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Gutenberg > Josef Ruederer >

Die Morgenröte

Josef Ruederer: Die Morgenröte - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleTheaterstücke
authorJosef Ruederer
year1987
publisherSüddeutscher Verlag
addressMünchen
isbn3-7991-6365-4
titleDie Morgenröte
pages129-130
created20020608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
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Dritter Akt

Die Gaststube des ersten Aktes. Es ist Nachmittag, wenige Stunden nach den Erlebnissen des zweiten Aktes. Im Hintergrund elf Soldaten der Bürgerwehr mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten, Wammerl unter ihnen. Genoveva im Vordergrund links, stark verweint, verfolgt mit Angst das Gebaren des Polizeikommissärs Zäpf, der, diesmal in Uniform, vor den Soldaten steht. Rechts vorn sitzt Xaver. Er hat den Kopf auf den gestützten Arm gelehnt und starrt teilnahmslos vor sich hin.

Zäpf Also, zwei Mann verteilen sich draußen im Hof, zwei Mann am Gang, zwei Mann vorm Haus da draußen – er zeigt nach rechts –, zwei Mann vorm Haus da draußen – er zeigt nach links –, drei Mann bleiben hier. Was ihr zu tun habt, wißt ihr: jeder Mensch, der Skandal macht, der Widerstand leistet, wird arretiert. Auseinander, marsch! Die Soldaten verteilen sich wie geheißen, Wammerl und zwei Mann verziehen sich in den Erker, Zäpf kommt nach vorn. Es tut mir leid, Jungfer Lunglmayer. Sie weiß, mit mir kann man sonst reden, aber jetzt bin ich im Dienst, im königlichen Dienst, und wenn ich im Dienst bin . . .

Wammerl Da is er a Viech!

Zäpf Ruhe dahinten!

Genoveva Mein Gott, warum is denn des alles?

Zäpf Sie wird wohl gehört haben, was die fortwährenden Skandale der Herren Studenten glücklich provoziert haben?

Genoveva nickt: Ja, ja, d' Universität hat ma zug'macht.

Zäpf Und die Kneipen der Studenten werden geschlossen; alles wird ihnen weggenommen, ihre Wappen, ihre Schläger, ihre Pfeifenköpfe –

Wammerl Nur d' Schuld'n derfa s' b'halt'n.

Zäpf Ruhe dahinten!

Genoveva Es setzt wohl gar neue Krawall?

Zäpf Schon möglich. Dumm genug ist die Bevölkerung, und bös genug ist sie auch. Der Universitätsschluß hat alle Gemüter aufgerüttelt, alle Leidenschaften entfesselt. Mit einem Blick auf Xaver: Sorg' Sie, Jungfer Lunglmayer, daß die Studenten wenigstens von jetzt an Ruhe bewahren. Säbelklirrend rechts ab.

Wammerl Hanswurscht!

Genoveva Is 's net wahr, was er sagt? Gibt 's am End' kein' Krawall?

Wammerl Ah was, Krawaj, an überflüssige Zwirnerei is de ganze G'schicht. Universitätsschluß! Wer kümmert si' denn da in München d'rum? Koa Katz und koa Sau net.

Genoveva Ja, geht 's denn net schreckli' zu auf da Straß'n?

Wammerl Am Marienplatz macht a Schandi an Volksauflauf und vor der Residenz zwoa.

Genoveva Zu was is denn nacher die ganz' G'schicht?

Wammerl Für gar nix!

Genoveva Ja, da ganga S' do' wieder heim.

Wammerl Na, na, im Wirtshaus bleib'n ma allaweil gern, mir von der Militari, und wer woaß? Vielleicht is 's do' no' notwendi', weg'n 'm Sporerbräu drüb'n.

Genoveva Weg'n 'm Singlspieler?

Wammerl Vorerst hat er 'n Bierpreis no' net 'naufg'setzt, aber bal' er 's tuat . . .

Die zwei Gardisten Bal' er 's tuat . . .

Genoveva Ah was! A Schand' is 's mit dera Wach, – weinend – d' Mutter, wenn 's hört, de überlebt 's net.

Wammerl Sie überlebt 's scho'! A paar schöne Soldat'n im Haus, des is gar net so z'wider für die weiblichen Inwohner.

Genoveva Und was sonst noch passiert is seit gestern abend!

Wammerl 's is net gar so g'fährli', Fräulein Veverl. D' Hauptsach' is: der Xaverl is wieder da.

Genoveva Aber wie is er da? Schau'n S' 'n an.

Wammerl Ja, mei', so einfach geht des net ab. Bal' ma eing'sperrt werd, hat ma nia koa b'sundere Freud' net.

Genoveva Wie 's a is, i seh kei' Glück und kein Fried'n mehr.

Wammerl Ah was! Es richt't sich all's wieder ei' auf dera Welt. Wissen S' was? Jetzt geben S' mir amal a Maß Bier und dene zwoa a. Er weist auf die Gardisten. Sie müssen uns nämli' alle mitananda verpflegen, solang mir da herin san.

Genoveva während sie einschenkt: Wenn 's nur des war', Herr Wammerl –

Wammerl So? Nacher könna S' a no' a paar Knackwürscht 'rausrucka.

Genoveva Da haben S' de Maß, i hol glei d' Wurst.

Wammerl An Senf könnten S' a no' geben, geht in oa'm hi'. Und wia g'sagt, koa Angst net. D' Münch'ner Bürgerwehr hat auf der Welt no' koam Mensch'n was z'leid tan. Er haut einem Gardisten auf die Schulter. Gel' na, Knödlseder, a so san mir net, mir san grüabi' und nehma Rücksicht auf andere Leut.

Genoveva stellt den Senf hin, dann will sie durch die hintere, linke Türe abgehen, kehrt aber noch einmal um: Xaverl . . .Xaverl . . .

Xaver ohne sich zu rühren: Was?

Genoveva Was? Dasitzen tust, auf ein'm Fleck seit zwei Stunden, daß ma' si fürchten könnt.

Xaver so stumpf wie oben: Soll ich fortgeh'n?

Genoveva Reden sollst was, rühr'n sollst di! Seit daß d' z'ruck bist von deiner schauderhaften Exkursi, hast mir no' net amal a Hand geb'n.

Xaver Ich hab 's halt vergessen.

Genoveva So? Vielleicht vergißt 's a, daß wir zusamm' g'hör'n soll'n fürs Leben.

Xaver lebhafter: Veverl, tu mir den einzigen Gefallen und red' jetzt davon nix.

Genoveva Is dir 's so z'wider?

Xaver Wenn du dir'n Begriff machen könntest, was mir im Kopf 'rumgeht, . . .

Genoveva Oh, ich weiß ganz gut, was dir im Kopf 'rumgeht.

Xaver springt auf: Was? Was?

Genoveva Dei dumme Revalation geht dir im Kopf 'rum. Kaum haben s' di freilass'n, da denkst a' scho' wieder dran, wie du' s nur anfangen sollst, daß d' möglichst schnell wieder 'nauskommst in des verrufene Haus.

Xaver Vielleicht magst du recht haben.

Genoveva Aber des taugt nix. Der Mensch soll friedfertig sein. Und wenn dir die Lola zehnmal was an'tan hat, du mußt 's vergessen.

Xaver Ob ich's jemals vergessen kann, Veverl, das kann ich nicht sagen.

Genoveva Es bleibt dir wohl nix anderes übri'. Hast d' 's vielleicht net g'hört, wie d' Mutter vorhin g'schimpft hat? Hast dir nix g'merkt von ihre Wort? Z'rückziehn soll si' der Mensch, 'n Frieden soll er geben . . .

Xaver fällt ein mit gellendem Lachen: Und hinterm Schenktisch soll er 'rumtappen, gelt? Recht schlecht einschenken soll er, damit was 'rausschaut bei dem G'schäft, gelt, Veverl? Das ist so euer Ideal.

Genoveva Wenn d' a Bierbrauer werd'n willst, nacher weiß i net, was anders 'rausschau'n soll.

Xaver Oh, es gibt vielleicht noch einen Ausweg.

Genoveva Was denn? Da bin i begieri'.

Xaver Ach nichts – davon verstehst du kein Wort.

Genoveva hat erst nach den dreien im Erker gesehen, die ungestört weiteressen: Geh', Xaverl, schütt dei' Herz aus.

Xaver Jetzt nicht, Veverl, jetzt nicht.

Genoveva Schau, i' hab di' ja so gern, i' will ja nix anders, als –

Xaver schiebt sie weg: Wenn du mir einen Gefallen tun willst, dann laß mich in Frieden. Ich brauch' Ruh', ich brauch' Sammlung. Mir brennt der Schädel wie Feuer.

Genoveva Soll i dir a Wasser hol'n, a Bier?

Xaver Nein, nein, laß. Da drinnen in der Kneip' steht ein altes Kanapee, da leg' ich mich schlafen eine Stund'.

Genoveva Is recht, Xaverl, schlaf di aus, Xaverl, recht gut schlaf di aus.

Xaver Dank' dir schön. Wenn die andern kommen, dann sag ihnen, sie sollen mich liegen lassen, verstehst du, liegen lassen – Er wankt in das Kneipzimmer.

Abel hat während der letzten Reden die rechte Türe geöffnet und die beiden beobachtet. Jetzt tritt er zu Genoveva: Na, wie steht's?

Genoveva Grad so, wie z'erst.

Abel Schauderhaft. Jetzt erzähl' mir einmal, wie die G'schicht eigentlich zugegangen ist. Vorhin, da war ja ein Geschrei . . . deine Mutter, die Studenten, der Eisenkopf, der alte Singlspieler – sein eigenes Wort hat man nimmer verstanden.

Genoveva 's is net viel zum Erzählen, Hochwürden. I sitz' da herin wie gewohnt, hinterm Schenktisch. Auf einmal fliegt die Tür auf. Der Xaverl kommt 'rein. Wie kommt er 'rein? Mei' Lebtag vergiß i den Anblick net. Aug'n hat er g'macht, so groß, so wild, der Schaum is ihm auf den Lippen g'standen und g'schnauft hat er wie a Lokomotiv. Trotzdem bin i drauf zugangen. Net? I hab' mi halt g'freut, daß i 'n wiederseh'. Er aber schmeißt mi' auf d' Seiten. »Die Universität is aufg'löst«, schreit er und fallt auf den Stuhl hin wie a Stück Holz.

Abel Merkwürdig, merkwürdig. Man müßt' ihn doch einmal sprechen, damit man hört, wie das alles zugegangen ist.

Genoveva Ach, Hochwürden, ich bitt' gar schön, lassen S' 'n jetzt.

Abel Na, meinetwegen. Wo ist sein Vater, der Singlspieler?

Genoveva Dem hat d' Mutter die Tür vor der Nas'n zug'haut, jetzt lauft er im Haus 'rum, ratlos und hilflos.

Abel Und der Eisenkopf?

Genoveva Der is in die Stadt mit de' Studenten.

Abel Dann ist's schon gut.

Genoveva Gut? Hochwürden, wenn er wieder Skandal macht? I mein' alleweil, es wär' besser, Sie täten 'n bitten, daß er 'n Xaverl net noch mehr aufhetzt, als er 's scho' 'tan hat.

Abel Liebes Kind, das wird sich alles finden, zunächst müssen wir mal abwarten, was der Xaverl selber sagt.

Genoveva Wieso?

Abel Na, wir wissen doch nicht, ob er überhaupt alles so geduldig hinnimmt, ob er sich einsperren läßt wie ein Zuchthäusler, der einen Raubmord begangen hat.

Genoveva Was will er denn machen?

Abel Oh, es gibt schon noch Mittel und Wege. Wär' nicht übel.

Genoveva Und was schaut für mi dabei 'raus? Wann komm' i endli' zur Ruh'? Wann kann i mi endli' verloben? Verheiraten?

Abel Brauchst deswegen noch nicht zu verzweifeln. Jetzt laß mich einmal ein bissel allein, ich seh' den Hemersbacher kommen, den hab' ich herbestellt.

Genoveva links hinten ab.

Abel zu Hemersbacher, der von rechts gemächlich, die Hände in den Hosentaschen, auftritt: Nun, Herr Hemersbacher, was ist los?

Hemersbacher Oh, es is scho' was los. Alle Studenten san auf de Füß.

Abel So? Hat s' einmal eingeschlagen, die Sach'?

Hemersbacher Ob s' eing'schlagen hat! I sag' Eahna, Hochwürden, de Kerl renna umananda wie d' Kitz, der s' d' Rehgoaß wegg'schoss'n hab'n.

Abel Lang genug hat 's gedauert.

Hemersbacher Dafür fleckt 's um so stärker. Ja, Hochwürden, wir gehen einer großen Zeit entgegen, 's Unterste kehrt sich z' oberst, die Welt lenkt in neue Bahnen. Luft machen will sich die Menschheit und d' Hauptsach': de Glaser verdeana was dabei.

Abel Ich bin gewiß ein Freund der Ruhe und Ordnung . . .

Hemersbacher Oho, jetzt gibt 's koa Ruh und koa Ordnung mehr. Ein neuer Geist zieht durch die Welt, der Geist der Unabhängigkeit, der Wahrheit und der Freiheit.

Abel Haben Sie den Eisenkopf nicht zufällig gesehen?

Hemersbacher 'n Eisenkopf? Des glaub' i, Hochwürden! Der lauft d' Straßen auf und nieder mit die Studenten, und wenn er 'n Fiaker sieht, na' laßt er 'n umkehr'n, na' steigt er aufs Dachl nauf und halt a Red'.

Abel Jetzt müssen wir nur sehen, daß die Sache den richtigen Widerhall findet.

Hemersbacher mit verständnisvollem Augenzwinkern: Droben, moanen S', ganz droben, wo die gar andern logieren? Ah, Hochwürden, da brauchen S' koa Sorg' net haben, die spannen 's schon, bal' d' Fensterscheiben einfliegen und bal' 's kracht an alle Ecken.

Abel Keinen Gewaltakt, Herr Hemersbacher! So was widerspricht den göttlichen Geboten.

Hemersbacher Hihi, mit de göttlichen Gebot, Herr Kurat, des is a so a überwund'ner Standpunkt.

Abel Ich muß Sie sehr bitten, Herr Hemersbacher!

Hemersbacher Der Herr Eisenkopf hat's gestern abend gesagt, daß wir jetzt die Göttin der Vernunft wieder frisch anstreicha lass'n.

Abel etwas unwirsch: Was er auch gesagt hat, der Herr Eisenkopf, keinen Schritt außerhalb der erlaubten Grenzen.

Hemersbacher Da bin i neugierig, wie S' des macha woll'n.

Abel Mit euch, mit den Bürgern muß der Stein ins Rollen kommen.

Hemersbacher lachend: Mit de Bürger? Da könna S' lang wart'n.

Abel Was? Grad sagen Sie doch, es ist alles in heller Revolte.

Hemersbacher Ja, de Studenten! Die Bürger hocken saukalt hinter 'm Maßkrug, – auf Wammerl weisend – wia der da!

Wammerl Was sollen s' denn sonst treib'n?

Abel Aber ohne die Bürger ist 's ja nicht möglich.

Hemersbacher Kitzeln Sie s' raus aus 'm Stall, bal' 's geht.

Abel Werd ich auch. Dreht sich um und gewahrt Singlspieler, der von links rückwärts kommt. Da kommt grad der Mann, der mir paßt! Na, Herr Singlspieler, wie geht's?

Singlspieler Wie wird 's geh'n? I bin blamiert vor der ganzen Stadt, d' Lunglmayerin schaut mi nimmer an und aus der ganzen Verlobung wird im Leben nix.

Abel Es wird was draus, ich steh' Ihnen gut dafür. Nur Geduld müssen Sie haben und vorerst an wichtigere Sachen denken.

Singlspieler Wüßt net, was mir jetzt wichtiger wär'.

Abel Dann muß ich's Ihnen ins Gedächtnis zurückrufen, Singlspieler! Die Universität haben sie aufgelöst, die Stätte der Bildung, der Wissenschaft.

Singlspieler brummig: I woaß scho.

Abel Na, und . . .

Singlspieler Is ma sauwurscht.

Abel Was? . . . Das geht Sie nichts an?

Singlspieler Was kann i da tun?

Abel Gar manches. Zieht ihn zu sich. Da außen geht's um auf der Straße, alles ist in Bewegung, alles beschwert sich.

Singlspieler Ah was, koa Mensch beschwert si'!

Abel Doch! Die Studenten haben noch so viel Charakter, aber sie sind nicht organisiert, sie haben keine Führung. Die Führung sollen Sie übernehmen!

Singlspieler I?

Abel Ja! Sie ziehen Ihren Frack an, setzen Ihren Zylinder auf. Nachher holen Sie drei angesehene Bürger zusammen und gehen mit denen hinein, direkt in die Residenz.

Hemersbacher Sehr gut!

Singlspieler Ah, könnt' ma scho' ei'fall'n!

Abel Sie werden es tun, Sie werden dem König von der Stimmung im Lande erzählen.

Hemersbacher Von der wahren Stimmung aber!

Singlspieler Ja, Herr Kurat, jetzt weiß i net, machen S' Spaß, oder Ernst? I soll mei'm Kini mir nix dir nix mit der Tür ins Haus fall'n? I soll red'n, i soll protestier'n? Ja, wie stell' i mi denn da hin? Was sag' i denn da?

Abel Sehr einfach: Eure Majestät sind durch eine Dirne verzaubert worden. Diese Dirne hat es so weit getrieben, daß sie eine Schande geworden ist für das ganze Land. Sie hat meinen eigenen Sohn eingesperrt, sie hat die Universität zugemacht, jetzt muß sie fort, fort, so schnell als möglich.

Singlspieler Und dabei soll i 'n anschaug'n mit meine Augen?

Abel Fest und sicher.

Singlspieler Bal' er mi aber 'nausschmeißt, bal' er mi festnehma laßt wie 'n Xaverl?

Abel Er läßt Sie nicht festnehmen!

Singlspieler Na, na, Herr Kurat. All's, was S' wollen – des tu i net.

Abel So? Für was haben wir Sie denn nachher gewählt in den Landtag?

Singlspieler Ja, des möcht' i selber wissen!

Abel Daß Sie uns eine Stütze sind, daß Sie handeln –

Hemersbacher sehr laut: Daß Sie 's Maul aufmacha!

Singlspieler Mach' du 's Maul zu, Glaserg'sell, damischer!

Hemersbacher Sie, gelt, menagieren S' Eahna a bißl, Sie Knallprotz, Sie g'schwollner!

Singlspieler Ja, was soll denn des heißen, Herr Kurat?

Abel Recht hat er, ganz recht. Warten Sie nur, ob unser Herrgott Sie nicht straft für Ihre Gleichgültigkeit.

Singlspieler Ah, da müßt' i bitten!

Abel Jawohl, da drin liegt Ihr Sohn. Wissen Sie vielleicht, ob er nicht schon Schaden genommen hat bei seinem Ausflug zu der Lola?

Singlspieler Machen S' mir net Angst, Herr Kurat.

Abel So ein Weibsbild hat Zaubermittel genug.

Hemersbacher Sie macht 'n einfach zum Trottel.

Singlspieler Ja . . . ja . . . Wenn des a no' war', daß der Xaverl am End' – Herr Kurat, nacher wüßt' i allerdings net, was i tat . . .

Abel zieht ihn nach vorne: Ich weiß es für Sie. Sie gehen zum König, und wenn das nicht hilft, – noch leiser und eindringlicher – dann setzen Sie den Bierpreis in die Höh'.

Singlspieler hastig: Sie moana, i soll . . . i derf des riskier'n?

Abel Jetzt ist der Zeitpunkt.

Wammerl der vom Hintergrund aus die letzte Szene aufmerksam verfolgte: Passen S' auf, Singlspieler, mir merka fei' all's!

Singlspieler grob: Geht's enk was an?

Wammerl Jawohl.

Abel Also los!

Hemersbacher Hau'n S' zua!

Eisenkopf von rechts in Eile: Krakeel auf der Straße, Krakeel drinnen. Was gibt's denn, ihr guten Leute?

Hemersbacher Der Singlspieler soll a Revoluzzer wer'n und mag net.

Eisenkopf Wenn der Alte nicht will, der Junge wird's um so lieber tun. Was treibt er? Wo ist er?

Abel Er ruht sich ein bißl aus da drin in dem Zimmer.

Eisenkopf Der arme Kerl! Aber jetzt muß er bald genug geschlafen haben, denn jetzt heißt es: alle Mann an Bord, jetzt heißt es: voll und ganz, jetzt heißt es: die Schwerter heraus! Neu ausholend: Ich komme von der Universität.

Abel Von der Universität? Das ist ja sehr interessant.

Eisenkopf sehr von oben: Seit wann ist die Geistlichkeit befreundet mit dem Studententum?

Abel Nun, ich steh' schließlich mit dem Haus Lunglmayer doch schon so lang in Verbindung, daß ich aus persönlichen Gründen frage.

Eisenkopf Ah so, der Mann, der die Beichte abnimmt, die Paare zusammengibt und die Kinder tauft?

Abel lächelnd: Von diesem veralteten Gesichtspunkt aus müssen Sie 's betrachten.

Eisenkopf Na gut, mein Herr, dann will ich Ihnen zur Antwort geben: Ich werde meinem unglücklichen Korpsbruder Genugtuung verschaffen.

Hemersbacher Was hab' i g'sagt, Hochwürden?

Abel Erzählen Sie mal, verehrter Herr, erzählen Sie.

Eisenkopf Oh, der Plan ist ausgeheckt in den schweren Stunden, als wir alle dort unten standen vor der festverschlossenen Universität. Da stand es vor uns, leibhaftig und riesengroß, wie es sein mußte, das Werk, und so wird 's durchgeführt werden, gleich auf der Stelle.

Abel Und wie denken Sie sich das?

Eisenkopf Kann Sie das wirklich interessieren?

Abel Vielleicht mehr, als Sie glauben.

Eisenkopf Dann will ich 's Ihnen verraten. Hinter mir ziehen die Korpsbrüder her. Sie holen die Mützen, die Schläger, die ihnen verboten sind. Und dahinter wieder zieht das Volk das tiefbeleidigte Volk.

Hemersbacher mit höchstem Pathos: Das tiefbeleidigte Volk!

Wammerl Wo ziahgt's, 's Volk? Wo ziahgt's? Des müass'n ma sehgn.

Eisenkopf Es wird ziehen, mein wackerer Bürger. Arbeiter mit schwieligen Fäusten, Bürger mit glühenden Herzen, Mädchen und Frauen, wer will.

Abel Hören Sie 's, Singlspieler?

Eisenkopf Dieser ungeheuere Zug wird sich entfalten, er wird zur Lawine schwellen und wird sich wälzen hierher zum Hause der Cherusker.

Abel Was? Ich hab' gemeint, zur Residenz wollen Sie?

Eisenkopf Nur Geduld, mein superkluger Herr; erst wird unser Korpsbruder geholt, an unsere Spitze gestellt und dann . . . dann geht's zur Zwingburg!

Hemersbacher Bravo!

Abel Jetzt versteh' ich schon besser.

Eisenkopf Dort aber werden wir hinaufrufen, daß es durch ganz Europa hallt, von Paris bis nach Moskau: Wir fordern unsere unveräußerlichen Rechte . . .

Hemersbacher Bravo!

Eisenkopf Wir fordern unsere Ideale zurück . . .

Abel Bravo!

Eisenkopf Wir verlangen Aufklärung und Bildung . . .

Hemersbacher Aufklärung und Bildung!

Eisenkopf Und verlangen . . .

Abel sehr heftig: Daß die Lola zum Teufel geht!

Eisenkopf Nicht so ganz einfach, mein Herr! Die große Babylonische hat uns zu lang den Fuß auf den Nacken gesetzt. So glatt soll sie nicht abreisen auf seidenen Kissen und Polstern. Nein, wir, das Volk, wir fordern für all den Schweiß, den sie dem Volk aus den Rippen gepreßt hat, für all diesen edlen Schweiß verlangen wir, daß sie uns gehört.

Hemersbacher mit wildem Jubel: Uns g'hört s', Herr Kurat, haben Sie 's g'hört?

Eisenkopf Euch allen, was sich zum Volk zählt.

Hemersbacher Na, warten S', Herr Nachbar, i hau' ihr d' Nasen so breit . . . so breit!

Eisenkopf Tut mit ihr, was ihr wollt, ein Volksgericht soll es sein.

Frau Lunglmayer von links rückwärts, sehr erregt: Was! Was soll 's sei', Herr Eisenkopf? A Volksgericht? Koa Mensch in München kümmert si um des G'schwatz, und jetzt möchten Sie die Ramassuri richti' wieder von vorn anfangen? Ham S' no' net g'nua mit Ihrer Blamasch?

Eisenkopf Mutter Lunglmayer, es sind auch noch andere da, die sich blamieren wollen.

Frau Lunglmayer Der Herr Kurat, wie i seh'. Er hat si also ausg'söhnt mit Ihrer Gottlosigkeit und macht selber a Revalation mit.

Abel Ich muß bemerken, daß ich von einer Revolution mit keiner Silbe gesprochen habe.

Eisenkopf lacht: Seien Sie nur ruhig, mein wackerer Herr Pfarrer, ich reite Sie nicht in die Tinte.

Abel Sich beschweren und Unzufriedenheit äußern, das ist ein großer Unterschied.

Frau Lunglmayer sehr fest: Wer sich beschwert, wer sich unz'fried'n fühlt, des is jedesmal a Revalationär.

Hemersbacher Hi, hi, des macha S' scho' guat, Lunglmayerin.

Frau Lunglmayer Natürli', der Glaser is a von der Partie, sonst war's ja net ganz. Und damit die Dummheit net z'kurz kommt, blast a der Vater Singlspieler in dem Verschwörungsquartett mit.

Eisenkopf spöttisch: Der Vater Singlspieler ist rein, das schwör' ich Euch, Mutter Lunglmayer.

Hemersbacher Der traut si scho' net, wegen Eahna.

Frau Lunglmayer 's wird a besser sein, er laßt seine Hand' von der Butt'n. Hat sei' Bua scho', der Xaverl, Schimpf und Schand' g'nug über uns 'bracht.

Eisenkopf Oho, oho!

Singlspieler Marderbräuin, des brauchst a grad net z'sagen.

Frau Lunglmayer Schimpf und Schand'! Grad no' amal! Ei'kastelt haben s' 'n, mei'n zukünftigen Herrn Schwiegersohn, d' Universität haben s' zug'macht seinetwegen, und jetzt haben s' mir gar no' Soldaten als Wachtposten in mei' unbescholten's Haus g'schickt.

Wammerl und die zwei Gardisten heben die Krüge: Prost, Muatta Lunglmayer!

Abel Stimmt, stimmt! Und das soll man sich alles so ruhig gefallen lassen?

Hemersbacher Bis s' oam d' Haut über d' Ohr'n ziehg'n.

Frau Lunglmayer Bal i mer's g'fall'n lass', braucht's Enk aber net z' kümmern.

Singlspieler Aber a Gemeinheit is 's do', wie s' oan b'handeln.

Frau Lunglmayer Ja, Singlspieler, willst du am End' a Viecherei anfangen wie der Eisenkopf, der 'n Xaverl verhetzt hat? G'scheiter, du hätt'st dein Bub'n, dein' mißratnen, a bissel besser erzog'n.

Singlspieler Jetzt muß i di aber scho' bitt'n, daß d' mit deine Wort net so leichtsinni' umspringst.

Frau Lunglmayer Drah du di auf mit deine lumpeten dreiazwanz'gtausend Gulden.

Singlspieler San s' dir ebba net guat gnua? I kann s' ja z'rucknehma.

Frau Lunglmayer Z'rucknehma? Ja bild'st du dir ein, du tust mir 'n G'fallen mit dera damischen Verlobung? I tu' dir 'n G'fallen, und wenn's d' no viel Sparifankerln machst, du und dein narreter Bua, nacher verlang' i einfach fünfazwanz'gtausend, wie is 's alleweil g'sagt hab', oder na, i sag' glei: lass'n ma's gut sei, denka ma' gar nimmer dran.

Singlspieler Is mir ganz recht. Denka ma' nimmer dran. I geh' auf und davon.

Abel begütigend: Na, na, na, na!

Frau Lunglmayer Herr Kurat, wissen S' was? Begleiten S' 'n Singlspieler, nacher können S' mitanander Revalation machen.

Singlspieler Und bal' i Revalation mach', geht's di was an? Bal' i 'neingeh' in d' Residenz, bal' i a Audienz verlang' von mei'm Kini, hast du mir was dreinz'reden? Nix hast mir dreinz'reden, gar nix, gar nix.

Hemersbacher Jetzt kriagt der Singlspieler auf oamal a Schneid.

Singlspieler immer erregter: Bal' i a Revalation mach', is 's mei Sach', und jetzt mach' i a Revalation, grad extra.

Hemersbacher Bravo!

Eisenkopf Vater Singlspieler, Er geht mit mir in die Residenz!

Singlspieler Jawohl, i geh' mit!

Abel Sie reden!

Singlspieler I red'!

Eisenkopf Und werfen dem König den Handschuh hin.

Singlspieler I zieh' nur erst no' mein' Frack an.

Eisenkopf Auch wir ziehen einen anderen Menschen an. Jawohl, Mutter Lunglmayer, wir verlassen dieses Lokal, die Cherusker wandern aus: sie gehen zum Sporerbräu!

Frau Lunglmayer ringt nach Worten: Was? Ihr wollt's mei' Lokal verlass'n? Ihr wollt's des Haus aufgeb'n, wo's zweiazwanz'g Jahr' g'haust habt's und von mir g'halten worden seid's wie die eigenen Kinder? In heller Wut: Oh, es Windbeutel, es miserablige! I könnt' enk ja alle mitananda versteigern lass'n samt die letzt'n, dreckat'n Hemater und Sock'n, de 's am Leib tragt's; aber meintweg'n, geht's weiter, und der Singlspieler, der Esel, dazua.

Singlspieler ganz fanatisch: Der Mensch soll a Bildung haben!

Frau Lunglmayer haut auf den Tisch: 'n Verstand soll er haben, des is die Hauptsach', du aber hast kein' Verstand, net für zehn Kreuzer.

Eisenkopf Lassen Sie sich nicht irremachen, Vater Singlspieler. Sie tun was Großes. Ja, ihr guten Leute, jetzt ist der Augenblick da, der mich herübergeführt hat über das große Wasser! Die Vergeltung geht ihren Weg. Jetzt hat er genug geschlafen, der unglückliche Mann da drinnen, jetzt will ich ihn wecken. Er reißt die Türe zum Kneipzimmer auf. Xaver Singlspieler, Senior des Korps Cheruskia, wach' auf! Wach' auf! Wach' auf!

Frau Lunglmayer Jetzt geht die Dummheit erst richti' los.

Xaver erscheint an der Tür wie einer, den das Licht blendet: Was . . . was gibt's?

Eisenkopf Hier stehen Männer, bereit dich zu führen. Sie wollen dich an ihre Spitze stellen. Verstehst du nicht? Ah, mein guter Junge, reib' dir den Schlaf aus den Augen, nimm den Schläger zur Hand. Der Kampf ist entbrannt auf der ganzen Linie, es geht zur Residenz.

Xaver wie oben: Zur . . . Residenz?

Eisenkopf Auf direktem Wege. Was hab' ich dir gestern gesagt? Es knistert unter der Erde, die Nacht entweicht . . .

Xaver fällt plötzlich ein: Im Osten dämmert die Morgenröte! Lacht spöttisch.

Allgemeine Bewegung.

Eisenkopf Xaver Singlspieler, ich biete dir die Hand . . . Ich biete dir Genugtuung, du hörst nicht . . . Du bist im Traum. Auf! Auf! Es ist Zeit.

Xaver Ich bin wach, ich bin munter. Kannst mir's glauben. Das sind meine Arme, das ist mein Kopf, das ist meine Nase.

Eisenkopf Nun gut, so schlag' ein und geh' mit mir und den andern.

Xaver Ich – ich – kann nicht und ich – will nicht.

Abel Ganz unbegreiflich.

Frau Lunglmayer Sollt' er am End' gar vernünfti' word'n sein, der Xaverl?

Xaver löst sich aus dem ersten Bannkreis, kommt nach vorn, etwas leichter: Schau, schau, die Mutter Lunglmayer ist auch da.

Frau Lunglmayer Kann's net leugnen; i sag' dir a', was i denk': Schad't dir nix, daß s' di einkastelt haben, gar nix schad't 's dir. I wollt', sie hätten di glei' a Woch'n, a Monat lang b'halten, dann warst amal dahinter kommen, was des heißt, so leb'n in der Schand, in der Einsamkeit, ohne 'n Tropfen Bier.

Xaver Hab's jetzt schon gemerkt. Aufs Bier ist's mir zwar weniger angekommen, aber sonst . . . na, jedenfalls, Mutter Lunglmayer, geben Sie mir Ihre Hand. Sie sind die einzig vernünftige Frau.

Frau Lunglmayer Du bist auf amal a ganz andrer Mensch word'n, du red'st ja daher, wie man 's nur grad verlanga kann. Is des dei Ernst?

Xaver Soll ich Ihnen darauf mein Ehrenwort geben?

Frau Lunglmayer Nacher will ich dir was sagen, dir und dei'm Vater: Was war, soll vergessen sein, wir san alle bloß Menschen. Da habt's mei' Hand. Ihr gebt's euer Politisiererei auf und i mein' Widerstand.

Abel Worauf will denn das hinaus?

Frau Lunglmayer Sehr einfach, Hochwürden, der Xaverl derf heiraten.

Singlspieler Is' 's wahr, du erlaubst 's?

Frau Lunglmayer Wirst's glei' sehn. Geht zur linken, rückwärtigen Türe und ruft: Veverl! Veverl! Zieht Genoveva von links heraus. So, da geh her. Der Xaverl is jetzt ganz brav, er hat auf amal 'n Verstand kriegt, er hat mir's versprochen, daß 's ihm ernst is, drum gib ihm a Bussel, jetzt sollst 'n haben.

Genoveva Frau Mutter, is 's wahr? Aber, . . . was sagt denn er selber dazu?

Xaver wendet sich kurz ab: Ach, laß mich in Frieden.

Allgemeine Bewegung.

Genoveva entsetzt: Xaverl!

Abel Aha!

Frau Lunglmayer Du, junger Mensch, i bring dir mei Tochter, und du stoßt s' zurück?

Xaver patzig: Ich stoß' sie nicht zurück, ich will sie auch heiraten, meinetwegen, auf eine mehr kommt 's mir nicht an.

Frau Lunglmayer Was? Was? Hab' i di recht verstanden?

Xaver sehr fest: Zuerst muß ich andre Dinge erledigen.

Eisenkopf Sehr richtig!

Abel begütigend zu Frau Lunglmayer: Wenn er wieder zurück ist von der Residenz, kommt alles in Ordnung.

Frau Lunglmayer Und darauf soll i warten? Bis 's 'm gnädigen Herrn paßt? Nix da, i frag'n direkt: Willst du mir'n Schimpf antun? Willst du mich absichtlich beleidigen?

Xaver Nein, ich – ich – Mit jähem Ausbruch: Menschen, Menschen, ihr wißt ja nicht, was ich durchgemacht hab' die letzten zwölf Stunden, ihr wißt ja nicht, was ich gesehen hab' im Palais der Lola.

Hemersbacher Gel'? De is großarti' eing'richt't, des Luader?

Eisenkopf Ruhe! Zu Xaver: Na, was ist's denn?

Xaver immer erregter: Da drob'n hängt unser alt's Wappen, die Farben hab' ich getragen siebzehn Semester lang, in Ehren hab' ich sie getragen.

Eisenkopf Xaver Singlspieler, und wenn du zehnmal im Hause der Lola warst, du hast deine Ehre gewahrt.

Frau Lunglmayer Ah was, Ehre! Zu Xaver: Willst du a Korpsstudent bleib'n oder willst du a Bierbrauer wer'n? Du mußt schon a Bierbrauer wer'n. Du hast nix g'lernt, du bist zweimal durchs Examen g'fall'n.

Xaver Sie könnten Augen machen. Heutzutag' plagt man sich nicht mehr mit langem Studieren, heutzutag' hüpft man weg über die Köpf von Philistern und alten Weibern.

Frau Lunglmayer Ah, da hört si 's doch auf!

Abel Lassen Sie mich einmal reden!

Singlspieler Nix da. Jetzt will i amal was sagen, i, dei Vater, i! Du hörst auf mit dein'm G'schwatz, was kei Mensch net versteht, du gehst her und gibst 'm Veverl 'n Kuß.

Xaver Noch einmal zurückkehren? Nein, nein! Ich brauch's nicht. Ich kann werden, was ich will, grandseigneur, Minister, und wenn's drauf ankommt, vielleicht gar noch bayrischer König.

Hemersbacher Sonst nix mehr?

Singlspieler Er is überg'schnappt.

Eisenkopf Leibfuchs, was soll das heißen?

Xaver Wenn ich's auch sag', ihr seid ja zu dumm, zu blöd!

Singlspieler Was samma? Ha?

Eisenkopf Singlspieler, du stehst mir Rede.

Xaver Geht doch selber hinaus, in das Palais, schaut sie euch an, wie sie denkt, wie sie spricht, und dann urteilt, wie's einem zumute ist, wenn man wieder 'reinkommt nach all der Pracht und der Herrlichkeit – sehr laut – in das Saubeisel, das stinkige!

Allgemeine Bewegung.

Frau Lunglmayer Oho!

Hemersbacher Hi, hi, hi!

Singlspieler Teufel no amal!

Abel Lassen Sie mich doch reden.

Genoveva Xaverl, um Gottes willen!

Xaver Ihr Pfennigmuckl, ihr Jammerkerle! Revolution wollt ihr machen gegen das Weib, was nichts fürchtet auf der Welt, gegen das Weib, was mit dem Teufel im Bund steht –

Abel Mit dem Teufel im Bund steht! Haben Sie 's gehört?

Xaver Jawohl, mit dem Teufel! Herrgott, ich bin auch nur ein Mensch, ich bin auch nur aus Fleisch und aus Blut, aber wie ich den Duft gespürt hab', den Atem, wie sie mich her'zogen hat an ihre Brust, an diese Brust –

Frau Lunglmayer Wa–s?

Hemersbacher Hi, hi, hi!

Singlspieler Is 's denn zum Glauben?

Frau Lunglmayer lachend: Jetzt versteh' i die G'schicht.

Abel Wer – wer hat Sie her'zogen? Die Lola vielleicht?

Frau Lunglmayer immer weiter lachend: Also, so steht's?

Genoveva Vater im Himmel, Xaverl, schau mi an, i bin's.

Eisenkopf furchtbar ausbrechend: Verrat, Verrat an allem, was ich geglaubt!

Hemersbacher zu Singlspieler: Spanna S' jetzt was, Herr Nachbar?

Singlspieler Xaverl, i verlier 'n Verstand. Xaverl, red' a deutlich's Wort!

Abel Er kann nicht, er weiß nicht mehr, was er tut. Merken Sie 's jetzt, Lunglmayerin, und alle, die ihr da seid: Die Lola hat ihn verzaubert!

Genoveva, Singlspieler schreien furchtbar auf und prallen vor Xaver zurück.

Frau Lunglmayer die sich kaum mehr halten kann: Verzaubert! Ha, ha, Herr Kurat, verzaubert!

Singlspieler in sinnloser Wut: Du lach' net! Lach' net! Sag' i dir.

Xaver Lacht, brüllt oder heult, wie ihr's halt könnt. Mich bringt ihr nie mehr zurück. Er wendet sich zur rechten Türe.

Singlspieler tritt ihm in den Weg: Xaverl, hör' auf mi, auf dein' Vater! Alois Singlspieler hoaß i, Bierbrauer bin i und Landtagsabgeordneter bin i a. Vor allem aber bin i a rechtschaffner, alter Mann. Meiner Lebtag hab' i no koa Revalation ang'fangt, meiner Lebtag hab' i mi stad g'halten. Jetzt aber, wenn du des tuast: zum Kini hab' i scho g'sagt, daß i geh, jetzt riskier' i es letzte. Der Herrgott im Himmel soll mir beisteh'n und die Obrigkeit auf Erden soll's a: i setz 'n Bierpreis 'nauf!

Abel Bravo!

Wammerl und die Gardisten die bis jetzt ununterbrochen gegessen und getrunken haben: Wa . . . was?

Singlspieler fanatisch: Sechsahalb Kreuzer kost't d' Maß!

Wammerl und die Gardisten Bluat von da Katz! Jetzt werd's uns z'dumm. Sie stürzen, die Maßkrüge in den Händen, eilends auf die Straße hinaus.

Eisenkopf Die heiligsten Güter der Menschheit sind in Gefahr. Alle Mann auf Deck! Alle Mann zur Residenz!

Singlspieler stößt seinen Sohn brutal an: Hast d' es g'hört oder net?

Xaver in höchster Ekstase: Und wenn sie sich alle wehren, die Philister, die Federfuchser, glaubt mir, es regt sich unter der Erde, es prasselt und knistert, die alten Götzen krachen zusammen, die Nacht entweicht, im Osten dämmert die Morgenröte! Wie wahnsinnig rechts ab, vorbei an den hereinstürmenden Cheruskern und anderen Leuten.

Wackernagel Ja, was ist denn mit dem Xaverl?

Grell Wir wollen ihn holen, und er läuft weg?

Frau Lunglmayer ganz gemütlich: Der Xaverl geht zu der Lola.

Allgemeine Bewegung.

Eisenkopf der mit seinem letzten Worte am Tische zusammengebrochen ist und den Kopf auf beide Arme gestützt hat, hat sich jetzt erhoben und ruft mit Donnerstimme: Und trotzdem, wir ziehen alle zur Residenz, jetzt erst recht. Vorwärts! Vorwärts! Er stürmt hinaus.

Hemersbacher ihm nach: Zur Residenz! Zur Residenz!

Die anderen, mit Ausnahme von Frau Lunglmayer und Genoveva rufen mit.

Vorhang

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