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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 14
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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XIII. Die Katastrophe.

Die Flucht hinter der Garde war schauerlich. Die Armee zog sich plötzlich auf allen Zeiten zurück, von La Haie-Sainte, von Papelotte, von Planchenois. Dem Rufe: Verrath! folgte der andere: Rette sich wer kann! Eine Armee, die sich auflöset, ist wie Eisgang. Alles zerreißt, zerspringt, senkt sich, schwimmt, fällt, stößt, wälzt und überstürzt sich. Unerhörte Auflösung! Ney, borgt sich ein Pferd, springt auf dasselbe und ohne Hut, ohne Halsbinde, ohne Degen stellt er sich quer auf die Straße nach Brüssel und hielt zugleich die Engländer und die Franzosen auf. Er bemühte sich die Armee zu halten; er rief sie an, er schimpfte sie, krampfhaft hängt er sich an die Flucht, um sie aufzuhalten. Diese aber überfluthet ihn. Die Soldaten wichen ihm aus, und riefen: »es lebe der Marschall Ney!« Zwei Regimenter Durutte's zogen hin und her wie herumgeworfen zwischen den Säbeln der Uhlanen und den Kugeln der Brigaden Kempt, Best, Pack und Rylandt. Das schlimmste Gedränge ist die Flucht. Freunde ermorden sich, um fliehen zu können; die Schwadronen und Bataillone lösen sich auf und zerstreuen sich unter- und gegeneinander wie ungeheurer Schaum der Schlacht. Lobau an dem einen und Reille an dem anderen Ende werden in die Flut hineingezogen. Vergebens baut Napoleon mit dem Reste der Garde, die ihm geblieben, Mauern auf; vergebens verschwendet er seine Schwadronen zu einer letzten Anstrengung. Guyot, der die Kaiser-Schwadronen zum Angriffe führte, fällt unter den Hufen der englischen Dragoner. Napoleon galoppirt an den Fliehenden hin, redet sie an, drängt, droht, bittet. Jeder Mund, der des Morgens »es lebe der Kaiser!« gerufen hatte, blieb stumm. Man kannte ihm kaum. Die frisch angekommene preußische Cavallerie stürzt im Fluge herbei, säbelt nieder, zerhackt, mordet, vernichtet. Die Kanonen fliehen. Die Trainsoldaten spannen die Pferde ab und retten sich auf denselben; allerlei umgestürzte Wagen versperren die Straße und werden Veranlassung zu neuen Metzeleien. Einer tritt den Anderen, man metzelt sich gegenseitig nieder. Man läuft über Lebende und Todte hinweg. Die Arme wissen nicht was sie thun. Eine vom Schwindel ergriffene Menge füllt die Straßen und Wege, die Brücken, die Ebenen, die Hügel, die Thäler und die Wälder aus, welche von dieser Flut verdunkelt werden. Wilde Rufe, ins Getreide weggeworfne Tornister und Gewehre, keine Kameraden, keine Offiziere, keine Generäle mehr, nichts als ein unaussprechlicher Schrecken! Mit Säbeln bahnt man sich einen Weg. Ziethen säbelt Frankreich mit aller Bequemlichkeit nieder. Aus den Löwen sind Lämmer geworden. Das war die Flucht.

In Genappe versuchte man sich umzuwenden, Front zu machen, sich zu sammeln, Lobau sammelte dreihundert Mann. Man verbarricadirte den Eingang des Dorfes, aber schon beim ersten Einschlagen der preußischen Kugeln wendete man sich von Neuem zur Flucht und Lobau wurde gefangen genommen.

Die Preußen stürzten sich nach Genappe, wüthend ohne Zweifel, daß sie so wenig gesiegt. Die Verfolgung war grauenhaft. Blücher befahl Alles nieder zu machen. Roguet hatte zuerst jenes betrübende Beispiel gegeben, als er gedroht, jeden französischen Grenadier erschießen zu lassen, der ihm einen preußischen Gefangenen bringe. Blücher übertraf Roguet. Der General der jungen Garde, Duhesme, lehnte an der Thür eines Wirthshauses in Genappe, übergab seinen Degen einem Todten-Husaren, der den Degen nahm und den Gefangenen niederstach. Nach dem Siege die Niedermetzelung der Besiegten. Wir sind die Geschichte. Deshalb wollen wir strafend das Wort aussprechen: »der alte Blücher befleckte seine Ehre.« Diese Grausamkeit setzte dem Unglück die Krone auf. Die verzweiflungsvolle Flucht ging durch Genappe, Quatre-Bras, Sombresse, durch Frasnes, Thuin Charleroi, und machte erst an der Grenze Halt. Ach! und wer floh in solcher Weise? Die große Armee!

Hat dieser Schwindel, dieser Schrecken, dieser Sturz der höchsten Tapferkeit, welche jemals die Geschichte in Erstaunen setzte, keine Ursache? Nein! Der Schatten des gewaltigen Rechts wirft sich auf Waterloo. Es ist der Tag des Geschickes. Die Macht über den Menschen schuf diesen Tag. Daher die allgemeine Verwirrung; daher kommt es, daß alle diese großen Seelen ihre Waffen streckten. Die, welche Europa besiegt hatten, waren niedergeworfen. Sie hatten nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu thun; sie ahnten im Dunkel das Dasein von etwas Schrecklichem. Hoc erat in fatis. (So wollte es das Schicksal.) An diesem Tage änderte sich die Perspective des menschlichen Geschlechts. Waterloo ist der Angelpunkt des neunzehnten Jahrhunderts.

Der große Mann mußte verschwinden, damit das große Jahrhundert erscheinen konnte. Einer übernahm es, dem man niemals wiederspricht. Daraus erklärt sich der panische Schrecken der Heroen. In der Schlacht von Waterloo sehen wir mehr als eine Wolke, wir sehen ein Meteor. Gott war in derselben. Bei einbrechender Nacht ergriffen Bernard und Bertrand auf einem Felde bei Genappe einen in Gedanken versunkenen, finstern, düster blickenden Mann, welcher, von der Strömung der Flucht mit fortgetrieben, so eben von seinem Pferde abgestiegen war und den Zügel seines Pferdes unter dem Arm, neben demselben her zu Fuß und allein nach Waterloo hin zurückging. Es war Napoleon, welcher noch vorwärts zu gehen versuchte: schlafwandelnder Titan gestürzten Traumes.

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