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Die Molkenkur

Ulrich Hegner: Die Molkenkur - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorUlrich Hegner
titleDie Molkenkur
publisherSchweizer Verlagshaus AG
isbn3-7263-6295-7
editorUlrich Hegner
year1981
firstpub1812-1819
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
projectidfe8985fc
created20061021
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Erster Theil.

Zürich, 1819.

Diese Briefe des alten Obersten von N...land sind durch die Folge der Zeit wieder aus dem nördlichen Deutschland, wohin sie vor einigen Jahren geschrieben wurden, in die Schweiz zurückgekommen. Da sie die eigentümliche Gemütsart eines nicht unbedeutenden Menschen schildern und manches berühren, wovon sich auch in unseren Tagen noch ein Wort sprechen läßt, so wagen wir es, sie der Lesewelt vorzulegen.

 
An die Baronesse von ...

Gais, im Kanton Appenzell, den 20. Juni

Wie es uns bisher ergangen, wirst Du, liebe Schwester, sattsam von der allzeit rüstigen Feder Deiner Tochter vernommen haben. Nun halte ich auch mein Versprechen, Dir, sobald ich den ersten Fuß in die Schweiz gesetzt haben werde, selbst zu schreiben; versteht sich bei der ersten Muße eines ruhigen Aufenthalts, denn das flüchtige Schreiben während der Reise ist nicht meine Sache. Wo findet sich die Ordnung und Bequemlichkeit zum Schreiben in Gasthöfen? Bald taugt das Papier nicht, bald die Tinte, und gar ein eigen Schreibzeug nachzuschleppen, mag ich meiner Wäsche nicht zu leid tun, das Ding rinnt so gern, ist auch für einen, der seine Freunde treu zu lieben weiß ohne ihnen täglich den Glauben zu stärken, eben kein Bedürfnis.

Ich hätte freilich der Clotilde Schreibmaterialien benutzen und Dir mit Schwanenfedern auf Velinpapier die niedlichsten Sachen sagen können; allein ich scheue mich so sehr vor dem Geiste schreibseliger Empfindsamkeit, der in die Nécessaires reisender Frauenzimmer gebannt ist, daß ich beinahe lieber das Siegel Salomons auf jener verzauberten Flasche lösen, als so ein Heiligtum der Zärtlichkeit öffnen möchte.

Da sind wir nun, wenn's dem Himmel gefällt, am Ziel der langen Reise. Ich habe, ungeachtet meiner Beschwerden, alles gut überstanden. Mein Humor, sagen sie, sei schon etwas milde geworden; jedoch ganz ausgesöhnt mit der Welt bin ich eben noch nicht und lache vor Ärger, wenn Ihr glaubt, das Molkengetränk werde den Gemütszustand eines Mannes ändern, der über die Fünfzig hinaus ist.

Mit Deinem Kind hab' ich manche angenehme Stunde gehabt; aber, nimm mir nicht übel, liebe Schwester, auch manche Plage. Meinem Rat hättest Du folgen, und ihr keinen so langen Aufenthalt in der Residenz gestatten sollen, dort hat sie aus dem faden Geschwätz der Mode und neuerer Schriften eine so überschwengliche Idee von der Schönheit des südlichen Himmels und dem Glück der südlichen Erde bekommen, daß ich lange nicht klug werden konnte, als sie immer von der düsteren Luft des Nordens sprach, obgleich wir schönes Wetter hatten, und über den Sand klagte, auf dem wir fuhren, der doch meinen podagrischen Füßen besser tat als die verwünschten Steinklötze, über die wir seit einigen Tagen hinrumpelten. Damit machte sie mich oft ungeduldig, denn ich kann es nicht leiden, wenn man das Alte um des Neuen willen schmäht und das Unbekannte auf Kosten des Bekannten lobt, zumal, wenn das deutsche Vaterland der Gegenstand des Tadels ist.

Noch ärger aber machte es ihre Zofe, die Du mir aufpacktest in der Meinung, es schicke sich nicht für Deine Tochter, ohne weibliche Begleitung zu reisen. Bin ich denn nicht der Oheim, der ihr nichts geschehen lassen wird! Und ist nicht der alte Tobias bei uns, ein treuer Kerl, der sie ja hätte begleiten können, wo sie Bedenken getragen, allein zu gehen! Die Kammermädchen sind mir ohnehin zuwider; sind sie häßlich, so tun sie so altklug wie die Sibyllen, sind sie schön, so meinen sie, die glatte Haut decke alle Gebrechen. Auch mag diese Meinung wirklich einigen Grund haben, denn wahrhaftig nur das hübsche Gesicht des Mädchens konnte mich oft abhalten, sie auf den Bock hinauszujagen und den ehrlichen Tobias hereinzunehmen, der um der Hexe willen in Wind und Wetter draußen sitzen mußte. Beständig spricht sie nur dem Fräulein zu gefallen und schwatzt dann, wie Weiber, die sich in die Politik ihrer Männer mischen, in ihrer Unwissenheit Sachen aus, die ihre feinere Herrschaft klüglich verschweigt. Kaum waren wir von zu Hause weg, so hieß es: Wenn wir nur erst in Nürnberg wären! – Warum denn immerfort Nürnberg? fragte ich zuletzt, hast du etwa einen Freund dort? – Nein, war die Antwort, aber da hört der Norden auf. – Gerade wo man zum Tor hineinfährt, rief Tobias vom Bock herunter. – Dein Fräulein errötete ein wenig über die liebe Einfalt, die das Mädchen von ihr gelernt, und um mein ärgerliches Lachen zu unterbrechen, nahm sie geschwind ihre Reisecollectaneen zur Hand und sagte: Es soll daselbst auch schöne Albrecht Dürer geben. – Weißt du, was das für Leute sind? fragte ich Suschen, und der alte Kauz auf dem Bock erklärte ihr, daß man dort die Lebkuchen so heiße.

Ich höre das Mädchen gerne singen; Du weißt, sie hat eine gute Stimme und weiße Zähne, und es war mir ganz recht, als beide gerade mit dem größten unserer Dichter anfingen, aber als ich tagtäglich das Lied hören mußte: »Kennst du das Land«, und: »Komm Vater laß uns ziehen«, wobei sie mich dann ansahen und glaubten, sie machen mir ein Kompliment, so verbat ich mir endlich die Ehre. – Unlängst sang sie sogar des Nachts im Bette: »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide«; ich hörte es im Nebenzimmer. Was leidest du denn, Suschen, rief ich, kann ich helfen? – Und siehe da, es war die Sehnsucht, nun bald im Lande der Freiheit zu sein. Was Teufels geht denn die Freiheit eines Landes ein Mädchen an! Oder was für eine Freiheit meinen die Kinder?

Sie haben aber zwei Sehnsuchten; erst nach der Schweiz und dann eine noch heiligere, wie sie sagen, nach den Gärten Hesperiens. Es ist gut, daß Griechenland über dem Meere liegt, sonst würden sie auch dorthin gelüsten und dann wohl gar noch in den Orient zu den Gazellen, von denen sie sich zuweilen unterhalten und dabei so zimperlich tun, als wünschten sie selbst von einer guten Fee in solche jungfräuliche Tierchen verwandelt zu werden.

So ging es den ganzen Tag, und wenn wir des Nachts fuhren, sprachen sie von den Sternen, der Unsterblichkeit und dem Wiedersehen als wenn sie das Heimweh danach hätten und wurden recht böse, als ich fragte, ob sie nicht lieber vorher noch eine Redoute besuchen würden. Der Mond hingegen scheint heutzutage nichts mehr zu gelten, der doch zu meiner Zeit so viele Bewunderer hatte.

Und so würde ich nicht fertig, liebe Schwester, wenn ich Dir alle zarten Empfindnisse dieser Art, die ich die liebe lange Zeit anhören mußte, herzählen wollte. – Das sind aber Kleinigkeiten, sagst Du, darin liegt ja nichts Böses und meinst, ich sollte darüber lachen. Ich mag aber nicht immer lachen, und wenn ich mich ärgere, bekomme ich meine Gliederschmerzen, und wenn ich murre, machen die Mädchen traurige Gesichter, die kann ich auch nicht leiden, das ist eine Schwachheit, die mir noch in meinen alten Tagen anhängt. Kurz, Du hättest sie mir nicht mitgeben sollen, ich hätte mich besser mit meinem Bedienten allein befunden!

Seit zwei Tagen sind wir nun hier, in einem Bergdorf der östlichen Schweiz. Die Schönheit des Landes wird Dir Clotilde schon beschreiben, ich selbst habe wegen dem beständigen Regen noch nichts davon erblickt. Ich sehe nichts als graue Wolken und einfarbige Hügel. – Die ewige Klarheit des südlichen Himmels, wovon Du so viel sprachst, wo mag sie wohl sein? fragte ich Suschen. Über den Wolken, antwortete Tobias. Denken Sie nicht mehr an den Bodensee, gnädiger Herr? entgegnete das Mädchen. – Und das ist wahr, Schwester, es war ein ganz artiger Anblick als wir, aus Schwaben kommend, plötzlich von einer Anhöhe den See mit seinen reichbewohnten Ufern und hinter ihm die Hochgebirge von Appenzell im Glanze des Abends sahen. Die Sonne macht aber alles schön; haben wir nicht auch oft an der Ostsee die Natur bewundert!

Über die Kürze meiner Briefe sollst Du nun nicht mehr klagen, den Inhalt decke mit Deiner Liebe, meine Gute! Du weißt, ich unterhalte mich so gerne mit Dir, kann aber nicht anders tun als ich bin und mag nicht anders reden als ich denke. Kann ein Kranker sprechen wie ein Gesunder, der Erfahrene wie jugendliche Unwissenheit, der Satte wie der Hungrige?

Lebe wohl!

 
An den Major von ...

Gais, 21. Juni

Mit dem Brief an meine Schwester geht billig auch einer an Dich ab, mein alter Waffengenosse und Hausfreund. Triebe mich nicht die Freundschaft Dir zu schreiben, so würde es die Langeweile tun, denn seit wir hier sind, regnet es an einem fort und ist so kalt, daß ich fürchte, es wird noch Schnee daraus. Mein Gott! ist denn das die liebliche Schweiz, wo man mitten im Sommer beinahe erfriert? Und nicht einmal ein Ofen im Zimmer und dabei ein verdammter Lärm und ein Herumpoltern in dem hölzernen, leichtgebauten Hause, daß der Boden zittert. – Warum bin ich nicht daheim geblieben, und habe meine Schmerzen verbissen! Wir hatten doch unsere Bequemlichkeit, warme Stuben, und es war uns ja oftmals recht wohl bei unseren stillen Büchern. Molken hätte man auch bei uns absieden können, haben wir doch Kühe genug und fettes Futter!

Was ist zu machen! Man hat mir nun eine andere Wohnung angeboten bei dem hiesigen Pfarrer, mit einem Zimmer, das gewärmt werden kann, und für das Fräulein einen großen Saal, wie sie's nennen, hinten nach dem Gebirge hin, worüber sie eine große Freude hat und die Berge, die noch hinter Mauern von Wolken verborgen liegen, schon vorläufig geistig empfindet. Empfindet man denn die Berge? wirst Du sagen. Ja freilich, mein lieber Freund, heutzutage muß das sein! Wir haben Nürnberg empfunden und die Donau, den Kaiserstrom; das Werk deutscher Art und Kunst, das Münster zu Ulm haben wir mit Innigkeit genossen, und wäre die Empfindung meiner Füße der Empfindung der Mädchenherzen nicht entgegen gewesen, so hätten wir den Turm erstiegen und von oben herab in der Fülle süddeutscher Natur geschwelgt; wir haben uns in den Fluten des Bodensees gespiegelt und gefühlt:

»Wie's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund.«

Auf Flügeln der Phantasie schwebten wir wie junge Adler um die schneebekleideten Spitzen der Berge im goldenen Strahl der Abendsonne, und Suschen glaubte schon von Lindau aus eine Gemse auf den fernen Alpen zu erblicken.

Du siehst, was es jetzt auf Reisen für Genüsse gibt, wovon man zu unserer Zeit kaum eine Ahnung hatte und magst nun auch das Vorschreiten des Menschengeschlechtes, wogegen Du so manchen Zweifel hattest, begreifen. Wie beschränkt war dagegen unsere Jugend! In Sonnenschein und Sturm, Hunger und Durst, haben wir das große Weltmeer befahren, im amerikanischen Krieg Ehre gesucht und Wunden davongetragen, uns in den Wäldern des Landes verirrt, mit den Wilden die Friedenspfeife geraucht und ihre Geistesgegenwart und heroische Unempfindlichkeit bewundert; aber die Schönheiten der rohen oder sanften Natur, soweit ich mich derselben noch zu erinnern weiß, mochten bei uns wohl ein dunkles Gefühl größerer Behaglichkeit erregen, doch zum Faden eines feinen Gespräches wurden sie nie herausgesponnen, oder kannst Du Dich dessen erinnern? Allein, wer das jetzt nicht kann, den läßt man merken, daß ihm etwas an der Bildung abgehe; daher wollen es alle können, und sie wissen gegenwärtig bei einem Bächlein, das über einen Stein hinunterfällt, mehr zu sagen, als wir beim Sturze der Niagarafälle. Einer lernt es vom andern, und jeder Reisebeschreiber nimmt Unterricht bei seinem Vorgänger.

Einige notgedrungene Ausfälle abgerechnet, womit ich zuweilen die hochfliegenden Gesinnungen der Mädchen niederschlagen mußte, ging die Reise gut und friedlich vonstatten. Meine Gesundheitsumstände kannst Du, wenn Du Lust hast, von dem Arzte vernehmen, dem ich geschrieben und für seinen Rat, womit er mich den weiten Weg in dieses Bergland geschickt, eben nicht gedankt habe; unter uns soll es bei der alten Abrede bleiben, Du nicht über Deinen verstümmelten Arm und ich nicht über meine Gliederschmerzen gegenseitig zu klagen; es gibt in der Welt ohnedies noch Stoff genug zur Unzufriedenheit. Glücklich Du, der Du zu Hause bliebst! Grüße den Pastor! O liebes Paar, wär ich wieder unter Euch!

 
An die Baronesse von ...

Gais, 22. Juni

Wenn ich erst eine Antwort abwarten wollte bevor ich Dir wieder schreibe, geliebte Schwester, so gäbe dies einen langsamen Briefwechsel und was noch schlimmer ist, ich müßte in diesem Winterlande länger weilen, als mein Vorhaben zuläßt. Zudem schreibe ich nie weniger gern, als wenn ich muß und für einen Brief am Posttage habe ich weder Sinn noch Gedanken. Laß mich Dir also täglich, wie und wann es mir einfällt, einige Nachrichten und Bemerkungen mitteilen, damit Du siehst, daß ich Deine Gesellschaft liebe; nur die Freimütigkeit laß ich mir in der freien Schweiz noch weniger nehmen als zu Hause. Mögt Ihr mich dann, bin ich es doch schon gewohnt, launisch und mürrisch heißen, weil ich nicht immer lachen mag, wo andere zu lachen scheinen, noch lobe, wenn man es erwartet und nicht galant sein kann, wenn mich die Schmerzen plagen, böse ist es gleichwohl nie gemeint. Es mag zwar sein, daß Überfluß, Podagra und Einsamkeit meiner Gemütsart etwas Herbes gegeben, dessen ungeachtet aber müßt Ihr am Ende eingestehen, daß ich dennoch gut bin. Und daran halte Dich, meine Schwester, nicht nur bei mir, sondern bei jedem, über den Du ein wahres Urteil zu fällen Lust hast: Dasjenige, was man sich von einem Menschen, den man zuviel gelobt oder getadelt hat, am Ende dann doch selbst eingestehen muß, eben das ist des Menschen wahrer Charakter, das was wir zum Grunde legen müßten, wenn unser Urteil billig sein soll; Billigkeit aber sind wir einander vor allen Dingen schuldig und sollen nicht einzelne Worte oder Handlungen auf die Waagschale der Gerechtigkeit legen um den ganzen Menschen darnach zu richten; wer wollte da bestehen!

»Tue selbst, was du lehrst, und übe deine Billigkeit auch an Clotilde!« höre ich Dich erwidern. – Das tu ich auch, ich erzähle nur, was und wie ich sehe und höre, und wenn ich auch zuweilen eine Unzufriedenheit äußere, so hasse oder liebe ich deshalb weder mehr noch weniger, vielmehr tu ich es öfters aus Liebe, auf den Ton kommt es nicht an. Aber so seid Ihr allzumal, Ihr wißt keinen Unterschied zu machen und der sinnliche Eindruck bestimmt immerfort Euer Urteil, und zu Eurer Rechtfertigung ist Euch jeder Grund hinreichend; denn ich weiß schon, daß Du sagen wirst, ich müsse vieles, was ich der Clotilde und ihrem Mädchen zur Last lege, auf ihre Jugend, auf den weiblichen Charakter überhaupt und auf meinen kranken Gemütszustand schreiben. Als ob ich das, was Euch seit Eva allen gemein ist, nicht zu unterscheiden wüßte! – Als sie mir keine Ruhe ließ, bis ich sie mitzunehmen versprach, als sie die Zeit der Abreise kaum erwarten mochte und alle Tage wieder neue Siebensachen einpackte und dann beim Abschied doch so kläglich tat, als müßte sie in ein Kloster wandern, als ich endlich ungeduldig sagte: Wenn es dich gereut, liebes Kind, kannst du ja da bleiben und sie sich stellte, als ob sie das nicht hörte, das Kammermädchen aber schnell seine Tränen trocknete, das Fräulein in den Wagen schob und in ein paar Stunden aller Jammer ein Ende hatte – schrieb ich das alles billig auf Rechnung des weiblichen Charakters, nicht wahr? So auch, wenn sie meinen alten Rat zwar gefällig aufnimmt, aber die Anwendung desselben immer vergißt; das mag ebenfalls die liebe Natur tun. Ja, es kam mir nicht einmal seltsam vor, als Suschen heute von einer Gemse begierig aß, über welche sie gestern, als sie der Jäger brachte, bitterlich weinte.

Abends

Soeben ward ich von Clotilde in ihr Zimmer gezogen, um die Berge zu sehen, die heute zum ersten Male sichtbar waren. – Nun ja, hoch sind sie und voll Schnee auch und die Sonne scheint schön darauf, das ist alles! Aber die Luft ist so kalt, daß einem über den Anblick die Haut noch mehr schaudert. Und doch meinte heute ein Schottentrinker (so nennt man die Kurgäste hier), die Pracht des Gebirges sei allein schon eine Reise hierher wert. »Ja, wenn einer nicht weit hat«, antwortete ein Appenzeller, auf den er sich, um des Beifalls gewiß zu sein, berief. – Der hatte recht; wer wird nach Island reisen, um den Hekla zu sehen, der wohl noch prächtiger ist, wenn er Feuer speit? Unförmliche kahle Felsenmassen, die zu erdrücken drohen, Schneeflecke, die daran kleben, schwarze Tannenwäldchen am Fuße derselben können an sich keinen angenehmen, nicht einmal einen malerischen Anblick gewähren. Aber im hohen Sommer, wenn die Täler durchglüht sind und die Sonnenstrahlen von den erhitzten Wänden zurückprallen, schmachtet der Wanderer nach Kühlung und nach dem Schatten der Wälder, er eilt den Lüften der Höhe entgegen und sein Auge träumt Seligkeit dort oben in blauer Ferne. – Der Eindruck bleibt, weil er Geist und Leib trifft, der Wanderer nimmt denselben in seine Heimat zurück und seine Erzählung wird, wie von allem Gewaltigen, anziehend. Nun kommen die Nachempfinder und wollen den Eindruck ebenfalls haben und täuschen sich selbst, wie jeder, der nach fremder Empfindung hascht. Aber sie wollen auch erzählen, auch Teilnahme erregen und suchen durch vornehme Redseligkeit oder studierte Phantasie zu ersetzen, was ihnen an wirklicher Empfindung abgeht; so entstehen dann die sublimierten Naturschilderungen, deren Farben nicht glühend genug aufgetragen werden können und so entstand nach und nach die ganze Phraseologie der Alpenempfindsamkeit, fader Wortschaum, die Untiefen des Verstandes zu bedecken, derer die keine Gedanken haben und mit Gefühlen imponieren wollen.

Frage den Pastor, ob die Alten, die doch eine schönere Natur um sich hatten als Deutsche und Schweizer, je davon so viel Lärm gemacht haben? Ich glaub' es nicht.

Den 23. Juni

Gestern abend, als sich der Himmel erheiterte, verkündigte jedermann, selbst die Appenzeller, gutes Wetter, und heute als man die Augen auftat, war alles weiß von Schnee. Stelle Dir vor, zu Ende des Junius, wo wir im Norden schönsten Sommer haben, hier noch Schnee! – Um der Wetterpropheten willen freute es mich, denn auch hier wie allenthalben gibt es solche Tröpfe, die sich täglich irren und täglich wieder weissagen. Man hat mir zwar viel von der Erfahrung der Bergleute über das Wetter gesagt, aber ich habe schon einige Spuren, daß selbst diese es nicht wissen und unbefangene Reisende, die man noch zuweilen antrifft, haben mich dessen auch versichert. – Sonst hab' ich wohl Ursache mich zu ärgern über meine eigene Torheit und die, welche mich hieher geschickt haben um im Schnee trübe Molken zu trinken.

Das Fräulein ist sehr stille dazu und voll Wehmut über die schönen Alpenblumen, die nun ihr zartes junges Leben so früh in den kalten Armen des späten Winters verhauchen müssen. Sie hat sich darüber – freue Dich, glückliche Mutter! – in einem Gedichte versucht, welches mir Suschen mit einer Freude ankündigte, als wäre ein Erstgeborener in der Familie erschienen. Ich bekomme aber nichts davon zu sehen, weil die Dichterin meine Frage, ob sie vom südlichen Himmel begeistert worden, übel nahm. Vielleicht hätte ich auch teilnehmender sein und mich mit den Freuenden freuen sollen, denn solche Geistesblumen vertragen so wenig rauhe Winde, als jene Kinder des Frühlings den Schnee, schmeichelnde Lüftchen sind ihre Nahrung. – Hingegen dem Pfarrer, der ein guter, treuherziger Mann ist, hat sie die Verse gewiesen und der macht viel Wesens davon. Meinetwegen! ich lese nicht mehr gerne solche unschuldige Versuche.

 
An die Baronesse von...

Gais, 25. Juni

Die Briefe aus dem Norden sind angekommen und mit ihnen das schöne Wetter, welches auch ein Nordwind brachte; denn von Süden her haben die Schweizer nichts als Regen zu erwarten. Mit dem schönen Wetter stellte sich zugleich eine ungewohnte Heiterkeit bei mir ein, so daß ich bald glaube, dem Doktor Unrecht getan zu haben, als ich seinen Rat eine List nannte, mich mit guter Art loszuwerden. Freilich haben Vorurteile und Selbstbetrug, die ich leider allenthalben antreffe, noch übermächtigen Reiz auf mich und wenn das Krankheit ist, so bin ich noch lange nicht genesen, da gewährt mir aber gerade das, was Ihr am wenigsten leiden könnt, die lebhafte Äußerung meines Unmuts, wär's auch nur auf dem Papiere, am meisten Erholung. Mich also, wie Du meinst, nach und nach wieder mit der gefälligen Welt auszugleichen, das geht nicht so leicht, liebe Schwester, ich hab' es schon zu oft versucht und allemal gefunden, daß die Bemühung die Sache nur ärger mache, wie jede Anstrengung des Menschen, aus seinem Charakter herauszutreten, ihn nur närrisch oder falsch macht.

Nun hat auch der Tag seine bessere Ordnung, seit der Himmel günstig ist. Anfangs mußten wir die Molken auf dem Zimmer trinken, nun aber, da sich viele Fremde eingefunden, trinkt man unten auf dem großen Platze der mitten im Dorf ist. Diesen Platz kann Dir unser Freund, der Pastor (den ich zu grüßen bitte), aus seiner Prospektsammlung weisen. Es ist Raum genug da für alle Schottentrinker in der ganzen Schweiz, aber kein Schatten, keine Spur von kunstgeregelter Anlage. Die Schweizer tun überhaupt, wie man sagt, wenig zur Verschönerung der Natur im Kleinen, das heißt, für den Geschmack, sie meinen, man solle sich mit der großen Natur begnügen, die schön genug sei. Von dem Appenzeller Volke – denn hierzulande ist alles Volk und von Herrschaften weiß man nichts, aber auch desto weniger vom Pöbel – ist hier gar nichts zu erwarten, alles Alte ist ihnen recht genug und was neu ist, verdächtig und verhaßt; auch haben sie kein öffentliches Gut zur Bestreitung gemeinschaftlicher Ausgaben. Mit viel Mühe und nach jahrelangem Widerstande, der kaum durch die Revolution gehoben wurde, konnten sie endlich dahin gebracht werden, fahrbare Straßen durch ihr Ländchen anzulegen, da vorher lauter Fußsteige gewesen, auf denen kein anderer Transport als durch Saumtiere möglich war. Die hiesige Gemeinde (denn da befiehlt sonst niemand, gnädige Frau!) soll sogar dem Wirte, der sich erbot, auf eigene Faust den Platz mit Linden zu bepflanzen, den Abschlag gegeben haben.

Auf diesem schattenlosen Boden nun trinkt man des Morgens die Ziegenmolke, oder Geißschotte, wie die Schweizer sprechen, die täglich aus dem Gebirge drei Stunden weit noch ganz heiß gebracht wird, wenn es wahr ist, daß sie nicht unterwegs gewärmt wird – und bratet dabei an der Sonne, deren Strahlen nun schon wieder brennen, als könnte es hier nie Winter werden. Doch auch dieses Braten und Schmelzen wissen die Ärzte vorteilhaft zu deuten und sagen, die Hitze befördere die Ausdünstung, welche die Molkenkur notwendig erfordere. Hingegen als es kalt war, sagten sie, das rühre von der Höhe des Orts her, weil da die Luft reiner und schärfer sei, eben diese Luft aber sei dem, der aus der Tiefe komme, gesund. Ein anderer erklärte den auffallenden Stallgeruch, den manche gleich beim Eintritt in dies Milchland bemerken wollen, für heilsam. Wer kann daraus klug werden und wie mag Reinheit der Luft und jener Geruch nebeneinander bestehen? Laß Dir diese Widersprüche von unserem Äskulap heben wenn Du Lust hast, aber bemühe Dich nicht, mir seine vermeinte Wahrheit bekannt zu machen. Er ist wie die andern; räsonieren können alle, und im Erklären ist jeder Meister; es wäre aber besser, sie könnten heilen.

27. Juni

Zu Mittag, auch zu Nacht, wenn man will, speist man an der Wirtstafel, die, etwas Langsamkeit abgerechnet, nicht übel und sehr reinlich bedient ist und dem entspricht, was Reisende von den Vorzügen der Schweizergasthöfe sagen. Nach Tische macht man sich Besuche oder man schläft, welches oft ebenso kurzweilig ist, und abends wandert der größte Teil der Kurgesellschaft, denn einen andern Gang hat man nicht, nach einem Wirtshause, am Stoß genannt, das eine Stunde von hier liegt, wo man in das obere Rheintal hinunter sieht, von welcher Aussicht man mir eine so reizende Beschreibung machte, daß ich auch einmal hinwackelte. Man schaut da von der Höhe in ein tiefliegendes Land hinab, durch welches sich der Rhein schlängelt, im Hintergrund liegen rauhe Hügel und ferne Berge. Originell, aber etwas wild ist der Anblick, auch verderben die häufigen kleinen Tannenwälder durch ihr düsteres Schwarz viel von den Annehmlichkeiten desselben, welches in der Schweiz oft der Fall sein soll. Gleichwohl wird das alles sehr empfunden und erhoben, denn kein deutscher Fürst konnte ehmals stolzer auf seine militärischen Drahtpuppen, kein Franzose eingebildeter auf die unsterblichen Meisterwerke seiner Dichter sein, als es die Schweizer auf ihre Aussichten sind. Wo irgendeine Höhe liegt, von der man hinunter blicken kann, oder wo in einem Landgut ein Fenster offen steht, da führen sie den Fremden hin, als hätte er so was noch nie gesehen.

Besser als alle diese schweizerische Augenweide behagte mir daselbst die schöne Butter und der würzige Honig, die man auf dem weißesten Semmelbrot (anderes kennt man kaum hierzulande) zusammenstreicht. Das ist eine wahre Hirtenspeise von einfacher Nahrung und Kraft, deren ich mich nun öfters mit auffallendem Vorteil zum Frühstücke, statt der Molken, bediene, weil ich finde, daß mich diese nur grämlich macht. Sage das dem Doktor, wenn er es mißrät, so will ich aufhören, bis die Antwort kommt, kann ich mich schon eine Zeitlang daran laben.

Zuweilen reite ich auch, denn gehen kann ich auf diesen steinigen Straßen nicht, nach Appenzell, wo ich die Bekanntschaft eines wackeren Mannes, der lange in Frankreich gedient, gemacht habe. Dieses ist der Hauptort vom katholischen Teile des Landes und liegt dicht an den Bergen. Erwarte aber von mir keine nähere Beschreibung, ich beschreibe nicht gerne, am wenigsten das, was man allenthalben schon beschrieben findet und überlasse dies Deiner dichterischen Clotilde, die alles mit liebender Phantasie umfaßt, wovon andere große Worte machen. Mir gefällt das finstere Städtchen mit seinen dreisten Bettlern bei weitem nicht so wohl, als die unzähligen durch das ganze Land bis zu den höchsten Bergen hinan zerstreuten Häuser, deren jedes seine Wiese, seinen Quell und seine Unabhängigkeit hat.

Den 28. Juni

Durch das Herumbieten des Pfarrers ist des Fräuleins Blumenelegie hier allgemein bekannt geworden und zieht ihr jetzt viele Komplimente zu, worüber ihre Bescheidenheit errötet, zugleich aber die sanfte Glut unterdrückter Freude ihre Augen belebt. Wer wollte den Versen eines schönen Mädchens seine Bewunderung versagen! – Nur ein ernster alter Professor aus Z. stimmte nicht so ganz in den unbedingten Beifall ein, sondern nannte die Verse elegante Reminiszenzen aus Mathisson und Salis, den Dichtern, über deren zartduftende Blumen hinaus nur selten eine weibliche Seele den Flug wage. Als Oheim durfte ich nicht lachen, mochte aber auch nicht zürnen, denn der Mann gefiel mir, der erste freisprechende Schweizer, den ich gesehen. Ich will nicht wissen, ob sein Urteil begründet sei oder nicht, aber daß er kein Bedenken trug, die Eitelkeit eines jungen Frauenzimmers der Wahrheit aufzuopfern, kommt mir heutzutage, auch an einem alten Mann, auffallend vor; über das Ungewöhnliche aber staunt oder lacht man.

Besser machte es ein herumreisender Deklamator der soeben angekommen war, denn sogar bis in die Appenzellergebirge versteigen sich diese deutschen Kunstredner. Der war galanter als der Professor, er nahm das Gedicht sogleich unter die Stücke auf, die er der Gesellschaft vortrug und wußte auch die zarte Wehmut die darin herrscht so rührend herauszuheben, daß einigen Zuhörerinnen die Tränen in den Augen standen, und das Kammermädchen kaum die Gelegenheit abwarten konnte, mir zu verstehen zu geben, die Belohnung, die ich dem unvergleichlichen Manne zugedacht haben möchte, könne nicht groß genug sein. Da werde ich nun nicht anders als der Erwartung entsprechen dürfen und so muß ich immer die Sünden der Welt tragen, wenn ich gleich keinen Anteil daran genommen habe. Nun, er hat dem guten Kinde Freude gemacht, und das ist auch bei mir kein Kleines! Für seine andern Vorträge aber gäb' ich ihm keinen Pfifferling. Er macht es wie die meisten, die sein Geschäft treiben. Er begleitet alles mit einem Gebärden- und Mienenspiel, das auf die Schaubühne gehört, wo der Schauspieler als eine in das Drama des Lebens verflochtene Person handelnd auftritt, nicht aber in einen stillen Kreis, wo man nicht sehen, sondern nur hören will, wie sich ein poetischer Sinn über Gegenstände der Empfindung ausspreche, oder wie große Taten durch die Macht der Worte ewige Dauer erhalten können. Aus dem Munde Homers floß der milde Strom seiner Gesänge gewiß nicht mit dem fingierten Feuer eines Sachwalters, und er wollte nicht selbst Achill sein, wenn er ihn als den ersten der Helden sprechen ließ. Wenn Demosthenes vor dem athenischen Volke sprach, geschah es ohne Zweifel mit einer Begeisterung, die sich über sein ganzes Dasein ergoß, da war es natürlich und notwendig. Aber eine Rede, die ihm nachgesprochen wird, vor Zuhörern, die nicht der Gegenstand ihrer Wirkung sind, kann und soll auch nicht mit dem gleichen Affekte vorgetragen werden, denn ohne das athenische Volk vor sich zu haben, wäre der hochbegeisterte Redner ein übertriebenes Bild. So auch Pindar, und wer, der sich einen Anakreon denken kann, würde mit so einem reisenden süßlichen Schöngeiste der ihn vorstellen wollte vorlieb nehmen? – Die hervortretende Persönlichkeit des Vorlesers bewirkt gerade das Gegenteil von dem, was sie bezweckt; sie zerstört das idealische Bild, das sich der feinfühlende Zuhörer von selbst macht. Den Zauber, die Fülle, den Adel der Worte will man hören, und nicht die nachgeahmte Wirklichkeit vor sich sehen. Die wahre Poesie ist zu heilig für die mimische Lebhaftigkeit und zu geistig für sichtbare Darstellung, sie kommt aus dem Unsichtbaren und Töne allein sind ihr Organ. Die alten Rhapsoden rezitierten ihre Gedichte feierlich zur Leier, halb singend war ihr Vortrag und drang in die Herzen der Hörer. Diese neuen Deklamatoren hingegen stehen in dem Wahne, daß es bei ihrer Kunst hauptsächlich auf Täuschung abgesehen sei, und daß sie wirklich mit ihrem ganzen Wesen darstellen müssen, was sie nur gefällig nachsprechen sollten, daher kommen dann Zierereien aller Arten zum Vorschein, sie wollen aus der Haut fahren, wo Unruhe herrscht und schmelzen dahin bei zärtlichen Gefühlen, bei Schillers Resignation schlagen sie die Arme ineinander und geben sich das Ansehen, noch viel mehr zu wissen, als in dem ohnehin krausen Sinne des Gedichtes liegt; zu Goethes Legende von Petrus machte dieser Sprecher hier ein Gesicht, als wäre er selbst der schlaue Gesell, der solche Einfälle hätte und verfehlte damit ganz die naive Einfalt des trefflichen Stückes. Wende mir nicht ein, die gebildetsten Gesellschaften haben doch von jeher mit Vergnügen Schauspieler von erstem Range einzelne Szenen aus berühmten Trauerspielen hersagen hören und diese haben es mit allem Pathos des Theaters getan. Das ist etwas ganz anderes: Jene Zuhörer sind mit dem Stücke, woraus deklamiert wird, längst bekannt und vergegenwärtigen sich so das Ganze. Was sie hören und hören wollten, ist Reminiszenz des Theaters, wiewohl auch hierin viel dem guten Ton untergeordneter Geschmack obwalten mag.

Dieser Meinung ist auch der Professor aus Z., die alte Nachteule, wie ihn ein Schmeichler des Fräuleins nannte, mit deren Federn ich mich jedoch, wie Du wohl merken wirst, schmücke. Ja, er tat noch hinzu, was mir aber fast zu sonderbar vorkam: Die beste und natürlichste Art, die Poesie vorzutragen, stehe zwischen der singenden Manier des Volkes und der rednerischen Deklamation in der Mitte. Auf den Modegeschmack komme es nicht an, aber jeder, in dem echtes Gefühl des Schönen wohne, werde, wenn er für sich selbst, von andern unbehorcht, ein Gedicht hersage, das ihm den Busen belebt, es in einem etwas modulierten Rhythmus tun, fern von anmaßendem Verstandesausdruck, dies sei die Stimme der Empfindung, also auch in diesem Falle, der Natur.

Was sollen übrigens diese Leute in der Schweiz? Man versteht sie nicht, wenigstens wer nicht Umgang mit Deutschen gehabt hat und an ihre Aussprache gewöhnt ist, das sah ich ganz deutlich. Sie können doch zur Umänderung unserer Sprache beitragen, sagen die einen. Das wäre schade, sagen die anderen: Solange wir Schweizer sind, sollen wir auch die Sprache beibehalten!

 
An den Pastor ...

Gais, 29. Juni

Ich habe mich schon oft gefragt, wie zwei Menschen in Freundschaft verbunden bleiben können, die an Schicksal, Charakter und Lebensweise so verschieden sind wie Sie und ich und noch keine genugtuende Antwort herausgebracht. Das Band der Freundschaft ist vielleicht aus früheren oder geheimeren Fäden gewebt als die kurzsichtigen Sterblichen wissen, Gewohnheit aber und guter Wille machen es haltbar. – Sie sind auf die Universität gegangen und wieder nach Hause gekommen; ich habe die weite Erde durchstrichen und den größten Teil meines Lebens unter Fremden zugebracht; Sie kennen die Welt aus Büchern, lieben sie und werden ihrer Kenntnis nicht satt; ich kenne sie aus der Erfahrung und glaube nicht Ursache zu haben, sie liebenswürdig zu finden. Welcher von uns beiden recht habe, weiß ich nicht, daß Sie aber der Glücklichere sind, weil Sie lieben können, will ich gerne zugeben. Mir ist alles Gesamte, Vielfache, Zusammengesetzte langweilig und zuwider; ich kann nur noch das Einzelne lieben und auch dies selten genug. Unter das Seltene aber gehören Sie, rechtschaffener, glücklicher Mann! Was ich daher zur Befriedigung Ihrer unschuldigen Liebhabereien tun kann ist mir erwünscht und so habe ich als Beitrag zu Ihrer Völker- und Länderkunde manches zusammengebracht, das Ihnen Freude machen soll.

In einer benachbarten Stadt wohnt ein Buchhändler, dem die Liebe seiner Mitbürger zur Literatur gar wohl Zeit übrig läßt, mir aus allen Teilen der Schweiz zu verschreiben, was noch nicht in Ihrem Schweizer Katalog, den Sie mir mitgegeben, steht. Ich habe dessen schon eine ganze Ladung beisammen, denn Sie glauben nicht, welch eine Unzahl von Schriften das vorige Jahrhundert über dies kleine Land hervorgebracht hat, von dem ernsten Scheuchzer an, der mit Gelehrsamkeit und warmer Vaterlandsliebe die wundervolle Natur des Landes zum Lobe des Schöpfers beschrieb, bis auf den Cantor Bourrit, der nichts wußte, als mit romanhaften Schilderungen Unwissende, wie er ist, zu locken, um auf unbetretenen Pfaden die Robinsone zu spielen, von dem Alpengedichte, das aus Hallers gedankenvoller Seele drang, bis zu dem gefühlsiechen Dichterling, dem die Berge nur Mäuse gebären, von dem großen Werk über die Schweizergeschichte bis zu dem armen Tropfe, der eine Ilias post Homerum schreiben will – wie ist alles beschrieben, betastet, entweiht! Man will nicht mehr das Land, sondern nur künstliche Empfindungen über das Land bekannt machen!

Sie sollen den Winter hindurch genug zu lesen haben, und wenn Sie dann unsern Bauern von der Kanzel herab das Land, wo Milch und Honig fließt beschreiben, oder die Unschuld der Sitten malen und das Glück der Freiheit preisen wollen, so greifen Sie nur kühn nach einer solchen Reisebeschreibung: Da steht es schwarz auf weiß, wie und wo dies alles zu finden sei. Sie dürfen nur für die Schweiz den Wohnplatz der Seligen substituieren, so werden Alte und Junge das Reich ererben wollen, das mag ich auch nach der Hand meinen Untertanen wohl gönnen und ist mir lieber, als wenn sie noch bei lebendigem Leibe Schweizer werden wollten.

Damit Sie aber denselben das Maul nicht zu wäßrig machen, so habe ich auch für Gegenmittel gesorgt und mehreres der Sammlung beigefügt was Rachgier, Mißgunst oder überspannte Erwartung über das Land ausgegossen, wo denn freilich jene gepriesene Sitteneinfalt als klägliche Beschränktheit erscheint und die allbeglückende Freiheit unter die Willkür der Städte oder einige beherrschende Familien oder dreiste Volksverführer zu stehen kommt. – Übertriebenes Lob reizt zum Tadel, und leidenschaftlicher Tadel leitet hinwiederum das bessere Gemüt auf den Pfad der Billigkeit, diesen Pfad suchen Sie sich nun selbst aus, liebster Pastor, und erklären mir dann, wie es gekommen, daß vor Zeiten die Schweizer ihre Städte und Dörfer aus Überdruß selbst verbrannten und das Land, von dem sie jetzt ein so großes Wesen machen, freiwillig verließen? War es damals anders beschaffen, oder hatten sie weniger Naturgefühl, oder nicht so wohlmeinende Landesväter?

»Ich bin im Kuhdreck geboren und erzogen und werde wohl auch darin sterben, und doch tauschte ich meine Heimat nicht an Eure Grafschaft«, sagte jüngst ein Appenzeller zu dem Grafen N..., der ihn über seine Wirtschaft spöttisch aufzog. Eine solche Vorliebe muß doch irgendwie einen Grund haben! Freilich besitzt der Graf keine Herrschaft und war deshalb beschämt, das wußte aber der Appenzeller nicht.

Eines nur macht mich verlegen, wie ich Ihnen dies alles zuschicken soll. Auf der Achse bis an die Ostsee kommt es zu teuer, und selbst mitführen kann ich die Ware auch nicht, das Beste wird wohl sein, ich lasse die Ladung den Rhein hinunter und über Meer gehen, kapert sie dann ein feindliches Schiff, so hat die ganze Mannschaft genug zu lesen und vergißt vielleicht darüber etwas Schlimmeres, verschlingt sie aber ein Fisch, so wird er, wenn er Geschmack hat, sie schwerlich solange behalten wie den Propheten Jonas. Indessen wenn zehn Gerechte eine ganze Stadt vom Untergang retten können, so wird ein halbes Dutzend guter Bücher wohl auch eine Kiste voll vor dem Verderben bewahren. Es sind ihrer aber mehr, so habe ich Ihnen zum Beispiel das ganze Schweizerische Museum in 80 Stücken beigelegt, das Sie noch nicht haben, woraus Sie den kleinen und großen Geist der Schweizer, ihre Redseligkeit, ihre Vaterlandsliebe und Anhänglichkeit an das Herkommen, ihre sichere lebendige Umsicht innerhalb der eigenen Markscheide und ihre staatskluge Bedächtigkeit gegen das Ausland besser kennen lernen als aus hundert reisebeschreibenden Urteilen und Absprachen. In gleichem Sinn habe ich auch einige alte Chroniken einzelner Kantone beigefügt und (Ihnen darf ich es wohl sagen ohne meinen Geschmack aufs Spiel zu setzen), ein mir sehr lieb gewordenes Buch, Miscellanea Tigurina, das in drei dicken Oktavbänden schon anfangs des vorigen Jahrhunderts herausgekommen, worin das reine häusliche Leben, die ungeschmückten, ernsten Sitten und die heilige Arbeitsamkeit der Reformatoren, und die gutmütige Harmonie zwischen Magistrat und Geistlichkeit auf das natürlichste und wahrste zu finden ist, das wird auch Ihnen behagen. Von diesem konnte ich um des besondern Wohlgefallens willen nicht schweigen, das übrige sehen Sie selbst nach, es ist noch mehr Altes von der Art, das an innerer Gediegenheit das Neue weit übertrifft, aber nicht mehr gelesen wird, weil ihm die Geschmeidigkeit des Stils abgeht, denn der Stil ist bei der Lesewelt, was die Mode bei den Weibern.

Größer noch als die Anzahl der Bücher ist die Menge der Prospekte von der Schweiz. Da könnte sich einer arm kaufen! Alpen, Gletscher, Seen, Wasserfälle (einer hat sogar einen »träufelnden Wasserfall« herausgegeben), Hauptstädte, Hauptflecken, Hauptdörfer, Klöster, Amtshäuser, Brücken, Schlösser, die man kaum von Bauernhäusern unterscheiden kann, Edelsitze, wo kein Adel wohnt, und Bauernhütten je häßlicher desto besser, alles hat seinen Maler gefunden und der Maler hinwiederum seinen Käufer. Und wenn schon die fremden Liebhaber der Schweiz manches mitnehmen, so bleibt doch das meiste im Lande selbst, eben weil die Schweizer so sehr in ihr Land verliebt sind, denn es gibt hier viele Sammler aus bloßem Patriotismus, die nicht auf Schönheit, nicht auf Größe, nicht auf natürliche Merkwürdigkeit sehen, sondern ohne Unterschied alles zusammenlesen, was ihren Kanton angeht und zwar ausschließlich nur dieses. Bücher, Bildnisse, Aussichten, Neujahrskupferstiche (was dieses sei, werden Sie aus einer wirklich echt schweizerischen Sammlung, die ich habe auftreiben können, ersehen), ja sogar wöchentliche Intelligenzblätter, alles das, sobald es nur Bezug auf Stadt und Land hat, wird gar fleißig gesammelt und auf Versteigerungen gesucht. Ich tadle es übrigens nicht, die Sammler sind die glücklichsten Leute und wenn sie auch ihr Leben vertändeln, so kann doch einmal einer kommen, der es zu brauchen weiß, zudem ist ein solcher Patriotismus doch besser als gar keiner.

Von einer einzigen Gegend aus dem Berner Oberlande habe ich Ihnen, zur Erhärtung dessen, was ich sage, zweiunddreißig verschiedene Ansichten beigelegt und so gibt es von anderen berühmten und begafften Stellen vielleicht noch mehr. Es ist beinahe kein Städtchen, wo nicht so ein Prospektmacher selbst oder sein Kramladen zu finden ist, und es wäre bald nötig, daß die Natur neue Berge schüfe oder alte zusammenstürzte, um der zahlreichen Innung weitere Nahrung zu geben.

Es ist aber nicht zu leugnen, daß sie nicht auch geschickte Leute in diesem Fach haben. Sie werden mehrere große mit Wasserfarben ausgeführte Blätter in der Kiste finden, auch Zeichnungen, die Sie aber mit meiner Nichte teilen müssen, denn das Mädchen, Sie werden nun erst Freude an ihr haben, ist so sehr schweizerisch geworden, daß sie ein ganzes Kabinett mit helvetischen Natur- und Kunstprodukten ausrüsten will. Diese Blätter werden Ihnen zum Beweise dienen, wie weit es die Schweizer Künstler in getreuer klarer Darstellung ihrer Landesnatur gebracht haben und werden Ihnen zugleich den Vorteil gewähren, diese gepriesene Natur beständig in ihrer Klarheit zu schauen, da sie in der Wirklichkeit fünf Sechstel des Jahres mit Regenwolken überdeckt ist.

Da ich Ihre Liebe für diesen Kunstzweig kenne, so wird es Ihnen auch nicht gleichgültig sein, den Namen und Kunstcharakter der besten Landschaftsmaler in der Schweiz zu erfahren, um so viel mehr, da sie außerhalb wirklich nicht so bekannt sind wie sie es verdienten; ich teile Ihnen hier eine bezeichnende Liste derselben mit, wie ich sie jüngst von einem zuverlässigen Kenner erhalten habe. Sie muß aber durchaus nicht bekannt gemacht werden, denn der Verfasser ist der Meinung, von einzelnen Kunstwerken lebender Meister könne man gar wohl öffentlich urteilen, aber ihren ganzen Künstlerwert zu bestimmen und preiszugeben findet er bedenklich, allgemeiner Tadel benimmt ihnen den Mut und unbedingtes Lob ärgert die andern. Denn sie haben überhaupt einen höheren Begriff von der Schriftstellerei und Kunstrichterei als sie sollten und getrauen sich darum nicht, wie die Gelehrten, durch eine Antikritik die Welt eines Bessern zu belehren.Aus obigen Gründen wird dies Verzeichnis auch hier weggelassen

Sie sehen, daß es wenige gibt, die aus eigenem Geiste komponieren. Die meisten halten sich an die bloße Natur, denn seit Aberli die bekannte Manier der Aussichten in Aquarell aufgebracht hat und gleich mit so lieblichem Gelingen darin fortgeschritten ist, hat sich ein Heer von Nachahmern gefunden, wovon ihn manche noch an Stärke der Färbung, wenige an Geschmack und Lieblichkeit übertreffen, und immer kommen noch geschicktere nach. Indessen hat denn doch diese Aussichtenmalerei, da sie bloß an der Wirklichkeit hängen bleibt, den Nachteil, daß sie auch das Einförmige und Widrige aufnehmen muß, weil es in der vorliegenden Natur ist, zudem, daß durch sie der edlere Teil der Kunst, die idealische Landschaftsmalerei welche schöne Formen und überdachte Harmonie der Anlage sucht und deswegen mehr Zeit, Geist und Anstrengung erfordert, in Abnahme kommt und nach und nach ihre Abnehmer verliert und so zuletzt nur noch für den großen Haufen gemalt wird.

Es sind mir auch Abbildungen in allen Formaten von schweizerischen Kleidertrachten zugeschickt worden, die habe ich aber zurückgegeben, denn wozu dienen sie? Was sollen sie ästhetisch oder geschichtlich lehren? Sie sind weder durch ausgezeichnetes Verdienst der Leute merkwürdig, die alten Schweizer trugen sich ganz anders; wir könnten mit demselben Recht unsere Bauern als alte Deutsche stechen lassen. Wenn die Schweizer ihre Heimat nicht für ein Schlaraffenland gehalten wissen wollten und unsere Leichtgläubigkeit, welcher jede fremde Brille recht ist, sich nicht so vieles aufbürden ließe, so würden auch nicht dergleichen Gegenstände der Kunst gestochen und feilgeboten. Weil einige Kleidungen, besonders der Berner Dienstmädchen, niedlich sind, wie diese Mädchen selbst sein sollten und daher ihre Abbildungen Beifall fanden und von Fremden zu mancherlei Andenken aufbehalten wurden, so glaubte der Patriotismus, das geschehe aus Interesse fürs Land und hielt es für seine Schuldigkeit, sogleich mit den Kleidertrachten aller Kantone aufzuwarten. Wenn es auch noch Nationaltracht wäre! Aber das ist es nicht, mancher Kanton hat derer mehrere ganz verschiedene und die gebildetere Klasse trägt sich nach allgemeiner Mode. Von der Kleidung der Schweizerbauern, wie sie anfangs des vorigen Jahrhunderts üblich war, sind nur noch hie und da einige Bruchstücke übrig geblieben, von älterer also noch weniger. Die meisten jetzigen Trachten der Landleute sind Abkömmlinge altmodischer Kleidungen, die nach und nach in Städten abgelegt und wohlfeil auf das Land verkauft wurden und sich da halten, weil es die Not oder die unter den Bauern herrschende Spottsucht gegen alles Neue gebieten.

Für den, der die Geschichte der Kleidermoden, oder gar das Buch von den menschlichen Torheiten, wovon jene schon ein großes Kapitel ausmachen würde, schreiben will, möchte diese Sammlung allenfalls auch zu einem kleinen Beitrag dienen, aber alle Reiche dieser Welt und die Geschichte aller Zeiten können ihm ebenso seltsame Muster liefern, von dem Feigenblatt an bis zum Reifrocke und von diesem bis zur französischen Griechheit unserer Tage. Dieses Buch werden Sie aber nicht schreiben, mein guter Pastor, und darum brauchen Sie auch die Bilder nicht, Sie sind, was jener Weise für das Geheimnis des Glücks hielt, arm und zufrieden und lassen die Toren laufen, und ob ich schon reich und unzufrieden bin und mich die Leute ärgern, so werde ich es auch nicht tun und sollt' ich auch der Welt ihre Tollheiten wie in einem Spiegel vorhalten können – sie wird doch nie anders!

So vergeht mir hier die Zeit, indem ich mich mit Ihren Liebhabereien, mein Freund, emsig beschäftige; ich sehe dabei wohl ein, daß eigentlich in einer solchen harmlosen Beschränkung die Ruhe wohnt, nach der ich so lange schon strebe und die ich nie erjagen werde, weder in der Hütte des Appenzellers, noch in der Hauptstadt der alten Welt, wohin mich meine sorglichen Freunde noch schicken wollen. Allein so sehr ich Sie und alle, die ihr Heil in ihren Sammlungen finden, beneide, so ist es mir doch nicht möglich und will mir kein Versuch gelingen, mich so mit einzelnen Lieblingsgegenständen einzugrenzen, denn ebenso oft bemitleide ich diejenigen, welche von dem Sammlergeiste besessen sind, weil dieser Geist doch niemals zur wahren Erkenntnis führt, sondern gewöhnlich an Nebensachen kleben bleibt. Daher möchte ich auch bei aller Achtung für Ihre Pünktlichkeit und Erfüllung jeder anerkannten Pflicht und für Ihre Vergnüglichkeit am wohlgeordneten Besitz Ihrer Schränke doch nicht Sie sein, mein lieber Pastor, wogegen ich Ihnen freilich auch gern zugebe, daß Sie Ihre Persönlichkeit nicht an die meinige tauschen würden. Und darin haben wir beide recht: Jeder, so befiehlt es auch die Natur, soll bleiben, was er ist, »sein eigen Gut bewahren und sich sondern vom Übel, wie er kann.« Wenn nur dieses so leicht wäre, wie es der müßigen Betrachtung scheint und die Kraft nicht meist im Mißverhältnis mit der Erkenntnis stünde! Doch genug hiervon, wir nehmen einander wie wir sind, mit Achtung und Geduld und darum bleiben wir Freunde. Nur diejenigen halte ich mir vom Leibe, die mir eine Ehre anzutun glauben, wenn sie mich bedauern und mir zu verstehen geben, es fehle mir nichts, als daß ich nicht denke und handle, wie ihre eigene Wenigkeit, da sie doch selbst fühlen müssen, wie erbärmlich sie sind.

Man will mich den Winter in Italien zubringen lassen, allein was soll mir das Reisen? Ich bin ein Nordländer, und mich verlangt nach den herrlichen Winterabenden, sollte ich sie auch wiederum mit geschwollenen Füßen erkaufen, wo Sie und der Major im schneeumstürmten Schlosse um meinen Lehnstuhl saßen und wir bei nächtlicher Lampe von großen Taten des Altertums mit dem Feuer der Jugend sprachen und, so oft der uns umgebenden kleinen Welt vergessend, in zusammentreffendem Gefühl uns der Menschheit freuten und uns sehnten, wie der sterbende Sokrates, dahin zu gelangen, wo jene großen Seelen vorangegangen, um uns ungestört ihres Umgangs zu freuen. O Freundschaft und Vernunft, ihr seid das Heiligtum des Lebens!

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