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Die Miserabeln. Dritter Band

Victor Hugo: Die Miserabeln. Dritter Band - Kapitel 10
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typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Miserabeln. Dritter Band
publisherReichardt & Zander
correctorJosef Muehlgassner
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IX. Das Unerwartete.

Es waren dreitausend fünfhundert Mann, eine Front von einer Viertelmeile, Riesen auf Pferde-Colossen. Es waren sechsundzwanzig Schwadronen. Hinter sich hatten sie als Stütze die Division Lefevbre-Desnouettes, die hundert sechs Elite-Gensd'armen, die Garde-Chasseurs, 1197 Mann, und die Garde-Lanciers, 880 Lanzen. Sie trugen einen Helm ohne Haarbusch, einen Küraß von geschmiedetem Eisen, Sattel-Pistolen in den Halftern und einen langen geraden Säbel. Am Morgen hatte sie die ganze Armee bewundert, als sie um neun Uhr, beim Klange der Trompeten, welche das Lied » Veillons au salut de l'empire« spielten, in dichter Colonne gekommen waren, eine ihrer Batterieen zur Seite, die andere in ihrer Mitte, sie sich in Doppelreihen zwischen der Chaussee von Genappe und Frischemont entfaltet, und als sie ihren Schlachtplatz in der starken zweiten Linie eingenommen, welche Napoleon so klug gebildet hatte, links am Ende die Cuirassiere Kellermann, rechts am Ende die Cuirassiere Milhaude, gewissermaßen zwei eiserne Flügel.

Der Adjutant Bernard überbrachte ihnen den Befehl des Kaisers. Ney zog den Degen und stellte sich an die Spitze. Die ungeheuren Schwadronen setzten sich in Bewegung.

Da sah man ein ungeheures Schauspiel.

Diese ganze Cavallerie rückte mit geschwungenen Säbeln, mit flatternden Standarten und Trompetengeschmetter, in Divisionscolonnen, in Einer Bewegung, wie Ein Mann, mit der Präcision eines Widders von Erz, der eine Bresche bricht, den Hügel von Belle-Alliance hinunter, hineinreitend in den furchtbaren Thalgrund, wo bereits so viele Menschen gefallen waren, verschwand daselbst im Rauche, kam dann aus diesen Schatten an der anderen Seite des Thals wieder heraus, immer compact und gedrängt, ritt im Trabe durch eine Kartätschenwolke, die über ihr sich ausschüttete, den entsetzlichsten kothigen Abhang des Plateaus von Mont-Saint-Jean hinan. Sie ritten ernst, drohend, unerschütterlich dahin; zwischen dem Geknatter der Gewehre, dem Donner der Kanonen hörte man das colossale Getrappel. Da es zwei Divisionen waren, so bildeten sich zwei Colonnen, die Division Wathier den rechten, die Division Delord den linken Flügel. Man glaubte von fern zwei ungeheuere Stahlschlangen sich nach der Höhe des Plateau's hinaufwinden zu sehen. Wie eine gespenstische Erscheinung zog das durch die Schlacht.

Seit der Erstürmung der großen Schanze von Moskwa durch die schwere Reiterei hatte man nichts ähnliches gesehen! Nur Murat fehlte, Ney aber war da. Es schien, als wenn diese ganze Masse ein großes Ungeheuer geworden wäre, als wenn sie nur eine Seele hätte. Jede Schwadron ringelte sich und schwoll wie der Ring eines Polypen. Man bemerkte sie durch die hier und da zerrissenen ungeheuren Rauchwolken: ein Pêlê-Mêle von Helmen, Geschrei, Säbeln, stürmischen Sätzen der Pferde unter Kanonendonner und Fanfaren, ein geordneter und schrecklicher Tumult und darüber die Kuirasse wie die Schuppen der Hydra.

Es klingt wie eine Erzählung aus einem anderen Zeitalter. Etwas Aehnliches zeigte sich wohl in den alten Epopeen, die von den Pferdemenschen erzählten, jenen Titanen mit Menschengesicht und Pferdeleib, die im Galopp den Olymp erstiegen, grauenhaft, unverwundbar, erhaben; halb Götter halb Thiere.

Seltsames numerisches Zusammentreffen! Sechsundzwanzig Bataillone gingen sechsundzwanzig Schwadronen entgegen. Hinter dem Kamme des Plateau's, im Schatten einer maskirten Batterie, wartete die englische in dreizehn Carrés zu zwei Bataillonen formirte Infanterie in zwei Reihen, sieben auf der einen, sechs auf der zweiten, mit angelegtem Gewehr schußfertig auf das, was da kommen sollte, ruhig, stumm, unbeweglich. Sie sah die Cuirassire nicht, diese sahen sie nicht. Sie hörte nur die Menschenflut emporsteigen Sie hörte das stärker und stärker werdende Schnauben von dreitausend Pferden, den abwechselnden regelmäßigen Tritt der Hufe im Trabe, das Rasseln der Kuirasse, das Klappern der Säbel, wie eine Art gewaltigen nahenden Sturmes. Es herrschte eine schauerliche Stille; dann erschien plötzlich eine lange Reihe gehobener Arme, Säbel schwingend über dem Kamm, darauf die Helme, die Trompeten und Standarten und dreitausend Köpfe mit grauen Schurrbärten, die riefen: »Es lebe der Kaiser.« Diese ganze Cavallerie betrat das Plateau; es war wie der Anfang eines Erdbebens.

Mit einem Male – tragisches Ereigniß! – bäumte sich plötzlich auf dem linken Flügel der Engländer, auf dem rechten der Franzosen, mit entsetzlichem Lärmen die Spitze der Colonne der Cuirassire. Als die Cuirassire in unbändigster Wuth auf der höchsten Spitze des Kammes angelangt waren, bemerkten sie plötzlich, daß zwischen ihnen und den Engländern ein gewaltigen Graben lag. Das war der Hohlweg von Ohain.

Der Augenblick war furchtbar. Die Schlucht war da, unerwartet senkrecht gähnend, zwei Toisen tief, unmittelbar unter den Füßen der Pferde; die zweite Reihe drängte die erste, die dritte die zweite; die Pferde bäumten sich, warfen sich zurück, warfen die Reiter ab, traten sie mit Hufen. Es war unmöglich umzukehren oder zurückzuweichen, die ganze Colonne war wie ein Wurfgeschoß, dessen Kraft und Gewalt sich jetzt statt auf die Engländer auf die Franzosen stürzte. Die unerbittliche Schlucht mußte ausgefüllt werden, sonst war sie nicht zu passiren. Im grausamen Durcheinander stürzten Reiter und Pferde, sich schrecklich über einander tummelnd, hinein. Als der Graben mit lebenden Menschen und Pferden ausgefüllt war, gings hinüber. Beinahe ein Drittel der Brigade Dubois stürzte in den Abgrund.

Von da an beginnt der Verlust der Schlacht.

Einer örtlichen Tradition zufolge, welche jedoch jedenfalls übertreibt, wurden in diesem Hohlwege von Ohain zweitausend Pferde und fünfzehnhundert Mann begraben. Wahrscheinlich sind unter dieser Zahl auch alle diejenigen Leichname mit inbegriffen, welche man den Tag nach der Schlacht in den Hohlweg warf.

Napoleon hatte zwar, ehe er den Cuirassieren Milhauds jenen Befehl gegeben, das Terrain untersuchen lassen. Es war aber kein Hohlweg, auch nicht einmal die unbedeutendste Terrainfalte bemerkt worden. Durch die kleine weiße Kapelle, welche an der Biegung der Chaussee nach Nivelles steht, aufmerksam gemacht, hatte er, wahrscheinlich weil er hier ein Hinderniß vermuthete, seinen Führer Lacoste allerdings hierüber befragt. Derselbe hatte aber seine Frage verneint. Man könnte beinahe behaupten, daß mit jenem verneinenden Kopfschütteln eines Bauern die Katastrophe Napoleons begonnen habe.

Andere verhängnißvolle Ereignisse kamen dazu.

Und es war auch gar nicht möglich, daß Napoleon diese Schlacht gewinnen konnte. Warum nicht? Weil Wellington oder Blücher ihm gegenüber stand? Nein; – weil es Gott nicht wollte.

Es stand in dem Gesetz des neunzehnten Jahrhunderts nicht geschrieben, daß Napoleon der Sieger von Waterloo sein sollte. Eine andere Reihe von Thatsachen bereitete sich vor, in welcher Napoleon keinen Platz mehr hatte. Es war Zeit, daß dieser riesenhafte Mann fiel. Das ungeheure Gewicht desselben in der Schale des menschlichen Geschicks störte das Gleichgewicht. Wenn sich auf die Dauer alles Blut und alle Lebenskraft der menschlichen Civilisation in diesem Kopfe eines einzigen Individuums gesammelt hätte, so mußte dies tödtlich werden. Wahrscheinlich fingen die Prinzipien und Elemente, von denen die Regelmäßigkeit der Bewegungen sowohl in der moralischen, wie materiellen Weltordnung abhängen, zu leiden an. Das rauchende Blut so vieler getödteter Menschen, die überfüllten Kirchhöfe, die weinenden Mütter – das sind fürchterliche Ankläger. Wenn die Erde unter einer Ueberlast duldet, so hört der Abgrund geheimnißvolles Gestöhn des Schattens.

Napoleon war angeklagt, sein Untergang war beschlossen.

Er war Gott unbequem.

Waterloo ist keine Schlacht, es ist die Veränderung des Aussehens des Universums.

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