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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 12
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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XI. Napoleon hat einen schlechten, Bülow einen guten Führer.

Man kennt die schmerzliche Enttäuschung Napoleons: Grouchy wird erwartet, Blücher erscheint; der Tod statt des Lebens. Das Schicksal hat solche Wandlungen. Man erwartet den Thron der Weltherrschaft und sieht St. Helena vor sich. Wenn der kleine Hirte, welcher Bülow als Führer diente, diesem gerathen hätte, lieber oberhalb Frischemont statt unterhalb Planchenois aus dem Walde herauszukommen, so würde das neunzehnte Jahrhundert vielleicht eine andere Gestalt erhalten haben. Napoleon hätte die Schlacht von Waterloo gewonnen. Auf jedem andern Wege als auf dem unterhalb Planchenois wäre die preußische Armee auf eine für die Artillerie unübersteigliche Schlucht gestoßen und Bülow wäre nicht eingetroffen.

Eine einzige Stunde später – erklärt der preußische General Müffling – und Blücher hätte Wellington nicht mehr gefunden, »die Schlacht wäre verloren gewesen.«

Es war, wie man sieht, die höchste Zeit, daß Bülow ankam. Uebrigens war er sehr aufgehalten worden. Er hatte in Dion-le-Mont bivouakirt und war mit Anbruch des Tages aufgebrochen. Die Wege aber waren ungangbar und die Divisionen waren im Koth stecken geblieben. Die Gleise gingen bis an die Achsen der Kanonen. Außerdem hatte man den Dyle über die schmale Brücke zu Wavre passiren müssen; die zur Brücke führende Straße war von den Franzosen in Brand gesteckt; die Pulverwagen, die zwischen zwei Reihen brennender Häuser nicht hindurchfahren konnten, mußten warten, bis der Brand gelöscht war. Es war Mittag, als die Avantgarde Bülow's Chapelle-Saint-Lambert noch nicht hatte erreichen können.

Wäre die Schlacht zwei Stunden früher begonnen worden, so würde sie um vier Uhr zu Ende gewesen und Blücher würde auf dem Schlachtfelde angelangt sein, wenn sich dasselbe bereits in den Händen des siegreichen Napoleon befunden. So sind diese unermeßlichen Zufälligkeiten mit dem Unendlichen in Uebereinstimmung gebracht, welches unserem sterblichen Auge entgeht.

Schon seit Mittag hatte der Kaiser zuerst mit seinem Fernrohre am äußersten Horizonte Etwas bemerkt, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Er sagte: »ich sehe da unten eine Wolke, die mir von Truppen herzurühren scheint.« Dann fragte er den Herzog von Dalmatien: »Soult, was sehen Sie in der Richtung nach Chapelle-Saint-Lambert zu?« – Der Marschall richtete sein Fernrohr dahin und antwortete: »Vier bis fünftausend Mann, Sire. Offenbar Grouchy,« Jenes Etwas blieb indeß unbeweglich in dem Nebel. Alle Fernrohre des Generalstabes beobachteten die von dem Kaiser bemerkte »Wolke«. Einige sagten: »es sind Colonnen, die Halt machen.« Die Meisten erklärten aber: »es sind Bäume.« Allerdings bewegte sich die Wolke nicht und der Kaiser sandte Domons Division leichter Reiterei auf Recognoscirung dieses dunkeln Punktes aus.

Bülow hatte sich in der That nicht gerührt. Seine Avantgarde war sehr schwach und vermochte nichts. Er mußte auf das Gros des Armeecorps warten und hatte den Befehl, sich zu concentriren, ehe er in die Schlachtlinie einrücke. Um fünf Uhr aber befahl Blücher, da er die Gefahr Wellingtons sah, Bülow, anzugreifen und sprach dabei das beachtenswerthe Wort: »Man muß der englischen Armee Luft machen.«

Bald nachher entfalteten sich die Divisionen Losthin, Hiller, Hacke und Ryssel vor dem Lobau'schen Corps, die Cavallerie des Prinzen Wilhelm von Preußen brach aus dem Walde hervor, Planchenois stand in Flammen und die preußischen Kugeln begannen selbst bis in die Reihen der Garde-Reserve hinter Napoleon hinein zu regnen.

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