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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 35
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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Viertes Buch. Das alte Haus Gorbeau.

I. Meister Gorbeau.

Wenn vor vierzig Jahren ein einsamer Spaziergänger sich in die verlorne Gegend der Salpetriere gewagt und über den Boulevard bis zur italienischen Barriere gegangen wäre, so würde er an Stellen gelangt sein, wo man sagen konnte, da hört Paris auf. Einsamkeit war nicht da, man begegnete Leuten; es gab kein Feld, es gab Häuser und Straßen, es war aber auch keine Stadt, denn in den Straßen gab es tiefe Geleise wie auf den Landstraßen und es wuchs Gras auf denselben. Es war kein Dorf, dazu waren die Häuser zu hoch. Was also war es? Ein bewohnter Ort ohne Menschen, ein verlassener Ort mit Menschen, ein Boulevard der großen Stadt, eine Straße von Paris, des Nachts schauerlicher als ein Wald, am Tage düsterer als ein Kirchhof.

Das war das alte Stadtviertel des »Pferdemarkts«. Wenn sich der Spaziergänger über die vier verfallenen Mauern dieses Pferdemarktes hinauswagte, wenn er sich sogar darauf eingelassen die Kleine Bankierstraße zu überschreiten, rechts bei einem Hofe mit hohen Mauern, dann bei einem Platz vorbei, wo hohe Kerichthaufen gleich riesigen Biberbauten dalagen, dann vorbei bei einem Zimmerplatz voll Stämme, Säge- und anderen Spänen, auf denen ein großer Hund bellte, darauf vorbei bei einer niedrigen, ganz verfallenen langen Mauer mit einer kleinen schwarzen, mit Moos beladenen Thür, auf welcher im Frühjahr Blumen wuchsen, und weiter im einsamsten Theile vorbei, bei einem scheußlichen steinalten Gebäude, an dem man mit großen Buchstaben las: »Hier darf nichts angeschlagen werden« – so würde der kühne Spaziergänger endlich die Ecke einer fast unbekannten Straße, Vignes Saint Marcel genannt, erreicht haben. Hier sah man in jener Zeit, in der Nähe eines Fabrikgebäudes, zwischen zwei Gartenmauern, ein altes Haus, das auf den ersten Anblick so klein aussah, wie eine Hütte, in der Wirklichkeit aber groß war wie eine Domkirche. Es stand mit dem Giebel nach der Straße zu, deshalb sah es so klein aus. Fast das ganze Haus blieb versteckt. Nur die Thür und ein Fenster bemerkte man.

Die Briefträger nannten dieses alte Haus Nummer 50-52, in dem Viertel war es aber unter dem Namen Gorbeaus Haus bekannt.

Der Grund davon war folgender:

Die Sammler kleiner Thatsachen, die sich Anecdoten-Herbarien anlegen und die flüchtigen Daten mit einer Nadel in ihrem Gedächtniße anstecken, wissen, daß es im vorigen Jahrhundert, um 1770, in Paris zwei Procuratoren gab, deren einer Corbeau (Rabe), der Andere Renard(Fuchs) hieß. Lafontaine scheint dieses Zusammentreffen von Namen und Stand bei seinen Fabeln vorausgesehen zu haben.

Die beiden guten Patrizier, durch Sticheleien verletzt, entschlossen sich, sich ihrer Namen zu entledigen und wendeten sich deshalb an den König. Ihr Gesuch wurde Ludwig XV. an demselben Tage vorgelegt, an welchem der päpstliche Nuntius auf der einen und der Cardinal de la Roche-Aymon auf der andern Seite, beide demüthig knieend, im Beisein Seiner Majestät, jeder einen Pantoffel an den bloßen Fuß der eben aus dem Bett steigenden Dubarry legten. Der König lachte. Er lachte noch mehr, als er von den beiden Procuratoren hörte. Sr. Majestät war so gnädig Corbeau zu gestatten, dem Anfangsbuchstaben seines Namens ein Schwänzchen anzuhangen und sich Gorbeau zu nennen. Meister Renard war weniger glücklich. Er erlangte weiter nichts, als ein P vor sein R. setzen und sich sonach Prenard nennen zu dürfen, so daß der zweite Name beinahe wie der erste war.

Der Localtradition zufolge war dieser Meister Gorbeau Eigenthümer des Gebäudes 50-52 Boulevard Hospital gewesen.

Darum hieß es also Gorbeaus Haus.

Gegenüber der Nummer 50-52 erhebt sich eine große zu drei Viertheilen abgestorbene Ulme, fast gegenüber öffnet sich die Straße der Gobelins Barriere, eine Straße, welche damals noch keine Häuser hatte, ungepflastert, mit schlecht fortkommenden Bäumen bepflanzt, je nach der Jahreszeit grün oder kothig war und grade auf die Stadtmauer von Paris stieß.

Ein Vitriolgeruch verbreitete sich stoßweise von den Dächern einer benachbarten Fabrik. Die Barriere befand sich ganz in der Nähe. Im Jahre 1823 stand die Stadtmauer noch.

Diese Barriere selbst erregte traurige Vorstellungen. Es ging von da der Weg nach Bicetre. Auf diesem kamen unter dem Kaiserreiche und unter der Restauration die zum Tode Verurtheilten am Tage ihrer Hinrichtung nach Paris herein. Aus diesem wurde um 1829 jener geheimnißvolle Meuchelmord, genannt »der von der Barriere Fontainebleau«, begangen, dessen Urheber die Justiz nicht zu ermitteln vermocht hat, ein schauerliches bis auf den heutigen Tag nicht gelöstes Räthsel. Wenn man einige Schritte weiter geht, so kommt man in jene verhängnißvolle Straße Croulebarbe, wo Ulbach die Ziegenhirtin von Ivry beim Dröhnen des Donners erdolchte. Noch einige Schritte weiter und man gelangt zu den verwünschten, ausgegipfelten Ulmen der Barriere St. Jaques, zu jener Erfindung von Menschenfreunden, welche dahinter das Schaffot zu verstecken suchen, zum Greveplatz, jenem elenden, schameinflößenden Denkmal der im Krämersinn erstickten menschlichen Gesellschaft, die vor der Todesstrafe zurückschreckt, sie aber weder großmüthig abzuschaffen noch mit Entschiedenheit aufrecht zu erhalten wagt.

Vor sieben und dreißig Jahren war, abgesehen von diesem wie stets zum Unglück von der Vorsehung bestimmten Platz St. Jaques, welcher immer gräßlich gewesen ist, vielleicht der trübseligste Punkt auf diesem ganzen trübseligen Boulevard, die Stelle wo man das alte Haus 50-52 traf.

Die Bürgerhäuser entstanden hier erst fünfundzwanzig Jahre später. Der Ort war düster und einsam. Soweit das Auge reichte, sah man nichts als die Umfassungsmauer und einige casernen- oder klosterähnliche Fabrikgebäude. Ueberall Mauern, entweder alt und schwarz wie Grabtücher, oder frisch aufgeführt und weiß wie Leichentücher; überall parallele Baumreihen, nach der Schnur gezogene lange, kalte Linien und die düstere Traurigkeit rechter Winkel. Keine Abwechselung des Bodens! Es war ein eiskaltes, regelmäßiges, häßliches Ensemble. Nichts preßt das Herz so zusammen, als Gleichmäßigkeit; denn die Gleichmäßigkeit ist die Langeweile und die Langeweile ist die Grundlage der Trauer. Man kann sich noch etwas weit Schrecklicheres denken als eine Hölle, in der man leidet, das ist eine Hölle, in der man sich langweilt. Wenn es eine solche Hölle gäbe, könnte dieses Stück des Boulevards Hospital der Zugang zu ihr sein.

Bei eintretender Nacht indeß, im Winter besonders, wenn der Dämmerungswind den Ulmen die letzten rothen Blätter abreißt, in tiefer, sternenloser Finsternis oder wenn der Mond und der Wind Löcher in die Wolken macht, wurde dieser Boulevard entsetzlich. Der Vorübergehende konnte sich nicht enthalten, an die zahllosen Galgentraditionen des Ortes zu denken. Die Einsamkeit dieses Ortes, wo so viele Verbrechen begangen worden waren, hatte etwas Grauenhaftes. Man wähnte Schlingen in dieser Dunkelheit zu fühlen, alle wirren Gestalten des Schattens sahen verdächtig aus und die langen, viereckigen Gruben zwischen den Bäumen wie Gräber. Hier war der Tag häßlich, der Abend traurig, die Nacht unheilvoll.

Sommerszeit in der Dämmerung sah man hier und da einige alte Weiber bei den Ulmen auf vom Regen feuchten Bänken sitzen. Diese Alten bettelten.

Uebrigens suchte jener Stadttheil schon damals sich umzugestalten. Wer ihn sehen wollte, mußte sich beeilen. Jeden Tag verschwand eine Einzelnheit von diesem Ganzen. Heut zu Tage und seit zwanzig Jahren ist hier neben der alten Vorstadt der Bahnhof der Orleans-Eisenbahn. Ueberall, wo man an den Grenzen einer Hauptstadt einen Eisenbahnhof anlegt, ist dies der Tod einer Vorstadt, die Geburt einer Stadt. Es scheint, daß um diese großen Mittelpunkte der Bewegung der Völker, beim Rollen dieser gewaltigen Maschinen, bei dem Schnauben dieser Ungeheuerrosse der Civilisation, welche Kohlen verzehren und Feuer ausspeien, die keimende Erde zittert und sich aufthut, um die alten Wohnungen der Menschen zu verschlingen und neue aus derselben hervorgehen zu lassen. Die alten Häuser stürzen ein, neue steigen empor.

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