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Die Millionenbraut. Erster Band

Adolf Mützelburg: Die Millionenbraut. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorDumas-Mützelburg
titleDie Millionenbraut. Erster Band
publisherVerlag von Gyldahl & Hansen
year1914
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Inez

Es war an einem sehr schönen Herbstabend, im Jahre 1861, das Dampfboot nach Genua lag fast regungslos auf der blauen Wasserfläche, aus dem Schlot stiegen bereits einzelne kurze, schwache Rauchsäulen auf, und die Schiffsglocke läutete zum letzten Male, als eine Kutsche mit zwei rasend galoppierenden Pferden auf den Quai gerollt kam. Sobald sie hielt, sprang ein junger Mann heraus und rief einem der Fährleute, die lässig in ihren Booten standen, ein lautes: »Schnell – schnell – nach dem Dampfer!« zu. Eine halbe Minute darauf stand er bereits in einem der Nachen.

»Nur vorwärts, vorwärts!« rief er voller Ungeduld und in einem Italienisch, das den französischen Akzent verriet. »Weshalb wartest Du? Ich gebe Dir einen Scudi, wenn Du noch zur rechten Zeit ankommst!«

Dabei warf er seine Reisetasche, das einzige Gepäck, das er bei sich führte, auf den Boden des Bootes.

Der Führer des Bootes war ein starker, untersetzter junger Bursche mit wildwallendem, rötlichem Haar und einem gewaltigen Bart von gleicher Farbe. Er stand gleichmütig auf sein Ruder gelehnt, zeigte nach dem Dampfer und sagte:

»Da sehen Sie, Signore, die letzten Boote legen an, es ist zu spät!«

»Zwei Scudi, wenn Du mich hinschaffst!« rief der Fremde in großer Aufregung. »Es kommt doch auf einen Versuch an. Einige Minuten werden sie dort wohl warten.«

»Gut!« rief der Rotbärtige und setzte sich auf die Ruderbank, während der junge Mann mit Ungeduld nach dem Dampfer hinübersah, an dessen Treppe soeben die letzten Passagiere landeten.

Er war ein stattlicher junger Mann, wohl wenig über zwanzig Jahre alt, in einen einfachen, aber sehr eleganten Reiseanzug gekleidet, dem Aeußeren nach ein echter Franzose und mit bestimmten scharfen Bewegungen und Worten, mit einem so wettergebräunten Gesicht, daß man fast mit Sicherheit den Offizier in ihm vermuten konnte. Auch trug er den Schnurr- und Knebelbart, der in der französischen Armee fast ausschließlich Sitte geworden ist.

Der Ruderer sah phlegmatisch auf seiner Bank und strengte sich nicht übermäßig an.

»Vorwärts! in drei Teufels Namen!« tief der junge Mann und stampfte mit dem Fuß auf den Boden des Bootes. »Du ruderst ja wie ein Kind – ich will mithelfen!«

Statt der Antwort zog der Rotbart die Ruder ganz ein und legte sie vor sich hin.

»Was ist das?« rief der junge Mann, ihn fast entsetzt anstarrend. »Was soll das?«

»Ich kann nicht weiter, ich bin zu müde,« antwortete der Rotbart mit einem unverschämten Grinsen.

»So will ich das eine Ruder nehmen!« rief der Franzose. »Schnell, nur schnell!«

»O nein, das ist bei uns nicht Sitte, bei uns rudern die Signori nicht,« antwortete der Fährmann mit einem höhnischen Lachen. »Aber geben Sie zwei Napoleons zu – vielleicht geht es dann!«

»Elender!« tief der junge Mann, der jetzt die Prellerei begriff. »Ich schlage Dir den Schädel ein, wenn Du nicht mit ganzer Kraft ruderst! Also so ist es gemeint? Du Lump! Vorwärts!«

»Schlagen Sie mir den Schädel ein, Exzellenz, wenn's beliebt,« sagte der Rotbart lachend. »Aber der Dampfer wird Sie dann wohl nicht aufnehmen, und Sie werden Bekanntschaft mit den neuen Polizeisoldaten des Re Galantuomo machen, die schlimmer sind als die des alten Erandura!«

»Es sei, Elender!« rief er. »Aber vorwärts!«

»Erst das Geld, Signore!« rief der Bootsmann und hielt ihm mit spöttischer Höflichkeit die Hand hin.

Inzwischen begann der Schornstein des Schiffes gewaltig zu dampfen, und die mächtigen Schaufelräder machten einige Bewegungen hin und zurück. Der junge Mann stieß fast einen Schrei vor Wut aus und warf die beiden Napoleons auf den Boden des Bootes. Der Fährmann wollte sie ganz gemächlich aufheben.

»Meine Geduld ist zu Ende!« rief jetzt der Franzose. »Vorwärts – oder ich zerschmettere Dir den Schädel!«

Und er riß einen Revolver aus der Tasche.

Der Bootsmann erbleichte und zuckte zusammen. Aber seine Ueberlegung mochte ihm sagen, daß der Fremde um seiner selbst Willen nicht zu einem so verzweifelten Mittel greifen werde, und er wollte ruhig fortfahren, die Goldstücke zu suchen, als der junge Mann seinen Arm ergriff und ihm in einem Tone, der seinen Zweifel mehr zuließ, ins Ohr flüsterte:

»Noch einen Moment, und Du bist des Todes!«

»So geben Sie noch einen Napoleon, Exzellenza – ich bin ein armer Mann!« sagte der Rotbart mit verstellter Unterwürfigkeit. »Haben Sie Erbarmen, Gott wird es Ihnen lohnen!«

Dann aber, als er sah, daß der junge Mann blaß wurde und das Pistol erhob, griff er schnell zu den Rudern und begann zu arbeiten. Das Dampfboot beschrieb einen Bogen, wartete aber und konnte noch erreicht werden. Der Franzose war jetzt nur noch hundert Schritt davon entfernt und rief immer: »Vorwärts!«

»Und den einen Napoleon, den mir Exzellenza noch versprochen?« fragte der Rotbart in dem früheren Ton.

»Du sollst ihn haben, an der Treppe,« sagte der Franzose. »Aber jetzt vorwärts! Sonst springe ich ins Wasser und schwimme nach der Treppe.«

Der junge Mann sah wohl so aus, als ob er Wort halten könne, und der Rotbart setzte seine Ruder wieder in Bewegung. Der Franzose nahm seine Reisetasche in die linke Hand, in der rechten hielt er den versprochenen Napoleon. Er ließ ihn ins Boot fallen, sobald er den einen Fuß auf der Treppe hatte. Dann, mit der rechten Hand das Geländer der Treppe ergreifend, gab er dem Boote, in dem jetzt der Rotbart aufrecht stand, einen so gewaltigen und zugleich geschickten Stoß, daß der Fährmann über Bord flog und das Boot, bei seinem Versuch, sich zu halten, umschlug.

Der junge Franzose stieg nun ruhig die Treppe hinauf, während das Schiff sich bereits in Bewegung setzte. Auf dem Deck erschallte lautes Gelächter und Jubelgeschrei, und der Fremde wurde mit Bravo- und Beifallsrufen empfangen.

Inzwischen war der Fährmann aus dem Wasser wieder aufgetaucht. Mit seinem triefenden Haar und Bart, seinen vor Wut und Schrecken starren Augen, bot er ein so komisches Bild, daß die Passagiere auf dem Deck in ein neues stürmisches Gelächter ausbrachen. Und als der junge Passagier oben auf der Brüstung erschien und ihm lächelnd zuwinkte, ballte der Rotbart die Faust und stieß einen Wutschrei aus.

Dann trat der junge Franzose sogleich von der Brüstung zurück und blickte über das ganze Deck des Dampfers. Offenbar fand er nicht, was er suchte, denn seine Mienen blieben unbefriedigt.

Das prächtige Schauspiel der ins Meer versinkenden Sonne beschäftigte jetzt fast alle Passagiere auf dem Deck. Der junge Franzose aber stieg in die Kajüte hinab, in den Salon, der meist von Damen eingenommen war. Auch dort schien er nicht zu finden, was er suchte, und mit einer Miene, die jetzt fast bestürzt und traurig geworden war, kehrte er auf das Deck zurück und warf sich endlich ermüdet, abgespannt und mißmutig auf einen Feldstuhl.

Er hatte die Füße dabei ein wenig weit von sich gestreckt, über die einer der Passagiere, ein baumlanger, magerer Herr mit einem langen Plaid, stolperte. Der junge Franzose entschuldigte sich sehr artig und zog die Füße zurück. Der Lange aber stand still und rief dann mit verwunderter Stimme:

»Ist es möglich? Wahrhaftig, Tréport, Sie müssen es sein!«

»Ich bin es auch. Und Sie – alle Wetter, Sie sind es, Bellefleur?«

»Ihnen zu dienen, Herr Baron,« antwortete der Lange.

»Ich freue mich, Sie zu sehen, Bellefleur!« sagte Tréport, ihm die Hand reichend. »Sie sind vermutlich die einzige lebende Seele auf diesem Fahrzeug, die ich kenne. Kehren Sie nach Frankreich zurück?«

Der andere hatte sich auf einen Feldstuhl gesetzt; er bat sich von Tréport Feuer aus und zeigte dabei ein langes, schmales Gesicht mit einem dünnen, hochblonden Schnurrbart und Backenbart, der ihm, im Verein mit seiner Gestalt, und seinem lässigen Wesen, ein bei weitem mehr englisches als französisches Aussehen gab.

»Ja, ich kehre zurück,« antwortete er. »Ich war über ein Jahr fort und habe mir alle Herrlichkeiten Aegyptens, Syriens, Kleinasiens, Konstantinopels und Griechenlands so genau angesehen, daß ich sie jetzt so satt habe, wie nur jemals den Boulevard des Italiens, unsern Klub und das Café Riche. Ich kenne die Zirkassierinnen genauer, als die Mädel von den Variétés. Apropos – was macht Fifine?«

»Fifine? Ich weiß wirklich nicht,« antwortete Tréport etwas zerstreut.

»Oho – das ist aus?« fragte Bellefleur. »Natürlich – ich bin ja über ein Jahr fort! Und Batavia?«

»Ach du lieber Himmel – was weiß ich davon!« rief Tréport. »Ich habe mich schon lange nicht mehr darum gekümmert. Geben Sie sich keine Mühe, Bellefleur, ich weiß von alledem nichts mehr!«

»Wie lange sind Sie denn von Paris fort?« fragte der andere.

»Ich? – nun, ungefähr vier Wochen, mein Urlaub dauert nicht länger,« sagte Tréport.

»Vier Wochen!« rief Bellefleur, »und da wissen Sie von nichts mehr? Teuerster Freund, da weiß ich etwas – Sie sind verliebt!«

»Wirklich? Es wäre nicht absolut unmöglich,« antwortete Tréport.

»Ich habe es erraten, nicht wahr?«

Tréport antwortete nicht, er blickte nachdenklich vor sich hin.

»Kehren Sie nach Paris zurück, um das alte Leben weiterzuführen, Bellefleur?« fragte er dann.

»Warum nicht – wenn es geht!« antwortete er. »Was kann man Besseres haben, solange die Börse herhält und die Lust die gleiche bleibt! Von allen langweiligen Orten ist Paris noch am wenigsten langweilig.«

»Dann werden wir uns in Paris wenig sehen,« antwortete Tréport.

Der andere lachte leicht vor sich hin und sagte dann:

»Nun, vielleicht; allerdings ist es für Sie bald Zeit, sich zu rangieren. Sie werden alt. Sie müssen, wenn mich nicht alle meine Berechnungen täuschen, bald einundzwanzig Jahre alt sein!«

»Etwas darüber,« antwortete Tréport. »Lachen Sie nur. Aber ich habe keine Lust, mich in diesem Leben zu erschöpfen. Es ist für mich abgeschlossen! – Wie lange sind Sie auf diesem Schiff, Bellefleur?«

»Seit es angelegt hat,« antwortete dieser. »Was sollte ich in Livorno, es ist eine langweilige Krämerstadt. Neapel ist überhaupt der einzige Ort in Italien, der mir gefällt. Rom ist äußerst ennuyant, Florenz, Venedig nicht minder. Glauben Sie, daß aus diesem Italien je etwas werden wird?«

»Ich weiß es nicht, aber wir wollen es hoffen,« antwortete Tréport zerstreut. »Also, Sie waren so früh schon auf dem Schiffe? Dann haben Sie wohl die meisten Personen ankommen sehen?«

»Alle ohne Ausnahme, von der ersten bis zur letzten,« antwortete Bellefleur.

»Sie scheinen im Orient die Uebertreibung gelernt zu haben,« sagte Tréport. »Hätten sie die letzte gesehen, so würden Sie mich schon lange erkannt haben, denn ich war der letzte Ankömmling.«

»Ah, also Sie waren es? Sie haben recht. Ich war da gerade einigen Damen nachgegangen, die sich die erste Kabine aufschließen ließen, weil sie sich sogleich zur Ruhe begeben wollten. Müssen vornehme Leute gewesen sein, sahen sehr gut aus.«

»Beschreiben Sie« – unterbrach ihn Tréport sehr lebhaft. »War unter ihnen eine schöne, schlanke junge Dame, vielleicht neunzehn, zwanzig Jahre alt – sehr feines Gesicht, schwarzes Haar, aber viel hellere, sehr schöne Augen – auffallend kleinen Fuß?«

»Ah – Sie werden ja Feuer und Flamme!« rief Bellefleur. »Nur Geduld, Teuerster. Es war vor allem dabei ein ältlicher Herr, der jetzt wahrscheinlich im Salon sein Souper einnimmt und der mir aussieht, wie ein sehr anständiger Haushofmeister oder dergleichen.«

»Richtig, richtig, sie sind es!« rief Tréport jubilierend.

»Aha – also endlich tauen wir auf!« sagte Bellefleur. »Was tun Sie mir an, wenn ich nun plötzlich meinen Bericht unterbreche und Ihnen sage, daß ich weiter nichts gesehen habe? – Außer dem Dienstpersonal eine schöne, ältere Dame, Habichtsnase, starke Augenbrauen, noch sehr schöne Zähne –«

»Richtig, ganz recht!« rief Tréport. »Ja, ja, sie müssen es sein! Nur weiter!«

»Dann eine blonde Dame, ungefähr dreißig, scheint verheiratet zu sein –«

»Stimmt alles!« rief Tréport. »Und nun die Dame, von der ich sprach –«

»Daß ich nicht wüßte,« antwortete Bellefleur kalt und langsam. »Außerdem bemerkte ich nur noch ein schmächtiges, unbedeutendes Ding, allerdings mit dunklem Haar, wie Sie sagen, schien mir eine Art Gesellschafterin oder dergleichen.«

Tréport stand auf und zwang einige verdrießliche Worte hinunter. Als Mann von Takt begriff er, daß er Bellefleur durch sein ungestümes Wesen allerdings Grund zum Scherz gegeben habe.

»Fühlen Sie nicht jetzt, nachdem das Bedürfnis Ihres Herzens durch meine Mitteilungen gestillt ist, plötzlich ein unüberwindliches Bedürfnis des Magens?« fragte Bellefleur höflich. »Macht sich nicht die unterdrückte Natur jetzt durch einen sehr entschiedenen Hunger und Durst fühlbar?«

Tréport lachte laut auf.

»Wahrhaftig, Sie haben Recht!« rief er. »Sie sind ein feinerer Kenner der Natur als ich geglaubt habe! Lassen Sie uns zusammen soupieren. Werden Sie es glauben? Ich habe seit neun Uhr morgens nichts genossen.«

»Aeußerst glaublich!« sagte Bellefleur. »Ich kenne Leute, die aus unglücklicher Liebe verhungerten, und ich kenne auch andere, die so glücklich in der Liebe waren, daß sie zuletzt verhungern mußten, weil sie nichts mehr hatten. Also soupieren wir. Dort ist ein Tisch frei – die See ist ruhig. Lassen wir uns ein Licht bringen, damit wir einander sehen können, und versuchen wir, ob wir hier endlich etwas Gescheites zu essen finden.«

Er rief einen Kellner.

Bald darauf saßen sie vor einem leidlich besetzten Tisch und begannen ruhiger und vernünftiger als vorher über ihre persönlichen Angelegenheiten zu plaudern. Bellefleur, der das spöttische Pariser Wesen mit echtem englischen Phlegma vereinigte, war einige Jahre älter, als Tréport, und, da seine Eltern gestorben, sein eigener Herr. Tréport war der Sohn eines französischen Generals, Maximilian Morel, Baron de Tréport, und hatte mit Auszeichnung bereits in Algier und Italien, ja sogar als Knabe schon an der Seite seines Vaters in der Krim gefochten. Der Vater war ein sehr reicher Mann, aber Edmond hatte den Dienst so streng üben müssen, wie der ärmste Leutnant, und dieser vierwöchentliche Urlaub, den er zu einer Reise nach Neapel und Rom benutzte, war die erste derartige Erholung gewesen, die ihm der strenge Vater gegönnt hatte.

Das Gespräch, bei dem Edmond de Tréport allmählich wieder ziemlich einsilbig wurde, drehte sich hauptsächlich um Pariser Bekanntschaften, deren wechselvolle Erlebnisse der längere Zeit abwesende Bellefleur zu erfahren neugierig war. Bellefleur flocht dann auch einige seiner Reiseerlebnisse ein. Endlich, als der junge Kapitän nur noch sehr zerstreut zuhörte, verlor Bellefleur die Geduld.

»Mann!« rief er. »Sie verdienen in der Tat gar nicht nach Paris zurückzukehren, wenigstens nicht in unsere Kreise. Sie sind ja ein Philister ersten Ranges geworden. Wenn es denn so schwer auf Ihrem Herzen liegt, so machen Sie sich doch Luft. Wer ist sie? Sprechen Sie doch endlich – ich werde sonst müde! Hoffentlich lieben Sie nicht hoffnungslos. Ein Mann, wie Sie, Sohn eines steinreichen Vaters, zukünftiger Marschall von Frankreich, kann eine Herzogin, ja, eine Prinzessin heiraten, wenn er will! – Also brechen Sie das Schweigen, öffnen Sie Ihr Herz! Ich will Sie ermuntern: es war wirklich ein hübsches Mädchen –«

»Nicht wahr?« rief Tréport eifrig, während Bellefleur ein Lächeln unterdrückte. »Keine regelmäßige, ideale Schönheit, aber das Herz fesselnd.«

»Haben Sie die Dame schon früher gesehen?« sagte Bellefleur.

»Nein, ich wüßte nicht, obgleich ich viel darüber gegrübelt habe,« antwortete Tréport, neigte den Kopf und schien nachdenken zu wollen.

»Halt! Nicht wieder träumen!« rief Bellefleur. »Ich bin nun einmal Ihr Vertrauter geworden und will alles wissen.«

Tréport schien wirklich etwas beschämt über die Rolle, die er spielte.

»Ich bitte Sie um Verzeihung!« sagte er. »Aber wenn man zum ersten Male fühlt – und ich weiß auch gar nicht, was ich zu erzählen hätte – es ist so wenig – fast nichts –«

Bellefleur drang nicht weiter in ihn, sondern sah mit erzwungenem Ernst ruhig vor sich hin.

»Es war in Neapel, bei einer Besteigung des Vesuvs –« sagte Tréport zögernd, und als Bellefleur ihm aufmunternd zunickte, fuhr er fort: »Ich war ganz allein hinaufgestiegen, nur von einem einzigen Führer begleitet, obgleich das Wetter stürmisch war und überdies Regen drohte. Mein Führer, ein ältlicher, aber sehr erfahrener Mann, warnte mich vor dem Unwetter, das wir nach seiner Ansicht gewiß zu bestehen haben würden. In der Tat hatten wir kaum das sogenannte Piano delle Cinestre erreicht, wo die Eremitage steht, als der Sturm mit solcher Gewalt losbrach, daß ich glaubte, mit meinem Maultier die Felsen hinabgeweht zu werden – genug, die Expedition mußte für diesen Tag aufgegeben werden. Ich beschloß, in der Eremitage Schutz zu suchen, ritt dorthin, und gerade vor ihr sah ich eine Gesellschaft im schnellsten Lauf den Abhang des Vesuvs herabkommen. Es waren vier Damen und vier Herren. Das Maultier der einen Dame war bei dem scharfen Ritt wild geworden und schoß den übrigen voraus an der Eremitage vorbei. Die Dame kam aus dem Steigbügel und auch aus dem Sattel. Sie ließ einen ängstlichen Ruf ertönen, denn das Tier war vom Wege abgekommen und konnte leicht fehltreten. In einem Nu war ich von meinem Maultier unten, neben dem der Dame, ergriff ihre Hand, ließ sie von dem Tiere heruntersteigen, bot ihr des heftigen Windes wegen meinen Arm und winkte meinem Führer, damit er die Tiere zurückgeleite. Das alles war natürlich das Werk einer einzigen Minute –«

»Natürlich,« sagte Bellefleur.

»Die Dame hatte einen sehr dichten Schleier vor dem Gesicht, aber ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie jung und schön sei,« fuhr Edmond de Tréport fort. »Was mir vor allen Dingen an ihr gefiel, war ihre Festigkeit und Sicherheit bei dem wirklich furchtbaren Wetter. Vor der Eremitage kam ein ältlicher Herr, um mir zu danken und mich von meiner Mühe zu befreien. Wir traten nun alle in die Eremitage, die bereits sehr angefüllt von Menschen war. Mein Schützling entschleierte sich nun, und ich entdeckte – doch, was soll ich Ihnen sagen? Sie haben sie gesehen und scheinen nicht meiner Ansicht zu sein –«

»Gewiß,« bestätigte Bellefleur. »Der Geschmack ist glücklicherweise auf der Welt sehr verschieden. Hätte ich mich in jene Dame verliebt, so hätte ich Ihnen sicherlich keine Auskunft gegeben.«

»Genug, sie machte Eindruck auf mich,« sagte Tréport. »Es wurde mir ganz wundersam zumute. Diese schönen, so kühnen und doch wieder so sanften Augen, dieses Lächeln, dann wieder der träumerische Blick. – Nein, vergebens besann ich mich. Ich konnte den Blick nicht von ihr wenden. Sie bemerkte es und sah nicht mehr zu mir herüber. Nähern konnte ich mich ihr nicht. Das Gedränge in dem kleinen Raum machte dies ganz unmöglich. Aber mein Entschluß, ihr zu folgen, und nicht eher zu ruhen, als bis ich eine schickliche Gelegenheit gefunden, mich ihr zu nähern und vorstellen zu lassen, stand fest. Die vierte Dame schien eine Begleiterin oder Dienerin zu sein. Kaum hatte sich das Unwetter ein wenig gelegt, als die Gesellschaft aufbrach. Der Gruß, mit dem ich mich von der Gesellschaft verabschiedete, wurde von der jungen Dame sehr artig erwidert, es war mir sogar, als liege in dem begleitenden Blick eine leichte Ermunterung. Ich folgte mit meinem Führer. Unten in Resina standen zwei Equipagen. Sie bestiegen sie und fort waren sie. Ich konnte ihnen natürlich nicht so schnell folgen, denn der nächste Zug ging erst in zwei Stunden, zog jedoch Erkundigungen bei ihren beiden Führern ein und erfuhr auf diese Weise den Gasthof, in dem sie in Neapel wohnten. Kaum in Neapel angekommen, begab ich mich dorthin und erkundigte mich, wer die Gesellschaft gewesen sei, die am Nachmittag einen Ausflug nach dem Vesuv gemacht habe. Man nannte mir den Namen einer sehr vornehmen Engländerin, einer Witwe. Von den beiden jüngeren Damen sei die blonde eine Verwandte der Engländerin, die andere aber, wie es scheine, nur eine Freundin der Familie. Die Begleiter der Damen seien Herren aus Neapel und der Intendant gewesen. Sie seien nach Rom abgereist. Nach Rom! Das war ein Donnerschlag für mich. Ich wäre am liebsten sogleich aufgesprungen, – doch ich werde zu ausführlich – Sie gähnen, Bellefleur?«

»Verzeihung, nur ein klein wenig Abspannung, nichts weiter,« erwiderte der Freund lächelnd.

»Also ich kam nach Rom,« fuhr Edmond fort. »Mein Urlaub lautet nur auf achtundzwanzig Tage. Zehn Tage war ich in Neapel gewesen, blieben achtzehn. In Rom vergingen volle vierzehn Tage, ohne daß ich auch nur eine Spur von meinen Damen entdeckte. Endlich eines Tages bei einem Ritt um die Stadt sehe ich vor einem Tor drei Reisewagen die Stadt verlassen. Wie von einer Ahnung getrieben, reite ich auf sie zu und erkenne im ersten Wagen die drei Damen, im zweiten den Intendanten und einige Diener. Ich grüße – man erwidert meinen Gruß höflich, sogar mit einem gewissen Ausdruck des Wiedererkennens – und vorüber sind sie. Der Richtung des Wagens nach zu schließen, konnten sie nur nach Florenz gefahren sein; am anderen Tage war ich auf dem Wege nach Florenz. Vergebens die Hoffnung, sie unterwegs zu treffen, vergebens die Erwartung, ihnen sicherlich in Florenz zu begegnen – erst gestern sah ich sie in ein Hotel treten, und als ich mich eine Stunde darauf erkundigte, sind sie inzwischen mit der Eisenbahn nach Pisa gefahren – fort! Das ward mir zu arg. Nun setzte ich erst recht meinen Kopf darauf, ihnen zu folgen. Ich wollte mich nicht vom Zufall narren lassen. In Pisa erkundigte ich mich und erhielt die Auskunft, sie hätten einen Wagen genommen und wären nach einer Villa in der Nähe gefahren, vermutlich, um dem Besitzer einen Besuch zu machen. Ich war jetzt zum Aeußersten entschlossen, und selbst auf die Gefahr hin, unverschämt zu erscheinen, nahm ich einen Wagen und fuhr nach jener Villa. Zn dem Gasthaus eines benachbarten Dorfes stieg ich ab und erfuhr, daß die Gesellschaft bei dem Besitzer der Villa eingetroffen sei und dort über Nacht bleiben werde. Ich hielt mich nun in dem Dorfe verborgen. Bis mir heute nachmittag ein Bursche aus dem Wirtshaus, den ich zu meinem Spion gemacht hatte, berichtete, die Herrschaften hätten die Villa verlassen und den Weg nach Livorno eingeschlagen. Ich folgte ihnen in meinem Wagen; unglücklicherweise aber kam uns an einer schmalen Stelle des Weges ein anderer Wagen entgegen und fuhr so unglücklich gegen den meinen, daß das eine Pferd schwer verletzt wurde. Ich fand mich mit meinem heulenden und schreienden Kutscher ab und ging bis zum nächsten Städtchen zu Fuß, nicht ohne Besorgnis, daß mir das Dampfboot vor der Nase abfahren werde. Nach unendlich vielem Hin- und Herfahren erhielt ich in dem Städtchen ein gutes Fuhrwerk. Ein reicher Signor bequemte sich, gegen fünf Napoleons mir seinen Wagen bis Livorno anzuvertrauen. Und so bin ich denn gerade noch vor Torschluß gekommen. Das ist meine Geschichte!«

Als Tréport schwieg, fuhr Bellefleur auf, wie jemand, der eben im Einschlafen begriffen war.

»Ah – ah!« sagte er. »Also das ist die Affäre! Aeußerst interessant! Ganz ungewöhnlich! Nun, ich wünsche Ihnen viel Glück, auf dem Dampfboot kann es Ihnen gar nicht fehlen. – Aber verzeihen Sie mir – Sie gehen gewiß die Nacht nicht schlafen, ich aber möchte morgen gern recht frisch in Genua ankommen. Also will ich sehen, ob ich noch eine Kabine finde. Gute Nacht, mein lieber Kapitän! Sie laden mich doch zu Ihrer Verlobung oder wenigstens zur Hochzeit ein?«

»Gewiß!« antwortete Tréport lachend. »Gehen Sie nur zu Bett, Sie können kaum mehr stehen.«

»Ja, in meinen Jahren!« murmelte Bellefleur, der einige Jahre älter war, als Tréport. »Gute Nacht!«

Er ging verschlafen nach dem Eingang zum Salon.

Tréport blieb oben allein. Es war eine wundervolle Nacht. Die Luft war kühl. Noch befanden sich Passagiere auf dem Deck. Tréport ging auf und ab. Er glaubte den Intendanten der Damen zu bemerken, der an der Brüstung saß und in das leicht bewegte Meer hineinschaute. Sollte er es wagen und ihn anreden? Er überlegte noch, als der alte Herr sich erhob und in der Dämmerung verschwand. Die Gelegenheit war vorüber.

Edmond bedachte, daß es am Ende das Vernünftigste sei, ebenfalls einige Stunden zu schlafen und sich auf diese Weise für alle Vorkommnisse des nächsten Tages zu stärken. Er fand noch eine unbesetzte Schlafstätte und bald hatten ihn seine Gedanken in den Schlaf gewiegt. Die Fahrt von Livorno nach Genua ist ziemlich lang. Tréport hatte dem Aufwärter befohlen, ihn um vier Uhr morgens zu wecken, und der junge Franzose war, als er nun wieder auf das Deck gestiegen war, recht unangenehm überrascht, daß das Wetter inzwischen sehr stürmisch und regnerisch geworden war. Auf dem Deck waren nur wenige Passagiere. Für Edmond war also jede Hoffnung verloren, seine schöne Bekannte vom Vesuv noch auf dem Schiffe zu sehen.

Man war nicht mehr weit von Genua. Nach und nach kamen die Passagiere auf Deck, frierend in ihre Mäntel gehüllt, die Damen mit Kapuzen auf dem Kopfe und dicht verschleiert. Es wäre fast unmöglich gewesen, irgend jemand zu erkennen. Edmond entdeckte jedoch den alten Intendanten, und bald sah er neben ihm auch vier Damen. Er erkannte sogleich in der einen die Dame seines Herzens. Doch wagte er sich nicht in ihre Nähe. Er begnügte sich, sie aus einiger Entfernung zu betrachten.

Jetzt tauchte auch die lange Gestalt Bellefleurs zwischen den anderen Passagieren auf.

»Guten Morgen, Tréport!« sagte er und schüttelte sich. »Das ist ein freundliches Wetter – ein Vorbote der Heimat. – Da sind ja Ihre Damen! Kommen Sie, lassen Sie uns vor ihnen defilieren, vielleicht ist Ihnen Cupido günstig.«

Es war Tréport nicht lieb, mit seinem Bekannten von den Damen gesehen zu werden. Aber es bot sich auf diese Weise doch immer eine Gelegenheit, an den Damen vorüberzugehen. Die beiden gingen also das Deck entlang. Aber die Damen waren so dicht verschleiert, daß es ganz unmöglich war, ihre Gesichtszüge zu erkennen und zu erraten, ob sie sich des Fremden vom Vesuv erinnern. Auch ertönte jetzt die große Glocke. Auf dem Deck entstand das gewöhnliche Gewirr. Es kostete Edmond Mühe, in der Nähe der Damen zu bleiben. Zu seinem Leidwesen hielt sich Bellefleur auch immer dicht neben ihm und schien ihn nicht verlassen zu wollen.

»Bellefleur,« sagte Tréport mit etwas gepreßter Stimme, »Sie wissen, daß ich den Damen folgen will. Es wird wahrscheinlich für einen leichter sein, dies zu tun als für zwei ...«

»Da irren Sie sich!« antwortete Bellefleur ruhig. »Indessen wie Sie wollen. Es soll mich sehr wundern, ob Sie bei diesem Wetter so schnell ein Boot bekommen, wie Sie denken. Ihre Damen stehen dicht an der Treppe und werden vermutlich zu den ersten gehören, die das Schiff verlassen. Mein Boot liegt bereit – ich sehe es schon!«

»Ihr Boot?« rief Tréport verwundert.

»Jawohl: ich habe einem Bekannten geschrieben, daß ich heute morgen in Genua ankomme.«

Es unterlag gar keinem Zweifel, daß dieses Boot alle übrigen an Schnelligkeit übertreffen werde und jedem anderen Boote folgen konnte. Edmond de Tréport schien deshalb auch plötzlich seinen Widerwillen gegen Bellefleurs Begleitung zu verlieren.

Sie drängten sich durch die Menge hindurch.

Gleich darauf waren sie in dem Boot, und Bellefleur stellte seinen Freund Tréport dem Besitzer des Bootes vor, der ein in Genua ansässiger Franzose war. Das Boot ruderte nun dem Ufer zu. Natürlich verlor Tréport die Damen nicht aus dem Auge, und Bellefleur entschuldigte ihn wegen seiner Zerstreutheit lachend bei seinem Genueser Freunde.

Wie es eigentlich gekommen – ob sich Edmond in dem Gewirr geirrt, ob das Boot der Damen eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte – das wußte er nachher durchaus nicht, aber so viel stand fest, daß zu Edmonds grenzenlosem Erstaunen die Damen nicht an der Stelle landeten, wo alle anderen Passagiere ausstiegen, und daß er sie also abermals verloren hatte.

Bellefleur konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er den jungen Kapitän mit vollkommen trostlosem Gesicht auf dem Quai stehen sah.

»Sie hätten am Ende doch lieber allein fahren sollen,« sagte er mit leichtem Spott. »Ich will Sie indessen nicht lange in dieser Verzweiflung lassen. Die Damen wohnen in der »Pension Matteo«. Sie bleiben den heutigen Tag in Genua und fahren morgen früh ab. Sie können sich also heute in aller Ruhe Ihren Freunden widmen.«

Edmond de Tréport war wie mit Purpur übergossen.

»Aber woher wissen Sie das?« stammelte er.

»Ganz einfach daher, daß ich den Intendanten mit dem Kapitän des Schiffes sprechen hörte,« antwortete Bellefleur. »Sie haben also den ganzen Tag für sich. In der Pension Matteo werden wir uns mit Hilfe eines Freundes nach den weiteren Reiseplänen der Damen erkundigen. Wenn mich nicht alles täuscht, so haben sie ebensoviel Eile, als wir, nach Paris zurückzukehren.«

Bei ihrer Wanderung durch Genua sprachen sie auch in der Pension Matteo vor, und hörten, daß die Gesellschaft am anderen Morgen nach Nizza fahren wolle, und das war immerhin ein Fingerzeig.

Wer weiß, wie lange diese Verfolgung gedauert hätte, wenn nicht in Nizza der Zufall ein Zusammentreffen herbeigeführt hätte. Es schien, als habe der Zufall Bellefleur dazu ausersehen, zu vermitteln, was Tréport allein nicht wagte.

Auf der belebtesten Promenade in Nizza waren sie einige Male an den Reisenden vorübergegangen: Edmond hatte sehr ehrerbietig gegrüßt und einen höflichen Gruß der jungen Dame als Erwiderung erhalten – das war alles gewesen. Plötzlich hob Bellefleur mitten aus der Promenade ein Armband auf.

»Gewonnen!« rief er. »Tréport, Sie sind ein Glückslind! Der Himmel begünstigt Sie trotz Ihrer – nein, was sage ich, gerade wegen Ihrer Einfalt!«

»Aber was ist denn?« rief Edmond verwundert. »Nun, dieses Armband gehört der jungen Dame,« antwortete Bellefleur. »Ich habe es vorher an ihrem Arm gesehen. Die Gelegenheit ist da – überreichen Sie es ihr!«

»Aber ich habe es nicht gefunden, das ist Ihre Sache!« antwortete Tréport zögernd.

»Sie sind doch, verzeihen Sie mir, Sie sind ja verliebt!« erwiderte Bellefleur. »Sehen wir uns doch ein wenig das Armband an, vielleicht ist der Name darin.«

Das war nun aber nicht der Fall. Das eine Glied des sehr schönen Armbandes enthielt nur die Buchstaben I und T.

»Gut, wenn Sie nicht wollen, so übergebe ich es selbst,« sagte Bellefleur. »Aber natürlich werden Sie sich für alle Fälle in der Nähe halten, damit Sie bei der Hand sind.«

Tréports verlegene Miene zeigte, wie viel Angst er bei dem Gedanken empfand, daß er irgend einen törichten Streich machen könne. Allein schon schritt Bellefleur in gerader Richtung auf die Damen zu, und Tréport mußte ihm folgen.

»Verehrte Damen,« sagte er, »erlauben Sie, daß ich Sie einen Augenblick in dieser Wanderung angesichts des schönsten Meeres Europas störe –«

Er unterbrach sich, denn der Blick, mit dem ihm die junge Dame antwortete und sich dann abwandte, war allerdings geeignet, auch dem Mutigsten einen leichten Schrecken einzuflößen. Bellefleur aber stockte nur einen Moment, dann hielt er das Armband, das er bis dahin in der hohlen Hand verborgen hatte, der Dame hin.

»Ich habe dieses Armband soeben gefunden,« sagte er, »ich vermutete nur, daß es Ihnen gehört.«

Das war nun freilich eine Anrede, auf die geantwortet werden mußte. Die junge Dame sah unwillkürlich nach ihrem Arm und rief:

»In der Tat, es ist mein Armband – ich hatte es verloren. Mein Herr, ich bin Ihnen unendlich dankbar!« Damit wäre nun eigentlich auch dieses Zusammentreffen beendigt gewesen, aber Bellefleur war nicht der Mann, sich so leicht zurückschlagen zu lassen.

»Verehrteste Dame,« sagte er, »es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß die Gesetze aller Länder einen Finderlohn festsetzen.«

Die Dame sah ihn an:

»Was beanspruchen Sie?« fragte sie höflich aber kalt.

»Nichts weiter, als daß Sie die Güte haben möchten, mir zu sagen, wem ich durch Zufall einen so unbedeutenden Dienst erwiesen!« antwortete Bellefleur.

Die Dame sah ihn leicht überrascht an; seine Worte und seine Mienen waren die eines Mannes vorn besten Tone gewesen, daß sie seine Bitte nicht gut abschlagen konnte.

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht – mein Name ist Inez de Toledo!« sagte sie.

Ein leichter Ausruf ließ sie in diesem Augenblick nach der Richtung blicken, in der Edmond sich befand.

»Ist es möglich?« rief er, »Sie sind es, Inez? – Mein Name ist Edmond de Tréport!«

Diesmal war die Ueberraschung auf seiten der Dame. Inez blickte ihn an, zuerst ein wenig fremd.

»Edmond!« rief sie, ihm ihre Hand entgegenstreckend. »Nun weiß ich, weshalb ich Sie schon zu kennen glaubte!«

»Und ich weiß, weshalb Sie mir wie ein Traumbild erschienen, das Leben und Wirklichkeit geworden!« rief Edmond und ergriff in Begeisterung die Hand der jungen Dame und zog sie an seine Lippen. »Welch ein Wiedersehen nach zehn Jahren! Ich bin Ihnen nicht vergebens gefolgt!«

Es lag so viel in dem glückstrahlenden Blick des jungen Mannes und mehr noch in seinen Worten, daß Inez die Augen senken mußte und ihre Wangen sich mit einer leichten Röte färbten. Aber mit Selbstüberwindung faßte sie sich sogleich und sagte lächelnd und zu ihren Begleiterinnen gewendet.

»Myladies, dieser Herr, der mir schon auf dem Vesuv einen Ritterdienst erwies und der mir, wie ich Ihnen sagte, vom ersten Augenblick an bekannt erschien, ist der Gespiele meiner Kindheit, Herr Edmond de Tréport.«

»Kapitän Tréport!« schaltete Bellefleur ein.

»Also Kapitän Tréport,« sagte Inez lächelnd, »der Sohn einer Familie, die mit der unsrigen einst aufs Innigste befreundet war. Wie geht es Ihrem Vater, Ihrer Mutter, Kapitän?«

Tréport schwamm in einem Meer von Glück, er schien für die Frage kein Gehör und Verständnis zu haben und sagte zerstreut:

»O, gut, gut! Warum hat die unselige Politik unsere Familie getrennt? Meine Eltern sprechen von niemand mit größerer Achtung, als von Ihrem Vater und Ihrer Mutter. Welchen Dank sind sie ihnen schuldig! O, diese böse Politik!«

»Nun, uns wird sie hoffentlich nicht trennen!« sagte Inez mit einem Blick, in dem Aufmunterung und Warnung lag. »Wollen Sie uns nicht Ihren Freund vorstellen, dem wir dieses Wiederfinden zu verdanken haben?«

Die Vorstellung geschah. Die beiden Engländerinnen waren näher getreten. Inez stellte die Mutter als Lady Wilstone, die jüngere als Lady Vermouth, ihre Tochter vor. Daß die Gesellschaft zusammenblieb, verstand sich von selbst. Es stellte sich heraus, daß Lady Wilstone, eine Freundin der Familie Toledo, mit ihrer Tochter einen Ausflug nach Italien gemacht, auf dem Inez sie begleitet hatte, deren Eltern sich in Amerika befanden. Jetzt kehrten sie nach Paris zurück. Natürlich wurde verabredet, daß die Reise gemeinschaftlich gemacht werden sollte.

Es war in der Tat so. Die Politik hatte zwei Familien einander entfremdet, die viele Jahre lang in der innigsten Freundschaft gelebt hatten.

Als Edmond Dantes, der frühere Graf von Monte Christo, sich seiner ungeheuren Reichtümer entledigte und als einfacher Missionar in die Welt zog, waren es die Familien Morel, Toledo und Büchting gewesen, die am reichsten mit irdischen Gütern von ihm bedacht wurden. Don Lotario de Toledo, Therese Büchtings Gatte, besaß große Besitzungen in dem nördlichen Teile Mexikos, den später die Vereinigten Staaten erwarben. Er lebte dort mit seinem Schwager Büchting einen Teil des Jahres, kam aber öfters mit ihm und seiner ganzen Familie nach Paris, um dort einige Monate zu verleben und im Zusammenhang mit Europa zu bleiben. Es war stets eine freudige Zeit für die drei Familien gewesen, wenn sie sich in Paris zusammenfanden, und die Kinder Morels, Edmond, Haydee und Eduard, bildeten die unzertrennlichen Spielgenossen von Alfonso und Inez', sowie von Eliza Büchting.

Indessen trat doch mit den Jahren eine gewisse Erkältung zwischen ihnen ein; Morel de Tréport, Edmunds Vater, war vielleicht der Gutmütigste, aber auch der Leidenschaftlichste von den Dreien. Von jeher ein Anhänger der Napoleonideen und nach der Erhebung Louis Napoleons auf den Kaiserthron mit Ehrenzeichen und Rangerhöhungen überschüttet, war ein blinder Anhänger des neuen Kaisertums geworden. Alle Handlungen des neuen Kaisers, selbst dessen große Irrtümer, galten ihm fast für himmlische Offenbarungen. Und doch waren Don Lotario de Toledo und Wolfram Büchting ebenfalls sehr eifrige Politiker, nur daß sie dem amerikanischen Systeme der Freiheit und Selbstregierung huldigten, und in dem neuen französischen Bevormundungssystem den Ruin des französischen Volkes sahen. General Morel de Tréport konnte es trotz seiner persönlichen Gutherzigkeit nicht lassen, die Politik immer wieder in den Vordergrund zu drängen, und so kam es denn, daß Toledo und Büchting den General mieden und zuletzt gar nicht mehr sahen. Später als Don Lotario an dem Gedeihen seiner amerikanischen Besitzungen Freude empfand, und Büchting sich in Virginien ankaufte, kamen sie mit ihren Familien nur selten und auf kürzere Zeit nach Europa und Paris. Edmond hatte aber Inez nicht sehen können, da sein Dienst in Italien und Algier ihn in jener Zeit von Paris ferngehalten hatte.

In London hatte die Familie Toledo die Bekanntschaft der Lady Wilstone und deren Tochter gemacht. Die Witwe hatte ein lebhaftes Interesse an Inez gefunden und sie, als Toledo nach Amerika zurückkehrte, bei sich behalten, um ihre letzten Studien in der Malerei und Musik zu leiten.

Die Rückreise nach Paris wurde jetzt für Edmond, der recht eifersüchtig auf Bellefleur wurde, sehr schwer. Bellefleur wußte sich offenbar bei den Damen in große Gunst zu setzen. Er verlor zwar sein Phlegma nicht, mäßigte aber doch seine etwas burschikose Offenheit und wußte durch seine drolligen und naiven Bemerkungen die Damen oft in die heiterste Laune zu versetzen, so daß er namentlich von Lady Wilstone äußerst wohlwollend behandelt und sogar mehr ausgezeichnet wurde als Edmond de Tréport. Aber auch Inez schien an Bellefleur allmählich Gefallen zu finden und plauderte gern mit ihm, so daß Edmond in der Tat eifersüchtig wurde.

So viel wußte er, daß er Inez liebte. Sie war vertraulich gegen ihn, freundlich, plauderte mit ihm, nahm seinen Arm, wenn er ihn ihr darbot, mit Vergnügen. Aber ließ sich daraus schließen, daß sie seine Neigung erwidere? Sie war sehr schön – Bellefleur der heimtückische Bursche! gestand es jetzt lächelnd zu – sie war außerdem sehr reich; Herzöge, Marquis und Grafen hatten sich in London und Paris um ihre Gunst beworben: was also konnte er ihr bieten, der junge Kapitän, dessen Vater sich freilich ebenfalls in glänzenden Verhältnissen befand und der einer Zukunft voll Auszeichnung, Ehre und Behaglichkeit entgegensah, aber doch immer nicht mit einem englischen Herzog wetteifern konnte?

Er hatte nicht den Mut, sich gegen Bellefleur auszusprechen. Es war ja möglich, daß sein Bekannter ebenfalls um die Gunst der schönen Amerikanerin warb. Was hätte ihn denn daran gehindert? Das Glück, das Edmonds Herz erfüllt hatte, als er in Nizza die ersten Worte mit Inez sprach, war bereits zur Qual geworden, als sie auf dem Lyoner Bahnhofe in Paris ausstiegen, und sich gegenseitig die Hände drückten, mit dem Versprechen, sich recht bald wiederzusehen.

Lady Wilstone wollte einige Tage in Paris bleiben. Es verstand sich von selbst, daß Edmond darum bat, sie seiner Familie vorstellen zu dürfen. Inez sah es ebenfalls als etwas ganz Natürliches an, daß sie Haydee de Tréport und den »Onkel Max«, dessen sie sich aus ihrer Kindheit noch sehr gut erinnerte, wiedersehen würde.

Bellefleur und Edmond fuhren in demselben Wagen nach Hause.

»Nun,« sagte Bellefleur plötzlich, »Sie haben mir noch gar nicht gedankt!«

»Gedankt? Wofür?« fragte Edmond verlegen.

»Ja, für die Gelegenheit, die ich Ihnen gegeben, eine Bekanntschaft zu erneuern und eine Eroberung zu machen, wie sie kein zweiter Sterblicher im Laufe dieses Jahrhunderts machen dürfte.«

»Scherzen Sie nicht, Bellefleur!« sagte Edmond ernst, »ich bin traurig genug. Sie kennen den Anfang, Sie werden auch das Ende sehen. Inez steht viel zu hoch über mir. Ich muß den Gedanken aufgeben.«

»Dann sind Sie – verzeihen Sie mir den Ausdruck – ein Narr!« rief der Andere. »Mademoiselle Inez ist sterblich in ihren Jugendfreund verliebt, und wenn sie nicht Ihre Frau wird, so sind Sie daran schuld.«

»Ich weiß nicht, aus welchem Grunde Sie mir das sagen.« antwortete Edmond düster. »Aber die Wahrheit ist es nicht.«

»Nun, bei Gott, Tréport, Sie sind wirklich noch etwas zu jung und verdienen diese Perle gar nicht!« rief Bellefleur ernster als jemals. »Ich sage Ihnen, das Mädchen liebt Sie aufrichtig, sie weiß es vielleicht selbst noch nicht, aber sie kann sich Ihnen doch nicht anbieten –?«

»Und ich werde ebensowenig den Mut dazu haben!« seufzte Edmond.

»Nun dann tut es mir wahrhaftig leid, daß ich mich in Konstantinopel verlobt habe!« rief Bellefleur.

»Wie denn – Sie sind verlobt?« fragte Edmond überrascht und ungläubig.

»Gewiß, mit der Tochter eines Griechen!« antwortete Bellefleur. »Die Eltern kommen im Winter nach Paris und werden sich hier dauernd niederlassen. Die Hochzeit ist im Winter. Sie sind natürlich eingeladen.«

Edmond errötete.

»Und Sie sagen mir das jetzt erst!« sagte er gleichsam zürnend.

»Mein Gott, für mich ist die Ehe wirklich etwas so rein Persönliches, daß ich gar nicht einsehe, weshalb man jeden Menschen mit der Nachricht von seiner Verlobung behelligen soll. Der Donna Inez habe ich die Photographie meiner Zukünftigen schon am ersten Tage, in Nizza gezeigt, und sie fand meine Braut leidlich hübsch, was sie auch ist.«

Damit hatten sie die Champs-Elysées erreicht und Edmond eilte in die Arme seiner Eltern. –

Vierzehn Tage waren seitdem verflossen. Solange war Lady Wilstone in Paris geblieben, und die Familie des Generals hatte die englischen Damen sowie Inez, die mit Jubel von dem General, seiner liebenswürdigen Gattin und Haydee begrüßt wurde, fast täglich bei sich gesehen. Stundenlang war Edmond täglich in Inez Gesellschaft gewesen, die mit Haydee, der reizenden Schwester Edmonds, eine innige Freundschaft geschlossen hatte. Der junge Kapitän war aber um nichts weiter gekommen. Er hatte auch nicht ein einziges Mal den Mut gehabt, ein entscheidendes Wort zu Inez zu sprechen.

Inez war gegen ihn unveränderlich freundlich gewesen. Er konnte sich gewiß nicht über sie beklagen. Aber war das etwas anderes als Freundschaft? Es nahte der Tag der Abreise der Damen heran. Höchstens vierzehn Tage wollten sie in Paris bleiben – und diese Zeit war verflossen!

Die Damen bewohnten ein schönes kleines Hotel in der Rue Faubourg St. Honoré mit einem prächtigen Garten, gar nicht fern von der Wohnung der Familie Tréport. Regelmäßig um 11 Uhr morgens begab sich Edmond zu ihnen, um mit ihnen zu verabreden, was den Tag über begonnen werden solle. Als er eben im Begriff war, sein Zimmer zu verlassen, sah er eine Ordonnanz mit einem dienstlichen Briefe eintreten; Edmond hatte noch Halburlaub, damit er die Anwesenheit der Damen mit möglichster Freiheit genießen könne. Da indessen das Gerücht ging, es sollten einige Bataillone Chasseurs nach Mexiko gesandt werden, so konnte der junge Chasseurkapitän jeden Tag erwarten, in den regulären Dienst einberufen zu werden.

Starr ward sein Blick, als er die Order des Obersten las: Morgen in aller Frühe, um sechs Uhr, sollte das Bataillon Tréport marschfertig auf dem Kasernenhof stehen, um mit der Eisenbahn nach Havre gesandt und von dort unverzüglich eingeschifft zu werden, um dann an dem Zuge nach Mexiko teilzunehmen. Zu jeder anderen Zeit hätte diese Nachricht den jungen Soldaten mit hoher Freude erfüllt. Jetzt traf sie ihn fast wie ein Donnerschlag.

Aber sie hatte doch ihr Gutes. Sie erfüllte ihn mit Mut, den er bis dahin nicht in seiner Brust gefühlt hatte. Er wollte Inez gestehen, daß er sie liebte. Ein solches Geständnis klingt und wirkt anders, wenn es, anstatt im friedlichen Salon, im Augenblick des Abmarsches, angesichts des möglichen Todes, von den bebenden Lippen dringt. Ohne seine Familie zu benachrichtigen, eilte er nach der Wohnung der Damen.

Er fand nur Lady Vermouth und Inez zu Hause. Inez sah augenblicklich, daß irgend etwas vorgefallen sei.

»Ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich morgen nach Mexiko marschiere,« sagte Edmond, als sie ihn hastig fragte. »Haben Sie etwas zu bestellen? Vielleicht machen wir eine Diversion nach dem Norden!«

Er sagte das lachend, um seine Aufregung zu verbergen. Inez war für einen Moment bleich geworden.

»Ah!« sagte sie dann mit etwas gepreßter Stimme. »So bald? Nach dem Norden werden Sie nicht kommen, das ist ja amerikanisches Gebiet. Gehen Sie gern?«

»Als Soldat gewiß,« antwortete Edmund, »Als einfacher Sterblicher wäre ich gern so lange in Paris geblieben, als Sie es durch Ihre Anwesenheit zu einem unvergleichlichen Aufenthalt machen.«

»Sie können auch derartige Komplimente sagen?« fragte Inez lächelnd. »Gut, daß ich das erst am letzten Tage erfahre! Uebrigens können Sie beruhigt sein – auch unsere Abreise ist auf morgen festgesetzt.«

»Sie glauben, es war ein Kompliment, Inez?« fragte Edmond jetzt, und das Herz pochte ihm: »Sie wissen doch, daß ich immer sage, was ich fühle. Werden Sie mir Ihre Erinnerung schenken, wenn ich auf lange, vielleicht auf immer von Ihnen scheide?«

»O Edmond, welche Frage?« rief Inez, und ihre Züge verrieten die Bewegung ihres Herzens. »Wir werden uns wiedersehen!«

Edmond ergriff ihre schmale Hand. Er wollte sprechen, aber die Worte versagten ihm. Dann rief er plötzlich:

»Inez – ich kehre vielleicht nie wieder – ich liebe Sie! Ich wollte das Geheimnis bewahren. Aber ich gehe mit leichterem Herzen, wenn ich diese schwere Last nicht mit mir nehme.«

Es war leicht zu erkennen, daß sich Inez Mühe geben mußte, die Erregung, von der sie ergriffen worden, zu verbergen. Dennoch lächelte sie und sah ihn mit einem eigenen Blick an.

»Sollte dies nicht ein Gepäck sein, das Sie in Mexiko zurücklassen werden?« sagte sie scherzend.

»Mit meinem Leben ja, sonst nicht!« erwiderte Edmond, der nun ganz offen sprach. »Ich wundere mich nicht, daß Sie darüber lächeln, Inez. Was kann ich Ihnen sein. Ich weiß gut genug, wie bescheiden meine ganze Existenz ist. Ich wage auch nicht, irgendeine Hoffnung auf meine Liebe zu bauen.«

»Mein lieber Edmond,« sagte Inez, plötzlich sehr ernst, »Sie begreifen wohl, daß Sie über etwas sprechen, das nicht nur uns beide und nicht nur diese Stunde betrifft. Ich habe vielleicht eine klare Antwort auf meinem Herzen, darf sie aber nicht aussprechen, da dieses Herz nicht allein mir gehört. Ich erwarte Sie heute abend pünktlich um elf Uhr. Ich selbst werde Ihnen die Tür des Vorgartens öffnen. Ziehen Sie nicht die Glocke! Wir werden dann zehn Minuten miteinander allein sein. Sind Sie zufrieden? – Da kommt Lady Vermouth.«

Edmond verabschiedete sich. Er war wie im Traume, als er nach seiner Wohnung zurückging. Welche Antwort hatte er denn eigentlich erhalten? Jedenfalls keine ablehnende. Aber was bedeuteten die rätselhaften Worte, daß ihr Herz nicht ihr gehöre? Meinte sie, daß sie auch den Eltern Rechenschaft schuldig sei, oder war sie bereits versagt? Und dann diese seltsame Einladung! Freilich waren beide so gute Freunde, daß sich Inez ihm gegenüber eine solche Freiheit erlauben durfte. Auf jeden Fall hatte sie ihm etwas sehr Inhaltsschweres mitzuteilen. Ob dies ihm günstig oder ungünstig sei – das war eben die Frage, die ihn beschäftigte und quälte.

Als er seinen Eltern und Geschwistern die Ordre mitteilte, fanden diese, daß er die Sache sehr leicht und gleichgültig nehme, General Tréport, der Vater, war erstaunt, daß Edmond die Marschordre nach Mexiko wie eine Spazierfahrt nach St. Cloud behandelte. Er konnte nicht ahnen, daß für Edmond der heutige Abend eine viel wichtigere Entscheidung in sich schloß, als der morgende Tag. Die Mutter war traurig und bestürzt, daß gerade ihr Sohn abermals für eine so gefährliche Expedition bestimmt worden war.

Edmond hatte in den nächsten Stunden alle Hände voll zu tun. Trotzdem war er pünktlich um 3 Uhr wieder im elterlichen Hause, und bald nach ihm trafen auch die Damen ein.

Es stand fest, daß sie ebenfalls am nächsten Tage Paris verlassen wollten. Dieser doppelte Abschied warf einen ernsten Schein über das Zusammenleben des letzten Tages. Edmond war bekümmert darüber, daß Inez ihm heute so wenig Aufmerksamkeit schenkte, daß sie fast nur für ihre Freundin Haydee Auge und Ohr hatte. Aber lag nicht die Verheißung des Abends vor ihm?

Er beobachtete Inez genau und wußte nicht, wie er manches in ihrem Wesen deuten sollte. Aber einmal flüsterte ihm Bellefleur ins Ohr:

»Du wirst heute abend das Jawort erhalten. Es scheint Alles zwischen Euch in Ordnung zu sein.«

Edmond antwortete unmutig darauf. Es war ihm fast unangenehm, daß Bellefleur alle seine Geheimnisse mit solcher Schärfe erriet.

Bei Tische begann der General mit seiner gewöhnlichen Begeisterung von dieser napoleonischen Idee zu sprechen; aber Lady Wilstone und Inez schienen kein Interesse an dem Thema zu finden.

»Es ist ein Glück,« sagte Inez, »daß unsere Besitzungen jetzt auf amerikanischem Grund und Boden liegen, sonst würde Alfonso, der sich jetzt gerade in Mexiko befindet, vielleicht Monsieur Edmond gegenüberstehen.«

Der Nachmittag und ein Teil des Abends verging. Es wurde fast halb elf Uhr und die Damen nahmen Abschied. Edmonds Herz klopfte laut, als er seine Hand in die bei Geliebten legte! Es war ja scheinbar ein Abschied, den sie nahmen!

Edmond nahm unmittelbar darauf Abschied von den Seinen, den Vater ausgenommen, der natürlich beim Abmarsch des Bataillons nicht fehlen wollte.

Und lauter noch klopfte Edmonds Herz, als er vor dem kleinen Vorgarten stand, der das Hotel von der Straße trennte! Was würde er erfahren? Würde Inez überhaupt kommen und mit ihm sprechen? Oder hatte sie sich nur einen Scherz machen, sich eine bestimmte Antwort und ihm die Bitterkeit der Trennung ersparen wollen?

Doch nein – eine dunkle weibliche Gestalt kam auf das Gitter zu. Sie war nach spanischer Art in einen Schleier gehüllt, so daß man sie nicht zu erkennen vermochte.

Es war Inez. Sie öffnete die Tür, ließ Edmond eintreten. Dann legte sie den Finger auf den Mund und ging leise voran, zu einem kleinen Pavillon.

In diesen Pavillon trat Inez und forderte Edmond auf, ihr zu folgen. Beim Eintritt sah er, daß der Pavillon nur matt durch eine Lampe erleuchtet war, auch diese schraubte Inez so tief herunter, daß sie fast erlosch. Dann blieb sie an dem Tisch mitten im Pavillon stehen und schlug den Schleier zurück. Ihr Gesicht war bleich und ernst; Edmond erschrak fast.

»Herr Kapitän,« sagte sie mit gedämpfter Stimme, »Sie sind wohl überzeugt, daß ich nur einem Manne von Ehre diese Zusammenkunft gestattet habe. Ich setze voraus, daß diese Unterredung stets ein Geheimnis zwischen uns Beiden bleiben wird.«

Edmond flüsterte eine bejahende Antwort, verbeugte sich und legte die Hand auf das Herz.

»Sie haben mir heute morgen gesagt, daß Sie mich lieben,« fuhr Inez fort. »Ich glaube nicht, daß ich dazu angetan bin, um mit mir Scherz treiben zu lassen. Antworten Sie mir nicht, ich bitte Sie!« sagte sie etwas schneller, als Edmond sie mit Beteuerungen unterbrechen wollte. »Ich setzte natürlich voraus, daß Sie es ernst meinen. Vielleicht glauben Sie auch nur, es ernst zu meinen. Ich für mein Teil verlange unbedingte, ganz vollkommene Hingebung in Tod und Leben. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen drei Fragen vorlege. Beantworten Sie diese aufrichtig! Bedenken Sie, daß, wenn Sie mir nicht die Wahrheit sagten, großes Unglück über uns Beide daraus entstehen könnte. Ich würde es Ihnen nimmer verzeihen, mich getäuscht zu haben. Bedenken Sie auch, daß von Ihrem Ja oder Nein vielleicht Leben oder Tod abhängt. Also, meine erste Frage: Haben Sie bereits ein anderes Mädchen geliebt? Die Frage mag Ihnen seltsam scheinen aus meinem Munde, aber Sie müssen sie bestimmt beantworten!«

Ein glühendes Rot lagerte auf Edmonds Gesicht. Durfte Inez eine solche Frage an ihn stellen? War es nicht eine Verletzung der Weiblichkeit? Im allgemeinen wissen alle jungen Mädchen, daß der Mann, den sie heiraten, bereits eine mehr oder weniger bedeutende Vergangenheit in der Liebe hinter sich hat. Der Mann pflegt auch, wenn er sonst gute natürliche Anlagen des Charakters besitzt, bei diesen leichten, flüchtigen, von ihm selbst oft nur als eine kaum zu vermeidende Notwendigkeit betrachteten Verbindungen den Kern seines Herzens zu bewahren und ihn der Reinheit und Unschuld entgegenzubringen, wenn er ihr in späteren Jahren begegnet. Das fühlen auch die Mädchen, sie wissen instinktmäßig, daß ein gewaltiger Unterschied zwischen dem ist, was sie tun und was die Männer tun. Sie sagen sich, daß mit dem Tage, an dem der brave Mann nur der einen Herz und Hand gelobt, die Vergangenheit für ihn erstorben ist.

Deshalb flammte Edmonds Gesicht in Scham und Verwirrung. Was wollte Inez mit dieser Frage? Wollte sie die Erwiderung seiner Liebe von der Antwort abhängig machen? – Sie hatte den Blick zu Boden gesenkt und schien noch bleicher geworden zu sein. Lag wirklich eine so entsetzliche Bedeutung in dieser Frage?

»Inez,« sagte Edmond kaum hörbar, »Sie wissen, daß wir in Paris –«

»Ja oder nein!« unterbrach ihn Inez leise, aber mit fester Stimme, ohne aufzublicken.

»Ja denn, ich bin schuldig!« antwortete Edmond. »Ich habe zwei Verhältnisse gehabt, an die ich mit Reue und Bekümmernis zurückdenke, seit ich weiß, welcher anderen, besseren Liebe ich fähig bin.«

»Das war meine erste Frage – ich danke Ihnen für die offene Antwort,« sagte Inez. Dann erhob sie den Blick und sah ihn so starr, so eigentümlich an, daß er fast zurückfuhr.

»Würden Sie den Mut haben, einen Mann, der zwischen mir und Ihnen steht, zu töten?« fragte sie kurz.

Edmond blickte sie an, als habe er sie nicht recht verstanden.

»Welchen Mann?« stammelte er.

»Nun, nehmen Sie an, es stände jemand zwischen unserer Liebe, zwischen unserer Verbindung,« ergänzte Inez, »irgend jemand, der ältere Rechte auf mich zu haben glaubt, oder dem ich Versprechungen gegeben hätte, die ich bereue, deren er mich aber nicht entbinden würde. Hätten Sie den Mut, jenen Menschen zu töten, wenn ich Ihnen sagte, daß mein Herz und meine Hand der Preis wären?« –

»Nein!« antwortete Edmond schnell. »Wie konnten Sie –«

»Still!« unterbrach sie ihn. »Sie haben nicht nach den Gründen zu forschen, aus denen ich frage, sondern nur zu antworten. Nun meine letzte Frage: Wenn ich Sie liebe, wenn aber irgend welche Gründe oder Verpflichtungen mich zwängen, einen anderen zu heiraten, würden Sie mein Geliebter bleiben wollen?«

Es zuckte einen Moment über Edmonds Gesicht, das jetzt viel ruhiger und fester geworden, als es vorher gewesen. Offenbar war der junge Soldat in seinem Innersten empört über das, was er hörte.

»Nein!« antwortete er dann ebenso schnell wie vorher. »Dazu habe ich Sie zu lieb, Inez. Ich würde zu entsagen, zu dulden wissen. Aber –«

»Genug, genug!« unterbrach sie ihn. »Keine Auseinandersetzung! Ich habe Ihre Antworten erhalten; sie sind sämtlich klar und bestimmt, wofür ich Ihnen danke. Meine Zeit ist um. Leben Sie wohl, Edmund!«

Sie reichte ihm die Hand. Er zögerte, sie zu nehmen. Hatte er sich so entsetzlich in dieser Inez getäuscht? Nur ein ränkevolles, verdorbenes Herz konnte derartige Fragen an ihn stellen.

Er nahm ihre Hand, aber wie die Hand einer Fremden.

»Leben Sie wohl, Inez! Ich werde Sie zu vergessen suchen!« sagte er dumpf und verstört.

Inez ging nach der Tür und öffnete sie. Edmond ging hinaus und folgte ihr um das Haus herum nach dem Vorgarten. Er war wie im Traume. Alles hatte er erwartet – Scherz, Demütigung, Frauenlist, ausweichende Antworten – nur das nicht ...

Sie öffnete das Gitter. Er wollte hinaustreten, aber noch war er wie gebannt. Noch einmal wandte er den Blick zu ihr. Sie hatte den Schleier zurückgeschlagen, ihr Gesicht war ihm sehr nahe, und das Licht einer Laterne schien voll darauf. Die stille Straße war ganz einsam.

Er schrak zusammen. Das war ja ein anderes Gesicht – die Augen sanft und zärtlich, fast wie um Verzeihung bittend, der Mund lächelnd – ein so süßer Hauch über allen Zügen.

»Edmond – Gott schütze Sie!« sagte sie und reichte ihm wieder die Hand. »Sie sind ein ehrlicher, braver Junge und haben Ihre Probe gut bestanden. Ich werde für Sie beten, und wenn Sie, was Gott gebe, zurückkehren und mich nicht vergessen haben –«

»Inez!« rief er stürmisch. »Ich wußte es, es konnte nichts anderes sein, als –«

»Als ein sehr ernster Scherz, bei dem ich Ihnen ins Herz blicken wollte!« ergänzte sie. »Und nun leben Sie wohl. Gott sei mit Ihnen. Sie haben den ersten Platz in meinem Herzen! Und es ist kein anderer Platz darin. – Mit Gott! Mit Gott! Machen Sie mir das Herz nicht schwerer, als es ist. Durch Haydee werden wir voneinander hören.«

Edmond, der noch immer ihre Hand hielt, zog sie an sich. Sie ruhte eine Minute lang sanft wie ein Kind an seinem Herzen und erwiderte seine Küsse leise.

»Fort, fort, Edmond!« sagte sie dann. »Wir wissen, daß wir uns lieben. Das ist genug für Trennung und Einsamkeit. Wenn Du kannst, so kehre zurück, denn es ist ein böser Krieg, den ich nicht billige. Lebe wohl, mein Einziger, mein Teurer! Gott schütze Dich!«

Er fühlte ihre fieberhaft zitternde Umarmung, einen Hauch auf seinen Lippen – dann drängte sie ihn von sich hinaus aus dem Gitter. Sie verschloß hastig die Tür. Ihr Kopf war gesenkt. Sie schluchzte heftig wie im Krampfe, und als er noch immer stand, winkte sie ihm, zu gehen und schritt langsam auf das Haus zu. Noch einmal winkte sie ihm von der Tür aus mit der Hand, dann verschwand sie im Innern. Edmond ging wie ein Trunkener die Straße hinab.

Und morgen sollte er nach Mexiko, vielleicht in den Tod! Nein – wenigstens einige Minuten wollte er noch mit ihr sprechen. Sie waren in derselben Stadt und sollten morgen vielleicht für immer scheiden – welcher Wahnsinn, getrennt von einander die Nacht zu durchwachen, statt sich immer und immer wieder das wunderbare Wort zu sagen: Ich liebe Dich!

Doch vergebens! Es mußte sein! Spät kam er nach der Kaserne.

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