Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Hugo >

Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/hugo/miserab3/miserab3.xml
typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130106
projectid85c7a63d
Schließen

Navigation:

XIX. Das Schlachtfeld in der Nacht.

Wir müssen nach dem Plane dieses Buches noch einmal auf dieses grausige Schlachtfeld zurückkehren.

Am 18. Juni 1815 war Vollmond. Sein heller Schein begünstigte die wilde Verfolgung Blüchers, verrieth die Spuren der Fliehenden, überlieferte die unselige Masse der erbitterten preußischen Cavallerie und unterstützte die Metzelei. Bei mancher Katastrophe zeigt sich die Nacht so tragisch-gefällig.

Nach dem letzten Kanonenschusse war die Ebene von Mont-Saint-Jean still und verlassen.

Die Engländer besetzten das Lager der Franzosen. Es ist die gewöhnliche Constellation des Sieges, daß der Sieger sich in das Bett des Besiegten legt. Sie nahmen ihr Bivouac jenseit Rossomme. Die Preußen, denen die Verfolgung zugefallen war, drängten weiter. Wellington begab sich in das Dorf Waterloo und schrieb daselbst seinen Bericht an Lord Bathurst. Wenn jemals das sic vos, non vobis anwendbar ist, so gilt es gewiß von diesem Dorfe Waterloo.

Waterloo that gar nichts; es blieb eine halbe Stunde von dem Kampfe. Mont-Saint-Jean wurde beschossen, Hougomont niedergebrannt, ebenso Papelote und Planchenois, La Haie-Sainte mit Sturm genommen. La Belle-Alliance sah die Umarmung der beiden Sieger. Alle diese Namen kennt man kaum und Waterloo, das in der Schlacht selbst nichts that, trug alle Ehren davon.

Wir gehören nicht zu denen, welche dem Kriege schmeicheln; wir sagen ihm bei Gelegenheit die Wahrheit. Schauerliche Schönheiten besitzt er, aber auch, gestehen wir es nur, manche Häßlichkeit. Eine der überraschendsten und empörendsten ist die Beraubung der Todten nach dem Siege. Die Morgenröthe, die nach einer Schlacht aufgeht, sieht stets nackte Leichen.

Wer thut das? Wer befleckt also den Triumph? Welche häßliche Hand greift diebisch in die Tasche des Sieges? Welches sind die Schurken, welche ihren Coup hinter dem Rücken des Ruhmes machen? Einige Philosophen, unter andern Voltaire, versichern, es wären eben die, welche den Ruhm erworben. Es sind dieselben, sagen sie, denn es kommen keine Andern. Die Ueberlebenden plündern die Todten. Der Held des Tages ist der Vampyr der Nacht. Allerdings hat er wohl einiges Recht, den Leichnam zu plündern, welchen er geschaffen. Wir aber glauben es nicht. Eine und dieselbe Hand kann unmöglich Lorbeeren pflücken und einem Todten die Schuhe [stehlen].

Gewiß ist, daß gewöhnlich nach den Siegern die Diebe kommen. Aber unter den Soldaten, namentlich unter den Soldaten der Jetztzeit, wollen wir diese nicht suchen.

Die Nachzügler, welche jede Armee hat, muß man anklagen: Fledermauswesen, halb Räuber, halb Sklaven, alle Art Gezücht, welches jenes Dunkel, der Krieg, erzeugt, Uniformen, welche nicht kämpfen, angebliche Kranke, Lahme, welche geeignet sind Einem zur gelegenen Zeit Furcht einzujagen; Marketender, welche bisweilen mit ihren Weibern auf kleinen Wagen fahren, stehlen, das Gestohlene verkaufen; Bettler, welche sich den Officieren als Führer anbieten, Marodeurs – alles dieses schleppte oder zog die damalige Armee auf dem Marsche hinter sich her und zwar so sehr im eigentlichen Sinne des Wortes, daß man dieses Alles ausdrücklich »Nachzügler« nennt. Keine Armee, keine Nation war für diese Menschen verantwortlich. Sie sprachen italienisch und folgten den Deutschen, sie sprachen französisch und folgten den Engländern. Allein eine kräftige Disciplin kann diesen Aussatz heilen. Je nach der größeren oder geringeren Strenge der Führer sah man eine größere oder geringere Anzahl Marodeure im Gefolge der Armeen. Hiermit hängt es zusammen, daß mancher Ruf täuscht. Die Popularität mancher großen Generale hat hier ihren Grund. Turenne wurde von seinen Soldaten vergöttert, weil er ihnen die Plünderung freigab. Gestattung des Bösen gilt für Güte und Turenne war so gut, daß er die ganze Rheinpfalz durch Feuer und Schwert verwüsten ließ. Hoche und Marceau hatten keine Nachzügler, Wellington – diese Gerechtigkeit lassen wir ihm gern wiederfahren – nur wenige. Trotzdem wurden die Todten in der Nacht vom 18. zum 19. Juni ausgeplündert. Wellington war zwar streng. Er hatte Befehl gegeben, daß Jeder, welcher bei der That betroffen wurde, auf der Stelle niedergeschossen werde. Die Raubsucht ist aber zäh. Hier stahlen die Marodeurs, während man sie dort füsilirte.

Düster schaute der Mond über diese Ebene.

Gegen Mitternacht schlich oder kroch vielmehr ein Mann vom Hohlwege von Ohain her. Er war allem Anschein nach einer von denen, welche wir so eben charakterisirt haben, weder Engländer noch Franzose, weder Bauer noch Soldat, weniger Mensch als Vampyr, welchen der Fleischgeruch der Todten angelockt hatte, dessen Sieg im Diebstahl bestand. Wer war dieser Mann? Jedenfalls wußte die Nacht mehr von ihm als der Tag. Er trug zwar keinen Sack, hatte aber unter seiner Blouse ungeheure Taschen. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, musterte die Ebene, sah sich um, ob er vielleicht beobachtet werde, dann bückte er sich plötzlich, nahm Etwas weg von einem stillen, unbeweglich daliegenden Gegenstände, richtete sich wieder in die Höhe und schlich weiter. Sein Schleichen, sein Gang, seine Stellungen, seine geheimnißvollen Bewegungen gaben ihm mit jenen Dämmerungs-Larven eine gewisse Aehnlichkeit, welche alte Ruinen bewohnen und die wir in normännischen Legenden beschrieben finden.

Wenn man mit aufmerksamem Blick umhergeschaut hätte, so würde man in einiger Entfernung, hinter dem Gebäude an der Stelle, wo die Straße von Nivelles und der Weg von Mont-Saint-Jean nach Braine-l'Alleud zusammentreffen, versteckt einen kleinen Marketenderwagen von Weidenruthen, mit einer abgemagerten Mähre bespannt, welche hungrig die Nesseln vor sich abfraß, so wie in dem Wagen eine Art Weib bemerkt haben, welches auf Kisten, Kasten und Paketen saß. Vielleicht bestand eine Beziehung zwischen diesem Wagen und diesem Marodeur.

Die Luft war klar. Am Zenith war nicht ein Wölkchen zu sehen. Was geht es den Mond an, daß die Erde roth ist, er bleibt weiß. Dies gehört zur Gleichgiltigkeit des Himmels. Baumäste, welche die Kanonade zerbrochen, die aber noch an der Rinde fest hingen und nicht herab gefallen waren, schaukelten sanft im Winde der Nacht hin und her. Ein Hauch, so zu sagen ein Athem, bewegte die Gebüsche. Das Gras zitterte. Dieses Zittern glich dem Abschied scheidender Seelen.

In der Ferne hörte man undeutlich die Patrouillen kommen und gehen.

Hougomont und La Haie-Sainte standen noch in Flammen und bildeten, das eine im Westen, das andere im Osten, zwei ungeheure Flammen, denen sich wie eine aufgelöste Rubinenschnur mit zwei Karfunkeln an den Enden die Reihe der englischen Wachtfeuer anschloß, welche in einem ungeheuren Halbkreise über die Hügel des Horizonts ausgebreitet waren.

In dem Hohlwege von Ohain, dort, wo jenes schreckliche, beklagenswerthe Unglück sich ereignete, war jetzt alles still. Der Paß war mit Menschen und Pferden ausgefüllt, welche unentwirrbar unter einander gemischt waren – schreckliche Verwickelung! Den Abhang sah man nicht mehr. Die Leichname glichen das Niveau zwischen Straße und Ebene aus. Ein Leichenhaufen oben, ein Blutbach unten: das war dieser Weg am Abend des 18. Juni 1815. Das Blut floß bis auf die Straße von Nivelles und verbreitete sich hier in eine große Pfütze an einer Stelle, welche man noch heut zu Tage zeigt.

Nach dieser Seite zu wendete sich jener nächtliche Schleicher.

Er durchstöberte dieses ungeheure Grab. Er hielt wer weiß welche grauenvolle Todtenmusterung. Er watete in Blut.

Plötzlich blieb er stehen.

Einige Schritte von ihm, in dem Kreuzwege, an der Stelle, wo der Leichenhaufen endete, unter dieser Masse von Menschen und Pferden, guckte eine geöffnete, vom Monde hell beschienene Hand hervor.

Diese Hand hatte etwas Glänzendes am Finger. Es war ein goldener Ring.

Der Mann bückte sich und blieb einen Augenblick in dieser Stellung. Als er sich wieder in die Höhe richtete, glänzte nichts mehr an der Hand.

Ganz richtete er sich nicht auf. Er blieb in einer scheuen, erschreckten Haltung, den Rücken dem Todtenhaufen zuwendend, auf den Knieen den Horizont betrachtend. Den Vorderkörper stützte er auf die in den Boden gedrückten Vorderfinger, den Kopf hob er spähend über den Rand des Hohlweges. Zu manchen Thaten passen die vier Pfoten des Schakals.

Endlich hatte er einen Entschluß gefaßt und richtete sich auf.

In diesem Augenblick zuckte er zusammen. Er fühlte, daß ihn Jemand von hinten festhielt. Er wendete sich um. Es war die offene Hand, welche sich wieder geschlossen und den Schoß seines Rockes gefaßt hatte.

Ein ehrlicher Kerl hätte Furcht gehabt. Der aber lachte.

»Ha,« dachte er, »das ist ja nur der Todte. Lieber ein Gespenst, als ein Gensd'arm.«

Indessen wurde die Hand schwach und ließ ihn wieder los. Im Grabe lassen die Kräfte bald nach.

»Er lebt also, der Todte? Wir wollen doch sehen.«

Er bückte sich noch einmal, durchstöberte den Haufen, entfernte die Hindernisse, ergriff die Hand, faßte den Arm, machte den Kopf frei und zerrte am Körper. Einige Augenblicke nachher schleppte er im Dunkel des Hohlweges einen entseelten, wenigstens ohnmächtigen Körper hin. Es war ein Kuirassier, ein Officier, sogar ein Officier von höherem Rang. Eine dicke, goldene Epaulette guckte unter dem Kuiraß hervor. Ein wüthender Säbelhieb hatte ihm das Gesicht zerschnitten, in welchem man nur Blut sah. Ein Glied schien ihm übrigens nicht gebrochen zu sein. Die Leichen hatten sich durch einen glücklichen Zufall – wenn dieses Wort hier erlaubt ist – so um ihn her geschichtet, daß sie ihn vor jeder Zerquetschung sicherten. Seine Augen waren geschlossen.

Auf seinem Kuiraß hatte er das silberne Kreuz der Ehrenlegion.

Der Mann nahm das Kreuz an sich und ließ es in seinen ungeheuren Taschen verschwinden.

Darauf betastete er die Taschen des Officiers und fühlte eine Uhr. Er nahm sie. Dann durchsuchte er die Westentasche. Er fand eine Börse darin und steckte sie ein.

Als er bei diesem Stadium seiner Hülfsleistungen angekommen war, öffnete der Officier die Augen.

»Ich danke,« sagte er mit schwacher Stimme.

Die rohen, rücksichtslosen Bewegungen des Mannes, der sich an ihm zu schaffen machte, die Kühle der Nacht, die frische Luft, welche er einathmete, hatten ihn aus seinem todtenähnlichen Zustande befreit.

Der Marodeur antwortete nicht. Er erhob den Kopf. In der Ferne hörte man Geräusch von Schritten in der Ebene. Wahrscheinlich nahte eine Patrouille.

Der Officier murmelte – denn noch lag der Todeskampf in seiner Stimme –:

»Wer hat die Schlacht gewonnen?«

»Die Engländer,« antwortete der Marodeur.

Der Officier erwiederte:

»Durchsuchen Sie meine Taschen, Sie werden eine Börse und eine Uhr in denselben finden. Nehmen Sie Beides.«

Das war schon geschehen.

Der Marodeur that so als suche er und sagte:

»Es ist nichts da.«

»So hat man mich bestohlen,« erwiederte der Officier. »Es thut mir leid. Ich hätte es Ihnen gern gegeben.«

Die Schritte der Patrouille wurden immer deutlicher.

»Man kommt,« sagte der Marodeur und machte eine Bewegung, als wenn er gehen wollte.

Der Officier hob mit Anstrengung den Arm in die Höhe, hielt ihn zurück und sagte:

»Sie haben mir das Leben gerettet. Wer sind Sie?«

Der Marodeur antwortete schnell und leise:

»Ich gehöre wie Sie der französischen Armee an. Jetzt muß ich Sie verlassen. Wenn man mich ergriffe, würde man mich füsiliren. Ich habe Ihnen das Leben gerettet. Im Uebrigen müssen Sie sich jetzt selbst zu helfen suchen.

»Welche Charge haben Sie?«

»Sergeant.«

»Wie heißen Sie?«

»Thénardier.«

»Ich werde niemals diesen Namen vergessen«, sagte der Officier. »Merken Sie sich auch den meinigen. Ich heiße Pontmercy.«

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.