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Die Möwe

Anton Tschechow: Die Möwe - Kapitel 5
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typedrama
authorAnton Tschechow
titleDie Möwe
publisher
firstpub1896
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
senderkoch.text@t-online.de
created20091012
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Vierter Aufzug

 

Zwischen dem dritten und vierten Akt liegt ein Zwischenraum von zwei Jahren.

 

Salon im Hause Ssorins, den Konstantin Treplew in sein Arbeitszimmer umgewandelt hat. Rechts und links Türen, die in die inneren Räume führen. Geradeaus eine Glastür auf die Terrasse. Außer den üblichen Salonmöbeln ein Schreibtisch in der rechten Ecke, an der linken Tür ein türkischer Diwan, ein Bücherschrank, Bücher auf den Fensterbrettern und Stühlen. Es ist Abend. Eine einzige Lampe mit einem Schirm. Halbdunkel. Man hört, wie die Bäume rauschen und der Wind in den Schornsteinen heult. Der Wächter klopft.

 

Medwjedenko und Mascha treten auf..

Mascha ruft: Konstantin Gawrilowitsch! Konstantin Gawrilowitsch! Sieht sich um. Niemand da. Der Alte fragt jeden Augenblick: Wo bleibt Konstantin, wo bleibt Konstantin? … Er kann nicht ohne ihn leben …

Medwjedenko: Er fürchtet sich, allein zu bleiben. Hinaushorchend. Was für ein abscheuliches Wetter! Das hält schon zwei Tage so an.

Mascha schraubt die Lampe hoch: Auf dem See ist es so stürmisch. Die Wellen gehen so hoch.

Medwjedenko: Im Garten ist's finster. Man sollte doch anordnen, daß dieses Theater im Garten abgebrochen wird. Es steht so kahl da, so häßlich, wie ein Skelett, und der Vorhang flattert im Winde+… Als ich gestern abend vorüberging, war mir's, als ob jemand darin weinte.

Mascha: Ach, was …

Pause.

Medwjedenko: Komm, Mascha, fahren wir nach Hause.

Mascha schüttelt verneinend den Kopf: Ich bleibe heute nacht hier.

Medwjedenko flehend: Mascha, laß uns fahren! Unser Kindchen ist ganz gewiß hungrig.

Mascha: Unsinn, Matrjena wird ihm schon zu essen geben.

Pause.

Medwjedenko: Mir tut es so leid. Schon die dritte Nacht ist's ohne Mutter.

Mascha: Du bist recht langweilig geworden. Früher hast du wenigstens mal philosophiert, und jetzt hört man von dir nichts weiter als: das Kind, nach Hause, das Kind …

Medwjedenko: Fahren wir nach Hause, Mascha.

Mascha: Fahr allein.

Medwjedenko: Dein Vater gibt mir keinen Wagen.

Mascha: Bitt' ihn; vielleicht tut er's.

Medwjedenko: Gut. Ich will ihn bitten. Du kommst also morgen?

Mascha schnupft: Ja doch, morgen. Laß mich schon.

Treplew und Polina Andrejewna treten auf. Treplew trägt Betten und Decken, und Polina Andrejewna Bettwäsche; sie legen alles auf den türkischen Diwan, dann geht Treplew an den Tisch und setzt sich.

Mascha: Wozu ist das, Mama?

Polina Andrejewna: Pjotr Nikolajewitsch hat gebeten, man möchte hier, in Kostjas Zimmer, das Bett machen.

Mascha: Laß mich das machen. Macht das Bett zurecht.

Polina Andrejewna seufzend: Alte Leute sind wie die Kinder …

Nähert sich dem Schreibtisch und blickt, auf den Ellenbogen gestützt, in ein Manuskript. Pause.

Medwjedenko: So, ich gehe also. Leb wohl, Mascha. Küßt seiner Frau die Hand. Leben Sie wohl, Mama. Will ihr die Hand küssen.

Polina Andrejewna ärgerlich: Nun, geh schon, mit Gott.

Medwjedenko: Leben Sie wohl, Konstantin Gawrilowitsch.

Treplew reicht ihm schweigend die Hand. Medwedenko geht ab.

Polina Andrejewna in das Manuskript sehend: Niemand hätte gedacht, daß aus Ihnen, Kostja, ein richtiger Schriftsteller wird. Und jetzt, Gott sei's gedankt, schickt man Ihnen sogar Geld von den Journalen. Streichelt ihm das Haar. Und so schön sind Sie geworden. Lieber, guter Kostja, seien Sie doch ein bißchen herzlicher mit meiner Maschenka!

Mascha während sie das Bett macht: Lassen Sie ihn doch, Mama.

Polina Andrejewna: Sie ist so nett. Pause. Eine Frau, Kostja, braucht nicht viel, nur freundlich anzusehen braucht man sie. Ich kenne das von mir selbst.

Treplew steht auf und geht schweigend ab.

Mascha: So, nun haben Sie ihn noch erzürnt. Was brauchten Sie so aufdringlich zu sein?

Polina Andrejewna: Ich bedaure dich herzlich, Maschenka.

Mascha: Sehr nötig.

Polina Andrejewna: Mein Herz ist voller Gram um dich. Ich seh' doch alles, versteh' alles.

Mascha: Alles Unsinn! Hoffnungslose Liebe kommt nur in Romanen vor. Albernheiten. Man darf sich nur nicht gehenlassen., nicht auf etwas warten, nicht vom Meer gut Wetter verlangen. Hat sich Liebe im Herzen eingenistet, so muß sie eben heraus. Man will jetzt meinen Mann in einen anderen Kreis versetzen. Wenn wir dahin ziehen – werde ich alles vergessen, alles mit der Wurzel aus dem Herzen reißen.

Zwei Zimmer weiter wird ein melancholischer Walzer gespielt.

Polina Andrejewna: Kostja spielt. Er ist also traurig.

Mascha macht geräuschlos ein paar Walzerschritte: Die Hauptsache, Mama, ist, ihn nicht vor Augen zu haben. Wenn erst mein Ssemjon versetzt ist – glauben sie mir, dann vergeß' ich alles in einem Monat. Alles Unsinn.

Die Tür links geht auf. Dorn und Medwjedenko rollen Ssorin in einen Sessel herein.

Medwjedenko: Ich habe jetzt sechs Personen im Haus. Und das Mehl kostet siebzig Kopeken das Pud.

Dorn: Da heißt es sich drehen und winden.

Medwjedenko: Sie haben gut lachen. Sie haben Geld wie Heu.

Dorn: Geld! In all den dreißig Jahren schwerer Praxis, während deren ich nie, weder bei Tag noch bei Nacht, mir je selbst gehörte, habe ich mir kaum zweitausend Rubel erspart, und auch die sind vor kurzem im Ausland draufgegangen. Ich besitze nichts.

Mascha zu ihrem Gatten: Du bist noch hier?

Medwjedenko schuldbewußt: Was denn? Wenn ich keinen Wagen bekomme.

Mascha mit Bitterkeit, halblaut: Nicht sehen möcht' ich dich am liebsten.

Der Rollstuhl bleibt in der linken Hälfte des Zimmers stehen. Polina Andrejewna: , Mascha und Dorn setzen sich daneben, Medwjedenko geht traurig auf die Seite.

Dorn: Wie sich hier alles verändert hat! Aus dem Salon ist ein Arbeitszimmer geworden.

Mascha: Konstantin Gawrilowitsch hat's hier bequemer zum Arbeiten. Er kann in den Garten gehen, wenn er will, um dort nachdenken.

Ssorin: Wo bleibt denn meine Schwester?

Dorn: Sie ist zur Bahn gefahren, um Trigorin abzuholen. Sie kommt bald wieder.

Ssorin: Wenn Sie es für nötig hielten, meine Schwester kommen zu lassen, so heißt es doch: ich bin gefährlich krank. Nach einer Pause. Eine merkwürdige Geschichte: Ich bin gefährlich krank und bekomme doch gar keine Arznei.

Dorn: Was möchten Sie denn? Baldriantropfen? Natron? Chinin?

Ssorin: Nun, da geht schon die Philosophie los, welche Strafe! Zeigt auf den Diwan. Ist das für mich gebettet?

Polina Andrejewna: Für Sie, Pjotr Nikolajewitsch.

Ssorin: Ich danke Ihnen.

Dorn singt: »Es gleitet der Mond am nächtlichen Himmel …«

Ssorin: Ich will Kostja einen Stoff für eine Erzählung geben. Sie soll heißen »Der Mensch, der da wollte« – »L'homme qui a voulu«. Als ich jung war, wollte ich Schriftsteller werden – und wurde es nicht, wollte gut sprechen lernen – und sprach abscheulich – sich selbst nachahmend »und so und so … und dies und jenes«, quälte mich zuweilen mit einem Resümee so ab, daß mir der Schweiß aus den Poren trat, wollte mich verheiraten – und bin ledig geblieben, wollte in der Stadt leben – und beschließe mein Leben im Dorfe und so …

Dorn: Wollte Wirklicher Staatsrat werden – und bin es geworden.

Ssorin lacht: Nein, danach habe ich nie gestrebt. Das kam so von selbst.

Dorn: Mit zweiundsechzig Jahren seine Unzufriedenheit mit dem Leben zu äußern – das ist, sagen Sie selbst, nicht gerade großmütig.

Ssorin: Was für ein Starrsinn! Begreifen Sie doch, ich will noch leben!

Dorn: Das ist Leichtsinn! Nach den Naturgesetzen muß jedes Leben ein Ende nehmen.

Ssorin: Sie sprechen wie ein satter Mensch. Sie sind satt und darum gleichgültig gegen das Leben. Ihnen ist alles gleich. Aber das Sterben wird Ihnen furchtbar sein.

Dorn: Die Angst vor dem Tode ist eine tierische Angst … Man muß sie überwinden. Bewußt fürchten den Tod nur jene, die an ein Jenseits glauben und Strafe für ihre Sünden fürchten. Aber Sie glauben erstens nicht – und zweitens, was für Sünden haben Sie? Sie haben fünfundzwanzig Jahre im Justizdienst gestanden – das ist alles.

Ssorin lacht: Achtundzwanzig …

Treplew kommt und setzt sich auf ein Bänkchen zu Ssorins Füßen. Mascha wendet keinen Blick von ihm ab.

Dorn: Wir stören Konstantin Gawrilowitsch bei seiner Arbeit.

Treplew: Durchaus nicht.

Pause.

Medwjedenko: Gestatten Sie, Doktor, eine Frage: welche Stadt im Ausland hat Ihnen am besten gefallen?

Dorn: Genua.

Treplew: Warum Genua?

Dorn: Dort ist das Menschengewühl auf der Straße so prächtig. Tritt man abends aus dem Hotel, dann ist die ganze Straße von Menschen überfüllt. Man läßt sich von der Menge ganz ziellos hin- und hertreiben, immer im Zickzack, man lebt mit ihr, wird physisch eins mit ihr und beginnt zu glauben, daß es in der Tat eine Weltseele gibt, so in der Art, wie sie damals Nina Saretschnaja in Ihrem Stücke spielte. A propos! Wo ist jetzt die Saretschnaja? Wo ist sie? Und wie geht es ihr?

Treplew: Hoffentlich gut.

Dorn: Man sagte mir, sie habe ein merkwürdiges Leben geführt. Was ist daran?

Treplew: Das ist eine lange Geschichte, Doktor.

Dorn: Dann fassen Sie sie kurz.

Pause.

 

Treplew: Sie ist von zu Hause fortgelaufen und lebte mit Trigorin zusammen. Das wissen Sie.

Dorn: Ja.

Treplew: Sie bekam ein Kind. Das Kind starb. Trigorin ließ sie sitzen und kehrte zu seinen früheren Neigungen zurück, was auch zu erwarten war. Übrigens hatte er die andere nie ganz aufgegeben, sondern sich in seiner Charakterlosigkeit hier [und] dort zugleich einzurichten gewußt. Soweit ich's nach dem, was ich weiß, beurteilen kann, ist Ninas persönliches Leben ganz und gar verfehlt.

Dorn: Und die Bühne?

Hier ging's ihr anscheinend noch schlimmer. Sie trat zuerst auf einem Sommertheater in einer Moskauer Vorstadt auf. Dann ging sie in die Provinz. Ich ließ sie nicht aus den Augen, und eine Zeitlang reiste ich ihr überallhin nach. Sie trat stets in großen Rollen auf, spielte jedoch plump und geschmacklos, mit hohlem Pathos und eckigen Gesten. Es gab wohl Momente, in denen ihr ein Aufschrei, eine Sterbeszene gut gelang, aber das waren eben nur Momente.

Dorn: Also scheint doch Begabung vorhanden?

Treplew: Man wurde nicht recht klug daraus. Es muß wohl Talent da sein. Ich sah sie, aber sie wollte mich nicht sehen, und ihre Bedienung ließ mich bei ihr nicht vor. Ich konnte ihre Stimmung begreifen und bestand nicht auf der Begegnung.

Pause.

Was soll ich noch sagen? Später, als ich wieder heimgekehrt war, bekam ich öfters Briefe von ihr. Verständige, herzliche, interessante Briefe. Sie klagte nicht, aber ich fühlte, wie tief unglücklich sie war; jede Zeile ein kranker, gespannter Nerv. Und die Phantasie ein wenig verworren. Sie unterschrieb als »Die Möwe«. In der »Nixe« nennt sich der Müller einen Raben und so wiederholt sie in den Briefen immer wieder, daß sie eine Möwe ist. Jetzt ist sie hier.

Dorn: Was heißt das – hier?

Treplew: In der Stadt, in einem Gasthaus. Schon seit fünf Tagen bewohnt sie da ein kleines Zimmer. Ich bin zu ihr hingefahren, und auch Marja Iljinischna war dort, aber sie empfängt niemand. Ssemjon Ssemjonowitsch versichert, sie gestern auf dem Felde, zwei Werst von hier, gesehen zu haben.

Medwjedenko: Ja, ich habe sie gesehen. Sie ging in jener Richtung, nach der Stadt zu. Ich begrüßte sie und fragte, weshalb sie nicht zu uns komme. Sie sagte, sie werde kommen.

Treplew: Sie wird nicht kommen. Pause. Ihr Vater und die Stiefmutter wollen nichts von ihr wissen. Überall haben sie Wächter hingestellt, damit sie nicht einmal in die Nähe des Gutshofes kommen kann. Geht mit dem Doktor vom Schreibtisch weg. Wie leicht ist's doch, Doktor, auf dem Papier Philosoph zu sein, und wie schwer ist's im Leben!

Ssorin: Ein entzückendes Mädchen war sie.

Dorn: Wie meinen Sie?

Ssorin: Ein entzückendes Mädchen war sie, sagte ich! Der Wirkliche Staatsrat war sogar eine Zeitlang in sie verliebt.

Dorn: Alter Verführer!

Man hört Schamrajew lachen.

Polina Andrejewna: Unsere Herrschaften scheinen von der Bahn zurück zu sein.

Treplew: Ja, ich höre Mamas Stimme.

Arkadina und Trigorin treten ein, ihnen folgt Schamrajew.

Schamrajew im Hereinkommen: Wir werden alle alt, wir verwittern unter dem Einfluß der Elemente, aber Sie, Verehrteste, sind noch immer jung … Ein helles Jäckchen ... und die Lebhaftigkeit, die Grazie …

Arkadina: Sie wollen mir's mit Ihrem bösen Blick antun, Sie langweiliger Mensch!

Trigorin zu Ssorin: Guten Tag, Pjotr Nikolajewitsch. Was ist mit Ihnen, daß Sie immer kränkeln? Nicht recht von Ihnen. Mascha bemerkend, freudig: Marja Iljinischna!

Mascha: Erkennen Sie mich noch? Drückt ihm die Hand.

Trigorin: Sind Sie verheiratet?

Mascha: Schon lange.

Trigorin: Glücklich?

Begrüßt Dorn und Medwjedenko, dann unschlüssig zu Treplew.

Irina Nikolajewna sagte, daß Sie das Alte vergessen haben und mir nicht mehr zürnen.

Treplew reicht ihm die Hand.

Arkadina: zum Sohn: Boris Alexejewitsch hat da eine Zeitschrift mit deiner neuen Erzählung mitgebracht.

Treplew: nimmt das Buch, zu Trigorin: Ich danke Ihnen. Sehr liebenswürdig. Setzt sich.

Trigorin: Ihre Verehrer lassen Sie grüßen … In Petersburg und Moskau interessiert man sich allgemein für Sie, man fragt mich viel nach Ihnen. Man fragt, was für ein Mensch Sie sind, wie alt, ob brünett oder blond. Sie vermuten alle, weiß Gott warum, daß Sie nicht mehr jung sind. Aber niemand kennt Ihren wirklichen Namen, da Sie ja unter einem Pseudonym schreiben. Sie sind geheimnisvoll wie die eiserne Maske.

Treplew: Sind Sie für lange Zeit zu uns gekommen?

Trigorin: Nein, morgen gleich will ich nach Moskau. Ich muß hin. Ich habe eine Erzählung zu beenden, die ich für einen Almanach versprochen habe. Mit einem Wort, die alte Geschichte.

Während sie sprechen, stellen Arkadina und Polina Andrejewna einen Kartentisch in die Mitte des Zimmers und ziehen ihn aus: Schamrajew zündet die Kerzen an, stellt die Stühle herum. Aus dem Schrank wird ein Lottospiel geholt.

Trigorin: Das Wetter hat mich unfreundlich begrüßt. Ein so rauher Wind. Falls er sich legt, will ich morgen früh angeln gehen. Auch möcht' ich mal den Garten sehen und den Platz, wissen Sie, wo Ihr Stück gespielt wurde. Ein neuer Stoff für eine Erzählung ist in mir reif geworden; ich mußte nur den Ort, wo sie spielt, in meiner Erinnerung auffrischen.

Mascha: Papa, laß doch meinem Mann einen Einspänner geben! Er muß nach Hause.

Schamrajew höhnisch: Einen Einspänner … nach Hause … Hat doch selbst gesehen; eben sind wir von der Bahn gekommen. Ich kann die Tiere nicht nochmals hetzen.

Mascha: Es sind doch noch andere Pferde da … Da der Vater schweigt, macht sie mit der Hand eine verächtliche Gebärde. Mit euch soll man sich einlassen …

Medwjedenko: Ich geh' zu Fuß, Mascha. Wirklich …

Polina Andrejewna: Zu Fuß bei dem Wetter! … Setzt sich an den Kartentisch. Bitte sehr, meine Herrschaften!

Medwjedenko: Es sind ja nur sechs Werst … Leb wohl. Küßt seiner Frau die Hand. Leben sie wohl, Mama! Die Schwiegermutter reicht ihm unwillig die Hand zum Kuß hin. Ich würde niemand weiter belästigen, aber das Kindchen … Verneigt sich vor allen. Leben Sie wohl!

Ab. Sein Gang hat etwas Schuldbewußtes..

Schamrajew: Wird schon hinkommen. Ist kein General.

Polina Andrejewna klopft auf den Tisch: Bitte sehr, meine Herrschaften, wir wollen keine Zeit verlieren, das Abendbrot ist bald bereit.

Schamrajew, Mascha und Dorn setzen sich an den Tisch.

Arkadina zu Trigorin: Wenn die langen Herbstabende beginnen, wird hier im Lotto gespielt. Geben Sie. Ein altes Lotto. Unsere selige Mutter spielte noch mit uns damit, als wir klein waren. Wollen Sie nicht vor dem Abendbrot noch eine Partie mit uns machen? Setzt sich mit Trigorin an den Tisch. Ein langweiliges Spiel, wenn man sich aber einmal daran gewöhnt, dann geht's. Gibt jedem drei Karten.

Treplew durchblättert die Zeitschrift: Seine Erzählung hat er gelesen, meine dagegen nicht einmal aufgeschnitten! Legt die Zeitschrift auf den Schreibtisch, wendet sich dann zur linken Tür; an der Mutter vorübergehend, küßt er sie auf den Kopf.

Arkadina: Und du, Kostja?

Treplew: Verzeih, ich habe keine Lust … ich will ein bißchen spazierengehen. Ab.

Arkadina: Der Einsatz beträgt zehn Kopeken. Setzen Sie für mich, Doktor.

Dorn: Mit Vergnügen.

Mascha: Haben alle gesetzt? Ich fange an … Zweiundzwanzig …

Arkadina: Hier.

Mascha: Drei!

Dorn: Ja, hier.

Mascha: Haben Sie schon drei? Acht! Einundachtzig! Zehn!

Schamrajew: Nicht so eilig!

Arkadina: Wie man mich in Charkow gefeiert hat, meine Lieben! Bin heut noch ganz schwindlig davon.

Mascha: Vierundvierzig.

Hinter der Bühne ein melancholischer Walzer.

Arkadina: Die Studenten haben mir eine Ovation gebracht. Drei Blumenkörbe, zwei Kränze und das da … Nimmt von der Brust eine Brosche und wirft sie auf den Tisch.

Schamrajew: Ja, das ist 'ne Sache …

Mascha: Fünfzig.

Dorn: Genau fünfzig?

Arkadina: Ich hatte eine wundervolle Robe an. Na ja, ich versteh' mich auch zu kleiden.

Polina Andrejewna: Kostja spielt. Kostja ist traurig, der Arme.

Schamrajew: In den Zeitungen wird arg auf ihn geschimpft.

Mascha: Siebenundsiebzig!

Arkadina: Daraus darf er sich nichts machen.

Trigorin: Er hat kein Glück. Er kann immer noch seinen Ton nicht finden. Etwas Seltsames, Unausgesprochenes ist es, bisweilen sogar wie Fieberphantasien. Nicht eine einzige lebendige Figur.

Mascha: Elf!

Arkadina sich nach Ssorin umsehend: Du langweilst dich, Petruscha?

Pause.

Er schläft.

Dorn: Der Wirkliche Staatsrat schläft.

Mascha: Sieben! Neunzig!

Trigorin: Wenn ich auf einem solchen Gut leben könnte, so an einem See – würde ich dann überhaupt noch schreiben? Ich würde diese Leidenschaft in mir unterdrücken und nur noch angeln.

Mascha: Achtundzwanzig!

Trigorin: Einen Barsch oder Schlei fangen – welche Seligkeit ist das!

Dorn: Und ich glaube an Konstantin Gawrilowitsch. Es steckt was in ihm, er denkt in Bildern, seine Erzählungen sind farbig und leuchtend, und ich empfinde sie stark. Schade nur, daß er sich keine bestimmten Aufgaben stellt. Er bringt eine Impression hervor … nichts weiter, aber mit der Impression allein kommt man nicht weit. Irina Nikolajewna, freuen Sie sich, daß Ihr Sohn Schriftsteller ist?

Arkadina: Stellen Sie sich vor, ich habe noch nichts von ihm gelesen. Hatte nie die Zeit dazu.

Mascha: Sechsundzwanzig!

Treplew kommt herein und geht an seinen Tisch.

Schamrajew zu Trigorin: Bei uns ist noch ein Gegenstand von Ihnen zurückgeblieben, Boris Alexejewitsch.

Trigorin: Was denn?

Schamrajew: Konstantin Gawrilowitsch hatte mal eine Möwe

geschossen, und Sie beauftragten mich, sie ausstopfen zu lassen.

Trigorin: Ich kann mich nicht erinnern. Nachdenklich. Ich kann mich nicht erinnern.

Mascha: Sechsundsechzig! Eins!

Treplew das Fenster aufreißend: Wie finster das ist! Ich versteh' nicht, warum ich eine solche Unruhe empfinde.

Arkadina: Kostja, schließ bitte das Fenster, es zieht ja.

Treplew schließt das Fenster.

Mascha: Achtundachtzig!

Trigorin: Meine Herrschaften, ich hab' gewonnen.

Arkadina fröhlich: Bravo, Bravo!

Schamrajew: Bravo!

Arkadina: Dieser Mensch hat immer und überall Glück. Aber jetzt wollen wir einen Imbiß zu uns nehmen. Unsere Berühmtheit hat heute noch nicht zu Mittag gespeist. Nach dem Abendbrot wollen wir weiterspielen. Zum Sohn. Kostja, laß deine Manuskripte, wir wollen essen.

Treplew: Danke, Mama, ich bin satt.

Arkadina: Wie du willst. Weckt Ssorin. Petruscha, wir wollen zu Abend essen. Nimmt Schamrajews Arm. Ich will Ihnen erzählen, wie man mich in Charkow gefeiert hat …

Polina Andrejewna löscht die Kerzen aus, dann schiebt sie zusammen mit Dorn den Sessel. Alle gehen durch die linke Tür ab; auf der Bühne bleibt Treplew allein am Schreibtisch sitzen.

Treplew schickt sich an, zu schreiben; liest das bereits Geschriebene durch: Ich habe so viel von neuen Formen gesprochen und fühle nun, daß ich nach und nach in die Routine hineingerate. »Das Plakat auf dem Zaune lautete … Ein blasses Gesicht, von dunklen Haaren umrahmt … lautete … umrahmt ...« Das klingt fade. Streicht durch. Ich will damit anfangen, wie das Rauschen des Regens den Helden weckte, alles andere lasse ich weg. Die Beschreibung der Mondnacht ist zu lang und zu gesucht. – Trigorin hat sich eine bestimmte Manier angeeignet, er hat's leicht. Bei ihm braucht auf der Schleuse nur der Hals einer zerbrochenen Flasche zu glänzen und der Schatten des Mühlrades zu dunkeln, und eine ganze Mondnacht ist fertig. Ich aber brauche zitterndes Licht, das Glitzern der Sterne und ferne Klaviertöne, die in der stillen, duftenden Luft ersterben … Das ist qualvoll.

Pause.

Ja, ich komme immer mehr zu der Überzeugung, daß das Wesentliche nicht in neuen oder alten Formen liegt, sondern darin, daß man schreibt, ohne an Formen zu denken, nur weil es aus der Seele kommt. Jemand klopft an das Fenster beim Tisch. Was ist das? Sieht aus dem Fenster. Nichts zu sehen … Öffnet die Glastür und sieht in den Garten. Es ist jemand die Stufen hinuntergelaufen. Ruft. Wer ist da? Geht hinaus. Man hört, wie er rasch über die Terrasse geht. Einen Augenblick später tritt er mit Nina Saretschnaja ein. Nina! Nina!

Nina legt den Kopf an seine Brust und schluchzt leise.

Treplew: Nina, Nina, Sie sind es … Als wenn ich's geahnt hätte! Meine Seele war den ganzen Tag so von schmerzlicher Sehnsucht erfüllt … Nimmt ihr Hut und Umhang ab. Oh, meine Gute, meine Herrliche! Sie ist doch gekommen! Wir wollen nicht weinen, nein …

Nina: Es ist jemand da …

Treplew: Nein, niemand …

Nina: Verschließen sie die Tür, sonst kommt noch jemand.

Treplew: Niemand wird kommen.

Nina: Ich weiß, Irina Nikolajewna ist hier. Schließen Sie die Tür ab.

Treplew schließt die Tür rechts ab und geht zur Linken. Hier ist kein Schloß, ich will aber einen Sessel davorstellen. Schiebt den Sessel hin. Haben Sie keine angst, es kommt niemand.

Nina sieht ihm lange ins Gesicht: Lassen Sie sich ansehen. Blickt um sich. Hier ist es gemütlich … Damals war hier der Salon. Hab' ich mich sehr verändert?

Treplew: Ja … Sie sind magerer geworden, und Ihre Augen sind so groß. Nina, wie seltsam, daß ich Sie wiedersehe! Warum ließen Sie mich nicht vor? Warum sind Sie bis heut nicht gekommen? Ich weiß, Sie wohnen hier schon fast eine Woche.

Ich bin jeden Tag ein paarmal zu Ihnen gegangen, habe wie ein Bettler vor Ihrem Fenster gestanden.

Nina: Ich fürchtete, daß Sie mich hassen. Ich träume jede Nacht davon, daß Sie mich ansehen und nicht wiedererkennen. Wenn Sie wüßten … Seit meiner Ankunft geh' ich immer hier umher – am See. Ich war schon mehrere male in der Nähe Ihres Hauses, hatte aber nicht den Mut, einzutreten. Wir wollen uns setzen. Sie setzen sich. Wir wollen uns setzen und viel, viel miteinander sprechen … Es ist gut hier, so war, so behaglich ...Hören Sie den Wind? Bei Turgenjew steht irgendwo: »Wohl dem, der in solchen Nächten unter einem Dache sitzt, der einen warmen Winkel hat.« Ich bin – die Möwe – – nein, das ist's nicht. Reibt sich die Stirn. Was wollte ich sagen? Ja … Turgenjew! »Und Gott erbarme sich aller obdachlosen Wanderer.« Das ist's nicht. Schluchzt.

Treplew: Nina, Sie weinen wieder ... Nina!

Nina: Tut nichts, es wird mir leichter davon. Ich habe schon zwei Jahre nicht geweint. Gestern, spät am Abend, kam ich hier in den Garten, um zu sehen, ob unser Theater noch da ist. Und es steht immer noch da. Ich konnte zum erstenmal seit zwei Jahren weinen, und es wurde mir freier ums Herz und klarer in der Seele. Sehen sie, ich weine nicht mehr. Faßt seine Hand. Und Sie sind inzwischen ein Schriftsteller geworden. Sie Schriftsteller und ich Schauspielerin … Beide sind wir in den Strudel hineingeraten … Ich lebte so froh, so kindlich – wenn ich in der Frühe erwachte, sang ich vor Freude, ich liebte sie und träumte von Ruhm, und jetzt? Morgen früh fahre ich nach Jelez … dritter Klasse, mit den Bauern zusammen, und in Jelez werden die gebildeten Kaufleute mich mit ihren Liebenswürdigkeiten belästigen. Das Leben ist roh!

Treplew: Warum fahren sie nach Jelez?

Nina: Ich habe dort ein Engagement für den ganzen Winter angenommen. Es ist Zeit, daß ich hinfahre.

Treplew: Nina! Ich habe Sie verflucht, habe Sie gehaßt, Ihre Briefe und Bilder zerrissen, aber jeden Moment war ich mir bewußt, daß meine Seele Ihnen auf ewig zugetan ist. Ich kann

von der Liebe zu Ihnen nicht lassen, Nina. Seit ich Sie verloren habe und meine Geschichten schreibe, ist mir das Leben unerträglich geworden – ich leide – meine Jugend ist gleichsam jäh abgebrochen, und es ist mir, als hätte ich schon neunzig Jahre gelebt. Ich rufe Sie, ich küsse die Erde, auf der Sie gewandelt sind; wohin ich mich wende, überall sehe ich Ihr Gesicht, Ihr herzliches Lächeln, das in den schönsten Jahren meines Lebens mir leuchtete …

Nina fassungslos: Warum spricht er so? Warum spricht er so?

Treplew: ich bin einsam, ich friere, wie in einem Grabgewölbe, und alles, was ich schreibe, ist trocken, rauh, düster. Bleiben Sie hier, Nina, ich flehe Sie an, oder erlauben Sie mir, mit Ihnen zu gehen!

Nina setzt schnell den Hut auf und nimmt den Umhang: Mein Wagen hält vor der Pforte. Begleiten Sie mich bitte nicht, ich werde allein hinfinden … Unter Tränen. Geben sie mir Wasser …

Treplew reicht ihr zu trinken: Wohin wollen Sie jetzt?

Nina: In die Stadt. Pause. Ist Irina Nikolajewna hier?

Treplew: Ja … Am Donnerstag ging es dem Onkel nicht gut, und wir haben ihr telegraphiert, daß sie herkommen soll.

Nina: Warum sagen Sie, daß Sie die Erde geküßt haben, auf der ich gewandelt bin? Man sollte mich töten. Neigt sich über den Tisch. ich bin so müde! Ausruhen möchte ich. Ausruhen! Erhebt den Kopf. Ich bin eine Möwe … Nein … Nicht das. Ich bin eine Schauspielerin. Nun ja. Hört Arkadina und Trigorin lachen, horcht, stürzt zur linken Tür und blickt durch das Schlüsselloch. Und auch er ist hier … Kehrt zu Treplew zurück. Nun ja … Tut nichts … Ja. Er glaubte nicht an das Theater, machte sich immer über meine Träume lustig, und nach und nach hörte auch ich auf zu glauben und verlor den Mut … Und dann der Liebeskummer, die ewige Eifersucht, die ewige Angst um das Kleine … Ich wurde so klein, so jämmerlich … spielte ganz sinnlos … Ich wußte nicht, wohin mit den Händen, konnte auf der Bühne nicht stehen, meine Stimme nicht beherrschen. Sie kennen diesen Zustand nicht, dieses Gefühl, daß man ganz abscheulich spielt. Ich bin eine Möwe. Nein, nicht das … Erinnern Sie

sich noch? Sie haben damals eine Möwe geschossen. »Zufällig kam da ein Mensch, sah sie, und weil er nichts Besseres zu tun hatte, vernichtete er ihr Leben.« Ein Stoff für eine kleine Erzählung … Nein, nicht das … Reibt sich die Stirn. Wovon sprach ich? Ja, von der Bühne. Jetzt bin ich nicht mehr so. Jetzt bin ich schon eine richtige Schauspielerin, ich spiele mit Lust, mit Begeisterung, bin auf der Bühne wie berauscht und fühle mich schön. Und jetzt, solange ich hier bin, gehe ich den ganzen Tag herum, geh' herum und fühle, wie meine seelischen Kräfte wachsen. Ich weiß es jetzt, Kostja, ich verstehe es, daß bei unserer Arbeit, gleichviel, ob wir Theater spielen oder schriftstellern, nicht der Ruhm, nicht der Glanz, nicht das, wovon ich träumte, die Hauptsache ist, sondern die Fähigkeit zu dulden. Lerne dein Kreuz tragen, und glaube! Ich glaube, und das lindert meinen Schmerz, und wenn ich an meinen Beruf denke, so habe ich keine Angst mehr vor dem Leben.

Treplew traurig: Sie haben Ihren Weg gefunden, Sie wissen, wohin Sie gehen, ich aber quäle mich noch immer mit einem Chaos von Gebilden ab, ohne zu wissen, wozu und für wen das nötig ist. Ich glaube nicht, und ich weiß nicht, was mein Beruf ist.

Nina: Ss-sst! Ich gehe. Leben Sie wohl. Wenn ich eine große Schauspielerin geworden bin, kommen Sie doch, um mich zu sehen. Versprechen Sie's. Aber jetzt … drückt ihm die Hand. Es ist schon spät. Ich halte mich kaum auf den Beinen … ich bin erschöpft … ich habe Hunger …

Treplew: Bleiben sie hier, ich hole Ihnen etwas zu essen …

Nina: Nein, nein … Begleiten Sie mich nicht … Mein Wagen wartet in der Nähe … Sie hat ihn also mitgebracht … Nun, es ist ja gleich. Wenn Sie Trigorin sehen, sagen sie ihm nichts … Ich liebe ihn. Ich liebe ihn, sogar stärker noch als früher … Ein Stoff für eine kleine Erzählung … Ich liebe, liebe ihn leidenschaftlich, bis zur Verzweiflung. Wie schön war's doch früher, Kostja! Wissen Sie noch? Was für ein helles, warmes, freudiges, reines Leben welche Gefühle – Gefühle, die zarten graziösen Blumen glichen, wissen Sie noch? Sie trägt vor. »Menschen, Löwen, Adler und Feldhühner, geweihtragende Hirsche, Gänse, Spinnen, schweigsame Fische, die im Wasser wohnten, Seesterne und all die Wesen, die dem Auge nicht sichtbar waren, mit einem Wort: alles Leben, alles Leben ist erloschen, nachdem es seinen traurigen Kreislauf vollendet hat … Seit vielen tausend Äonen bereits trägt die Erde nicht ein Lebewesen mehr, und dieser arme Mond läßt sein Licht vergeblich erstrahlen. Nicht mehr erwachen auf der Wiese mit Geschrei die Kraniche, nicht mehr hört man die Maikäfer schwirren in den Lindenhainen.«

Sie umarmt heftig Treplew und stürzt durch die Glastür hinaus.

Treplew nach einer Pause: Es ist nicht gut, wenn ihr jemand im Garten begegnet und es nachher Mama sagt. Das könnte Mama weh tun …

Er zerreißt in wenigen Augenblicken alle seine Manuskripte und wirft sie hinter den Tisch, dann macht er die rechte Tür auf und geht hinaus.

Dorn bemüht sich, die linke Tür zu öffnen: Merkwürdig! Die Tür scheint verschlossen zu sein … Tritt ein und schiebt den Sessel auf seinen Platz. Ein Hindernisrennen.

Arkadina und Polina Andrejewna treten ein, ihnen folgt Jakow, der Flaschen trägt, und Mascha, dann Schamrajew und Trigorin.

Arkadina: Den Rotwein und das Bier für Boris Alexejewitsch stellen Sie hierher auf den Tisch. Wir wollen spielen und trinken. Setzen wir uns, meine Herrschaften.

Polina Andrejewna zu Jakow: Den Tee kannst du gleich anrichten. Sie zündet die Kerzen an und setzt sich an den Kartentisch.

Schamrajew führt Trigorin zum Schrank: Da ist das Ding, von dem ich vorhin sprach. Nimmt aus dem Schrank eine ausgestopfte Möwe heraus. Sie haben es bestellt.

Trigorin auf die Möwe blickend: Ich kann mich nicht entsinnen.

Hinter der Bühne rechts ertönt ein Schuß, alle fahren zusammen.

Arkadina erschrocken: Was war das?

Dorn: Nichts. In meiner Feldapotheke muß etwas geplatzt sein. Beunruhigen Sie sich nicht. Geht durch die rechte Tür ab und kommt nach einem Augenblick zurück. Wie ich sagte. Ein Fläschchen mit Äther ist zersprungen. Singt vor sich hin. »Wieder steh' ich bezaubert vor dir ...«

Arkadina sich an den Tisch setzend: Pfui, ich bin so erschrocken. Es hat mich daran erinnert, wie … Bedeckt sich das Gesicht mit den Händen. Mir ist's förmlich dunkel geworden vor den Augen …

Dorn in der Zeitschrift blätternd, zu Trigorin: Hier war vor ein paar Monaten ein Aufsatz erschienen … ein Brief aus Amerika, und ich wollte Sie fragen, unter anderem … Faßt Trigorin um die Taille und führt ihn vor die Rampe … weil ich mich nämlich sehr für die Frage interessiere … Einen Ton tiefer, halblaut. Führen Sie Irina Nikolajewna fort von hier. Konstantin Gawrilowitsch hat sich erschossen …

 

Ende

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