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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 25
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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II. Zwei vervollständigte Portraits.

Bisher hat man die Thenardiers nur im Profil gesehen; jetzt ist es Zeit, um dies Paar herumzugehen und dasselbe in ihrem vollen Gesicht zu betrachten.

Thenardier hatte sein fünfzigstes Jahr überschritten, sie näherte sich dem vierzigsten, welches bei der Frau das fünfzigste ist, so daß also zwischen Mann und Frau ein Gleichgewicht der Jahre Statt fand.

Vielleicht haben die Leser von dem ersten Auftreten der Thenardier diese große, blonde, rothe, fette, fleischige, vierschrötige, colossale und gewandte Frau nicht vergessen. Sie besorgte alles in der Wirthschaft: Betten, Zimmer, Wäsche, die Küche, Regen, gutes Wetter und den Teufel. Ihr einziger Dienstbote war Cosette, ein Mäuschen im Dienste eines Elephanten. Alles zitterte bei dem Ton ihrer Stimme, die Fensterscheiben, die Möbels und die Leute. Sie hatte einen Bart, welcher in ihrem mit Sommersprossen gesprenkelten Gesicht paradirte. Sie war das Ideal eines Riesen der Halle in Weiberkleidung. Sie fluchte splendid und rühmte sich eine Nuß mit einem Faustschlage zerschlagen zu können. Ohne die Romane, welche sie gelesen hatte und welche sie wunderlicher Weise auf Augenblicke wie einen Affen in Wolfsgestalt aussehen ließen, würde es Niemanden eingefallen sein zu sagen: Das ist ein Weib. Diese Thenardier sah aus wie ein Wesen, welches seine Entstehung dem Umstande verdankt, daß man ein Mädchen auf ein Fischweib inoculirt hat. Wenn man sie reden hörte, glaubte man, ein Gensdarm spreche; sah man sie trinken, so sagte man: das ist ein Fuhrmann. Sah man wie sie Cosetten behandelte, so sagte man: sie ist ein Folterknecht. Waren ihre Gesichtszüge im Zustande der Ruhe, so sah ein Zahn aus ihrem Munde hervor.

Der Thenardier war ein kleiner, magerer, blasser, dürrer, knochiger, schwächlicher Mann, der kränklich aussah, sich aber sehr wohl befand. Hier begann seine Betrügerei. Aus Vorsicht lächelte er gewöhnlich und war fast gegen alle Leute höflich, selbst gegen den Bettler, dem er den Sou abschlug. Er sah wie ein Hausmarder aus und zugleich wie ein Gelehrter. Den Portraits des Abbé Delille glich er sehr. Seine Koketterie bestand darin, daß er mit den Fuhrleuten trank. Noch Niemand hatte ihn betrunken machen können. Er rauchte aus einer dicken Pfeife, trug eine Blouse und unter dieser einen alten, schwarzen Rock. In Beziehung auf Literatur und materialistische Philosophie trat er mit gewissen Prätentionen auf. Um das, was er sagte, zuweilen zu bekräftigen, bediente er sich häufig der Namen Voltaires, Raynals, Parnys und seltsamer Weise auch des des heiligen Augustin. Er behauptete ein »System« zu haben. Uebrigens war er ein arger Gauner, ein Filousoph Wort im Originaltext, so viel bedeutend als philosophischer Filou. – solche Nuancen kommen vor. Man erinnert sich, daß er Soldat gewesen zu sein behauptete. Mit vielem Wohlbehagen erzählte er, daß er bei Waterloo als Sergeant in irgend einem sechsten oder neunten leichten Regiment allein gegen eine Schwadron Todten-Husaren mit seinem Leibe »einen gefährlich verwundeten General« gedeckt und mitten durch den Kugelregen hindurch gerettet habe. Daher schrieb sich sein flammendes Schild an der Mauer seines Hauses und die Benennung seines Wirthshauses: »Zum Sergeanten von Waterloo.« Er war liberal, classisch und bonapartistisch. Im Dorfe erzählte man, er habe studirt, um Geistlicher zu werden.

Wir glauben, daß er einfach in Holland Gastwirth studirt hatte. Dieser Lump aus jener, aus Allerlei zusammengesetzten Menschenklasse war aller Wahrscheinlichkeit nach in Flandern ein Flamänder von Lille, in Paris ein Franzose, in Brüssel ein Belgier. Seine Heldenthat von Waterloo kennt man. Wie man sieht, übertrieb er sie ein wenig. Ebbe und Flut, Krümmungen, Abenteuer waren sein Lebenselement. Ein zerrissenes Gewissen zieht ein zerstückeltes Leben nach sich und wahrscheinlich gehörte Thenardier an dem stürmischen Tage des 18. Juni 1815 zu jenen Marketendern und Marodeuren, von denen wir gesprochen haben. Nach Beendigung des Feldzuges hatte er in Montfermeil eine Kneipe eröffnet, da er, wie er sagte, Etwas besaß »wovon«.

Das »Wovon«, welches in Börsen und Uhren, goldenen Ringen und silbernen Kreuzen bestand, die er in der Erntezeit in den mit Leichen besäeten Feldern eingeerntet hatte, wollte jedoch nicht viel sagen und brachte den zum Wirth gewordenen Marketender nicht weit.

Thenardier hatte etwas Rechtwinkliges in seiner Geberde, welche in Verbindung mit einem Fluche, an die Caserne und mit dem Zeichen des Kreuzes an das Seminar erinnert. Er war ein Schönredner und ließ sich gern für einen Gelehrten halten. Nichts destoweniger hatte der Schulmeister bemerkt, daß er »Schnitzer« machte. Mit Ueberlegenheit des Geistes schrieb er für die Reisenden die Rechnung, aber geübte Augen fanden bisweilen orthographische Fehler. Thenardier war ein Duckmäuser, ein Feinschmecker, ein Bummler, ein gewandter Kerl. Seine Dienstmädchen verschmähete er nie, weshalb seine Frau keine mehr hielt. Diese Riesin war eifersüchtig. Nach ihrer Meinung mußte der kleine magere, gelbliche Mann der Gegenstand des allgemeinen Wunsches sein.

Obwohl Thenardier zu der gefährlichen Sorte der scheinheiligen Schurken gehörte, so konnte er doch auch, ebenso gut wie seine Frau zornig werden. Das geschah aber selten. Da er der ganzen menschlichen Gesellschaft grollte, einen wahren Glutofen von Haß in sich hatte, da er zu den Leuten gehörte, welche sich ewig rächen, welche Alles, was vor ihnen sich ereignet, anklagen, zu jenen Leuten, welche stets bereit sind dem Ersten Besten alle Täuschungen, alle zernichteten Hoffnungen, alle Unfälle ihres Lebens zur Last zu legen, so war Thenardier in den Augenblicken des Zornes, wo diese ganze Erbitterung sich in ihm erhob, dieser ganze Sauerteig in ihm aufstieg und ihm im Munde und in den Augen kochte, fürchterlich. Wehe dem, der da seiner Wuth in die Zähne lief!

Außer allen seinen andern Eigenschaften war Thenardier aufmerksam und scharfblickend, je nach Gelegenheit schweigsam oder geschwätzig. Er hatte etwas von dem Blick der Seeleute, die daran gewöhnt sind zu blinzeln, um durch ein Fernrohr zu sehen. Thenardier war ein Staatsmann.

Jeder, der das erste Mal bei ihm eintrat, sagte bei dem Anblicke der Frau Thenardier: Sie ist Herr im Hause. Ein Irrthum. Sie war nicht einmal die Herrin. Der Herr und die Herrin zugleich war der Mann. Sie arbeitete, er schuf. Er leitete alles durch eine gewisse unsichtbare und ununterbrochene magnetische Kraft. Ein Wort genügte, bisweilen ein Wink; die Riesin gehorchte. Er war für sie, ohne daß sie sich Rechenschaft darüber gab, eine Art eigentümlichen und souveränen Wesens. Sie wußte sich trefflich in ihn zu schicken, und wäre sie auch über irgend ein Detail mit »Herrn Thenardier« nicht einig gewesen – eine übrigens gar nicht zulässige Voraussetzung – so würde sie doch vor den Leuten nie ihrem Manne Unrecht gegeben haben. Niemals hätte sie »vor Fremden« jenen Fehler begangen, den die Frauen so häufig begehen und den man mit dem parlamentarischen Ausdruck »die Krone bloßstellen« bezeichnet. Obgleich ihre Einigkeit kein anderes Resultat als das Schlechte hatte, lag doch Ueberlegung in der Unterwürfigkeit der Frau Thenardier gegen ihren Mann. Dieser Riese von Fleisch und Lärm bewegte sich unter dem Commando des kleinen Fingers dieses schwächlichen Despoten. Es war, von der zwergartigen und grotesken Seite angesehen, jene allgemeine großartige Erscheinung: die Beherrschung der Materie durch den Geist; denn gewisse Häßlichkeiten haben das Recht, selbst in den Tiefen der ewigen Schönheit zu sein. In Thenardier lag etwas Unbekanntes; daher die unbeschränkte Herrschaft dieses Mannes über dieses Weib. In gewissen Augenblicken sah sie in ihm eins brennende Kerze, in andern fühlte sie ihn wie eine Klaue.

Dieses Weib war ein entsetzliches Geschöpf, das nichts liebte als ihre Kinder, und nichts fürchtete als ihren Mann. Mutter war sie, weil sie als Mensch zugleich Säugethier war. Uebrigens beschränkte sich ihre Mutterliebe auf die Töchter und erstreckte sich, wie man sehen wird, nicht auf den Knaben. Er, der Mann, hatte nur einen Gedanken: reich werden.

Es glückte ihm nicht. Diesem großen Talent fehlte ein würdiger Schauplatz. Thenardier ging in Montfermeil zu Grunde, wenn das überhaupt bei einer Null noch möglich ist. In der Schweiz oder in den Pyrenäen würde dieser Mann ohne Sou ein Millionär geworden sein. Aber da, wo das Schicksal, den Gastwirth festsetzt, muß er abgrasen. Selbstverständlich ist das Wort »Gastwirth« hier in einem engeren Sinne zu nehmen und bezeichnet keineswegs die ganze Klasse.

Im Jahre 1823 hatte Thenardier etwa fünfzehnhundert Francs drängende Schulden, was ihn bekümmert machte.

Wie aber auch die hartnäckige Ungerechtigkeit des Schicksals gegen ihn gewesen, Thenardier gehörte zu den Leuten, welche vortrefflich und aus dem Fundament das, was bei barbarischen Völkern eine Tugend, bei den civilisirten eine Waare ist, vollkommen verstehen: die gastliche Aufnahme der Fremden. Er war überdies ein bewunderungswürdiger Wilddieb und berühmt wegen seines Büchsenschusses. Es war ihm ein gewisses kaltes und friedliches Lachen eigenthümlich, das ganz besonders gefährlich war.

Seine Theorieen sprühten bisweilen in Blitzen aus ihm heraus. Er hatte Professionssprüche, professionsmäßige Sentenzen, welche er seiner Frau einprägte. »Die Pflicht des Wirths,« sagte er eines Tages heftig, aber leise zu ihr, »besteht darin, an den Ersten Besten Fleisch, Ruhe, Licht, Feuer, gebrauchte Wäsche, Flöhe und Lächeln zu verkaufen; Reisende anzuhalten, die kleinen Börsen zu leeren, die großen in honetter Weise zu erleichtern, respektvoll reisende Familien unter Dach und Fach zu nehmen, Männer, Weiber, Kinder zu rupfen, das aufgemachte wie das zugemachte Fenster, den Platz, am Kamine, den Lehnstuhl, den gewöhnlichen Stuhl, den Sessel, die Fußbank, das Federbett, die Matratze und das Bund Heu sich bezahlen lassen; zu wissen, wie viel der Schatten den Spiegel abnutzt und dies zu taxiren, und, bei den fünfmalhunderttausend Teufeln sich von den Reisenden alles bezahlen zu lassen, selbst die Fliege, welche sein Hund frißt.«

Dieser Mann und dieses Weib waren wie eine Ehe zwischen Wuth und List: ein häßliches und schreckliches Gespann.

Während der Mann grübelte und combinirte, dachte sie nicht an die abwesenden Gläubiger, kümmerte sie sich weder um gestern noch um morgen und lebte flüchtig ganz dem Augenblick.

So waren diese beiden Wesen. Cosette stand zwischen ihnen und litt ihren doppelten Druck wie ein Wesen, welches gleichzeitig von einem Mühlsteine gequetscht und von einer Zange zerrissen wird. Er und sie, jedes hatte eine verschiedene Art. Cosette wurde mit Schlägen überschüttet, das kam von ihr; im Winter ging sie barfuß, das kam von ihm.

Cosette lief Treppe auf und Treppe ab, wusch, bürstete, putzte, kehrte, lief, schleppte schwere Dinge und verrichtete, so klein sie war, große Arbeit. Kein Mitleid; die Herrin wüthend, der Herr giftig. Die Kneipe Thenardiers war wie eine Spinnewebe, in der Cosette gefangen war und zitterte. Es war als wenn die Fliege die Magd der Spinne wäre.

Das arme Kind schwieg und duldete.

Was geht in solchen Seelen vor, die so eben erst Gott verlassen haben, wenn sie von Sonnenaufgang an ganz klein und nackt unter den Menschen sich befinden?

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