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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
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11. Allerlei Räubergeschichten.

Wer hört gern Räubergeschichten?

Von den Banden Patkos und Hajnals, von den berittenen Wegelagerern des Joschi Bogar?

Nun, ich werde welche erzählen, in denen weder Patko, noch Hajnal, noch Joschi Bogar vorkommen. –

Einstmals sagte Herr Lemming zu seiner Frau:

»Madame! kennen Sie die Marquise de Montefiore? Ja? Auch die Baronin von Anselm? Auch die? Und die von aller Welt gepriesene Baronin von Radak? Natürlich! Nun, so sage ich Ihnen, daß alle drei zusammen in einem Jahre keine solche Wohlthätigkeitssumme in ihre Ausgabebücher eingetragen, als Sie mich nötigen, in das meinige zu notieren. Kein Tag vergeht, an dem Sie nicht einen unglücklichen Familienvater mit seinen neun Kindern vom Hungertode retten, oder die Ehre eines unglücklichen Beamten, der die ihm anvertrauten Gelder am Kartentisch verspielt hat, aus dem Wasser ziehen, oder die Begräbniskosten für einen gestorbenen Litteraten herbeischaffen, oder einem lahmen Honved ein künstliches Bein anfertigen lassen, oder ein Waisenmädchen mit Heiratsgut ausstatten müßten, all' der tausenderlei öffentlichen Subskriptionen nicht zu gedenken, deren keiner Sie sich entziehen. Ich steuere sowohl für den Papst, als für Garibaldi.«

Herr Lemming dachte sich dabei wohl insgeheim noch etwas anderes, nämlich, daß Malwine weder für den Papst, noch für Garibaldi steuert, und daß alle die unterstützten Unglücklichen nirgends existieren; jedoch er wagte nicht, dem nachzuforschen.

»Wissen Sie, meine Liebe« – schloß Herr Lemming – »daß ich dies bereits sehr dick habe?«

»Schon gut,« antwortete achselzuckend die schöne Frau; »Sie können die Wohlthätigkeitsrubrik aus Ihrem Hauptbuche streichen.«

Als ob nun freilich eine schöne Frau nur einen einzigen Schlüssel zur Werthheimschen Kasse ihres Gemahls hätte, welche, wie alle Reklamen verkündeten, feuer- und einbruchssicher ist. Herr Lemming kann kühn den Wiener Kassen-Fabrikanten vor Gericht belangen. Die seinige ist nicht einbruchssicher.

Nach einem halben Jahre sagte Herr Lemming wieder zu seiner Frau: »Madame! haben Sie von der Gräfin Persigny gehört? Gewiß. Haben Sie je von unserer Fürstin Metternich gelesen? Ohne Zweifel. Und hat man Ihnen nie von der Baronin Rothschild erzählt? Ich glaube, ja. – Nun, diese drei elegantesten Damen Europas schicken ihren Männern nicht so viel Modewarenhändler- und Juwelier-Rechnungen auf den Hals, als Sie, meine Liebe, mir allein. Ich bin genötigt zu glauben, daß Sie dreimal des Tages sich in Seide und Spitzen neu kleiden und kein Kleid zweimal anziehen.«

Doch wahrlich, Herr Lemming glaubte noch ganz was anderes; nämlich: daß seine geliebte Ehehälfte diese kostbaren Gegenstände überhaupt nicht anzieht, sondern damit sehr eigentümliche Geschäfte betreibt, indem sie diese Artikel an dem einen Orte nimmt, wie hoch man sie eben verkauft, und sie an einem anderen Orte wieder weggiebt, je nachdem man sie dort bezahlt, und so sich Geld macht. Die Rechnungen begleicht der Herr Gemahl, der bei diesem Geschäfte hundert Prozent verliert. Herr Lemming hatte jedoch nicht den Mut, dies auszusprechen. Malwine antwortete darauf: »Nicht wahr, das ist Ihnen unbegreiflich, lieber Freund?«

»Ich habe davon vielmehr meine eigenen sehr bestimmten Begriffe. Ich weiß, daß es so sein muß, und wären Sie nicht meine legitime Gattin, so würde ich sagen: Haben Sie die Güte, für das unschätzbare Glück, Sie mein nennen zu dürfen, mich und sich zu ruinieren. Das ist fashionable. Da wir aber gesetzlich eine Familieneinheit bilden, so bin ich gezwungen, Sie auf einen Zeitpunkt aufmerksam zu machen, wo es für das ›Haus‹ eine Lebensfrage wird, daß die Dame des Hauses eine Weile mit ihren Ausgaben inne hält.«

»Ein merkwürdiger Zeitpunkt muß das sein, fürwahr! gerade beim Eintritt des Herbstes; zum Beginn der Saison. Haben Sie denn keine Einsicht? Giebt es einen Ehemann auf der Welt, der zu Anfang der Saison seine Frau mit solchem Ansinnen überraschte? Ich sagte nichts, wenn dies in den Fasten, im Frühjahre geschieht; sobald wir aufs Land ziehen, gehe ich auch sechs Wochen in einem und demselben Crêpekleid, und wenn Sie wollen, halte ich auch keine Dienerschaft. Jetzt aber ist es mir schlechterdings unmöglich, auf Ihre Befehle zu achten, lieber Freund.«

»Jedoch ›es muß sein‹, daß Sie darauf achten, meine Liebe. Verstehen Sie mich. Ich sage, ›es muß sein‹. Ich stehe jetzt an der Schwelle einer kritischen Angelegenheit, wo ich alles in die Wagschale werfen muß, damit das Zünglein der Wage sich mir zuneige. Es handelt sich um nichts Geringeres, als um eine Million. Wir können mit einemmale unbändig reich werden; doch müssen wir hierzu alle unsere Kräfte anspannen. Es ist dies einer von jenen Kämpfen, bei welchen die Frauen der Finanziers ihre Schmucksachen, ihr Silber zu versetzen pflegen, wo sie ihre Pferde, ihre entbehrlichen Spitzen verkaufen, um ihren Gatten zum Siege zu verhelfen. Ich verlange das Alles nicht von Ihnen, sondern nur, daß Sie in den nächsten drei Monaten meinem Kassirer keine, auch nicht eine einzige Rechnung zuschicken.«

»Wohin soll ich sie also schicken?«

»Ich hätte Ihnen beinahe etwas darauf geantwortet. Ich erkläre Ihnen also auf das Deutlichste und Bestimmteste, daß mein Kassirer die Ordre hat, in den nächsten drei Monaten keine, schlechterdings keine Zahlung für Madame zu leisten.«

Malwine lachte hell auf. »Schon gut, mein lieber Lemming. Wir bleiben darum doch gute Freunde.«

»Sie können mir glauben, daß dies mein glühendster Wunsch ist. Ich hege unendliche Hochachtung für Sie und umgebe Sie mit meiner huldigenden Verehrung. Eben deshalb kann ich nicht unterlassen, Sie noch darauf aufmerksam zu machen, daß nach österreichischen Gesetzen eine Frau sich in eine sehr unangenehme Lage bringt, deren Mann ihre Schulden nicht bezahlt.«

Darüber lachte Malwine noch mehr. »Schon recht, lieber Lemming, fürchten Sie nichts für Ihre Frau von den Gesetzen welcher Nation immer!« Aber sicherlich wußte Herr Lemming selbst sehr gut, daß noch niemand, weder in Österreich, noch in Frankreich, noch in irgend einem anderen Lande eine Dame ins Schuldgefängnis kommen sah, wenn diese Dame – schöne Augen hatte.

Eigentlich wollte er ja auch nichts anderes, als Malwine zu verstehen geben: Meine liebe Freundin, Du hast bisher eine unendliche Genialität darin entwickelt, meine inneren Angelegenheiten in Verwirrung zu bringen; es wäre ein großer Verlust für die Welt, würdest Du dies schöne Talent nicht auch für die äußeren Angelegenheiten verwerten. Gehe nun endlich einmal auch anderswo auf Raub aus. Oder vielleicht auch: »Gehen wir zusammen auf Raub aus.«

... Es handelt sich um eine Million!

Ei, wer wirft denn hier so mit Millionen herum?

Vergiß nicht, mein lieber Romanschreiber, daß wir uns auf dem Boden eines österreichischen Kronlandes befinden, im Lande der Staatsnoten zu zehn Kreuzer, in dem sogar der Minister sich auf den Mund schlägt, entfährt ihm das Wort: »Eine Million«, und dann hinzufügt: »Herr vergieb mir!«; wo der Besitzer von Ländereien, die eine Million im Wert repräsentieren, keine zehn klingenden Münzen in der Tasche hat. Und da noch von einer Million zu sprechen, die es zu gewinnen giebt! Ah, das geht über die Grenzen jeder poetischen Lizenz. Erzähle lieber von Damen mit Fischschwänzen, oder versetze den Schauplatz Deines Romans nach Belgien oder nach Nordamerika.

Es handelt sich aber wirklich und wahrhaftig um eine zu gewinnende Million, um eine runde Million, die jemand nur einzustreichen braucht. Jemand, vor dem die Roulettekugel stehen bleibt.

Der Spieltisch ist ein großes, ödes Reich. Eine mehr als dreitausend Geviertmeilen einnehmende Fläche, auf der es nicht ein Fleckchen Grünes giebt. In diesem Jahre wuchs auf dem ungeheuren Terrain – nichts. Und im künftigen Jahre wird es ebenso kahl sein, denn man baut heuer auf ihm nichts, weil man nichts zu säen hat. Es wird diesem Lande ergehen, wie dem steinigen Arabien, wie der Gegend der Mondgebirge, wie dem Vaterlande Palmyra's, welche alle einst die Gärten Edens gewesen und die jetzt öde Wüsteneien sind, auf tagelange Strecken hinaus von Mensch und Tier unbewohnte Gegenden, mit unter Schutt begrabenen Palästen auf der weglosen Steppe.

Und doch dürfte es der Staatsgewalt etwas schwer fallen, dies Los mit demselben Phlegma abzuwarten, mit dem sie andern hier zu Lande wachsenden Übeln müßig zuzusehen sich bemüht.

Es wurde daher in den höchsten der maßgebenden Kreise beschlossen, daß eine Million Metzen Saatkorn unter die Notstandsbevölkerung verteilt werden müsse – als Vorschuß, damit die Felder nicht brach liegen bleiben.

Also es muß eine Million Metzen Saatkorn in aller Eile und pünktlich herbeigeschafft, an Ort und Stelle gesendet und dort unverzüglich verteilt werden; der Herbst steht vor der Thüre, jeder Tag ist kostbar, unbezahlbar. Die Regenzeit ist eben eingetreten, der Boden durchweicht; gerade jetzt bedarf man des Samens. Man hat keine Stunde mit Beratschlagung zu verlieren.

Wer wird diese Million Metzen Saatkorn liefern? Man nimmt natürlich die Offerte desjenigen an, der die Lieferung unter den günstigsten Bedingungen übernimmt.

Unter den günstigsten Bedingungen? Hahaha! Verstehst Du jetzt, geehrter Leser, warum Herr Lemming alle ihm zur Verfügung stehenden Kapitalien zusammenscharren muß, um sie in jene Wage zu werfen, deren Zünglein, schnappt es zu ihm herüber, sagt: »Die Million ist Dein?«

Verstehst Du jetzt, weshalb die Frauen der Finanziers zu einer solchen Zeit ihre Pretiosen versetzen, und weshalb um eine solche Zeit die Finanziers die Rechnungen ihrer Gemahlinnen nicht bezahlen?

Wir werden das sogleich noch mehr verstehen.

Davon können wir überzeugt sein, daß die Million wirklich vorhanden ist. Daß sie kein mythologisches Wunder ist, keine ideale Ziffer, sondern Gold, frisches, direkt aus der Münze kommendes, also sogenanntes grünes Gold. Es bedarf auch dazu keines verwickelten Kalküls, sondern bloß einfacher Subtraktion. Vier von fünf bleibt eins. Wie kann der Staat wissen, ob die Frucht, welche der biedere Bauer einackert und eineggt, fünfguldiger reiner Weizen oder ein billiges Gemengsel von Unkraut, Boden und brandigem Korn war?

Die Erde ist ein verschwiegener Mitwisser. –

Was las um diese Zeit Herr Andjaldy im geheimen Tagebuche seines Prinzipals? Auch wir wollen es erfahren: »Heute war Lemming des Vormittags bei mir. Er sprach viel von dem Saatkorn-Landesvorschuß. Ich glaub's gern, daß er die Lieferung zu bekommen wünscht. – Es ist wahr, von mir hängt vieles ab, aber nicht alles. Ein Wort von mir kann in den maßgebenden Kreisen zwischen zwei gleichbalancierenden Wagschalen den Ausschlag nach meinem Willen geben. Nur besorge ich, daß eben diese Wagschalen nicht gleich sind. – Ein Unternehmer besitzt mehr Gewissenhaftigkeit, als ein anderer. Lemming, so scheint mir, hat am wenigsten davon.

Diese jetzige Angelegenheit ist aber eine sehr heikliche. Der Segen eines ganzen zukünftigen Jahres, das Wohl eines ganzen Landes steht dabei auf dem Spiele. Das ist kein Geschäft, wie die Militärverproviantierung. Bekam auch der Soldat statt Mehl Mühlstaub, so wird er damit doch nicht verkürzt. Je schwärzer sein Brot, um so nahrhafter ist es. Dann hat auch der Soldat keinen Mund, um sich zu beschweren. Aber geben wir dem Bauer schlechteres Saatkorn, als ihm gebührt, als die Regierung will, so ruiniert das die Qualität der nächstjährigen Fechsung; der Bauer schlägt Lärm, schreit, schickt Deputationen, zieht die Alarmglocke, macht häßliche Dinge! Hier muß man höchst vorsichtig sein.

Ich versprach Lemming durchaus nichts, sondern entließ ihn damit, daß wir der rationellsten und sichersten Offerte den Vorzug geben werden. Nach Tische schickte er mir durch seinen Kammerdiener eine Schatulle. Ich öffnete sie und fand darin einen Cigarrenhalter. Beigelegt war ein Brief und in diesem Briefe teilte mir Lemming mit, daß mir Malwine zu ihrem Geburtstage diesen Cigarrenträger als Geschenk sende.

Es ist ein etwas ungewöhnlicher Einfall, daß jemand an seinem eigenen Geburtstage einem anderen ein Geschenk schickt. Es fiel mir auf, als ich den Cigarrenbehälter in die Hand nahm, daß er so schwer sei. Er war in zwanzig Fächer geteilt. Ein Fach für jede Cigarre und es staken darin in dünnes Papier gewickelte Rollen. Ich nahm eine derselben heraus und öffnete sie. Ich fand darin 250 Dukaten. Alle zwanzig Fächer enthalten solche Rollen. Das macht 5000 Stück Dukaten. Wohl dreimal überrieselte kalter Schauer meine Haut. – Also dahin wäre es schon mit mir gekommen? Also sollte die Welt wirklich glauben, daß mir alles abkaufbar sei? So stünde auf meiner Stirn, auf meiner Brust geschrieben: ›Gänzlicher Ausverkauf‹. – Nein, Geldmensch! In dem einen hast Du Dich doch noch getäuscht.

Wirft man mir als Politiker Fehler vor, so wußte ich mich noch stets zu verteidigen; wenn ich jedoch als Mensch, als Staatsbürger mir etwas zu schulden kommen lasse, so giebt es dafür keinerlei Entschuldigung.

Ich werde dieser Krämerseele schon zeigen, wer in der Höhle wohnt, in die dieser Mensch so zuversichtlich seinen Fuß gesetzt. Ich habe jetzt einen Trumpf in Händen, den ich gegen ihn ausspielen kann. Ich übergebe das mir gesandte Geld der ungarischen Akademie der Wissenschaften; ich ersuchte Lemming einmal, auch etwas für dies vaterländische Institut zu thun und er versprach zu unterschreiben. Die Bestimmung der jetzt überschickten Summe nannte er nicht. Ich werde sie als eine von ihm gemachte hochherzige Fundation übergeben. Noch heute schreibe ich die Dedikation; er wird sie bereits in den morgigen Blättern lesen. Er soll kennen lernen, wer ich bin!«

Einen Tag später las dann Herr Andjaldy folgendes auf einem neuen Tagebuchblatt:

»Ich habe die Sache nicht überstürzt. Es wäre doch eine riskante Sache, ohne Wissen des Betreffenden eine öffentliche Widmung zu machen. Aber ich nahm mir fest vor, deshalb doch von meinem Plane nicht abzustehen. Diese fünftausend Dukaten wird die Akademie erhalten. Ich werde zu Lemming gehen, ihm die Schlinge um den Hals werfen und ihm sagen: ›Mein Herr, Sie überschickten mir heute fünftausend Dukaten. Dieselben können ein doppeltes Ziel haben: entweder ein ehrenhaftes oder ein beleidigendes. War der Zweck Ihrer Sendung ein ehrenhafter, so kann es nur der sein, zu dem ich selbst Sie aufgefordert habe. Nämlich für ein vaterländisches gemeinnütziges Institut eine Stiftung zu machen. Ist aber das Gegenteil der Fall, dann bekommen Sie es in doppelter Beziehung mit mir zu thun. Erstens als mit Ihrem Richter und zweitens als mit einem Gentleman. Und ich werde mir in beiderlei Qualität Genugthuung zu verschaffen wissen.‹ Mit diesem Vorsatze machte ich mich heute zu ihm auf den Weg. Ich war entschlossen, ihm gegenüber keine Rücksicht zu nehmen. Ich wollte grob sein, wie ein Haiduk.

In meiner Aufgeregtheit passierte es mir, eine etwas sehr frühe Stunde für meinen Besuch zu wählen. Als ich in seine Wohnung trat, empfing mich der Kammerdiener mit der Meldung, der gnädige Herr schlafe noch. ›Nun, so muß man den gnädigen Herrn wecken, denn meine Wenigkeit will mit ihm sprechen.‹ Der Kammerdiener war so gnädig, mich in das Arbeitszimmer seines Herrn und von da in den Empfangssaal zu führen, wo er mich ersuchte, Platz zu nehmen, bis er den gnädigen Herrn angekleidet haben werde.

Schon gut, dachte ich bei mir, ihn zu waschen übernehme ich.

Lemmings Empfangszimmer stößt an die Gemächer Malwinens. Eine Glasthür trennt es vom nächsten Saale, und dieser nächste Saal ist dadurch merkwürdig, daß in Rahmen gefaßte venetianische Spiegeltafeln eine ganz schräge Wand bilden; von denselben reflektiert sieht man den ganzen nebenliegenden Speisesaal, den ein mit Teppichen verhängter Schwibbogen vom andern Zimmer abschneidet.

Ich kenne diese Lokalitäten sehr gut. In denselben pflegt Lemming seine Festdiners zu geben. Und als ich mich dort mit Warten langweilte, hörte ich plötzlich eine weibliche Stimme im dritten Salon. Es war ein leises Gespräch, davon sich nichts verstehen ließ. Die gedämpfte Konversation lösten später kommandoartige kurze Ausrufe einer mir unbekannt klingenden weiblichen Stimme ab, begleitet von rasch auf einander folgenden stampfenden Fußtritten und der eigentümlichen Musik aneinander klirrender Rappiere.

Hin und wieder unterbrach Gekicher diese Stimmen; ein andermal war es, als hörte man zwei Frauen in vollem Zorne mit glühendem Atem keuchen; damit wechselte aber eben so plötzlich wieder ein zweistimmiges Gelächter ab! ein Siegesgelächter und ein Lachen der Überraschung von der einen und der anderen Seite. In diesem letzteren erkannte ich jetzt Malwinens Stimme.

Ich wollte zur Thür hinein sehen. Es erwies sich dies aber als unmöglich, denn sie war dicht verhangen mit schweren, undurchsichtigen Damastvorhängen. Die Thür aber war von der anderen Seite zugeschlossen. Da entdeckte ich jedoch plötzlich, daß der eine Rand des linksseitigen Vorhanges sich an dem vergoldeten Zierrat des Schnurhakens gespießt hatte. Das war der Aufmerksamkeit desjenigen entgangen, der den äußeren Rand rechts sogar noch mit einer Stecknadel an die Thür befestigt hatte, damit er nicht seitwärts abstehe. Der Saal, aus welchem die Stimme der unbekannten Erscheinung kam, lag rechts. Aber gerade durch diese linksseitige Öffnung konnte man auf die schräg gegenüberstehende Spiegelwand sehen und in ihr den ganzen anstoßenden Saal wie eine offene Bühne überschauen.

Was war das? Eine Scene aus den olympischen Spielen?

Zwei Frauengestalten standen einander gegenüber in kurzen bis an die Knie reichenden Kleidern. Die eine hatte ein pfirsichfarbiges Kleid an und rosafarbene Seidenstrümpfe, die andere ein dunkelblaues Kleid und rehbraune Strümpfe. Beide hatten die Brust mit einem Plastron aus Hirschleder bedeckt, auf dessen linker Seite ein Herz rot ausgenäht war, ihre Gesichter bedeckten Drahtmasken. Malwine erkannte ich an ihrer Gestalt, es war die im pfirsichroten Kleide. Die beiden Damen übten sich im Fleuretfechten. Die schlankere Gestalt, die im blauen Kleide, war die Fechtmeisterin. Zuerst übten sie die Tempos der Reihe nach durch. Die im blauen Kleide sagte laut, was folgen werde, und ließ die Stöße das auf ihrer Brust befindliche rote Herz, und bei der hohen Terz und der Quart ihre Gesichtsmaske treffen. Dann gab sie der rotgekleideten Dame Anleitung, wie sie eben diese Stöße zu parieren habe, wie man plötzlich aus der Prime in die Quart übergehen, mit der Stärke des eigenen Rappieres die Schwäche des gegnerischen Rappieres auffangen und, aus der Parade zum Stoß überspringend, mit der Contreparade die Klinge des Gegners umgehen, oder sie ihm während einer nicht vorgesehenen Finte mit einer mächtigen Battude aus der Hand schlagen muß.

Die beiden Frauengestalten waren wunderbar schön während dieses Spiels! Die Rotgekleidete erinnerte in jeder ihrer Bewegungen an eine Amazonenkönigin; die runden Wellenlinien ihrer Arme, das muskulöse Anschwellen ihrer Schultern, die pantherartigen Wendungen ihrer schlanken Taille, der herausfordernde Trotz ihrer vollen Hüften, und die plastisch geformten schönen Füße, welche der Fechteranzug bis zum Knie hinauf sehen ließ, zauberten mir das Bild einer der feenhaften Heroinen der Mythe vor Augen, während ihre Gegnerin, die Blaugekleidete, eine schlankere jugendlichere Gestalt, noch nicht die frauenhafte Fülle des Gliederbaues besaß und in ihrer Erscheinung mehr an einen kämpfenden Erzengel Michael erinnerte.

Nachdem sie die Schule durchgeübt hatten, gingen sie zum Freifechten über und dabei verrieten die Bewegungen der Dame im roten Kleide eine Leidenschaftlichkeit, wie sie nur die Glieder einer Frau in Motion setzen können, die ein Schwert in ihre Hand bekommen hat. Die Dame im blauen Kleide hatte vollauf zu thun, um die kreuz und quer auf einander folgenden Stöße aufzufangen; bald gerieten sie knapp aneinander, daß Knie an Knie, Brust an Brust sich stemmten, und die gebundenen Rappiere am Griff sich kreuzten; da erfaßte die Blaugekleidete im Nu mit der linken Hand ihr Rappier am Griff und setzte es bajonettartig der Rotgekleideten auf die Brust. Die rote Dame kreischte laut auf, denn es juckte sie, wenn die Rappierspitze sie berührte; sie war daran noch nicht gewöhnt; und dann lachte sie weiter.

»Sie haben mich das schon öfter gelehrt, aber es fällt mir immer zu spät ein, wenn wir so aneinander geraten. – Ruhen wir ein wenig aus.«

Damit nahm sie die Drahtmaske vom Gesicht und den Plastron von der Brust. O wie schön war sie in diesem Augenblicke! Ihr Gesicht schien hochgerötet von der Hitze des Gefechtes, ihre Augen sprühten von einem eigentümlichen geheimen Magnetismus, ihr ganzer Leib schien eine lebendige feenhafte elektrische Batterie zu sein; wer sie jetzt berührt hätte, würde vielleicht Funken aus ihr hervorgerufen haben. Sie strahlte von überströmendem Wonnebehagen, sie lachte, klatschte in die Hände, kannte sich selbst nicht vor Ausgelassenheit. In ihrem Wohlbehagen warf sie sich in einen Stuhl vor dem Klavier und begann mit voller Zigeunervirtuosität eine bekannte spanische Melodie zu spielen, eine Seguidilla. »Tanzen Sie nicht dazu?« fragte sie, den Kopf zurückwerfend, die Blaue. Auch diese hatte ihre Maske abgelegt. Mir kam es vor, als müßte ich dieses Gesicht schon irgendwo gesehen haben, ich konnte mich aber nicht erinnern wo? »Nein, Madame, ich will nicht tanzen,« sagte diese halb lächelnd. »Nun, dann setzen Sie sich hierher und spielen Sie diese Melodie, denn ich möchte tanzen.« Die Blaue nahm sogleich ihren Platz ein; Malwine aber sprang in die Mitte des Saales und begann jenen sinnbetäubenden spanischen Tanz, in dem alle verführerischen Reize sich entfalteten, über welche ein Weib gebieten kann; und sie tanzte ihn mit jener ausgelassenen Freiheit, zu der Frauen sich berechtigt fühlen, wenn sie wissen, daß sie nur von weiblichen Augen gesehen werden. Es war dies eine Erscheinung, wie die, für welche Faust seine Seele dem Teufel verschrieb. In meinem Herzen trommelte es Feueralarm.

Diese Frau, die sonst so kalt dreinblickende Frau, verschwendete alle Feenkünste ihrer Reize, ihrer Koketterie bloß – um einem jungen Mädchen ein Lächeln zu entlocken. Doch war all dieser Zauber verlorene Mühe. Jenes junge Mädchen am Klavier sah dem verführerischen Tanze, den diese Dame sich selbst, dem Spiegel und dem jungen Mädchen mit toller Lust vortanzte, bis zu Ende zu, ohne daß auch nur eine leise Röte über das jungfräuliche Antlitz flog.

Malwine hielt plötzlich im Tanzen inne, raffte ihr Rappier auf, sprang vor das Mädchen hin und rief ihr zu: »Seien Sie auf ihrer Hut! denn ich töte Sie.«

Die blaue Gestalt erwiderte lächelnd: »Ich habe nichts, weshalb es sich lohnen würde, mich umzubringen.« – »Ich morde Dich wegen Deines unbezahlbaren köstlichen Schatzes: wegen dieses unschuldvollen Gesichts.« – »Ich lasse mich aber nicht ermorden!« erwiderte die Blaue und griff gleichfalls nach dem Rappiere, das sie auf den Flügel gelegt hatte.

Malwine ließ ihr keine Zeit, Plastron und Drahtmaske vorzunehmen, auch sie selbst band keine um, und nötigte so die andere ungedeckt zu fechten. Die Blaue hielt der Nötigung stand, denn für ihren Teil fühlte sie sich sicher. Als Malwine mit einer Quart gegen sie ausfiel, mit der sie das junge Mädchen ans Klavier zu drängen vermeinte, machte die Blaue plötzlich eine meisterhafte Passade, indem sie mit dem linken Fuß vorsprang, mit der linken Hand das Rappier der Gegnerin auf die Seite drückte, und, mit dem eigenen Rappiere ein Ligament machend, ihr dasselbe aus der Hand schlug. Malwine gab auch jetzt den Stoß noch nicht auf. Sie war mutwillig wie ein Kind; sie lief dem nach einer Ecke des Zimmers geflogenen Rappiere nach, nahm es in die Hand und griff aufs neue ihre Lehrmeisterin ebenso hitzig an. Diese kam noch immer nicht aus ihrer kaltblütigen Ruhe. Sie zeigte Malwine, was man einen »Theatercoup« nennt. Als Malwine einen kühnen Sekondestoß nach der Brust der Blauen führte, faßte diese, plötzlich vorspringend, Malwinens rechten Arm am Handgelenk, ließ deren Rappier sich unter die Achseln hindurchgleiten und setzte mit einer kreisförmigen Bewegung ihr eigenes Rappier der Gegnerin auf die Brust; und nun war sie im Besitze des feindlichen Rappiers.

»Das, Madame, nennt man einen Theaterstoß.«

Ich sah aus Malwinens übereinander gebissenen Lippen, hoch gerötetem Gesicht und feucht werdenden Augen, daß sie anfing zornig zu werden. Auch bei uns Männern pflegt es in Waffenspielen zu geschehen, daß eine Entwaffnung übel genommen wird. »Lassen Sie mein Rappier los!« sagte sie zur Blauen. – »Nicht, bevor Sie versprechen vernünftig zu fechten, mit vorgenommener Maske und Plastron.« – »Lassen Sie los, sage ich!« – »Wenn Sie mir nicht versprechen nur mit Plastron zu fechten, so zerbreche ich die Rappiere und unterrichte Sie nicht weiter.« – »Gut ist's, ich verspreche es.«

Darauf hin entließ die Blaue Malwinens Hand und Rappier aus der Haft. Wie ich aber Malwine kenne, war ich im voraus überzeugt, daß sie ihr Versprechen nicht halten werde. Sie ist ein echtes Weib. Ein unbändiges, kein Gesetz über sich anerkennendes Geschöpf.

Ich wußte sehr wohl, sowie sie Hand und Fleuret frei fühle, werde sie sofort von neuem auf die Blaue einstürmen. Bei dieser Perfidie verlor nun das junge Mädchen selbst die Geduld und zeigte diesmal der den Waffenstillstand brechenden Schülerin, was ein Arretstoß ist.

Sowie nämlich Malwine geradeaus mit ihrem Primestoß gegen sie ausfiel, zog die Blaue ihren linken Fuß völlig zurück, warf den Kopf auf die Seite und streckte die Rechte mit einer Sekondeauslage vor, und während Malwinens Rappier ihr am Kopfe vorüberglitt, traf ihr eigenes Rappier Malwine unter der rechten Schulter, und da diese sich mit voller Wucht entgegenstürzte, bog sich die Klinge des treffenden Fleurets, daß sie beinahe einen Bogen bildete.

Hierauf erschraken beide so heftig, daß sie ihre Rappiere von sich schleuderten. Die Blaugekleidete brach plötzlich in Thränen aus. Auch Malwine erblaßte und rang einige Minuten nach Atem; dann aber kam sie rasch zu sich, und als sie die Blaue weinen sah, fing sie an, sie auszulachen.

»Da sehen Sie's nun,« schluchzte die Blaue im vorwurfsvollen Tone. »Was fehlt Ihnen denn?« fragte Malwine, deren Gesicht sich bald zum Lachen erheiterte, bald verdüsterte. »Jetzt habe ich Sie verwundet!« sagte die im blauen Kleide. »Ei warum nicht gar, verwundet! Das Ganze ist ein Spaß.« – »Ich weiß es aber gewiß. Und ein solcher Spaß schmerzt sehr, so durch durch das dünne Kleid.« – »Nicht im geringsten thut's weh, ich kann Sie versichern, man sieht nicht einmal die Stelle. Sehen Sie doch nur.« Und damit knöpfte sie schnell das Kleid auf und entblößte den Oberleib von den Schultern bis dahin, wo der Knopf der Rappierklinge ihre Brust getroffen hatte. Es zeigte sich dort ein runder rötlicher Fleck, wie ein Rosenblatt auf Alabaster. »Nun, da sehen Sie, es ist nichts. Blicken Sie her. Es steht mir sogar ausgezeichnet.« Die im blauen Kleide beruhigte sich bei dem, was sie sah – nicht so ich! Malwine umarmte jetzt das Mädchen zärtlich und drückte Wange an Wange zur Versöhnung.

»Zürnen Sie nicht. Ich werde nicht wieder so närrisch sein. Ich sehe, daß ich noch nichts kann. Ich werde ordentlich lernen, wie sich's gehört. Dieser letzte Stoß war sehr schön; was hat er für einen Namen?«

» Coup d'arrêt. Wir nennen's ungarisch: ›In den Degen rennen‹.«

»Nun, dies ›in den Degen rennen‹ wollen wir ordentlich einüben.«

Malwine war sehr erhitzt. Auf dem Tisch stand ein Kristallglas, gefüllt mit kaltem Wasser. Sie ging hin, um zu trinken. Die Blaugekleidete wollte sie hindern. »Trinken Sie jetzt nicht! Das ist gefährlich. Sie sind erhitzt.« Malwinens Gesicht wurde bei diesen Worten plötzlich sehr ernst. Der Blick, den sie auf die Blaue warf, war voll Bitterkeit.

»Glückliches Kind, das noch nicht weiß, wie das ganze Leben nicht so viel wert ist, als ein guter Trunk Wasser!«

Und damit leerte sie das Glas.

Jenes Wort ging mir mitten durchs Herz. Nach dieser übersprudelnden Lustigkeit diese bittere Selbstverhöhnung!

Und mich ziehen die beiden Pole dieses wunderbaren Magnets gleich mächtig an. Ob sie lustig oder traurig ist, ich leide dieselbe Qual.

... Vor der Thür hörte ich Tritte; Lemming kam. Ich mußte meinen Späherort verlassen.

Und jetzt sprechen wir von Geschäften, amtlichen Maßregeln – kaltblütig – wer's kann.

Der eintretende Bankier empfing mich mit der Versicherung, daß er über die Ehre meines Besuches hoch erfreut sei, und sagte, welchem Umstande er dies Glück zu verdanken habe?

»Lieber Lemming!« antwortete ich ihm. »Sie haben mich wirklich überrascht durch die zarte Aufmerksamkeit, welche Sie mir erwiesen. Am Geburtstage Ihrer verehrten Gemahlin hätte ich der erste sein sollen, sie zu begrüßen, nicht umgekehrt. Ich nehme den schönen Cigarrenbehälter als ein mir sehr teures Andenken an.«

»Nun, und wie finden Sie die Cigarren?« fragte Lemming mit bedeutungsvollem Augenzwinkern.

Ich zeigte ihm ein kaltblütiges Gesicht.

»Ich habe sie noch nicht versucht.«

Er machte sehr große Augen.

»O, belieben Sie doch dieselben zu versuchen, denn es sind ganz vorzügliche Cigarren, und daß Sie ja keine davon verschenken, es wäre ewig schade darum!«

»Nun, ich werde sie versuchen, wenn ich nach Hause komme und Ihnen Abends meine Meinung darüber sagen. Ich hoffe, daß es mir abends erlaubt sein wird, der gnädigen Frau meine Glückwünsche zu ihrem Geburtstage persönlich darzubringen.«

»O, ich wollte Sie eben darum ersuchen. Ein Thee im vertraulichen Freundeskreise. Und wenn Herr Rat auch den lieben Andjaldy mitbringen wollten, so wäre sogleich eine Whistpartie beisammen.«

»Also auf Wiedersehen.«

Mein Plan war der: Ich werde die mir übersandte Summe mitbringen, und wenn wir vier beisammen sind, werde ich Lemming höflichst den Text lesen (es wird auch für seine Frau eine gute Lektion sein) und ihm das Geld vor seiner Frau mit der Andeutung zurückgeben, er möge sein Vermögen für wohlfeilere Unternehmungen verwenden, als patriotische Gentlemen dafür kaufen zu wollen. Für diesen Artikel giebt es noch keinen Preiskourant. Die Saatkornlieferung werden wir Händen, welche mit Bestechung beginnen, nicht anvertrauen.

Abends gingen wir, Andjaldy und ich, zu Lemming. Malwine fand ich sehr traurig. Sie war den ganzen Abend so verstimmt, daß ich ein paar Mal nicht umhin konnte, sie zu fragen, ob sie vielleicht Migräne habe? Darauf antwortete sie verneinend und begann sich zu guter Laune zu zwingen, was ihr jedoch in keiner Weise gelang; immer wieder fiel sie in die trübe melancholische Stimmung zurück. Es schien als drückte sie ein großer Kummer, als wäre ihre ganze Seele von dem einen Gedanken erfüllt, daß das ganze Leben nicht ein Glas Wasser wert ist. Auch beim Souper war sie so wortkarg, so sichtlich niedergeschlagen und bekümmert; selbst die Art wie sie aß und trank, schien auszudrücken: Das alles ist nicht so viel wert, als ein Glas Wasser – ein Glas Wasser, aus dem man sich den Tod trinkt.

Es bot sich mir nie ein passender Moment dar, in dem ich den Plan hätte ausführen können, um dessentwillen ich hingegangen war.

Sollte ich diesem kummervollen Gesichte Dinge so kränkender Art sagen? Wer bebt nicht davor zurück, eine schmerzliche Wunde unsanft zu berühren? Malwinens Schwermütigkeit machte auch mich niedergeschlagen. Jedermann kennt den Eindruck, den ein stumm leidendes Frauengesicht ausübt. Wie erst, wenn es das Gesicht derjenigen ist, die wir anbeten, und wenn wir von diesem Gesicht uns trennen müssen, ohne an die Frau die Frage richten zu dürfen: »Sag, Geliebte was fehlt Dir?« wenn wir ihr kalt gute Nacht wünschen und zusehen müssen, wie sie allein auf ihr Zimmer sich zurückzieht, ohne die Hoffnung, ohne das Recht zu haben, ihr nachzugehen und sie fragen zu dürfen: »Sage mir, warum bist Du so traurig?«

Ich hatte nicht den Mut, ihr wehe zu thun. Und ich habe doch Kanonen in die Mündung geblickt, aber diesem kummervollen Gesicht eine Kränkung anzuthun, dazu hätte mehr Mut gehört, als einem Menschen gegeben ist. Ich hätte ein Teufel oder eine wilde Bestie sein müssen. Morgen werde ich Lemming das Geld einfach zurückschicken und ihm brieflich meine Meinung darüber sagen. – Hätte nur dies Weib uns nicht gegenüber gesessen!« –

Soweit hatte Andjaldy das Tagebuch seines Prinzipals gelesen, während dieser um die Nachtzeit zu der maßgebenden Persönlichkeit gerufen worden war.

Die maßgebende Persönlichkeit hatte nämlich die Gewohnheit, wenn sie nachts nicht schlafen konnte, die Räte; die Polizei-Chefs zu sich citieren zu lassen. War sie schlecht aufgelegt, so ließ sie bei Nacht anspannen und fuhr hinüber ins Preßbureau, wo sie sich der Reihe nach das Corps der Censoren hernahm, welche die Zeitungen vor der Ausgabe durchsehen mußten, und ein furchtbares Autodafé unter ihnen anrichtete, sobald einer von ihnen irgend einen tendenziösen Artikel in einem Oppositionsblatte hatte stehen lassen.

Harter mußte sich also, in seinem Tagebuche bis hierher gelangt, noch in die Festung auf den Ofener Berg hinüber bemühen.

Andjaldy wartete natürlich seine Hülfe nicht ab, sondern ging – nachdem er mit Hülfe seines Nachschlüssels erfahren, was er wissen wollte – hinauf in sein Zimmer, um sich schlafen zu legen.

Am andern Morgen traf er wieder mit seinem Prinzipal zusammen.

Ferdinand Harter fing an, mit ihm über den gestrigen Abend zu sprechen.

»Frau Lemming schien mir gestern sehr übel gelaunt zu sein.«

»Ich aber weiß positiv, daß sie gestern in sehr übler Laune war.«

»Ah, ich kann mirs denken: Malwine hat wieder viele Schulden gemacht und der gute Lemming will sie von dieser Krankheit kurieren.«

»Er greift aber diesmal die Kur sehr ernstlich an; er hat seinem Kassierer die Ordre gegeben, für seine Frau keine Rechnung mehr zu bezahlen.«

»Und jetzt wird sie von den Modewaarenhändlern beunruhigt?«

»Sie drohen sogar, die Dame einzuklagen.«

»Nun, dazu wird Lemming es nicht kommen lassen.«

»Sicher weiß ich das nicht. Er ist ein eigensinniger Kopf.«

»Übrigens giebts in Ungarn keinen Personalarrest wegen Schulden.«

»Heute noch nicht, aber vielleicht morgen: Herr Rath wissen ja, daß unsere Pester Großhändler eine Sturmpetition an das Wiener Ministerium vorbereiten, indem sie behaupten, die Ursache der vielen Bankerotte, wie sie jetzt an der Tagesordnung sind, liege darin, daß man die Schuldner nicht einsperrt, und jetzt kostet es dem Wiener Ministerium bloß einen Bogen Papier, uns mit einem neuen Gesetz zu beschenken.«

»Nur, daß es bis dahin noch ziemlich weit ist.«

»Weit genug für Denjenigen, der Phlegma genug besitzt, durch das Drängen der Gläubiger sich von seinem Lager nicht aufscheuchen zu lassen, sondern den ganzen gesetzlichen Feldzug mit allen seinen Rechtbehelfen bis zum Ende abzuwarten. Nur, daß Frau von Lemming diese Ruhe nicht besaß, sondern sich gleich durch das erste Geklapper ins Bockshorn jagen ließ. Als einem der Gläubiger es einfiel, in den Sprechsaal des »Pester Lloyd« die wohlbekannte Erinnerung einrücken zu lassen: »Frau M. v. L. werden aufgefordert, die bewußten Schulden zu bezahlen,« erschrak Malwine vor dem Skandal und beeilte sich, mit dem ersten besten Gelde, das ihr unter die Hände kam, allen ihren Gläubigern den Mund zu stopfen, indem sie sich zu Ratenzahlungen verpflichtete.«

»Nun, da sind die Quälgeister ja mindestens auf einen Monat eingewiegt, und bis dahin werden die Zeiten sich ja wohl ändern.«

»Nur daß sie hierdurch in eine noch fatalere Lage geraten ist, denn das Geld, womit sie den Lärmschlägern den Mund stopfte, war nicht für diesen Zweck bestimmt. Dies Geld hatte sie im Auftrage jenes wohlthätigen Frauenvereins, von dem auch sie Ausschußmitglied ist, für die Notleidenden gesammelt.«

»Das ist sehr schlimm. Das war ein verwünschter Leichtsinn.«

»Frau Lemming hatte natürlich gedacht, der Verein würde das Geld vor einigen Monaten nicht brauchen. Nun sieht aber der Verein, daß das Elend uns bereits auf den Hals rückt und die Hungernden auf den Straßen umherliegen, deshalb hat er beschlossen, die unentgeltliche Suppenverteilung sogleich zu beginnen und urgiert die Ablieferung der bei den Mitgliedern befindlichen Gelder. Frau Lemming sagte dem Advokaten ihres Mannes, in welcher Klemme sie sei. Aber Lemming zuckte nur die Achseln und antwortete: ›Er könne nicht helfen.‹«

»Wenn es aber herauskommt, daß diese Frau die für wohlthätige Zwecke gespendeten Beiträge, die zur Labung der Hungernden bestimmten Pfennige, verausgabt hat, so ist sie für alle Zeiten in der öffentlichen Meinung zu Grunde gerichtet.«

»Das sagte auch der Advokat Herrn Lemming, erhielt aber darauf zur Antwort: er könne nicht helfen. Bei Lemmings scheint eben eine große Krise im Anzug zu sein, gegen die der Kredit seiner Frau gar nicht in die Wagschale fällt.« Harter kannte die Krise sehr gut. »Und wie hoch mag sich die Summe belaufen?«

»Wie mir der Advokat sagt, sind es über tausend Gulden.«

»Haben wir Geld in der Kasse?«

»Weniger als nichts. Herr Rat wissen, daß heuer auf den Gütern nichts gewachsen ist. Wir sind noch alles schuldig, was wir hätten zahlen sollen. Nur Ihrer hohen Stellung haben wir es zu verdanken, wenn die Leute noch nicht murren. Und auf ein Jahr hinaus haben wir keine andern Einnahmen, als Ihre Amtsgage, und müssen aufs neue die ganze Wirtschaft draußen mit gekaufter Frucht, mit gekauftem Heu und Stroh erhalten. Woher wir das Geld dazu nehmen werden, ist mir ein Rätsel.«

»Ah was! wegen einiger lumpigen tausend Gulden ist ein Harter noch nie in Verlegenheit geraten.«

»Bisher nicht, denn wir hatten die Staatspapiere in Händen, welche Elemers Erbschaft bildeten; jetzt aber, wo wir mit dem jungen Herrn im Prozeß stehen, sind diese Obligationen in richterlichem Verschluß, und wir können sie nicht, wie wir früher zu thun pflegten, in Fausthand geben. Die Wiener Bank kreditiert niemandem in Ungarn und prolongiert nicht einmal die bisherigen Wechsel.«

»Und unser Bankier? wie steht's mit dem?«

»Ach, der Gewisse, dem wir vierundzwanzig Prozent für unsere Wechsel zahlen? Der war nur auf inständiges Bitten zu bewegen, uns die bisherigen Darlehen gegen sechsunddreißig Prozent auch noch ferner zu belassen. Von einem neuen Darlehen will er jedoch nichts wissen; er brauche jeden Groschen, er habe sich mit einem Wiener Konsortium in eine großartige Unternehmung eingelassen.«

»Was für eine Unternehmung kann das sein?«

»Auch das ist mir bekannt. Mehrere Wiener Konsortien konkurrieren um die Erlangung der Saatkornlieferung von einer Million Metzen.«

»Was braucht er dazu Geld? Die Regierung giebt ja selber demjenigen das Geld, den sie mit der Lieferung betrauen wird.«

»Hm! in solchen Fällen giebt es Vorauslagen.«

»Was für Vorauslagen?«

»Auf Wagenschmiere. Auf Trinkgeld.«

»Auf Wagenschmiere? auf Trinkgeld

»Nun ja, ›wer gut schmiert, der gut fährt‹ – sagt das weise deutsche Sprichwort. Dann ist das Trinkgeld etwas, was man nicht bloß im Vorzimmer annimmt, sondern auch im Salon, im Bureau, Boudoir, – selbst im Audienzsaal.«

Um Ferdinand Harters Lippen spielten nervöse Zuckungen. In seinem Audienzzimmer lag auch ein derartiges Trinkgeld. Andjaldy fuhr fort: »Die guten Wiener, das muß man ihnen nachsagen, verstehen sich auf solche Dinge. Und weil sie sich so gut darauf verstehen, so herrscht kein Zweifel, daß ihnen die Herbeischaffung der Million Metzen Saatkorn übertragen werden wird.«

»Sie glauben das? Nur daß hier auch noch andere dreinzureden haben!«

Andjaldy setzte die Unterhaltung nicht weiter fort, sondern sah nach seiner Korrespondenz. Er braucht sich ja nicht einmal die Mühe zu nehmen, das Diarium seines Chefs vom heutigen Tage zu lesen. Er könnte ihm selbst in die Feder diktieren, was derselbe heute darin niederschreiben wird.

»Ah, also die Wiener! Wieder dies habgierige Wien. Auch hier wollen sie dem Ungar den fetten Bissen wegschnappen. Auf Kosten unseres Handels soll der Wiener protegirt werden. Nein, das wollen wir nicht zugeben. Gleiches gegen Gleiches. Den blutigen Schweiß meines Vaterlandes werde ich nicht von Fremden aussaugen lassen ... Et sic porro! u. s. w. u. s. w.!«

Ferdinand Harter wird sich einreden, daß er aus reinem patriotischen Pflichtgefühl handelt, wenn er mit dem vaterländischen Lemming die Wiener Lemmings aus dem Sattel hebt.

Am andern Morgen sagte Harter zu Andjaldy: »Ich bin glücklicher gewesen als Sie. Ich erhielt ein Darlehen. Hier sind tausend Stück Dukaten. Gehen Sie zu einem Bankier, um sie einwechseln zu lassen.«

Um zwölf Uhr begab er sich zu Malwine, um ihr einen Besuch abzustatten. »Ich habe gehört, daß gnädige Frau milde Spenden für die Notleidenden sammeln.« Malwinens Züge erbleichten bei diesen Worten. »Gestatten Sie auch mir, einen Beitrag beizusteuern und auf Ihrem Bogen diese fünfzig Dukaten zu zeichnen.«

Malwine holte den Subskriptionsbogen herbei, auf welchem Harter die fünfzig Dukaten einschrieb. Diese legte er dann, in eine Papierrolle gewickelt, vor sie auf den Tisch und empfahl sich. Malwine nahm rasch die ganze Rolle und eilte damit zum Kassierer des wohlthätigen Frauenvereins. Die Spende kam gelegen. Bis sie erschöpft ist, wartet man vielleicht auf das Uebrige. Sie zeigte dort den Subskriptionsbogen vor, übergab die Rolle und sagte mit dem Gefühl weiblicher Ueberlegenheit dem Kassierer, er möge einstweilen dies hier übernehmen, bis sie mehr bringen könne. Von den unterzeichneten Beiträgen seien viele noch nicht eingezahlt. Der Kassierer öffnete die Rolle, verglich den Inhalt mit dem Subskriptionsbogen und gab dann Malwine – fünf Stück Tausender zurück. Malwine war erstaunt. Plötzlich fiel ihr ein, daß es nicht geraten sei, sich ihr Erstaunen merken zu lassen. Der Papierumschlag, in den die Dukaten eingewickelt waren, bestand aus fünf Tausendern. Erst jetzt war sie inne, was Harter bei ihr zurückgelassen hatte. Jetzt wäre es auch bereits zu spät gewesen, es zurückzugeben.

»Ach, jawohl! das ist mein eigenes Geld. Ich hatte gar nicht gemerkt, daß ich es mit dem anderen in ein Packet gewickelt.«

Glückliche Dame, die es nicht einmal merkt, wo von ihrem Gelde fünf Stück Tausender herumkugeln. Der Sache läßt sich nun einmal nicht mehr abhelfen. Gewiß, das ist höchst fatal. Ein Malheur! Aber es läßt sich ertragen.

Es schien, als beginne mit dem siebenundzwanzigsten Geburtstage Malwinens ein sehr glückliches Jahr. Einige Tage nach Harters Besuch kam Herr Lemming mit einem von Großmut strahlenden Gesicht zu seiner Gattin geeilt und gab ihr zu wissen, daß der notgedrungene Sequester aufgehört habe; der Kassierer hatte bereits die Weisung erhalten, die Rechnungen der gnädigen Frau zu bezahlen. Obwohl das Unternehmen nur zum dritten Teile gelungen ist, denn zwei Drittel mußten an Konkurrenten abgetreten werden, so ist es doch genug, um uns zu gestatten, auf großem Fuß zu leben.

Malwine konnte sich die Genugthuung nicht versagen, Herrn Lemming zu antworten: »Ich danke schön. Aber ich nehme Ihre Güte nicht mehr in Anspruch.«

Darüber war nun Herr Lemming noch mehr erfreut. Den errungenen Erfolg, welchen Herr Lemming seinem glänzenden Finanztalente verdankte, reihte ein pompöser Ball in die Reihe der unvergeßlichen Tage ein; die hervorragendsten Celebritäten und die Schönheiten der Hauptstadt waren zu demselben erschienen. Sämmtliche Lokalblätter brachten auch die Beschreibung der Balltoiletten und das französische Menu des Soupers. – – –

Ein schrecklicher Winter steht vor uns. Nicht vor unserer Einbildungskraft, sondern vor unserm Gedächtnis. Keine menschliche Phantasie vermöchte dem schrecklichen Bilde einen neuen Zug hinzuzufügen, welches die Aufzeichnungen der Thatsachen bis ins kleinste Detail aufgeführt haben.

Ich reihe nur an einander, was die damaligen Mitteilungen aufhäuften. Mehr als zwei Millionen Menschen besaßen zu Anfang des Winters keinen Bissen Brot. Im gesamten Tieflande Ungarns war Stroh das einzige Feuerungsmaterial; so gebrach es an Heizmitteln. Das Wirtschaftsvieh war längst losgeschlagen und auf Kredit konnte man von niemandem etwas bekommen.

Um zu Brot zu gelangen, verschleuderte man sein Bettzeug, seine Hausgeräte, ja sogar seine Kleidungsstücke. Wer einen Käufer fand, verkaufte Haus und Grund für soviel, als ausreichte, seine Familie vom Hungertode zu retten.

Die Einwohner ganzer Dörfer griffen zum Wanderstab und zogen viele Meilen weiter, von der ungarischen Theiß ins Szeklerland Siebenbürgens, oder in die Draugegend Kroatiens. Die Häuser daheim wurden mit Lehm verklebt, Thüren und Fenster verrammelt.

Nun, hierzu sagte man in Ofen: »Das Unglück ist nicht so groß. Wenigstens wird dies hartnäckige Volk mürbe gemacht. Sehet, wie sie jetzt zu Kreuze kriechen und bitten! Vor Hunger stirbt deshalb noch niemand; denn wenn der eine nichts hat, so hat der andere noch etwas und giebt er es nicht freiwillig her, so stiehlt man ihms. Die Herren gehen in sich. Diese ungeschlachten trotzigen Grundherren, die sich nicht beugen wollen vor der Allmacht des Staates. Jetzt zittern sie! denn wenn sie dem hungernden Volke nicht ihren letzten Heller hingeben, so werden sie von ihm aufgefressen. Mögen sie zittern! mögen sie aufgefressen werden!«

Und sie gaben hin, was sie hatten. Überall, wo auf dem Notstandsgebiet ein adliger Hof, eine Besitzung der Geistlichkeit stand, schwärmte das Volk aus und ein. Und das hungernde ungarische Volk war so zahm, zeigte eine so rührende Selbstverleugnung, daß es nicht forderte, nicht tobte, nicht plünderte. Unter zwei Millionen Bettlern befand sich nicht ein einziger Dieb.

Schließlich waren jedoch auch die Schüttböden der Edelhöfe erschöpft, in den Kellern der Klöster hatte man nichts mehr zu verteilen; es gab bereits keine Herren mehr in dem ausgehungerten Lande.

Das wollte man aber nicht glauben. Am wenigsten in den maßgebenden Kreisen.

»Firlefanz! – noch niemand hat in Ungarn einen Menschen gesehen, der vor Hunger gestorben wäre.«

Da ereignete es sich, daß jemand auch einen solchen sehen sollte.

Und dieser jemand war kein aufwieglerischer Rebell, der es liebte, die Gewalthaber zu verleumden; nein, ein wackerer, gottesfürchtiger Klosterprior schrieb in das zahmste, regierungsfreundliche Blatt die Nachricht, daß in Szolnok ein Familienvater am Hungertode gestorben sei. Drei Tage darauf schrieb derselbe fromme Gottesmann aufs neue, daß wieder drei Menschen zum Opfer gefallen. Eine Mutter, welche ihre zusammengebettelten Bissen beständig unter ihre Kinder verteilt hatte und selber verhungert war; ein fleißiger Handwerker, der sich schämte, betteln zu gehen, demnach sechs Tage hindurch keine Nahrung genoß und am siebenten starb; ein Familienvater aus dem Handwerkerstande, der seinen Kindern kein Brot mehr zu geben besaß, und sich, um die Hungerqualen der Kleinen nicht mehr ansehen zu müssen, erhängt hatte. Das übrige Volk sieht bereits, es giebt niemand mehr, den man anbetteln könnte: es klagt nicht, es murrt nicht, sondern legt sich nur hinaus vor die Thüren; es wankt auf den Straßen umher, zieht scharenweise, wie die Wallfahrer bei Ablässen, zu seinen Seelsorgern, um die heiligen Sakramente zu empfangen und zieht dann in Prozessionen durch die Straßen, Leichengesänge anstimmend!

Es war, als hätte man mit dieser Nachricht jedermann ins Gesicht geschlagen. Wie das Urteil des jüngsten Gerichts ging es uns allen mitten durch die Seele, die wir noch überflüssiges Geld hatten und uns nicht beeilten, es unserem dahinsterbenden Volke zur Hilfe zu schicken.

Es nimmt mich keineswegs Wunder, daß sogar die maßgebenden Kreise etwas von der Röte des dem Lande ins Gesicht versetzten Faustschlages empfanden und ich finde den Gemütszustand ganz erklärlich, in welchem Herrn Ferdinand Harter der Auftrag erteilt wurde, über diesen Fall eine strenge Untersuchung anzustellen, welche Untersuchung die beruhigende Berichtigung zum Resultat hatte, daß die auf Befehl der Regierung aus ihren Gräbern ausgegrabenen Toten von den Regierungsärzten obduciert worden seien, wobei sich ergeben habe, daß dieselben allerdings seit mehreren Tagen keine Nahrungsmittel zu sich genommen haben dürften, deshalb aber doch nicht am sogenannten Hungertode gestorben seien, sondern nach dem medizinisch korrekten Ausdrucke an »allgemeiner Entkräftung.« Darauf wurde dann sofort eine Verordnung an die Gemeindenotare erlassen, daß, sollte einer von ihnen noch wagen, in seinem Berichte zu behaupten, in seinem Dorfe sei jemand Hungers gestorben, so habe er zu gewärtigen, fortgejagt und eingesperrt zu werden.

Die Redakteure aber wurden verständigt, daß, wer von ihnen sich einfallen ließe, in seinem Blatte eines Todesfalles durch Hunger Erwähnung zu thun, darauf rechnen könne, von der Regierung gleichfalls mit Brot versorgt zu werden, nämlich mit solchem, wie es die Gefangenen bekommen. Infolge dieser energischen Maßregeln war es natürlich jedem unmöglich geworden, noch ferner im Lande vor Hunger zu sterben.

Diese Schreckensgerüchte rüttelten jedoch das öffentliche Bewußtsein aus dem Schlafe empor.

Herren und Damen liefen die Straßen der Städte auf und ab, Almosen zu betteln für die hungernden Mitbürger; Studenten und Handwerksgesellen schossen unter sich ihre Groschen zusammen. Kluge Leute, ernsthafte Männer, gebildete Fräulein übten Theaterstücke ein, führten sie auf, sangen, deklamierten; wo das nicht geschah, arrangierte man Bälle und wie der Italiener, den die Tarantel sticht, so lange tanzt, bis er das Gift weggetanzt hat, so tanzten wir so lange, bis wir das Geld zusammengetanzt hatten.

Wem wäre von 1863 der Bazar der Pester Frauen nicht in Erinnerung geblieben? Es giebt Träume, die man nie vergißt.

Ein solcher Traum ist's, daß einmal am Donauufer ein glänzender orientalischer Bazar stand, in dessen zwei Budenreihen die schönsten Frauen der Welt Zuckerwaren, Putzgegenstände, Parfümerien, Souvenirs und Nippsächelchen verkauften; Schönheiten, gehoben durch Rang, Reichtum und Herzensadel, die sich dort hinstellten, um das Publikum zu bedienen und Erfrischungen auszuschenken. Dem armen Studenten für zehn Kreuzer, dem Kavalier für hundert Gulden das Glas. –

»Was soll nur dieser große Lärm und dies Geldeinsammeln?« fragte die leitende Persönlichkeit der maßgebenden Kreise.

»Ich glaube,« erwiderte Ferdinand Harter, »es ist dies nur Maskenspiel; gewisse malkontente Kreise sammeln unter diesem Vorwand Geld für revolutionäre Zwecke zum Ankaufe von Waffen und Werbebureaus.«

Ferdinand Harter mußte an das glauben, was er sagte. Diese unzufriedenen Kreise kauften aber weder Waffen noch Uniformen, sondern Mehl und Getreide, und da zum Geld niemand mehr Vertrauen hatte, so backten sie gleich in facie loci Brot daraus und schickten die Laibe zu Tausenden wagenweise in die Notstandsgegenden. Sie errichteten Volksküchen, öffentliche Backöfen; zu den einen stellten sich die Damen, zu den andern die Grundherren selbst hin, mit dem Kochlöffel, mit der Backschaufel; sie teilten selbst die Speisen aus, schnitten selbst den Armen das Brot ab, und – Ruhm und Ehre der Nation dafür! – von da an starb im ganzen großen Ungarlande kein Mensch mehr vor Hunger.

Wie aber die maßgebenden Kreise? die haben doch auch was gethan? standen ihnen doch 20 000 000 Gulden Landesanleihen zu Gebote! Von dem, was diese thaten, laßt nicht mich erzählen. Statt meiner rede das Reichsdiarium der darauf folgenden Jahre. Ein Redner sprach also im Unterhaus:

»Wissen wir nicht, wie segensreich im Jahre 1863 die Regierung ihre Wohlthaten austeilte? Durch wie viele Retorten die Lebensmittel hindurchgingen? So daß aus dem Weizen zuletzt Hafer wurde, der, als man ihn säete, nicht einmal aufging; die Gelder aber bekamen die Eigenschaft des Leims, überall kleben zu bleiben, so daß nur ein geringer Teil in die Taschen der armen Notleidenden gelangte und dorthin auch nur, um von den aufgestellten Finanzwächtern ihnen abgenommen und an den Born dieser Mildthätigkeit zurückgeleitet zu werden. Die Zahl der begangenen Mißbräuche war Legion.«

Doch – Pardon! Ich nehme jetzt erst wahr, daß es mir passiert ist, mein Citat der Rede eines Mitgliedes der Linken zu entnehmen; nicht doch, seien wir gerecht. Wie urteilte man von der Sache auf der anderen Seite?

Hören wir die Meinung der besonnensten Patrioten.

Einer von ihnen äußerte sich in folgender Weise:

»Ich will nicht von den Mißbräuchen reden, die im Jahre 1863 begangen wurden. Es waren ohne Zweifel ihrer sehr viele. Das Ganze wurde unzweckmäßig geleitet, und ich halte die Menschen, welche ihren hungernden Mitmenschen das Brot aus dem Munde stahlen, nicht nur Dieben, sondern auch Kirchenräubern gleich. Es ist mein fester Glaube, daß der Monarch, gewitzigt durch die unglücklichen Vorgänge von damals, solche Männer und Werkzeuge wählen wird, welche derartiger Schändlichkeiten nicht fähig sind. Und gäbe es solche, die dergleichen fähig wären, so glaube, hoffe und erwarte ich von der Gerechtigkeitsliebe des Monarchen, daß seine Macht sie nicht ungestraft würde ausgehen lassen. Und es würde der Reichstag über sie zu Gericht sitzen und wenn ihre Gewissen schon so sehr abgestumpft wären, daß dies keine Strafe für sie schiene und sie die Qual davon nicht empfänden – so würde der Fluch des Volkes sie bestrafen!!!«

Und der so gesprochen, das war kein turbulenter Hitzkopf, kein unüberlegter jugendlicher Redner, noch ein phantastischer Dichter, – es war Franz von Deak.

Ferdinand Harter hatte in diesem Jahre der Not alle seine Appartements neu möblieren lassen. Statt der altmodischen Bilder – die altmodischen Patrioten; siehe Kapitel V. – hat er sich Werke berühmter Meister angeschafft, teure Majolikagefäße, hetrurische Vasen, keltische Antiquitäten, Chefd'oeuvres aus getriebenem Silber; seine Zimmer forderten Bewunderung des eintretenden Besuchers durch überraschende, wunderbare Schaustücke heraus; sie riefen ihm zu: überallhin kannst Du Deine staunenden Blicke werfen, nur nicht ins Auge des Hausherrn!

Diesem war in der That jetzt nicht gut ins Auge zu sehen.

Glauben Sie mir, nur der erste Schritt kostet Überwindung – beim Manne wie beim Weibe. Nur das Annehmen des ersten erniedrigenden Geschenkes entrinnt der Seele Angstschweiß; das Übrige verursacht keine Schmerzen mehr.

Der ins Wasser Springende denkt, ich werde ja auf festen Grund kommen, da arbeite ich mich wieder empor und schwimme ans Ufer. Er täuscht sich aber. Denn er findet keinen festen Grund, sondern Seegras, das ihn umstrickt und hinabzieht, immer tiefer, bis es ihn zuletzt verschlingt.

O, wie viele sind schon erstickt in diesem Seegras!

*

 

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