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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 19
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authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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XVIll. Wiederaufleben des Rechts von Gottes Gnaden.

Mit dem Ende der Dictatur stürzte das ganze bis dahin bestandene System Europas über den Haufen.

Das Kaiserreich verschwand in einem Schatten, welcher dem nicht unähnlich war, welchen das untergehende römische Reich hinter sich zurück ließ. Wie zur Zeit der Barbaren sah man wieder einen Abgrund vor sich, nur mit dem Unterschiede, daß das Barbarenthum von 1815, welches mit seinem eigentlichen Namen Contrerevolution heißt, einen kurzen Athem hatte und sehr zeitig halt machen mußte, weil ihm der Athem ausging. Sagen wir es nur: das Kaiserreich wurde beweint, Heroen beweinten es. Wenn der Ruhm im Kriegeshandwerk allein besteht, so war das Kaiserreich der personifizirte Ruhm. Dasselbe hatte auf der Welt all das Licht verbreitet, welches Tyrannei nur erzeugen kann: ein düsteres, ein dunkeles Licht, welches in Vergleichung mit der wahren Helle Nacht ist. Nachdem diese Nacht von der Erde sich gelöst, trat Dämmerungshelle ein.

Die Könige nahmen ihre Throne wieder ein, der Heros Europas wurde in einen Käfig gesteckt, das frühere Regime wurde wieder neu. Und warum diese Umstellung von Licht und Schatten auf der Erde? Weil an einem Nachmittage eines Sommertages in einem Gehölz ein Hirte zu einem Preußen gesagt hatte: »Hier, nicht dort ist der Weg!«

1815 war eine Art düsterer April. Die alten ungesunden und giftigen Wirklichkeiten bedeckten sich mit einem neuen äußeren Schein. Die Lüge vermählte sich mit 1789, das Gottes-Gnadenrecht masquirte sich hinter einer Verfassung, Aberglauben und Hintergedanken übertünchten sich mit dem Firniß des Liberalismus.

Die Menschheit war von Napoleon zugleich erhoben und gedemüthigt; das Ideal war unter dieser splendiden Herrschaft des Liberalismus sonderbarerweise Ideologie genannt worden. Welch bedeutende Unklugheit eines großen Mannes, der Art die Zukunft lächerlich zu machen! Die Völker aber, dieses dem Artilleristen so liebe Futter, suchten ihn. Wo ist er? Was thut er? »Napoleon ist todt«, sagte ein Vorübergehender zu einem Invaliden von Marengo und Waterloo. »Er todt!« rief der Soldat; »da kennen Sie ihn schlecht!« In der Einbildung war dieser gestürzte Mensch ein Gott geworden und lange, nachdem Napoleon verschwunden war, blieb ein ungeheurer Platz in Europa leer.

Die Könige suchten ihn auszufüllen. Das alte Europa benutzte dies zu Reformen. Es entstand eine heilige Allianz.

Auch die Umrisse Frankreichs wurden andere. Die durch den Kaiser verhöhnte Zukunft hielt ihren Einzug, die Freiheit glänzte auf ihrer Stirn. Die Augen der jungen Generation wendeten sich ihr zu, und seltsamer Weise verliebte man sich zugleich in diese Zukunft, die Freiheit, und in jene Vergangenheit, Napoleon. Die Niederlage hatte den Besiegten größer gemacht. Der gestürzte Bonaparte erschien großartiger als der mächtige Napoleon. Die Sieger hatten Furcht. England ließ ihn durch Hudson Lowe bewachen, Frankreich durch Montchenu. Seine gekreuzten Arme waren die Unruhe Europas. Alexander nannte ihn seine schlaflosen Nächte. Der Grund dieser Angst war die Revolution, welche in ihm lag. Das entschuldigt den bonapartistischen Liberalismus.

Während Napoleon in Longwood langsam hinstarb, vermoderten ruhig die 60,000, welche bei Waterloo gefallen waren und theilten Etwas von ihrem Frieden dem übrigen Europa mit. Daraus machte der Wiener Congreß die Verträge von 1815, Europa nannte dies die Restauration.

Das ist Waterloo.

Welche Bedeutung aber hat es für die Unendlichkeit? Nicht einen Augenblick trübte dieser Sturm, dieser Krieg, dann dieser Frieden, dieser ganze Schatten das Licht des unendlichen Auges, vor welchem ein Insekt, das von einem Blatte zum anderen springt, so viel gilt wie der Adler, welcher die himmelanstürmenden Felsen umkreist.

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