Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Hugo >

Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/hugo/miserab3/miserab3.xml
typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130106
projectid85c7a63d
Schließen

Navigation:

III. Die Männer wollen Wein, die Pferde Wasser.

Es waren vier neue Reisende angekommen.

Cosette war in trauriges Nachdenken versunken; denn, obschon sie erst acht Jahre alt war, hatte sie schon so viel erduldet, daß sie oft träumerisch mit dem düsteren Blick alter Weiber da saß.

Von einem Faustschlage, welchen ihr die Thenardier gegeben, hatte sie ein ganz schwarz angelaufenes Auge, weshalb das Weib öfter sagte:

»Wie häßlich sie mit ihrem Buckel auf dem Auge ist!«

Cosette dachte daran, daß es schon Nacht sei, finstere Nacht, daß sie die Krüge in den Zimmern der so eben angekommenen Reisenden mit Wasser zu füllen habe und daß keines mehr da sei.

Es gab ihr zwar ein wenig Trost, daß man im Hause nicht viel Wasser trank. Wenn Einer Durst hatte, so wandte er sich lieber an die Flasche als an den Krug. Wer unter diesen Weingläsern ein Glas Wasser verlangt haben würde, wäre Allen wie ein Wilder vorgekommen. Trotzdem gab es einen Augenblick, wo das Kind zitterte: die Thenardier hob den Deckel eines auf dem Heerde kochenden Topfes in die Höhe, ergriff sodann ein Glas und ging schnell zum Wasserbehälter. Sie drehte den Hahn. Das Kind hatte den Kopf erhoben und folgte jeder ihrer Bewegungen. Ein dünner Wasserfaden kam aus dem Hahn herausgeflossen und füllte das Glas bis zur Hälfte. – »Es ist ja kein Wasser mehr da,« sagte sie. Darauf trat einen Augenblick Stillschweigen ein. Das Kind athmete nicht mehr.

»Bah,« begann die Thenardier wieder, indem sie das halb volle Glas betrachtete, »es wird wohl genug sein.«

Cosette setzte sich wieder zu ihrer Arbeit. Es dauerte aber wenigstens noch eine Viertelstunde, während welcher sie ihr Herz im Busen wie einen großen Flocken hin und her springen fühlte.

Sie zählte die Minuten, welche so verflossen und dachte: »wenn es doch schon morgen früh wäre.«

Von Zeit zu Zeit sah einer der Gäste auf die Straße und rief: »Es ist ja so dunkel heut draußen, wie im Backofen!« oder: »wenn man heute ohne Laterne ausgehen will, so muß man gradezu eine Katze sein.«

Cosette zitterte.

Da trat plötzlich ein Hausirer, welcher in der Kneipe Quartier genommen, ein und sagte mit auffahrendem Tone:

»Mein Pferd hat noch nichts zu trinken bekommen.«

»Gewiß, ganz gewiß,« sagte die Thenardier.

»Ich sage ihnen aber, nein, es hat noch nichts zu trinken bekommen,« erwiederte der Kaufmann.

Cosette war unter dem Tische hervorgekrochen.

»O ja, mein Herr,« sagte sie. »Das Pferd hat getrunken, es hat aus dem Eimer getrunken. Der Eimer war ganz voll. Ich selbst habe ihm zu trinken gegeben.«

Es war nicht wahr. Cosette log.

»Seht ein Mal an, die ist so groß wie eine Faust, und lügt so groß wie das Haus;« rief der Hausirer. »Ich sage Dir, daß es noch nicht getrunken hat. Ich kenne sein Schnaufen. Wenn es so schnauft, hat es noch nicht getrunken.«

Cosette blieb bei ihrer Behauptung und rief mit von Angst erstickter, kaum hörbarer Stimme:

»Und es hat doch getrunken!«

»Jetzt ist's genug!« schrie der Hausirer. »Gebt meinem Pferde zu trinken und damit basta.«

Cosette kroch wieder unter den Tisch zurück.

»Wenn das Pferd noch nicht getrunken hat, so muß es zu trinken bekommen,« sagte die Thenardier; »das ist nicht mehr als billig.«

Darauf sah sie um sich und fügte hinzu:

»Wo steckst Du denn?«

Sie bückte sich und entdeckte Cosette, welche sich unter dem Tische beinahe unter die Füße der zechenden Gäste verkrochen hatte.

»Willst Du wohl hervorkommen,« schrie die Thenardier.

Cosette kroch hervor.

»Bringe dem Pferde zu trinken, Du namenloser Hund!«

»Ach, Madame,« sagte Cosette mit leiser Stimme »es ist ja kein Wasser mehr da.«

Die Thenardier machte die Straßenthür weit auf und schrie:

»So hole welches!«

Cosette ließ den Kopf sinken und nahm einen leeren Eimer, welcher im Winkel beim Heerde stand.

Dieser Eimer war größer als sie selbst. Das Kind hatte sich bequem hinein setzen können.

»Halt, Mamsell Kröte,« rief plötzlich die Thenardier. »Wenn Du zurückkommst, so holst Du beim Bäcker ein großes Brod. Hier hast Du ein Fünfzehn-Sous-Stück.«

Cosette hatte an der Seite ihrer Schürze eine kleine Tasche. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie das Stück Geld und steckte es in diese Tasche.

Darauf blieb sie mit dem Eimer in der Hand unbeweglich vor der geöffneten Thür stehen. Sie schien zu warten, ob ihr nicht Jemand zu Hilfe kommen würde.

»Vorwärts!« rief die Thenardier.

Cosette ging. Hinter ihr schloß sich die Thür.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.