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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 2
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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Erstes Buch. Waterloo.

I. Was man sieht, wenn man von Nivelles kommt.

An einem schönen Maimorgen des vergangenen Jahres (1861) machte ein Reisender, derselbe, welcher diese Geschichte erzählt, die Tour von Nivelles nach La Hulpe. Er ging zu Fuß. Der Weg ging zwischen zwei Baumreihen auf einer großen gepflasterten Chaussée hin, welche wellenförmig sich über Hügel hinaufschlängelt. Lillois und Bois-Seigneur-Isaac hatte er schon passirt. Im Westen gewahrte er den aus Schiefer gebauten Kirchthurm von Braine-l'Alleud, welcher die Gestalt einer umgekehrten Vase hat. Er hatte so eben ein auf einer Anhöhe befindliches Gehölz und an der Wende eines Seitenweges neben einer Art wurmstichigen Galgens, welcher die Inschrift »Alte Barriere Nr. 4« trug, ein Wirthshaus hinter sich gelassen, welches an seiner Vorderseite folgendes Schild hatte: »Zu den vier Wänden. Echabeau, Kaffeehaus.«

Eine Viertelstunde weiter kam er in einen Thalgrund, wo unter einem Brückenbogen Wasser in den Straßengraben fließt. Die einzelnen grünen Bäume, welche nach der Chaussée zu das Thal ausfüllen, zerstreuen sich nach der anderen Seite zu in den Wiesen und ziehen sich unordentlich und anmuthsvoll nach Braine-l'Alleud zu.

Rechts an der Straße stand ein Wirthshaus, davor ein vierrädriges Fuhrwerk, ein großes Bündel Hopfenstangen, ein Pflug, ein Haufen dürres Reisholz neben einer lebendigen Hecke, Kalk, der in einer viereckigen Grube rauchte und eine an einem strohenen Schuppen angebrachte Leiter. Ein junges Mädchen jätete auf dem Felde, wo ein großer gelber Zettel, wahrscheinlich die Ankündigung einer Kirmiß enthaltend, im Winde herum flatterte. Von der Ecke des Wirthshauses, neben einer Pfütze hin, in welcher zahlreiche Enten schwammen, führte ein schlecht gepflasterter Weg in das Gebüsch. Der Wanderer betrat dasselbe.

Nachdem er so etwa hundert Schritte längs einer Mauer aus dem fünfzehnten Jahrhundert mit spitzem Ziegeldache gemacht hatte, befand er sich einer großen gewölbten Steinpforte gegenüber mit einer gradlienigen Imposte im ernsten Style Ludwig XIV., an beiden Seiten mit zwei hervorragenden runden Flächen versehen, in welcher Brustbilder angebracht waren. Auf dem Boden vor der Pforte lagen drei Eggen, durch welche hindurch alle Blumen des Mai durcheinander wuchsen. Die Pforte war verschlossen. Sie hatte zwei alte morsche Flügelthüren zum Verschluß, welche mit einem alten verrosteten Klopfer geschmückt waren.

Die Scene war reizend; die Aeste hatten jenes sanfte Zittern des Mai, welches mehr von den Nestern als vom Winde herzukommen scheint. Auf einem Baume sang ein braver kleiner, wahrscheinlich verliebter Vogel, so eifrig wie er nur konnte.

Der Reisende bückte sich und betrachtete in dem links daliegenden Stein am rechten Thürflügel eine ziemlich große runde Aushölung, welche einer runden Honigzelle nicht unähnlich sah. In diesem Augenblicke öffneten sich die Thorflügel und eine Bäuerin trat heraus.

Sie sah den Reisenden und bemerkte, daß er sich in Betrachtungen erging.

»Eine französische Kugel hat das gethan,« sagte sie zu ihm.

»Was Sie da höher oben an der Thür sehen,« fügte sie hinzu, »neben einem Loche, das rührt von einer großen Kartätschenkugel her, welche aber nicht ganz durch das Holz durchgegangen ist.«

»Wie heißt der Ort?« fragte der Reisende.

»Hougomont,« sagte die Bäuerin.

Der Reisende richtete sich auf, ging einige Schritte weiter, sah über die Hecken und gewahrte am Horizont zwischen den Bäumen hindurch eine Art Hügel und auf demselben Etwas, das von Ferne wie ein Löwe aussah. Er befand sich auf dem Schlachtfelde von Waterloo.

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