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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 21
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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Zweites Buch. Das Schiff Orion.

I. Nummer 24,601 wird Nummer 9,430.

Johann Valjean war wieder ergriffen worden.

Man wird es uns Dank wissen, wenn wir uns bei diesen traurigen Einzelnheiten nicht aufhalten, sondern uns darauf beschränken, zwei durch die damaligen öffentlichen Blätter einige Monate nach den überraschenden Ereignissen in M... am M... mitgetheilten Nachrichten hier wieder zu geben.

Dieselben sind ein wenig kurz. Man mag sich jedoch daran erinnern, daß damals noch keine Gerichtszeitung existirte. Die erste Nachricht entnehmen wir dem Drapeau blanc. Sie ist vom 25. Juli 1823 datirt und lautet:

»Ein Arrondissement des Pas de Calais ist der Schauplatz einer nicht ungewöhnlichen Begebenheit gewesen. Ein im Departement nicht ortsangehöriger, dorthin zugegangener Mann Namens Madeleine hatte zufolge einiger neuen Vorrichtungen einen alten, in der Gegend von Alters her gepflegten Industriezweig, die Fabrikation grüner Glaswaaren sehr gehoben. Er hatte nicht nur sein Glück dabei gemacht, sondern auch das des Arrondissements und wurde er in Anerkennung dessen zum Maire ernannt. Die Polizei entdeckte aber, daß Madeleine ein früherer Sträfling Namens Johann Valjean sei, welcher im Jahre 1796 wegen Diebstahls verurtheilt worden und nachträglich die ihm durch die Polizei-Aufsicht auferlegten Beschränkungen verletzt hatte, weshalb er wieder in den Bagno gebracht worden ist. Vor seiner Verhaftung scheint es ihm geglückt zu sein, diejenigen Summen, welche er bei Lafitte in Höhe von wohl einer halben Million deponirt hatte, erhoben zu haben, welches Geld er übrigens, wie man sagt, ehrlich im Handel erworben haben soll. Der Ort, wo er die Summen vor seiner Verhaftung zu verbergen gewußt, ist bis jetzt unbekannt geblieben.«

Der zweite Artikel aus dem Journal de Paris von demselben Datum ist ein wenig umständlicher und lautet wie folgt:

»Ein früherer, aus dem Bagno zu Toulon freigelassener Sträfling Namens Johann Valjean hat dieser Tage unter Aufsehen erregenden Umständen vor den Assisen zu Var gestanden. Es war dem Verbrecher gelungen die Wachsamkeit der Polizei zu täuschen. Nachdem er sich einen anderen Namen gegeben, war es ihm geglückt, sich zum Maire einer kleinen Stadt im Norden ernennen zu lassen, woselbst er einen ziemlich beträchtlichen Handel betrieb. Endlich, in Folge unermüdlichen Eifers des öffentlichen Ministeriums, wurde er entlarvt und verhaftet. Seine Concubine, ein öffentliches Mädchen, starb vor Schreck hierüber. Der mit herculischer Kraft ausgestattete Bösewicht hatte Mittel gefunden, aus dem Gefängnisse zu entfliehen. Drei oder vier Tage nach seiner Flucht wurde er jedoch von der Polizei und zwar in Paris wieder ergriffen, als er in einen jener kleinen Wagen steigen wollte, welche von der Hauptstadt nach dem Dorfe Montfermeil die Tour machen. Er soll die kurze Zeit seiner Freiheit dazu benutzt haben, beträchtliche Summen, die er bei einem der ersten Bankiers deponirt hatte, zu heben. Man schätzt dieselben auf 6-700,000 Francs. Nach dem Anklageakte hat er sie an einem Orte verborgen, welcher nur ihm allein bekannt ist und welchen man bisher noch nicht hat entdecken können. Wie dem aber auch sei, der erwähnte Johann Valjean ist vor die genannten Assisen wegen auf öffentlicher Straße mit Gewalt verübten Diebstahls gestellt worden, welchen er vor ungefähr acht Jahren gegen einen armen Savoyardenknaben verübt haben soll. Der Bandit hatte auf die Verteidigung verzichtet. Die gewandte und beredte Rede des Staatsanwalts wies nach, daß Johann Valjean Complicen gehabt und zu einer Räuberbande gehört habe, welche damals im Süden hauste. Johann Valjean wurde in Folge dessen für schuldig befunden und zum Tode verurtheilt. Das Rechtsmittel der Cassation weigerte er sich zu ergreifen. Der König aber in seiner unerschöpflichen Milde hat geruht, seine Strafe in lebenswierige Zwangsarbeit zu verwandeln. Johann Valjean verbüßt seine Strafe im Bagno zu Toulon.«

Diesmal bekam Johann Valjean im Bagno eine andere Nummer. Er hieß jetzt 9430.

Uebrigens war mit Madeleine der Segen aus M... am M... verschwunden. Alles, was er in jener Fiebernacht vorausgesehen hatte, trat ein: mit ihm fehlte die Seele des Ganzen. Neid und Eifersucht erhoben sich. Alles geschah jetzt im Kleinen, statt im Großen; alles geschah des Gewinnes wegen, anstatt auch im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt. Der Mittelpunkt fehlte, überall herrschte Concurrenz und Erbitterung. Man verfälschte die Zubereitungsart, man untergrub das Vertrauen, Absatz und Aufträge verringerten sich. Das Arbeitslohn wurde gedrückt, die Werkstätten geschlossen, der Bankerutt blieb nicht aus. Nach seinem Falle war in M... am M... jene egoistische Theilung gefallener großer Existenzen eingetreten, jene verderbliche Zerstückelung alles Blühenden, welche in der menschlichen Gesellschaft täglich im Schatten derselben vor sich geht und welche die Geschichte nur Ein Mal vermerkt hat, das ist nach dem Tode Alexanders, wo die Generale sich als Könige krönen ließen. Hier machten sich die Gesellen zu Meistern.

Auch der Staat merkte, daß hier irgendwo eine Vernichtung Statt gefunden. Weniger als vier Jahre schon nach der Constatirung der Identität Madeleine's mit Johann Valjean betrugen die Steuereinziehungskosten im Arrondissement M... am M... doppelt so viel als früher. Der Finanzminister Villéle bemerkte dies im Februar 1827 auf der Rednerbühne.

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