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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 30
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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VII. Cosette im Dunkel mit dem Unbekannten.

Cosette, sagten wir, empfand keine Furcht.

Der Mann redete sie an, er sprach mit ruhiger, beinahe leiser Stimme:

»Mein Kind, das, was Du da trägst, ist wohl sehr schwer für Dich?«

Cosette hob den Kopf in die Höhe und antwortete:

»Ja, mein Herr.«

»Gieb her,« fuhr der Mann fort, »ich will es Dir tragen.«

Cosette ließ den Eimer los. Der Mann ging neben ihr.

»In der That, er ist sehr schwer,« sagte er leise wie für sich. Dann setzte er hinzu: »Wie alt bist Du, Kleine?«

»Acht Jahre, mein Herr.«

»Kommst Du so von weit her?«

»Von der Quelle im Walde.«

»Hast Du noch weit zu gehen?«

»Eine gute Viertelstunde von hier.«

Der Mann schwieg einen Augenblick, dann fragte er plötzlich:

»Du hast also keine Mutter?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete das Kind. Ehe der Mann Zeit hatte wieder etwas zu sagen, setzte sie hinzu: »Ich glaube es nicht. Die Andern haben eine. Ich habe keine.«

Nach einer Pause sagte sie noch:

»Ich glaube nicht, daß ich jemals eine gehabt habe.«

Der Mann blieb stehen, setzts den Eimer hin, bückte sich, legte beide Hände auf die Achseln des Kindes und gab sich Mühe, sie im Dunkel zu erkennen und ihr in das Gesicht zu sehen.

Die hagere schwächliche Gestalt Cosette's zeigte sich undeutlich im bleichen Schimmer des Himmels.

»Wie heißt Du?« fragte der Mann.

»Cosette.«

Es war als berühre den Mann ein elektrischer Schlag. Er sah sie noch immer an, dann zog er seine Hände von den Achseln Cosettens zurück, ergriff den Eimer und begann wieder weiter zu gehen.

Kurze Zeit verging, da fragte er:

»Wo wohnst Du Kleine?«

»In Montfermeil, wenn Ihnen das bekannt ist.«

»Dorthin gehen wir?«

»Ja, mein Herr.«

Er machte wieder eine Pause, worauf er begann:

»Wer hat Dich denn zu solcher Zeit nach Wasser bis in den Wald geschickt?«

»Madame Thenardier.«

Der Mann fuhr mit einem Tone der Stimme, der gleichgiltig sein sollte, in welchem aber ein seltsames Zittern lag, fort:

»Was treibt Deine Madame Thenardier?«

»Sie ist meine Herrschaft. Sie hat ein Wirthshaus,« antwortete das Kind.

»Ein Wirthshaus?« wiederholte der Mann. »Gut, so werde ich die Nacht da logiren. Führe mich.«

»Wir gehen dahin,« antwortete das Kind.

Der Mann ging ziemlich rasch, Cosette folgte ihm ohne Mühe. Sie fühlte keine Müdigkeit mehr. Von Zeit zu Zeit erhob sie mit einer gewissen unaussprechlichen Ruhe und mit Vertrauen die Augen zu diesem Manne. Niemals hatte man sie gelehrt, sich an die Vorsehung zu wenden und zu beten. Dennoch empfand sie Etwas in sich, das der Hoffnung und der Freude glich. Sie fühlte, daß dieses Etwas dem Himmel angehöre.

Einige Minuten vergingen; dann begann der Mann wieder:

»Hat Madame Thenardier keine Magd?«

»Nein, mein Herr.«

»Bist Du allein?«

»Ja, mein Herr.«

Nach einer kurzen Unterbrechung sagte sie mit erhobener Stimme:

»Das heißt noch zwei kleine Mädchen sind da.«

»Was für kleine Mädchen?«

»Ponine und Zelma.«

So kürzte das Kind die romanhaften Namen ab welche der Thenardier so theuer waren.

»Wer sind Ponine und Zelma?«

»Die Demoiselles der Madame Thenardier, ihre Töchter.«

»Und was thun diese?«

»O, die,« antwortete das Kind, »die haben schöne Puppen, Sachen mit Gold daran und viel Spielzeug. Sie spielen, sie amüsiren sich.«

»Den ganzen Tag?«

»Ja, mein Herr.«

»Und Du?«

»Ich arbeite.«

»Den ganzen Tag?«

Das Kind schlug seine großen Augen auf, in denen eine Thräne schwamm, die man wegen der Dunkelheit der Nacht nicht sah, und antwortete sanft:

»Ja, mein Herr.« Nach einer Pause des Stillschweigens fuhr sie fort: »Manchmal, wenn ich mit der Arbeit fertig bin und man es mir erlaubt, amüsire ich mich auch.«

»Wie amüsirst Du Dich?«

»Wie ich kann. Man läßt mich. Ich habe aber nicht viel Spielzeug. Ponine und Zelma lassen mich mit ihren Puppen nicht spielen. Ich habe nur einen kleinen bleiernen Säbel, nicht länger als so.«

Dabei zeigte das Kind seinen kleinen Finger.

»Schneidet er denn?«

»O ja, mein Herr;« sagte das Kind. »Salat schneidet er. Auch kann man den Fliegen die Köpfe damit abschneiden.«

Sie erreichten das Dorf. Cosette diente dem Fremden als Führerin in den Straßen. Sie kamen vor dem Bäcker vorbei, Cosette dachte aber nicht an das Brod, das sie mitbringen sollte. Der Mann hatte aufgehört Fragen an sie zu richten und beobachtete jetzt ein düsteres Stillschweigen. Als sie die Kirche hinter sich hatten und der Mann alle diese Buden sah, fragte er Cosetten:

»Es ist wohl Markt hier?«

»Nein, mein Herr, es ist Weihnachten.«

Als sie sich dem Wirthshause näherten, berührte Cosette furchtsam den Arm des Fremden und sagte:

»Mein Herr!«

»Was, mein Kind?«

»Wir sind jetzt ganz in der Nähe.«

»Nun?«

»Wollen Sie mich nicht jetzt den Eimer wieder tragen lassen?«

»Warum?«

»Wenn Madame sähe, daß mir ihn Jemand getragen, so würde sie mich schlagen.«

Der Mann gab ihr den Eimer wieder. Einen Augenblick nachher waren sie an der Thür der Kneipe.

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