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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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12. Auf der andern Hemisphäre.

Widert sie Dich an, diese Atmosphäre, geehrter Leser? – Mich auch.

Diese Erinnerung an die jüngste Vergangenheit Ungarns beklemmt, erstickt die Brust. Jeder Nerv fühlt den Schmerz, an dem wir damals krankten. Komm mit mir, frische Luft einzuatmen.

Bis dahin hüllen wir uns Gesicht und Lippen ein, damit – wenn wir nach kühnem Fluge auf die andere Seite des Erdballs gelangen – ich Dir zurufen kann: Sieh hierher und trinke die Brust voll von dieser Luft.

Was Du vor Dir siehst, ist ein schauerlicher Morast, aus dem giftenthauchende, einzelne Bäume emporragen. Die Landschaft ist wild, unbewohnt; kein Haus nah und fern. Jedoch durch die Fläche des Morastes schlängelt sich rotes Geäder, von Menschenblut rotgefärbter Schlamm, und in diesen Blutbächen liegen Sterbende umher mit verstümmelten Körpern. In der Ferne glühen die Trümmer einer zerstörten Palissade, rauchend von erstickendem Qualm, der sich träge niedersenkt auf den Boden und als bläulich-braune Wolke über den Morast sich hinlagert. Rings um die Trümmer zerstreut, von den Kanonenrädern zermalmt, verzerrte, verstümmelte Leichen mit noch zuckenden Gliedern, die noch Leben dem Moraste verleihen, dem Nebel, dem Himmel, durch ihre Todeszuckungen, ihr Todesröcheln. Und diese ganze schreckliche Landschaft beleuchtet fahl von einem gallgelben Himmel, dem mörderischen Fieberhimmel des tropischen Sommers.

Hier, o ungarischer Leser, schöpfe freien Atem, denn hier ist die Stelle, wo eine freie Nation ihren ersten Sieg erfocht über die Heerscharen der Sklaverei! Und dieser erstickende Pestqualm des Schlachtfeldes – er ist die belebende Luft freier Nationen. Ja, hier am Potomakfluß schlug zum ersten Male die erste Nation der Welt die Götzendiener der Sklaverei.

Die erste Nation der Welt! – Mein teures Volk, laß Dir nicht schmeicheln; auch Du hättest sie einst sein können, wirst sie vielleicht noch – jetzt aber suche sie bei Deinen Antipoden.

Dies Volk von Krämern und Kaufleuten, dem Gott nichts anderes gegeben als ein Land, zwei Hände und die Freiheit, es wußte den Titanenkampf zu kämpfen für eine göttliche Idee, für die Abschaffung der Sklaverei; es wußte Milliarden zu opfern von seinem durch Fleiß erworbenen Vermögen; es vermochte aus einem Volke von Bürgern zu einem Volke von Soldaten zu werden, das Wunder der Tapferkeit verrichtete und Schlachten schlug, davon man auch noch jenseits des Ozeans die Erde erbeben fühlte. Und wofür all Das? Damit kein weißes Gesicht mehr zu einem schwarzen sagen könne: »Du bist zum Sklaven geboren!«

Nie wurde für eine edlere Sache Krieg auf Erden geführt, und nie verlieh der Himmel einer edleren Sache den Sieg als damals.

Weiter hinaus hinter dem Hügel, außer Schußweite der feindlichen Batterien, haben die Feldärzte ihr Verbandlager aufgeschlagen. Dorthin bringen Hunderte und Hunderte von Kriegern mittelst Ambulanzen die vom Schlachtfelde aufgelesenen Verwundeten.

In einem neben einer Feldambulanz improvisierten Zelte sind zwei Ärzte um einen Schwerblessierten beschäftigt. Der zu verbindende Krieger war noch ein Jüngling; allein die leidenden Züge seines bleichen Antlitzes verwiesen ihn in die Reihe jener Alten, die schon dem Ende ihrer Tage sich nähern. Die vom Leibe herabgeschnittene Uniform ließ in ihm einen hervorragenden Offizier der Reiterei der Freiwilligen erkennen. Die beiden Ärzte hielten eine lange Beratung, wohin und wie der Verwundete zu legen sei. Denn die vorn in die Brust eingedrungene Kugel war zum Rücken wieder herausgegangen und hatte eine doppelte Wunde gemacht.

»Er lebt noch!« sagte der eine. »Ich wundere mich, daß er noch atmen kann. Man sieht kein Blut an seinem Munde.« – »Das wird hervorbrechen, sobald er zufällig erwachen sollte. Ich glaube, die Kugel ging durch den rechten Lungenflügel.« – »Es kommt aber auch vor, daß sie zur Seite rutscht, und dann, unter den Rippen fortlaufend auf entgegengesetzter Seite herauskommt.« – »Die Sonde wird es ja zeigen.« – »Schade um ihn. Er war ein wackerer Junge. Ich habe ihn gekannt; er war Anführer der berittenen Freiwilligen, irgend ein ungarischer Gentleman. Entsinne ich mich recht, so hieß er Harter, mit irgend einem heidnischen Vornamen. Er war ein verteufelt kühner Soldat, der Schrecken der Guerillas der Konföderierten; er ließ ihnen Tag und Nacht keine Ruhe. Einer gegen sechs nahm er stets den Kampf aufs neue auf. Dem General wird es sehr leid um ihn sein.«

Zu Häupten des Verwundeten schmauchte ein alter Husar sein Pfeifchen, irgend ein ehrlicher Farmer, dem die Südler sein alles angezündet hatten, und der dann als Gemeiner eingetreten war.

»Ja, wahrlich ein heldenhafter Junge ist's gewesen!« brummte der Alte vor sich hin, während die beiden Ärzte die Wunde sondierten. »Er ließ uns eine Attacke mitten durch den Sumpf machen, daß ich dachte, wir kämen alle darin um. Die schwere Reiterei wäre sicher stecken geblieben in dem bodenlosen Pech. Uns aber ließ er hindurch sprengen, geradezu los auf die feindliche Schanze; nie habe ich einen tolleren Spaß gesehen. Doch der Streich gelang; wir krochen zu Pferde hinauf auf die feindliche Schanze, massakrierten, was uns unter die Hände kam und vernagelten die Kanonen. Wie das zuging weiß ich noch jetzt nicht; nur das wundert mich, daß ich mit heiler Haut davon gekommen bin, dieser junge Mann aber erhielt bloß eine Kugel.«

»Jedoch diese eine, scheint es, wird ihm völlig genug sein.«

Über dem Amüsement mit der Sonde erwachte der Verwundete. Sowie er erwachte, lächelte er. » Good morrow, Sir!« – » Good morrow,« (es war aber schon evening). »Wie geht's Ihnen?« – »Ich wollte mich eben bei Ihnen erkundigen, wie es mir geht?« – »Stille, Sir!« – »Habe ich noch Hand und Fuß?« – »Beides.« – »Dann steht alles gut!« – »Nicht so ganz. Sie sind durch und durch geschossen.« – »Ich fühle nichts davon.« – »Um so schlimmer.« – »Ich weiß es, Sir, wenn man keinen Schmerz mehr fühlt, dann ist man auch nicht mehr weit vom Sterben.«

Die beiden Ärzte schwiegen und legten stumm ihre Verbände um die Wunden. »Haben wir gesiegt, Sir?« fragte jetzt der junge Krieger, sich auf seinen Ellbogen aufrichtend. »Vollständig, Kolonel!« brummte der alte Husar mitten drein. »Dann Hurrah!« schrie der junge Held auf und streckte beide Arme in die Luft. »Hurrah, Lincoln! Hurrah, Grant! Hurrah, der Weltfreiheit! Hurrah!«

»Um Gotteswillen, so schreien Sie doch nicht so!« beschwichtigte ihn der eine Arzt. »Ihre Verbände springen auf, das Blut ergießt sich in Ihre Lungen und Sie ersticken!«

»Mögen sie reißen! Mag ich ersticken! Wenn wir nur gesiegt! So will ich denn noch einmal aufbrüllen, zum letzten Male im Leben. Dieser letzte Atemzug ist noch gut dazu, auszusprechen, was ich bisher verschwiegen! Hurrah, Du heilige Freiheit! Möge dieser Ausruf mich ersticken. Wälzt mich dort hinab in den Sumpf, der voll ist von dem Blute der Henker, laßt mich drinnen ertrinken. Zuletzt will ich noch röcheln: Hurrah, die Weltfreiheit!«

Jetzt füllte sich sein Mund wirklich so mit Blut, daß er nicht mehr schreien konnte. Die beiden humanen Ärzte begannen mit großer Geduld das zerstörte Werk von neuem. Der alte Husar nahm den Kopf des in eine Erstickungsohnmacht Zurücksinkenden in seinen Schoß und streichelte ihm mit der Hand die von kaltem Schweiße triefende Stirne. Wie schade um solch einen hübschen Jungen! Als er wieder zu sich kam, fragte ihn der eine Arzt: »Wünschen Sie nicht einen Seelsorger, Sir?«

Der junge Mann fand seinen alten Humor wieder.

»Danke, Sir, ich brauche keinen. Ich will weder in die Hölle, noch in den Himmel. Ich will weder die Heiligen dort oben genieren, noch die verdammten Seelen da unten. Es sind ihrer schon genug; sie mögen eng beisammen wohnen. Ich bleibe hier. Ich bedanke mich für das Jenseits ... Ich werde mich hier schon in irgend einen bescheidenen Winkel zurückziehen ... So eine kleine Seele, gleich der meinen, was braucht die viel? ... Im Sommer werde ich schon erträglich dahinleben im Kelche einer Glockenblume ... für den Winter suche ich mir ein leeres Schneckenhaus ... da werde ich drinnen mich ganz hübsch einrichten ... ich werde niemand nach meinem Tode ungelegen fallen.«

»Haben Sie nicht irgend eine letztwillige Verfügung zu treffen? Es ist Zeit, Herr, daß Sie Anstalten machen.«

»Scherzen Sie nicht, mein Herr ... Mein ganzes Vermögen würde nicht zu Stricken für diejenigen ausreichen, welchen ich je einen testieren möchte.«

»Haben Sie niemand, der Sie liebt?«

»Fragen Sie nach drei Tagen meine Schlafkameraden ... ich glaube, die werden mich sehr lieb haben.« Er lachte über diesen Einfall!

Der alte Husar mußte ihm den Kopf halten, damit er lachen könne. Bei jedem Lachen brach das Blut aus drei Quellen hervor: aus den beiden Wunden und aus dem Munde. Aber er lachte dennoch.

»Vielleicht dürfte es immerhin nötig sein, jemand wissen zu lassen, daß ich gestorben bin, irgend jemand, der davon amtliche Kenntnis besitzen muß. Mein Freund Sergeant, Sie können schreiben. Seien Sie so gut, ich bitte aufzunotieren, was ich sagen werde. Meine Herren Ärzte, ich danke Ihnen für Ihren Beistand, der jetzt bereits überflüssig geworden. Gehen Sie zu irgend einem anderen noch lebensfähigen Sterbenden.«

Die beiden Ärzte blieben jedoch; sie hatten vom General den Befehl, zur Rettung des jungen Mannes nichts unversucht zu lassen.

Der alte Husar trieb Feder und Papier auf; aber Tinte gab's nicht.

»Wozu wäre dies Blut da?« sagte scherzend der Sterbende. Und er ließ mit seinem eigenen Blute den Brief schreiben. »Adressieren Sie, ich bitte: ›An Mr. Francis Belteky.‹ Nein, bitte, schreiben Sie: ›Mylord‹ ... er kann seitdem Graf geworden sein, er hatte große Neigung dazu ... und das passiert jetzt dort. – Also: ›Dear Mylord! Ich gebe Ihnen zu wissen, daß der verrückte Junge, der Elemer Harter, in optima forma gestorben ist. Er liegt begraben unter dem 36. Grad der Breite und dem 78. Grad der Länge mit zwanzig anderen in einem gemeinschaftlichen Hôtel garni ... Das Testament, welches er bei Ihnen zurückgelassen hat, übergeben Sie jetzt der bewußten Miß ... und teilen Sie der Miß mit, daß der lockere Bursche in der Schlacht gefallen ist.‹«

Bei diesen Worten überflog ein Abenddämmerungsrot sein Antlitz.

»Schreiben Sie ihm auch noch, er möge der Miß mitteilen, daß der lockere Bursche wegen zweier Wunden aus der Welt scheiden müßte. Eine Wunde in der Brust, die andere im Rücken. Aber schreiben Sie klar und deutlich, daß er die Wunden von vorne erhielt, nicht von rückwärts ... das können Sie dem Manne schreiben ... und dieser Mylord wird dann das der Miß sagen; ... schreiben Sie es ja nicht anders, Sir! Treiben Sie keinen Scherz, daß man etwa verstehen könnte, ich habe die eine Wunde von rückwärts erhalten ... Ich verstehe keinen Spaß. Wenn Sie mich zum Besten halten, werde ich mich rächen ... Nach meinem Tode lasse ich mich als Klopfgeist anwerben ... Ich krieche in Ihre Tischschublade ... Ich verkrieche mich in eine Ecke Ihrer Bettstelle ... poche Sie auf, sobald Sie schlafen ... Gut, gut, schreiben Sie nur, was ich gesagt habe ... Ich werd's dann lesen ... Ich werde es lesen, denn ich lasse mich nicht foppen ... Halten Sie mir's vor die Augen ... Will mal sehen, was Sie geschrieben haben ... O teure Miß Ilonka ... wüßten Sie, daß ich jetzt unter Ihrer Fußsohle liege ... Sie würden den Fuß nicht wegziehen ... Sie würden warten bis ich entschlafen ... Halten Sie hierher die Schrift, Sir ... damit ich lese ... was Sie geschrieben haben.«

Das matte Dämmerlicht des Abends warf noch einen Schein auf die Gruppe. Der alte Farmer hielt den geschriebenen Brief vor die Augen des Sterbenden, der sie starr darauf heftete. Noch lange hielt er die Augen auf das Papier gerichtet; was aber darauf geschrieben stand, las er nicht mehr ... Schon einige Minuten darnach schaukelte er sich im Kelche einer Glockenblume oder suchte sich unter den leeren Schneckenhäusern sein Winterquartier aus.

»Ich glaube, diesen Brief können wir getrost absenden,« sagte der eine Arzt, die Hand dem Jüngling aufs Herz legend.

»Sie können ihn der Feldpost übergeben,« meinte der andere zum alten Husaren. »Der ist gestorben.«

»Der junge Mann hatte von einer Miß gesprochen,« erwiderte der alte Husar; »sollen wir dem Brief nicht eine Haarlocke beischließen?«

»Und auch zwei Finger Erde von jener Stelle, auf der er so heldenmütig sein Leben ausgehaucht hat.«

Sie legten eine Haarlocke und ein Dütchen voll Erde in den Brief.

Drei Stunden darnach war die Feldpost-Estafette mit der Siegesbotschaft des Generals und den auf dem Schlachtfelde geschriebenen Briefen auf dem Wege nach Newyork. Und andern Tags führte der Postdampfer den an »Franz Belteky« adressierten Brief, die Haarlocke und die blutige Erdscholle hinüber über den Ozean – als Zeugnisse für Elemer von Harters Tod.

*

 

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