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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 28
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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V. Die Kleine ganz allein.

Da das Wirthshaus Thenardier in dem Theil des Dorfes bei der Kirche stand, so mußte Cosette das Wasser aus der Quelle am Walde nach Chelles zu holen.

Sie sah sich keine Bude mehr an. So lange sie in dem Bäckergäßchen und in der Nähe der Kirche war, erhellten die erleuchteten Buden ihren Weg, bald aber verschwand auch das letzte Licht der letzten Bude. Das arme Kind befand sich ganz im Finstern. Sie drang in dieselbe hinein; nur bewegte sie, da eine gewisse innere Angst sie ergriff, den Eimer in ihrer Hand so sehr sie konnte. Das machte ein Geräusch, das ihr Gesellschaft leistete.

Je weiter sie ging, desto dichter wurde die Finsterniß. Kein Mensch war mehr auf der Straße. Nur einer Frau begegnete sie, welche sich umdrehte, als sie sie vorübergehen sah, stehen blieb und zwischen den Zähnen murmelte: »Wo mag das Kind nur hingehen?« Dann erkannte sie Cosette. »Ach, die Lerche ist es;« sagte sie.

So durchschritt Cosette das Labyrinth der krummen, öden Gäßchen, die nach dieser Seite von Chelles zu Montfermeil endigen. So lange sie Häuser, ja nur Mauern zu beiden Seiten ihres Weges hatte, ging sie ziemlich muthig dahin. Von Zeit zu Zeit sah sie den Lichtstrahl eines Lichtes durch die Ritze eines Fensterladens schimmern. Das war Licht und Leben, da wohnten Leute. Das beruhigte sie. Je weiter sie indeß ging, desto langsamer wurde mechanisch ihr Gang. Als sie an dem letzten Hause vorüber war, blieb sie stehen. Ueber die letzte Bude hinaus zu gehen, war ihr schwer geworden; noch weiter als über das letzte Haus hinaus zu gehen, war ihr unmöglich. Sie stellte den Eimer auf den Boden, fuhr sich mit den Händen in die Haare und begann langsam sich auf dem Kopf zu kratzen, – eine Geste, welche Kindern eigen ist, wenn sie erschreckt und unentschlossen sind. Es war nicht mehr Montfermeil, es war offenes Feld. Der Raum vor ihr war schwarz und dunkel. Mit Verzweiflung sah sie die Finsterniß, in der Niemand mehr war, wohl aber Thiere, vielleicht gar Gespenster. Sie schaute mit Aufmerksamkeit vor sich hin, hörte die Thiere, welche im Grase gingen. Deutlich sah sie die Gespenster, welche sich in den Bäumen bewegten. Da ergriff sie den Eimer wieder; die Furcht gab ihr Muth. – »Bah! ich sage ihr, es wäre kein Wasser mehr da!« dachte sie und entschlossen kehrte sie um und ging wieder in das Dorf hinein.

Kaum war sie hundert Schritt gegangen, so blieb sie wieder stehen und kratzte sich von neuem auf dem Kopfe. Jetzt war es die Thenardier, welche ihr erschien, die häßliche Thenardier mit ihrem Hyänenrachen und ihren zornflammenden Augen. Das Kind warf einen kläglichen Blick vor und hinter sich. Was thun? Was sollte aus ihr werden? Wohin gehen? Vor ihr das Gespenst der Thenardier, hinter ihr alle Fantome der Nacht und des Waldes. Vor der Thenardier wich sie zurück, sie schlug den Weg nach der Quelle wieder ein und begann schnell zu laufen. Eilend kam sie wieder aus dem Dorfe hinaus, eilend gelangte sie in das Gebüsch; sie hörte und sah nichts mehr. Sie hielt nur still, wenn sie Athem schöpfen wollte, sonst nicht. In höchster Bestürzung lief sie gerade aus.

Wie sie so lief, hatte sie Lust zu weinen.

Das nächtliche Rauschen des Waldes umhüllte sie.

Sie dachte, sie sah nichts mehr. Die unermeßliche Nacht stand diesem kleinen Wesen gegenüber.

Von dem Waldrande bis zur Quelle waren nur sieben bis acht Minuten. Cosette kannte den Weg, da sie ihn schon öfters am Tage gegangen war. Sie verirrte sich nicht. Dunkel leitete sie der Instinkt. Sie blickte aber weder nach rechts noch nach links, aus Furcht, in den Aesten oder in dem Gebüsch Etwas zu sehen. So gelangte sie an die Quelle.

Es war eine kleine, vom Wasser natürlich ausgehöhlte Vertiefung in einem thonigen Boden, etwa zwei Fuß tief, von Moos und hohem Gras umgeben und mit einigen großen Steinen ausgepflastert. Still und leise floß ein Bach aus der Quelle ab.

Cosette nahm sich nicht die Zeit zu athmen. Es war sehr finster, sie war aber schon sehr oft an der Quelle gewesen. Mit der linken Hand suchte sie im Dunkeln nach einer jungen sich über die Quelle neigenden Eiche, welche ihr gewöhnlich als Stütze diente, erfaßte einen Zweig, hing sich an denselben, bückte sich und tauchte den Eimer in das Wasser. Sie befand sich in einem so aufgeregten Zustande, daß ihre Kräfte sich verdreifacht hatten.

Während sie sich so bückte, achtete sie nicht darauf, daß dabei ihre Schürzentasche aufging und das, was darin war, in das Wasser fiel. Es war das Fünfzehnsousstück. Cosette sah und hörte es nicht fallen. Sie zog den fast vollen Eimer empor und stellte ihn auf das Gras.

Nachdem dies geschehen, fühlte sie, daß sie vor Müdigkeit ganz erschöpft war. Sie wäre gern gleich wieder gegangen, die Anstrengung aber, welche es ihr gekostet, den Eimer zu füllen, war so groß gewesen, daß es ihr unmöglich war noch einen Schritt zu thun. Sie mußte sich setzen, sank auf das Gras und kauerte sich zusammen.

Sie schloß die Augen und schlug sie wieder auf, ohne zu wissen warum. Sie konnte nicht anders. Neben ihr bildete das bewegte Wasser im Eimer Kreise, welche wie weiße Schlangen aussahen.

Der Himmel über ihr war mit dicken, schwarzen Wolken wie mit Rauchwänden bedeckt. Die tragische Maske des Dunkels schien undeutlich sich über das Kind zu neigen.

Der Jupiter versteckte sich hinter den Wolkenmassen.

Das Kind blickte mit ängstlichem Auge zu diesem großen Sterne hinauf, den sie nicht kannte und vor dem sie sich fürchtete. Der Planet stand in der That in diesem Augenblicke ganz nahe am Horizonte und durchschnitt eine dichte Wolkenmasse, was ihm einen Schreck verursachenden Schein verlieh, während der düster beleuchtete Nebel den Stern vergrößerte. Er glich einer leuchtenden Wunde.

Ein kalter Wind wehte von der Ebne. In dem finstern Walde fehlte das Blätterrauschen und jener undeutliche und frische Schein des Sommers. Mächtige Aeste streckten sich gespenstisch aus. Magere, verkrüppelte Büsche pfiffen im Winde in den lichten Stellen des Waldes. Das hohe Gras bewegte sich wimmelnd unter dem Nordostwind, wie Aale. Die Brombeerranken bogen sich wie lange, mit Krallen bewaffnete Arme, welche nach Beute haschen. Einige dürre Heidekräuter, die der Wind trieb, rollten schnell vorüber und sahen aus, als flöhen sie mit Schrecken vor irgend Etwas, das eintreffen könnte. Auf allen Seiten, überall düstere Ausdehnungen und düstere Striche.

Die Finsterniß erregt Schwindel. Der Mensch bedarf der Helle. Wer sich in das Gegentheil des Tages begiebt, der fühlt sein Herz wie zusammengeschnürt. Wenn das Auge schwarz sieht, sieht der Geist trübe. In der Nacht, im schwarzen Dunkel steckt Angst, selbst für die Stärksten. Schatten und Gehölz sind zwei fürchterliche Dichtigkeiten. Niemand geht ohne Bangen Nachts allein durch einen Wald. In der unerkennbaren Ferne erscheint eine chimärische Wirklichkeit. Das Unbegreifliche erscheint mit gespenstischer Genauigkeit in unserer Nähe. Man sieht, im Raume oder im eigenen Kopfe, irgend etwas Unbestimmtes und Ungreifbares wie Traumbilder schlafender Blumen. Am Horizonte zeigen sich drohende Stellungen. Man athmet die Ausströmungen des großen finsteren Raumes. Man fürchtet sich und möchte immer hinter sich sehen. Gegen die Tiefe der Nacht, gegen die schattenhaft gewordenen Dinge, gegen die schweigenden Gestalten, die zerfließen sobald man ihnen näher kommt, gegen drohende Büsche, gegen bleiche Wasserfluthen, gegen den Reflex des Düsteren der Nacht, gegen die Unermeßlichkeit der Grabesstille, gegen unbekannte mögliche Wesen, gegen das geheimnisvolle Neigen der Zweige, gegen schauerliche Baumstümpfe, gegen die langen Finger des zitternden Grases – gegen Alles dieses ist man machtlos. Jede Kühnheit zittert und fühlt die Nachbarschaft der Angst. Man empfindet die Berührung mit etwas Häßlichem, als wenn das Dunkel mit der Seele sich verschmelzen wollte. Diese Einwirkung der Finsterniß ist unaussprechlich fürchterlich für ein Kind.

Die Wälder sind Apocalypsen und der Flügelschlag einer kleinen Seele macht ein Geräusch des Todeskampfes unter dieser ungeheueren Wölbung.

Ohne zu wissen was sie empfand, fühlte Cosette, daß sie von dieser schwarzen Ungeheuerlichkeit der Natur ergriffen werde. Nicht mehr blos Schrecken, etwas noch Schrecklicheres als Schrecken durchdrang sie. Sie zitterte. Die Ausdrücke fehlen, dieses eigenthümliche Zittern zu beschreiben, das sie bis auf den Grund des Herzens eiskalt machte. Ihr Blick war wild. Sie glaubte zu fühlen, daß sie vielleicht am anderen Tage zu derselben Zeit wieder hierher werde gehen müssen.

Um aus diesem Zustande herauszukommen, den sie nicht begriff, der sie aber erschreckte, zählte sie instinctmäßig laut eins, zwei, drei bis zehn und fing dann wieder von vorn an. Das bewirkte wenigstens, daß sie die Dinge um sich her wieder so erkannte, wie sie waren. Sie fühlte die Kälte an ihren Händen, die sie bei dem Wasserschöpfen naß gemacht hatte. Sie stand auf. Die Furcht kehrte zurück, eine natürliche, unüberwindliche Furcht. Sie hatte nur noch einen Gedanken, zu fliehen, so schnell als möglich zu fliehen, quer durch den Wald, quer über das Feld bis zu den Häusern, den Fenstern, den angezündeten Lichtern. Ihr Blick fiel auf den Eimer vor ihr und die Furcht, welche ihr Frau Thenardier einflößte, war so groß, daß sie ohne den Wassereimer nicht zu fliehen wagte. Sie faßte den Henkel mit beiden Händen. Sie konnte den Eimer kaum in die Höhe heben.

So ging sie ungefähr zwölf Schritte weit, der Eimer aber war voll, war schwer und sie mußte ihn niedersetzen. Einen Augenblick schöpfte sie Athem, dann ging sie weiter, diesmal etwas langsamer. Aber sie mußte noch einmal stehen bleiben. Nach einigen Secunden der Ruhe setzte sie ihren Weg wieder fort. Sie ging nach vorn geneigt, mit gesenktem Kopfe, wie eine Alte. Die Last des Eimers zerrte an ihren mageren Armen. Der eiserne Henkel that noch das Seinige, ihre nassen Hände zu erstarren und zu erkälten. Von Zeit zu Zeit war sie genöthigt stehen zu bleiben und jedesmal, wenn sie hierbei den Eimer hinsetzte, spritzte ihr kaltes Wasser daraus auf die bloßen Füße. Das alles geschah mitten im Walde, in der Nacht, im Winter, fern von jedem menschlichen Blicke; es war ein Kind von acht Jahren, nur Gott allein sah diesen traurigen Zustand.

Und ach, ohne Zweifel, auch ihre Mutter! Manche Dinge öffnen den Todten im Grabe die Augen.

Cosette athmete mit schmerzlichem Röcheln. Schluchzen schnürte ihr die Kehle zu, sie wagte aber nicht zu weinen, so sehr fürchtete sie, sich vor der Thenardier, selbst wenn sie fern von ihr war. Sie stellte sich immer vor, die Thenardier sei da.

Schnell konnte sie indeß in solcher Weise den Weg nicht zurücklegen, sie ging sehr langsam. Es half ihr wenig, daß sie seltener Ausruhestationen machte. Mit Schrecken dachte sie daran, daß sie wohl noch eine Stunde brauchen werde, ehe sie nach Montfermeil zurückkomme und daß die Thenardier sie dann schlagen würde. Diese Angst mischte sich mit ihrer Furcht, allein in der Nacht im Walde zu sein. Sie war abgemattet von Kälte und Müdigkeit und noch hatte sie den Wald nicht hinter sich. Neben einem ihr wohlbekannten, alten Kastanienbaum machte sie einen letzten, längeren Halt, um recht auszuruhen, dann nahm sie alle ihre Kräfte zusammen, faßte den Eimer und schritt muthig weiter. Trotzdem aber war das arme, kleine Wesen in ihrem Herzen verzweifelt und konnte nicht umhin auszurufen: »Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!«

In diesem Augenblicke fühlte sie plötzlich, daß der Eimer sein Gewicht verloren. Eine, wie ihr vorkam, ungeheuer große Hand hatte den Henkel erfaßt und hob den Eimer kräftig in die Höhe. Sie sah auf. Eine große dunkle, gerade Gestalt ging im Dunkel neben ihr. Es war ein Mann, der hinter ihr gekommen war, was sie jedoch nicht gehört hatte. Ohne ein Wort zu sagen, hatte dieser Mann den Henkel des Eimers, welchen sie trug, gefaßt.

Es giebt ein instinktives Gefühl bei allen Begegnungen im Leben.

Das Kind hatte keine Furcht.

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