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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 33
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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X. Wer Besseres sucht, kann Schlechteres finden.

Die Thenardier hatte ihrer Gewohnheit gemäß, ihren Mann machen lassen. Sie erwartete große Ereignisse. Als der Mann und Cosette fort waren, ließ Thenardier eine gute Viertelstunde vergehen, dann nahm er sie bei Seite und zeigte ihr die fünfzehnhundert Francs.

»Weiter nichts?« fragte sie.

Es war das erste Mal, seit dem Anfange ihres Ehestandes, daß sie eine Handlung des Herrn zu kritisiren wagte. Der Schlag wirkte.

»In der That, Du hast Recht,« sagte er; »ich bin dumm gewesen. Gieb mir meinen Hut.«

Er faltete die drei Banknoten zusammen, steckte sie in seine Tasche und ging eilig fort. Anfangs irrte er sich und ging rechts. Einige Nachbarn, die er befragte, brachten ihn auf die Spur; man hatte den Mann und die Lerche in der Richtung nach Livry zu gehen sehen. Er folgte dieser Andeutung. Er lief schnell und hielt dabei folgendes Selbstgespräch:

»Der Mann ist offenbar ein gelb gekleideter Millionär und ich bin ein Vieh. Anfangs hatte er zwanzig Sous, dann fünf Francs, dann fünfzig, dann funfzehnhundert gegeben, und immer mit der größten Leichtigkeit. Er hätte fünfzehntausend gegeben. Aber ich hole ihn ein!«

Seltsam war auch das Packet mitgebrachter Kleidungsstücke für die Kleine. Dahinter mußte etwas Geheimnißvolles stecken. Geheimnisse läßt man nicht so leicht los, wenn man sie einmal hat. Die Geheimnisse der Reichen sind goldgefüllte Schwämme, die man zu drücken verstehen muß. Alle diese Gedanken wirbelten in seinem Kopfe. »Ich bin ein Vieh!« sagte er.

Ist man aus Montfermeil hinaus und hat man die Krümmung erreicht, welche die Straße nach Livry macht, so sieht man sie sehr weit vor sich hin auf der Höhe sich entfalten. Dort angekommen, meinte er, müßte er den Mann mit der Kleinen sehen. Er schaute so weit als sein Auge reichte und sah nichts. Er erkundigte sich weiter. Dabei verlor er Zeit. Vorübergehende sagten ihm, daß der Mann und das Kind, welche er suche, nach dem Walde, nach Gagny zu, gegangen seien. In dieser Richtung ging er eiligst hin.

Sie hatten einen Vorsprung vor ihm, aber ein Kind geht langsam und er ging rasch. Und dann war ihm auch die Gegend genau bekannt.

Plötzlich blieb er stehen und schlug sich an die Stirne, wie Jemand, der etwas Wesentliches vergessen hat und bereit ist wieder umzukehren.

»Ich hätte meine Flinte mitnehmen sollen!« dachte er.

Thenardier war eine der Doppelnaturen, die bisweilen mitten unter uns, ohne daß wir es wissen, erscheinen und verschwinden, ohne daß wir sie erkannten, weil das Geschick sie nur von einer Seite gezeigt hat. Viele Menschen haben das Schicksal, so halb versenkt zu leben. In einer ruhigen und gewöhnlichen Lage besaß Thenardier Alles was zum Geschäft gehört – wir sagen nicht zu einem Mitgliede der Gesellschaft – zu einem honetten Geschäftsmann. Gleichzeitig hatte er aber auch, wenn gewisse Umstände gegeben gewesen, wenn gewisse Stöße seine untere Seite emporgekehrt hätten, Alles, was zu einem Bösewicht gehört. Er war ein Budiker, in dem ein Ungeheuer steckte. Satan mußte manchmal sich in einen Winkel der Stube kauern, in der Thenardier hausete, und vor diesem Meisterstück des Häßlichen nachdenken.

Nachdem er einen Augenblick gezaudert, dachte er:

»Bah, sie hatten Zeit zu entkommen.«

Er setzte seinen Weg fort, ging sehr schnell, beinahe mit der Miene der Sicherheit, mit dem Scharfsinn eines Fuchses, der ein Volk Rebhühner wittert.

In der That, als er über die Teiche hinausgekommen, bemerkte er über einem Gebüsch einen Hut. Es war der Hut des Mannes. Das Gebüsch war niedrig. Thenardier sagte sich, daß der Mann mit Cosette da saß. Das Kind sah er wegen der Kleinheit desselben nicht, den Kopf der Puppe aber konnte er wahrnehmen.

Thenardier täuschte sich nicht. Der Mann saß da, um Cosetten ein wenig ausruhen zu lassen. Der Wirth ging um das Gebüsch herum und erschien plötzlich vor den Blicken derer, welche er suchte.

»Verzeihung, ich bitte um Entschuldigung, mein Herr,« sagte er ganz außer Athem, »aber hier sind Ihre fünfzehnhundert Francs zurück.«

Während er dies sagte, hielt er dem Fremden die drei Banknoten hin.

Der Mann sah auf und fragte:

»Was heißt das?«

Thenardier antwortete respectvoll:

»Das heißt, mein Herr, daß ich Cosetten wieder haben will.«

Cosette zitterte und schmiegte sich an den Mann.

Dieser sah Thenardier tief ins Auge und antwortete, indem er jede Silbe betonte und dehnte:

»Sie nehmen Cosette zurück?«

»Ja, mein Herr, ich nehme sie zurück. Ich will es Ihnen sagen. Ich habe mir die Sache überlegt. Ich habe eigentlich gar nicht das Recht, sie wegzugeben. Sehen Sie, ich bin ein ehrlicher Mann. Die Kleine ist nicht mein Kind; sie gehört ihrer Mutter. Ihre Mutter hat sie mir anvertraut, nur dieser kann ich sie zurückgeben. Sie sagen vielleicht: ihre Mutter ist todt. Gut. In diesem Falle könnte ich das Kind nur einer Person geben, die mir ein von der Mutter unterschriebenes Schreiben brächte, ich solle das Kind dieser Person überliefern. Das ist doch klar.«

Ohne ein Wort zu antworten, suchte der Mann in seiner Tasche. Thenardier sah das Portefeuille mit den Bankbillets wieder zum Vorscheine kommen.

Der Wirth empfand ein Zittern der Freude.

»Gut!« dachte er. »Festhalten! Er will mich bestechen!«

Ehe der Mann das Portefeuille öffnete, sah er sich um. Der Ort war ganz einsam. Nicht eine Seele ließ sich weder in dem Walde, noch in der Ebene sehen. Der Mann öffnete das Portefeuille und nahm, nicht die Handvoll Banknoten, was Thenardier erwartete, sondern ein kleines Papier heraus, das er auseinanderschlug und offen dem Wirthe mit den Worten hinhielt:

»Sie haben Recht. Lesen Sie.«

Thenardier nahm das Papier und las:

M. am M. den 25. März 1823.

Herr Thenardier!
Ich ersuche Sie, dem Ueberbringer Dieses Cosetten zu übergeben. Die Kleinigkeiten, welche etwa noch Rest sind, werden bezahlt werden.

Ich habe die Ehre, Sie mit aller Achtung zu grüßen.

Fantine.

»Sie kennen diese Unterschrift?« fragte der Mann. Es war allerdings die Unterschrift Fantine's. Thenardier erkannte sie. Es ließ sich darauf nichts sagen. Er empfand einen doppelt großen Verdruß, den Verlust der gehofften Bestechung und den, geschlagen zu sein.

Der Mann setzte hinzu:

»Das Papier können Sie als Quittung behalten.«

Thenardier zog sich in guter Ordnung zurück.

»Die Unterschrift ist gut nachgemacht,« murmelte er zwischen den Zähnen.

»Es mag sein!«

Er machte noch eine verzweifelte Anstrengung.

»Es ist gut, mein Herr, da Sie der Ueberbringer sind. Aber es heißt, ›die Kleinigkeiten‹, welche etwa noch Rest sind, sollen bezahlt werden. Man ist mir aber viel schuldig.«

Der Mann richtete sich hoch auf und sagte, während er mit dem Finger Staub von seinem abgeschabten Rockärmel wegschnippte:

»Herr Thenardier, im Januar berechnete die Mutter, daß sie Ihnen hundert und zwanzig Francs schuldig sei; im Februar schickten Sie ihr eine Rechnung über fünfhundert Francs. Ende Februar erhielten Sie dreihundert und dreihundert Anfang März. Seitdem sind neun Monate zu dem verabredeten Preise von fünfzehn Francs vergangen; das macht einhundert und fünfunddreißig Francs. Es blieben Ihnen also fünfunddreißig gut. Jetzt habe ich Ihnen fünfzehnhundert gegeben.«

Thenardier empfand, was der Wolf in dem Augenblicke empfindet, wenn er sich von der stählernen Falle gefaßt und gefangen fühlt.

»Welcher Teufel ist der Mann?« dachte er.

Er that was der Wolf thut: er schüttelte sich.

Die Keckheit war ihm schon einmal gelungen.

»Mein Herr – ich weiß nicht, wie Sie heißen« – sagte er entschlossen und dieses Mal alle Rücksichten der Achtung bei Seite setzend, »ich nehme Cosetten zurück oder Sie geben mir tausend Thaler.«

Der Fremde antwortete gelassen:

»Komm, Cosette.«

Er faßte sie mit der linken Hand, mit der rechten nahm er seinen Stock vom Boden auf.

Thenardier sah den dicken Knüppel und die Einsamkeit des Ortes.

Der Mann drang mit dem Kinde in das Gehölz weiter hinein und ließ den Wirth unbeweglich und verblüfft dastehen.

Während sie sich entfernten, betrachtete Thenardier die breiten, ein wenig gewölbten Schultern und die großen Fäuste des Mannes. Dann fielen seine Blicke auf seine eigenen schwächlichen Arme und hageren Hände.

»Ich muß wirklich ganz dumm sein, daß ich meine Flinte nicht mitgenommen habe, da ich doch auf die Jagd ging.«

Der Gastwirth ließ indeß seine Beute noch nicht los.

»Ich will wissen, wohin er geht,« sagte er und machte sich daran ihm von Weitem zu folgen. Zweierlei war ihm geblieben: ein Spott, das Stückchen Papier mit der Unterschrift »Fantine,« und ein Trost, die fünfzehnhundert Francs.

Der Mann führte Cosette in der Richtung nach Livry und Bondy hin. Er ging langsam, mit gesenktem Kopfe, in nachdenklicher und trauriger Haltung. Der Winter hatte den Wald kahl gemacht, so daß ihn Thenardier nicht aus den Augen verlor, obschon er ziemlich weit zurück blieb. Von Zeit zu Zeit drehte sich der Mann um und sah, ob man ihm folge. Plötzlich gewahrte er Thenardier. Sofort trat er mit Cosette in ein Dickicht, wo sie beide verschwinden konnten.

»Teufel!« sagte Thenardier und beschleunigte seine Schritte.

Das Dickicht nöthigte ihn sich wieder zu nähern. Als der Mann gerade im tiefsten Dickicht war, drehte er sich um. Wie Thenardier sich auch in den Aesten versteckte, er konnte es nicht hindern, daß der Mann ihn sah. Dieser warf ihm einen unruhigen Blick zu, warf den Kopf verächtlich in die Höhe und setzte seinen Weg fort. Der Gastwirth folgte immer weiter nach. So machten sie zwei- bis dreihundert Schritte. Plötzlich wendete sich der Mann noch einmal um. Er bemerkte den Wirth. Diesmal sah er denselben mit einem so finsteren Blicke an, daß Thenardier es für »unnütz« hielt, weiter zu gehen. Thenardier machte Kehrtum.

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