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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 39
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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V. Ein Fünffrancsstück fällt auf die Erde und macht Geräusch.

Bei St. Medardus kauerte ein Armer, dem Johann Valjean gern Almosen gab. Er ging selten an ihm vorüber, ohne ihm einen Sous zu reichen. Manchmal sprach er auch mit ihm. Die Neider dieses Bettlers sagten, er sei »von der Polizei«. Es war ein alter, fünfundsiebenzigjähriger Mann, der immer Gebete murmelte.

Eines Abends, als Johann Valjean hier vorüberging, Cosetten hatte er nicht bei sich, sah er den Bettler auf seinem gewöhnlichen Platze unter der Laterne, die eben angezündet worden war. Wie gewöhnlich schien der Mann zu beten und war tief gebückt. Johann Valjean trat zu ihm und gab ihm sein gewöhnliches Almosen. Der Bettler schlug, plötzlich die Augen auf, sah Johann Valjean scharf an und ließ dann schnell den Kopf wieder sinken. Diese Bewegung war wie ein Blitz, Johann Valjean empfand ein Zucken. Es kam ihm vor, als habe er beim Scheine der Laterne nicht das bleiche, todte Gesicht des alten Bettlers, sondern ein wohlbekanntes schreckliches gesehen. Er hatte den Eindruck, den man empfinden würde, wenn man sich plötzlich im Dunkel einem Tiger gegenüber sehen möchte. Erschrocken und wie versteinert wich er zurück; er wagte kaum zu athmen, weder zu reden, noch zu bleiben, noch zu fliehen, betrachtete den Bettler, der seinen mit einem Lumpen bedeckten Kopf wieder hatte sinken lassen und gar nicht zu wissen schien, daß er noch da sei. In diesem sonderbaren Augenblick bewirkte ein instinktmäßiges Gefühl, vielleicht der geheimnißvolle Instinkt der Selbsterhaltung, daß Johann Valjean kein Wort sprach. Der Bettler hatte dieselbe Größe, denselben zerlumpten Anzug, dasselbe Aussehen wie alle Tage. – »Bah!« sagte Johann Valjean, »ich bin ein Narr, ich träume! Es ist unmöglich.« Als er nach Hause kam, war er jedoch sehr beunruhigt.

Er wagte kaum sich zu gestehen, daß das Gesicht, welches er gesehen zu haben glaubte, das Javerts sei.

In der Nacht, als er weiter nachgedacht, bedauerte er an den Mann keine Frage gerichtet zu haben, um ihn so zu veranlassen, den Kopf noch einmal in die Höhe zu richten.

Am andern Tage mit Beginn des Abenddunkels ging er wieder hin. Der Bettler befand sich auf seinem Platze. »Guten Abend, guter Mann,« sagte Johann Valjean entschlossen, und gab ihm einen Sous. Der Bettler sah empor und antwortete mit schmerzlicher Stimme: »Ich danke, mein guter Herr.« Es war der alte Bettler.

Johann Valjean fühlte sich vollständig beruhigt und lachte über sich. »Wie zum Teufel konnte ich nur Javert sehen?« dachte er. »Bin ich denn blind gewesen?« Er dachte nicht weiter daran.

Einige Tage nachher, es konnte Abends acht Uhr sein, befand er sich in seiner Stube und ließ Cosette laut buchstabiren. Da hörte er die Thür des alten Hauses auf- und wieder zumachen. Das kam ihm sonderbar vor. Die Alte, welche allein mit ihm das Haus bewohnte, ging immer zeitig zu Bette, um kein Licht zu brauchen. Johann Valjean winkte Cosette zu schweigen. Er hörte die Treppe heraufkommen. Streng genommen konnte es die Alte sein, die vielleicht krank geworden und in die Apotheke gegangen war. Johann Valjean horchte. Der Tritt war schwer und klang wie der Tritt eines Mannes. Die Alte trug freilich schwere Schuhe und nichts gleicht dem Tritte eines Mannes so sehr wie der einer alten Frau. Johann Valjean blies indeß das Licht aus.

Er hatte Cosetten ins Bett geschickt, indem er ganz leise zu ihr sagte: »Lege Dich ganz still nieder!« Während er sie auf die Stirne küßte, waren die Schritte stehen geblieben. Johann Valjean blieb still und unbeweglich, den Rücken der Thür zugekehrt, auf dem Stuhle sitzend, von dem er sich nicht wegrührte und dabei den Athem im Dunkel anhielt. Nach ziemlich langer Zeit, als er nichts mehr hörte, drehte er sich ohne ein Geräusch zu machen um, und als er nach der Thür des Zimmers hin blickte, sah er durch das Schlüsselloch ein Licht. Dieses Licht sah aus wie ein unheimlicher Stern in der dunklen Thür. Es war offenbar Jemand mit einem Lichte in der Hand da und horchte.

Es vergingen einige Minuten und das Licht verschwand. Er hörte aber kein Geräusch mehr, was anzudeuten schien, daß derjenige, welcher an der Thür gehorcht, die Schuhe ausgezogen hatte.

Johann Valjean warf sich ganz angekleidet auf sein Bett und konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun.

Mit Anbruch des Tages als er vor Müdigkeit einschlummerte, wurde er durch das Knarren einer Thür erweckt, welche am Ende des Corridors an einer Dachkammer sich öffnete, dann hörte er denselben männlichen Tritt, welcher am Abend vorher die Treppe heraufgekommen war. Der Tritt näherte sich. Er sprang aus dem Bette auf, legte das Auge an das Schlüsselloch, das ziemlich groß war, in der Hoffnung im Vorbeigehen den zu sehen, der des Nachts in das alte Haus gekommen war und an seiner Thür gehorcht hatte. Es ging in der That ein Mann, diesmal aber ohne stehen zu bleiben, an der Thür des Zimmers Johann Valjeans vorüber. Der Corridor war noch zu dunkel, als daß man sein Gesicht hätte erkennen können. Als aber der Mann an die Treppe kam, ließ ihn ein von Außen kommender Lichtstrahl wie eine Silhouette hervortreten, so daß ihn Johann Valjean von hinten vollständig sehen konnte. Der Mann war hoch gewachsen, trug einen langen Rock und einen Stock unter dem Arm. Es waren die fürchterlichen Umrisse Javerts.

Johann Valjean hätte es versuchen können, ihm von dem Fenster aus nachzusehen. Er hätte aber das Fenster öffnen müssen, das wagte er nicht.

Der Mann war offenbar vermittelst eines Hausschlüssels hineingekommen, als wenn er da wohnte. Wer hatte ihm diesen Schlüssel gegeben? Was sollte dies heißen?

Um sieben Uhr früh, als die Alte zur Aufwartung kam, warf ihr Johann Valjean einen durchdringenden Blick zu, er fragte sie aber nicht. Die gute Frau war wie gewöhnlich.

Beim Auskehren sagte sie zu ihm:

»Haben Sie vielleicht in der Nacht Jemanden kommen hören?«

Acht Uhr Abends heißt nämlich auf diesem Boulevard zur damaligen Zeit Nachts.

»Ach ja, es ist wahr,« antwortete er mit dem unbefangensten Ausdruck. »Wer war es denn?«

»Ein neuer Miether, den wir im Hause haben.«

»Wie heißt er?«

»Ich weiß es nicht so recht, Dumont oder Daumont, so ungefähr ist der Name.«

»Und was ist der Herr Dumont?«

Die Alte sah ihn mit ihren kleinen Marderaugen an und antwortete:

»Ein Rentier, wie Sie.«

Sie hatte vielleicht keine Absicht gehabt, Johann Valjean glaubte aber eine zu erkennen.

Als die Alte fort war, packte er etwa hundert Francs, die er in einem Kasten hatte, in eine Rolle und steckte sie in die Tasche. Wie vorsichtig er auch dabei zu Werke ging, daß man ihn mit dem Gelde nicht wirthschaften höre, ein Hundertsousstück fiel ihm aus der Hand und rollte geräuschvoll auf dem Boden hin.

In der Abenddämmerung ging er hinunter und sah sich auf dem Boulevard aufmerksam nach allen Seiten um. Er bemerkte Niemanden. Der Boulevard schien ganz verödet zu sein. Freilich kann man sich hier hinter den Bäumen verstecken.

Er ging wieder hinauf.

»Komm!« sagte er zu Cosette.

Er nahm sie bei der Hand und sie gingen Beide fort.

 

Ende des dritten Bandes.

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