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Gutenberg > Josef Ruederer >

Die Morgenröte

Josef Ruederer: Die Morgenröte - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleTheaterstücke
authorJosef Ruederer
year1987
publisherSüddeutscher Verlag
addressMünchen
isbn3-7991-6365-4
titleDie Morgenröte
pages129-130
created20020608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
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Fünfter Akt

Die Gaststube beim Sporerbräu. Ähnlich gewölbt wie die des Marderbräu, nur münden hier die Deckenbogen in eine breite Säule in der Mitte. Zwei Fenster im Hintergrund. In der linken Wand zwei Türen, von denen die hintere den Zugang zur Straße darstellt, über der vorderen, die gegen die Gaststube aufgeht, das Wappen der Cherusker. Rechts ebenfalls zwei Türen, dazwischen die kleine Schenke. Kneiptische im Hintergrunde sowie rechts und links.

Es ist Nacht. Auf dem Schenktisch und links Öllichter. Im Hintergrund sitzt Wammerl. Er hat den Säbel zwischen die Beine geklemmt und schnarcht laut. Vor ihm sein Helm. Genoveva auf einem Stuhl an der Säule, ganz verloren und aufgelöst. Nach einer Pause erscheint Abel von links mit einem Buben, dem Ministranten, der ein Paket trägt. Er nimmt erst Weihwasser aus dem Kessel neben der Eingangstüre, dann geht er nach vorn; plötzlich stolpert er über Genoveva.

Abel Um Gottes willen, wer ist denn das nur?

Genoveva tonlos: Guten Abend, Herr Kurat.

Abel Ah, du bist's Veverl. Da herüben beim Sporerbräu? Beim Feind deiner Mutter? Ja, wie kommt denn das?

Genoveva Ich hab's daheim nimmer ausg'halt'n.

Abel So, so. Dann sag' einmal: Ist der alte Singlspieler nicht zu Haus?

Genoveva Koa Mensch is mehr in dem Haus.

Abel Hast du auch nichts g'hört von ihm? Ich meine, wie 's ihm gegangen ist, drinnen in der Residenz?

Genoveva Kei' Wort, Hochwürden.

Abel Und wo ist denn deine Mutter?

Genoveva D' Mutter hat drüb'n all's abg'sperrt, nacher is s' fortgangen in d' Stadt . . . sie hat g'sagt, sie muß si' die Gaudi in der Näh' anschaun.

Abel Deine Mutter ist manchmal eine sehr merkwürdige Frau.

Genoveva Ja mei', i kann s' auch net anders macha. Sie seufzt schwer auf.

Abel Bleib' doch nicht hier sitzen auf dem Fleck.

Genoveva Was soll ich denn anfangen?

Abel Rumgehen sollst, arbeiten sollst, dann kommst du schon auf andere Gedanken.

Genoveva Wenn i nur könnt'!

Abel Der Mensch kann alles, was er will. Und was er nicht kann, da muß er Gott bitten, daß er ihm die Kraft dazu verleiht.

Genoveva Da darf mir unser Herrgott schon viel Kraft verleihen, Hochwürden. Was i durchg'macht hab' die vierundzwanzig Stunden!

Abel Nur nicht verzweifeln. Es wird ein Trost kommen vom Himmel. Und den ersten, den bring' ich dir selber. Er weist auf das Paket. Da schau her!

Genoveva Was ist denn des?

Abel Als der Peißner euch untreu geworden ist, habe ich deiner Mutter sofort gesagt, sie soll das Haus ausweihen lassen, damit der Geist der Sünde von dannen geht. Sie hat's nicht getan. Die Konsequenzen hat sie erlebt. Jetzt ist 's höchste Zeit, daß wir da herüben wenigstens den Anfang machen.

Genoveva Sehr freundli', Hochwürden, es werd a ganz gut sein, aber, was mir des für a Trost sein soll, des seh i net ein.

Abel Mit der Zeit wirst du's schon merken. Was da herinnen Gutes geschieht, das erstreckt sich weiter, zu euch hinüber, durch die ganze Stadt, bis in das verrufene Haus, zum Xaverl.

Genoveva Mir soll's recht sein, Herr Kurat.

Abel Beten, beten und noch einmal beten, was anderes hilft jetzt nicht mehr. Wo kann ich mich ankleiden?

Genoveva reibt sich die Augen und schaut erst nach links: Warten S' amal. Da drin san jetzt de Cherusker. Nun weist sie auf die vordere Türe rechts. Da drüben glaub' i, da geht's.

Abel Dank' schön. Er winkt dem Ministranten, hineinzugehen.

Wammerl ist aufgewacht und gähnt laut: U–a–ah!

Abel Was ist denn da los?

Wammerl Herrgott, so a Wach is der fad!

Abel Na, besonders haben Sie sich gerade nicht angestrengt bei der Wache, Herr Wammerl.

Wammerl Sie haben guat red'n, Hochwürden. Braucha net sitzen bleiben da herin ins Ungewisse, vielleicht a paar Tag.

Abel Es muß ja doch bald zu End' sein. Haben Sie auch nichts gehört?

Wammerl I bin froh, bal' i nix hör' –

Abel Wenn man nur grad wüßt', wie's in der Stadt verlaufen ist? Ich meine, was die Bürger ausgerichtet haben oder sonst was.

Wammerl 's Bier muaß beim alten Preis bleib'n.

Abel Es redet ja kein Mensch vom Bier.

Wammerl Von was denn sonst?

Abel Von der Lola.

Wammerl Ah, was! D' Lola Montez schmeißt ma naus, a anders Weibsbild laßt ma rein. Alleweil dieselbe Mehlsupp'n.

Abel Diesmal glaub' ich's nicht recht, Herr Wammerl.

Wammerl Hören S' m'r auf. Unser Staatswesen is morsch, – unbeirrt fortfahrend – morsch bis in die Knochen. Aber jetzt bin a amal a Revoluzzer, jetzt hab'n wir uns alle erhob'n wia oa Mann, wia oa Mann, sag' i, jetzt schmeiß i der ganz'n Sippschaft mein' Säbel hi' und sag': Wißt's was: ös könnt's mi alle mitananda – gern hab'n, ös könnt's m'r 'n Buckel rauf und runter rutsch'n, i mag koa Wach nimmer halt'n: 'm Singlspieler soll's dreckat gehn.

Hemersbacher eilig von links. Er ist angetrunken: 's geht eahm dreckat, Herr Nachbar! De ganz' Supp'n muaß er ausfress'n, grad so, wia's d' Lola hat ausfress'n müass'n. Ah, Sie, Herr Kurat, der hab' i 's zoagt . . . der hab' i 's zoagt!

Abel Was? Wieso denn?

Hemersbacher Da schaug'n S' Eahna de Hand an, de Hand! Damit hab' i a Spiegelscheib'n z'sammg'haut, so groß wia a Haustür – z'sammag'haut hab' i s' mit dera Hand da, sehg'n S', mit dera Hand, und nacher . . . nacher . . .

Abel Nun, was denn?

Hemersbacher lacht: Nacher hab i tanzt mit lauter Kavalier und mit der Lola selber, an Draher, an g'salz'na Draher. Sehg'n S' a so, Herr Kurat. Er haut auf den Schenkel und dreht sich.

Abel immer wilder: Getanzt haben Sie?

Hemersbacher Jawohl, daß da Bod'n kracht hat!

Abel Und nacher?

Hemersbacher Nacher san de andern auf d' Straßen naus, de Lola voran, und i, ha, ha, i' hab 'n ganzen Schampani ausg'suffa, glas'lweis, grad wia s'n ham stehnlass'n.

Wammerl lacht laut: Ha, ha, ha, der Protz da, der Glaser!

Hemersbacher Ja, Herr Nachbar, jetzt komma mir ob'n aufi! – Schampani fürs Volk, 's Bier für de Obern.

Wammerl Na, na, i bleib' beim Bier.

Hemersbacher Kriegst's a, Bürgerwehrmann, und nimmer sechsahalb Kreuzer brauchst zahl'n – gar nix brauchst zahl'n, überhaupt's umasunst, alles umasunst auf der Welt! Er lacht laut auf, bricht aber plötzlich jäh ab, da er Singlspieler gewahrt.

Singlspieler in altväterischem Frack, hohem Zylinder und schwerem Mantel, ist durch die Straßentüre links eingetreten. Grob: Was, umasunst?

Abel Na endlich!

Hemersbacher etwas ernüchtert: D'Fensterscheib'n net, Bierbrauersprotz.

Singlspieler Fahr' ab!

Hemersbacher in weitem Bogen nach rechts torkelnd, wo er durch die hintere Türe verschwindet: Ja., paß nur auf, paß nur auf!

Singlspieler trocknet sich den Schweiß von der Stirne: Aber hundsmiserablige Zeit!

Abel Ich hab' Sie schon mit Schmerzen erwartet.

Singlspieler Ich hätt' schon lang' komma könna, aber i hab' mir denkt, ob so, ob so, die G'schicht hat ja do' koan Zweck.

Abel Wieso? Reden Sie mal. Wie war's denn? Wie ist's denn?

Singlspieler Was?

Abel Was? Was? Sie fragen mich noch? Sie haben doch was erlebt, Sie waren doch beim König. Wie ist die Audienz verlaufen?

Singlspieler Des kann i selber net sagen.

Abel Ja, Mensch, haben Sie denn den Verstand verloren, wie Ihr Sohn? Sie müssen doch noch was wissen.

Singlspieler I woaß was, und i woaß nix mehr.

Abel Ja, haben Sie denn nicht gesagt, was ich Ihnen gesagt hab', daß S' sagen sollen?

Singlspieler Des hab' i g'sagt.

Abel Wort für Wort?

Singlspieler Ob's grad Wort für Wort a so war, des woaß i a nimmer. Aber jedenfalls, g'sagt hab' i was.

Abel Na, und er, was hat er gesagt?

Singlspieler Wer?

Abel Nun, der König!

Singlspieler Nix hat er g'sagt, gar nix! Kei' Sterbenswörtl net, bloß ang'schaut hat er uns alle, aber scho' so fuchsteufelswild, daß i froh war, wie i wieder draußen war.

Abel Nun, und nachher?

Singlspieler Nacher? Ja, nacher is einer kommen im Vorzimmer draußen. Viel Orden hat er ang'habt und an goldg'stickten Krag'n. Der hat g'sagt zu uns: »So, jetzt geht 's nur wieder heim, alle miteinander. Wenn 's enk recht ruhig verhält's, nacher wird die Universität möglicherweis wieder aufg'macht«, hat er g'sagt.

Abel Und die Lola?

Singlspieler ganz erstaunt: Von der Lola war weiters koa Red' net.

Abel Keine Red' net? Ja . . . ja . . . Er ringt nach Worten. Ja für was waren Sie denn dann in der Residenz?

Singlspieler Des woaß i selber net.

Abel Nur böse Blicke? Mehr hat Ihnen der König nicht gegeben?

Singlspieler Ja, moanen S' am End', er hat Bock und Bratwürscht auffahren lassen?

Abel außer sich: Es ist doch unglaublich.

Singlspieler Stellen Sie Eahna mal hin, steigen S' nauf die Treppen und die weiten Gäng', wo alles auf d' Zehen geht, warten S' nacher zwei volle Stund', bis mer Eahna endlich erlaubt, daß S' niederknien vor der Majestät, nacher woll'n mer amal abwart'n, ob S' no' so daherred'n.

Abel läuft wütend umher: Also alles umsonst.

Wammerl immer in seiner Ecke: Was i g'sagt hab'.

Singlspieler Es tut m'r recht leid, daß S' net besser mit m'r z'fried'n sind, Herr Kurat. Aber des dürfen S' m'r glaub'n, den größern Kummer hab' scho' i z'tragen.

Abel Möcht' wissen, wie?

Singlspieler No, mit mei'm Bub'n! Wer stellt mir'n denn wieder z'samm, daß i mi seh'n lassen kann damit vor anständige Leut'?

Abel Das wird sich finden, sobald wir Ihren Sohn einmal wiederhaben.

Singlspieler Und die Hauptsach', da Bierpreis?

Abel Auch das gibt sich.

Singlspieler Wenn's aber schiaf geht?

Abel Es geht gerade.

Singlspieler Übanehma S' a de Verantwortung? Sie ham mi' aufg'hetzt, Sie ham ma g'raten, i soll in d' Höh' geh'n.

Wammerl Ja, ja, i hab's selber g'hört.

Frau Lunglmayer von links mit Hut und großem, langem, türkischem Schal, ist während der letzten Worte eingetreten: Da hat er eahm was G'scheit's g'raten, der Herr Kurat.

Singlspieler Was? Du? Du kommst no' zu mir?

Frau Lunglmayer Weil's d' m'r leid tuast.

Singlspieler Leid?

Frau Lunglmayer Paß nur auf: der Lola ham s' d' Fensterscheib'n scho' eing'schmiss'n, jetzt kemma s' zu dir.

Wammerl Ja, ja!

Singlspieler War ja net übel! Er nähert sich Abel, mit dem er heftig spricht.

Genoveva zu Frau Lunglmayer: Oh, Frau Mutter! Sie bricht in lautes Schluchzen aus.

Frau Lunglmayer legt den Arm um sie: No, no, sei nur gut.

Genoveva Was der Xaverl mir an'tan hat, vergiß i meiner Lebtag net.

Frau Lunglmayer Mei', Veverl, 's Leben is lang.

Genoveva Um so schlimmer für mi'.

Frau Lunglmayer Tu di nur tröst'n. Wenn d' Mannsbilder im Leben a amal neben'nausgeh'n, des macht net so viel. D' Hauptsach' is, daß s'jedesmal wiederkemma.

Singlspieler Lunglmayerin, is des dei' Ernst?

Genoveva Oh, mei, es hilft ja do' nix, der Xaverl kommt nimmer wieder.

Frau Lunglmayer Wollen 's erst amal abwart'n.

Genoveva Ja, und wenn, i bitt' Sie, Frau Mutter, ich will 'm Vater Singlspieler net z'nah treten, aber i kann mi do' nimmer mit eahm sehn lassen, i kann doch so'n Menschen nimmer heirat'n.

Frau Lunglmayer Auf der Welt wird all's net so heiß g'gessen, wie's kocht wird. Des kannst dir merken.

Singlspieler ganz bewegt: I dank' dir, Lunglmayerin, i dank' dir! Er trocknet sich wieder den Schweiß und schaut stier in eine Richtung, nur von dem Gedanken an das Kommende erfüllt.

Genoveva Aber wer sich mit der Lola Montez eing'lassen hat . . .

Frau Lunglmayer War' dir an andre lieber g'wesen? Da Genoveva schweigt: Na, also, nacher mußt den Namen auch net so breitspuri' aussprechen, wie der Patzi, der damische, der Revoluzzer da, no der . . .

Eisenkopf von links: Bitte, sprechen Sie nur aus, Mutter Lunglmayer, ich habe gehört, daß Sie auf mich schimpfen.

Frau Lunglmayer Bal' Sie's wissen wollen, nacher sag' ich's offen: Ja, auf Eahna hab' i g'schimpft.

Eisenkopf Ist es meine Schuld, wenn Ihr Schwiegersohn zum Verräter geworden ist?

Frau Lunglmayer Ja, Eahner Schuld.

Eisenkopf lacht: Dann trag' ich wohl auch die Verantwortung dafür, daß Nero Rom in Brand gesteckt hat, oder daß Ludwig der Sechzehnte ein Dummkopf war?

Frau Lunglmayer Reden S' net so g'schwollen daher! Denken S' dran, was der Xaver meiner Tochter an'tan hat.

Singlspieler Was er mir an'tan hat.

Eisenkopf Euch! Euch! Immer euch! Aber, was er dem Korps angetan hat, seiner alten Cheruskia, unserer Ehre!

Frau Lunglmayer Hören S' m'r auf.

Eisenkopf läßt sich auf einen Stuhl fallen und senkt den Kopf in beide Arme: Daß ich das noch erleben mußte, diese Schande, diese Schmach, daß ich deshalb herüberfahren mußte über den Ozean, um 's mit eigenen Augen zu sehen, wie mein Xaver, mein Leibfuchs – ah, ihr guten Leute, als ich das erfuhr in dem Augenblick, wo ich den höchsten Triumph meines Lebens begehen, wo ich mit wuchtiger Faust das wurmstichige Königtum zertrümmern wollte, da dacht' ich, ich müßte in den Boden sinken, zehn Klafter tief oder noch tiefer.

Frau Lunglmayer Waren S' nur 'nunterg'sunka, alle miteinander, die den Spektakel g'macht hab'n. Der Herr Kurat kann sich's auch merken.

Abel Frau Lunglmayer –

Frau Lunglmayer San S' nur ganz stad!

Eisenkopf richtet sich wieder auf: Aber jetzt ist's auch vorbei damit. Fort mit dem Schmerz, jetzt kommt die Nemesis.

Frau Lunglmayer Was kimmt?

Eisenkopf Der Xaver ist dimittiert cum infamia.

Frau Lunglmayer Das wird er ertragen können.

Eisenkopf Oho!

Frau Lunglmayer Jawohl, oho! Was haben S' denn so Großartigs vollbracht? A saudumme Revalation haben S' ang'fangt. Und jetzt möchten S' hinterher no' aufdrahn und 'n Protzen spielen?

In der Ferne hört man einen Lärm.

Eisenkopf Einen Augenblick Geduld! Hört Sie den Lärm? Weiß Sie, was er bedeutet? Der Donner der Revolution ist es, und damit, Mutter Lunglmayer, kann ich's Ihnen endlich sagen: Mein Werk ist getan! Die Majestät des Königs hat der Majestät des Volkes weichen müssen!

Abel Was Sie nicht sagen!

Eisenkopf Jawohl, mein wackerer Herr Seelsorger. Merken Sie sich's, sagen Sie's Ihren Beichtkindern. Die Aufklärung hat gesiegt!

Abel Aber, wie ist denn das gegangen?

Eisenkopf Die Angst! Die Angst hat den Tyrannen zu Boden geworfen; er mußte nachgeben. Für immer ist die Gräfin Landsfeld aus dem Lande verbannt, und jetzt in diesem Augenblick befindet sie sich bereits auf der Flucht nach der Grenze!

Xaver von links, ohne Kopfbedeckung, ganz außer sich: Ein Messer! Ein Messer her! Gebt's mir ein Messer!

Die Anwesenden fliehen nach allen Seiten, mit Ausnahme von Wammerl, der sich erst in der nun folgenden Szene langsam erhebt.

Singlspieler Ja, was is denn jetzt des?

Abel So auf einmal ist er da?

Genoveva Xaverl, Xaverl, wo kommst d' denn her?

Xaver Veverl, du bist ja am Schenktisch, ich bitt' dich, gib mir ein Messer.

Eisenkopf Mach', daß du nauskommst aus diesem Haus!

Singlspieler I hab' da herinn' zu befehlen, der Xaverl bleibt da.

Xaver Gebt's mir ein Messer, ich bitt' euch noch einmal drum.

Singlspieler Ja, was willst d' denn mit dem Messer?

Xaver Umbringen will ich sie!

Frau Lunglmayer Wen denn?

Xaver Die Lola Montez!

Abel Die ist ja fort von München.

Xaver Haha, fort! Was ihr meint! Die Lola geht überhaupt nie mehr fort, sie bleibt da bis in alle Ewigkeit. Und jetzt, jetzt kommt sie die Straßen herauf, dicht hinter mir, daher, da 'rein zu uns, zu euch!

Ein Schrei geht durch die Anwesenden.

Wammerl Ruhe! Ruhe!

Abel Phantasieren Sie nicht? Ist denn das möglich?

Xaver Beim Satan ist kein Ding unmöglich. Ich hab's erfahren, ich hab's gebüßt, und jetzt zahlt sie mir's heim mit Zins und Zinseszinsen. Er fällt auf einen Stuhl.

Genoveva Vater im Himmel, was fangen wir an?

Frau Lunglmayer Nur kalt, nur kalt!

Abel zu Eisenkopf: Wenn's wahr ist, was er da sagt – gehen Sie 'naus, sammeln Sie die Leute, damit sie s' forttreiben.

Wammerl I bin a no' da, wenn's grad not tut. Werd'n mer scho schaun. Mit Eisenkopf links ab.

Frau Lunglmayer Xaverl, nimm deine fünf Sinn' z'samm', red' deutlicher. Sie will ihm die Hand auf die Schulter legen.

Xaver Rühren Sie mich nicht an, Mutter Lunglmayer, ich bin ein unehrlicher Mensch.

Genoveva Is ja net wahr.

Xaver Veverl, geh weg. Ihr habt nichts mehr mit mir gemein, ihr dürft nichts mehr mit mir gemein haben, und 's ist auch ganz recht so.

Singlspieler Wir woll'n dir all's verzeih'n, nur nimm 'n Verstand an.

Xaver Keine Verzeihung, keine Rührung. Ich wollt' nichts mehr haben von euch, nur ein Messer, ihr habt mir 's nicht gegeben. Gut, jetzt geh ich . . . wohin geh ich denn gleich? Er erblickt das Korpswappen über der Türe. Richtig! Da is jetzt die Kneip', da müssen ja auch die Mensurpistolen sein. Er stürzt links vorn ab.

Frau Lunglmayer Xaverl, mach' keine Dummheiten. Sie eilt ihm nach und postiert sich vor der Kneipstubentür.

Der Lärm von außen, der seit Eisenkopfs Ansprache an Frau Lunglmayer immer stärker gewachsen ist, schwillt jetzt noch mehr an.

Abel macht ein Kreuz: Steh uns bei, sie kommt wirklich. Er zieht sich gegen die vordere Türe rechts zurück und tritt dann hinein.

Singlspieler irrt umher: Wann der Teufel selba daherkimmt, mag an anderer bleib'n.

Genoveva Vater Singlspiela, i geh mit.

Singlspieler öffnet eines der rückwärtigen Fenster ein wenig und schreit in höchster Angst: 'n Augenblick no', sagt's de Leut, i gib nach, sagt's eahna, i setz 'n Bierpreis wieder 'runter!

Frau Lunglmayer lacht laut.

Singlspieler schreit noch lauter: Sechs Kreuzer kost't d' Maß! Mit Genoveva durch die vordere, rechte Türe ab, Abel nach.

Frau Lunglmayer allein vor der Kneipstubentür: Alle lauf'n s' davon, alle reiß'n s' aus, solang s' Füß' hab'n. I bleib' am Fleck! I hab' die Lola Montez meiner Lebtag net g'fürcht't, i furcht' s' a jetzt net, und wenn hinter ihr des ganze b'soffene München und des ganze Königreich Bayern mit Maßkrüg' und Radischwänz' dahermarschiert.

Der Lärm ist inzwischen noch stärker geworden. Jetzt tönt vor dem Hofe ein lauter Schrei zahlloser Menschen. Gleich darauf stürzen der Reihe nach Peißner, Baur und Hirschberg von links herein. Sie sind bleich und abgehetzt, Peißner ohne Kopfbedeckung, die leere Scheide des Schlägers an der Seite, Baur ohne Säbel, den Helm schief auf dem Kopfe. Gleich nach ihnen erscheint Maurice im Reiseanzug, Zylinder, ein Köfferchen in der Hand; hinter ihm Lolas Kammerfrau, den goldenen Käfig mit dem Kakadu in der Hand.

Peißner Die Kerle haben mich bald zerrissen.

Hirschberg Mich auch!

Baur deutet auf den Kopf: Da schauen Sie her! Da hat mich ein Stein getroffen!

Peißner Eine wahnsinnige Idee von der Gräfin!

Baur Der ganze Hexensabbat ist losgelassen.

Hirschberg Wo ist denn der Mayerhöfer?

Maurice Der ist auf und davon.

Baur Der war der Gescheitere.

Hirschberg Und der Singlspieler?

Peißner Geht uns der Schuft etwas an?

Baur Der ist schuld an der ganzen Geschichte.

Peißner Er und die Gräfin. Aber lassen Sie sie nur kommen, alle beide, ich stelle sie zur Rede, ich werde ihnen . . .

Zäpf von links: Platz! Platz für Seine Exzellenz! Er geleitet von Berks herein und entfernt sich dann wieder.

Von Berks in höchster Erregung: Wo ist die Gräfin?

Peißner Ja, wo ist die Gräfin? Das fragen wir selber. Erst hat sie uns alle hierher getrieben. Wo sie jetzt ist, weiß der Kuckuck.

Maurice Die Frau Gräfin ist auf die Seite geworfen worden. Wie sie durchkommen will, bleibt mir rätselhaft.

Von Berks Aber ich muß sie sprechen. Eine Sache von Wichtigkeit, eine allerhöchste Botschaft!

Peißner Wenn's gar so wichtig ist, dann warten Sie hier, wir warten ebenfalls.

Frau Lunglmayer immer vor der Kneipstubentüre, wo sie die Arme nach rückwärts vor die Türe gelegt hat, spricht ruhig und gemessen: Herr Peißner, warten S' net, machen S', da' S' fortkommen, i rat's Eahna im guten.

Peißner Was haben Sie mir zu sagen?

Frau Lunglmayer eindringlicher: Da herin ist der Xaverl. Der is g'fährli', i sag's Eahna no' amal, machen S', daß S' fortkommen.

Baur Sie hat recht. Gehen wir!

Hirschberg Freilich, was haben wir noch da zu tun?

Baur indem er sich zum Ausgang wendet: Der Polizeikommisssär hält zu uns, er muß uns durchbringen.

Der Lärm vor dem Hofe, der inzwischen nachgelassen hatte, schwillt wieder zu einem fürchterlichen Schrei an, noch viel stärker als beim Auftreten Peißners und der anderen, dann bricht er jäh ab.

Lola tritt Baur und Hirschberg von rechts entgegen, den Schläger in der Hand, Ihr Kleid ist zerfetzt, die Fangschnüre hängen herunter, ihr Haar halb offen. Sie ist totenbleich, hält sich aber mit letzter Kraft noch aufrecht und stößt Baur zurück: Non, capitaine, Sie bleiben. Zu Hirschberg: Und Sie bleiben auch. Ihr alle bleibt, bis ich gehe selber.

Von Berks tritt zu ihr: Dann muß ich Sie bitten, das gleich zu tun.

Lola Wer kann mir befehlen?

Von Berks Seine Majestät! Ja, Frau Gräfin, so leid es mir tut, Ihnen das melden zu müssen: die Revolutionäre haben etwas erreicht.

Lola grimmig lachend: Vielleicht mein Todesurteil?

Von Berks Keine Scherze jetzt, wenn ich bitten darf.

Lola Nun, so sagen Sie mir's doch, was Sie sich nicht trauen zu sagen, 's ist wahr: der König hat nicht standgehalten dem Pöbel, er hat –

Von Berks würgt es nach einem heroischen Ansatz heraus: Sie müssen auf der Stelle die Stadt verlassen.

Lola schreit furchtbar auf und läßt den Schläger fallen.

Peißner Ist's möglich?

Von Berks zu Lola: Hören Sie mich an. Seine Majestät lassen Ihnen sagen, daß Sie Ihnen nach wie vor in höchsten Gnaden gewogen bleiben . . .

Lola Aber daß Sie mich in höchsten Gnaden zur Türe hinauswerfen?

Von Berks Es handelt sich nur um einige Zeit! So lange sollen Sie in ländlicher Stille leben.

Lola Ah, so!

Von Berks Dann wird sich alles beruhigen.

Lola Parfaitement . . .

Von Berks Man gibt den Bürgern wieder billiges Bier.

Lola Weil sie so noch nicht genug trinken . . .

Von Berks Und vor allem: man öffnet wieder die Universität.

Lola Nein, nein, das nicht!

Von Berks Das ist unumgänglich.

Lola Non, non, non, ça non! Ihr habt sie geschlossen aus Angst für euch, gegen meinen Willen, jetzt aber, wo ihr davonlauft alle, alle, wie ihr da seid, soll sie in meinem Namen geschlossen bleiben.

Von Berks Was? Sie wollen noch kommandieren?

Baur Lächerlich! Sie sind verbannt.

Hirschberg Uns haben Sie mit ins Verderben gezogen.

Peißner sehr brutal, will sie anfassen: Mach', daß du 'nauskommst.

Lola entwindet sich ihnen mit einer energischen Bewegung und umklammert nach rückwärts die Mittelsäule: Ich bleibe!

Frau Lunglmayer die sich mit dem ganzen Körpergewicht gegen die Türe stemmt: Frau Gräfin, i bin an einfache Frau, net mehr und net weniger. I rat's Eahna im guten. Weist nach rechts. Da is die Hintertür, machen S', daß S' fortkommen!

Lola Ich habe dem Xaver Singlspieler versprochen, zu kommen. Da bin ich. Wo ist er?

Xaver pocht von innen an die Türe: Lola, Lola!

Lola Ah, da kommt er!

Frau Lunglmayer Gehen S' fort, es gibt a Malör!

Maurice tritt zu Lola: Frau Gräfin, die Welt ist weit. Wir haben immer noch Glück gehabt, haben immer noch einen Unterschlupf gefunden. Kommen Sie, kommen Sie!

Lola Und wenn ihr euch vor mir auf den Boden kniet, wenn ihr herunterholt den Himmel zur Erde, ich bleibe!

Xaver von innen: Raus! Raus!

Das Geschrei draußen tönt ganz nahe, man hört die Menge in den Hof stürmen.

Baur Das Militär gibt nach! Weiter! Weiter! Eilt durch die hintere Türe rechts ab.

Von Berks zu Lola: Tragen Sie die Folgen allein! Baur nach, ab.

Hirschberg Adieu, Lolamannia! von Berks nach, ab.

Peißner Hol' dich der Teufel samt deinem Xaver! Hirschberg nach, ab.

Lola Ah, ihr Hunde, ihr Memmen! Fluch und Schande über euch alle!

Frau Lunglmayer die die Türe kaum mehr halten kann: Frau Gräfin, i bin an einfache Frau, net mehr und net weniger . . .

Lola Ha, ha!

Frau Lunglmayer I rat's Eahna im guten . . .

Xaver von innen: Lola, Lola! Er stemmt die Türe etwas weiter auf.

Lola Da ist der letzte der ganzen Gesellschaft! Dann kann ich ihm noch den Abschiedsgruß entgegenschleudern: Ja, ihr seid alle gewesen meine Marionettes, meine Puppen; wo ich euch habe gestellt in diese Komödie, habt ihr müssen tanzen. Sie tritt etwas von der Säule weg und schreit gegen die Kneiptüre: Auch mit dir, mein guter Xaver, hab' ich getrieben mein Spiel; auch dich hab' ich gehabt zum besten. Und jetzt, wo's vorbei ist, spei' ich der ganzen Welt in die Fratze!

Wahnsinniges Geheul im Hofe.
Maurice faßt Lola entschlossen um den Leib und reißt sie zur hinteren rechten Türe hinaus.
Die Kammerfrau mit dem Kakadu, die bis jetzt hilflos in einer Ecke gestanden, taumelt nach. Im selben Augenblick zerbrechen die Fensterscheiben. Steine fliegen in das Zimmer.
Frau Lunglmayer, ihrer selbst nicht mehr mächtig, läßt los.
Xaver plumpst heraus und schießt mit blinder Wut in die Luft.

Hemersbacher erscheint gleichzeitig durch eines der rückwärtigen Fenster als erster: Wo is s'? Wo is s', des Luader? Hinter ihm stürzt alles mögliche Volk nach.

Singlspieler von rechts in wilder Angst: Sechs Kreuzer kost't d' Maß!

Wammerl von links: Wo is er? Wo is er, der Bierbrauer? Hinter ihm kommt Wackernagel mit den Cheruskern herein.

Hemersbacher Haut's eahm alle Maßkrüag z'samm', haut's eahm 'n Schäd'l ei'! Das Volk stürzt gegen den Schenktisch und zerschlägt Krüge.

Frau Lunglmayer mit Stentorstimme: Gebt's a Ruah, kümmert's enk um d' Lola.

Die Menge prallt zurück und hört zu toben auf.

Genoveva von rechts, wo sie kaum herauszukommen wagt: Ja, wo is s' denn, de Lola, wo is s' denn?

Xaver in der Mitte der Bühne, mit starrem Ausdruck: Fort is s', fort! Er läßt die Pistole fallen und schlägt die Hände vor die Augen.

Frau Lunglmayer Fort is s' und kommt nimmer wieder.

Eisenkopf der den andern von links nachgefolgt ist, tritt in den Vordergrund: Mitbürger, Freunde, Münchner, hört mich an!

Volk, Cherusker, Hemersbacher Hurra! Hurra! Hoch der Eisenkopf!

Singlspieler der immer noch aufgeregt herumirrt: Sechs Kreuzer kost't d' Maß! Heller Jubel.

Eisenkopf ist von links auf einen Stuhl gestiegen: Wir stehen am Ziel, wir haben erreicht, was wir gewollt haben.

Hemersbacher nickt zustimmend: D' Fensterscheiben san eing'schmissen!

Wackernagel Die Universität wird wieder aufgemacht!

Hemersbacher De Lola is draußen!

Wammerl Sechs Kreuzer kost't d' Maß!

Singlspieler Und der Xaverl is wieder da!

Genoveva tritt zu Xaver: Xaverl!

Frau Lunglmayer ebenso: Xaverl!

Wackernagel ebenso: Xaverl!

Eisenkopf So laßt uns den Triumphgesang anstimmen. Der Feind ist vertrieben, der neue Geist zieht durch die Welt. Die Nacht entwich, im Osten dämmert die Morgenröte.

Ihm gegenüber tritt aus der vorderen, rechten Türe im selben Augenblicke Abel mit dem Weihwasserwedel in der Hand. Er trägt weißen Chorrock und schwarzen Kragen mit Stola. Voran geht, ebenfalls im Chorrock und Kragen, der Ministrant mit dem qualmenden Weihrauchfaß.

Frau Lunglmayer tritt zu Eisenkopf. Ganz ruhig, aber bestimmt: Herr Eisenkopf, steigen S' 'runter. Machen S', daß S' weiter kommen, ja, ja, gehen S' nur, 's ist das Beste, was S' tun können. Und du, Singlspieler – sie tritt ihm gemächlich näher – bal's d' wieder amal 'n Bierpreis in d' Höh setzen willst, nacher suchst dir a passendere Zeit aus. Sie stößt ihn lachend in die Seite. Woaßt was? Des G'schäft, des könna ma mitananda macha.

Während sie sprach, ging Eisenkopf achselzuckend mit Zeichen der Entrüstung dem Hintergrund zu. Abel tritt ebenfalls zu Xaver und bespritzt ihn mit Weihwasser, während der Ministrant von der anderen Seite das Rauchfaß schwenkt.

Vorhang

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