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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 7
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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VI. Vier Uhr Nachmittags.

Gegen vier Uhr wurde die Situation der englischen Armee bedenklich. Der Prinz von Oranien commandirte das Centrum. Hill den rechten Flügel, Picton den linken. Der Prinz von Oranien, kühn und unerschrocken, rief den holländisch-belgischen Truppen zu: »Nassau! Braunschweig! Niemals zurück!« Hill geschwächt, lehnte sich an Wellington, Picton war gefallen. In derselben Minute, in welcher die Engländer den Franzosen die Fahne des hundertfünften Linien-Regiments weggenommen, hatten die Franzosen den Engländern mit einer Kanonenkugel grade durch den Kopf den General Picton getödtet. Für Wellington hatte die Schlacht zwei Stützpunkte: Hougomont und La Haie-Sainte. Hougomont hielt sich noch, stand aber in Brand, La Haie-Sainte jedoch war genommen. Von dem deutschen Bataillon, welches es vertheidigte, blieben nur zweiundvierzig Mann übrig. Alle Offiziere bis auf fünf, waren todt oder gefangen. Dreitausend Streiter hatten sich in dieser Scheune gemordet. Ein Sergeant der englischen Garden, der erste Boxer Englands, welcher unter seinen Kameraden den Ruf der Unverwundbarkeit hatte, war durch einen kleinen französischen Tambour getödtet worden. Baring war verdrängt, Alten niedergemacht. Mehrere Fahnen waren verloren, darunter eine der Division Alten und eine des Bataillons Lüneburg, welche ein Prinz von Zweibrücken trug. Die grauen Schotten existirten nicht mehr; die dicken Dragoner Ponsonbys waren zusammengehauen. Diese tapfere Cavallerie hatten die Lanciers Brois und die Kürassire Travers zum Weichen gebracht. Von zwölfhundert Pferden waren nur noch sechshundert übrig, von drei Oberstlieutnants lagen zwei am Boden, Hamilton verwundet, Mater todt. Ponsonby war, von sieben Lanzenstichen durchbohrt, gefallen. Gordon war todt, Marsh war todt. Zwei Divisionen, die fünfte und sechste, waren vernichtet.

Nachdem Hougomont angegriffen und La Haie-Sainte genommen war, gab es nur noch einen Knoten, das Centrum, welches sich immer noch gehalten hatte. Wellington schickte ihm Verstärkungen. Er beorderte Hill und Chassé dahin, von denen sich der erste im Merbe-Braine, der andere in Braine-l'Alleud befand. Das englische, etwas concave, sehr dichte und compacte Centrum hatte eine feste Position. Es hielt das Plateau von Mont-Saint-Jean inne und hatte das Dorf hinter sich, vor sich den damals ziemlich steilen Abhang. Es lehnte sich an das starke steinerne Haus, welches damals ein Herrengut von Rivelles war und den Kreuzungspunkt der Straßen bezeichnet, eine so feste Masse aus dem sechszehnten Jahrhundert, daß die Kugeln, ohne einzudringen, davon abprallten. Rund um das Plateau hatten die Engländer hier und da die Hecken gelichtet, Schießscharten in die Hagedornen und Gebüsche gemacht und ein Geschütz zwischen zwei Zweige geschoben. Ihre Artillerie lag in Versteck im Gebüsch. Diese punische Arbeit, welche aber unstreitbar der Krieg gestattet, der Schlingen legen erlaubt, war so vortrefflich ausgeführt, daß Haro, den der Kaiser früh um neun Uhr ausgesandt, die feindlichen Batterien zu recognosciren, nichts gesehen hatte und nach seiner Rückkunft Napoleon sagte, es gebe kein Hinderniß außer den beiden Barikaden, welche die Straßen von Nivelles und Genappe versperrten. Es war die Zeit in welcher das Getreide hoch stand; an der Grenze des Plateaus lag ein Bataillon der Brigade Kempt das fünfundneunzigste mit Carabinern bewaffnet, in dem Getreide versteckt.

So befand sich das Centrum der englisch-holländischen Armee gesichert und geschützt in guter Position. Die Gefahr dieser war der Wald von Soignes welcher damals an das Schlachtfeld anstieß und durch die Sümpfe von Groenendael und Boitsfort coupirt war. Ohne sich aufzulösen hätte sich eine Armee durch denselben nicht zurückziehen können. Die Regimenter hätten sich sofort hier zertheilen müssen. In den Sümpfen wäre die Artillerie verloren gewesen. Der Rückzug würde nach der, auch von Anderen bestätigten Ansicht, mehrerer Fachmänner eine ordnungslose Flucht gewesen sein.

Wellington schickte zu dem Centrum noch eine Brigade von Chassé, welche er vom rechten Flügel genommen hatte und eine Brigade, welche bisher auf dem linken Flügel gestanden, die Winckesche so wie noch die Division Clinton. Seinen Engländern, den Regimentern von Hallet, der Brigade Mitchel, den Maitland'schen Garden gab er noch die Braunschweig'sche Infanterie, das Contingent Nassau, die Hanoveraner unter Kielmannsegge und die Deutschen unter Ompteda zur Unterstützung. So hatte er sechs und zwanzig Bataillone zu seiner Disposition. Der rechte Flügel wurde, wie Charras sagt, »hinter das Centrum verlegt.« Eine ungeheure Batterie wurde durch Erdstücke maskirt und zwar an der Stelle, wo heute das sogenannte »Museum von Waterloo« ist. Wellington hatte außerdem in eine Terrainsenkung, Somersetsche Garde-Dragoner gelegt, vierzehnhundert Pferde, die zweite Hälfte der mit Recht so berühmten englischen Cavallerie. Ponsonby war vernichtet, Sommerset war noch da.

Die Batterie, die, vollendet, fast eine Schanze gewesen wäre, war hinter einer sehr niedrigen Gartenmauer errichtet. Man hatte sie in Eile mit Sandsacken und einer großen Erdböschung bekleidet. Dieses Wert war nicht vollendet; man hatte nicht Zeit gehabt, es mit Pallisaden zu versehen.

Wellington, welcher zwar unruhig, aber kaltblütig war, saß zu Pferde und blieb den ganzen Tag in derselben Stellung und auf derselben Stelle, ein wenig vor der alten Mühle von Mont-Saint-Jean, die noch steht, unter einer Ulme, die seitdem ein Engländer, ein enthusiastischer Vandale, für zweihundert Francs gekauft, abgesägt und fortgeschafft hat. Hier blieb Wellington in kalter, heroischer Ruhe stehen. Es regnete Kugeln, der Adjutant Cordon war eben an seiner Seite gefallen, Lord Hill zeigte ihm eine platzende Granate und sagte: »Mylord! welches sind Ihre Instructionen und Ihre Befehle, welche Sie uns für den Fall Ihres Todes zurücklassen?« Wellington antwortete: »Es zu machen wie ich«. Zu Clinton sagte er lakonisch: »Bis auf den letzten Mann hier aushalten!« Der Tag schien offenbar eine schlechte Wendung zu nehmen. Wellington rief seinen ehemaligen Kameraden von Talavera, Vittoria und Salamanca zu: »Jungens ( Boys)! kann man an Weichen denken? Denkt an Alt-England!«

Gegen vier Uhr fing die englische Linie zu wanken an. Plötzlich sah man auf der Höhe des Plateaus nichts mehr als Artillerie und Tirailleure, das Uebrige verschwand. Die von französischen Kartätschen und Kugeln gejagten Regimenter zogen sich in die Tiefe zurück, welche noch heut zu Tage der Fußweg der Maierei von Mont-Saint-Jean durchschneidet. Es entstand eine rückgängige Bewegung, die englische Schlachtlinie zog sich zurück, Wellington wich. »Der Anfang des Rückzugs!« rief Napoleon.

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