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Die Millionenbraut. Erster Band

Adolf Mützelburg: Die Millionenbraut. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorDumas-Mützelburg
titleDie Millionenbraut. Erster Band
publisherVerlag von Gyldahl & Hansen
year1914
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Marion

Im Frühjahr 1862 stand das französisch-spanisch-englische Expeditionskorps auf mexikanischem Boden. Zu bedeutenden Gefechten war es noch nicht gekommen, denn die Führer der verschiedenen europäischen Truppenabteilungen unterhandelten noch mit den Abgesandten des Präsidenten Juarez. Die Konvention von Soledad – einem Dörfchen auf der Straße von Veracruz nach Puebla und Mexiko – war abgeschlossen und ein Waffenstillstand zustande gekommen.

Monsieur Lamothe war jetzt finsterer und schweigsamer denn je. Es war ein schöner Herbsttag, als die Tochter des Franzosen den Pfad hinaufritt, der von San Martin zu der Hacienda ihres Vaters führte. Sie war schon früh am Tage aufgebrochen, um in San Martin Verschiedenes für den Wirtschaftsbedarf einzukaufen. Deshalb begleiteten sie einige Indianer mit Maultieren.

Marion, die fest und stattlich im Sattel saß, sah etwas mißvergnügt aus. Sie langweilte sich. Sie war im letzten Jahre voller und auch größer geworden, so daß sie jetzt eine stattliche, imponierende Erscheinung war.

Plötzlich belebte sich ihr Gesicht. Sie hörte hinter sich den Hufschlag eines Maultieres und schien zu ahnen, wer der Reiter sei.

In der Tat war es ein Bekannter, der in der letzten Zeit tägliche Besucher auf der Hacienda des Monsieurs Lamothe, Don Alsonso de Toledo, Inez' Bruder.

Der junge Mann schien noch bleicher und schlanker geworden zu sein, als er es früher gewesen war. Am seinen Mund zog sich ein herber, schmerzlicher Zug. Er ritt scharf, bis er neben Marion war, die seinen Gruß mit einem freundlichen Lächeln erwiderte. Don Alfonso sah sie sehr aufmerksam an, und es lag etwas Trübes. Schwermütiges in seinem Blick. Marions Gesicht wurde um so heiterer, sie hatte nun keine Langeweile mehr.

Die Unterhaltung zwischen den beiden, die zuerst nicht recht in Gang kommen wollte, wurde französisch geführt, wie stets, wenn die Diener dabei waren.

»Es scheint mir beinahe, als hätten wir die Rollen vertauscht,« sagte Alfonso. »Als ich Sie kennen lernte, waren Sie ernst und schweigsam, während ich mich freute. Jetzt sind Sie gewöhnlich heiter –«

»Und Sie bereuen, mir begegnet zu sein,« unterbrach ihn Marion.

»Sie wissen, daß es nicht so gemeint ist,« sagte er. »Aber Ihr ganzes Wesen ist verändert – so merkwürdig heiter und gleichmütig.«

»Mein Gott, ich kann mich doch nicht ändern,« antwortete sie. »Sie würden mich am Ende noch viel langwelliger finden, wenn ich fortwährend weinen wollte.«

»Niemand möchte Sie so wenig weinen sehen als ich!« sagte Alfonso aufrichtig. »Sie wissen auch sehr gut, was ich meine, Mademoiselle Marion. Man kann mitunter schweigsam sein in der Nähe einer Person, für die man sich interessiert. Aber eine fortdauernde gleichmütig heitere Stimmung deutet auf einen Mangel an jedem tieferen Interesse.«

»Glauben Sie?« fragte Marion lächelnd. »Sind Sie Menschenkenner genug, um das beurteilen zu können?«

»Mein Herz fühlt es mehr als mein Verstand es mir sagt,« antwortete Alfonso.

»Ich möchte wissen, was Ihr Herz Ihnen sagt – nein, was es fühlt,« warf Marion leicht hin.

»Es fühlt, daß es Ihnen näher stand damals in der ersten Zeit, als Sie scheinbar fremd und gleichgültig waren, als jetzt, wo Sie mein Kommen und Gehen gleich heiter finden,« antwortete der junge Mann.

»Wie sicher die Herren in ihren Urteilen sind!« rief sie lachend. »Und wenn es so wäre, wie Sie sagen, ist es dann nicht besser, daß ich mich mit Ergebung in meine Lage finde, anstatt mir die Augen auszuweinen? Glauben Sie nicht, Monsieur Alfonso, daß Sie liebenswürdiger werden, wenn Sie mich immerfort mit Augen ansehen, die voller Vorwürfe sind.«

»Was hätte ich Ihnen denn vorzuwerfen, Marion? Gewiß nur Ihre Veränderung!« rief Alfonso.

»Eine eingebildete Veränderung,« antwortete sie kurz. »Sicherlich haben Sie mir nichts vorzuwerfen, Monsieur de Toledo. Bin ich schuld daran, wenn ich endlich wieder vernünftig geworden bin? – Es kommt ein gewisser junger Herr zu uns, von dem ich gehört habe, daß er sehr reich, sehr gebildet sei. Halt, denke ich, nimm dich in acht, sei vorsichtig, damit der gewisse junge Herr nicht denkt, Du willst eine reiche Partie machen. Der Herr gefällt mir, aber ich tue mir natürlich etwas Zwang an, bin ernst und nachdenklich, damit ich nicht merken lasse, daß ich ihn lieber kommen als scheiden sehe. Das Mädchen sagt sich endlich: Du gefällst ihm, aber er will Dich nicht heiraten! Schade, denkt sie, er ist ein recht netter junger Mann. Aber es gibt ja noch mehr Männer in der Welt und wenn Dich nicht der eine will, so nimmt Dich am Ende wohl noch ein anderer! Jedenfalls hat das junge Mädchen keine Lust, sich die Augen aus dem Kopfe zu weinen. Dies, Monsieur Alfonso, ist die Ansicht einer gewissen Marion Lamothe über einen gewissen fremden, jungen Herrn. Was über diese Ansicht hinausliegt, kann sie nicht begreifen –«

»Sie wissen, wie jung ich bin. Meine Eltern –« sagte Alfonso stockend.

»Aber mache ich Ihnen denn Vorwürfe?« sagte Marion fast lustig. »Weshalb entschuldigen Sie sich? Ich verlange es gar nicht. Um mich im Gram zu verzehren, bin ich zu alt, um nichts mehr zu hoffen, zu jung. Lassen wir es, wie es ist und bleiben wir, so lange Sie diese Gegend mit Ihrer Anwesenheit beehren, gute Freunde! – Doch da sind wir am Ziele!«

Sie hatten jetzt die Hacienda erreicht. Während der junge Mann dem Mädchen aus dem Sattel half, trat Lamothe aus der Tür. Sein Blick wurde finsterer, als er die beiden sah. Alfonso hatte erkannt, daß längst eine Umwandlung in dem Benehmen des Franzosen gegen ihn vorgegangen sei. In der ersten Zeit war er freundlich und rücksichtsvoll von Marions Vater empfangen worden. Die Rücksicht war geblieben, aber die Freundlichkeit war gewichen. Es schien auch Alfonso, als ob Lamothe seine Tochter seit jener Zeit mit einer gewissen Kälte und Strenge behandle. War er daran schuld? So peinigend ihm dieser Gedanke war, er konnte sich doch nicht entschließen, wegzubleiben.

Alfonso blieb heute bis zu dem einfachen Mittagbrot. Marion erzählte mit großer Munterkeit, sie habe in San Martin einige französische Soldaten gesehen, die ihr sehr gut gefallen hätten. Das verbesserte Lamothes Laune nicht und er verbot ihr endlich zu sprechen. Sie verließ verstimmt den Tisch und empfahl sich Don Alfonso, da sie einige Stunden ruhen wolle.

Der ältere und der jüngere Mann saßen noch bei einer Flasche leidlich guten Weines, dem Lamothe ziemlich eifrig zusprach. Offenbar hatte er heute etwas Besonderes auf dem Herzen. Er sagte dann auch ziemlich plötzlich und mitten in einem anderen Gespräch:

»Ich habe Sie etwas zu fragen, Don Alfonso. Wem gelten Ihre Besuche in meiner Hacienda?«

Der junge Mann starrte ihn fast erschreckt an, als ob er ihn gar nicht verstehe.

»Sie müssen mir diese Frage nicht übelnehmen und ich will sie Ihnen erklären,« fuhr Lamothe fort. »Ich habe Sie zuerst, da Sie ein Mann aus einer der besten Familie und außerdem für Ihre Jahre sehr verständig sind, stets mit Vergnügen kommen gesehen. Daß ein Mann von Ihren Aussichten und auch von Ihrer Jugend Absichten hegen könne, die mit meiner Tochter in Verbindung ständen, fiel mir erst gar nicht ein. Dennoch war es mir damals lieb, meine Tochter den Umgang eines so gut erzogenen und gebildeten Mannes genießen zu sehen. Ich kenne meine Tochter und ich weih, daß bisher wenigstens nur Männer mit leichtem, oberflächlichem Charakter und von einer ganz bestimmten äußeren Erscheinung Eindruck auf sie gemacht haben. Ich setzte also voraus, Marion würde sich nicht in Sie verlieben, und Sie Ihrerseits würden durch die Rücksichten auf Ihre Zukunft verhindert sein, an eine Verbindung mit meiner Tochter zu denken. Dennoch hat, wie es scheint, meine Tochter großen Eindruck auf Sie gemacht. Würden Sie den Mut haben, mir offen zu sagen, ob ich mich irre oder nicht? Ich dringe nicht in Sie.«

Don Alfonso hatte sich noch nicht von seiner Ueberraschung, in dieser Weise von dem Vater Marions angeredet zu werden, erholen können. Ja, wäre er mit sich und mit Marion im Reinen gewesen, dann hätte er von dem Vater das Jawort erbitten müssen. Aber mit dem älteren Manne über diese Liebe selbst zu sprechen – unmöglich!

»Ich begreife, was in Ihnen vorgeht,« sagte Lamothe, als Alfonso keine Worte finden konnte. »Ich will also noch offener sein. Marion ist keine Frau für Sie, und ich würde Sie selbst daran hindern, wenn Sie die Absicht hätten, mit ihr eine dauernde Verbindung einzugehen.«

»Das eben ist die Qual meines Herzens!« fuhr es dem jungen Manne jetzt plötzlich heraus, und in seinen aufgeregten Zügen zeigte sich Schmerz und Trostlosigkeit. »Ich liebe Marion, ich gestehe es – ich habe es ihr selbst, wenn auch nicht mit Worten, so durch meine Empfindungen gestanden! Ich würde auch keinen Augenblick zögern, an meine Eltern zu schreiben, um sie um ihr Jawort zu bitten, wenn ich überzeugt wäre, daß Marion meine Liebe erwiderte, daß sie so ganz empfände wie ich! Aber immer, immer wieder kommt mir der Zweifel! Immer wieder frage ich mich, ob ich es bin, den sie heiraten würde, oder ob es der Sohn reicher Eltern ist, der sie verlockt! Immer quält mich der Gedanke, ob sie mich überhaupt liebt. O, Sie glauben nicht, Monsieur Lamothe, welche Qualen ich in der letzten Zeit erduldet habe! Es ist mir oft, als sei Marion nur ein schönes Blendwerk. Alles, was mich an ihr fesselt, scheint mir nur äußerlich zu sein. Und umgekehrt steht sie in mir nichts Aeußerliches, freilich auch nichts Innerliches, sondern nur den reichen Toledo. Dann wieder frage ich mich, ob ich sie nicht zu hart beurteile und ich fühle, wie tief meine Leidenschaft zu ihr in meinem Herzen steht. Ich frage mich, ob mein Zaudern, mein unbestimmtes Werben um ihre Neigung sie nicht verletzt und ich kann mich doch nicht entschließen, das letzte Wort zu sprechen. So werde ich von den widerstrebendsten Empfindungen hin- und hergerissen. Heute bin ich entschlossen, mich diesen Leiden durch meine Flucht zu entziehen und morgen wieder sage ich mir, daß ich durch meine Flucht ein Wesen verliere, das mich glücklich machen würde, wie vielleicht kein zweites.«

Er war aufgestanden und durchmaß in heftiger Erregung mit großen Schritten das Zimmer.

»Nun denn, so fliehen Sie!« sagte Lamothe kalt, und fast tonlos. »Selten wird das ein Vater zu einem Bewerber wie Sie es sind, sagen, was ich Ihnen sage. Marion eignet sich nicht zu einer Frau für Sie. Ihr Herz ahnt richtiger als Sie glauben. Marion sieht in Ihnen nur den reichen Mann, der ihr allen Glanz des Lebens gewähren soll. Möglich, daß Sie Ihnen später nicht einmal die Treue bewahren würde. Besiegen Sie Ihr Herz, Don Alfonso, und kommen Sie nicht mehr hierher.«

»Und das sagen Sie mir, der eigene Vater!« tief der Jüngling, die Hände ringend.

»Ich sage es Ihnen, weil ich es gut mit Ihnen meine,« sagte Lamothe düster. »Meine Tochter bedarf eines Mannes, der sie halb wie eine Sklavin behandelt. Dieser Mann sind Sie nicht. Marion selbst würde auf die Dauer nicht mit Ihnen glücklich werden.«

Alfonso schritt durch das Zimmer, dumpf seufzend und stöhnend.

»Und wenn auch Sie sich irrten?« rief er dann. »Wenn sie mich wahrhaft liebte?«

»So würde sich das am schnellsten zeigen, wenn Sie eine Zeitlang die Hacienda nicht besuchten,« sagte Lamothe. »Aber es ist nicht so. Ich kenne meine Tochter, und ich will nicht, daß ein Mann wie Sie durch sie unglücklich werde. Don Toledo – ich habe meine Schuldigkeit getan und Sie gewarnt.«

Er stand auf mit finsterem, fast unheimlichem Ausdruck. Alfonso starrte ihn an. Sagte dieser Mann die Wahrheit? Weshalb sprach er so streng über sein eigenes Kind? Hatte er vielleicht noch andere Gründe, ihn fernzuhalten? Nein, das war unmöglich. Alfonso kannte seine Stellung in der Welt zu gut, um nicht zu wissen, daß er jedem Vater als Schwiegersohn angenehm sein müsse. Nein, dieser Mann war aufrichtig, und er sprach dasselbe Verdammungsurteil über die eigene Tochter, das in qualvollen Stunden zuweilen in Alfonsos Herzen selbst aufgestiegen war.

Es litt ihn nicht länger in der Wohnung, er mußte hinaus. Er wollte mit sich zu Rate gehen und einen, bestimmten Entschluß fassen.

Mit einem Händedruck, der seine Aufregung verriet, nahm er Abschied von dem schweigsamen Lamothe, bestieg sein Maultier und verließ die Hacienda.

Lamothe saß noch lange in seinem Lehnstuhl, als Alfonso ihn verlassen. Ein tieftrauriger, bitterer Zug lagerte um seinen Mund, und die Stirn war tief gefaltet. Hätte er sich einen besseren Schwiegersohn wünschen können, als den gut erzogenen, gebildeten, ehrenhaften Sohn des reichen Don Lotario de Toledo, dessen Name bekannt war bis hinab nach Südmexiko? Hatte er nicht diese Hoffnung gehegt, als Don Alfonso ihn auf der Hacienda besuchte, und die Blicke des jungen Mannes so eigentümlich auf dem jungen Mädchen ruhten? Das alles war nun vorbei. Er kannte Marions Vergangenheit, ihr Verhältnis zu Don Luis Guarato, und er durfte einen Mann wie Alfonso nicht betrugen. Für einen Mann von tiefer und wahrer Empfindung war Marion verloren. Nicht ihr Fehltritt allein verdammte sie in den Augen des Vaters, sondern die Art, wie sie selbst ihren ersten Liebhaber, jenen Don Luis, verabschiedet hatte. Sie besaß nur Sinne, kein Herz.

Er grübelte noch vor sich hin, als der Klang eines Liedes, von Männerstimmen gesungen, an sein Ohr schlug. Er lauschte verwundert – ein französisches Lied, das er selbst in seiner Jugend oft genug gehört und selbst gesungen hatte. Schnell erhob er sich und sah ungefähr zwanzig Reiter langsam auf die Hacienda zukommen. Er kannte die Uniformen gut genug. Es waren französische Chasseurs.

Ein eigentümliches Gefühl durchrieselte ihn, gemischt aus der unwillkürlichen Freude, die Uniformen seines alten Vaterlandes so unerwartet wiederzusehen, aus Betrübnis, sie als Feinde seines neuen Vaterlandes betrachten zu müssen, und aus Schrecken, ob dieser Besuch etwa seiner eigenen Person gelte. Bedenklich schien dieser Besuch allerdings, denn neben dem Offizier, der die kleine Truppe führte, ritt auf einem stattlichen Maultier – Don Luis Guarato!

Was brachte dieser Mann? Ließ sich Gutes erwarten von einem Menschen, den er selbst so oft mit Verachtung behandelt, und der so guten Grund hatte, Marion zu hassen?

Daß Don Luis Guarato sich wieder in dieser Gegend zeigte, war ganz einfach durch die Anwesenheit der Franzosen zu erklären. Die republikanische Regierung Mexikos hatte es aufgegeben, die östlichen Gebirgsabhänge zu verteidigen. Nur einzelne Guerillascharen beunruhigten hier die Franzosen. Guarato konnte sich also unter dem Schutze der letzteren überall zeigen und mußte sich nur hüten, mit einem Guerillero zusammenzutreffen, denn dieser würde wenig Umstände mit dem »verräterischen« Don Luis gemacht haben. Deshalb kam er jetzt auch in Begleitung der Chasseurs.

Lamothe mußte ruhig hinnehmen, was kam. Ein Glück vielleicht noch, wenn ein Rest der alten Liebe in dem Herzen des Kreolen für Marion zurückgeblieben war. Dem Anschein nach führte Guarato nichts Böses im Schilde. Er lachte schon von fern und grüßte, als wollte er andeuten: Seht Ihr, da bin ich wieder!

Lamothe erwiderte den Gruß ruhig und kurz und richtete seine Aufmerksamkeit auf den französischen Offizier. Dieser, ein noch sehr junger und auffallend schöner Mann mit einer echten offenen und gutmütigen Soldatenmiene, grüßte jetzt sehr artig den Haciendro und sagte:

»Ich habe die Ehre, Monsieur Lamothe als einen Landsmann zu sehen?«

»Ich bin ein geborener Franzose,« antwortete der Haciendero, »aber mein Vaterland ist jetzt Mexiko.«

»Nun, hoffentlich haben Sie uns nicht ganz vergessen,« rief lächelnd der Offizier.

Das war nun gewiß nicht der Fall, denn beim Anblick dieses jungen Soldaten mit dem echt französischen heiteren und gefälligen Wesen erwachten tausend Erinnerungen in Lamothes Brust. Es war, als sähe er die Genossen seiner Jugend wieder vor sich auftauchen, als höre er einen alten lieben Freund sprechen.

»Es knüpfen sich für mich traurige Erinnerungen an mein Vaterland,« sagte er, seine Bewegung unterdrückend. »Doch seien Sie mir als Landsmann willkommen. In welcher Absicht besuchen Sie mich?«

»Ich bin der Kapitän einer Eskadron Chasseurs,« antwortete der Offizier. »Mein Name ist Edmond Tréport –«

»Von der Familie Morel de Tréport?« fragte Lamothe mit Teilnahme.

»Ganz richtig, der General ist mein Vater,« erwiderte Edmond lebhafter. »Kennen Sie ihn?«

»O ja, ich war damals noch ein sehr junger Mann,« erwiderte Lamothe. »Die Schicksale Ihres Vaters erregten ein gewisses Aufsehen. Auch ich habe ihn mehrmals gesehen. Ich war damals Arzt.«

»So haben wir also gemeinschaftliche Erinnerungen,« sagte Edmond artig. »Und weshalb ich komme, Monsieur Lamothe? Um auf einige Zeit bei Ihnen Quartier zu nehmen. Die Guerillabanden sind sehr kühn geworden, und das Oberkommando hält es für notwendig, einige Stationen in den Bergen zu errichten, um die Banden im Zaum zu halten. Es versteht sich von selbst, daß Ihnen die Kosten vergütet werden. Hoffentlich sehe ich in Ihnen einen Freund unserer Sache?«

»Ich kann Ihnen nicht verschweigen, Herr Kapitän, daß Mexiko jetzt mein Vaterland ist, und daß ich dessen Unabhängigkeit liebe,« sagte Lamothe ruhig. »Im übrigen werden Sie mich bereit finden, allen Verhältnissen des Krieges ruhig Rechnung zu tragen. Mannschaft und Pferde sollen ein so gutes Unterkommen erhalten, als ich es ihnen bieten kann.«

»Und doch hat mir mein Begleiter gesagt, daß Sie ein Freund der Intervention seien,« erwiderte Kapitän Tréport, über dessen Gesicht eine leichte Wolke geflogen war.

»Dann hat er Ihnen etwas gesagt, was er nicht verantworten kann,« sagte Lamothe. »Ich glaube im Gegenteil, daß er meine Gesinnungen ganz gut kennt. Wie dem auch sei, Sie stehen hier auf neutralem Boden, Herr Kapitän. Ich mische mich nicht in Politik. Tun Sie, was Ihres Amtes ist. Sie werden meine Stellung begreifen und mir nichts zumuten, was mir peinlich wäre.«

»Gut,« sagte Edmond, schon wieder gut gelaunt. »Rufen Sie gefälligst einen von Ihren Leuten, der meiner Mannschaft und den Pferden Quartiere anweist.«

Während dieser Unterredung hatte Don Luis Guarato, der natürlich kein Französisch verstand, abwechselnd auf den Haciendero und auf das kleine Fenster geblickt, das ihm wohlbekannt war und zu dem Schlafzimmer Marions gehörte. Er ahnte, daß Marion jetzt dort ihre Siesta halte und hoffte vergeblich darauf, daß die kleine rote Gardine am Fenster sich bewegen würde. Es blieb alles still. Lamothe nahm weiter keine Rücksicht auf den Kreolen, als daß er sagte: »Nun, wieder zurück, Don Guarata?« und dabei die Lippen etwas spöttisch verzog. Dann machte er sich selbst daran, die Chasseurs nach dem Hofe zu führen. Edmund und Don Luis erhielten ein gemeinsames Zimmer angewiesen.

Marion war bis dahin noch immer nicht zu sehen gewesen. Don Luis schwärmte indessen um das Haus und schien nur eine Gelegenheit zu erspähen, Marion zu erblicken. Dabei traf et auf Lamothe. Der Haciendero forderte ihn auf, ihm nach dem Balkon zu folgen.

»Sennor,« sagte et dort zu ihm, »Sie haben mir einen absonderlichen Freundschaftsdienst erwiesen. Sie haben dem französischen Kapitän den Glauben beigebracht, ich sei gut französisch gesinnt, und er hat deshalb meine Hacienda zur Station für seine Truppen gewählt. Was wird die Folge davon sein? Eine mexikanische Guerilla überfällt uns, und man brennt mir meine Gebäude nieder. Ich kann dann zufrieden sein, wenn wir alle mit dem Leben davonkommen.«

»Gerade das Gegenteil!« rief Don Luis bestürzt. »Ich wollte wenigstens gerade das Gegenteil bezwecken. Man wird es nicht wagen, einen Ort anzugreifen, der von französischen Truppen besetzt ist.«

»Ohne diese Besatzung hätte man mich gewiß in Ruhe gelassen,« sagte Lamothe finster. »Jedenfalls weiß ich Ihnen noch keinen Dank, und wenn Sie Einfluß auf den französischen Kapitän haben, so befreien Sie meine Hacienda sobald als möglich von seiner Gegenwart.«

»Das werden wir sehen,« sagte Don Luis wohlgefällig. »Wie befindet sich Donna Marion?«

»Darüber wollte ich noch einige Worte mit Ihnen sprechen,« sagte Lamothe mit gefurchter Stirn. »Hören Sie mich mit Aufmerksamkeit an, Sennor, und betrachten Sie jedes meiner Worte als die Frucht ernstlicher Ueberlegung und als den Verkünder eines festen Willens. Ich habe die Unterredung gehört, die Sie in der letzten Nacht, ehe Sie diese Gegend verließen, mit Marion hatten. Ich weiß alles, was zwischen Ihnen und meiner Tochter vorgegangen ist. Hoffen Sie nicht, daß ich den schweigsamen Zuschauer zu einer Wiederholung dieses Liebesspiels hergeben werde. Ich sage es Ihnen als Mann von Wort, daß ich Sie niederschieße, was auch daraus entstehen möge, wenn ich Sie in einem vertrauten Verhältnis mit meiner Tochter entdecke. Dagegen kann ich Ihnen etwas anderes sagen. Ich hätte früher Ihre Bewerbung um Marion sicherlich abgewiesen. Jetzt habe ich nichts mehr gegen eine solche Bewerbung einzuwenden, ich werde sie sogar bei meiner Tochter unterstützen. Eine solche Werbung erlaube ich Ihnen also, aber weiter nichts! Richten Sie sich danach!«

Auf Don Luis' Gesicht zeigte sich jetzt nach dem ersten Schrecken eine lebhafte Freude.

»Aber ich wünsche ja weiter nichts, als Marion zu heiraten!« rief er stürmisch. »Und wenn Sie Ihr Jawort geben, so glaube ich Marions früher sicher sein zu können.«

»Ich wünschte, es wäre so. Aber auf jeden Fall hüten Sie sich! Bis jetzt bin ich der einzige, der das Geheimnis kennt. Sorgen Sie dafür, daß es auch für immer vergraben bleibt.«

Er hörte nicht mehr auf das, was Guarato halb verwirrt, halb freudig stammelte, sondern ging dem Hause zu, den Kreolen in großer Erregung zurücklassend.

»Wenn nur jener Schleicher, der Toledo, nicht wäre,« murmelte Don Luis für sich hin. Aus welchem Grunde ihn Lamothe dem reichen Toledo vorzog, war ihm nicht recht klar. Aber eitel, selbstgefällig und leichtblütig, wie er nun einmal war, glaubte er tatsächlich, auf einmal ein wichtiger Mann geworden zu sein, dem alle Pforten des Reichtums und der Ehre offen ständen und der nur zu winken brauchte, um die reichste Erbin Mexikos sein zu nennen. Als er in die Hacienda zurückkehrte, stand ihm eine baldige erste Enttäuschung bevor. Marion begegnete ihm auf dem Gange, der das Haus durchschnitt. Sie war schöner geworden, seit er sie nicht gesehen hatte, und Don Luis stand denn auch, vollständig überrascht und geblendet von ihrer plötzlichen Erscheinung, wortlos vor ihr. Marion begrüßte ihn mit einem kurzen Kopfnicken.

»Wieder da, Don Luis?« sagte sie, nicht gerade unfreundlich. »Schöne Truppen, die Franzosen!«

»Marion, Marion – ich sehe Dich wieder, Du mein Leben,« tief Guarato mit unterdrückter Stimme. »Ich habe mit Deinem Vater gesprochen – ich habe sein Jawort.«

Diesmal zuckte Marion zusammen. Das war eine überraschende, unglaubliche Nachricht für sie.

»Erbärmlicher Lügner!« sagte sie. »Ich habe Dich satt, Du weißt es!«

Das Gespräch wurde am offenen Fenster geführt, doch war niemand in der Nähe.

»Marion – ich schwöre Dir – Dein Vater weiß alles!« rief Luis. »Er willigt ein, daß Du meine Frau wirst – ich werde ein bedeutender Mann, ein reicher Haciendero.«

»Ein Narr bist Du und wirst es bleiben!« flüsterte Marion, die sehr bleich geworden war. » Was weiß mein Vater?«

»Er hat unsere Unterhaltung in der Nacht gehört, damals, als ich fortging,« flüsterte Don Luis. »Bei der heiligsten Jungfrau Maria, ich sage Dir die Wahrheit, Marion!«

Ein dunkles Rot war in das Gesicht des Mädchens geschossen. Ja, er sprach die Wahrheit. Vergebens hatte sie sich bemüht, die Veränderung zu enträtseln, die in dem Wesen des Vaters gegen sie vorgegangen. Er war kalt und abstoßend gegen sie geworden, hatte ihre Nähe gemieden. Jetzt wußte sie, warum. Jetzt stand sie da, die Hände geballt, mit zitternden Lippen.

»Elender Hund – und Du hast ihn in diesem Glauben gelassen,« sagte sie dann leise mit vor Zorn fast unterdrückter Stimme. »Ich, ich weiß nichts davon, merke es Dir! Ich werde meinem Vater sagen, daß er sich geirrt habe, ein unseliger Irrtum blendet ihn. Und Du – hüte Dich, daß Dir ein Wort entfährt, es wäre Dein Tod! Ich weiß mit Dolch und Pistole umzugehen und weiß auch, wo die Indianerin wohnt, die das Gift verkauft. Hüte Dich zu sprechen, zu lügen – es wäre Dein Tod!«

Sie sagte kein Wort weiter, sie sah ihn nur mit haßsprühenden Augen an und streckte ihm die Hand entgegen, daß er zurückfuhr. Dann ging sie nach der Hoftür.

»Wo ist mein Vater,« rief sie laut einem Indianer zu, und als dieser ihr einige Worte entgegnete, fügte sie hinzu: »Sage ihm, daß ich ihn sogleich sprechen muß. Ich erwarte ihn in seinem Zimmer.«

Der Kreole stand wie vernichtet. Er glaubte sich zu irren und faßte sich an die Stirn. Angst hatte ihn ergriffen, und die war stärker als der Zorn, der in ihm aufloderte.

Eine solche Zurückweisung hatte er nie und nimmer erwartet. Ins Gesicht hinein strafte sie ihn Lügen – o, sie war ein Weib, das Wort halten konnte! Die Zustimmung des Vaters nutzte ihm nichts, er mußte mit der alten Unterwürfigkeit um sie werben, wenn er sein Ziel erreichen wollte – so viel war ihm klar. Mit unsicheren Schritten, fast als fürchte er, daß ihn eine Kugel in den Rücken treffen könnte, sich scheu umblickend, ging er in den Hof.

Unterdessen stand Marion im Zimmer ihres Vaters. Sie hatte die Lippen zusammengepreßt und blickte starr durch das Fenster auf den Hof hinaus.

Als ihr Vater kam und sie fragte, was sie ihm zu sagen habe, wandte sie sich kalt und mit einem gewissen Stolz zu ihm und schaute ihm fest in die Augen.

»Don Luis Guarato hat mir da vor wenigen Augenblicken einige seltsame Worte gesagt,« begann sie, den Blick unverwandt auf ihn gerichtet. »Er sagte mir, er habe Deine Einwilligung zu einer Verbindung mit mir. Ich erinnere mich nicht, daß ich auch nur ein einziges Mal den Wunsch ausgesprochen hätte, die Gattin dieses Kreolen zu werden. Es scheint da ein Irrtum vorzuliegen. Du hast, wie der Mensch die Unverschämtheit hatte, mir zu sagen, meine Unterredung mit ihm in der Nacht, ehe er floh, belauscht. Ich habe in jugendlicher Unwissenheit Don Luis einige Vertraulichkeiten erlaubt; aber es sind nicht solche, die mich zwingen, seine Frau zu werden. Du verstehst mich gewiß vollkommen, mein Vater, und tust mir hoffentlich keinen Zwang an in der Wahl eines Gatten.«

Während Marion sprach, hatte sie Lamothe mit eigentümlichen Blicken beobachtet, in denen gespannte Aufmerksamkeit und Mißtrauen lag. Seine Miene bewegte sich nicht.

Marion schien eine Antwort erwartet zu haben. Als er aber stumm blieb und sein forschendes Auge noch immer auf ihr ruhte, zog sie ihre Stirn in Falten und verließ mit den Worten: »Ich habe Dir dies einmal gesagt und wir sprechen nie wieder darüber«, das Zimmer.

Lamothe schüttelte leicht den Kopf; ein bitterer und wehmütiger Zug lagerte um seinen Mund.

»Es ist gut, Pauline, daß Du nicht mehr lebst!« flüsterte er vor sich hin zu dem Bilde seiner Gattin an der Wand hinblickend. Dann raffte er sich auf und trat an das Schreibpult.

Währenddessen stand Marion an dem offenen Fenster eines kleinen Zimmers neben der Küche und blickte unverwandt nach dem Hof hinaus. Edmond de Tréport war noch mit seinen Chasseurs beschäftigt. Wie seltsam der Blick Marions auf dem jungen Kapitän ruhte! So hatte sie weder Don Luis, noch Don Alfonso angesehen. Sie verschlang förmlich die Gestalt und die Bewegungen des jungen Offiziers. Plötzlich wandte sie sich mit einem trotzigen Aufwerfen des Kopfes vom Fenster ab. Es war als hätte sie sagen wollen: Nun, wir werden sehen, ich setze meinen Willen doch durch! Dann ging sie den Indianerinnen in der Küche eifrig zur Hand, denn der Vater hatte zu fünf Uhr ein gutes Essen für den Offizier und für dessen zahlreiche Begleitung bestellt.

Um diese Zeit saß denn auch Edmond mit Lamothe und dem Kreolen im Eßzimmer. Das Gespräch wurde zwar aus Rücksicht auf Don Luis meist in spanischer Sprache geführt, da diese aber dem jungen Franzosen doch nicht so geläufig war wie seine Muttersprache, so sprang er oft und gerade, wenn er lebhaft wurde, ins Französische über. Was aber und in welcher Sprache Edmond auch sprach, es war immer freundlich, wohlwollend und voll gesunden Menschenverstandes. Lamothe fühlte sich bald für den jungen Offizier eingenommen.

Als Marion bei Tische erschien, um den Nachtisch zu ordnen, stellte Lamothe seine Tochter kurz dem Offizier vor. Edmond sagte der Tochter des Hauses einige verbindliche Worte und fragte, ob sie der Gesellschaft nicht das Vergnügen machen wolle, sich zu ihnen zu setzen. Mit einer Scheu und einem Erröten, wie es noch niemand an ihr bemerkte, erwiderte Marion einige verlegene Worte und schlug dann vor, den Kaffee auf dem Balkon zu nehmen. Man willigte ein. Don Luis hatte inzwischen nur verstohlene Blicke auf Marion geworfen, die seine Anwesenheit gar nicht zu bemerken schien.

Die Gesellschaft begab sich also nach dem Balkon am Rande der Barranca. Man trank den Kaffee, rauchte und plauderte. Marion ließ keinen Blick von dem Offizier. Lamothe ließ sich von ihm das heutige Paris schildern und stellte Vergleiche mit der Vergangenheit an. Auf Marions Bitte schilderte Edmond Theater, Bälle und Gesellschaften und alles in seiner frischen heiteren Weise. Nachdem er sich bei Don Luis entschuldigt hatte, sprach er jetzt nur noch französisch, da es ihm leichter wurde, und Lamothe, sowie dessen Tochter augenscheinlich Gefallen daran fanden, die schöne Sprache aus seinem beredten Munde zu hören.

Don Luis begann sich natürlich zu langweilen. Er warf einen Blick auf Marion und entfernte sich, um den Hof aufzusuchen. Offenbar erregte Edmonds Anwesenheit eifersüchtige Gefühle in ihm.

Wie würde sein Herz zerrissen sein, wenn er geahnt hätte, was in Marion vorging! Der Mann ihrer Seele war gekommen! Was bedeuteten Don Luis und Alfonso gegen diesen ritterlichen, heiteren, so ungezwungen plaudernden Landsmann? Gerade Edmonds offenes, natürliches Wesen, der seine Liebe zu Inez so tief im Herzen trug, daß keine andere Idee in ihm auftauchen konnte, unterjochte Marions launenhaftes Herz. Edmond war ihr geträumtes Ideal – ein französischer Offizier, reich, schön, tapfer und nach ihrer Ansicht der Held der vornehmsten Pariser Zirkel, ein lebendig gewordenes Bild der Romanfiguren, an denen sie bisher mit Entzücken gehangen hatte.

Es wurde dunkel. Marion mußte ins Haus zurück, um zu sehen, ob die Chasseurs alles erhalten hatten, was ihnen nottat. Sie ging ungern.

»Wenn ich mich nicht sehr irre;« sagte Lamothe, als sie wieder von Edmonds Vater sprachen, »so muß Ihre Familie sehr eng mit einer Familie Toledo befreundet gewesen sein.«

»Gewiß!« sagte Edmond, und er berichtete über das Verhältnis der beiden Familien, sowie über die Anwesenheit einer Tochter Toledos im vorigen Herbst in Paris.

»Dann wird es Ihnen nicht unlieb sein, zu erfahren, daß der älteste Sohn Toledos, Don Alfonso, ganz in der Nähe hier wohnt und uns sehr oft besucht,« sagte Lamothe.

Edmond war von dieser Nachricht wie elektrisiert. Ein Bruder seiner Inez hier in der Nähe! Es wurde verabredet, daß am anderen Morgen in aller Frühe ein Bote nach Mirador reiten sollte, mit einem Briefe Edmonds an Don Alfonso.

»Welches Glück, daß mich der Zufall gerade hierher geführt hat!« rief der Offizier.

Sie gingen ins Haus in das Gesellschaftszimmer, wo auch Don Luis sich wieder zu ihnen gesellte. Edmond schlug ein Gesellschaftsspiel mit Karten vor, an dem sich auch die Tochter des Hauses beteiligen sollte. Marion war glücklich darüber. Sie saß an Edmonds Seite, der ihr in der heitersten Unbefangenheit das Spiel erklärte, ihr half, sie gewinnen ließ, ganz wie es in dem frohen Zirkel seines elterlichen Hauses in den Champs Elysées Sitte war. Ueber Marion schien ein ganz neuer Geist gekommen zu sein. Ihre etwas matten Wangen glühten, ihre Augen hatten einen weichen, hingebenden Ausdruck. Sie, die sonst auch für Don Alfonso leicht ein ironisches, verletzendes Wort fand, war ganz Anmut, Hingebung, Sanftmut.

Edmond merkte von alledem nichts. Es fiel ihm nicht ein, daß er der Gegenstand einer abgöttischen Verehrung sei, und daß er nur ein einziges Wort zu sprechen brauchte, um jeden Wunsch erfüllt zu sehen. Es war ein Glück für ihn, daß er so unbefangen blieb, denn sonst würde ihm der Aufenthalt auf der Hacienda sehr peinlich geworden sein, während ihn die Aussicht, morgen Don Alfonso zu sehen, und mit ihm über Inez plaudern zu können, so vergnügt machte. Zuweilen fielen ihm die verklärten Augen Marions auf, aber der junge Mann war an solche Blicke gewöhnt und hatte sie auch früher nie zu deuten gewußt. Auch Don Luis Unruhe bemerkte er, doch der entschuldigte sich mit Kopfweh.

Edmond inspizierte, ehe er schlafen ging, noch einmal den Hof und die ausgestellten Wachen. Die Tore wurden fest verschlossen. Vor jedem standen zwei Chasseurs mit geladenem Karabiner. Man befand sich in Feindesland, und irgendeine mexikanische Guerillatruppe konnte längst von der Anwesenheit einer Schar Franzosen auf der Hacienda des Monsieur Lamothe benachrichtigt sein.

Als Edmond von seiner Inspektion zurückkehrte und in die Tür des Hauses trat, sah er Marion mit einer Lampe vor einem Wandschrank stehen, als sei sie beschäftigt, etwas zu suchen.

»Gute Nacht, Mademoiselle Lamothe!« rief ihr der Kapitän freundlich zu.

»Einen Augenblick!« sagte Marion, schnell auf ihn zutretend. »Wenn Don Luis schlecht über mich sprechen sollte, so glauben Sie ihm nicht, denn er ist ein Liebhaber, den ich abgewiesen habe. Gute Nacht, Herr Kapitän!«

Der Blick, mit dem sie diese Worte begleitete, war halb streng, halb bittend. Den Gruß aber sprach sie mit einem liebenswürdigen Lächeln. Ehe Edmond, der sehr überrascht war, etwas erwidern konnte, ging sie in das gegenüberliegende Zimmer. Auch Edmond suchte nun sein Schlafzimmer auf, das auf Lamothes Flügel lag. Marions Worte hatten ihm zu denken gegeben. Bis jetzt war von Don Luis nichts gegen Marion gesprochen worden; im Gegenteil, et hatte ihre Schönheit hervorgehoben und ziemlich deutlich durchblicken lassen, daß es ihm sehr erwünscht sein werde, wenn das kleine Chasseur-Detachement Lamothes Hacienda zur Station angewiesen erhalte.

Guarato, der dasselbe Zimmer mit Edmond erhalten hatte, da die Hacienda nicht geräumig genug war, um jedem einzelnen ein Zimmer einzurichten, schlief bereits. Und auch Edmond suchte die Ruhe und fand sie bald.

Die Nacht verging sehr ruhig. Am andern Morgen sandte Edmond einen Boten nach Mirador zu Don Alfonso mit einem Briefe. Er berief sich auch auf die frühere Knabenfreundschaft, auf die Verbindung, die durch die Begegnung mit Inez zwischen den beiden Familien wiederhergestellt worden war, und bat Alfonso, ihn auf der Hacienda des Monsieur Lamothe zu besuchen.

Dann unternahm Edmond mit seinen beiden Sergeanten eine genaue Rekognoszierung der Höhe, auf der die Hacienda lag, und der ganzen Umgebung, darüber ging der Vormittag hin. Edmond hatte Marion an diesem Tage noch nicht gesehen. Sie war den gewöhnlichen Beschäftigungen des Tages nachgegangen. Dagegen fehlte sie nicht bei Tisch, und es wiederholte sich das Schauspiel des vergangenen Abends: dieselbe Aufmerksamkeit Marions für Edmond, dieselbe unverkennbare, tief leidenschaftliche und selbst innige Hinneigung und Hingebung, die ruhige, sorglose Heiterkeit Edmonds, die Unruhe und Verstimmung Guaratos und das ernste, schweigsame Benehmen Lamothes. Nach Tische wollte jedermann Siesta halten. Da aber Edmond an diese, jedem Mexikaner unentbehrliche Ruhe nach Tisch noch nicht gewöhnt war, so verließ er bald sein Zimmer und ging nach dem Balkon am Rande der Barranca, um dort seine Zigarre zu rauchen und Pariser Zeitungen, die man ihm nachgesandt hatte, zu lesen.

Marion mußte ihn in einer der Pausen ihrer Siesta von dem Fenster ihres Schlafzimmers aus bemerkt haben, denn sie zeigte sich, ohne daß er es bemerkte, unter der Veranda und schien zu ihm kommen zu wollen. Plötzlich aber bemerkte sie unter den Bäumen einen von einem Arriero begleiteten Reiter. Etwas von Schrecken und Entrüstung flog über ihr Gesicht, und sie änderte plötzlich ihren Weg und eilte jenem Reiter entgegen. Jetzt erst wurde Edmond auf sie aufmerksam, und verwundert folgten seine Blicke dem dahineilenden Mädchen. Er sah, daß sie zu jenem Reiter ging, vermochte ihn aber durch das Laub der Bäume nicht genauer zu erkennen.

Der Reiter war Alfonso. Sobald er Marion so eilig auf sich zukommen sah, trieb er sein Maultier an und grüßte sehr artig. Sein Gesicht war noch ernster und schwermütiger als gewöhnlich.

Marion war fast atemlos, so daß sie nicht gleich sprechen konnte.

»Verzeihen Sie, Mademoiselle, daß ich Ihrem Wunsche ungehorsam bin, aber –«

»Es ist kein Aber! Ich befehle Ihnen, sofort umzukehren.«

Der junge Mann blickte sie erstaunt und überrascht an. Solche Heftigkeit hatte er nie an ihr gesehen.

»Sie haben meinen Brief erhalten,« fuhr sie fort. »Es droht Ihnen ernste Gefahr von diesem Don Luis. Der Elende ist durch einige, wahrscheinlich ganz anders gemeinte Worte meines Vaters ermutigt und bestürmt mich aufs neue mit Liebes- und Heiratsanträgen. Ihr Leben ist verloren, wenn er ahnt, daß Sie mir näherstehen. Ich werde mich dieses Menschen zu erwehren wissen, aber ich muß allein sein. Sie sind keinen Augenblick in Guaratos Nähe sicher. Ich werde es Ihnen sagen lassen, wenn er fort ist. Er wird nicht lange bleiben, vielleicht acht Tage, solange sich die Franzosen hier aufhalten.«

Während sie das hastig sprach, leuchtete es in Don Alfonsos Augen auf, so stolz, so glücklich wie noch nie. Er nahm ihre Hand, führte sie an die Lippen und küßte sie innig und wiederholt.

»Ich danke Ihnen, Marion,« sagte er. »Ich danke Ihnen für diesen Beweis der Teilnahme. Aber –«

»Nein, nein! Kein Aber,« drängte sie. »Wenn Sie mich lieben, so dürfen Sie sich nicht der Gefahr aussetzen, von der Hand eines Meuchelmörders zu sterben.«

»Unmöglich, teuerste Marion!« rief er in aufrichtigster Verzweiflung. »Fürchten Sie nichts, ich werde vorsichtig sein, ich werde diesen Guarato zu vermeiden wissen. Was müßten Sie von mir denken, wenn ich Furcht zeigte.«

»Es ist nichts zu denken, nichts zu fürchten!« rief Marion mit blitzenden Augen. »Ich befehle Ihnen, unser Haus auf einige Zeit nicht zu betreten. Wollen Sie oder wollen Sie nicht?«

»Nur heute muß ich zu Ihnen!« antwortete Don Alfonso, noch immer verwirrt durch die Heftigkeit dieser Szene. »Ich habe heute morgen einen Brief von dem Kapitän Tréport erhalten –«

»Ah, einen Brief,« sagte sie mit klangloser Stimme, und ihr Gesicht wurde bleich. »Davon wußte ich nichts.«

Sie hatte selbst einen Boten schon am vergangenen Abend nach Mirador gesandt, um unter dem Vorwande, Don Luis trachte ihm noch dem Leben, Don Alfonso zu hindern, nach der Hacienda zu kommen. Sie fürchtete sich nicht vor Guarato, dem sie geistig weit überlegen war. Sie konnte ihn ungescheut Lügen strafen; der Kreole war ein zu verrufener Charakter, als daß ihm jemand Glauben geschenkt hätte, aber sie fürchtete Don Alfonso. Sie wußte ja selbst, wie sehr sie von ihm geliebt wurde und bis zu welchem Grade sie seine Hoffnungen genährt hatte. Er sollte sie nicht in dem Plane stören, den sie entworfen hatte, um den jungen, schönen Franzosen, ihr Ideal, für sich zu gewinnen. Denn ihn zu gewinnen war sie entschlossen und wenn sie ihm als Marketenderin folgen sollte.

»Was ist das für ein Brief?« fuhr sie schwer atmend fort.

»Meine Familie war früher sehr innig mit der des Kapitäns befreundet,« erwiderte Don Alfonso. »Wir waren als Knaben täglich zusammen. Er hat gehört, daß ich in Mirador bin und bat mich, zu kommen. Ich muß also seinen Wunsch erfüllen.«

Sein Blick ruhte innig auf ihr. War es ihm zu verargen, wenn er in Marions Besorgnis für sein Leben das erste Zeichen einer wahren, plötzlich auflodernden Liebe zu ihm erblickte – ein Zeichen, nach dem er sich so lange gesehnt! Wenn also die mühsam bekämpfte Leidenschaft plötzlich in ihm aufflammte?

Marions Züge waren plötzlich schlaff und gleichgültig geworden. Sie überlegte. Vielleicht handelte es sich wirklich nur um dieses Wiedersehen und dann war nicht viel verloren!

»Nun, ich kann es nicht hindern!« sagte sie vor sich hin. »Hoffentlich werden Sie nicht von meinem Briefe sprechen.«

»Aber Marion, was denken Sie denn?« rief Alfonso.

»Ich denke nichts,« erwiderte sie dann fast tonlos. »Ihr Freund sitzt auf dem Balkon!« fügte sie dann hinzu.

Alfonso kam jetzt langsam und nachdenklich auf die Hacienda zugeritten. In der Nähe erkannte Edmond die Ähnlichkeit mit Inez. Er sprang auf und eilte dem Reiter entgegen und herzlich schüttelten sie sich die Hände, denn sie hatten sich als Knaben sehr lieb gehabt, und nur Edmonds Abwesenheit von Paris war der Grund gewesen, daß Alfonso ihn nicht dort trotz der Entfremdung der beiden Familien aufgesucht hatte. Beide setzten sich auf den Balkon, und in der ersten halben Stunde plauderten sie nur von ihren Familien und von Inez. Dann mußte sie ihr Zusammentreffen freilich auf die große Tagesfrage, auf den Krieg, führen.

»Ich begreife Deine Stellung vollkommen!« sagte Alfonso, »und ich will deshalb nichts sagen, was Dich verletzen könnte. Aber eine Torheit ist diese Expedition Deines Kaisers, dabei bleibe ich. Mexiko ist ein zerrüttetes Land, und läge es neben Frankreich wie Belgien oder die Schweiz, so würde es in kurzer Zeit erobert sein. Aber woher will Napoleon die Kräfte nehmen, um seine Armee in Mexiko auf der notwendigen Höhe zu erhalten? Wie könnt Ihr genug Truppen heranschaffen, um alle Banden, die sich gegen Euch erheben werden, in Schach zu halten? Wie wollt Ihr Eure Leute in den wüsten Gebirgen, auf den öden Hochebenen verproviantieren?«

»Wir wollen auch gar nicht das ganze Land überziehen und für uns in Besitz nehmen,« sagte Edmond etwas geheimnisvoll. »Ich kann Dir aus sicherer Quelle mitteilen, daß die Unterhandlungen mit dem Erzherzog Max von Oesterreich bereits im Gange sind. Wir nehmen Mexiko, die Bevölkerung des Landes oder wenigstens der besetzten Provinzen ruft den Erzherzog zum Kaiser aus, wir unterstützen ihn, bis er sich befestigt hat, und verlassen dann das Land. So ist unserer verletzten Ehre Genüge getan und hoffentlich auch Mexiko geholfen. Denn ohne einen Regenten geht es auf die Dauer doch nicht.«

»Ich bin glücklich, Dich gefunden zu haben,« sagte Alfonso, »oder vielmehr von Dir entdeckt worden zu sein! Jedenfalls mußt Du, da Du einmal in Mexiko bist, uns auf längere Zeit dort oben in Neu-Mexiko besuchen! Du wirst dort ein seltsames Leben und Treiben kennen lernen. Inez muß nun auch zurück sein. Nach dem letzten Brief wurde sie wenigstens erwartet und ich bin seit vierzehn Tagen ohne Nachricht vom Hause.«

»Wie kommt es, daß Du überhaupt noch hier bist?« fragte Edmond. »Inez sagte mir doch, daß Du bereits zu Anfang dieses Jahres auf Eurer Besitzung im Norden erwartet würdest.«

Ein tiefes Rot hatte Alfonsos Gesicht überzogen.

»Der Besitzer von Mirador ist ein gebildeter Deutscher und ein sehr liebenswürdiger Mann,« sagte er. »Ich bin ihm durch den Professor Wedell in Berlin angelegentlich empfohlen worden und werde dort wie ein Kind vom Hause behandelt. Ich fühle, wie unendlich viel ich von Herrn Ratorius lernen kann, und da mir mein Vater durchaus keinen Wunsch geäußert hat, mich bei sich zu sehen, ja da meine Mutter sogar zu wünschen scheint, ich möge noch fern bleiben, damit ich nicht Kriegsdienste zu nehmen brauchte, so bin ich hier geblieben. Aber ich begreife, daß ich hier jetzt nicht länger weilen darf. Ich muß fort, nach Hause, ich muß teilnehmen an dem Kampfe gegen die Rebellen –«

»Ich bin schon zufrieden, daß Du mir hier nicht als Gegner entgegentrittst,« sagte Edmond, als Alfonso aufgeregt stockte. »Seid Ihr denn wirklich Rebellenfeinde und willst Du wirklich in den Kampf gegen den Süden ziehen? Ich kann mir nicht denken, daß man sich für die Neger begeistern und ihnen gleiche Rechte mit den Weißen geben könne.«

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