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Die Millionenbraut. Erster Band

Adolf Mützelburg: Die Millionenbraut. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorDumas-Mützelburg
titleDie Millionenbraut. Erster Band
publisherVerlag von Gyldahl & Hansen
year1914
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In Richmond

Die Hauptstadt des südlichen Bundes, Richmond, war durch den Krieg bis jetzt nicht verändert worden. Obwohl nicht allzuweit von dem Schauplatze entfernt, auf dem sich die beiden Hauptarmeen gegenüber standen, bewahrte sie dennoch ein ziemlich friedliches Aeußeres, ganz ähnlich, wie die Städte der Union, Washington, Boston, Baltimore und Neuyork im Norden, in denen gerade zur Kriegszeit ein erhöhtes industrielles Leben und ein Haschen nach Vergnügen herrschten.

Deshalb hatte auch die Stadt ein reges, lebendiges Aussehen. Weder im kaufmännischen Leben noch im geselligen Verkehr war irgend eine sichtbare Unterbrechung eingetreten. Das einzige, was an den Krieg erinnerte, waren Munitionskarren, die nach den Eisenbahnhöfen fuhren, Kanonen, die durch die Straßen rasselten, und reguläre oder freiwillige Soldaten, die rauchend, lachend, Lieder singend in ihren kleidsamen phantastischen Uniformen einzeln und gruppenweise ihre Mußezeit auf der Straße und in den Wirtshäusern zubrachten.

Eines dieser Wirtshäuser »Zum schurkischen Norden« – früher hieß es zum »Virginischen Pflanzer« – lag an der Ecke der belebtesten Straßen und eines der größten Plätze. Es war, wie die meisten derartigen Häuser in Nordamerika, ein Boarding-Haus, also ein Haus mit einer Menge von einzelnen, meist für Herren oder Damen eingerichteten Zimmern.

Es war Nachmittags gegen drei Uhr als einige Männer eintraten und in einem unbesetzten Eckzimmer Platz nahmen. Der eine von den drei Männern war Kapitän Staunton, der Freund Ralph Pettows, der zweite einer der Freischärler, der Sohn eines Pflanzers; der dritte war ein junger, zweiundzwanzigjähriger Mann, sehr fein, fast stutzerhaft gekleidet, von mehr als mittelgroßer Gestalt und von seltener Schönheit. Sein schwarzes Haar, die dunklen Augen und der etwas bleiche Teint seines sehr regelmäßigen Gesichts gaben ihm auf den ersten Blick Aehnlichkeit mit Ralph; aber bei genauerer Betrachtung zeigten sich seine Züge als viel feiner, sein Mienenspiel lebendiger, seine Gestalt trotz ihrer männlichen Verhältnisse zierlicher. Von dem Hauche der Jugend aber, den seine Jahre sich noch hätten bewahren können, zeigte sich nichts mehr bei ihm. Er war sichtlich ein fertiger Mensch, bekannt mit allem, was die Welt an Vergnügungen und Aufregungen bieten kann. Nachlässig und ermüdet, die Beine lang von sich gestreckt, lag er in dem roten Plüschsessel eine Zigarre rauchend.

Ein Aufwärter brachte drei Gläser mit einer nach Ruin duftenden Flüssigkeit. Die drei Männer ergriffen jeder ihr Glas und leerten es fast mit einem Zuge; der dritte und jüngste bestellte sogleich ein neues.

»Aber stärker,« fügte er hinzu. »Seit wann nennt man ein so schwaches Getränk hier einen Cock-Tail? Nicht mehr als die Hälfte Wasser, wenn ich bitten darf.«

Er sprach die Worte sehr deutlich und scharf betonend, wie jemand, der gewöhnt ist, klar und allgemein verständlich zu sprechen.

»Ja, man merkt die Verschlechterung schon, Booth,« sagte Staunton. »Der Rum ist nicht mehr so gut. Du wirst nach dem Norden gehen müssen, mein Junge, um guten Cock-Tail zu trinken, oder eine echte Havanna zu tauchen.«

»Ich möchte lieber Zeit meines Lebens hier im Süden freies Wasser trinken, als den edelsten Cyper und Marsala in dem tyrannischen Norden!« rief Booth verächtlich.

»Na, alter Junge, Du und Wasser, das sind zwei verteufelte Gegensätze, fast wie Yankee und Konföderierter!« rief Staunton lachend. »Ich glaub', Du läg'st auf dem Sande und schnapptest nach einer Mischung Brandy, wie ein Hecht in der Marktbude nach Wasser, wenn Dir einmal acht Tage die Spirituosen fehlten.«

»Wenn ich es wollte, so könnte ich es auch!« rief Booth scharf und bestimmt.

»Na, alter Freund, das ist sehr die Frage!« antwortete Staunton in dem plumpscherzenden Ton. »Ich für meinen Teil bekenne ganz offen, daß ich ohne einen Schluck Brandy zur rechten Zeit nicht leben kann. Und auf diesem kranken Standpunkt wirst Du auch wohl sein, mein lieber John Wilkes, denn Du hast ziemlich früh angefangen.«

»Möglich!« sagte er. »Solange ich lebe, will ich wenigstens ein ordentliches Leben führen, das heißt, was ich darunter verstehe, ein Leben voll Kraft und Erregung. Wenn ich nicht mehr fühle, daß mir mehr das Blut durch die Adern rollt, und daß mir Hand und Auge jeden Moment gehorchen, dann mag diesen ganzen Witz der Teufel holen. Was schadet es, wenn man der Maschine nachhilft? Springt auch der Kessel bei stärkerer Feuerung ein paar Jahre früher – was ist daran gelegen!«

Staunton und sein Waffengefährte lachten, nickten beifällig und sahen sich dabei an, als wollten sie sagen: »Das ist ein gescheiter Bursche, der den Nagel auf den Kopf trifft.«

»Ich habe ganz vergessen,« sagte Staunton plötzlich, »ich sollte Dir einen Gruß von Ralph Pettow bringen.«

»Von Ralph? Ei, wo hast Du den gesehen?« erwiderte Booth, »der steht ja im Yankee-Heere.«

»Freilich, aber gesehen habe ich ihn doch und natürlich auch gesprochen,« sagte Staunton. »Wo und wie darf ich eigentlich wohl nicht verraten. Denn wenn es die Yankees hörten, – –«

»Nun, das sind wir doch nicht!« warf Booth hin. »Daß Ralph ganz auf unserer Seite steht, daß er, wenn es ihm möglich wäre, morgen ganz Neuyork und sämtliche Yankees in die Luft sprengen möchte, das wissen ja alle, die ihn genauer kennen. Er ist ein kecker, verwegener Bursche, einer von denen, die ich am liebsten habe.«

»Und hat verdammt hochfliegende Pläne!« sagte Staunton etwas geheimnisvoll.

»Die mir wahrscheinlich nicht unbekannt sind, da ich ihn im April noch gesprochen, also, seitdem Richard, sein Nebenbuhler, tot oder wenigstens verschollen ist,« sagte Booth mit einem matten Lächeln.

»Nun, wenn Du so viel weißt, so könnte ich Dir auch alles sagen,« meinte Staunton. »Indessen besser ist besser; man muß Wort halten.«

Er warf dabei einen leichten Blick auf seinen Genossen, als wolle er sagen, dieser sei für derartige Eröffnungen noch nicht reif genug.

Sein Vater, Mr. Howard, war einer der reichsten Pflanzer des Südens und Paul Howards gefüllte Börse war vermutlich das Bindemittel zwischen ihm und dem Kapitän Staunton geworden.

Booth verstand natürlich diesen Blick sogleich und gab dieses Verständnis durch ein Augenzwinkern zu erkennen.

»Ich gönne Ralph das Mädchen,« sagte er dann. »Er ist ein tüchtiger, energischer Bursche, der uns gerade dadurch, daß er bei den Yankee-Truppen bleibt, die größten Dienste erweisen kann. Nimmermehr hätte ich dem Richard Everett das Mädchen gegönnt. Der Bursche war zu simpel. Möchte nur wissen, wen der sanfte Junge so beleidigt und gereizt hat, daß er ihm eine Kugel durch den Kopf gejagt!«

»Wäre, wenn man alles überlegt, nicht so schwer zu erraten!« sagte Staunton etwas boshaft.

Booth blickte ihn einen Moment aufmerksam an, während seine Stirn sich furchte.

»Sollte wohl – –?« sagte er dann. »Bei Gott, nicht unmöglich! Doch was geht das uns an? Indessen wird Ralph, wenn ihm sein Plan gelingt und wenn er das reiche Mädchen heiraten will, noch einen schweren Stand haben. Weißt du nicht, daß er der begünstigte Liebhaber von Mistreß Georgiana Blackbell ist?«

»Das ist ja wohl so ein reicher Yankee-Krämer bei Euch im Norden?« fragte Staunton. »Uebrigens weiß ich nichts von Ralphs Liebesaffären.«

Paul Howard wurde etwas aufmerksamer, als er bisher gewesen, denn Liebesgeschichten schienen ihn zu interessieren. Er bot Booth eine Zigarre an, die dieser mit den Worten: »Ein gutes Kraut, Howard, wohl nicht auf väterlichem Boden gewachsen?« annahm.

»Doch auf väterlichem Boden, wenigstens aus der Kiste meines Alten!« rief Howard lachend.

»Dacht's mir schon, es gibt hier wenig Vernünftiges sonst,« sagte Booth. »Also Blackbell, ja, das ist ein sehr reicher Kaufmann in Neuyork. Als er fünfzig Jahre alt war, kitzelte ihn die Schönheit einer englischen Baronetstochter, deren Vater arm war, wie eine Kirchenmaus, und er kaufte sie von dem alten Engländer, das heißt, er erhielt sie zur Frau. Mistreß Georgiana ist eine wundervolle Kreatur, geschaffen für die Liebe; der alte Blackbell bekam zu seinen verschiedenen anderen Krankheiten auch noch das Zipperlein und einen sehr bedenklichen Husten, der ihn in einigen Jahren unter die Erde bringen wird, keiner von uns vernünftigen Menschen zweifelte also daran, daß Mistreß Blackbell sich irgendwo schadlos halte; und doch konnte keiner von uns das Geringste erreichen oder entdecken, bis ich endlich durch einen Zufall und nicht von Ralph selbst erfuhr, daß et der begünstigte Liebhaber sei. Ihr wißt, wie ich über Frauenzimmer denke. Ich wollte mir also die Entdeckung zunutze machen und Vorteil für mich selber daraus ziehen, denn ich sage Euch, sie ist wunderschön, fast so groß wie ich, stolz wie eine Juno, mit blondem, prächtigem Haar und dunklen Augen, aus denen eine ganze Welt voll Leidenschaft funkelt – genug, es gelang mir, einmal mit ihr allein zu sein. Ich warf mich ihr zu Füßen, ich schilderte ihr meine glühende Liebe – Ihr wißt, ich kann etwas in diesem Punkte leisten! – Ich ließ jedes Register spielen! Sie lachte mich aus. Renommieren ist meine Sache nicht – genug, sie lachte mich aus. Da endlich ließ ich die letzte Mine springen, ich sagte ihr, daß ich ihr Verhältnis zu Ralph kenne. – »Haben Sie diese Kunde etwa von Mr. Pettow selbst?« fragte sie mich. – Zum Lügen bin ich nicht gemacht, sobald meine Freunde dabei ins Spiel kommen, sonst kann ich ein dummes, liebetolles Frauenzimmer schon mit allerhand Gaukeleien beschwatzen. Ich antwortete ihr also, nein, von Ralph wisse ich das nicht, der Zufall habe es mir entdeckt, was aber Ralph erreicht, das dürfe ich vielleicht auch zu erreichen hoffen, um so mehr, da ich sie wahnsinnig liebe, und so weiter – Ihr wißt ja! Darauf antwortete sie mir ungefähr folgendes: »Ich bin von meinem Vater an Mr. Blackbell verkauft worden, und ich habe eingewilligt, ihm meinen Körper zu verkaufen, um meinen Vater und die Ehre unseres Hauses durch den Verlust meiner eigenen Ehre zu retten. Aber meine Seele habe ich nicht verkauft, und diese gehört Ralph Pettow, ebenso wie ich glaube, daß mir seine Seele, sein ganzes Dasein, seine ganze Liebe gehört. Wir lieben uns, damit ist alles gesagt, und nach Mr. Blackbells Tode, eines Mannes, der mir stets so fremd geblieben, wie die reichen Männer den unglücklichen Mädchen in den Straßen von Neuyork, werde ich Mr. Pettows Gattin werden.

Ralph hat es mir gelobt, und ich zweifle nicht an seinem Worte, denn ich liebe ihn. Verraten Sie mich, wenn Sie wollen. Sie werden dadurch nur erreichen, daß ich eher von Mr. Blackbell getrennt und mit Mr. Pettow vereinigt werde.« – Ich gestehe, daß mir bei diesen Worten zum erstenmal einem Weibe gegenüber zumute wurde wie einem Schuljungen.«

»Ralph kann jedenfalls lachen!« rief Staunton. »Entgeht ihm die eine, so ist ihm die andere sicher.«

»Sie sind ein schlimmer Bursche, Booth«, sagte Howard lachend. »Ich möchte Sie nicht zum Nebenbuhler oder Hausfreund haben, es kommt Ihnen nicht auf die Mittel an.«

»Den Frauen gegenüber niemals!« antwortete Booth kurz und bestimmt. »Sehe ich, daß ein Mädchen in mich verliebt ist – nun, welchen größeren Gefallen kann ich ihr tun, als sie glücklich zu machen? Und je toller man in den Mitteln ist, desto mehr imponiert man gewöhnlich den Frauenzimmern. Sie sind uns später dankbar für jeden Versuch, sie möglichst schnell über ihre heuchlerische Prüderie hinwegzuhelfen.«

Eine mit Musik über den Platz ziehende Truppenschar fesselte für einige Minuten die Aufmerksamkeit der drei Männer.

»Willst Du denn eigentlich hier bleiben, Booth?« fragte Staunton. »Hast Du einen Kontrakt?«

»Natürlich könnte ich bleiben, wenn ich wollte,« antwortete der Schauspieler hochmütig. »Aber ich habe gestern mit Jefferson Davis gesprochen, und er findet es vernünftiger, wenn ich nach dem Norden gehe. Ich kann unserer Sache dort mehr und besser dienen als hier. Niemand vermutet in einem Schauspieler einen politischen Konspirator. – Mehr kann ich Dir nicht sagen, alter Freund. Ueber gewisse Dinge darf ich nicht sprechen.«

»Natürlich!« sagte Staunton. »Auch Ralph meinte, Du würdest ungehindert passieren können. Wenn Du nach Neuyork kommst, so mache ich Dich auf ein hübsches Mädchen aufmerksam, das dort mit den Büchtings wohnt, so eine Art Gesellschafterin von der Miß Büchting – eine Quarterone, bildschön, Jeannette Corizon heißt sie.«

»Danke schön!« sagte Booth lächelnd. »Ich habe die gemischte Rasse nicht gern.«

»Aber ich sage Dir, das ist ein edles Wild!« rief Staunton. »Ralph wird Dich leicht in das Haus einführen können. Wenn Du sie erst gesehen hast –«

Ein Ausruf von Booth unterbrach ihn:

»Bei allen Göttern der Ober- und Unterwelt,« und eine wilde, fast dämonische Freude leuchtete über sein Gesicht, »das ist ja herrlich! Ich habe sie wieder!«

»Wer, wer ist das?« fragte Howard hastig. »Das Mädchen am Büfett?«

Booth antwortete nicht sogleich darauf, blickte nach dem Büfett, dann leerte er sein Glas und rief:

»Es ist gar nichts Besonderes dabei, aber es ist doch ein herrlicher Zufall! Im Februar war ich hier, ganz inkognito. Ich hatte Geschäfte mit einigen Männern, die an der Spitze der Bewegung standen, und führte ein ziemlich langweiliges Leben, das ich nur ertrug um der Sache willen. Ich wohnte in einem kleinen Boardinghaus drüben in Rocketts. Es wohnten da deutsche Einwanderer in dem Hause, und da entdeckte ich unter ihnen jenes Mädchen am Büfett, das ich also nicht genauer zu beschreiben brauche. Sie schien mir nicht zu den Einwanderern zu gehören, denn sie trug sich besser, zierlicher, und es lag auch etwas in ihrem ganzen Wesen, das auf eine andere Lebensstufe hindeutete. Sie ist sehr schön und von wundervollem Wuchs, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, und was mich hauptsächlich an ihr interessierte, war ein Zug von düsterer Entschlossenheit in ihrem Gesicht. Sie sprach sehr wenig mit den anderen und saß oder stand meist still und in sich gekehrt unter ihnen. Es mußten besondere Verhältnisse sein, die sie zu den Einwanderern geführt hatten. Ich legte mich aufs Spionieren und erfuhr, daß die Einwanderer hier auf jemand warteten, um dann nach dem Innern aufzubrechen, und daß das junge Mädchen ebenfalls eine Deutsche, aber mit keinem der anderen verwandt sei. Ich erfuhr auch, wo sie wohnte: in einer kleinen Dachkammer über mir. Entschlossen, die Gelegenheit zu benutzen und das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist, ging ich abends, als alles zu Bett gegangen zu sein schien, hinauf nach der Dachkammer. Ich hatte gehört, daß einer von den Deutschen Wetzel gerufen wurde, klopfte also dreist an und antwortete auf ihre Frage, wer da sei: Wetzel. Sie öffnete sogleich und fuhr natürlich zurück, als sie mich sah. Aber ich war nun einmal da, und da ich bei dem ersten hastigen Gespräch, in dem sie wissen wollte, wer ich sei und was mich zu ihr führte, bemerkte, daß sie ganz gut Englisch spreche, so hielt ich meine Sache für halb gewonnen, denn eine deutsche Unterredung hätte ich nicht mit ihr führen können. Ich sagte ihr, daß ihre Schönheit mich unterjocht, vor allem aber der leidende Ausdruck ihres Gesichts mich gerührt habe, und daß kein anderer Zweck mich zu ihr führe, als zu erfahren, was sie bedrücke, und ob ich ihr nicht helfen könne. – Ich sah wohl, daß sie anfangs ganz kalt blieb und mich nur deshalb nicht aus dem Zimmer wies, um keine Szene zu machen. Aber allmählich schien sie mir ein offeneres Ohr zu leihen. Nun bot ich meine ganze Kraft auf, um ihr die Ueberzeugung zu verschaffen, daß ich sie zwar rasend liebe, aber nichts für mich, sondern nur ihr eigenes Bestes wolle. Ich sah wohl, daß ich kein Kind vor mir hatte, sondern einen Charakter, und daß sie heftig mit sich selbst rang. Aber welches Weib widerstände den Beteuerungen der Leidenschaft und zugleich der Uneigennützigkeit, namentlich wenn es sich in einer Lage befindet, in der es der Hilfe bedarf! Sie begann allmählich mir zu antworten. Sie sei aus Deutschland, sagte sie, aus guter Familie; weshalb sie fortgegangen, könne sie mir nicht mitteilen. Ihre Landsleute, denen sie sich angeschlossen, zögen weit nach Westen, nach Neu-Mexiko; sie habe selbst schon überlegt, ob sie bei ihnen bleiben oder sich im zivilisierten östlichen Teil eine Existenz auf eigene Hand gründen solle. Doch bange ihr davor, in diesem gewaltigen Land ohne Schutz und Anhalt zu sein.

Genug, ich begriff, daß sie ganz allein stand und daß der Gedanke, einen Mann zu gewinnen, der ihr aus reiner Zuneigung und Freundschaft zur Gründung einer Existenz verhelfe, sie bereits verführerisch umgaukelte. Sie ist eine Deutsche und etwas leichtgläubig und romantisch, trotz ihrer sonstigen Klugheit und Charakterstärke. Soviel begriff ich wohl, daß die Festung nicht mit dem ersten Sturm zu nehmen sei und daß ich mir vor allem ihr Vertrauen erwerben müsse. Ich sagte ihr also, daß ich leider hier in Richmond nichts für sie tun könne, da ich mich hier im Geheimen aufhalte, um die Folgen eines Duells abzuwarten, das ich in Neuyork bestanden. In Neuyork aber hätte ich sehr viele Verbindungen mit den anständigsten Häusern, und es werde mir nicht schwer fallen, ihr eine sehr gute Stellung zu verschaffen. Meine Absicht war, sie zu bewegen, zurückzubleiben und mich dann nach Neuyork zu begleiten. Blieb sie mir überlassen, so war ich meines Sieges schon sicher. Ich verließ sie nach zwei Stunden, ohne etwas anderes versucht zu haben, als ihr beim Abschied die Hand zu küssen.

Meine Einladung, mich am anderen Tage auf meinem Zimmer zu besuchen, hatte sie bestimmt abgelehnt, mir dagegen eine kurze Unterredung am Abend bewilligt.

Im Laufe des folgenden Tages erhielt ich jedoch ein Billet von Benjamin, in dem er mir mitteilte, ich müsse unverzüglich nach Washington reisen, um dort jemand zu sprechen, der vom Präsidenten nach dem Süden geschickt werden solle. Es gelang mir, meine Schöne auf der Treppe einige Minuten zu sprechen; ich gab ihr meine Adresse, und sie versprach mir, mich in Neuyork aufzusuchen. Nachmittags zwei Uhr reiste ich ab, hörte aber nichts weiter von dem Mädchen, erhielt auch keinen Brief von ihr. Nun, ich hielt sie für verschwunden – und jetzt steht sie dort am Büffet. Junge Leute müssen Glück haben! – Ich bin neugierig, was sie für ein Gesicht machen wird, wenn sie mich wiedersteht. Entschuldigt mich, ich will sie nur begrüßen.«

Mit leichten, elastischen Schritten ging er in das Schenkzimmer. Staunton und Howard blickten ihm mit Gesichtern nach, in denen etwas wie Bewunderung und Staunen, vermischt mit Neid oder wenigstens mit Mißbehagen, zu lesen war.

»Ein gottverdammter, heilloser Bursche!« murmelte Staunton. »Der wird noch eines Tages etwas vollführen, wovon die ganze Welt spricht – eine Teufelei ohnegleichen!«

»Ich wünschte, ich hätte etwas von seinen leichten Manieren,« sagte Howard mit einem Seufzer. »Alles, was der Bursche tut, sieht nobel und elegant aus. Ob er wohl auch Courage haben mag?«

»Ich vermute es,« antwortete Staunton. »Er ist wenigstens ein sehr guter Fechter und ein toller Reiter, und als Pistolenschütze sucht er seinesgleichen. Daß er den Weibern die Köpfe verdreht, ist kein Wunder. Die Weiber spielen selbst Komödie und verlangen auch nichts weiter von den Männern. Wer es ehrlich mit ihnen meint, den haben sie nur zum Narren. Ich habe große Lust, wenn diese Balgerei vorüber ist, auch ein Komödiant zu werden.«

Inzwischen war Booth bis zum Büfett gegangen. Das junge Mädchen sprach gerade mit Mistreß Brown, erkannte deshalb den Schauspieler erst, als sie sich aufrichtete und er dicht vor dem Büfett stand. Einen Augenblick erbleichte sie, dann schoß ihr das Blut ins Gesicht. Offenbar war sie heftig überrascht und bewegt von diesem Wiedersehen.

Booth entging das nicht, denn sein dunkles, leuchtendes Auge war fest auf das junge Mädchen gerichtet. In ihren Zügen lag etwas sehr Feines, fast Vornehmes, und das prächtige kastanienbraune Haar, die hellbraunen großen und klugen Augen harmonierten prächtig mit der hellen, nördlich klaren Farbe ihres Gesichts. Im Gegensatz zu ihren beiden Genossinnen am Büfett trug sie ein hochgeschlossenes Kleid, das sorgfältig genug gearbeitet war und ihren ebenmäßigen Wuchs zeigte.

Sie war so heftig bewegt, daß sie zu zittern schien und den Gruß des Schauspielers kaum erwidern konnte.

»Ich bin hocherfreut über dieses Zusammentreffen, Miß!« sagte Booth äußerst artig, während die beiden anderen jungen Mädchen und auch die Wirtin verwundert auf den »Adonis« blickten, der seine Aufmerksamkeit nur anerkannten Schönheiten zuzuwenden pflegte. »Das ist recht von Ihnen, daß Sie bei uns geblieben sind. Aber weshalb haben Sie mir kein Lebenszeichen gegeben? Ich hatte Sie doch darum gebeten, und Sie hatten es mir versprochen!«

Es war fein genug von ihm berechnet, diese Unterhaltung so offen zu führen. Durch das Vermeiden jeder Heimlichkeit entging er auch dem Verdacht geheimer Absichten. Er behandelte das junge Mädchen ganz wie eine Dame aus der guten Gesellschaft; das mußte ihr angenehm sein, namentlich in Gegenwart ihrer Genossinnen.

»Verzeihen Sie mir, Sir!« sagte sie. »Ich wollte Ihre Güte nicht in Anspruch nehmen, da mich der Zufall in den Stand setzte, die Absichten, über die ich mit Ihnen sprach, allein auszuführen.«

»Und Sie haben hier eine Stellung bei Mistreß Brown gefunden?« fragte Booth. »Das ist sehr schön! Sie sind in einem guten Hause, wie Ihnen Ihre Kolleginnen gewiß versichern werden.«

Mistreß Brown machte eine Verbeugung, die beiden jungen Mädchen bissen sich auf die Lippen; sie schienen von Mr. Booth genug zu wissen, um seinen Ton zu deuten. Aber da er sich so trefflich in den Grenzen des Anstands hielt, so war nichts darauf zu entgegnen.

»Ich wohne in diesem Hause, ich hoffe also, Sie recht oft wiederzusehen,« sagte Booth sehr höflich und verließ mit einer tiefen Verbeugung das Büfett.

Als er in das Nebenzimmer trat, wo ihn die beiden anderen mit neugierigen Mienen erwarteten, warf er sich in einen Sessel und lächelte etwas spöttisch und triumphierend vor sich hin.

»Alles gut!« sagte er dann. »Sie war wie mit Feuer übergossen, als sie mich erkannte. Sie hat mich also nichts weniger als vergessen. Erfahren wird sie genug über mich, denn die anderen Mädchen werden schwatzen. Es ist also nun ihre Sache, sich zu mir zu stellen, wie es ihr gut scheint. Sie wohnt im Hause – also entgehen kann sie mir nicht. – Aber was ist das?«

Er deutete mit dem Finger durch das Fenster, das nach dem Platze führte, und erhob sich.

»Ei,« sagte Staunton, »das sind ja meine Nigger aus Liberty Plantation, die endlich ankommen.«

»Die freien Schwarzen von Mr. Büchting?« fragte Booth. »Was soll mit denen geschehen?«

»Hab's der Regierung überlassen,« antwortete Staunton. »Sie wird wohl als Kriegsbeute darüber verfügen. Verflucht! – die sind nicht übel von meinen Leuten zugerichtet! – Ich muß wohl einen Augenblick hinaus, um mit dem Sergeanten zu sprechen, der sie führt.«

»Ich komme mit!« sagte Booth. »Man muß sich das Gesindel ansehen, um immer wieder ein Hohngelächter über diese Narren von Abolitionisten anzuschlagen, die diese Affenkreaturen mit uns auf eine Stufe stellen wollen.«

Die drei verließen das Eckzimmer; Howard bezahlte die Zeche, und sie gingen nach dem Platze.

Eine Anzahl Müßiggänger und Straßenbuben hatte sich dort bereits versammelt, und verhöhnten die Farbigen und bewarfen sie mit Kot und Steinen. Als Booth nähertrat und die Schar mit einem unangenehmen Ausdruck der Verachtung und des Ekels betrachtete, schien selbst ihn ein Schauder anzukommen, so entsetzlich sahen einzelne von Frauen und Mädchen – unter ihnen viele von fast heller Hautfarbe – aus. Fast jede einzelne Gestalt zeigte Spuren von Wunden. Den meisten hing die Kleidung in Fetzen vom Leibe nieder, und alle blickten starr, mit dem Ausdruck stumpfer Verzweiflung vor sich hin.

»Goddam! Sehen die Weiber aus,« sagte Staunton mit musterndem Blick. »Sie sind aber auch arg von meinen Kerlen mitgenommen worden: konnt's nicht hindern, obwohl's mir nicht lieb ist. Es waren mehr als vierzig, die ich von Liberty-Plantation fortführen ließ. Jetzt sind es fünfundzwanzig – die übrigen werden wohl unterwegs liegen geblieben sein. Das da ist ein stämmiger Bursche – der hat uns Mühe beim Einfangen gemacht, wehrte sich wie ein Teufel.«

Er deutete auf einen kräftigen, athletisch gebauten Neger, der den einen Arm verbunden trug. Mit düsterem, stolzem Blicke musterte er die Schar der Gaffer; ein Zug trotziger Ergebung lagerte auf seinem Gesicht, das regelmäßiger geformt war, als es sonst bei den Negern der Fall ist. Er schien noch jung zu sein, vielleicht dreißig Jahre.

Staunton sprach inzwischen mit dem Sergeanten, der ihm meldete, wie viele Neger unterwegs geblieben seien. Einige von den Frauen hatten sich selbst getötet, andere hatten die Freischärler gereizt, bis sie von ihnen erschossen wurden, andere waren vor Ermattung gestorben. Der Sergeant war vor dem Regierungsgebäude vorbeigezogen und hatte dort angefragt, wohin er die »Nigger« führen solle; man hatte ihm gesagt, er solle sie fürs erste nach dem Platz transportieren, dorthin werde man weitere Nachricht senden.

Während Staunton mit dem Sergeanten sprach, hatte Booth einen Mann ins Auge gefaßt, der sich unter den Zuschauern befand, und betrachtete ihn mit großem Interesse. In der Tat ließ sich kaum etwas Eigentümlicheres denken, als der Kopf dieses Mannes. Schneeweißes, aber noch starkes Haar und ein voller Bart von derselben schneeigen Weiße umschlossen ein Gesicht, das sowohl der Farbe wie seinen festen Zügen nach aus Bronze zu sein schien. Jeder Zug war wie mit einem Griffel oder Meißel in dieses Gesicht eingegraben, und die Täuschung wurde jetzt, da das Gesicht ganz unbeweglich war, so natürlich, daß Booth mit fast ängstlicher Spannung erwartete, ob sich nicht irgend ein Muskel an diesem Manne bewegen werde. Der Greis mochte mindestens siebzig Jahre alt sein, und der Schnitt seiner sehr regelmäßigen Gesichtszüge verriet offenbar europäische oder wenigstens kaukasische Abstammung, obgleich die Farbe die eines Menschen war, der in der heißesten Zone der Erde, in der vollen Glut der tropischen Sonne und im salzigen Gischt der Wellen zu leben gewohnt ist. Am wunderbarsten waren die schwarzen Augen; tief in den dunklen Höhlungen liegend, zeigten sie eine fast übernatürliche Klarheit und glühten trotz der Jahre des Mannes in reinem, jugendlichem Feuer. Sie waren jetzt auf die Neger gerichtet und verrieten einen tiefen Ernst.

Welchem Stande gehörte dieser Mann an? Welche Vergangenheit lag hinter ihm? Jeder, der diesen wunderbaren Kopf sah, mußte sich diese Frage aufwerfen. Sein sonstiges Aeußeres hatte nichts Außergewöhnliches. Er mußte ein großer, stattlicher Mann gewesen sein, den die Last der Jahre ein wenig gebeugt hatte. Seine Kleidung war einfach und dunkel, das weiße Haar und die starke Stirn deckte ein dunkler Hut, dessen Form entfernt an die Quäkerhüte erinnerte. Er stützte sich auf einen festen Stock mit gebogener Handhabe, schien aber diese Stütze nicht zu gebrauchen.

Booth, der als Schauspieler ein Interesse für solche Charakterköpfe empfand, betrachtete den Greis unverwandt und fühlte eine geheime Scheu bei dem Anblick dieser tiefernsten, schwermütigen, regungslosen Züge. Solch ein Gesicht war ihm noch nie begegnet. Jetzt richteten sich die Augen des Mannes auf ihn, es war wie ein Stachel, wie ein magnetischer Strom in diesem Blick. Als Booth wieder aufsah, bemerkte er, daß die Augen des Mannes auf Staunton gerichtet waren, fest, scharf und klar. Staunton sprach noch immer mit dem Sergeanten und anderen Freischärlern.

Daß dieser Mann nicht gekommen sei, die »Nigger« zu verspotten und sich an dem Anblick ihrer Erbärmlichkeit zu laben, wie die anderen, das wußte oder fühlte Booth. Was wollte er also? Ein Bube hatte gerade einen Stein erhoben, um nach den Negern zu werfen. Seine linke Hand erhob sich schnell und berührte den rechten Arm des Burschen. Dieser zuckte mit einem Schrei zusammen, ließ den Arm sinken, blickte auf den Greis, schien zu erschrecken bei dem Anblick dieses Kopfes und zog sich scheu und leise stöhnend, wie ein Hund, der einen Fußtritt erhalten hat, einige Schritte zurück, um seinen Arm zu reiben. Und doch war die Berührung des Greises kaum merklich gewesen. Das geheime Grauen, das Booth von Anfang an bei dem Anblick dieses Mannes empfunden, mehrte sich. Es lag etwas in der Ruhe dieses Fremden, das den wilden, heißblütigen, gewissenlosen jungen Mann an ein Antlitz erinnerte, daß ihm zuweilen im Traume erschienen, an das Antlitz eines gerechten und unerbittlichen Richters über den Sternen. Booth fühlte sich seltsam und unangenehm ernüchtert; es rieselte ihm kalt über den Rücken, und er hätte sich gern heimlich fortgeschlichen.

Da erhob sich plötzlich der schöne, starke Neger mit dem verbundenen Arm, starrte mit weitgeöffneten Augen auf den Greis und sprang über seine sitzenden und liegenden Genossen hinweg fast mit einem einzigen Satze auf ihn zu. Er rief einige Worte in einer ganz fremden Sprache, stürzte sich vor dem Greise nieder, umfaßte dessen Knie und begann in derselben Sprache zu jammern und unterbrach sich nur durch ein tief aus dem Herzen kommendes Schluchzen und Stöhnen, das fast schauerlich klang und namenlosen Schmerz und wilde Verzweiflung verriet. Der Greis, der jetzt plötzlich ein Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden, antwortete sanft einige Worte in der fremden Sprache, während er mit ernstem Antlitz auf den Schwarzen niederblickte. Als er schärfer einige Worte, fast in befehlendem Tone, sprach, erhob sich der Neger, die Hände ringend und in den eigentümlichen Tönen seiner Sprache bald zornig, bald jammervoll klagend und unterstützte seine Worte mit der Beweglichkeit der Neger durch allerlei ausdrucksvolle Gebärden. Es war eine seltsame, sonderbare Szene.

»Hallo, was ist das da?« rief jetzt Staunton. »Laßt das sein, Mann, Ihr habt mit dem Nigger nichts in seinem Kauderwelsch zu sprechen. Und Du, Nigger, geh auf Deinen Platz zurück, oder ich gerbe Dir den Rücken, daß Du daran denken sollst. Warum sind ihm nicht die Hände gebunden?«

Ein Freischärler antwortete, daß man ihm aus Rücksicht auf seine Wunde die Hände nicht gebunden, auch habe er sich sonst vernünftig benommen.

Der Greis sprach einige Worte zu dem Schwarzen, und dieser kehrte auf seinen früheren Platz zurück. Der Greis aber näherte sich jetzt Staunton, und es war eigentümlich, daß ihm jeder auswich.

»Wollen Sie mir einige Fragen erlauben, Sir?« fragte er mit tiefer, angenehmer Stimme und in bestem Englisch.

»Warum nicht? Nur zu!« antwortete Staunton mit einer, wie es schien, erkünstelten Lustigkeit – denn sobald der Fremde gesprochen, war er etwas bleicher geworden, und seine Augen hatten sich geöffnet wie bei einem, der in der Ferne einen seltsamen, ihm nicht bekannten, aber bedeutungsvollen Ton vernimmt.

»Diese schwarzen Leute sind von Liberty-Plantation?« fragte der Greis.

»Ja, Sir!«

»Und sie waren freie Schwarze bei Mr. Büchting, freie Arbeiter?«

»So habe ich gehört, Sir!«

»Diese Leute sind als Kriegsgefangene hierher geführt worden?«

»Ziemlich so!« antwortete Staunton, nur mit großer Mühe den hochmütigen, kurzen Ton bewahrend, den er angeschlagen hatte. »Ich erhielt den Auftrag, sie von dort fortzuholen und hierher zu führen, da ihre Anwesenheit als freie Neger in einem Sklavenstaat Aergernis erregte.«

»Und was soll mit ihnen geschehen?«

»Für den Augenblick warten sie hier auf weiteren Befehl der Regierung; was später kommt, weiß ich nicht.«

»Und Ihr Name, Sir, wenn ich fragen darf?«

»Staunton, Kapitän der virginischen Freischar zu Pferde.«

»Sie wohnen dort drüben in dem Boardinghaus?«

»Zu dienen, Sir; Sie scheinen ziemlich gut unterrichtet zu sein!« antwortete Staunton, immer noch mit Zwang. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt.

»Ich sah sie nur vorher dort heraustreten,« sagte der Greis. »Ich danke Ihnen, Sir!«

Er griff an seinen Hut und lüftete ihn ein wenig, ganz wie ein feiner, alter Gentleman, und trat einige Schritte zurück. Die sämtlichen Anwesenden, auch die Neger, waren der Unterredung mit lautloser Teilnahme gefolgt, obwohl sie so einfach war. Booth hatte wohl bemerkt, daß Staunton verwirrt und unruhig sei, hatte es aber einer ähnlichen Scheu zugeschrieben, wie er sie selbst empfunden hatte.

Jetzt kam ein Diener der Regierung, um zu melden, daß die »Nigger« in das Stadtgefängnis geführt werden sollten, um dort die Nacht zu kampieren. Am anderen Morgen sollte eine öffentliche Versteigerung stattfinden. Die Neger hörten das mit Stumpfsinn an. Auch das Publikum verhielt sich schweigend, und die Straßenjungen begannen erst wieder zu lärmen und Spottlieder auf den Norden und die »Nigger« zu singen, als sie eine Strecke weit entfernt und außer dem Bereiche des seltsamen Greises waren.

Dieser kümmerte sich um alle, die um ihn standen, gar nicht, rief den afrikanischen Schwarzen einige Worte in seiner Sprache zu und ging dann mit langsamen, festen Schritten über den Platz, an dem Boardinghaus vorüber, bis er vor einem großen, aber ziemlich einfach aussehenden Hause stand, dem Staatsdepartement oder Sitz der Regierung. Er fragte einen Kastellan, ob Mr. Jefferson Davis noch im Hause und zu sprechen sei.

»Sie meinen den Präsidenten?« antwortete der Kastellan.

Der Greis antwortete nichts darauf; es schien, als wolle er diesen Ausdruck vermeiden.

»Der Präsident ist noch im Hause,« sagte der Kastellan. »Aber er wird nicht mehr zu sprechen sein; denn es ist Mittagszeit. Versuchen Sie es – eine Treppe hoch.«

Der alte Mann trat in die Vorhalle, schritt die Treppe hinauf und befand sich nun auf einem breiten Korridor, von dem mehrere Türen nach verschiedenen Räumen führten. An einer Tür stand auf einem Zettel nur: Der Präsident.

Der Greis ging auf die Tür zu, als ihm ein Diener ein: »Halt, Sir!« zurief.

»Sie wollen zum Präsidenten?« sagte er. »Ist nicht mehr zu sprechen, es ist schon zu spät.«

»Würden Sie Mr. Jefferson Davis diese Karte geben?« fragte der Greis und zog eine Karte aus einem schwarzen Notizbuch. Auf der Karte stand der Name und die Empfehlung eines damals mächtigen europäischen Ministers mit dessen eigenhändiger Unterschrift.

Der Diener trug die Karte in das Zimmer und kam sogleich mit dem Bescheide heraus, daß der Herr eintreten möge. Der Greis folgte dieser Aufforderung und betrat ein geräumiges Gemach, in dem sich fünf Personen befanden. Der Herr, der vor einem großen Schreibtisch stand und mit den anderen lebhaft sprach, mußte der Präsident der Südstaaten sein.

Der Greis hatte vollkommen Muße, den Mann, dessen Name damals in der alten und neuen Welt so viel genannt wurde, zu betrachten. Er war in den fünfziger Jahren, sehr einfach gekleidet, von mittlerem Wuchse. Sein schmales, etwas blasses und hageres Gesicht verriet weniger Energie und Kraft, als Klugheit und Ueberlegung. Die Stirn war mit vielen kleinen Falten bedeckt, sein Mund war fein und schmal. Sein Blick hatte etwas Eigentümliches, Scheues und Aengstliches, das man sich nur erklären konnte, wenn man wußte, daß das eine Auge krank, mit einem Häutchen bedeckt war.

Er hatte nicht mehr viel mit den Herren zu verhandeln und verabschiedete sie bald. Darauf wandte er sich zu dem Fremden.

Der Greis trat vor und verneigte sich höflich.

»Ich habe meine Zeit nicht gut gewählt,« sagte er. »Aber vielleicht genügen wenige Minuten, um das zu erledigen, was mich zu Ihnen führt.«

»Ich habe nicht so große Eile,« sagte Jefferson Davis und blickte den alten Mann, dessen Gesicht auch ihm auffiel, aufmerksam an. Er deutete dann auf einen Stuhl, und da er sich selbst setzte, nahm auch der Greis Platz und kreuzte die Hände über dem Griff seines Stockes.

»Sie kennen den Minister,« sagte Jefferson Davis, einen Blick auf die abgegebene Karte werfend.

»Ich sah ihn einige Male, als ich zuletzt in Europa war. Er war so freundlich, mir einige seiner Karten zu geben, für den Fall, daß ich ihrer bedürfe.«

»Und wie ist Ihr Name, Sir?« fragte Jefferson Davis.

»Dantes,« antwortete der Greis.

»Sie sind kein Amerikaner?« sagte Davis. »Vielleicht ein Reisender, der unser Land kennen lernen will?«

»Ich bin ein Reisender, ja, im Dienste Gottes – ein Missionar,« antwortete Dantes.

»Ah – eine sehr verehrenswerte Aufgabe!« sagte Davis. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Sie haben wahrscheinlich davon gehört, Mr. Davis,« – der Präsident sah den Sprecher ein wenig schärfer an, denn er hatte sich seit seiner Ernennung an das Prädikat Exzellenz gewöhnt – »daß die Pflanzung des Mr. Büchting, Liberty-Plantation, obgleich sie nicht von feindlichen Truppen besetzt war, von einem Freikorps überfallen worden ist. Dies scheint weiter keinen Zweck gehabt zu haben, als die freien Farbigen, die sich auf der Pflanzung befanden, hierher zu führen. Wußte die Regierung darum, und welche Absicht hat sie mit den Gefangenen?«

»Kommen Sie, um sich dieser Gefangenen anzunehmen?« fragte Jefferson Davis etwas lebhafter.

»Ja,« antwortete der Greis ruhig.

»Dann bitte ich Sie, ein anderes Mal wiederzukommen,« sagte Davis schnell und gereizt, indem er sich erhob, »meine Zeit ist zu kurz heute!«

»Ich hoffe, daß ich meinem Freunde, dem Minister, nicht zu berichten brauche, die Regierung der Konföderation begehe Brutalitäten, die sie nicht einmal zu entschuldigen sucht!« sagte der Greis ruhig und ohne aufzustehen.

»Sir –!« rief Davis heftig. Er war aber Weltmann genug, um sich keine Blöße zu geben und sagte:

»Gut denn, was wollen Sie?«

»Die betreffenden Farbigen sind sämtlich freie Leute,« sagte Dantes. »Sie sind also Bürger der Union, und wenn sie selbst zu den Anhängern des Nordens gehörten, was aber durch nichts bewiesen ist, würden sie doch immer nur als Kriegsgefangene zu behandeln sein, vorausgesetzt, daß sie mit den Waffen in der Hand gefangen wären. Statt dessen sind sie nicht wie Gefangene, sondern wie Tiere behandelt worden. Ungefähr zwanzig von ihnen sind auf dem Wege von Liberty-Plantation bis hierher infolge Mißhandlungen gestorben. Billigt die Regierung überhaupt dieses Verfahren?«

Der Präsident hatte vor sich auf den Tisch gesehen und mit einem Federmesser gespielt. Er schien eine etwas unruhige, nervöse Natur zu sein. Der alte Herr hatte ihm schon zu lange gesprochen, und er würde ihn vielleicht gar nicht aussprechen lassen, wenn ihn nicht der eigentümliche Klang der nicht überlauten, aber festen und sicheren Stimme des Greises gefesselt hätte. Jetzt blickte er mit einem Lächeln auf.

»Sagen Sie mir, Sir, sind Sie Abolitionist?«

»Ich bin ein Mensch, ein Feind alles Unrechts,« antwortete Dantes. »Ich frage nur, ob Sie eine so offenbare Verletzung des Menschenrechts entschuldigen oder gar rechtfertigen wollen?«

»Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe sehr hörenswerter Gründe aufführen,« antwortete Davis, und ein Lächeln spielte auf seinen schmalen Lippen. »Aber da Sie Abolitionist und als Missionar wahrscheinlich mehr ein Mann des Gefühls und des Glaubens als der Praxis sind, so würden diese bei Ihnen wenig Anerkennung finden. Ich begnüge mich deshalb mit der Erwähnung eines rein praktischen, aber durchschlagenden Grundes. Die Regierung hatte die Gefangennahme der freien Farbigen auf Liberty-Plantation nicht angeordnet; aber sie billigte den Plan, als einer unserer Offiziere ihn vorschlug. Sie ging von der Ansicht aus, daß ein solches Nest freier Farbigen, Mr. Büchtings Absicht, unsere Sklaven aufzureizen, allzu sehr begünstigen würde, deshalb ließen wir die Leute gefangen hierher führen. Sollten dabei wirklich Grausamkeiten vorgefallen sein, so würde ich das sehr bedauern.«

»Sollten diese Farbigen, obwohl sie frei sind, hier verkauft werden?« fragte Dantes.

»Ich muß gestehen, daß es mir persönlich recht wäre, wenn die Neger nur unschädlich gemacht, also in Gewahrsam gehalten würden,« sagte Davis achselzuckend. »Aber ich muß meine persönliche Ansicht den Ansichten meiner Freunde unterordnen und dafür stimmen, ein Exempel zu statuieren, um der Menge den Gedanken beizubringen, daß ein Neger überhaupt niemals frei sein könne; deshalb werden wir die Leute verkaufen, das Geld aber sofort an Mr. Büchting auszahlen lassen, wenn er es verlangt.«

»Dieser Beschluß steht ganz fest?« fragte der Greis.

»Er ist heute gefaßt worden und wird schwerlich widerrufen werden,« antwortete Davis.

»Wäre nicht wenigstens ein Aufschub möglich?« fragte der Greis. »Ich könnte Mr. Büchting benachrichtigen; vielleicht wiese er mich an, die unglücklichen Menschen wieder an sich zu kaufen.«

»Nun, gerade das möchten wir doch wohl verhindern,« sagte Jefferson Davis mit seinem früheren Lächeln. »Also, Sir, ich habe Ihnen, wie ich hoffe, genügende Auskunft gegeben. Ich bedauere ...«

»Noch einen Augenblick!« sagte der Greis, sich erhebend. »Sind Sie ein persönlicher Anhänger der Sklaverei, das heißt, würden Sie, falls sich eine Versöhnung zwischen dem Norden und Süden herstellen ließe, ebenfalls noch darauf bestehen, daß die Sklaverei für ewige Zeiten fortdauere?«

»Ewig dauert nach unseren menschlichen Erfahrungen nichts hienieden, mein lieber Herr,« antwortete Jefferson Davis kurz und bestimmt. »Aber es ist meine Ansicht, daß die Sklaverei der Neger solange dauern soll, als es Gott gefällt – –«

»Gott!« unterbrach ihn der Greis, und zum ersten Male verriet seine Stimme Erregung. »Was hat Gott mit der Sklaverei zu tun?«

»Alles,« antwortete der Präsident kurz, »denn ich halte die Einrichtung, die eine untergeordnete Rasse Menschen dazu bestimmt, einer anderen, höheren zur Erreichung großer Zwecke zu dienen, für eine göttliche Einrichtung. Der Neger ist geboren, der Sklave des weißen Mannes zu sein. Das ist unsere Ansicht, unser Glaube. Entweder wir gehen unter, oder wir siegen, und dann bleibt die Sklaverei in ihrer bisherigen Form bestehen. Leben Sie wohl, Sir!«

»Also werden Sie untergehen, Sir!« sagte Dantes mit fester Betonung.

»Meinen Sie?« erwiderte Jefferson Davis ganz ruhig. »Nun, wir wollen es abwarten! Seien Sie übrigens etwas vorsichtig hier im Süden, Sir! Die Leute sind aufgeregt und können es nicht vertragen, wenn man ihnen in ihre Angelegenheiten hineinredet.«

Dantes verbeugte sich kurz und verließ das Zimmer und das Haus.

*

Inzwischen waren Staunton, Booth und Howard nach dem Boardinghaus zurückgekehrt, um ihr »Dinner« zu nehmen, wie der Amerikaner sagt. Booth entging es nicht, daß Staunton ganz verstört war. Der Freischärlerkapitän, der so kräftig aussah, schien nicht sicher auf seinen Füßen zu sein, trat sogleich an das Büfett und ließ sich ein großes Glas reinen Rum geben, weil ihm »höchst jämmerlich zumute sei,« wie er sagte.

»Was fehlt Euch denn, Kapitän?« fragte Howard. »Ihr seht ja aus, als ob Ihr nach drei Tage langem Zechen des Morgens aufwachtet.«

»Sehe ich so aus?« fragte Staunton fast erschreckt. »Ich muß mich erkältet haben. Habe ein Glas Rum getrunken – wird schon helfen!«

»Dir sind wohl die Blicke von dem Alten in die Glieder geschlagen – wie?« fragte Booth.

»Von dem Alten? Wie meinst Du das?« rief Staunton und wurde bleich.

»Nun, es schien mir nur so!« sagte Booth ruhig. »Der Alte hatte etwas Merkwürdiges in seinem Blick.«

»Ja, und in seiner Stimme!« sagte Staunton.

»Er könnte auf jeder Bühne auftreten – so wie er ist!« sagte Booth lachend. »Er würde einen wundervollen Effekt machen – als alter Freiherr – oder als Unbekannter, als geheimnisvoller Fremder, der plötzlich vor den glücklichen Verbrecher hintritt und ihm sagt: »An jenem Abend tatest Du jene Tat, Du glaubtest ohne Zeugen zu sein – aber ich sah es, und komme den Erschlagenen zu rächen.«

»Teufel, mir ist wirklich schlecht zumute!« ächzte Staunton, der aschfahl geworden war, und er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, sank auf das Sofa zurück und stöhnte, wie in heftigen Schmerzen.

Die drei befanden sich noch in demselben Eckzimmer, in dem sie vorher gesessen hatten. Die Wirtin »Zum schurkischen Norden« hatte ihnen, als sie nach dem Eßsaal gehen wollten, zugerufen, daß alle Plätze besetzt seien, und daß sie also schon bis zu der zweiten Tafel, um sechs Uhr, warten müßten. Booth und Staunton war das ganz recht gewesen, nicht aber Howard, der den Tag über, wie er sagte, noch nichts »Ordentliches« gegessen hatte. Howard erinnerte sich nun plötzlich, daß er um sechs Uhr Dienst habe.

»Ich muß sehen, daß ich mir einen Platz oder wenigstens ein Stück Fleisch erobere,« sagte er aufstehend. »Wir sehen uns noch. Ich komme, ehe ich gehe, noch einige Minuten hierher.«

Booth nickte ihm mit vertraulicher Lässigkeit zu und sah dann auf Staunton.

»Pest und Hölle!« rief Booth fast erschreckt. »Kerl, wie siehst Du denn aus? Hast Du das Fieber oder die Cholera? Du mußt etwas Warmes trinken – das kalte Gemisch hilft Dir nichts. Holla, Kellner – ein Glas Grog, zwei Drittel Rum und so heiß als möglich.«

»Wirklich, mir ist mordsübel!« stöhnte der Kapitän. »Muß mir dieser Alte in den Weg kommen! Wer hätte das denken können!«

»Dacht's mir doch, daß es mit dem sonderbaren Alten zusammenhängt!« sagte Booth.

»Ja. Was es ist, kann ich, darf ich Dir nicht sagen!« flüsterte Staunton, scheu um sich blickend. »Ich kenne ihn nicht – gesehen habe ich ihn nicht, aber gehört! – gehört in einer furchtbaren Nacht, der schrecklichsten meines Lebens. Das Haar steht mir zu Berge, wenn ich nur daran denke. Im Wachen und im Traum habe ich seitdem oft die Stimme gehört, aber in Wirklichkeit niemals mehr – nur heute, heute zum ersten Male wieder. Was der wohl will? Und ob er mich erkannt haben mag – ob er weiß –«

Staunton griff mit zitternden Händen nach dem heißen Getränk, das ihm der Aufwärter brachte und goß es hinunter.

»Es hat Dich höllisch alteriert!« sagte Booth, den Stauntons sonderbares Wesen ernstlich zu beunruhigen schien. »Wenn Dir nach dem Grog nicht besser wird, mußt Du Dich ins Bett legen. Ich bin nicht neugierig – aber was es mit dem Alten für ein Bewandtnis hat, möchte ich wohl wissen.«

»Kann's Dir nicht sagen, darf nicht!« flüsterte Staunton ängstlich. »Ah – jetzt wird mir wärmer, etwas besser! Morgen mache ich einen Ritt, weit, weit hinaus mit allen meinen Leuten bis Kentucky, wenn es angeht. Ich mag nicht mit dem Manne innerhalb der Mauern von Richmond bleiben. Teufel – ich fürchte mich vor keiner lebendigen Seele – aber dieser Mann hat etwas von einem Gespenst an sich, es überläuft mich kalt, wenn ich nur an ihn denke. Ein wahres Glück, daß mir jetzt etwas besser zu Mute ist,« sagte Staunton. »Ich glaubte wahrhaftig, ich würde krank werden, und das Diner hätte mir gewiß schlecht geschmeckt. Jetzt – –«

Er unterbrach sich plötzlich, denn in der Tür erschien die Gestalt des Greises, von dem sie sprachen. Er hatte den Hut in der Hand, so daß seine hohe, reine Stirn sichtbar wurde.

»Verzeihen Sie mir, daß ich hier eintrete, meine Herren,« sagte er, während sein Blick langsam und ruhig über die beiden dahinzog, um dann auf Staunton haften zu bleiben. »Aber ich hoffe, vielleicht noch einige Worte mit dem Kapitän Staunton sprechen zu können.«

Der Kapitän war aufgesprungen. Auf seinem Gesicht kämpften Schrecken und Trotz miteinander. Kein Zweifel, daß er diesen Greis fürchtete, aber es schien, als wolle er wenigstens den Versuch machen, das Schreckbild abzuschütteln. Vielleicht wollte er auch vor Booth nicht als ein Feigling dastehen.

»Sir,« rief er, »Sie erschöpfen meine Geduld. Ich glaube, Ihnen vorhin auf dem Wege hinreichend geantwortet zu haben. Wir beide, mein Freund und ich, wollten hier ruhig zusammen – –«

»Es ist nicht viel, was ich Sie zu fragen hätte,« unterbrach ihn der Greis mit einem Tone, den man bescheiden hätte nennen mögen, wenn er nicht so fest und abgemessen gewesen wäre.

»Aber ich sage Ihnen, ich habe keine Zeit!« rief Staunton heftig.

»Ich würde kaum fünf Minuten auf Ihrem Zimmer mit Ihnen gesprochen haben,« fuhr Dantes fort, ohne die Ablehnung des Kapitäns zu hören. »Es könnte sein, daß es sich vielleicht herausstellte, daß zwischen uns Beziehungen sind, gemeinsame Erinnerungen – –«

»Daß ich nicht wüßte!« rief Staunton kurz. »Ich habe Sie nie früher gesehen.«

»Möglich – und doch sind Sie mir vielleicht Dank schuldig!« sagte der Greis und richtete sein Auge so fest auf den Kapitän, daß dieser unwillkürlich auf einen Sessel sank.

»Dank?« stammelte er. »Und wo sollte das gewesen sein?« »An der afrikanischen Küste,« antwortete der Greis, »in Kongo, Master ...«

»In der Tat, Sie sind ein sonderbarer Mensch!« rief Staunton, sich zum Lächeln zwingend. »Ich war in der Tat einmal auf der Küste von Kongo. Entschuldige mich auf einige Minuten, Booth, und reserviere mir einen Platz an der Tafel. Ich will mit diesem Herrn auf mein Zimmer gehen.«

Der alte Herr machte eine leichte Verbeugung gegen Booth, die dieser unwillkürlich sehr höflich erwiderte, und verließ dann das Eckzimmer. Sie traten auf den Korridor und gingen zwei Treppen hinauf. Stauntons Miene war inzwischen finster und überlegend geworden, fast als ob er Böses im Schilde führe .. Oben angekommen, öffnete der Kapitän die Tür zu seinem Zimmer und ließ den Greis eintreten.

Dieser blieb mitten im Zimmer stehen, richtete seinen Blick ruhig auf den Kapitän und sagte ruhig:

»Mr. Wallis, oder Mr. Staunton, wie Sie sich jetzt nennen, es bedarf zwischen uns nicht vieler Worte. Sie verdanken mir Ihr Leben, und ich komme, um von Ihnen einen Gegendienst zu fordern.«

»Sprechen Sie leiser!« rief Staunton. »Was wollen Sie von mir? Wenn ich mich nun jener Nacht nicht erinnern will, wenn ich die Mittel in Händen habe, um jeden, der mich an jenen Vorfall erinnern könnte – –«

»Wozu die vielen Worte?« unterbrach ihn Dantes. »Sie hatten mich wiedererkannt, und an Ihnen ist es, vorsichtig zu sein. Weshalb haben Sie das Wort nicht gehalten, was Sie mir damals gaben? – Weshalb haben Sie abermals Menschenleben geopfert?«

»Ich mußte an diesem Kriege teilnehmen,« antwortete Staunton. »Und der Krieg ist etwas anderes – das nennt man nicht –«

»Morden,« ergänzte der Greis. »Dieser ganze Krieg ist ein Brudermord, heraufbeschworen durch den Süden. Und er wird dennoch seine Früchte tragen, seine segensreichen Früchte. Nein, das meinte ich nicht. Durch Ihre Schuld sind mehr als zwanzig von Mr. Büchtings Farbigen gemordet worden. Dieser Mord lastet auf Ihnen. Sie haben den Tod zehnfach verdient! – Machen Sie nicht diese Bewegung nach dem Tische hin! Es ist vergeblich! Mich töten Sie nicht!«

Staunton hatte die Hand nach einem Revolver ausgestreckt, der auf dem Tische lag. Er ließ sie wieder sinken, murmelte einen Fluch und sank auf einen Stuhl«

»Was wollen Sie?« schrie er wild.

»Sie sollen mir ein Menschenleben retten helfen,« antwortete Dantes. »Ich würde die Neger, die morgen versteigert werden, für Mr. Büchting kaufen können, aber ich weiß jetzt, daß man sie unter meinen Augen morden würde, wenn ich sie nach dem Norden führen wollte. Deshalb muß ich leider darauf verzichten, mich offen dieser Unglücklichen anzunehmen. Nur einen von den Negern will ich befreit wissen. Dazu sollen Sie mir helfen, und noch heute.«

»Hölle und Teufel! Was denken Sie? Ich soll Ihnen einen Neger befreien helfen?« rief Staunton überrascht. »Wie ist das möglich, sie sitzen im Stadtgefängnis –«

»Verlieren wir keine Worte!« unterbrach ihn Dantes. »Sie führen mir den Neger zu, mit dem ich sprach, oder –«

»Oder?« rief Staunton drohend.

»Oder ich trete auf den Markt von Richmond und sage, daß Sie Master Wallis sind!« antwortete der Greis, ihm in die Augen blickend. »Wählen Sie!«

Alle bösen Geister schienen in Staunton wieder aufgetaucht zu sein. Dieser alte Mann wußte ein finsteres Geheimnis aus seinem Leben, war vielleicht der einzige, der es wußte – wie leicht war es, sich seiner zu entledigen! Wer war es? Wer würde Rechenschaft fordern, Erkundigungen nach ihm anstellen? Es hätte sich niemand viel darum gekümmert, denn auf dem Platze hatten zwanzig Menschen gesehen, daß der Alte ein »Niggerfreund« sei – Stauntons Arm zuckte nach dem Tisch – –

Aber in demselben Augenblick, blitzschnell, fiel der Stock des Greises auf diesen Arm nieder. Staunten stieß einen wilden Schrei aus und ließ ihn wie gebrochen sinken.

»Himmel, Teufel, Mann – Sie haben mir den Arm zerschlagen!« rief er und wand sich vor Schmerz.

»Seien Sie zufrieden, daß ich nicht den Kopf traf,« sagte der Greis. »Und nun antworten Sie: Wollen Sie oder nicht! In dem Eßsaal unten sind wenigstens zweihundert Menschen versammelt. Soll ich denen erzählen, daß der Sklavenhändler Wallis seinen eigenen Bruder, dem er vieles verdankte, erschlagen hat, daß die Matrosen ihn deshalb vom Leben zum Tode bringen wollten, und daß ich es war, der diesen Mörder flüchten ließ, um zu verhindern, daß noch mehr Blut vergossen wurde? Antworten Sie oder ich gehe jetzt hinunter, sogleich! ...«

Staunton, der sich den rechten Arm hielt und laut aufwimmerte, schien noch immer trotzig.

»Erhalte ich eine Antwort?« fragte Dantes und trat einen Schritt nach der Tür. »Ich nehme es mit Ihnen auf. Ich habe mit Gottes Hilfe andere Gefahren bestanden, als die mir durch Sie drohen. Sie können heute ein gutes Werk tun, indem Sie mir jenen Schwarzen befreien helfen.«

»Es ist gegen meine Pflicht ...« murrte Staunton.

»Pflicht!« rief der Greis mit herber Stimme. »Sprechen Sie nicht davon, ich kenne Ihr Leben. Noch einmal – wollen Sie oder nicht?«

»Zum Teufel,« murmelte Staunton, »ich war ein Narr, daß ich Sie nicht sofort niederschoß, als ich aus Ihrer Stimme erriet, wer Sie seien. Nun denn – so will ich Ihnen in Erinnerung jener Nacht den Gefallen tun – wenn es möglich ist. Wer ist der Bursche?«

»Justus Withe ist sein Name hier,« antwortete Dantes. »In Afrika ist er der Neffe eines Herrschers, der über Millionen Schwarzer gebietet.«

»Also Justus White,« wiederholte Staunton. »Aber ich werde nicht gehen können, Sie haben mir den Arm zerschlagen.«

»Sie haben es so gewollt,« sagte Dantes. »Erwarten Sie nicht, mich durch Ihr Winseln zu rühren. Ich kenne Sie genug. Nehmen Sie jedoch dies!«

Er zog ein Fläschchen aus der Tasche, träufelte einige Tropfen der darin enthaltenen Flüssigkeit in ein Glas Wasser, das auf dem Tisch stand, und sagte:

»Wenn Sie sich mit diesem Wasser jetzt und in der Nacht Umschläge machen, so wird der Schmerz sich legen. Gebrochen ist der Arm nicht. Ich gehe nach dem Stadtgefängnis und erwarte Sie dort.«

»Ich werde kommen,« sagte Staunton mürrisch und begann seinen Waffenrock auszuziehen. Er stöhnte jammervoll dabei. Aber der Greis kümmerte sich nicht darum, sondern verließ, ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

Er ging nicht sogleich auf die Straße, sondern zuerst in das Schenkzimmer. Es war fast ganz leer, da die meisten Gäste schon ausgegangen waren. Am Büfett war nur das junge Mädchen, das Booth kannte, und eine ihrer Genossinnen.

Als das Mädchen den alten Herrn auf das Büfett zukommen sah, errötete sie ein wenig. Sie schien verlegen und unangenehm überrascht zu sein.

Der alte Herr grüßte ruhig und artig.

»Ich habe mich doch nicht geirrt,« sagte er. »Sie sind es, Miß Schwartz.«

»Ich bin es, in der Tat, Sir,« antwortete das junge Mädchen. »Ich danke Ihnen für Ihre früheren Freundlichkeiten. Aber ich kann es nicht aushalten, den ganzen Tag über die Nadel zu gebrauchen.«

»Wohl möglich!« sagte der Greis, sie ernst anblickend. »Aber Sie haben eine Stellung gewählt, die gefährlich ist. Fragen Sie Ihre Nachbarin, ob sie nicht gern in eine andere, ruhigere Existenz zurückkehren würde, in ein Leben, das weniger augenblicklichen Reiz, aber mehr innere Befriedigung gewährt, wenn ihr dies noch möglich wäre.«

Die Nachbarin der Miß Schwartz blickte zu Boden; sie war wie mit Feuer übergossen. Nicht nur sie, sondern auch Miß Schwartz hatten die Andeutungen verstanden.

»Seien Sie unbesorgt, Sir,« antwortete sie. »Ich werde nicht vergessen, was ich mir schuldig bin.«

»Ich verlasse Richmond vielleicht noch heute,« sagte der Greis. »Möchten Sie in der Tat nie vergessen, was Sie sich schuldig sind! Sollten Sie eines Freundes, Ratgebers oder sonst irgend einer Stütze bedürfen, so wenden Sie sich an Mr. Büchting in Neuyork.«

»Ich danke Ihnen, Sir!« antwortete das junge Mädchen so kurz, daß ihr Dank mehr wie eine Ablehnung klang.

Der Greis sah sie noch einmal mit dem eigentümlichen, schmerzlichen Blick an, verbeugte sich und ging.

Kaum hatte er das Schenkzimmer verlassen, als Booth erschien und auf das Büfett zutrat.

»Kennen Sie diesen Herrn?« fragte er.

Miß Schwartz antwortete nicht sogleich. Vielleicht hatten die Worte des Greises einen tieferen Eindruck auf sie gemacht, als sie ihm gegenüber gestehen wollte. Sie betrachtete Booth aufmerksam und scharf, als wollte sie ihm in der Seele lesen, und sagte dann:

»Ja, es ist ein guter Mann. Er lernte mich zufällig kennen und verschaffte mir eine Stellung in einem Modemagazin, mit der Aussicht auf eine bessere Stellung künftig in Neuyork. Aber ich kann das sitzende Leben nicht vertragen. Ich mußte mich nach einer anderen Beschäftigung umsehen und wählte diese hier.«

»Also, der alte Herr ist ein Beschützer junger Damen?« fragte Booth spöttisch.

»Nehmen Sie es in gutem Sinne und Sie haben recht,« antwortete sie und wandte sich ab.

»Verzeihung, verehrteste Miß!« rief Booth. »Ich werde Sie später um Entschuldigung bitten. Jetzt muß ich zu meinem Freunde, um derentwillen ich mein Diner versäumt habe.«

Er lüftete mit eleganter Nachlässigkeit seinen Hut und ging, überzeugt, in ihrem Herzen eine kleine Wunde zurückgelassen zu haben, die ihm nützlich sein konnte.

Booth ging hinauf nach Stauntons Zimmer. Als er anklopfte, rief der Kapitän mürrisch von innen, daß er nicht zu sprechen sei. Als aber Booth seinen Namen nannte, antwortete Staunton, er möge »zum Teufel« eintreten.

Booth war nicht wenig überrascht, den Kapitän mit entblößtem rechten Arm zu finden, wie er sich bemühte, mit Hilfe eines Kellners eine Kompresse um den Oberarm zu machen. Er fragte jedoch aus Rücksicht auf den Kellner nicht, was vorgefallen sei. Erst als der Kellner wieder gegangen war, fragte Booth:

»Nun, bei allen guten und bösen Geistern, Will, was ist denn das wieder? Vor einer halben Stunde bist Du munter und gesund von mir gegangen, und jetzt finde ich Dich mit zerschlagenem Arm?«

»Ich möchte wissen, wen das etwas angeht?« antwortete Staunton bissig und verdrießlich.

»Es geht Dich glücklicherweise mehr an, als mich!« rief Booth lachend. »Eine schöne Geschichte! Du wirst vier Wochen lang den Säbel nicht führen und keinen Revolver halten können –«

»Mach mich nur nicht noch wütender!« rief Staunton. »Ich bin schon halb rasend vor Ingrimm –«

Er verzog das Gesicht in heftigem Schmerz und fluchte und wimmerte. Als er sah, daß Booth mehr zum Lachen als zum Mitleid aufgelegt sei, stieß er einen Stuhl um und schrie:

»Mach, daß Du hinaus kommst, Junge! Ich habe Dich nicht gerufen.«

»Oho – ist es so gemeint?« sagte Booth und ging nach der Tür. »Ich will Dir sagen, was vorgefallen ist. Du hast den Alten niederschießen wollen, und er hat Dir den Arm zerschlagen.«

»Und wenn es so wäre, was ist dabei?« rief Staunton.

»Gar nichts,« antwortete Booth. »Wer hat nicht in seinem Leben dunkle Punkte? Denn seltsam bleibt es jedenfalls, daß sich Staunton, der wegen seiner Tapferkeit und seiner Wildheit bekannte Freischarenkapitän, in seinem eigenen Zimmer von einem siebzigjährigen Greise den Arm zerschlagen läßt.«

»Mordelement! – und wenn ich mir das gefallen lasse, wen geht es etwas an?« rief Staunton.

»Niemand, sehr richtig!« sagte Booth. »Und nun wollte ich Dich fragen, wie es mit unserem Diner steht.«

»Tut mir leid,« sagte Staunton. »Ich habe noch keinen Appetit und muß außerdem ausgehen. Aber in einigen Stunden werde ich zurück sein. Wo finde ich Dich?«

»Lassen wir es für heute! – ich habe auch meine Pläne!« sagte Booth. »Ich werde irgend wo anders essen. Wir sehen uns entweder ganz spät, oder morgen früh.«

Er griff dabei nach Stauntons rechter Hand und wollte sie schütteln. Aber der Kapitän zog sie mit einem Schrei zurück. Booth ging lachend hinaus.

»Verdammter, naseweiser, neugieriger Bursche!« grollte Staunton hinter ihm her, nahm dann seinen Schlapphut mit der Feder und ging die Treppe hinab, aus dem Hause.

Es war inzwischen Nacht geworden. Staunton ging eine gute Strecke, denn das Gefängnis, in das man die Neger gebracht hatte, lag ziemlich entfernt. Vor dem Eingangstore sah er Dantes langsam auf und ab gehen.

Staunton ging an ihn heran und sagte:

»Nun? was soll ich tun? Wissen Sie Rat? Wie soll ich es anfangen, einen Nigger aus diesem Gefängnis herauszulocken? Ich weiß es nicht. Wenn man ihm nicht erlaubt, mit mir zu gehen, so habe ich meine Schuldigkeit getan.«

»Tun Sie, was Sie wollen!« antwortete Dantes. »Sie bringen mir den Justus White, oder ...«

»Nun, zum Teufel, so geben Sie mir doch wenigstens einen Plan an!« rief Staunton, »ich verstehe mich nicht auf die Pfiffe und Kunststückchen der Pfaffen!«

»Besser aufs Morden!« sagte der Greis kurz und verächtlich. »Nun, so gehen Sie hinein und sagen Sie, daß Sie den Schwarzen gebrauchen zu irgend einem Zeugnis, und daß Sie ihn auch zurückbringen würden. Man wird Ihnen glauben, da Sie eine bekannte Persönlichkeit sind. Lassen Sie Justus die Arme fesseln, es paßt zu meinem Plane.«

Mürrisch ging Staunton über die Straße und zog die große Klingel am Eingangstor des Gefängnisses. Schon nach wenigen Minuten erschien Staunton in Begleitung des Negers, dem die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren. Der Greis ging die Straße hinab. Staunton folgte ihm mit dem Neger, bis Dantes an einer Ecke still stand.

Der Greis sprach einige Worte in fremder Sprache zu dem Neger, die dieser mit einem freudigen Rufe erwiderte. Dann wandte er sich zu Staunton.

»Ihnen habe ich nichts zu sagen, denn wahrscheinlich erwarten Sie von mir keinen Dank,« sagte er. »Sie sind ein verlorener Mensch! – Ihre Bahn geht abwärts.«

Er wandte sich ab und ging mit dem Neger fort. Staunton blickte ihm noch eine Zeit lang nach.

»Ich sollte doch meinen, daß auch für Dich eine Kugel gegossen wäre!« murmelte er vor sich hin. »Ein anderes Mal werde ich vorsichtiger sein.«

Er nahm den ersten Mietswagen, den er fand und fuhr nach seiner Wohnung zurück. – – –

Es war elf Uhr abends. Noch befanden sich einige Gäste in dem großen Hause des Boardinghauses »Zum schurkischen Norden«. Aber Mistreß Brown zog sich jetzt mit ihren jüngeren Gehilfinnen zurück.

Die schöne Miß Schwartz, die vielfach von den Gästen bewundert worden war, war verstimmt. Sie warf noch einen Blick auf das Schenkzimmer und ging dann mit Mary nach dem hinteren Flügel, in dem das Zimmer lag, daß sie mit ihr gemeinsam bewohnen sollte.

»Gehen Sie nur allein, Miß Anna!« flüsterte Mary, als beide in der Nähe ihres Zimmers waren. »Ich komme bald nach.«

»Wohin wollen Sie denn noch?« fragte Anna.

»Ein paar Worte mit meinem Bräutigam sprechen, der im Hause wohnt,« antwortete Mary mit einem spöttischen Blick auf Anna. »Ich bleibe nicht lange, ich werde klopfen.«

Anna sah ihr verwundert nach und trat dann in ihr Zimmer. Sie setzte das Licht auf den Tisch und verriegelte die Tür. Sie war etwas abgespannt, und zuweilen seufzte sie. Langsam löste sie ihr prächtiges, hellbraunes Haar und öffnete dann ihr Mieder, hoch aufatmend, als ob es ihr bis dahin an Luft gefehlt habe. Lange saß sie, die Wange auf die Hand gestützt, und sah regungslos vor sich nieder. Dann brach sie plötzlich in Tränen aus und weinte heftig.

Sie hatte dabei den Kopf gesenkt und die Augen mit den Händen verdeckt. Als sie endlich die Hände sinken ließ, stieß sie einen Schrei aus und fuhr in die Höhe. Denn ihr gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches saß er, an den sie soviel gedacht – Wilkes Booth!

Sie zitterte an Händen und Füßen, denn sie mußte an ein Gespenst denken – ein Glaube, in dem sie um so mehr bestärkt werden mußte, da Booth sie regungslos anschaute.

Jetzt machte er eine Bewegung.

»Um Gotteswillen! Wie sind Sie hereingekommen? Die Tür ist doch verriegelt!« rief Anna in der größten Bestürzung.

»Der Augenblick ist zu ernst, als daß wir mit Kleinigkeiten viele Worte verlieren wollten,« sagte Booth feierlich. »Ich bin in Ihr Zimmer gekommen, das Wie ist gleichgültig. Ich mußte Sie heute noch allein sprechen.«

»Ich aber bitte Sie, dieses Zimmer sogleich zu verlassen!« rief Anna heftig.

Sie hatte ihre Fassung wiedererlangt und eilte nach der Tür. Die war noch verriegelt.

»Was ist das?« rief sie. »Ich glaubte den Riegel nicht vorgeschoben und Ihr Eintreten überhört zu haben. Wer hat Sie eingelassen?«

»Ich sagte Ihnen schon, Miß Anna, daß ich Sie sprechen mußte,« antwortete Booth, immer noch sehr ruhig und fast melancholisch. »Ich habe also auch die Mittel gefunden, in dieses Zimmer zu gelangen. Es wird uns niemand stören –«

»Das sagen Sie, und Miß Mary kann jeden Augenblick zurückkommen!« rief Anna. »Gehen Sie –«

»Ich gehe nicht, und Mary wird nicht kommen,« antwortete der Schauspieler. »Mary ist bei ihrem Geliebten und daraufhin baute ich meinen Plan. Miß Anna – schon einmal hat uns das Geschick auseinandergerissen. Sie ahnen nicht, was ich inzwischen erduldet habe. Jetzt sehe ich Sie wieder in jenem Augenblick, in dem Sie mir zum zweitenmal entrissen werden können, wenn ich nicht handle. Ich muß wahrscheinlich morgen schon nach dem Norden zurückkehren. Miß Anna, ich liebe Sie, ich reise nicht ohne Sie – Sie müssen mich begleiten!«

»Sie sind wahnsinnig!« rief Anna, »verlassen Sie mich! Dies ist mein Zimmer – niemand darf hier sein, am wenigsten um diese Zeit.«

»Ich würde es nicht gewagt haben, hierherzukommen, wenn ich nicht im voraus gewußt hätte, daß Sie mir meine Kühnheit verzeihen werden. Ich will Ihr Glück begründen, Miß Anna. Sie stehen allein, lehnen Sie sich an mich. Wir beide trotzen der ganzen Welt. Die Stellung, die Sie jetzt einnehmen, eignet sich nicht für Sie. Ich bin Ihnen nicht gleichgültig, Miß Anna, ich weiß es. Folgen Sie Ihrem Herzen, und nehmen Sie meinen Beistand an!«

Sie stand in grenzenloser Verwirrung, noch immer zwischen der Tür und ihm. Las dieser Mann in ihrem Herzen? Wußte er, wie sehr sie sich nach ihm sehnte, wie sie ihn liebte, und daß sie nur deshalb die Stellung bei Mistreß Brown angenommen, weil sie ihn in dieses Haus hineingehen sah und weil sie vermutete, daß er hier wohnte? Vergebens hatte sie sich gegen das Gefühl gesträubt, das sie zu ihm hintrieb, namentlich seitdem sie erfahren hatte, daß er der Schauspieler Booth sei, der Liebling aller Frauen und der leichtsinnigste aller Männer. Hatte er jemals wahrhaft geliebt? War dies wirklich der Mann, der die Frauen nur als Spielzeug betrachtete, oder hatte er noch keine gefunden, die würdig war, von ihm geliebt zu werden?

In einer einzigen Minute schossen alle diese Gedanken durch ihre Seele.

»Lassen Sie uns ein andermal darüber sprechen, mein Herr!« rief sie, die Hände wie abwehrend ausstreckend. »Hier darf ich Sie nicht anhören! Bedenken Sie, was ich erdulden müßte –«

»Ich weiß es, ich weiß alles!« antwortete Booth. »Ihr Ruf wäre vernichtet. Und doch, so teuer mir dieser Ruf ist, ich kann jetzt keine Rücksicht darauf nehmen. Wer weiß, ob ich Sie jemals wiedersehen würde, wenn ich morgen Richmond verließe. Oder irre ich mich? Weisen Sie mich kurz ab? Haben Sie mich vergessen und in einem anderen gefunden, was ich Ihnen zu sein hoffte?«

»Aber was wollen Sie?« rief Anna, »Sie sind mir fremd.«

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie liebe?« unterbrach sie Booth sanft und innig.

»Man spricht so viel von Ihnen, man sagt –« antwortete Anna erglühend. Dann kehrte plötzlich das Gefühl des mädchenhaften Stolzes, der durch diese Ueberraschung verletzt worden, mit ganzer Gewalt zurück. »Gehen Sie sogleich, mein Herr! Wir wollen uns ein andermal sprechen, und ich werde den Ort und die Zeit selber wählen.«

Es lag viel Kraft und Selbstbewußtsein in ihrer Stimme, und Booth fühlte wohl, daß er sie für immer verloren habe, wenn er jetzt weichen müsse. Er stand auf.

»Gut denn!« sagte er resigniert. »Leben Sie wohl! Wir werden uns nicht wiedersehen.«

»Das habe ich nicht verlangt!« rief Anna lebhaft. »Nur hier –«

»Sie sind gegen mich eingenommen, ich begreife es,« sagte Booth traurig. »Ich begreife auch, daß ich mich geirrt habe. Nur der Gedanke, daß Sie die Neigung teilten, die seit unserem ersten Zusammentreffen mein ganzes Herz erfüllt, konnte mir den Mut geben, Sie auf diese Weise sprechen zu wollen. Ich glaube, wenn wir uns erst gefunden hätten – und dazu mußte ich doch den ersten Schritt tun! – so würde keine Macht der Welt uns wieder trennen können. Es ist nicht so! Ich gehe. Ich werde versuchen, Sie nicht wiederzusehen.«

Er nahm mit düsterer, aber entschlossener Miene seinen Hut. In ihr kämpfte es gewaltig.

»Weiß jemand, weiß jene Mary, daß Sie in diesem Zimmer sind?« fragte sie hastig.

»Niemand weiß es. Ich erfuhr, daß Mary einen Freund besuchen wollte, und nahm an, daß Sie nicht erst in dieses Zimmer kommen würde. Es stand offen – ich trat ein. Um Sie nicht zu erschrecken, verhielt ich mich schweigend.«

»Also niemand weiß es?«

»Mein Ehrenwort darauf,« antwortete Booth. »Und Mary wird nicht zurückkehren. Sie ist eine leichtsinnige Dirne. Sie dürfen nicht mit ihr unter einem Dache wohnen!«

»Entsetzlich!« rief Anna. »Aber was wollen Sie denn von mir? Was gab Ihnen den Mut –«

»Ich will mit Ihnen nach New York reisen, wo ich Ihnen eine Stellung verschaffen kann, die Ihrer würdig ist,« antwortete Booth ernst. »Und außerdem wollte ich Sie bitten, mit zu erzählen, was Sie nach Amerika geführt hat. Ich würde daraus ersehen, welche Stellung für Sie die geeignetste ist.«

»Gut – ja – ich wäre nicht abgeneigt –« antwortete Anna verwirrt und unentschlossen. »Aber wir müssen einen anderen Ott wählen – morgen – wir wollen ausgehen, eine Fahrt aufs Land machen ...«

»Morgen wäre es vielleicht zu spät. Und was fürchten Sie? Ich sage es Ihnen, es wird niemand kommen. Unsere amerikanischen, jungen Damen erfreuen sich größerer Freiheiten, als in anderen Ländern. Sie können ganz offen und zu jeder Zeit einen Herrn in ihrem Zimmer empfangen – gerade das Geheimnis würde Verdacht erregen.«

»Da Sie einmal hier sind, und ich selbst das Bedürfnis nach Mitteilung empfinde,« sagte Anna, »werden Sie in dieser erzwungenen Einwilligung nichts sehen, was mich in Ihren Augen erniedrigen könnte. Ich setze voraus, daß ich Ihnen vertrauen kann.«

»Gewiß,« antwortete Booth, »und ich werde Ihnen sehr dankbar sein. Ich verlange nicht, daß Sie mich in Geheimnisse Ihres Lebens einweihen sollen, die Sie verschweigen zu müssen glauben.«

»Um Ihnen mit einem Worte alles zu sagen – ich bin die Tochter eines deutschen Edelmannes, ein verzogenes Kind, daß nichts Ordentliches gelernt hat.«

»Ich vermutete etwas Aehnliches, denn es liegt ein unverkennbarer Adel in Ihrem Wesen,« sagte Booth ganz ernst, ohne den leichten gefälligen Anflug. »Sie wundern sich vielleicht, daß ich, der Bürger eines republikanischen Landes, dies bemerke. Ich glaube, ein adliges deutsches Fräulein würde in New York überall Eingang finden.«

»Aber ich bin entschlossen, meinen wahren Namen nicht zu nennen,« sagte Anna lebhaft.

»Das ist auch nicht nötig – man kann ihn durchschimmern lassen,« sagte Booth.

»Ich bin die Tochter eines deutschen Barons,« sagte Anna mit einer Mischung von Trotz und Trauer. »Ich bin die einzige Tochter, außer mir existiert aus der zweiten Ehe meines Vaters noch ein Sohn, und für diesen sollte ich geopfert werden. Die Besitzung meines Vaters war früher eine der reichsten in der Gegend. Aber mein Vater hatte in seiner Jugend als Offizier leichtsinnig gelebt, und als er, nicht mehr sehr jung, die Erbschaft seines Vaters antrat, fand sich, daß mehr als zwei Drittel seiner Besitzung verpfändet waren. Ich war damals ungefähr vierzehn Jahre alt. Meine Mutter, eine Dame aus altadligem Hause, starb; um seine Güter wieder empor zu bringen, heiratete mein Vater die Tochter eines sehr reichen Kaufmanns. Es war eine Spekulationsehe; sie schlug fehl, denn der Vater meiner Stiefmutter machte Bankerott. Mein Vater erhielt nichts.

Als ich, ungefähr sechzehn Jahre alt, aus der Pension heim kam, fand ich die Verhältnisse meines Vaters in der größten Verwirrung. Er verwaltete der Sparsamkeit wegen seine Güter allein; aber er schien nichts von der Landwirtschaft zu verstehen. Alles ging rückwärts. Inzwischen war ihm aus der zweiten Ehe ein Sohn geboren. Das Ansehen und der Glanz der Familie schien für immer ruiniert. Mein Vater hatte mich stets zärtlich geliebt, mir nie einen Wunsch abschlagen können. Meine Stiefmutter kümmerte sich nicht um mich; ich war ihr gleichgültig. So ward meine Erziehung in dem Augenblick abgebrochen, in dem bei anderen Mädchen eine sorgsame Mutter die Mängel und Lücken der Pensionserziehung verbessert und ausfüllt. Ich hatte in der Pension wenig gelernt, nur für Sprachen besaß ich Talent, und Englisch und Französisch sprach ich fertig, las auch in diesen Sprachen alle möglichen Bücher. Wenn ich nicht las, jagte ich im Galopp durch Feld und Wald oder fischte auf den Seen oder schoß Raubvögel. Das Unglück meines Vaters ging mir freilich zu Herzen, aber ich konnte ihm meine Teilnahme nicht einmal zeigen, denn er vermied es, mit mir allein zu sein. Meine Stiefmutter war eine sehr sparsame und lebenskluge Frau. Mein Vater sah ein, daß die meisten ihrer Ratschläge zu glücklichen Zielen führten – genug, ich hatte keine Mutter und war meinem Vater entfremdet.

Da bemerkte ich plötzlich, daß ein Herr aus unserer Nachbarschaft anfing, das Haus meines Vaters öfters zu besuchen und mir den Hof zu machen. Er war ein Graf – doch wozu der Name! – und der reichste Grundbesitzer im ganzen Königreich, aber mir im höchsten Grade widerwärtig. Das lag nicht in seiner Häßlichkeit, sondern in seinem Wesen, in seinen Manieren, in seiner ganzen Denkungsart. Es war sehr einfach, da ich ihn nicht leiden konnte, daß ich ihn vermied. Einmal aber sagte mein Vater zu mir: »Du tust mir einen Gefallen, wenn Du bleibst. Ich möchte mir den Grafen zum Freunde halten. Plaudere doch ein wenig mit ihm! –« Da ich meinen Vater herzlich liebte und vermutete, daß Geldangelegenheiten ihn die Freundschaft des Grafen suchen ließen, blieb ich und versuchte den Grafen zu unterhalten, das heißt in meiner Art. Ich machte mich über ihn lustig, zog ihn auf, verspottete ihn gerade ins Gesicht hinein. Trotzdem kam er zuletzt fast täglich, so daß ich meinem Vater erklärte, daß sei zu viel für mich, und ich könnte mit dem besten Willen der Welt nicht täglich für die Unterhaltung des Grafen sorgen.

Mein Vater war während einiger Zeit verreist. Als er zurückkam erschien er mir sehr traurig. Es war mir, als wolle er mich gar nicht ansehen. Am andern Vormittag ließ meine Stiefmutter mich rufen. Das geschah sehr selten, daher war ich recht erstaunt. Sie empfing mich in ihrer gewöhnlichen, kühlen aber nicht unfreundlichen Weise, und teilte mir mit, daß mein Vater verreist gewesen sei, um einen Versuch zu machen, einen entfernten Verwandten zum Darlehn einer bedeutenden Summe zu bewegen, daß dieser Versuch aber vollkommen gescheitert sei. Es bliebe jetzt kein anderes Mittel, die Familie vor dem sicheren Verderben zu retten, als meine Verbindung mit einem reichen Kavalier, dessen Unterstützung und Kredit unser Haus wieder heben könnte. Sie fragte mich, ob ich um meines Vaters willen eine solche Verbindung eingehen wolle, verheiraten müsse ich mich ja doch, früher oder später. Der Ton, in dem sie sprach, ihre gut gewählten Worte, die Trockenheit, mit der sie mir die verzweifelte Lage meines Vaters schilderte, machten einen erschütternden Eindruck auf mich; ich begriff, daß ich mich wohl um meines Vaters willen zur Ehe entschließen könnte. Ich antwortete also ja, ich sei dazu bereit, und bat sie, mir zu sagen, ob sie bereits eine bestimmte Partie für mich in Aussicht habe. »Gewiß,« antwortete sie, »Dein Vater und ich sind längst über Deinen zukünftigen Gemahl einig. Es ist der Graf –.« Es wurde mir dunkel vor den Augen und es bedurfte einiger Zeit um mich zu sammeln. Dann antwortete ich, daß ich mir nicht die Kraft zutraue, mit diesem Gatten eine glückliche Ehe zu führen, und daß ich voraussetze, es würde ihr und meinem Vater gelingen, eine geeignetere Partie für mich zu finden. – »Schwerlich!« antwortete sie. »Ueberdies hat der Graf das Jawort Deines Vaters.«

Ich kehrte auf mein Zimmer zurück und begriff, daß es sich für mich um Glück oder Unglück handle. Ich glaubte, diesen Kampf nicht ertragen zu können, und zum erstenmal in meinem Leben betete ich inbrünstig zu Gott und beschwor ihn, meinen Vater zu retten, ohne daß ich gezwungen sei, ein Opfer zu bringen, das mir unmöglich erschien.

In diese Verzweiflung trat mein Vater. Er weinte, zog mich an sein Herz und sagte mir, daß es für ihn keinen Ausweg mehr gebe. Seine Ehre sei verpfändet, er müsse bedeutende Summen decken. Meine Weigerung sei für ihn gleichbedeutend mit Ruin oder Tod. Ich konnte es nicht ertragen, ihn so sprechen zu hören, ihn in solcher Verzweiflung zu sehen. Ich gab mein Jawort. In jenem Augenblick war ich fest entschlossen, mich unmittelbar nach der Verbindung, unmittelbar nachdem mein Vater die ihm notwendige Summe erhielt, selbst zu töten. Ich wollte das Opfer bringen, aber es auch nicht überleben.

Wahrscheinlich, um mir keine Zeit zur Ueberlegung zu lassen, ward die Verlobung schon am folgenden Tage gefeiert und ich erhielt den ersten Kuß meines Bräutigams, den ersten und einzigen. Bei diesem Kusse fühlte ich, daß ich meine Verbindung mit dem widerwärtigen Manne nicht überleben könne; aber ich fühlte auch einen inneren Triumph, eine gewisse verzweifelte Freude, als ich hörte, daß an diesem Tage meinem Vater eine Summe von zwanzigtausend Talern ausgezahlt worden sei. Die Summe von hunderttausend Talern sollte er an meinem Hochzeitstage ausgezahlt erhalten. Mein Entschluß, mich zu töten, sobald diese Zahlung erfolgt sei, stand fest ...

Wenn ich sage, daß ich den Entschluß gefaßt hatte, mich zu töten, so glauben Sie nicht, daß dieser Entschluß mir leicht wurde. Aber ich fürchtete ihn weniger, als die Umarmung des Grafen. Wie ich diesen Umarmungen auf eine andere Weise entgehen könne, daran hatte ich schon öfter gedacht, aber noch kein Mittel gefunden. Der Zufall sollte es mir bieten, mich auf einen anderen Weg zu leiten.

Mein Bräutigam kam gewöhnlich nachmittags. Vormittags pflegte ich auf unserem wildesten Pferde wie rasend durch die Nachbarschaft zu retten, in der geheimen Hoffnung, es werde mir ein Unglück zustoßen. Eines Tages kehrte ich auf einem unserer Vorwerke ein, das von einem Meier bewirtschaftet wurde. Es war ungefähr 14 Tage vor meiner Hochzeit. Ich fand den Meier beschäftigt, große Ballen zu packen, fragte, was denn eigentlich vorgefallen sei. – »Wissen Sie denn nicht, daß wir nach Amerika ziehen?« fragte er. – Ich erschrak förmlich bei der Antwort, ich wußte gar nichts davon und fragte ihn, wie denn das komme, ich hätte geglaubt, er würde sein Leben lang auf dem Vorwerk bleiben. – Das hätte er auch gedacht, antwortete er. Aber nun sei doch alles anders gekommen, er habe sehr gute Vorschläge für Amerika und wolle mit seiner ganzen Familie und noch anderen Verwandten dorthin. Der Mann kam mir etwas scheu und verlegen vor, als wollte er sich nicht frei aussprechen. Mir erschien es rätselhaft, daß ein Mann, dessen Vater bereits das Vorwerk bewirtschaftet hatte, uns verlassen wollte. Ich rief ihn also beiseite und sagte ihm, er möge frei und offen mitteilen, was ihn von uns treibe. Er zögerte auch jetzt noch und sagte endlich: Mein zukünftiger Gemahl sei die Ursache davon. Der Graf sei ein sehr übel berufener Herr, der seine Untergebenen wie die Hunde behandle. Da nun das Vorwerk mit zu den Grundstücken gehört, die an den Grafen verkauft waren, so sah der Meier – Wetzel hieß er – voraus, daß er entweder in seinen alten Tagen noch sehr schlecht behandelt, oder aus dem Dienst entlassen werden würde. Dem wollte er durch freiwilliges Aufgeben seiner Stellung zuvorkommen.

Am andern Morgen ritt ich wieder zu dem Meier und teilte ihm mit, was mein Herz bewegte: ich gestand ihm, daß ich entschlossen gewesen sei, die Heirat nicht zu überleben, daß mir aber jetzt ein anderer Gedanke gekommen sei. Ich fragte ihn, wann er abzureisen gedenke. Er nannte mir die Zeit und sagte, daß das Schiff am Sonnabend über vierzehn Tagen von Bremen abgehe. Darauf sagte ich ihm, daß ich entschlossen sei, ihn zu begleiten. Am Donnerstag über vierzehn Tagen sollte die Hochzeit sein. Wenn ich mich nach der Trauung um sechs Uhr abends nach der nächsten Eisenbahnstation begab und den Nachtzug benutzte, konnte ich am Sonnabend in Bremen sein. Die Reisekosten besaß ich, freilich nicht viel mehr.

Der Meier wollte natürlich zuerst von meinem Plane nichts hören. Als ich ihm aber wiederholt und ernst versicherte, daß mir nur die Wahl bleibe zwischen dem Tode und der Flucht, bequemte er sich endlich dazu, mich dem Grafen entreißen zu helfen. Er verschaffte mir die Kleider einer wohlhabenden Bäuerin, wie sie in unserer Gegend getragen werden, und auch einen Paß, der auf eine entfernte Verwandte, Anna Schwartz, lautete.

Es geschah alles, wie ich voraus berechnet. Mit leicht erklärlichem Heldenmute sah ich den verhängnisvollen Donnerstag erscheinen und sprach das unheilvolle »Ja« inmitten einer glänzenden Versammlung. Dann benutzte ich einen Augenblick um mich zu entfernen, legte meine Bauernkleider an, verließ das Schloß und ging zu Fuß nach der nicht fernen Station. Bald darauf fuhr ich durch die Nacht nach Bremen und verließ in Begleitung Wetzels Europa. Für meinen Vater hatte ich einige Zeilen in meinem Schreibtisch zurückgelassen, er möge sich nicht grämen, ich hätte meine Heimat verlassen müssen, und er würde bald das Nähere erfahren.

Auf dem Dampfschiffe unter so viel fremden Menschen, auf der unendlichen See wurde mir freilich bald genug sehr schwer ums Herz. Ich war mittellos, für das Geld, daß mir geblieben war, konnte ich mir in Amerika höchstens ein bürgerliches Kleid kaufen. Zwar bot mir Wetzel seine Unterstützung an, und ich wußte, daß er väterlich an mir handeln würde. Namentlich fiel es mir schwer aufs Herz, was ich vorher nur wenig bedachte, daß ich nun doch immer die rechtmäßige Gattin des Grafen und dadurch in Amerika verhindert sei, die Verbindung zu schließen, die einzig und allein imstande war, mich dauernd zu schützen. Wir gelangten nach Richmond, und ich hatte jene Unterredung mit Ihnen, die mir vollständig klar machte, daß ich wirklich nicht dazu geschaffen sei, mein ganzes Leben in einer Wildnis zuzubringen und vielleicht einen Holzfäller zu heiraten. Daß ich mich aber andererseits nicht dazu entschließen konnte, Ihre Aufforderung anzunehmen und Sie in New York aufzusuchen, werden Sie begreifen. Ich sagte damals zu Wetzel, daß ich in Richmond bleiben wolle. Er bemühte sich vergebens mich zu überreden, ihm zu folgen; ich verließ unser Boardinghaus, noch bevor Wetzel abreiste, und hoffte irgendeine Stellung in einem Geschäft zu finden. Fast der Verzweiflung nahe, wollte ich an Sie schreiben, als mich auf einem meiner traurigen Spaziergänge der alte Herr bemerkte, den Sie heute gesehen haben. Ich teilte ihm, da sein Wesen einen tiefen Eindruck auf mich machte, mit, daß ich verlassen und in Not sei. Noch an demselben Tage verschaffte er mir eine gute Stellung im Magazin der Frau Petit. Aber für die Näharbeit bin ich nun einmal nicht geschaffen, auch mißfiel mir Mr. Petit durch sein Betragen, daher nahm ich die Stellung bei Mistreß Brown an, ohne freilich zu ahnen, in welche Gesellschaft sie mich bringen würde.«

Booth hatte sich erhoben. Mit dem Hute in der Hand stand er ehrerbietig vor Anna.

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie mir Ihre ebenso traurige, als eigentümliche Vergangenheit erzählt haben,« sagte er. »In diesem Hause dürfen Sie nicht bleiben, nicht eine einzige Nacht mehr. Ich fühle, welche schweren Rücksichten Ihre eigentümliche Stellung als Frau mir auferlegt, aber ich werde sie zu achten wissen. Natürlich nennen Sie sich hier Miß Schwartz.«

»Ja, ich muß wohl, weil meine Papiere auf diesen Namen lauten,« antwortete Anna.

»Erfuhren Sie etwas Genaueres über diesen alten Herrn?« fragte Booth.

»Nein, gar nichts; er schien ein Missionar oder Reisender zu sein,« antwortete Anna.

»Morgen werde ich mit Ihnen nach New York reisen,« sagte Booth. »Natürlich können wir nicht direkt reisen, wir müssen einen Umweg machen.«

»Aber Sir –!« rief Anna Schwartz. »Es ist unmöglich. Ich sollte –«

»Sie reisen morgen mit mir ab, teure Miß!« sagte Booth. »Gute Nacht, Miß Schwartz! Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Sie werden mich einer so edlen Freundschaft für würdig finden.«

Er küßte ihre Hand und verließ das Zimmer.

»Sie wird mich jetzt anstaunen!« dachte er, und seine Blicke erglühten im Triumph. »Ich habe gewonnen. Heißes Blut – Trotz – Eigensinn – etwas Menschenverachtung – das habe ich gerade nötig, um sie zu meiner Sklavin zu machen. Und verheiratet und doch noch Mädchen – das ist interessant, das wird später Aufsehen machen!«

Anna Schwartz schloß die schlaflosen Augen erst gegen Morgen zu einem leichten, unruhigen Schlummer.

Am folgenden Nachmittag verließen beide Richmond zusammen mit einem der nach Norden führenden Züge.

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