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Die Möwe

Anton Tschechow: Die Möwe - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/cechov/moewe/moewe.xml
typedrama
authorAnton Tschechow
titleDie Möwe
publisher
firstpub1896
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
senderkoch.text@t-online.de
created20091012
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Zweiter Aufzug

 

Ein Krocketplatz. Rechts im Hintergrund ein Haus mit großer Terrasse, links sieht man den See, in dem die sonne sich im Reflex spiegelt. Blumenbeete. Mittag. Es ist heiß.

 

Arkadina zu Mascha: Stehen wir mal auf. Beide erheben sich. Stellen wir uns nebeneinander. Sie sind zweiundzwanzig Jahre, und ich bin fast doppelt so alt. Jewgeni Ssergejewitsch, wer von uns beiden sieht jugendlicher aus?

Dorn: Sie natürlich.

Arkadina: Sehen Sie? Und woher kommt das? Weil ich arbeite, weil ich empfinde, ewig in Bewegung bin, während Sie immer auf einer Stelle sitzen und nicht leben. – Und dann hab' ich den Grundsatz, nie in die Zukunft schauen. Ich denke nie ans Alter, nie an den Tod. Was kommen muß, dem entgeht man nicht.

Mascha: Und ich habe das Gefühl, als wär' ich schon vor langer, langer Zeit geboren; ich schleife mein Leben hinter mir her wie eine endlose Schleppe … und oft verlier' ich alle Lust zu

leben. Setzt sich. Natürlich ist das alles Unsinn. Man muß sich ermannen, muß das alles von sich abschütteln.

Dorn singt leise: »O sagt ihr, meine holden Blumen ...«

Arkadina: Dabei halt' ich mich korrekt wie ein Engländer. Ich bin immer adrett, meine Liebe – Toilette, Frisur – alles comme il faut. Daß ich mir mal erlauben würde, in der Morgenjacke oder unfrisiert aus dem Hause zu gehen, wenn auch nur in den Garten … niemals! Das hat mich eben konserviert, daß ich nie salopp war, mich nie habe gehenlassen, wie so manche … Geht, die Arme in die Hüften stemmend, über den Platz. Da, sehen Sie – wie ein Vögelchen. Könnte ohne weiteres noch eine Fünfzehnjährige spielen.

Dorn: Das soll mich nicht hindern, trotz alledem in der Lektüre fortzufahren. Nimmt das Buch. Wir waren beim Krämer und den Ratten stehengeblieben ...

Arkadina: Und den Ratten. Lesen Sie. Setzt sich. Oder nein, geben Sie her – ich werde lesen. Ich bin an der Reihe. Nimmt das Buch und sucht Dorn mit den Augen. Und den Ratten … da … liest. »Und natürlich ist's für Leute von Welt ebenso gefährlich, Romanschriftsteller an sich zu ziehen und ihnen den Hof zu machen, wie etwa für den Krämer, in seinen Speichern Ratten zu züchten. Und dennoch liebt man sie. Und wenn eine Frau sich einen Schriftsteller erkoren hat, den sie an sich zu locken wünscht, so attackiert sie ihn erst mit Komplimenten, kleinen Liebenswürdigkeiten und Gefälligkeiten.« – Na, das ist bei den Franzosen so – bei uns dagegen gibt es nichts dergleichen, da geschieht alles ohne Programm. Bei uns ist eine Frau, bevor sie noch den Schriftsteller zu fesseln vermag, gewöhnlich schon selbst bis über die Ohren in ihn verschossen. Ja, meine Verehrten, Sie brauchen nicht weit zu suchen – nehmen Sie nur mich und Trigorin.

Ssorin kommt, auf einen Stock gestützt, und mit ihm zugleich Nina. – Medwjedenko schiebt den leeren Rollstuhl hinter ihnen her.

Ssorin liebkosend, wie man zu Kindern spricht: Wirklich? Wir haben also mal eine Freude? Sind also vergnügt am Ende? Zur Schwedter. Wir haben heute eine Freude! Der Vater und die

Stiefmutter sind nach Twer gefahren, und wir sind für ganze drei Tage jetzt frei.

Nina setzt sich neben die Arkadina und umarmt sie: Ich bin glücklich. Ich gehöre jetzt Ihnen.

Ssorin nimmt in seinem Rollstuhl Platz: Sie ist heute so hübsch.

Arkadina: So nett gekleidet, so interessant … Das ist vernünftig. Küßt Nina: Aber man darf sie nicht zu sehr loben, das bringt Unglück. Wo ist Boris Alexejewitsch?

Nina: Im Badehaus, er angelt.

Arkadina: Daß ihn das nicht langweilt! Will in der Lektüre fortfahren.

Nina: Was lesen Sie?

Arkadina: Maupassant. »Auf dem Wasser«, mein Herzchen. Liest ein paar Zeilen für sich. Nun, was weiter kommt, ist nicht interessant und nicht wichtig. Macht das Buch zu. Ich bin so unruhig. Sag mir, was ist mit meinem Sohn? Warum ist er so übel gelaunt und so schroff? Er verbringt ganze Tage auf dem See, und ich sehe ihn fast gar nicht.

Mascha: Ihm ist nicht wohl ums Herz. Zu Nina, schüchtern. Bitte, tragen sie uns etwas aus seinem Stücke vor!

Nina mit einem Achselzucken: Wollen Sie wirklich? Es ist so uninteressant!

Mascha mit verhaltenem Entzücken: Wenn er selbst etwas vorträgt, dann glühen seine Augen, und sein Gesicht wird ganz bleich. Er hat eine schöne, traurige Stimme; und Manieren – ganz wie ein Dichter.

Man hört Ssorins Schnarchen.

Dorn: Gute Nacht!

Arkadina: Petruschka!

Ssorin: Hä?

Arkadina: Du schläfst?

Ssorin: Bewahre!

Pause.

Arkadina: Du tust nichts für deine Gesundheit; das ist nicht recht; Bruder.

Ssorin: Ich möcht's schon, aber hier der Doktor will nicht.

Dorn: Was ist da viel zu machen bei einem Sechziger!

Ssorin: Auch ein Sechziger will noch leben.

Dorn ärgerlich: Ah! Nun, nehmen Sie Baldriantropfen.

Arkadina: Ich glaube, eine Badekur würde ihm guttun.

Dorn: Vielleicht – vielleicht auch nicht.

Arkadina: Daraus soll man klug werden.

Dorn: Was heißt klug werden, es ist doch alles klar.

Pause.

Medwjedenko: Pjotr Nikolajewitsch, Sie sollten das Rauchen lassen.

Medwjedenko: Unsinn.

Dorn: Nein, kein Unsinn. Wein und Tabak berauben den Menschen seiner Persönlichkeit. Nach einer Zigarre oder einem Glas Wein sind Sie nicht mehr Pjotr Nikolajewitsch plus noch jemand. Ihr Ich zerfließt gleichsam, und Sie verhalten sich zu sich selbst wie zu einer dritten Person, einem »Er«.

Ssorin lacht: Sie haben gut reden. Sie haben etwas von Ihrem Leben gehabt – und ich? Ich habe achtundzwanzig Jahre im Justizressort gedient, aber noch nicht gelebt, noch nichts erlebt, am Ende, und selbstverständlich habe ich da ein starkes Verlangen nach dem Leben. Sie sind gesättigt, gleichgültig geworden und neigen daher zur Philosophie – ich aber will leben und trinke darum Sherry zu Tisch, rauche Zigarren. So liegt die Sache.

Dorn: Man muß das Leben ernst nehmen – aber als Sechziger mit dem Kurieren anfangen und darüber jammern, daß man in der Jugend wenig genossen hat – das ist, verzeihen sie – Leichtsinn.

Mascha erhebt sich: 's ist wohl schon Zeit zum Frühstücken. Geht mit trägem, schleppendem Gange. Mein Bein ist eingeschlafen. Ab.

Dorn: Jetzt geht sie und trinkt noch vor dem Frühstück ihre zwei Gläschen.

Ssorin: Hat eben kein persönliches Glück, die Ärmste.

Dorn: Nicht so schlimm, Exzellenz!

Ssorin: Sie reden wie ein satter Mensch.

Arkadina: Ach, was kann's Langweiligeres geben als diese liebe ländliche Langeweile! Es ist heiß und still, kein Mensch tut etwas, alles philosophiert … Es ist ganz schön hier bei euch, meine Freunde, man hört euch mit Vergnügen zu, aber … in seinem Hotelzimmer sitzen und seine Rolle studieren – ist doch, weiß Gott, schöner!

Nina begeistert: Schön! … ich verstehe Sie.

Ssorin: Gewiß, in der Stadt ist's schöner. Man sitzt in seinem Kabinett, der Diener läßt niemand ohne Anmeldung vor, man hat Telefon … Droschken vor der Tür und so …

Dorn singt für sich. – Schamrajew tritt ein, hinter ihm Polina Andrejewna.

Schamrajew: Da sind unsere Herrschaften. Guten Tag! Küßt zuerst Frau Arkadina und dann Nina: die Hand. Sehr erfreut, Sie munter zu sehen. Zu Arkadina: Meine Frau sagte, Sie wollten heut mit ihr in die Stadt fahren. Stimmt das?

Arkadina: Ja, wir haben die Absicht.

Schamrajew: Hm … Das ist ja großartig, aber wie wollen Sie denn hinfahren, Verehrteste? Heut wird bei uns der Roggen geerntet. Alle Arbeiter sind beschäftigt. Welche Pferde wollen Sie nehmen, wenn ich fragen darf?

Arkadina: Welche Pferde? Wie soll ich das wissen?

Ssorin: Wir haben doch die Kutschpferde!

Schamrajew erwägt: Die Kutschpferde, so – und woher soll ich die Geschirre nehmen? Das ist ja wundervoll! Nicht zu glauben! Verzeihen Sie, Verehrteste – ich bewundere ihr Talent, bin bereit, zehn Jahre meines Lebens für Sie hinzugeben, aber Pferde kann ich Ihnen nicht geben.

Arkadina: Aber wenn ich fahren muß? Sonderbar!

Schamrajew: Verehrteste! Sie wissen nicht, was Wirtschaft heißt.

Arkadina aufbrausend: Die alte Geschichte. Dann reise ich noch heut nach Moskau ab. Lassen Sie für mich Pferde im Dorf besorgen, sonst geh' ich zu Fuß zur Bahnstation.

Schamrajew aufbrausend: In diesem Falle verzichte ich auf meine Stelle. Suchen sie sich einen anderen Verwalter. Ab. b

Arkadina: Jeden Sommer dasselbe. Jeden Sommer muß ich mich hier beleidigen lassen. Nie wieder setz' ich meinen Fuß hierher.

Ab nach links, wo das Badehaus angenommen wird; einen Augenblick später sieht man sie ins Haus eintreten, hinter ihr Trigorin mit Angeln und einem Eimer.

Ssorin aufbrausend: Das ist eine Unverschämtheit! Das ist – der Teufel weiß was! Ich hab' das jetzt satt. Sofort soll man alle Pferde herschaffen!

Nina zu Polina Andrejewna: Irina Nikolajewna etwas abzuschlagen! Einer so berühmten Künstlerin! Ist nicht jeder ihrer Wünsche, ja selbst eine Laune wichtiger als Ihre ganze Wirtschaft? Einfach unglaublich!

Polina Andrejewna verzweifelt<: Was kann ich denn dafür>? Versetzen sie sich in meine Lage … was kann ich denn dafür?

Ssorin zu Nina: Kommen Sie mit mir zur Schwester. Wir wollen sie alle bitten, daß sie nicht abreist. Nicht wahr? Blickt nach der Richtung, in der Schamrajew sich entfernt hat. Ein unausstehlicher Mensch! Ein Despot.

Nina hält ihn vom Aufstehen zurück: Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen … Wir fahren Sie hin … Schiebt mit Medwjedenko den Stuhl. Oh, wie schrecklich!

Ssorin: Ja, ja, das ist schrecklich … Aber er wird nicht gehen, ich will gleich mit ihm reden.

Ab, nur Dorn und Polina Andrejewna bleiben zurück.

Dorn: Die Menschen sind doch langweilig. Eigentlich sollte man Ihrem Mann sofort den Laufpaß geben – und schließlich wird das Ende vom Lied sein, daß Pjotr Nikolajewitsch, dieses alte Weib, und seine Schwester ihn um Entschuldigung bitten. Sie werden sehen!

Polina Andrejewna: Er hat die Kutschpferde wirklich aufs Feld geschickt. Jeden Tag solche Mißverständnisse. Wenn Sie wüßten, wie mich das aufregt! Ich werde krank davon, sehen Sie doch, wie ich zittre … Ich ertrage seine Roheiten nicht länger. Flehend: Jewgeni, mein Teurer, Geliebter, nehmen sie mich zu sich! Unsere Zeit vergeht, wir sind nicht mehr jung, wenigstens an unserem Lebensende wollen wir uns nicht mehr verstecken, wollen wir nicht mehr lügen …

Pause.

Dorn: Ich bin fünfundfünfzig Jahre. 's ist schon zu spät, das Leben zu ändern.

Polina Andrejewna: Ich weiß, Sie schlagen es mir ab, weil außer mir noch andere Frauen Ihnen nahestehen. Alle können Sie nicht zu sich nehmen. Ich verstehe. Verzeihen sie, ich bin Ihnen schon über …

Nina erscheint in der Nähe des Hauses, sie pflückt Blumen.

Dorn: Ach, nein …

Polina Andrejewna: Ich leide unter meiner Eifersucht. Gewiß, sie sind Arzt, Sie können die Frauen nicht meiden. Ich verstehe.

Dorn zu Nina, die näher tritt: Wie steht's dort?

Nina: Irina Nikolajewna weint, und Pjotr Nikolajewitsch hat einen Asthmaanfall.

Dorn erhebt sich: Will ihnen beiden Baldriantropfen geben …

Nina reicht ihm die Blumen: Bitte.

Dorn: Merci bien! Geht nach dem Hause.

Polina Andrejewna geht mit ihm: Was für reizende Blumen! In der Nähe des Hauses mit dumpfer Stimme: Geben sie mir diese Blumen!

Nimmt die Blumen, zerreißt sie und wirft sie fort. Beide gehen ins Haus.

Nina allein: Wie sonderbar – zu sehen, daß eine berühmte Künstlerin weint, und noch dazu aus einem so nichtigen Anlaß! Und ist es nicht sonderbar, ein berühmter Schriftsteller, der Liebling des Publikums – alle Zeitungen schreiben über ihn, man verkauft seine Bilder, übersetzt ihn in fremde Sprachen – und er angelt den ganzen Tag und freut sich, wenn er zwei Plötzen gefangen hat, ich dachte, berühmte Leute seien stolz und unzugänglich, sie verachteten die Menge und rächten sich durch ihren Ruhm, durch den Glanz ihres Namens dafür, daß sie vornehme Herkunft und Reichtum über alles schätzen. Aber sieh da – sie weinen, sie angeln, sie spielen Karten, lachen und ärgern sich, ganz wie die anderen …

Treplew kommt ohne Hut, mit der Büchse und einer erlegten Möwe: Sie sind hier allein?

Nina: Ja. Treplew legt ihr die Möwe zu Füßen. Was bedeutet das?

Treplew: Ich beging die Gemeinheit, heute diese Möwe zu töten. Ich lege sie Ihnen zu Füßen.

Nina: Was ist Ihnen? Nimmt die Möwe auf und betrachtet sie.

Treplew nach einer Pause: Bald werde ich mich selbst auf gleiche Weise täten.

Nina: Ich erkenne Sie nicht wieder.

Treplew: Ja – nachdem ich aufgehört habe, Sie wiedererkennen. Sie sind mir gegenüber eine andere geworden, Ihr Blick ist kalt, meine Gegenwart ist Ihnen peinlich.

Nina: Sie sind seit einiger Zeit gereizt, drücken sich unverständlich aus, so in Symbolen … Und diese Möwe ist offenbar auch ein Symbol, aber, verzeihen Sie, ich verstehe Sie nicht … Legt die Möwe auf die Bank. Ich bin zu einfach, um Sie zu verstehen.

Treplew: Es begann an jenem Abend, als mein Stück auf so dumme Weise durchfiel. Frauen verzeihen einen Mißerfolg nicht. Ich habe alles verbrannt, alles bis auf den letzten Fetzen. Wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! Ihre Kälte ist schrecklich, ganz unfaßbar, wie wenn ich aufgewacht wäre und sähe, daß dieser See plötzlich ausgetrocknet oder in der Erde verschwunden ist. Sie sagten eben, Sie seien zu einfach, um mich zu verstehen. Oh, was ist da zu verstehen? Das Stück hat nicht gefallen, sie verachten mein dichterisches Schaffen, Sie halten mich schon für einen Dutzendmenschen, eine Null, wie es deren viele gibt. Stampft mit dem Fuß. Wie gut ich das verstehe! Wie ich das verstehe! Mir sitzt gleichsam ein Nagel im Hirn – verflucht soll er sein, samt seiner Eigenliebe, die mein Blut saugt … saugt wie eine Schlange … Er sieht Trigorin, der, in einem Buche lesend, näher kommt. Da kommt das wahre Talent, er schreitet daher wie Hamlet – und gleichfalls mit einem Buche. Nachäffend. »Worte, Worte, Worte!« Die Sonne ist noch gar nicht an Sie herangekommen, und Sie lächeln schon, Ihr Blick ist geschmolzen unter ihren Strahlen. Ich will Sie nicht stören. Rasch ab.

Trigorin macht Notizen in ein Buch: Schnupft und trinkt Schnaps … Immer in Schwarz. Ein Lehrer liebt sie …

Nina: Guten Tag, Boris Alexejewitsch!

Trigorin: Guten Tag! Die Umstände haben sich wider Erwarten so gefügt, daß wir vermutlich heut abreisen. Ich werde Sie kaum jemals wiedersehen. Schade. Ich habe nur selten Gelegenheit, jungen Mädchen zu begegnen, jungen und interessanten, ich hab's schon vergessen und kann es mir nicht klar vorstellen, wie man mit achtzehn, neunzehn Jahren empfindet, und darum sind auch in meinen Erzählungen die jungen Mädchen gewöhnlich verzeichnet. Möcht' wirklich einmal an Ihrer Stelle sein, wenn auch nur auf eine Stunde, um zu erfahren, wie Sie fühlen, und überhaupt, was für ein Geschöpfchen Sie sind.

Nina: Und ich möcht' gern einmal an Ihrer Stelle sein.

Trigorin: Warum?

Nina: Um zu erfahren, wie sich ein berühmter und –voller Schriftsteller so vorkommt. Wie macht sich die Berühmtheit fühlbar? Wie empfinden Sie es, daß Sie berühmt sind?

Trigorin: Wie? Ich glaube, gar nicht. Ich habe nie darüber nachgedacht. Überlegend. Eins von beiden: entweder Sie überschätzen meine Berühmtheit, oder die Berühmtheit wird überhaupt nicht empfunden.

Nina: Und wenn Sie lesen, was über Sie in den Zeitungen steht?

Trigorin: Lobt man mich, so ist's angenehm, und zieht man über mich her, so bin ich dann zwei tage lang nicht bei Laune.

Nina: Eine seltsame Welt! Wie ich Sie beneide, wenn Sie wüßten! Das Los der Menschen ist so verschieden. Die einen schleppen mühsam ihr langweiliges, unbeachtetes Dasein hin, alle miteinander ähnlich, alle unglücklich; dem andern – Ihnen zum Beispiel, Sie sind einer unter einer Million – wurde ein interessantes, lichtvolles, überquellendes Leben zuteil … Sie sind glücklich – – –

Trigorin: Ich? Zuckt die Achseln. Hm … Sie reden da von Berühmtheit, von Glück, von einem lichtvollen, interessanten Leben – und für mich sind alle diesen schönen Worte+– verzeihen Sie – gleich der Marmelade, die ich nie esse. Sie sind sehr jung und sehr gut.

Nina: Ihr Leben ist schön!

Trigorin: Was ist daran besonders schön? Sieht auf die Uhr. Ich muß gleich gehen und schreiben. Entschuldigen sie, ich habe keine Zeit … Lacht. Sie sind mir, wie man zu sagen pflegt, auf mein liebstes Hühnerauge getreten, und da beginne ich mich aufzuregen und ein klein wenig zu ärgern. Übrigens, ja, reden wir davon. Reden wir von meinem schönen, lichtvollen Leben … nun, womit fangen wir an? Sinnt ein wenig nach. Es gibt Zwangsvorstellungen, wenn der Mensch Tag und Nacht immer nur, sagen wir: an den Mond denkt. auch ich habe einen solchen Mond. Tag und Nacht quält mich ohne Unterlaß ein und derselbe Gedanke: ich muß schreiben, schreiben, schreiben, – Kaum habe ich eine Erzählung beendet, so treibt es mich sogleich wieder, eine neue zu schreiben, dann eine dritte, nach der dritten eine vierte … ich schreibe ununterbrochen, wie in einer ewigen Flut, und ich kann nicht anders. Was ist daran schön und lichtvoll, frage ich Sie? Oh, was für ein sinnloses Leben! Da sitz' ich nun hier mit Ihnen, bin in Aufregung – und werde dabei nicht einen Augenblick den Gedanken los, daß eine unbeendete Erzählung meiner harrt. Ich sehe die Wolke da, die wie ein Klavier aussieht, gleich denke ich: du mußt irgendwo in deiner Erzählung einflechten, daß eine Wolke am Himmel hinzog, die einem Klavier glich. Es riecht nach Heliotrop. Gleich muß ich mir einprägen: ein süßlicher Duft, Witwenfarbe, bei der Schilderung eines Sommerabends zu erwähnen. Ich belauere mich selbst und Sie bei jeder Phrase, bei jedem Wort und beeile mich, all diese Phrasen und Worte schleunigst in meiner literarischen Vorratskammer zu verschließen. Vielleicht kann ich sie mal brauchen. Hab' ich meine Arbeit beendet, so lauf' ich ins Theater oder geh' angeln, hier möcht' ich ausruhn, mich selbst vergessen – aber nein, im Kopfe rollt schon eine eiserne Kugel, ein neues Sujet, und zieht mich schon zum Tisch, und ich muß wieder schreiben und schreiben. Und so geht's in einem fort, in einem fort, und ich hab' keine Ruhe vor mir selbst, und ich fühle, wie ich mein eigenes Leben aufzehre, wie ich um des Honigs willen, den ich da für irgend jemand im weiten Raum sammle, den Staub von meinen schönsten Blumen abstreife und die Blumen selbst zerpflücke und ihre Wurzel zerreiße. Bin ich nicht ein Wahnsinniger? Behandeln mich meine Freunde und Bekannten etwa wie einen Gesunden? »Was haben Sie unter der Feder? Womit werden Sie uns beschenken?« Ewig ein und dasselbe, ein und dasselbe, und es ist mir, als ob diese Aufmerksamkeit der Bekannten, diese Lobsprüche, dieses Entzücken – als ob alles das nur Täuschung wäre, als belöge man mich wie einen Kranken, und ich fürchte bisweilen, sie könnten plötzlich von hinten an mich heranschleichen, mich packen und – mich ins Irrenhaus schleppen. Und in jenen Jahren, in meinen jungen, besten Jahren, da ich anfing zu schreiben, war die Schriftstellerei für mich ein einziges Martyrium. Der kleine Schriftsteller kommt sich, namentlich wenn er kein Glück hat, schwerfällig, ungeschickt, überflüssig vor, seine Nerven sind überreizt, verbraucht; unwiderstehlich zieht's ihn zu den Leuten, die mit Literatur und Kunst zu tun haben, und er umschleicht sie, von niemand beachtet, von niemand anerkannt, und fürchtet sich, den Leuten frei und offen in die Augen zu sehen, wie ein Spieler, der kein Geld hat. Ich kenne meinen Lehrer nicht, in meiner Vorstellung jedoch erscheint er mir, Gott weiß warum, feindselig und mißtrauisch. Ich fürchtete das Publikum, hatte eine Heidenangst vor ihm, und wenn ich ein neues Stück von mir zur Aufführung brachte, schien es mir jedesmal, als wären die Brünetten mir feindselig gesinnt und die Blonden kalt und gleichgültig. Oh, wie entsetzlich war das! Was für eine Qual!

Nina: Erlauben Sie, gibt denn die dichterische Begeisterung und der Prozeß des Schaffens selbst Ihnen keine erhabenen, glücklichen Momente?

Trigorin: Ja, das Schreiben macht mir Vergnügen. Auch das Korrekturlesen macht mir Spaß. Kaum aber ist eine Sache im Druck erschienen, so halt ich's nicht mehr aus, und ich sehe, daß es nicht das Rechte ist, ein Fehlschuß, daß ich's überhaupt nicht hätte schreiben sollen, und ich ärgere mich, habe einen moralischen Katzenjammer. Lachend. Das Publikum aber liest es: »Ja, ganz nett, ganz talentvoll … Nett, aber längst kein Tolstoi«, oder: »Eine ganz hübsche Sache, aber ›Väter und Söhne‹ von Turgenjew sind besser.« Und so heißt's bis ans kühle Grab immer nur: »nett und talentvoll«, »nett und talentvoll« – – weiter nichts, und wenn ich tot bin, werden die Bekannten, wenn sie an meinem Grabe vorübergehen, sagen: »Hier liegt Trigorin. Er war ein ganz tüchtiger Schriftsteller, schrieb aber schlechter als Turgenjew.«

Nina: Verzeihen sie, ich verzichte darauf, Sie zu verstehen. Sie sind einfach durch den Erfolg verwöhnt.

Trigorin: Was für ein Erfolg? Ich habe mir selbst als Schriftsteller nie gefallen. Ich liebe mich als Schriftsteller nicht. Das Schlimmste aber ist, daß ich mich gleichsam in einem Rausch befinde und oft nicht verstehe, was sich schreibe … Ich liebe hier dieses Wasser, die Bäume, den Himmel, ich fühle die Natur, sie weckt in mir die Leidenschaft, den unwiderstehlichen Wunsch, zu schreiben. Aber ich bin schließlich nicht nur Landschaftsmaler, ich bin auch Staatsbürger, ich liebe meine Heimat, mein Volk, ich fühle, daß, wenn ich ein Schriftsteller bin, ich die Verpflichtung habe, vom Volk zu reden, von seinen Leiden, seiner Zukunft, ferner von der Wissenschaft, von den Menschenrechten usw. usw., und ich rede von alledem, beeile mich, man treibt mich von allen Seiten an, man ärgert sich über mich, ich springe von einer Seite auf die andere wie ein von Hunden gehetzter Fuchs, ich sehe, daß das Leben und die Wissenschaft stetig vorwärtsschreiten, immer weiter und weiter, während ich immer mehr und mehr zurückbleibe wie ein Bauer, der den Zug versäumt hat, und ich fühle schließlich, daß ich in der Tat nur die Landschaft malen kann, in allem übrigen aber bis in die Knochen falsch und unecht bin.

Nina: Sie gehen ganz in der Arbeit auf und haben weder Zeit noch Lust, sich Ihrer Bedeutung bewußt zu werden. Mögen sie selbst auch mit sich unzufrieden sein – für die andern sind

Sie groß und schön! Wenn ich ein Schriftsteller Ihres Ranges wäre, würde ich mein ganzes Leben der Menge opfern, doch würde ich mir darüber vollkommen klar sein, daß das Glück der Menge einzig darin besteht, sich zu mir emporzuheben, und sie würde mich dafür im Triumphwagen hinziehen …

Trigorin: Na, im Triumphwagen … bin ich denn ein Agamemnon? Beide lächeln.

Nina: Für das Glück, eine Schriftstellerin oder Schauspielerin zu sein, würde ich den Haß der Verwandten, Not und Enttäuschung ertragen, würde ich unterm Dach wohnen und nur Schwarzbrot essen, würde ich gern unter der Unzufriedenheit mit mir selbst, unter dem Bewußtsein meiner Unvollkommenheit leiden, aber dafür würde ich dann auch Ruhm … echten, rauschenden Ruhm verlangen … Bedeckt ihr Gesicht mit den Händen. Es schwindelt mir … Uff!

Arkadinas Stimme aus dem Hause: »Boris Alexejewitsch!«

Trigorin: Man ruft mich … Jedenfalls, um mich zu packen. Und ich hab' gar keine Lust, abzureisen ... Blickt nach dem See hin. Da, welche Pracht! Wie schön!

Nina: Sehen sie das Haus und den Garten dort am anderen Ufer?

Trigorin: Ja.

Nina: Das ist das Gut meiner verstorbenen Mutter. Ich bin dort geboren. Ich habe mein ganzes Leben hier am See verbracht und kenne jedes Inselchen darin.

Trigorin: Schön ist's hier bei Ihnen! Er sieht die Möwe. Und was ist das?

Nina: Eine Möwe. Konstantin Gawrilowitsch hat sie geschossen.

Trigorin: Ein schöner Vogel. Ich habe wirklich keine Lust zum Abreisen. Überreden Sie doch Irina Nikolajewna, daß sie bleibt. Macht Notizen in sein Buch.

Nina: Was schreiben sie da?

Trigorin: Ich mache mir Notizen … Ein Sujet fiel mir ein. Steckt das Buch ein. Der Stoff zu einer kleinen Erzählung: Am Ufer eines Sees lebt von Kindheit an ein junges Mädchen, ganz so wie Sie, es liebt den See und ist glücklich und frei wie die Möwe. Zufällig aber kam ein Mensch,
sah die Möwe, und weil er nichts Besseres zu tun hatte, vernichtete er ihr Leben, ganz wie hier das der Möwe.

Pause; im Fenster erscheint Arkadina.

Arkadina: Boris Alexejewitsch, wo sind Sie?

Trigorin: Gleich! Geht und blickt sich dabei nach Nina um; am Fenster, zur Arkadina. Was gibt's?

Arkadina: Wir bleiben.

Trigorin ab ins Haus.

Nina tritt an die Rampe; nach einigem Nachdenken: Ein Traum!

Vorhang.

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