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Die Millionenbraut. Vierter Band

Adolf Mützelburg: Die Millionenbraut. Vierter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorDumas-Mützelburg
titleDie Millionenbraut. Vierter Band
publisherVerlag von Gyldahl & Hansen
year1914
correctorreuters@abc.de
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Die Entführung

Als der Wagen, in dem Eliza saß, auf Ralphs Geheiß davonfuhr, wußte Eliza sogleich, worum es sich handele. Sie hatte, sobald sie Ralph an diesem Tage sah, etwas Unruhiges, Wildes, Aufregendes in seinen Blicken bemerkt, das auf einen unheimlichen Anschlag hindeutete. Durch ihres Vaters und Don Alfonsos Anwesenheit war sie jedoch beruhigt gewesen. Jetzt wußte sie, daß der Plan des Verräters gelungen sei, daß er sie von ihren Eltern, ihren Freunden getrennt habe.

Aber was weiter?

Ein junges Mädchen, das dem Treiben der Welt ferngeblieben ist, kann nicht ahnen, was in der Seele eines Menschen wie Ralph vorgeht. Sie kann unbestimmte Ideen über Gewalttätigkeiten eines Verschmähten haben, der sich rächen will; aber sie wird sich keine Vorstellung von dem Abgrunde von Schlechtigkeit machen können, den das Herz eines Mannes, wie Ralph es war, birgt. Auch wußte sie ja nicht, daß er Richards Mörder sei. Eliza blieb deshalb ganz ruhig auf ihrem Platze und versuchte ihre Gedanken zu sammeln, versuchte zu überlegen, was zu tun sei. Dabei dachte sie mehr an das Schicksal ihrer zurückgebliebenen Eltern, als an sich selbst. Sie vermutete, daß Ralph nur eine Gelegenheit benutzen wolle, um ihr seine Liebesanträge zu erneuern und um nun einen Zwang auf sie auszuüben. Sie fühlte das Peinliche ihrer Lage; aber sie war zu rein, zu großdenkend, um die volle Wahrheit zu ahnen. Sie glaubte, daß Ruhe und Sicherheit allein hinreichen würden, um Ralph in den Schranken zu halten, die nach ihrer Ansicht ein Mann niemals gegenüber einem jungen Mädchen überschreiten darf.

Ralph war im Innern verwundert über Elizas Ruhe. Er hatte heftiges Widerstreben erwartet, Hilferufe, Geschrei. Um so besser für ihn! Denn jede Minute entfernte er sich weiter von denen, die er zu fürchten hatte, von den Beschützern Elizas.

»Ich habe die Gelegenheit ergreifen müssen, Miß Eliza,« sagte er, »um Sie vor Unannehmlichkeiten zu schützen. Man hätte uns nicht abfahren lassen, wenn Don Alfonso bei uns geblieben wäre.«

»Wieso?« fragte Eliza kurz.

»Don Alfonso hatte einen Ehrenhandel gehabt, dem er sich entziehen wollte, ich weiß nicht, aus welchen Gründen. Ich will damit nichts Ehrenrühriges für Don Alfonso sagen, denn ich kenne den Sachverhalt zu wenig. Genug, jene Männer waren gekommen, um Satisfaktion von Don Alfonso oder eine Erklärung zu fordern, und da sie ihn zufällig fahren sahen, so folgten sie ihm nach. Man erklärte mir, daß man Don Alfonso nicht weiterfahren lassen werde, und um nicht Ihre eigene Sicherheit zu gefährden, mußte ich Don Alfonso seinem Schicksal überlassen, das gewiß nicht schlimm sein wird, wenn er die verlangte Erklärung gibt. Ihr Herr Vater kennt übrigens den Ort, an dem wir uns treffen wollen, und wird uns ohne Zweifel bald dort aufsuchen.«

»Wenn er nun aber in Neuyork aufgehalten wird und selbst verwundet ist!« rief Eliza.

»So steht es uns immer frei, namentlich sobald der Aufruhr unterdrückt ist, nach Neuyork zurückzukehren,« erwiderte Ralph.

»Und inzwischen?« fragte Eliza ruhig.

»Inzwischen genießen wir ein wenig frische Luft auf irgendeinem Landsitz,« antwortete Ralph lächelnd.

Dieses Lächeln hatte einen sehr unangenehmen Ausdruck.

»Sie scheinen sich einen schlechten Scherz zu machen, Herr Kapitän!« sagte Eliza. »Mein Platz ist bei meinen Eltern. Ich teile ihr Schicksal, wie es auch sein möge. Ihre Erzählung von Don Alfonso klingt etwas märchenhaft. Aber wenn sie auch wahr wäre, so wüßte ich keinen Grund, weshalb wir ihn so eilig und ohne jede Benachrichtigung verlassen haben. Lassen Sie den Wagen umkehren und fahren wir nach dem Platze zurück. Entweder sind meine Eltern dort, oder wir suchen sie in der Stadt auf.«

»Ihre Eltern sind vielleicht dicht hinter uns!« sagte Ralph.

»Gut, so warten wir!« rief Eliza, und sie klopfte scharf an die Scheibe des Fensters, das den Kutschersitz von dem Innern des Wagens trennte.

Der Kutscher sah sich um, aber Ralph winkte ihm, weiterzufahren, und er kehrte sich nicht an Elizas Klopfen, bis sie einen so scharfen Schlag gegen die Scheibe führte, daß sie klirrend zersprang.

»Halten Sie, ich befehle es Ihnen!« rief Eliza.

Der Kutscher lachte und fuhr weiter. Aber in demselben Augenblick schon hatte Eliza einen kleinen Taschenrevolver aus einem Täschchen gezogen, das sie am linken Arm trug. Sie hatte ihn für alle Fälle mitgenommen, weniger um ihn im Ernst zu gebrauchen, als vielleicht einen Uebermütigen damit zu necken.

»Wollen Sie halten?« rief Eliza. »Bei Gott, Sie zwingen mich zum äußersten! Der Wagen ist von meinem Vater gemietet, und der Herr neben mir hat kein Recht, Ihnen Befehle zu geben!«

Ralph war nicht wenig erstaunt über diesen ganz unerwarteten Beweis von Kühnheit, und der Kutscher zog unwillkürlich die Zügel an, als er den Revolver dicht an seinem Ohre bemerkte, und brachte die Pferde zum Stehen. Elizas Augen hatten – wie er trotz des dichten Schleiers bemerken konnte – einen Ausdruck, der ihm Furcht einflößte.

»Wenn es so gemeint ist,« sagte er, »so halte ich. Nehmen Sie das Ding weg, Miß; es kitzelt.«

Ralph zwang sich zu einem Lachen.

»Aber was tun Sie denn, Miß Eliza?« rief er. »Wenn Sie durchaus nicht weiter wollen, so kehren wir natürlich um. Sie wären imstande gewesen, einen Kutscher zu erschießen, der den besten Willen von der Welt hat, uns zu retten. Kehren Sie um, Kutscher, zurück nach Pouvly-Square!«

Der Kutscher wandte die Pferde. Dabei machte ihm Ralph einige Zeichen; er nickte, er hatte verstanden.

Eliza war glühend rot geworden. Sie fühlte zu fein, um nicht zu erraten, daß sie zu weit gegangen war, falls Ralph wirklich nichts Böses im Schilde führte. Daß sie etwas getan hatte, was über die Grenzen der Weiblichkeit hinausging, sobald es nicht durch den alleräußersten Notfall geboten wurde. Ralph bemerkte es wohl und erkannte seinen Vorteil.

»Sie hätten beinahe ein Unglück angerichtet, Miß Eliza,« sagte er. »Ist denn das kleine Ding, das so harmlos aussieht, wirklich geladen? Zeigen Sie her, – eine allerliebste Konstruktion.«

Eliza zögerte, den Revolver aus der Hand zu geben; aber Ralph hatte so scharf zugefaßt, daß sie es auf einen Kampf hätte ankommen lassen müssen, um ihm die Waffe zu entreißen, und so überließ sie ihm den Revolver.

Er besah ihn genau, lobte seine Zierlichkeit und schoß dann lachend einen Lauf nach dem andern aus dem offenstehenden Fenster des Wagens hinaus.

»Wirklich geladen! Bedenken Sie, welch gewagtes Spiel!« sagte er, als er ihr die Waffe zurückgab. »So, nun stecken Sie das kleine Ding ruhig wieder in ihr Täschchen; jetzt kann es niemand schaden.«

Noch glühten Elizas Wangen. Es war das erste Mal, daß der ihr gleichgültige, ja widerwärtige Mensch sie in Verwirrung gesetzt hatte; sie hoffte, es solle nicht wieder geschehen.

»Haben Sie noch mehr derartige Spielzeuge?« fragte Ralph.

»Nein.«

»Nun gut,« sagte Ralph, einen Blick aus dem Fenster werfend – sie fuhren jetzt über freies Feld – »dann kann ich vernünftig mit Ihnen sprechen, Miß Eliza. Wir kehren nicht nach Pouvly-Square zurück, was Sie auch tun mögen. Ich weiß am besten, wie ich für Ihre Sicherheit zu sorgen habe. Fügen Sie sich ohne Widerstreben meinen Anordnungen. Sie würden sich durch Wiederholung ähnlicher Szenen, wie vorher, nur lächerlich machen und später doch erkennen, daß ich es gut mit Ihnen gemeint habe.«

»Was soll das heißen?« fragte Eliza, plötzlich erbleichend. Denn sie begriff, daß sie vielleicht eine große Torheit begangen hatte, als sie ihre Waffe abgab.

»Ich habe meinen Plan mit Ihrem Vater verabredet und werde ihn ausführen, ohne mich durch das Mißtrauen, das Sie mir entgegensetzen, stören zu lassen,« sagte Ralph kurz und bestimmt. »Auch die besten und liebenswürdigsten Frauen haben Launen, auf die ein Mann nicht immer eingehen kann, wenn es sich um ernste Dinge handelt. Ihr Vater hat mir den Auftrag gegeben, Sie nach einem bestimmten Orte zu führen, gleichviel, was auch geschehen möge. Ich finde es sehr natürlich, daß ihm gerade Ihre Sicherheit am Herzen liegt, denn der Pöbel von Neuyork nimmt keine Rücksichten. Ich habe Ihrem Vater gelobt, Sie auf jeden Fall nach Ellering-House zu führen, und ich werde mein Wort halten.«

»Ellering-House? Was ist das?« fragte Eliza. »Ich habe den Namen nie gehört.«

»Es ist das Landhaus eines früheren Kontoristen des Mr. Everett,« antwortete Ralph. »Das Haus liegt einsam in einer sehr schönen, ruhigen Gegend, und Sie werden dort sehr gut aufgehoben sein, bis entweder Mr. Büchting Sie abholt oder mir den Auftrag gibt, Sie zu ihm zurückzuführen. Möglicherweise trifft auch Mr. Büchting zugleich mit uns ein, sonst wird er bald nach uns dort sein. Ich kann nicht glauben, daß ihn ein ernstliches Hindernis zurückgehalten hat. Es wird ihm nicht möglich gewesen sein, durch das Gedränge hindurch zu kommen – weiter nichts.«

»So fahren wir also nicht nach Pouvly-Square zurück?« fragte Eliza.

»Nein! Wir fahren nach einer kleinen Eisenbahnstation, von der aus wir Ellering-House bald erreichen werden!«

»Und Sie sollen mir als Gesellschaft dienen, bis mein Vater mich abholt?« fragte Eliza.

»Ja, Miß Büchting – eine Aufgabe, die ich so gut zu erfüllen versuchen werde, als Sie es mir erlauben.«

Eliza konnte nicht glauben, daß das die Wahrheit sei. Weshalb hatte ihr denn ihr Vater nichts von diesem Ellering-House gesagt, als er zu ihnen kam, um ihnen mitzuteilen, daß Kapitän Pettow gekommen sei und ihre schnelle Entfernung aus Neuyork für notwendig halte? Er hatte überhaupt den ganzen Plan nicht erwähnt! Es war nur davon die Rede gewesen, schnell die Stadt zu verlassen. Seitdem hatte Kapitän Pettow nicht mehr allein mit dem Vater gesprochen. Ferner die Trennung von Alfonso, deren Ursache gar zu abenteuerlich erschien! Was wollte dieser Mann nur von ihr? – Weshalb führte er sie im Lande herum? War er töricht oder hochmütig genug, zu glauben, daß eine Spazierfahrt von wenigen Stunden genügen werde, ihm ihr Herz geneigt zu machen, die doch erst vor wenigen Wochen noch seinen Antrag mit kühlem Dank abgelehnt hatte? Sie erwog die Möglichkeiten bei sich und war entschlossen, mit ganzer Energie zu handeln, falls ihr irgend etwas verdächtig erscheine.

»Haben Sie bereits von einem wunderbaren Gerücht gehört?« fragte Ralph dann, nachdem er die Erlaubnis erbeten hatte, eine Zigarre rauchen zu dürfen – während der Kutscher immer noch die Pferde im schärfsten Trapp auf der gut chaussierten Straße hinfliegen ließ.

»Welches Gerücht?« fragte Eliza.

»Nun, daß Richard Everett irgendwo wieder aufgetaucht sein soll?« fragte Ralph.

Er beobachtete sie dabei genau, konnte aber wegen des Schleiers nichts sehen, als daß Eliza gespannt die Blicke auf ihn gerichtet hielt.

»Mein Vater hat mir vor einiger Zeit ähnliches angedeutet, jedoch in unbestimmter Weise,« antwortete sie. »Weiter weiß ich nichts.«

»Es liegt, wie es scheint, ein ganz eigentümliches Dunkel auf dieser Angelegenheit,« sagte Ralph. »Ich glaube nicht recht daran. Doch, wie gesagt, man spricht davon. Richard soll verschwunden sein, weil er eine Unterschleife gemacht hatte, und soll nun nicht eher zum Vorschein kommen wollen, als bis ihm Mr. Everett verziehen hat.«

»Das ist eine Lüge!« sagte Eliza verächtlich.

»Ganz meine Ansicht,« bestätigte Ralph. »Indessen, verehrteste Miß Eliza, ein Geheimnis umgibt dieses Verschwinden jedenfalls. Was in aller Welt kann einen Mann wie Richard, wenn er nicht tot wäre, länger als zwei Jahre von Neuyork, von Ihnen ferngehalten haben, ohne daß er eine Nachricht gegeben hat?«

»Das weiß ich nicht, aber gewiß nichts Unehrenhaftes!« antwortete Eliza.

»Dasselbe sagte auch ich,« fuhr Ralph fort. »Aber im Klub lachte man mich aus. Man glaubte dort, daß Geldangelegenheiten die Ursache seines Verschwindens gewesen seien. Mit Mr. Everett habe ich noch nicht davon sprechen wollen. Er war in der letzten Zeit sehr ernst und gedrückt.«

»Ich fand das Gegenteil,« sagte Eliza.

»Nun ja – zuweilen sah er heiter aus – wer freut sich nicht über den verlorenen Sohn, der zurückkehrt...«

»Sprechen wir nicht davon!« unterbrach ihn Eliza fast heftig. »Wenn Sie je Richards Freund gewesen sind, sollten Sie sich schämen, solche Verleumdungen zu glauben. Wenn er zurückkehrt – was Gott geben möge! – so wird er alle, die derartige Gerüchte aussprengen, zur Rechenschaft ziehen.«

Der Wagen befand sich jetzt dicht an einer kleinen Eisenbahnstation, und man sah einen Zug von Neuyork her heranbrausen. Ralph gab dem Kutscher Geld und bat Eliza, den Wagen zu verlassen. Was sollte sie tun? Sie war nun einmal in seiner Macht und konnte nicht daran glauben, daß es auf eine Entführung, auf eine Gewalttat abgesehen sei. Immer noch überzeugt, daß Ralph nur die günstige Gelegenheit benutzen wolle, um ihr seine Liebe aufzudringen, sich ihr angenehm und nützlich zu machen, verließ sie den Wagen. Der Zug hielt nur eine Minute auf der kleinen Station. Ralph drängte Eliza in ein Coupé und folgte nach. Zum Glück für Eliza war das Coupé nicht leer, wie es anfangs schien. Es saß eine Dame mit zwei Kindern darin. Eliza war also davor sicher, von Ralph nicht mit Liebesbeteuerungen belästigt zu werden.

Auf der nächsten Station hielt der Zug einige Minuten. Ralph benutzte sie, um eine Depesche aufzugeben, wie er Eliza sagte, an ihren Vater und Mr. Everett.

»Wie weit haben wir zu fahren?« fragte Eliza.

»Das weiß ich in der Tat nicht,« antwortete Ralph. »Ich war nie in Ellering-House. Ihr Vater nannte mir den Ort und sagte mir, wie ich ihn zu erreichen habe. Vielleicht vier bis fünf Stunden. Ich kenne natürlich die Station, an der wir aussteigen müssen.«

Eliza legte den Kopf in die Ecke und schloß die Augen. Sie tat es, teils um dem Gespräch mit Ralph zu entgehen, teils um ihre Gedanken ein wenig zu ordnen. Denn sie fühlte sich abgespannt und auch ein wenig ermüdet. Es war sehr heiß geworden. Sie schlug den dichten Schleier zurück und später glitt auch ihr leichter Sommermantel von ihren Schultern. Da sie mit den Eltern in eiliger Flucht das Haus verlassen hatte, so trug sie nur ein leichtes, einfaches Sommerkleid, das bis zum Halse geschlossen war, aber es ließ ihre schlanken, schönen und regelmäßigen Formen klar und bestimmt hervortreten. Ralph beobachtete sie ruhig; um seine Lippen spielte ein Zug, der Eliza erschreckt hätte, wenn sie ihn bemerkt hätte. Dann legte auch er sich zurück und schlief entweder wirklich ein, oder tat wenigstens als ob er schliefe.

Eliza wollte ihn nicht wecken. Auf einer Station ließ sie sich ein leichtes Gebäck und ein Glas Wein reichen, denn sie hatte außer ihrem Morgenkaffee nichts genossen. Dann wurde sie besorgt, ob Ralph nicht zu lange schlafen würde, sodaß sie die Station darüber versäumen könnten. Sie benutzte einen Augenblick, als Ralph eine Bewegung machte, um ihn zu fragen, wie die Station heiße.

»Blotty Hill,« murmelte er schlaftrunken.

Auf der nächsten Station fragte Eliza einen Eisenbahnbeamten, ob dies etwa Blotty-Hill sei. Der Beamte lächelte und sagte, das sei noch weit. Hatte sich Ralph getäuscht? Der alte Verdacht stieg wieder in ihr auf. Sie hatte genügend Geld bei sich. Wie wenn sie auf irgendeiner Station ausstiege, nach Neuyork telegraphierte und Ralph weiterfahren ließe? Aber während sie noch überlegte, erwachte Ralph.

Sie teilte ihm mit, daß ihr der Eisenbahnbeamte gesagt, Blotty-Hill sei noch weit.

»Was haben wir mit Blotty-Hill zu tun?« fragte Ralph verwundert.

»Nun, es ist die Station, auf der wir aussteigen wollten,« antwortete Eliza.

»Ich muß im Traum gesprochen haben!« rief dieser. »Die Station heißt Bunkers-Hill. Blotty-Hill ist ja viel weiter entfernt.«

Er sah nach der Uhr.

»Wir müssen an Bunkers-Hill vorüber sein!« rief er. »Und ich hatte dem Tölpel von Kondukteur gesagt, er solle mich an der Station wecken, wenn ich schliefe. Goddam – geht denn heut alles verkehrt?«

Er spielte seine Rolle so gut, daß Eliza wieder einiges Vertrauen zu fassen begann. Natürlich wollte er nun auf der nächsten Station aussteigen. Aber dann mußte man warten, bis ein Zug vom Westen kam. In der Tat zeigte es sich auf der nächsten Station, daß sie eine Station über Bunkers-Hill hinaus waren, und zwar eine sehr lange Strecke von über einer Stunde. Sie stiegen aus.

Die Station bestand nur aus einem kleinen Wartesaal und einigen Maschinengebäuden. Die eigentliche Stadt, zu der sie gehörte, lag einige Meilen südlich. Ralph erkundigte sich, wann der nächste Zug vom Westen käme, der sie mitnehmen könne. – Um neun Uhr abends! lautete die Antwort. – Das war wenig tröstlich. Sollte man in der Nacht nach Ellering-House gehen oder fahren? Ralph wußte nicht einmal, wie weit die Besitzung von der Station entfernt sei. Er murmelte Verwünschungen zwischen den Zähnen. Fast schien es, als sei er verdrießlich über die Last, die er sich aufgeladen hatte. Eliza befand sich in der peinlichsten Lage von der Welt. War sie dem Manne, den sie verabscheute, noch etwa gar zu Danke verpflichtet?

Ralph verlangte etwas zu essen und zu trinken. Es gab wenig auf der Station, etwas Brot, etwas kaltes Fleisch und weder Bier noch Wein, nur Brandy. Ralph sprach dem Brandy stark zu, ohne daß es Eliza sah, und schien äußerst verstimmt.

Eliza hatte sich unter einen schattigen Baum gesetzt und sah auf die weiten Felder hinaus. Nie hätte sie geglaubt, daß sie jemals mit Ralph allein, nur seinem Schutze anvertraut, hier in dieser Einsamkeit sitzen würde!

Sie rief ein kleines Mädchen, die Tochter des Stationswärters, zu sich und plauderte mit dem Kinde in ihrer freundlichen Art. Ralph hatte sich auf eine Bank ausgestreckt. Es schien wirklich, als wollte er Eliza fühlen lassen, daß sie ihm viel Mühe und Langeweile mache. Freilich war der Julitag entsetzlich heiß. Die Luft schien zu flimmern, die Erde war wie versengt. Eliza schätzte sich glücklich, als das kleine Mädchen ihr aus einer ziemlich entfernten Quelle ein Glas frisches Wasser holte.

So vergingen ein, zwei Stunden. Dann kam Ralph und setzte sich zu Eliza. Er meinte, es sei wohl möglich, daß sie Mr. Büchting mit den anderen schon in Bunkers-Hill träfen, denn gewiß werde er dort bleiben, wenn er erfahren habe, daß noch niemand angekommen sei, der nach Ellering-House wolle. Möglich auch, daß er erst morgen komme. Ralph tat jetzt wieder freundlicher und legte zuweilen Zärtlichkeit und Teilnahme in seine Stimme. Aber es blieb etwas Lauerndes und zugleich Triumphierendes in seinen Mienen, das Eliza unablässig beschäftigte, da sie sich diesen Ausdruck nicht erklären konnte.

So kam endlich der Zug vom Westen, ein langsamer Personenzug, der anderthalb Stunden gebrauchte, bis er nach Bunkers-Hill gelangte. Hier war ebenfalls nur eine ganze kleine Station, ein Wärterhäuschen, ein kleines Gebäude zum Warten für Passagiere aus der Umgegend und einige Häuser für Maschinen. Wenige Lampen erhellten den öden Raum.

Ralph fragte sogleich, ob Passagiere ausgestiegen seien. Nein. Dann ging er in das Wärterhäuschen, das zugleich als Telegraphenstation diente. Dort war eine Depesche für ihn angekommen. Sie lautete:

»Der Alte schwer verwundet – Richard lebt. Hat mir mit dem Missionar das Mädchen abgejagt. Wünsche mehr Glück. Laß von Dir hören.«

Es war Booth, der antwortete, denn an ihn hatte Ralph von der ersten Station aus die Depesche gerichtet.

Ralph kehrte zu Eliza zurück und sagte ihr, er habe eine Depesche von Mr. Everett. Mr. Büchting sei aufgehalten, werde aber morgen oder übermorgen kommen. Richard sei da!

Eliza fühlte sich wieder ruhiger. Sie war überzeugt, Richard werde mit ihrem Vater zusammen kommen. Nun aber handele es sich darum, wo man die Nacht bleiben solle. Ralph sprach mit dem Manne, der das kleine Passagiergebäude bewohnte. Es gab dort keinen anderen Aufenthalt als das allgemeine Gastzimmer. Sie mußten auf Stühlen die Nacht zubringen. Am anderen Morgen ließen sich Pferde aus einem benachbarten Ort schaffen. Ellering-House sei ungefähr drei Stunden entfernt, sagte Ralph. Natürlich hatte er nicht nach dem Orte gefragt, denn es gab keinen Ort dieses Namens, wenigstens keinen, den Ralph kannte.

So setzte sich denn Eliza in eine Ecke. Sie hatte die Bemühungen Ralphs, ihr einen bequemen Sitz zu bereiten, abgelehnt; sie versuchte zu schlafen. Es gelang ihr auch, wenigstens auf kurze Zeit. Ralph schlief fest. Aber schon vor Tagesanbruch war er auf. Die Namen Dantes und Richard spornten ihn zur Eile an. Wenn ein Zufall den Weg verriet, den er genommen, so mußten ihm diese beiden, die abermals dem Anschlag, den er gegen sie entworfen, entgangen waren, bald auf den Fersen sein. Zwei Pferde erschienen; Ralph sagte, er habe sie gemietet. Aber sie waren gekauft. Das eine hatte einen schlechten Damensattel, denn in jenen Gegenden reiten die Frauen oft, nicht zum Vergnügen, sondern aus Notwendigkeit. So brachen sie denn auf. Den Weg nach Ellering-House konnten sie, wie Ralph von dem Bahnhofsbeamten erfahren haben wollte, gar nicht verfehlen.

Der Morgen war schön und frisch. Ein weiter Wald dehnte sich vor den beiden aus. Sie ritten hinein. Eliza sehnte sich nach einem stillen Stübchen und nach Ruhe. Sie war sehr ermüdet, mehr geistig als körperlich. Das fortwährende Grübeln und Nachdenken hatte sie angestrengt. Ralph ritt schweigend neben ihr. Sein Gesicht war finster. Eliza mußte nun bald erfahren, daß er sie getäuscht habe. Der Gedanke, wie sie es aufnehmen, was sie tun würde, beschäftigte ihn lebhaft. Ralph empfand eine gewisse Beklemmung, wenn er sich vorstellte, wie Eliza ihn anblicken werde. Dazu kam, daß er sich entsetzlich nüchtern fühlte. Der Brandy von der Station Bunkers-Hill war ausgegangen. Dieser Stachel fehlte ihm also heute.

Als sei er des Weges ganz sicher, ritt Ralph immer tiefer in den Wald hinein. Nach ungefähr drei Stunden fragte Eliza, wo Ellering-House liege. Ralph beschrieb ihr nun auch genau den Weg und sagte, er sei ganz richtig geritten, sie müßten bald dort sein. Aber noch eine Stunde verging. Sie gelangten an eine Dorfschaft. Unter dem Vorwande, sich zu erkundigen, ging Ralph in das Gasthaus und versah sich dort mit Lebensmitteln und Brandy.

»Wir sind nur eine halbe Stunde von Ellering-House entfernt!« rief Ralph freudig, als er aus dem Gasthof kam. »Nun vorwärts! Es ist alles in Ordnung.«

Sie ritten wieder in den Wald hinein. Es war nur eine Art Fußpfad, den Ralph gewählt, und er führte sie in ein dichtes Gehölz, zwischen Felsenklippen. Ralph kannte die Gegend. Er hatte hier zuweilen mit einem Bekannten, der in der Nähe wohnte, gejagt. Es war ein düsterer, unheimlicher Ort. Schwarztannen überragten das Gestein; man sah keinen Weg. Im Laube raschelte es wie von Schlangen oder Wild. Kaum drang ein Sonnenstrahl hier und dort durch die schweren und breiten Tannenzweige.

»Lassen Sie uns einen Augenblick hier halten!« rief Ralph. »Mir ist unwohl. Ich bin noch ganz nüchtern. Es geht im Augenblick vorüber. Auch muß Ellering-House ganz in der Nähe sein, wenn wir uns nicht wieder verirrt haben, was in diesen verdammten Wäldern leichter ist als ich glaubte.«

Er hatte in der Tat eine Anwandlung von Schwäche. Es war ein entscheidender Augenblick für ihn. Aber er ermannte sich bald. Eliza hielt ruhig auf ihrem Pferde und blickte auf eine große Pflanze mit gelbroten Blättern, die sie nicht kannte. Plötzlich sah sie Ralph dicht neben sich. Seine Augen funkelten, sein Gesicht war bleich, aber entschlossen.

»Eliza,« sagte er, »ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen. Ihr Vater wird uns nicht folgen und es gibt kein Ellering-House. Aber es gibt überall ein Haus für uns, wenn Sie es mit mir teilen wollen.«

Eliza sah ihn groß an; ihre Augen erweiterten sich und ihr Blick nahm etwas Starres, Drohendes an, das ihm sonst ganz fremd war.

»Mein Vater folgt mir nicht?« fragte sie kalt und streng. »Weshalb nicht?«

»Weil er in Neuyork zurückbleiben muß, teure Eliza,« erwiderte Ralph.

»Und es gibt kein Ellering-House?« fragte Eliza weiter.

Er ertrug den Blick ihrer Augen, denn auch in ihm erwachte mit dem Kampfe selbst die alte Energie.

»Nein,« sagte er, »ich habe Sie aus Neuyork fortgelockt, um mir einen Schatz zu sichern, den ich mir rauben mußte, da man ihn mir nicht freiwillig geben wollte.«

Eliza trieb ihr Pferd an, zurück nach dem Dorfe, von dem sie gekommen. Sie hatte nur eine leichte Gerte in der Hand, die ihr Ralph in der Nähe der Station Bunkers-Hill von einem Gebüsch abgebrochen. Aber sie trieb das Pferd so gewaltig damit an, daß das kräftige und junge Tier sich in einen wilden Galopp setzte.

Der Ritt zwischen den dichtstehenden Bäumen und in dem starken Unterholz war lebensgefährlich. Aber Eliza saß so sicher auf dem Pferde, als gelte es einen Schulritt in der Manege. Ralph, der ihr im ersten Augenblick ganz verwirrt nachgeblickt und dann sein Pferd ebenfalls angespornt hatte, konnte sie nicht einholen. Aber bald ahnte er die Gefahr. Erreichte Eliza das Dorf, so war von der Energie des Mädchens zu erwarten, daß sie ihm offen die Stirn bieten und das ganze Dorf um Beistand anrufen werde. Das mußte er auf jeden Fall vereiteln. Sollte ihm sein Opfer gerade jetzt entfliehen? Wie rasend trieb er sein Pferd an. Und dennoch würde Eliza ihm entflohen sein, da auch sie die ganze Bedeutung dieses Augenblickes fühlte, wäre sie nicht durch einen breiten Graben aufgehalten worden, vor dem das Pferd scheute. Vergebens versuchte sie es zum Sprunge zu zwingen; das Pferd bockte und bäumte sich. Inzwischen war Ralph an ihrer Seite und fiel dem Pferde in den Zügel.

»Eliza!« rief er mit funkelnden Augen. »Glauben Sie nicht, daß Sie mir entgehen können! Es ist keine kindliche Liebe, wie sie jener Richard zu Ihnen gehegt, die mich Ihnen nachjagen läßt. Ich will, daß Sie die Meine werden, mein Leben ist mit diesem Willen verknüpft. Also seien Sie nicht töricht. Ehe ich Sie in die Arme eines anderen zurückkehren lasse, der nichts getan, um Sie zu verdienen – lieber töte ich Sie! Es ist mein Entschluß. Ich lasse Sie nicht von mir! Ergeben Sie sich in Ihr Geschick. Es ist unabänderlich!«

Sie klopfte ihrem noch etwas unruhigen Pferde auf den Nacken und blickte Ralph mit unsäglicher Verachtung an.

»Verräter, Lügner!« sagte sie. »Also das war Ihr Zweck! Nun –, so hören Sie denn meine Antwort. Nie, solange ich lebe, solange ein Funken von Bewußtsein in mir ist, wird meine Lippe ein anderes Wort als das des Abscheus für Sie haben. Ich bin in Ihrer Gewalt! Gut! Wir wollen sehen, was Ihnen das nützt! Führen Sie mich, wohin Sie wollen!«

»So kommen Sie!« sagte er; trotz seiner Wut zwang er sich zu lächeln.

Er behielt den Zügel ihres Pferdes in seiner Hand und lenkte dann die Pferde nach Süden zu. Eliza schien sehr ruhig. Ihre Wangen waren bleich, die Augenlider ein wenig gerötet. Sie befand sich unter dem Einfluß einer mächtigen Erregung, die sie über jede Furcht und Gefahr emporhob.

Allmählich ließ Ralph die Pferde traben. Der Wald war wunderschön, ein echter Hochwald. Eliza schien alle Schönheiten zu beachten, die er darbot. Und sie sah sie in der Tat, genoß sie sogar in gewissem Sinne. Sie war nun einig mit sich, sie war aus Ungewißheit und Zweifel heraus und hatte den Entschluß gefaßt – ohne alle Ueberlegung und vom ersten Augenblicke an – dem Elenden die Spitze zu bieten und, wenn es sein müßte, selbst mit ihm zu ringen, und ihn zu töten, wenn die Notwehr es verlange. Alles an ihr war aufgeregt. Aber es war ihr, als befinde sie sich ganz wohl, ganz ruhig. Nur wenn sie daran dachte, daß ihr Vater, ihre Mutter, Jeannette, Richard und Alfonso sich um sie ängstigten, ergriff es ihr Herz wie Krampf. Doch sie unterdrückte auch diese Empfindung.

Um die Mittagszeit machte Ralph mitten im Walde Halt und begann von den Mundvorräten, die er im Dorfe gekauft hatte, zu essen. Er bot Eliza davon an, und sie nahm und aß ruhig. Sie ängstigte sich am meisten vor körperlicher Schwäche, vor Unwohlsein, und dem wollte sie vorbeugen.

Ralph hatte gar nichts bis dahin gesprochen.

»Eliza!« sagte er jetzt. »Sie kennen meinen Willen. Er ist unerschütterlich. Machen Sie keinen Versuch zur Flucht. Ich habe eine Bescheinigung bei mir, daß ich beauftragt bin, einem Manne, dem sein Weib entflohen ist, die Frau zurückzubringen, und diese Frau sind natürlich Sie. Man wird Ihnen also nirgends glauben. Im übrigen hoffe ich, daß Sie sich bald willig in Ihr Los finden werden. Ich halte Sie für ein verständiges Mädchen. Sie wissen, daß einer großen Leidenschaft alles zu verzeihen ist, und nur eine große Leidenschaft kann mich zu einem so tollkühnen Schritt bewegt haben. Wir werden uns verstehen und lieben lernen, Eliza.«

Eliza sah ihn an. Der Ausdruck von Verachtung, der auf ihrem sonst ganz ruhigen Gesicht lag, war entsetzlich für Ralph. Es dämmerte eine Ahnung in ihm auf, daß er sie nie für sich gewinnen werde.

»Weiter!« rief er. »Sie sind albern wie jedes andere Weib! – Weiter!«

Und er ergriff wieder den Zügel von Elizas Pferd. Sie ritten durch den Wald, jetzt nach Westen. Ralph vermied jedes Dorf, selbst jede Farm, die er erblickte. Eliza behielt unabänderlich ihre äußerlich ruhige Haltung.

Gegen Abend machten sie eine zweite Rast und verzehrten den Rest der Speisen, die Ralph bei sich führte.

Als sie später an einem kleinen Häuschen vorüberkamen, fragte Eliza, ob ihr Ralph nicht erlaube, hineinzugehen, denn die Hütte scheine nur von wenigen Leuten bewohnt, sie wolle nur einiges an ihrem Kleide ausbessern.

»Ich begreife vollkommen, daß Sie den Wunsch haben, eine Viertelstunde zu ruhen,« sagte Ralph mit einem spöttischen Lächeln. »Werden Sie vernünftig und ich gewähre Ihnen jede Freiheit.«

Er fragte Kinder, die sich vor der Haustür befanden, nach den Bewohnern der Hütte. Die Eltern wären auf ein entferntes Feld gegangen, hieß es. Darauf erlaubte Ralph Eliza abzusteigen und hineinzugehen. Ein ungefähr zwölfjähriges Mädchen begleitete sie in die Hütte.

Als Miß Büchting herauskam, sah sie heiter und wohl aus. Sie hatte sich mit einem Trunke frischen Wassers erquickt und sich Augen, Stirn und Hände gekühlt. Als sei es selbstverständlich, schwang sie sich wieder auf das Pferd und fragte:

»Wohin?«

Ralph ritt weiter und pfiff ein Lied vor sich hin.

»Diese gemeinschaftliche Reise bringt ihre Unannehmlichkeiten mit sich,« begann Ralph unterwegs, »Es wäre besser, Miß Eliza, wir ließen uns bei dem ersten besten Friedensrichter trauen. Als Mann und Weib können wir reisen, wann und wie wir wollen.«

»Ich will es auch einmal als Miß Eliza versuchen,« antwortete Eliza gleichmütig. »Ich betrachte Sie als meinen Gefangenenwärter und als nichts weiter. Ich nehme deshalb keine Rücksicht auf Sie und tue, als ob Sie nicht vorhanden wären. Wir werden uns ja später nie wiedersehen und ich muß mich vor mir selbst mit der bitteren Notwendigkeit entschuldigen.«

»Eliza – Sie, ein so begabtes, hochdenkendes Weib – Sie wären unglücklich geworden mit diesem nüchternen Richard,« rief Ralph gereizt und leidenschaftlich. »Sie werden mich verstehen, mich lieben lernen. Wir sind für einander geschaffen. Ich verzeihe Ihnen gern eine Jugendliebe. Aber jetzt kann Ihre Neigung sich nur einem Manne zuwenden, der Sie wirklich verdient. Sie würden selbst staunen, wenn Sie Richard wiedersähen, wenn Ihnen die Augen aufgingen, wenn Sie entdeckten, daß er... Doch, ich will nicht davon reden.«

»Ich hoffe, mit Richard noch recht glücklich zu werden,« sagte Eliza, gleichsam zu sich selbst. »Was seine geistige Befähigung anbetrifft, so genügt sie mir vollkommen, da sie die meinige überragt. Vermutlich wird er auch in der Abwesenheit seine herrlichen Naturanlagen vervollkommnet haben. Und sein gutes Herz muß jeder lieben, der nicht schlecht ist.«

»O, Verblendung, Verblendung!« rief Ralph. »Nun, Sie werden es später einsehen lernen und mir dafür danken, daß ich Sie zu Ihrem Glück gezwungen, Eliza!«

»Nennen Sie mich Miß Büchting, wie es sich geziemt,« sagte Eliza stolz.

»Nein, ich nenne Dich wie ich will!« rief Ralph. »Du bist mein und bleibst mein.«

»Wenn Sie wahnsinnig sind, so hüten Sie sich!« sagte Eliza. »Ich werde Sie behandeln wie einen Wahnsinnigen.«

»Wir werden sehen!« murmelte Ralph, kaum mehr seiner mächtig. Wider seinen Willen fühlte er sich gedemütigt durch Elizas Trotz. Er hatte ihr geistig imponieren, sie durch seine Ueberlegenheit unterjochen wollen. Es gelang ihm nicht und seine Eitelkeit litt darunter. Hätte er einen größeren Triumph feiern können, als seine Gegnerin zu erobern und zur Liebe zu zwingen? Darauf durfte er kaum mehr hoffen. Es blieb ihm nur die rohe Gewalt, wie sie jeder Hinterwäldler, jeder Neger oder Indianer anwenden konnte. Und das wollte er nicht, das war ein letztes, verzweifeltes Mittel. Er wollte geliebt werden, wenn auch erst nach heißem Kampf. Von Frauenehre und Frauenadel hatte er keinen Begriff.

Es dämmerte, als sie an eine Eisenbahnstation gelangten. Ralph übergab einem der Wärter die Pferde mit der Bitte, sie irgendwo auf einige Tage einzustellen. Dann löste er, Eliza am Arme führend, die Billette, und zwar bis Cincinnati, eine sehr weit entfernte Station. Später kaufte er Lebensmittel und eine Flasche Rum.

»Wir müssen uns verproviantieren,« sagte er lachend. »Wer weiß, wo mich die Lust anwandelt, auszusteigen.«

Als der Zug kam, bat Ralph Eliza artig, in den Waggon zu steigen. Das junge Mädchen warf einen suchenden Blick über den Perron des Bahnhofs. War die Hoffnung in ihr aufgestiegen, es könne irgend ein Freund in der Nähe sein? Sie sah niemand.

Der Zug rollte fort. Es war ein Schnellzug, mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet, wie ihn amerikanische Bahnen gewähren, einem eigenen Waggon zum Schlafen und einem Toilettekupee. Eliza fühlte sich hier verhältnismäßig wohl. Sie schien jeden Gedanken an Flucht aufgegeben oder wenigstens verschoben zu haben. Ralph überwachte sie anscheinend nicht, hielt aber doch stets den Blick auf sie gerichtet, hatte auch mit den Kondukteuren gesprochen und sie wahrscheinlich auf seine Begleiterin aufmerksam gemacht.

So verstrich die Nacht und der andere Tag. Gegen Abend langten sie in Cincinnati an. Gesprochen hatten sie auf der Reise fast gar nicht. Beide lasen in Büchern, die sie sich auf einer Station gekauft hatten.

Als sie in Cincinnati anlangten, erkundigte sich Ralph sogleich, ob er nicht ein oder zwei Zimmer in einem benachbarten Hotel erhalten könne, und als man es bejahte, führte er Eliza in das Hotel. Er mochte sich selbst sagen, daß telegraphische Nachrichten nach allen Seiten ausgesendet seien, um ihn aufzuhalten. Indessen hier, an der Grenze von Kentucky und Ohio, war er bereits sicherer. Durch einen Ritt von wenigen Tagen konnte er Gebiete erreichen, die, wie er wußte, noch von Rebellentruppen besetzt waren, unter denen er also Freunde fand.

Er ließ Erfrischungen aller Art auf Elizas Zimmer bringen. Dann schloß er sie ein. Vom Fenster seines eigenen Zimmers aus beobachtete er die Umgebung des Hotels. Da er nichts Verdächtiges entdeckte, legte er sich schlafen und schlief länger, als er wollte, bis an den andern Morgen. Dann ließ er einen Kommissionär kommen und bestellte bei ihm einen Wagen und Pferde. Um neun Uhr morgens stand der Wagen vor der Türe. Er öffnete die Tür zu Elizas Zimmer und fragte, ob sie ihn begleiten wolle.

»Wohin?« fragte Eliza.

»Einige Meilen weit ins Land hinein,« antwortete Ralph. »Dann hat unsere Wanderung ein Ende.«

»Ueberlegen Sie sich, was Sie tun, Kapitän Pettow!« sagte Eliza. »Lassen Sie mich nach Neuyork zurückkehren. Aus meinem Munde werden Sie nie etwas anderes hören, als was ich Ihnen schon gesagt habe.«

»Jedes Wort Ihrer Lippen ist Musik für mich!« antwortete Ralph halb höhnisch, halb galant. »Kommen Sie!«

Als sie die Treppe hinabstiegen, sagte ihr Ralph in befehlendem Tone, sie möge ihren Schleier herablassen. Eliza tat es ohne Widerstreben.

Als sie in den Wagen stieg, den ein wüst aussehender Kutscher lenkte, bemerkte Ralph, daß Eliza ihre rechte Hand ein wenig erhob. Das fiel ihm auf und er blickte scharf nach allen Seiten aus. Er glaubte, sie habe irgend jemand ein Zeichen gegeben. Aber er sah nirgends ein bekanntes Gesicht. Nur fiel es ihm auf, daß ein Neger in der Uniform eines Freiwilligen zu Pferde folgte. Als er aber auch diesen später nicht mehr sah, schien er beruhigt. Seine Züge nahmen einen triumphierenden, zufriedenen Ausdruck an. Nicht lange mehr, und er traf auf Freunde, die er kannte, Verräter, die hier in Kentucky die Verbindung zwischen den Gesinnungsgenossen der Rebellen im Norden und den Südländern vermittelten.

Sie fuhren durch eine reizende Landschaft; Kentucky mit seinen bewaldeten Hügeln ist reich an Naturschönheiten. Ralph achtete nicht darauf; aber Eliza schien versenkt in das Anschauen der wechselnden Wald- und Gebirgsgruppen. Eine für Ralph unerklärliche und unverständliche Ruhe lag auf ihrem Gesicht.

Ralph konnte nicht wissen, daß spät am vergangenen Abend, als er bereits schlief und Eliza noch einmal ihr Fenster öffnete, ein Stein zu ihr ins Zimmer geflogen war, an den ein Zettel gebunden. Auf diesem Zettel stand:

»Seien Sie unbesorgt, Miß Büchting. Es sind Freunde in der Nähe. Aber wir müssen vorsichtig sein, da Ihr Begleiter zu jeder Tat fähig ist.

Justus.«

Justus war der schöne, starke Neger, der damals von der Stauntonschen Freischar mit nach Richmond geschleppt worden war und den Dantes befreit hatte. Eliza wußte, daß er ein Mann von Umsicht und vor allem der Familie Büchting treu wie ein Sohn ergeben war. Ein nicht zu verachtender Freund! Wahrscheinlich war Justus durch den Telegraphen von Neuyork aus benachrichtigt worden.

Mittags machten sie in einem Dorfe Rast, das halb verödet war. Hier in Kentucky, einem der sogenannten Grenzstaaten, hatte der Krieg entsetzlich gehaust, und Schlachten auf Schlachten waren geschlagen worden. Sie erhielten kaum die nötigen Lebensmittel für ein sehr einfaches Mittagsmahl und fuhren bald weiter. Ralph sprach mit dem Kutscher. Er schien ein Spion im Dienste der Rebellen zu sein, wenigstens kannte er genau die Stellung der einzelnen Rebellenkorps.

»Vielleicht begegnen wir dem alten Jackson,« sagte er. »Der rumort hier mit seinen Reitern in Kentucky herum.«

»Das wäre mir sehr recht!« sagte Ralph. »Dann hätte ich ein sicheres Geleit in den Süden hinein!«

»Nun, ich werde Sie schon sicher hinbringen,« sagte der Kutscher. »Ich kenne die Wege!«

Sie hatten eben eine Lichtung passiert und waren in den Wald eingefahren, da horchte Ralph auf, denn er glaubte den Hufschlag eines Pferdes hinter sich zu hören. Er blickte rückwärts und gewahrte den Neger, der jedoch mit seinem scharfen Auge die Bewegung Ralphs bemerkte und sogleich sein Pferd sich bäumen ließ und tat, als wolle er es zwingen, über einen Graben zu setzen. Die Entfernung war zu groß, als daß Ralph den Neger erkannt hätte. Doch verfinsterte sich sein Blick.

»Ich hoffe, Miß Büchting,« sagte er, »daß Sie begreifen, um was es sich handelt, falls wir verfolgt werden.«

»Nun, um was?« fragte Eliza.

»Um Ihr Leben!«

»Es ist ebenso sehr in Gefahr, wenn wir nicht verfolgt werden,« sagte Eliza.

»Sie wollen es also zum Aeußersten kommen lassen, ehe Sie meine Hand annehmen?« fragte Ralph.

»Ich glaube, Ihnen das schon vorgestern mit klaren Worten gesagt zu haben,« antwortete Eliza.

Er knirschte mit den Zähnen; er hätte ihr den Dolch ins Herz stoßen können. Wenn man ihn wirklich verfolgte, wenn sie ihm entrissen würde! Er blickte zurück, aber er sah den Reiter nicht mehr.

»Und wenn ich Gewalt brauche?« flüsterte er in Elizas Ohr, und sein Arm legte sich um ihre Schulter.

Aber blitzschnell fuhr er zurück. Ein großes breites Messer glänzte vor seinen Augen, eines von der Art, wie man sie in den Wohnungen der Farmer findet, ein scharfes, über einen Zoll breites Küchenmesser. Elizas abwehrende Bewegung war so entschieden gewesen, daß ihn das Messer an der Brust, wenn auch nur ganz leicht, verletzt hatte.

»Teufel!« rief er. »Fort mit dem Messer!«

»Seit wann haben Sie ein Recht, mir zu befehlen?« antwortete Eliza. »Sie tun, was Sie wollen, ohne mich zu fragen; ich tue, was ich will! Legen Sie nicht Hand an mich, denn zwischen Ihrer Hand und meinem Körper wird sich stets dieses Messer befinden!«

Ralph lachte laut auf. Er mußte lachen, denn sonst hätte er vor Wut aufgeschrien.

»Sie haben Courage, das ist wahr,« sagte er. »Ich achte den Mut. Sie werden vor mir sicher sein.«

Elizas Lippen krümmten sich ein wenig vor Verachtung, sie wußte, daß er sie nur in Sicherheit wiegen wollte.

»Halt!« rief in diesem Augenblicke eine tiefe, rauhe Stimme, und zwei Reiter mit Karabinern im Anschlag wurden hinter einem niedrigen Gebüsch sichtbar.

»Hurra! Das sind Jacksons Reiter!« rief der Kutscher.

Auch Ralph stieß einen freudigen Ruf aus. Diesen Jackson, den Führer einer kleinen Freischar der Rebellen, die mehr auf Raub als auf Kampf ausging, kannte er durch Staunton, mit dem Jackson sehr befreundet gewesen.

»Wo ist Euer Kapitän?« fragte er.

»Ein paar tausend Schritt hinter uns, hält Rast im Walde,« lautete die Antwort. »Haben Sie Papiere?«

Ralph zeigte einen Paß, natürlich keinen von den nordischen Behörden ausgestellten, sondern eine Freikarte, die ihm günstige Aufnahme bei allen Rebellen sicherte und die ihm schon damals in Providence gute Dienste geleistet.

»Wenn Sie ein paar Minuten gefahren sind, werden Sie schon das Lager sehen,« sagte die Schildwache.

Ralph setzte also seinen Weg fort, und nach einigen Minuten erreichte der Wagen eine Lichtung, auf der einige hundert Reiter sich gelagert hatten. Die Pferde weideten das frische Gras ab. Die Reiter hatten sich um große Feuer gelagert und kochten ihr Mittagbrot. Um den Wagen, der mitten im Wege hielt, kümmerte sich niemand.

Ralphs Auge erkannte bald den Kapitän. Er sprang vom Wagen und eilte auf ihn zu. Jackson, in seinem Wesen und im Aeußeren Staunton sehr ähnlich, nur etwas älter als jener, schien aufrichtig erfreut, einmal »einen guten Freund aus dem verdammten Norden« zu sehen, und lachte gewaltig, als Ralph ihm erzählte, welchen Streich er den Yankees in Neuyork und namentlich dem Abolitionisten Büchting gespielt habe. Jackson überlegte dann mit Ralph, wohin man die »Millionen-Braut« führen könne. Es mußte ein sicherer Ort sein, ein Ort, an welchem Ralph alles unternehmen konnte und Eliza im Falle der Not auch nicht einen einzigen Freund oder Helfer fand. Jackson schlug dazu eine Farm im Süden Kentuckys vor, auf der sich zurzeit der Farmer nicht befand, wohl aber die Frau des Farmers, eine frühere Geliebte Jacksons und vortrefflich zu einem Plane zu gebrauchen, wie ihn Ralph entworfen hatte. Da die Truppe nach Süden zog, so brauchte sich Ralph ihr nur anzuschließen, um jene Farm sicher zu erreichen.

Ralph fragte, was Jackson hier in der Gegend ausgeführt habe.

»Wenig genug,« antwortete der Freischaren-Führer. »Wir fanden die Nester, die wir besuchen wollten, meist schon ausgenommen. So ging's uns auch mit Mammouth-Cave. Wir hatten gehört, daß einige reiche Weiber aus Cincinnati in dem Hotel wohnten, um Einsamkeit und frische Luft zu genießen, und wir wollten sie mit uns nehmen, um die reichen Männer ein wenig zu schröpfen. Aber die Vögel sind ausgeflogen.«

»Richtig, Mammouth-Cave muß ja hier in der Nähe sein,« sagte Ralph.

»Vielleicht drei- bis viertausend Schritt nach Westen,« antwortete Jackson.

Mammouth-Cave (die Mammut-Höhle) ist eine der größten Höhlen der Welt, und das Hotel an ihrem Eingange, in dem sich die Fremden aufhalten, die die Höhle besuchen wollen, führt denselben Namen.

»Wann brechen Sie auf, Kapitän?« fragte Ralph.

»Nun, ungefähr in einer Stunde,« antwortete Jackson. »Wir sind hier ganz sicher. Von den Yankees ist auf zehn Meilen in der Runde nichts zu sehen. Sie haben eine Diversion nach Osten gemacht, und ich benutze die Zeit, um hinter ihrem Rücken aufzuräumen. Ich werde den Befehl geben, daß man Ihre Zukünftige respektiert. In Bezug auf Weiber ist die Disziplin schwer zu erhalten. Ich werde jedoch sagen, die Dame sei eine Verwandte Lees oder eines andern Generals. Dann haben die Burschen Respekt.«

Es war nicht nötig, diese Absicht auszuführen. Es kam anders, als Jackson und Ralph gedacht.

Was mit Eliza in jenem Augenblick und später geschah, davon gibt ein Brief Elizas an Jeannette Corizon vielleicht die klarste Anschauung.

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