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Die Möwe

Anton Tschechow: Die Möwe - Kapitel 4
Quellenangabe
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typedrama
authorAnton Tschechow
titleDie Möwe
publisher
firstpub1896
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
senderkoch.text@t-online.de
created20091012
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Dritter Aufzug

 

Ein Speisezimmer im hause Ssorins. Rechts und links Türen. Ein Büfett. Ein Schrank mit Arzneien. In der Mitte des Zimmers ein Tisch. Ein Koffer und Kartons. Es sind Vorbereitungen zur Abreise bemerkbar.

 

Trigorin frühstückt, Mascha steht am Tisch.

Mascha: Alles das erzähle ich Ihnen als dem Schriftsteller: Sie können es verwenden. Ich beteuere Ihnen, wenn er sich ernstlich verwundet hätte, wäre ich keine Minute länger am Leben geblieben. Aber ich bin tapfer. Und deshalb habe ich mich entschlossen, diese Liebe aus meinem Herzen zu reißen, und zwar mit der Wurzel.

Trigorin: Wie wollen Sie das machen?

Mascha: Ich verheirate mich. Mit Medwjedenko.

Trigorin: Mit dem Lehrer?

Mascha: Ja.

Trigorin: Ich sehe diese Notwendigkeit nicht ein.

Mascha: Hoffnungslos zu lieben, jahrelang immer auf irgend etwas zu warten … Wenn ich heirate, werde ich an andere Dinge zu denken haben als an Liebe, die neuen Sorgen werden alles Alte vergessen machen. Und dann, sehen Sie, ist es immerhin eine Veränderung. Wollen wir noch einen trinken?

Trigorin: Wird's Ihnen nicht zuviel?

Mascha: Ach was! Schenkt die Gläser wieder voll. Sehen sie mich nicht so an. Frauen trinken häufiger, als Sie glauben. Die wenigsten trinken offen, wie ich, die meisten aber tun es heimlich. Ja. Und immer Branntwein oder Kognak. Stößt an. Prosit! Sie sind ein einfacher Mensch, es tut einem leid, von Ihnen Abschied nehmen zu müssen!

Sie trinken.

Trigorin: Ich selbst reise ungern.

Mascha: So bitten Sie, daß sie bleibt.

Trigorin: Nein, jetzt wird sie nicht mehr bleiben. Der Sohn benimmt sich äußerst taktlos. Erst schießt er auf sich selbst, und jetzt, heißt es, will er mich fordern. Und weshalb? Schmollt, prustet, predigt neue Formen … Es gibt doch genug Platz für alle. Für die neuen und die alten – wozu also das Drängen?

Mascha: Nun, vielleicht ist's auch Eifersucht. Übrigens, das geht mich nichts an.

Eine Pause. Jakow geht von links nach rechts mit einem Koffer durch das Zimmer; Nina kommt herein und bleibt am Fenster stehen.

Mascha: Mein Schulmeister ist nicht allzu klug, aber ein guter Kerl und ein armer Teufel, und er liebt mich sehr. Er tut mir leid, und auch sein altes Mütterchen tut mir leid. Nun, erlauben Sie, daß ich Ihnen alles Gute wünsche. Behalten Sie mich in gutem Andenken.

Drückt kräftig seine Hand.

Bin Ihnen sehr dankbar für Ihre freundliche Zuneigung. Schicken Sie mir Ihre Werke, aber unbedingt mit einer Widmung, und, bitte, schreiben Sie nicht »der Verehrten« usw., sondern »an Maria, die nirgends hingehört und nicht weiß, wozu sie auf dieser Welt lebt«. Leben Sie wohl! Ab.

Nina zu Trigorin, die zur Faust geballte Hand hinstreckend: Gerade oder ungerade?

Trigorin: Gerade.

Nina seufzend: Ach nein. Ich habe nur eine Erbse in der Hand. Ich wollte das Orakel befragen, ob ich Schauspielerin werden soll oder nicht. Wenn mir doch jemand raten wollte!

Trigorin: Da läßt sich nicht raten … Pause.

Nina: Jetzt scheiden wir, und … vielleicht sehen wir uns nie wieder. Ich bitte Sie, dieses kleine Medaillon als Andenken von mir anzunehmen. Ich habe Ihre Initialen eingravieren lassen … und hier auf dieser Seite den Titel Ihres Buches: »Tage und Nächte«.

Trigorin: Wie graziös! Er küßt das Medaillon. Ein entzückendes Geschenk.

Nina: Denken Sie zuweilen an mich.

Trigorin: Ich werde an Sie denken. Ich werde mich an Sie erinnern, wie Sie an jenem bedeutsamen Tage waren – wissen Sie noch? – Vor acht Tagen, als Sie das helle Kleid anhatten … Wir sprachen miteinander … damals lag auf der Bank noch die weiße Möwe.

Nina nachdenklich: Ja, die Möwe.

Pause.

Wir können nicht länger miteinander sprechen. Es kommt jemand+… Schenken Sie mir noch zwei Minuten vor Ihrer Abreise. Ich flehe Sie an …

Geht nach links ab; gleichzeitig kommen von rechts die Arkadina, Ssorin im Frack mit Ordensstern, dann Jakow, der mit dem Gepäck zu tun hat.

Arkadina: Bleib zu Hause, Alter. Kannst du denn mit deinem Rheumatismus Besuche machen? Zu Trigorin. Wer ist hier eben fortgegangen? Nina?

Trigorin: Ja.

Arkadina: Pardon, wir haben gestört … Ich glaube, ich habe alles eingepackt. Halb tot bin ich.

Trigorin liest aus dem Medaillon: »Tage und Nächte«, Seite 121, Zeilen 11 und 12.

Jakow: Befehlen Sie, die Angeln auch einzupacken?

Trigorin: Ja, die werde ich noch brauchen. Die Bücher kannst du verschenken.

Jakow: Jawohl, gnädiger Herr!

Trigorin für sich: Seite 121, Zeilen 11 und 12. Wie lauten diese Zeilen? Zu Arkadina. Sind hier im Hause meine Schriften vorhanden?

Arkadina: Im Arbeitszimmer meines Bruders, im Eckschrank.

Trigorin: Seite 121. … Geht ab.

Arkadina: Aber Petruscha, es wäre besser, wenn du zu Hause bliebest.

Ssorin: Ihr verreist, ohne euch wird's mir schwer sein zu Hause.

Arkadina: Und was ist in der Stadt los?

Ssorin: Nichts Besonderes, aber doch … Er lacht. Es wird die Grundsteinlegung des Landschaftshauses stattfinden und so …Man möchte doch für ein paar Stunden aus diesem Fischdasein erwachen, sonst verschimmelt man ja wie eine alte Zigarrenspitze. Ich habe die Pferde für ein Uhr bestellt, wir reisen gleichzeitig ab.

Arkadina nach einer Pause: Nun, so lebe denn hier, langweile dich nicht und sieh zu, daß du dich nicht erkältest. Gib auf meinen Jungen acht! Behüte und belehre ihn.

Pause.

Sieh, ich verreise, ohne eigentlich zu wissen, weshalb Konstantin den Selbstmordversuch gemacht hat. Mir scheint, der Hauptgrund war Eifersucht, und je eher ich Trigorin hier wegführe, desto besser.

Ssorin: Was soll ich dir sagen? Es lagen auch noch andere Gründe vor. Es ist doch klar, ein verständiger junger Mensch lebt auf dem Lande, an einem abgelegenen Ort, ohne Geld, ohne Position, ohne Zukunft, hat gar keine Beschäftigung. Seine Untätigkeit beschämt ihn und flößt ihm Furcht ein. Ich habe ihn außerordentlich gern, und auch er hängt an mir, aber zu guter Letzt kommt er sich doch hier überflüssig vor, wie einer, der von der Gnade anderer lebt, ein Parasit. Es ist doch klar, sein Selbstgefühl …

Arkadina: Er macht mir Kummer! Nachdenklich. Vielleicht sollte er in den Staatsdienst eintreten.

Ssorin pfeift etwas vor sich hin, unschlüssig: Am besten wär's, glaube ich, du gibst ihm etwas Geld. erst muß er sich anständig equipieren und so. Er trägt schon drei Jahre denselben Rock, hat keinen Überzieher … Lacht. Es würde ihm auch nicht

schaden, wenn er sich ein bißchen amüsierte … Eine Reise ins Ausland vielleicht … Das ist doch nicht so kostspielig.

Arkadina: Doch, doch … Einen Anzug kann ich vielleicht noch … aber ins Ausland … Nein, gerade jetzt bin ich nicht einmal imstande, den Anzug zu bezahlen. Entschlossen. Ich habe kein Geld.

Ssorin lacht.

Arkadina: Nein!

Ssorin pfeift: So, so. Na ja, verzeih, meine Liebe, sei nur nicht böse … Ich glaub's dir … du bist eine großmütige, edle Frau+…

Arkadina unter Tränen: Ich habe kein Geld.

Ssorin: Wenn ich Geld hätte, selbstverständlich würde ich ihm welches geben, aber ich habe nichts, nicht einen Sechser.

Er lacht.

Meine ganze Pension nimmt mir mein Verwalter weg, verwendet sie auf Ackerbau, Viehzucht und Bienenzucht, und dabei geht mein Geld verloren. Die Bienen sterben, die Kühe fallen, Pferde bekomm' ich niemals …

Arkadina: Und ich habe kein Geld, aber ich bin eine Künstlerin, die Toiletten allein ruinieren mich.

Ssorin: Du bist gut und lieb … Ich verehre dich … Ja … Aber was ist das … Wankt. Mir schwindelt. Hält sich am Tisch fest. Mir ist übel …

Arkadina erschrocken: Petruschka!

Sie sucht ihn zu stützen.

Petruscha, mein Teurer! … Sie schreit. Hilfe, Hilfe!

Es kommen Treplew, mit einem verbundenen Kopf, und Medwjedenko.

Arkadina: Ihm ist übel.

Ssorin: Es ist nichts, es ist nichts. Lächelt und trinkt Wasser. Schon vorbei … und so …

Treplew zur Mutter: Hab keine Angst, Mama. Es ist nicht gefährlich. Dem Onkel passiert das oft. Zum Onkel. Du mußt dich hinlegen, Onkel.

Ssorin: Ein wenig, ja … Aber in die Stadt fahr' ich doch. Ich werde ein Weilchen ruhen, und dann fahr' ich … Selbstverständlich. Geht, auf einen Stock gestützt, fort.

Medwjedenko ihn am Arm führend: Es gibt ein Rätsel: frühmorgens auf vieren, mittags auf zweien und abends auf dreien …

Ssorin lacht: Ganz recht. und nachts auf dem Rücken. Ich danke Ihnen, aber ich kann allein gehen …

Medwjedenko: Nun, wozu die Umstände … Geht mit Ssorin ab.

Arkadina: wie er mich erschreckt hat!

Treplew: Das Landleben bekommt ihm nicht. Es langweilt ihn. Wenn du so plötzlich splendid würdest, Mama, und ihm anderthalb bis zweitausend borgtest – dann könnt' er das ganze Jahr in der Stadt leben.

Arkadina: Ich habe kein Geld. ich bin Schauspielerin, kein Bankier.

Pause.

Treplew: Wechsle mir doch den Verband, Mama. Du verstehst das so gut.

Arkadina holt aus dem Arzneischränkchen Jodoform und ein Kästchen mit Verbandszeug: Der Arzt hat sich verspätet.

Treplew: Er hat versprochen, um zehn zu kommen, und jetzt ist's schon Mittag.

Arkadina: Setz dich. Nimmt ihm den Verband ab. Das sieht aus wie ein Turban. Gestern fragte hier ein Fremder in der Küche, was für ein Landsmann du wärst. Es ist beinahe schon geheilt. Nur eine Kleinigkeit sieht man noch. Küßt ihn auf den Kopf. Sag – wirst du in meiner Abwesenheit nicht noch mal …?

Treplew: Nein, Mama. Es war ein Moment wahnsinniger Verzweiflung, ich konnte mich nicht beherrschen. Es wird sich nicht wiederholen. Küßt ihr die Hand. Du hast goldene Hände. Ich erinnere mich, es ist schon lange her, als du noch beim kaiserlichen Theater warst – ich war noch klein damals –, da gab's bei uns auf dem Hof eine Schlägerei, und eine Wäscherin wurde dabei verprügelt, weißt du noch? Man trug sie bewußtlos vom Platz+… Du hast sie dann immer besucht, ihr Arznei gebracht, ihre Kinder in einem Waschtrog gewaschen. Kannst du dich gar nicht mehr erinnern?

Arkadina: Nein. Sie legt einen neuen Verband an.

Treplew: Zwei Ballerinen wohnten damals noch mit uns in demselben hause … Sie kamen immer zu dir zum Kaffee …

Arkadina: Das weiß ich noch.

Treplew: Sie waren so gottesfürchtig.

Pause.

In der letzten Zeit, jetzt, in diesen Tagen, liebe ich dich ebenso zärtlich und maßlos wie in der Kinderzeit. Außer dir habe ich ja niemand mehr. Nur sag mir – warum, warum läßt du dich von diesem Menschen so beeinflussen?

Arkadina: Du verstehst ihn nicht, Konstantin. Er ist der edelste Mensch …

Treplew: Und wie er hörte, daß ich ihn fordern will, hinderte ihn all sein Edelmut nicht, sich wie ein Feigling zu benehmen. Er reist ab! Erbärmliche Flucht!

Arkadina: Unsinn! Ich selbst bat ihn, von hier abzureisen.

Treplew: Der edelste Mensch! Wir zanken uns hier beinahe seinetwegen, und er sitzt irgendwo im Salon oder im Garten und lacht uns aus … Er erzieht Nina, bemüht sich, ihr unwiderleglich zu beweisen, daß er ein Genie ist.

Arkadina: Es macht dir Vergnügen, mir Unangenehmes zu sagen. Ich verehre diesen Menschen und bitte dich, in meiner Gegenwart nicht schlecht von ihm zu reden.

Treplew: Ich verehre ihn eben nicht. Du möchtest, daß ich ihn gleichfalls für ein Genie halte, aber verzeih, ich kann nicht lügen, seine Sachen sind mir widerwärtig …

Arkadina: Das ist nur Neid. Leuten, die zwar anspruchsvoll, dabei aber talentlos sind, bleibt nur eins übrig: die echten Talente zu tadeln. Auch ein Trost!

Treplew ironisch: Echte Talente! Zornig. Ich habe mehr Talent als ihr alle, wenn's schon gesagt werden soll. Reißt den Verband vom Kopf herunter. Ihr Routiniers habt euch den Vorrang in der Kunst erschlichen und haltet das nur für normal und echt, was ihr selbst macht, alles andere erdrückt und erstickt ihr! Ich erkenne euch nicht an! Weder dich noch ihn!

Arkadina: Dekadent! …

Treplew: Geh doch hin in dein liebes Theater, und spiel da in diesen kläglichen, talentlosen Stücken!

Arkadina: Nie hab' ich in solchen Stücken gespielt. Laß mich! Du wärst nicht einmal imstande, eine klägliche Posse zu schreiben – du Kleinbürger! Parasit!

Treplew: Geizkragen!

Arkadina: Lumpenkerl!

Treplew setzt sich und weint leise.

Jammermensch! Macht in der Aufregung ein paar Schritte. Weine nicht. Du sollst nicht weinen … Du sollst nicht … Küßt ihn auf Stirn, Wangen und Kopf. Mein liebes Kind, verzeih … Verzeih deiner sündigen Mutter, verzeih einer Unglücklichen.

Treplew umarmt sie: Wenn du wüßtest! Ich habe alles verloren. Sie liebt mich nicht mehr, ich kann nicht mehr schreiben … ich habe alle Hoffnung aufgegeben.

Arkadina: Nur nicht verzweifeln … Es wird alles noch gut werden. Er reist ja nun ab. sie wird dich wieder liebgewinnen. Wischt ihm die Tränen ab. Genug! Wir sind ja wieder gut.

Treplew küßt ihr die Hand: Ja, Mutter.

Arkadina zärtlich: Geh, versöhn dich mit ihm. Wozu ein Duell … nicht wahr?

Treplew: Gut. Aber, Mutter, gestatte: ich mag ihm nie mehr begegnen … es fällt mir so schwer … es geht über meine Kraft …

Trigorin kommt.

Ah … ich gehe hinaus. Räumt rasch die Arzneien in den Schrank. Den Verband wird mir der Arzt machen …

Trigorin blättert in dem Buche: Seite 121 … Zeile 11 und 12 … Da … Liest. »Wenn du einmal mein Leben brauchen solltest, so komm und nimm es.«

Treplew hebt den Verband vom Boden auf und geht ab.

Arkadina sieht auf die Uhr: Bald fährt der Wagen vor.

Trigorin für sich: Wenn du einmal mein Leben brauchen solltest, so komm und nimm es.

Arkadina: Ich hoffe, du hast alles eingepackt!?

Trigorin ungeduldig: Ja, ja … Warum fühle ich Trauer bei dem

Ruf dieser reinen Seele, und warum krampft sich mein Herz schmerzlich zusammen? – – Wenn du einmal mein Leben brauchen solltest, so komm und nimm es. Zu Arkadina: Bleiben wir doch noch einen Tag!

Arkadina schüttelt verneinend den Kopf.

Trigorin: Bleiben wir!

Arkadina: Mein Lieber! Ich weiß, was dich hier zurückhält. Aber beherrsche dich! Du hast einen kleinen Rausch, werde nüchtern.

Trigorin: Auch du … sei nüchtern, sei klug und verständig. Ich flehe dich an, sieh das alles mit den Augen aufrichtiger Freundschaft. Drückt ihr die Hand. Du bist fähig, Opfer zu bringen … Sei mein Freund, gib mich frei …

Arkadina heftig erregt: Sie hat's dir angetan …

Trigorin: Es lockt mich zu ihr! Vielleicht ist's gerade das, was ich brauche.

Arkadina: Die Liebe eines Provinzmädchens? Oh, wie wenig kennst du dich selbst!

Trigorin: Bisweilen schlafen die Menschen im Gehen. So ist's mit mir – ich spreche jetzt mit dir, aber mir ist dabei, als ob ich schliefe und sie im Traume sähe. Süße, wunderbare träume halten mich umfangen … Gib mich frei …

Arkadina bebend: Nein, nein … Ich bin eine ganz gewöhnliche Frau, mit mir darf man nicht so sprechen … Quäl mich nicht, Boris … ich habe Angst …

Trigorin: Wenn du willst, kannst du ungewöhnlich sein. Eine junge, schöne, poesievolle Liebe, die uns in eine Traumwelt entrückt – nur sie allein kann auf Erden Glück geben! Eine solche Liebe habe ich nie erlebt … In meiner Jugend hatte ich keine Zeit dazu, ich mußte die Redaktionen ablaufen, mit der Not kämpfen. Nun endlich ist sie da, diese Liebe, und lockt! … Welchen Sinn hat es, vor ihr zu fliehen? –

Arkadina zornig: Du hast den Verstand verloren.

Trigorin: Vielleicht.

Arkadina: Ihr habt euch heut alle verabredet, mich zu quälen. Weint.

Trigorin faßt sich an den Kopf: Sie versteht nicht! sie will nicht verstehen!

Arkadina: Bin ich denn schon so alt und häßlich, daß man vor mir rückhaltlos von anderen Frauen reden darf? Umarmt und küßt ihn. Oh, du bist ja wahnsinnig! Mein Herrlicher, Wunderbarer … Du letztes Blatt meines Lebens! Kniet vor ihm nieder. Meine Freude, mein Stolz, meine Seligkeit! … Umfaßt seine Knie. Wenn du mich verläßt, auch nur für eine Stunde, so überleb' ich's nicht, ich verliere den Verstand, du mein Wundervoller, mein Prächtiger, mein Gebieter! …

Trigorin: Es kann jemand kommen! Hilft ihr, sich erheben.

Arkadina: Meinetwegen, ich schäme mich meiner Liebe zu dir nicht. Küßt seine Hände. Mein Geliebter, mein Tollkopf! Du willst rasen, aber ich will's nicht, ich lass' dich nicht … Lacht. Du bist mein … du bist mein … und diese Stirn ist mein, diese Augen sind mein, und dieses herrliche, seidenweiche Haar ist mein … du gehörst mir ganz. Du bist so begabt, so klug, du bist der Größte unter allen lebenden Dichtern, bist die einzige Hoffnung Rußlands … Du hast so viel Wahrheit, Einfachheit, Frische und gesunden Humor … du kannst mit einem Strich das Wesentliche geben, das Charakteristische eines Menschen oder einer Landschaft, deine Gestalten sind lebendig. Oh, man kann dich nicht ohne Begeisterung lesen! Du meinst, ich schmeichle? Ich spende Weihrauch? Nun, sieh mir in die Augen … sieh hinein … bin ich einer Lügnerin ähnlich! Siehst du, ich allein vermag ich zu schätzen; ich allein sage dir die ganze Wahrheit, mein Lieber, mein Wunderbarer … Willst du nun reisen? Ja? Willst du mich nicht mehr verlassen?

Trigorin: Ich habe meinen eigenen Willen … Ich habe nie einen eigenen Willen gehabt … Schlapp, mürbe, immer nachgiebig+– kann denn das einer Frau gefallen? Führ mich fort, laß mich aber keinen Schritt von dir …

Arkadina für sich: Jetzt ist er mein. Unbefangen, als wenn nichts vorgefallen wäre. Übrigens kannst du ja bleiben, wenn du willst. Ich fahre allein, und du kommst später nach, in einer Woche. In der Tat, wozu sollst du dich beeilen?

Trigorin: Nein, wir wollen schon zusammen reisen.

Arkadina: Wie du willst … mir ist alles recht.

Pause. Trigorin notiert etwas in sein Büchlein.

Arkadina: Was machst du?

Trigorin: Am Morgen hörte ich einen schönen Ausdruck: »Jungfrauenwald« … Kann ich brauchen … Sich reckend. Wir fahren also? Wieder diese Waggons, diese Situationen, Bahnhofsbüfetts, Koteletts, Gespräche …

Schamrajew tritt ein: Muß leider melden, daß der Wagen vorgefahren ist. Es ist Zeit, Verehrteste, zur Bahn zu fahren. Der Zug kommt um zwei Uhr fünf Minuten. Also, bitte, Irina Nikolajewna, vergessen Sie gefälligst nicht, sich zu erkundigen, wo der Schauspieler Susdaljzew jetzt steckt. Ob er noch lebt? Ob er gesund ist? Wir haben früher oft zusammen gekneipt …In der »Beraubten Post« spielte er ganz unnachahmlich … ich erinnere mich, er hatte einen Kollegen, den Tragiker Ismailow, auch eine hervorragende Persönlichkeit … Sie brauchen sich nicht zu beeilen, Verehrteste, Sie haben noch fünf Minuten … Einmal spielten sie in einem Melodram die Verschwörer; als man sie plötzlich abfing, sollten sie sagen: »Wir sind in eine Falle geraten«, statt dessen aber sagte Ismailow: »Wir sind in eine Kanne geraten …« Lacht laut. In eine Kanne …

Während er spricht, macht sich Jakow am Koffer zu schaffen; das Stubenmädchen bringt Arkadina Hut, Umhang, Schirm und Handschuhe. Alle sind Arkadina behilflich. – In der linken Tür erscheint der Koch, der nach einem Weilchen unschlüssig hereinkommt. Polina Andrejewna tritt ein, nach ihr Ssorin und Medwjedenko.

Polina Andrejewna mit einem Körbchen: Da sind Zwetschgen auf den Weg … sehr süß. Vielleicht kosten Sie unterwegs davon.

Arkadina: Sie sind sehr gütig, Polina Andrejewna.

Polina Andrejewna: Leben Sie wohl, meine Teure! Wenn Ihnen etwas nicht recht war, so verzeihen Sie … Weint.

Arkadina: Alles war gut. Alles war gut. Nur weinen Sie nicht. Umarmt sie.

Polina Andrejewna: Unsere Zeit geht dahin!

Arkadina: Was soll man machen!

Ssorin im Kragenmantel mit Hut und Stock, kommt durch die linke Tür: Schwester, es ist höchste Zeit, daß wir den Zug nicht noch verpassen. Ich will einsteigen. Geht ab.

Medwjedenko: Und ich geh' zu Fuß zur Station … will Ihnen das Geleit geben … Ich bin bald da … Ab.

Arkadina: Auf Wiedersehen, meine Lieben … Wenn wir alle frisch und gesund bleiben, sehen wir uns alle nächsten Sommer wieder.

Das Stubenmädchen, Jakow und der Koch küssen ihr die Hand.

Da habt ihr – einen Rubel für euch drei.

Der Koch: Untertänigsten Dank, gnädige Frau. Glückliche Reise! Wir sind vollauf zufrieden.

Jakow Gott gebe euch gute Zeit!

Schamrajew: Beglücken sie uns mal mit einem Briefchen! Leben sie wohl, Boris Alexejewitsch!

Arkadina: Wo bleibt Konstantin? Sagen Sie ihm, daß ich abreise. Wir müssen uns doch verabschieden. Nun, behaltet mich in gutem Andenken! Zu Jakow. Ich habe dem Koch einen Rubel gegeben. Da ist für euch drei.

Alle gehen nach rechts ab. Die Bühne bleibt leer. Hinter der Bühne lautes Treiben, wie es zu herrschen pflegt, wenn jemand Abschied nimmt. Das Stubenmädchen kehrt zurück, um vom Tisch das Körbchen mit den Zwetschgen zu holen, und geht wieder ab.

Trigorin kommt zurück: Ich habe meinen Stock vergessen. Er wird auf der Terrasse sein.

Geht dorthin und begegnet in der Tür links Nina.

– Sie sind es? Wir reisen eben ab …

Nina: Ich fühlte es, daß wir uns noch einmal sehen würden. Erregt. Boris Alexejewitsch, ich habe mich unwiderruflich entschlossen, der Würfel ist gefallen – ich gehe zur Bühne. – Morgen bin ich nicht mehr hier, ich verlasse meinen Vater, werfe alles hinter mich und beginne ein neues Leben … Ich reise nach Moskau, wie Sie … Wir werden uns dort wiedersehen.

Trigorin sich umsehend: Steigen sie im »Slawischen Bazar« ab. Benachrichtigen Sie mich sofort … Moltschanowka, Haus Grochaolsky … Ich muß fort …

Pause.

Nina: Noch einen Augenblick …

Trigorin: Sie sind so herrlich … Oh, welches Glück – zu denken, daß wir uns bald wiedersehen! Sie sinkt an seine Brust. Ich werde Sie wiedersehen … diese wundervollen Augen, dieses unsagbar schöne, liebliche Lächeln … diese sanften Züge, diesen Ausdruck engelsgleicher Reinheit … Meine Teure … Langer Kuß.

Vorhang.

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