehr, sondern eine lächerliche Närrin! Ich schlage mich mit Ihnen nicht für irgend einen Mann, wie junge Studenten für ihre Geliebte.«

Und damit warf sie ihr Rapier Malwinen zu Füßen. Malwine stampfte zornig mit dem Fuß. »Hebe sogleich das Rapier auf.« – »Nie in meinem Leben mehr, gnädige Frau.« – »Hebe es auf, oder ich stoße Dich nieder ohne Erbarmen.« – »Das steht in Ihrem Belieben!« – »Du fürchtest Dich nicht davor, nicht wahr? weil Du es nicht glaubst. Das aber kannst Du mir glauben, daß, wenn Du Dich von hier entfernen willst, ich mit diesem Rapier in meiner Hand Dir ein Denkzeichen in Deine Engelsfratze male, daß Du es Dein ganzes Leben lang tragen wirst.« – »Ich trage lieber solch' ein Denkzeichen in meinem Gesicht, als das Bewußtsein einer sträflichen Leidenschaft in meiner Brust.«

Diese Worte waren Öl auf die lodernde Flamme. Mit wilder Wut sprang die Dame auf das Mädchen los, ihm das Rapier gegen den Kopf zückend. Ilonka aber blieb ruhig vor ihr stehen, ihre zusammengefalteten Hände hingen noch immer in den Schoß nieder. Dieser ruhige Blick entwaffnete den Angriff. Malwine hatte keine Waffe, kein Wort, womit sie vermocht hätte dies reine, ruhige, jungfräuliche Antlitz anzugreifen. Sie stand still und zitterte vor Leidenschaft. Ihre Brust keuchte und ihr ganzes Gesicht glühte. Ilonka glaubte, sie besänftigen zu können.

»Lassen Sie mich fort von hier, gnädige Frau, ich habe kein Recht, Sie zu verletzen oder Sie zu heilen. Gehen Sie meinetwegen, wohin Sie wollen. Sie werden mich nirgend auf Ihrem Wege finden. Ich gelobe Ihnen, daß ich an keinen Mann denken werde, an den auch Sie denken können. Ich gelobe Ihnen, daß ich denjenigen nicht einmal im Traume sehen werde, von dem Ihre Träume Ihnen erzählen. Nehmen Sie die ganze Welt hin! Lassen Sie mich fort und ich gehe so weit weg, daß Sie nie wieder von mir zu hören bekommen. Ich verlasse dies Land, ich suche mir eine neue Heimat und nehme einen fremden Namen an. Ich werde verleugnen, daß ich in Ungarn geboren bin.«

»Ah! ergötzliche Unschuld,« höhnte die Dame, »Sie will fort aus dieser Stadt, fort aus diesem Lande, weil sie recht gut weiß, daß auch ›Er‹ die Stadt verlassen, diesem Lande den Rücken gekehrt hat. Nachlaufen willst Du ihm also, he? Du willst ihn dort aufsuchen, wo Dich niemand kennt? – Ehrlose!«

Ilonka schauerte bei diesem Worte zusammen. »Gnädige Frau nach diesem Worte können wir nicht mehr mit einander reden, lassen Sie mich hinaus.« Malwine stellte sich vor die Thür und versperrte ihr den Weg. »O, Du wirst umsonst ihm nachgehen. Umsonst ihn umgarnen und an Dich locken! Nicht Du wirst ihn betrügen, sondern er Dich. Bilde Dir nicht ein, daß man jemand seines unschuldigen schönen Gesichts halber zur Frau nimmt. Er wird sich über Dich lustig machen, Dich verachten und auslachen.« Ilonka riß die Geduld. »Ei, gnädige Frau, vertreten Sie mir doch nicht den Weg. Das geht zu weit, das ist zu plump ...!« und damit schritt sie auf die Thür los, stieß mit der bloßen Hand das Rapier weg, welches Malwine ihr entgegenhielt, faßte diese am Arm und schob sie zur Seite, wie ein Kind. Waren doch ihre Arme wie von Stahl, sie hätte ihr die Knochen zermalmen können. So war sie zur Klinke gelangt und öffnete die Thür mit dem Schlüssel.

Malwine packte in ohnmächtiger Wut Ilonka an der Achselfalte ihres Kleides. »Die können Sie herunterreißen, wenn Sie wollen.« Doch nicht darum war es der Wütenden zu thun. In ihrer Raserei vergaß Malwine jedes weibliche, jedes menschliche Gefühl. »So? Dich kümmert's nicht, was seinetwegen aus Dir werden mag? Du wirfst Dich für ihn weg und forderst das Hohngelächter der Welt heraus? Du willst ihn lieben, auch wenn Du ehrlos wirst durch ihn? Du willst ihm sein, was Deine Mutter seinem Vater gewesen! ...«

... Bei diesem Worte drehte Ilonka den Schlüssel im Schloß um, sprang mit einem Satze nach dem weggeworfenen Rapier, griff es auf und rief der Gegnerin zu: » Jetzt bin ich's, die ›Dich‹ tötet

Die Dame fragte befriedigt: »Also habe ich Dich doch gezwungen?«

»So mag's denn losgehen!«

Es ist ohnedies etwas Unerhörtes in der alten Welt, daß zwei Frauen sich um einen Mann duellieren. Mag es einmal auch hier geschehen. Die Rapiere kreuzten sich. In der blinden Wut der Leidenschaft stürmte Malwine auf das Mädchen ein, ohne auf den eigenen Schutz bedacht zu sein. Ilonka aber hatte nach jenem beleidigenden Worte, durch das sie genötigt wurde, das Rapier vom Boden aufzuraffen, mit dem unbarmherzigen Rachezorn eines Erzengels, dem ins Antlitz gespieen worden, sich gelobt, mit diesem Eisen hier jenes ruchlose Herz zu durchbohren.

»Jetzt bin ich's, die Dich tötet!«

Als sie aber den Stahl in der Hand hatte, begann sie zur Besinnung zu kommen. Das Klirren der Klingen brachte sie zu sich. Sie dachte nach. Bei Männern gilt es als Feldherrngabe, wenn im Moment des Kampfes der ruhige Herzschlag zurückkehrt und der Kopf, während das Auge wacht und die Hand handelt, zu denken vermag, und nicht dem heißen Blut das Kommandowort überläßt, nicht zurückschaudert, nicht wütet, sondern kaltblütig bleibt, das Nahe und Ferne sieht und über den Dingen schwebt, die mit ihm geschehen.

Eine solche Gabe besaß Ilonka; die Hitze des Gefechts gab ihrem Geiste die Selbstbeherrschung wieder. Sie überlegte: Wenn ich jetzt diese Frau niedersteche, kommt die That vor die Öffentlichkeit. Man wird mich vor Gericht stellen. Ich werde im Verhör Rechenschaft darüber geben müssen, weshalb wir uns geschlagen. Soll ich sagen: um einen Mann oder für meine Mutter? Soll ich mich selbst beschimpfen oder die Tugend meiner Mutter dem Gifthauche der Verleumdung preisgeben? Und wie würde meine Seele die Schuld des vergossenen Blutes tragen können? Gehe ich auch frei vor Gericht aus, wie würde ich vor dem inneren Richter bestehen? Nein, ich werde diese Frau nicht töten. Aber ich werde sie entwaffnen. Und mag sie zu meinen Füßen um Gnade flehen, vor mir, welche sie schwer beleidigt hat und die ihr nie etwas zu Leide gethan. Sie wird den Staub zu meinen Füßen küssen, denselben Staub, der Zeuge der furchtbaren Beleidigung gewesen. Und dann werde ich sie verachten und sie sich selbst und den Teufeln ihrer Brust überlassen.

Zehnmal hätte sie während dieser Zeit ihre Rivalin niederstoßen können, die, eine Blöße um die andere sich gebend, beständig nur angriff; sie that es aber nicht, sondern war nur bemüht, ihr die Waffe aus der Hand zu schlagen. Malwine hielt jedoch das Rapier fest im Griff und führte, die Absicht der Gegnerin argwöhnend, stets volle Stöße, welche die Entwaffnung unmöglich machen. Einmal nun, als Ilonka der Gegnerin das Rapier durch eine Bindung aus der Hand winden wollte, machte diese ihre Waffe los und brachte Ilonka einen Stoß bei, der mit der Spitze des Fleurets tief in die Brust oberhalb der Schulter eindrang. Als Malwine ihre Waffe zurückzog spritzte ihr das warme Blut des Mädchens ins Gesicht. Bei dieser Empfindung, bei diesem Anblick stieß die Dame einen Schrei aus; die Waffe entfiel ihrer Hand und sie stürzte ohnmächtig zu den Füßen des verwundeten Mädchens nieder; sie fiel rücklings und ihre langen schwarzen Locken bedeckten aufgelöst den Fußteppich. Die verwundete Jungfrau aber blieb stehen und blickte mit Verachtung auf die vor ihr liegende Gestalt, deren Gesicht gelb war wie Wachs; die Brust unbeweglich, der Mund stand offen, als hätte der Todesstoß sie getroffen. Sie war erschrocken vor dem mit eigener Hand vergossenen Blute und davon ohnmächtig geworden. Ilonka eilte zum Waschtisch, auf dem für etwaige Unfälle die in Fechtschulen üblichen Hülfsmittel, Feuerschwamm und Arnika, in Bereitschaft gehalten wurden. Sie tauchte ein Stück Schwamm in die Arnika und verstopfte damit die Öffnung der auf der Brust erhaltenen Wunde. Bloß ihr Gesicht war etwas blässer geworden, in ihrem Gang zeigte sich keine Unsicherheit. Sogar daran dachte sie, die Spitzen der beiden Rapiere, indem sie mit dem Fuß darauf trat, abzubrechen und in die Tasche zu stecken. Dann öffnete sie die Thür und rief das Stubenmädchen.

»Kommen Sie herein. In der Fechtlektion ist Ihrer gnädigen Frau das Rapier abgebrochen, die fortfliegende Klinge hat meine Schulter verwundet und vor Schreck darüber ist sie ohnmächtig geworden; eilen Sie ihr zu Hülfe.«

Die Zofe jedoch besaß ein edleres Herz als ihre Herrin; sowie sie das Blut auf Ilonkas Kleid erblickte, rief sie mit zitternder Stimme: »Jesus Maria! was kümmert mich die da drin; fiel sie in Ohnmacht, so wird sie schon wieder erwachen. Das Fräulein aber sind durchbohrt. Ich renne um einen Wagen.«

Ilonka konnte sie nicht zurückhalten; die Zofe kehrte mit der Mietskutsche zurück, als Ilonka die Treppe herabkam und setzte sich dann gleich mit in den Wagen. Ihre Frau mag ohnmächtig liegen bleiben, bis sie wieder von selbst zu sich kommt; sie begleitete Ilonka bis nach Hause. Hing doch jedermann mit solcher Liebe an ihr!

Zu Hause sagte Ilonka ihrer Mutter alles. Es konnte ihr jetzt nichts mehr verschwiegen werden.

Frau Vilagoschi verwünschte am Krankenlager ihrer Tochter die ganze Welt, die ganze Menschheit. Sie überhäufte sich und die Vorsehung mit Vorwürfen, die nicht einmal zuläßt, daß für diesen Frevel irgend jemand Rache nehme.

Der Vater ist irrsinnig, die Mutter krank, der Bruder noch ein Kind und taubstumm. Es giebt niemand auf der Welt, der die Hand der Gerechtigkeit aufrufen könnte für die grausam geknickte Lilie! Aber die geknickte Lilie verwelkte darum nicht.

Das junge gesunde Blut trug den Sieg davon über den Todesstoß; die gefährliche Wunde heilte zu. Die Natur ist ein großer Arzt. Schon nach zwei Wochen konnte Ilonka von ihrem Lager aufstehen; das Wundfieber hatte aufgehört. Sie war jetzt noch schöner, als vorher. Ihr Antlitz war blässer, aber weiblicher. Ihr Gang war nicht mehr so stolz, aber gelassener, schmiegsamer. Fragte man sie: Schmerzt es noch? so antwortete sie: Es schmerzt nicht mehr; und sie sagte die Wahrheit, denn so oft sie Schmerzen in der verharschten Wunde fühlte, empfand sie zugleich ein geheimes Glück, als zahlte sie damit eine große Schuld ab – einem anderen.

»Wir gehen fort von hier, meine Tochter!« tröstete sie ihre Mutter. »Wir gehen fort von hier, aus dieser Stadt, aus diesem Lande, wir wollen den Himmel nicht mehr über uns haben, unter dem diese Menschen wohnen. Wir begraben uns unter fremden Menschen, wo niemand uns kennt. Wir nehmen nichts von hier mit, nicht einmal den Staub von unseren Fußsohlen!«

Und so geschah es.

*

 

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