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Die Millionenbraut. Erster Band

Adolf Mützelburg: Die Millionenbraut. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorDumas-Mützelburg
titleDie Millionenbraut. Erster Band
publisherVerlag von Gyldahl & Hansen
year1914
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Liberty-plantation

In einem Boudoir, das allen Reichtum und Komfort Amerikas mit dem feinsten Geschmack Europas und der sinnigsten Auswahl eines geübten weiblichen Auges vereinigte, saß ein junges Mädchen. Von ihrem Gesicht war nichts zu sehen, denn es lag auf der Platte eines geschnitzten schönen Tisches, und schwere, glänzende Locken verbargen es unter ihrer Fülle. Die eine Hand des Mädchens hing schlaff an ihrem Körper nieder; die andere, schmal, sein und weiß, lag auf dem Tischchen und zuckte zuweilen, wie in heftigem Schmerz, niemand war sonst im Zimmer. Zu Füßen des Mädchens lag ein großes Zeitungsblatt.

Es klopfte leise an die Tür; das junge Mädchen hörte nicht. Es klopfte noch einmal: keine Antwort. »Ist niemand drinnen?« fragte eine männliche Stimme in deutscher Sprache. Wieder keine Antwort. Jetzt öffnete sich die Tür, und es erschien ein stattlicher Mann von etwa fünfzig Jahren, gekleidet wie ein wohlhabender Pflanzer Amerikas, mit einem ausdrucksvollen und klugen Gesicht. Als er das junge Mädchen über den Tisch gelehnt sah, nahm seine Miene den Ausdruck des Befremdens und der Besorgnis an.

»Eliza!« sagte er leise und trat näher. Sie antwortete nicht. Sollte sie schlafen? Um diese ungewöhnliche Zeit, kurz vor der Mittagsmahlzeit, die um fünf Uhr stattfand? Der Mann hob leise das Zeitungsblatt auf, und schon auf der ersten Seite fiel ihm der Name: Richard Everett ins Auge. Seine Züge spannten sich, und hastig die Zeilen überfliegend, las er folgendes:

»Es kann kaum mehr einem Zweifel unterliegen, daß der allbekannte und beliebte Adoptivsohn unseres hochgeachteten und ehrenwerten Mitbürgers Mr. Henry Everett, Mr. Richard Everett, dessen seltsames Verschwinden im Februar d. J. wir meldeten, nicht mehr unter den Lebenden weilt und das Opfer irgend eines bis jetzt unentdeckten Verbrechens geworden ist. Wir teilten damals mit, daß Mr. Richard von seinem Vater nach Richmond gesendet worden sei, um einige Geldangelegenheiten zu ordnen, da der Abfall der Südstaaten im Anzüge war. Mr. Richard benutzte die Eisenbahn bis Bingstown und bestieg dort ein Pferd. Es war seine Absicht, Mr. Büchting auf Liberty-Plantation zu besuchen, dessen Familie mit Mr. Everett in der vertraulichsten und innigsten Freundschaft lebt. Um sieben Uhr morgens ritt er von Bingstown ab, hinein in die große Prärie, die sich zwischen Bingstown und Liberty-Plantation meilenweit ausdehnt. Als Mr. Everett eine Woche lang keine Nachricht von seinem Adoptivsohns erhielt, wurde er besorgt und telegraphierte nach Richmond. Auf die Nachricht, daß Mr. Richard dort nicht angekommen sei, reiste er sogleich selbst nach Süden und telegraphierte seinem Verwandten, Mr. Ralph Pettow, der sich in geschäftlichen Angelegenheiten für das Haus Everett in Nord-Carolina aufhielt. Beide begannen vereint ihre Nachforschungen nach dem Verschwundenen, die von Mr. Büchting aufs angelegentlichste unterstützt wurden. Die Spur von Mr. Richards Pferde ließen sich leicht verfolgen. Eine Strecke von Bingstown entfernt vereinigte sich eine andere aus dem Süden kommende Pferdespur mit ihr, die neben derjenigen Mr. Richards blieb. Dann zeigte sich eine Stelle, an der das frische Gras mit Blut bedeckt war. Von dort ging die eine Pferdespur wieder nach Süden, während Mr. Richards Pferd, wahrscheinlich, nachdem der Reiter herabgestürzt, noch einen Kreis beschrieben haben und dann von irgend einem Dritten bestiegen sein mußte, der nach Norden geritten ist und das Pferd in der Gegend von Warrenton verlassen hat, wo es herrenlos gefunden worden ist. Daß ein mörderischer Angriff und Ueberfall auf Mr. Richard gemacht worden ist, unterliegt keinem Zweifel. Rätselhaft bleibt nur die von Süden heraufkommende und dorthin zurückführende Spur, die leider nicht nach einem bestimmten Orte verfolgt werden konnte. Die Fußtritte desjenigen, der Mr. Richards Pferd bestiegen, wurden übereinstimmend von einem alten Jäger und einigen Indianern als die Fußspuren eines Negers bezeichnet, und zwar eines hinkenden. Alle Nachforschungen, die leider nur zu bald durch den ausbrechenden Krieg gestört wurden, sind vergeblich geblieben; man hat nicht entdecken können, wohin der tote oder lebendige Körper Mr. Richards hingekommen ist. Den Spuren nach zu schließen, mußte eine Anzahl von Menschen mit zwei Wagen über die Stelle gekommen sein, auf der die Freveltat geschah. Aber es ist in den bald darauf eingetretenen Wirren nicht möglich gewesen, zu konstatieren, wer diese Menschen gewesen sind. Alle Aufrufe sind vergeblich geblieben, und da man annehmen kann, daß Mr. Richard seinem Vater jetzt, nach mehr als sieben Monaten, gewiß Nachricht von sich gegeben hätte, falls er noch am Leben wäre, so unterliegt es kaum mehr einem Zweifel, daß der unglückliche junge Mann das Opfer eines Verbrechens geworden ist.«

»Armes Kind!« flüsterte der Herr vor sich hin, »so ist die Unglückskunde, die wir ihr absichtlich so lange geheim gehalten, auch bis zu ihr gedrungen.«

Er betrachtete den Streifen Papier, in den die Zeitung eingeschlagen gewesen war. Er trug das Postzeichen von Dumfries, einem Orte im nördlichen Virginien, ungefähr an der Grenze des militärischen Bezirks, den die südstaatischen (Rebellen oder Konföderierten) Truppen innehatten. Wer hatte ein Interesse daran gehabt, dem jungen Mädchen die Zeitung zuzusenden?

Während der Herr in traurigem Sinnen dastand, zuckte das Mädchen leicht zusammen. Sanft legte er seine Hand auf ihren Kopf und sagte leise:

»Eliza, mein Kind, traue diesem Bericht nicht unbedingt, gib die Hoffnung nicht auf, für die selbst dieser Bericht noch Raum läßt. Richard ist vermutlich nicht tot. Hörst Du mich, Kind?«

Das junge Mädchen machte eine Bewegung: er nahm seine Hand von ihrem Scheitel, setzte sich neben das junge Mädchen und schlang den Arm um sie. Eliza richtete den Kopf ein wenig auf, aber nur, um ihr Gesicht an der Schulter ihres Vaters zu verbergen.

»Gib nicht alle Hoffnung auf, mein Herzenskind!« fuhr er fort. »Wir alle wußten, daß Du ihn lieb hattest, und, bei Gott im Himmel! kein Mensch auf Erden wäre mir als Dein Gatte lieber gewesen als der brave Junge! Ich heuchle nicht, um Dich zu trösten – nein, ich vermute, daß noch Leben in ihm war, als er von Menschen, die uns leider unbekannt geblieben sind, gefunden worden ist. Denn niemand würde es der Mühe für wert gehalten haben, einen toten Körper mit sich zu nehmen. Auch ist es sehr leicht möglich, daß die Nachricht, die Richard seinem Vater hat zukommen lassen wollen, durch die Störung und Unsicherheit aller Verbindungen verzögert oder verloren gegangen ist. Mr. Everett hat noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, so wenig wie ich. Es muß irgendein Mensch gewußt haben, daß Richard an diesem Tage über die Prärie reiten würde. Die vom Süden kommende und dahin zurückführende Spur zeigt dies deutlich an. Nun, wir werden eines Tages darüber Aufklärung erhalten. Denn ich zweifle nicht daran, daß Richard zurückkehrt, oder daß wir wenigstens sichere Nachrichten über seinen Tod erhalten.«

Er schwieg: die Tochter regte sich nicht, aber sie weinte leise.

»Hast Du keine Ahnung, Eliza, wer Dir dieses Zeitungsblatt aus Dumfries gesendet haben könne?« fragte der Vater dann. »Es zeugt von einem ganz eigentümlichen Interesse, gerade Dir diese Nachricht zuzusenden, die mit Dir bisher vorenthielten, weil wir noch nicht alle Hoffnung aufgegeben haben, Richard wiederzusehen. Du weißt es nicht? Du kanntest die Handschrift auf dem Kreuzband-Couvert nicht? Seltsam genug!«

Er versank wieder in Nachdenken; es war der erste, schwere Schlag, den sein Kind traf, das bis dahin ein Leben ungetrübten Glückes geführt hatte – aber ein schwerer und gewaltiger Schlag, denn er wußte recht gut, daß seine Tochter das Bild des jungen Mannes mit echt jungfräulicher, geheimnisvoller Innigkeit schon lange in ihrem Herzen trug.

»Du wirst heute nicht zu Tisch kommen, nein, nein, gewiß, Du sollst es nicht!« sagte er dann leise. »Ich werde Jeannette zu Dir schicken, oder Du kannst auch allein sein. Die Mutter kommt gewiß zu Dir; weine Dich aus, mein Herzenskind! Es hat mir das Herz abgedrückt, das traurige Geheimnis zu wissen, und doch nicht sprechen zu dürfen, und dabei zu sehen, wie Du jeden Tag trauriger wurdest, da alle Nachricht ausblieb. Ich bitte Dich, gib nicht alle Hoffnung auf, wirklich nicht!«

Er erhob sich sanft, und sie erhob zugleich ihren Kopf mit ihm. Helle Tränen stürzten ihr über die bleichen Wangen, und in dem Blick ihrer großen, dunkeln Augen lag ein unaussprechlicher Ausdruck von Schmerz, als sie die Hände nach ihm ausstreckend, rief:

»O, Ihr wißt nicht, wie sehr ich ihn geliebt habe – nach Euch am meisten auf der Welt! Und er liebte mich auch – er war so gut, der Beste von allen!«

»Hoffen wir zu Gott, daß et Dir erhalten bleibt!« sagte der Vater ernst, tröstend und feierlich, während sie den Kopf wieder tief niedersinken ließ. »Sieh, Eliza, wenn er mit in den Krieg gezogen wäre – und gewiß wäre er nicht zurückgeblieben! – und eine Kugel hätte ihn getroffen – wir hätten uns auch in den Willen des Allmächtigen fügen müssen!«

Ein Seufzer war ihre einzige Antwort. Er küßte sie innig auf die Stirn, sagte ein leises: »Gott behüte Dich!« und verließ dann das Zimmer.

Es war eine Reihe größerer, sichtlich nur für den Aufenthalt von Damen eingerichteter Gemächer, die er nun durchschritt. Dann erreichte er einen breiten Raum, der als Eßsaal bestimmt, und wo die Tafel bereits gedeckt war. Auch dieser Saal war ungemein reich ausgestattet. Marmorstatuen standen in den Ecken und zwei kleine Springbrunnen, die reizend mit Blumen und mit Bronzefiguren geschmückt waren. Auch diesen Saal durchschritt er und trat in eine Tür auf der entgegengesetzten Seite, die zu einem Vorzimmer führte, an das sich dann die Gemächer des Hausherrn anschlossen.

In seinem Wohnzimmer traf er eine Dame von ungefähr vierzig Jahren. Sie war in einfache, leichte Sommertracht gekleidet, aber die kostbare Kamee, die sie als Brosche trug, verkündete in ihr die Herrin dieses reichen Hauses. Sie war noch immer schön. Die Jahre hatten weder der Regelmäßigkeit und Anmut ihrer Züge, noch dem Glanz ihres prächtigen goldblonden Haares, noch der Milde ihrer sanften blauen Augen Abbruch getan. Sie las an dem Schreibtisch ihres Mannes eine Zeitung.

Er legte sanft den Arm um ihren Nacken und sagte leise: »Sie weiß es!« – und als die Frau zusammenzuckte, fügte er hinzu: »Ich fand sie in stummem Schmerz. Irgend jemand – es ist mir unerklärbar, wer es sein kann – hat ihr aus Dumfries den »New York Herald« geschickt, in dem die Tatsachen im allgemeinen richtig angegeben sind. Gebe Gott, daß sie es erträgt! Ich habe ihr nicht alle Hoffnung geraubt und ihr gesagt, sie möge allein bleiben. Ich konnte also nicht mit ihr, wie ich wollte, über den Vorschlag Mr. Everetts sprechen. Vielleicht wäre es freilich jetzt gut, wenn sie das Anerbieten meines wackeren Freundes annehme und nach Neuyork reiste. Der Weg durch West-Virginien hinauf nach Pennsylvanien ist jetzt ganz frei, und Du könntest sie begleiten, Amelie.«

»Aber doch nicht ohne Dich, Wolfram?« sagte die Frau.

Er sah einige Sekunden schweigend vor sich hin und schüttelte dann still den Kopf.

»Nein, ich habe es mir einmal vorgenommen, ich bleibe hier, wenn nicht die ernstesten Gründe mich zwingen, meinen Entschluß zu ändern,« sagte er dann. »Ich will auf meinem Posten ausharren inmitten der Brandung, ein Leuchtturm, ein Symbol der Festigkeit des Nordens, der seine gerechte Sache verficht. Diese Barone des Südens sollen sehen, daß ich selbst in ihrer Mitte mich frei zu den Prinzipien des Nordens bekenne und auch im Kriege mein Eigentum nicht verlasse.«

»Aber, Wolfram,« sagte die Frau traurig, »bist Du nicht allzu kühn? Kannst Du immer noch nicht lassen von dem alten Trotz Deiner jungen Jahre? Mit jedem Tag nimmt dieser Krieg einen wilderen Charakter an, schwindet mehr die Hoffnung auf eine baldige Versöhnung, an die wir alle noch vor Monaten glaubten.«

»Das ist wohl wahr,« erwiderte er nachdenklich, »und ich wünschte, daß Du mit Eliza nach dem Norden gingest. Aber ich selbst muß hier bleiben.«

»Dann glaube ich kaum, daß ich Dich verlassen werde,« sagte die Hausfrau. »Aber jetzt will ich zu Eliza und versuchen, ihr Herz ein wenig zu erleichtern.«

Sie erhob sich, drückte ihrem Mann mit bekümmerter Miene die Hand und ging.

Es war eine allerdings eigentümliche und besorgniserweckende Lage, in der sich die Besitzer von Liberty-Plantation befanden.

Vor ungefähr 10 Jahren war Mr. Wolfram Büchting aus dem fernen Südwesten der Union, von den Grenzen Kaliforniens und Mexikos, nach Neuyork gekommen, wo er bald mit dem Bankier Everett eine innige Freundschaft geschlossen hatte. Beide bereisten alsdann Virginien und Mr. Büchting kaufte sich in der Mitte des Landes auf dem östlichen Abhange der Alleghanies- oder blauen Berge an. Mr. Büchting stand im Rufe sehr großen, fast unglaublichen Reichtums, der, wie man sich in die Ohren flüsterte, einen etwas mysteriösen Ursprung haben sollte. Er war der Schwager des bereits erwähnten Vaters des Don Alfonso; die Mutter des jungen Mannes, der das Herz Don Louis mit einer bis dahin so ungerechtfertigten Eifersucht erfüllte, war eine Schwester Mr. Büchtings. Beide Familien verdankten ihren Reichtum einer Schenkung oder einer Erbschaft. Welche Bewandtnis es damit habe, konnte man am allerwenigsten von Mr. Büchting selbst erfahren; denn er war ein stiller, fast verschlossener Mann, zu vertraulichen Mitteilungen nicht aufgelegt, obwohl alle, die mit ihm in nähere, wenn auch nur geschäftliche Berührung gekommen waren, die Ehrenhaftigkeit und Biederkeit seines Charakters rühmten. Mr. Büchting also kaufte die kleine unscheinbare Pflanzung am Abhang der blauen Berge, die nur mit einem schlechten Wohnhause und wenigen Negerhütten bebaut war, und bald entstand dort eine Besitzung, nach der selbst die reichsten Pflanzer des Südens wallfahrteten, um sie anzustaunen. Das Hauptgebäude von Liberty-Plantation war ein Juwel von Einfachheit und Schönheit, was sich vielleicht dadurch erklären ließ, daß Mr. Büchting, wie es hieß, in seinen jüngeren Jahren Architekt war. Es war ein zweistöckiges, längliches Gebäude. Von dem großen Rasenplatze vor dem Hause führte eine breite Freitreppe hinauf zu einer von Säulen getragenen Halle, aus der man durch große Glastüren in den Speisesaal trat.

Rings war dieses Wohnhaus umgeben von einem prächtigen, waldähnlichen Park.

Mr. Büchtings Wohnung, ausgestattet mit den reichsten Kunstschätzen, seine neuen landwirtschaftlichen Maschinen, genug, die ganze Pflanzung waren in der ersten Zeit der Wallfahrtsort der reichsten und angesehensten Pflanzer aus dem Süden gewesen, und Mr. Büchting hatte sich vor Besuchen, Freundschaftsbezeugungen und Einladungen nicht retten können. Sobald man aber seine wahren Absichten und Gesinnungen erfuhr, mit denen er durchaus nicht hinter dem Berge hielt, verwandelte sich die Achtungs- und Freundschaftsheuchelei in den wütendsten Haß. Es zeigte sich nämlich, daß Mr. Büchting ein energischer Widersacher der Sklaverei sei und auf Liberty-Plantation außer seinen weißen Arbeitern nur freie Neger beschäftigte. Einen größeren Greuel hätte er in Virginien nicht anrichten können. Die Pflanzer fürchteten, daß das Beispiel der freien Neger einen gefährlichen Einfluß auf die schwarzen Sklaven üben werde, und jede Widersetzlichkeit eines Schwarzen, jede Flucht eines Negers wurde auf Rechnung des bösen Beispiels geschrieben, daß Mr. Büchting gegeben hatte.

Bekanntlich war es hauptsächlich die Sklavenfrage, die zum Bruch des Südens mit dem Norden führte. Die Sklavenhalter widersetzten sich jeder Erleichterung der Lage der Schwarzen, jedem Schritte, der zu einer allmählichen Abschaffung der Sklaverei hätte dienen können. Entschlossen, niemals die Sklaverei aufzugeben, hatten die Südstaaten sich schon seit dreißig Jahren auf den Fall vorbereitet, der nun wirklich eintrat, die wichtigsten Zivil- und militärischen Posten mit Männern ihrer Partei besetzt und von dem Vermögen der Union so viel als möglich an sich gebracht.

Der Frühling des Jahres 1861 sah die Nordstaaten den Südstaaten im Bruderkriege gegenüber.

Die erste Schlacht von Bedeutung war am 21. Juli 1861 bei Bull's Run geliefert worden und unglücklich für die nordstaatlichen Truppen ausgefallen. Aber die Niederlage erweckte bei allen denen, die bisher mißmutig in den Krieg gezogen, das Ehrgefühl und den Wunsch nach Vergeltung. Das schlecht eingerichtete Heer wurde auf neuen Grundlagen organisiert und eine straffere Disziplin eingeführt, das, was bisher gefehlt, der Enthusiasmus für die gefährdete Einheit, stellte sich ein; man gelobte sich und der Regierung, so lange zu kämpfen, bis das Sternenbanner der Union über die verräterischen Konföderierten gesiegt habe. Tausende und aber tausende strömten zu den Fahnen. Millionen auf Millionen wurden der Regierung zur Verfügung gestellt; Mr. Büchting schenkte allein eine Million.

Dies war die Lage der Dinge im Herbst 1861. Die beiden Armeen standen sich im Norden Virginiens, nach Washington zu, abwartend gegenüber.

Die Rebellen standen hinter Bingstown, und zwar nur in kleinen Abteilungen; ein Detachement von Unionstruppen hielt in der Nähe von Liberty-Plantation eine militärisch wichtige Position der Blauen Berge besetzt. Jeder Tag konnte die günstige Lage der Dinge ändern und die schöne Pflanzung zum Kampfplatz mörderischer Kämpfe machen. Das überlegte denn auch Mr. Büchting ernstlich, und er kam zu dem Entschlüsse, in den nächsten Tagen die Pflanzung zu verlassen.

Um 5 Uhr trat Mr. Büchting in den Speisesaal. Die Gäste waren drei Offiziere von dem Detachement in der Nähe. Sie befanden sich mit einer kleinen Schar von 12 Reitern auf einer Rekognoszierung und hatten, als sie in Liberty-Plantation vorsprachen, die Einladung Mr. Büchtings, zu Tisch zu bleiben, gern angenommen. Auch diese Herren waren erstaunt, den Pflanzer mit seiner Familie auf so einem ausgesetzten Punkt zu finden und rieten ihm aufs dringendste, die Pflanzung so bald als möglich zu verlassen.

Gegen Ende der Mahlzeit erschien Mistreß Büchting bei Tisch und teilte den sich eifrig erkundigenden Herren mit, daß sich Miß Eliza etwas wohler fühle, aber ihr Zimmer hüten müsse. Es war sieben Uhr geworden und es begann zu dämmern. Die Offiziere mußten aufbrechen.

Die kleine Gesellschaft war unter die blumengeschmückte Vorhalle getreten, wo die Herren ihre Zigarren anbrannten und den Kaffee nahmen. Der Park bot von hier aus einen entzückend schönen Anblick. Einige zahme Rehe spielten auf dem Rasen. Plötzlich aber schreckten die zierlichen Tiere zusammen und kamen in großen Sprüngen auf das Haus zugeeilt.

»Das klingt ja wie Pferdegetrappel,« sagte der eine Offizier, und horchte auf.

Kaum hatte er das gesprochen, so wurde in der Tat der dumpfe Ton von Pferdehufen vernehmbar.

»Vielleicht ein Ueberfall!« rief der Offizier. »Zu unseren Leuten, unseren Pferden!«

Die Offiziere stürzten fort. Gleich daraus sah Mr. Büchting einige Reiter aus einem Nebenwege des Parkes in die große Allee sprengen. Ihnen folgte eine ganze Schar.

»Geh' zu Eliza, Amelie!« sagte Mr. Büchting ruhig, aber fest zu seiner Frau. »Wir scheinen feindlichen Besuch zu bekommen. Bleib bei Eliza, liebes Herz!«

»Und Du versprichst mir ebenfalls ruhig zu bleiben und die Gefahr nicht herauszufordern?« sagte Mistreß Büchting, und blickte ihrem Gatten bittend in die Augen.

»Gewiß, ich verspreche es Dir!« antwortete der Pflanzer.

Das kurze Gespräch war kaum zu Ende, als die Reiterschar, die sich in eine lange Reihe formiert hatte, bereits unten vor dem Hause hielt. Mr. Büchting wußte sogleich, wen er vor sich habe. Es war eines der neugebildeten Freischaren-Korps zu Pferde, die wegen ihrer Schnelligkeit, Tapferkeit und Grausamkeit von den nordstaatlichen Truppen, mehr aber noch von den Bewohnern kleinerer Orte und einzelner Pflanzungen gefürchtet waren.

Was wollten diese Leute? Von ähnlichen Korps war Mr. Büchting schon im Frühjahr und Sommer heimgesucht morden; sie hatten sich jedoch immer damit begnügt, sich und ihre Pferde gut zu verpflegen. Diesmal aber glich ihr Kommen einem Angriff. In dieser Meinung wurde Mr. Büchting durch die Schüsse bestärkt, die auf der Hinterfront des Hauses fielen, nach den Wohnungen der Arbeiter zu.

»Sind Sie der Herr des Hauses?« rief ein Reiter, der bis an die Freitreppe herangetreten war.

»Mein Name ist Büchting,« antwortete der Pflanzer.

»Nun wohl, so bleiben Sie in Ihrem Hause und sorgen Sie dafür, daß keine von den Damen, falls solche im Hause sind, es verläßt!« rief der Kommandeur.

»Was soll das heißen?« rief Mr. Büchting.

»Das soll heißen, daß ich von dem Generalkommando beauftragt bin, Ihre sämtlichen Schwarzen in Empfang zu nehmen, weil die Anwesenheit freier Neger böses Blut in diesem Staate erregt,« antwortete der Führer des Freikorps.

»Nimmermehr!« rief Mr. Büchting erregt. »Das ist ein Akt der Gewalt, den ich nicht dulde. Ich bin nicht der Sklave Ihrer Regierung, und meine Arbeiter sind es ebensowenig.«

»Sie scheinen zu vergessen, daß Sie in Virginien sind,« antwortete der Führer spöttisch. »Wenn Sie sich nicht fügen wollen, hätten Sie das Land verlassen müssen. Denken Sie nur übrigens nicht an Widerstand gegen meine dreihundert Mann! Meine Order lautet, Sie selbst und Ihre Familie gefangen nach Richmond zu führen, sobald Sie dem Befehle der Regierung den mindesten Widerstand entgegensetzen. Richten Sie sich danach!«

Mr. Büchting stand mit zusammengepreßten Lippen. Also, seine Neger wollte man rauben! Verhindern konnte er es nicht, das Begriff er. Aber was wollte man von den Negern? Zu welchem Schicksal waren sie bestimmt? An die Möglichkeit, daß man ihm seine freien Arbeiter rauben konnte, hatte er nicht gedacht. Sein hartnäckiger Entschluß, auf der Pflanzung zu bleiben, brachte nun diesen unschuldigen Menschen Verderben!

Er wandte dem Rebellenführer den Rücken und ging durch den Speisesaal nach den Türen, die hinaus auf die Treppe nach dem Hofe führten. Mit einem einzigen Blick übersah er, was dort geschehen war und was noch geschah. Von dem kleinen Häuflein der Unionsreiter lagen einige tot oder verwundet auf der Erde; die andern waren umzingelt, entwaffnet und gebunden. Aber das traurigste Schauspiel bot sich hinter ihnen den Blicken Mr. Büchtings dar. In der Dämmerung sah er, wie die Reiter die einzelnen Neger und Negerinnen mit Gewalt aus ihren Häusern wie Vieh auf einen Haufen trieben. Die Neger duldeten diese Behandlung mit stumpfem Schmerze, die Negerinnen aber wehklagten laut und erfüllten die Luft mit ihrem herzzerreißenden Jammergeschrei. Ein schöner großer starker Neger schien auf der Flucht ergriffen worden zu sein. Ein Säbelhieb hatte ihm die rechte Schulter aufgehauen, und das Blut floß ihm über das weiße Hemd.

Unfähig bei diesem Anblick, sich länger zu halten, eilte Mr. Büchting auf die Hintertreppe hinaus und rief mit gewaltiger Stimme: »Fürchtet nichts, Kinder! Es ist ein heimtückischer Ueberfall, dessen Urheber der Strafe nicht entgehen werden. Ihr sollt nicht lange der Freiheit beraubt sein. Ich gebe Euch mein Wort, daß ich kein Opfer scheuen, daß ich alles daran setzen werde, Geld, Zeit und Leben, Euch zu helfen. Dieser schmachvolle Ueberfall« – –

»Zum Teufel mit dem verdammten Plapperer!« schrien mehrere Stimmen von unten herauf, und eine Pistolenkugel flog dicht an Mr. Büchtings Kopf vorbei und schlug in die Glastür, daß sie klirrte. Im nächsten Augenblick waren auch bereits schon einige von den Freischärlern neben dem Pflanzer und hielten ihm ihre Revolver in das Gesicht.

»Plagt Euch der Henker, Mann!« rief der eine. »Wißt Ihr nicht, daß wir Euch eine Kugel durch den Kopf jagen könnten, ohne daß ein Hahn danach kräht? Wollt Ihr die Wanderung nach Richmond mitmachen, Ihr und Eure Damen? – Uns soll es recht sein!«

»Die Vergeltung wird kommen!« murmelte Mr. Büchting vor sich hin.

»Schnell, schnell!« rief inzwischen unten die Stimme des Kommandeurs. »Immer fort mit der schwarzen Bande und den Gefangenen. Wir haben keine Zeit! Sechsundvierzig Farbige – drei Offiziere und neun Gemeine – stimmt! Vorwärts! Marsch!« Die Reiter setzten sich bereits in Bewegung.

»Und keinen Tropfen Brandy, Kapitän?« rief eine Stimme aus der Schar.

»Nein, Kinder, jetzt nicht, es hat seine guten Gründe!« antwortete der Kapitän. »Ein andermal, wenn wir wiederkommen, bitten wir um gute Verpflegung. Also fort!«

Dann aber schien er sich zu besinnen, gab einigen seiner Begleiter ein Zeichen und kam mit ihnen herauf nach dem Speisesaal, der unterdessen durch einige weiße Diener erhellt worden war. Hier standen jetzt auch die Inspektoren, Verwalter, Gärtner und andere Beamte oder Diener, alle bleich und erregt.

»Es gibt noch eine Person in Ihrem Hause, die ich mit mir nehmen muß, Sir!« wandte sich der Kapitän barsch an Mr. Büchting. »Eine Quarterone, die Gesellschafterin Ihrer Tochter, wie heißt sie doch – Jeannette Corizon glaube ich. Lassen Sie dies Mädchen sogleich rufen! Ich habe den bestimmten Befehl, alle Farbigen, die ich hier finde, mit mir zu führen!«

Mr. Büchting war leichenblaß geworden; auf seiner Stirn zeigten sich die Adern des Zorns.

»Nimmermehr!« rief er. »Jeannette Corizon ist von freien Eltern geboren, an demselben Tage, wie meine Tochter. Sie ist so gut wie ein Kind in unserem Hause. Wir alle gehen mit Ihnen, wenn Jeannette gehen muß!«

»Desto besser,« rief der Kapitän lachend. »Dann haben wir angenehme Begleitung. Ist das Ihr Ernst, Sir? Ich verstehe keinen Spaß. Lassen Sie die Quarteroone suchen, Leutnant Sniders!« – wandte er sich an einen seiner Untergebenen. »Und wer das geringste Zeichen zum Widerstande macht, dem worden die Hände gebunden, und er wird mit fortgeführt.«

»Dann schlagt mich zuerst zu Boden!« rief Mr. Büchting, vor die Tür tretend, die zu den Zimmern der Damen führten. »Solange noch ein Funken von freiem Willen in mir ist, lasse ich ein so gutes, edles Geschöpf nicht in Eure Hände fallen.«

»Nun, wie Ihr es haben wollt, Mann –!« sagte der Kapitän, und auf einen Wink stürzten sich drei Freischärler auf Mr. Büchting und schnürten ihm die Hände auf dem Rücken zusammen. Zwar warf sich das ganze Personal auf die Freischärler, dem Herrn zu Hilfe. Aber Revolver, Pistolen und Karabiner streckten sich ihnen entgegen; die Unbewaffneten taumelten zurück.

Inzwischen war der Leutnant mit einigen Freischärlern in die Zimmer bei Damen geeilt. Es währte nicht lange, so kam er zurück, begleitet von Mistreß Büchting, Eliza und einem jungen, schönen Mädchen, daß in keiner Weise gemischtes Blut verriet, sondern dessen Farbe so rosig, weiß und frisch war, wie das der Pfirsichblüte.

»Ist das die Quarterone Jeannette Corizon?« rief der Kapitän.

»Mein Name ist Jeannette Corizon,« sagte das junge Mädchen mit wohllautender Stimme, während sie einen Schritt vortrat. »Wünscht man etwas von mir?«

»Ja, mein schönes Kind, wir wünschen, daß Du uns begleitest!« rief der Kapitän lachend. »Bindet ihr die Hände auf den Rücken! Und dann fort!«

Das junge Mädchen fuhr zurück, als sei ein Blitz vor ihr niedergezuckt. Tödlicher Schrecken überzog ihr Gesicht. Sie stieß den ersten Freischärler, der sich ihr näherte, mit der Kraft der Verzweiflung von sich und eilte dann auf Mr. Büchting zu.

»Schützen Sie mich, teuerster Herr und Vater!« rief sie mit leidenschaftlichem Flehen. »Ich will sterben, aber ich gehe nicht mit diesen Menschen!«

»Was ist? Was wollen Sie von dieser Dame?« rief jetzt Miß Eliza vortretend, und ihr schönes, feuriges Auge flammte in Stolz und Zorn. »Wie können Sie es wagen –«

»Oh, oh, meine schöne Miß,« unterbrach sie der Kapitän lachend, »Ihr Trotz steht Ihnen zwar allerliebst, aber es ist doch besser, Sie halten mich nicht auf, sonst muß ich kurzen Prozeß machen, und die ganze Familie mit mir nehmen, statt jene Jeannette allein.«

»Und Sie glauben, wir würden Jeannette allein mit Ihnen gehen lassen?« rief Eliza.

»Ei gewiß, und wenn Sie das nicht wollen, so kommen Sie mit!« rief der Kapitän. »Nun aber vorwärts! Fort mit der Quarterone! Und wer ihr folgen will, der folge!«

Jeannette hing am Halse Mr. Büchtings, auch Eliza eilte auf ihren Vater zu, wie um Jeannette zu verteidigen – eine entsetzliche Szene schien folgen zu wollen, denn die Freischärler traten auf den Wink ihres Kapitäns schnell auf das Mädchen zu – – als plötzlich in der Nähe eine Salve von Flintenschüssen knatterte.

»Holla – sollten das die Yankees sein!« rief der Kapitän. »Nun, unsere Hauptsache ist getan. So laßt das Mädchen hier! Und fort auf Eure Pferde!«

Die Freischärler stoben auseinander, in weniger als einer halben Minute sahen die im Saal zurückgebliebenen nichts mehr von ihnen. Ein Inspektor zerschnitt sogleich die Stricke, mit denen Mr. Büchtings Hände gefesselt waren.

Draußen war es inzwischen ganz finster geworden. Mr. Büchting war mit den Beamten und Dienern nach der Tür geeilt. Das Schießen dauerte fort, untermischt mit Rufen und Kommandoworten.

Bald darauf erschien ein blutjunger Mann in der Uniform der Neuyorker Milizen auf der Freitreppe. Er hatte den Degen in der Rechten und einen Revolver in der Linken.

»Aengstigen Sie sich nicht, Mr. Büchting!« rief er. »Die Schufte suchen bereits das Weite! Wir haben es ihnen gehörig eingetränkt. Eine Empfehlung vom Kapitän Pettow an Sie und die Damen, und er wird Ihnen seine Aufwartung machen, sobald das Nest rein ist!«

»Ah – also Mr. Pettow führt diese Truppen?« fragte Büchting angenehm überrascht. »Gewiß hoffe ich auf seinen Besuch. Lichter, Wein, Fleisch, – was es gibt, für die Truppen!« rief er den Dienern zu, die sogleich forteilten. »Doch, Sir,« wandte er sich dann hastig zu dem jungen Leutnant, »vielleicht weiß Kapitän Pettow nicht, daß die Räuber meine schwarzen und farbigen Arbeiter und außerdem eine Anzahl Gefangenen Ihrer Kameraden mit sich fortführten.«

»Werde es ihm sofort melden, wenn ich ihn finde!« antwortete der junge Krieger, dienstmäßig salutierend und die Treppe hinabeilend.

Allmählich hörte das Schießen auf, dann wurden Kommandoworte vernehmbar, eine Schar Reiter kam aus dem Park auf den Hof zu geritten, ihnen folgte eine Abteilung Fußvolk. Es mochten ungefähr fünfzig Reiter und hundert Infanteristen sein. Mr. Büchting erwartete im Speisesaal den Besuch Mr. Ralph Pettows, den er seinen Damen angekündigt hatte.

Seltsamerweise schien die Ankündigung dieses Besuchs keine so freudige Wirkung auf die Damen hervorzubringen, wie Mr. Büchting erwartete. Miß Eliza war sogar im Begriff gewesen, aufzustehen und den Saal zu verlassen; nur die vorwurfsvollen Worte des Vaters: »Willst Du denn Mr. Ralph nicht begrüßen und ihm Dank sagen für Jeannettes Rettung?« hielten sie zurück.

Jetzt kam der Kapitän selbst, in der einfachen, kleidsamen Tracht eines Kavalleriekapitäns der Unions-Armee.

Seine sonst etwas bleichen Wangen waren gerötet, seine schwarzen Augen leuchteten und das dunkle lockige Haar flog ihm in malerischer Unordnung um Stirn und Ohr. Er schien noch vom Kampfe erhitzt zu sein und hatte, wie in Selbstvergessenheit, den gezückten Degen noch in der Hand, den er dann rasselnd in die Scheide warf. »Guten Abend meine verehrten Damen! Guten Abend Mr. Büchting! Hätte nicht gedacht, daß wir uns bei einer solchen Gelegenheit wiedersehen würden; ich bin aber, wie es scheint, noch zur rechten Zeit gekommen!«

Büchting war auf ihn zugetreten, hatte seine Hände ergriffen und rief:

»In der Tat, ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Aber verzeihen Sie, Kapitän, wenn ich sogleich eine Bitte an Sie richte! Die Räuber haben meine sämtlichen schwarzen Arbeiter mit sich fortgeführt. Wäre es nicht möglich, diese Leute wieder abzujagen? Ich würde Ihnen ungemein dankbar sein. Ich verspreche jedem Ihrer Soldaten tausend Dollars, wenn sie die Schwarzen befreien –«

»Goddam! – Verzeihung, wandte er sich mit einem Lächeln an die Damen, man gewöhnt sich als Soldat das verdammte Fluchen an! Mr. Büchting, das sieht Ihrer Großmut ganz ähnlich. Aber es wird ganz unmöglich sein. Ich erfahre soeben, daß Kapitän Staunton wenigstens dreihundert Mann unter seinem Kommando hat, und kann von Glück sagen, daß er uns ohne heftigen Widerstand das Feld geräumt. Ich habe nur hundertfünfzig Mann unter meiner Disposition. Eine Verfolgung in der Nacht wäre also Tollkühnheit und Verwegenheit. Seien wir zufrieden, daß die Freiheit oder vielleicht das Leben der verehrten Bewohner dieses Hauses gerettet ist.«

Inzwischen war Ralph den Damen näher getreten, und Mistreß Büchting reichte ihm die Hand, die er artig küßte. Die Dame dankte ihm dann mit den herzlichsten Worten für die Hilfe, die er im letzten Moment noch gebracht, und der Kapitän schien im höchsten Grade erstaunt und entrüstet, als er erfuhr, daß Miß Corizon der Zahl der Gefangenen einverleibt werden sollte.

Während nun Mr. Büchting dafür sorgte, daß Ralphs Leute möglichst gut bewirtet wurden, hatte der Kapitän an der großen Tafel in der Mitte des Saales Platz genommen, um auf den Wunsch der Mistreß Büchting ebenfalls einiges von den dort aufgetragenen Speisen zu genießen. Die Dame des Hauses leistete ihm dabei Gesellschaft; Miß Eliza jedoch war nicht zu bewegen, obgleich Kapitän Pettow sie in der höflichsten Weise einlud, im Saale zu bleiben. Es schien überhaupt; als rufe die Erscheinung des Kapitäns nicht den angenehmen Eindruck der jungen Dame hervor, den Ralph unter diesen Umständen hervorzurufen erwartet hatte. Eliza klagte über Kopfweh, daß sie durch die Aufregung und den Schrecken erhalten habe und zog sich mit Jeannette Corizon zurück.

»War es ein Zufall, Kapitän Pettow, der Sie hierher führte?« fragte Mr. Büchting.

»Nein,« antwortete der Kapitän. »Aber weshalb nennen Sie mich nicht wie früher, Mr. Büchting? Für Sie bin ich doch wahrlich nicht Kapitän geworden!«

»Wie Sie wollen,« sagte Mr. Büchting. »Also kein Zufall, Ralph?«

»Nein. Ich war vor einigen Tagen oben bei Hotstone angekommen, und mein Entschluß stand natürlich fest, Sie so bald als möglich zu besuchen. Aber der Dienst verhinderte mich daran. Heute sollte ich eine Rekognoszierung unternehmen. Unterwegs brachte mir ein Farmer die Nachricht, er habe einen Trupp Südländer auf Liberty-Plantation zureiten sehen. Sie können sich natürlich denken, daß ich meine Infanteristen ausschreiten ließ. Mit meinen fünfzig Reitern durfte ich mich allein nicht so weit vorwagen, denn jener Farmer hatte von mehreren hundert feindlichen Reitern gesprochen.«

»O, wären Sie nur eine halbe Stunde früher gekommen,« sagte Mr. Büchting mit einem tiefen Seufzer. »Meine armen Arbeiter!«

»Aber bei Ihrem Reichtum können Sie die Leute doch bald ersetzen,« warf Ralph hin.

»Es ist nicht darum – Sie wissen es!« antwortete Büchting, einen eindrucksvollen und ernsten Blick aus den Kapitän richtend, den dieser mit einem »Freilich, freilich!« erwiderte. »Diese Südländer werden den armen Teufeln arg mitspielen,« fügte Ralph dann hinzu. »Ich glaube nicht, daß einer von ihnen mit dem Leben davon kommt.«

Mr. Büchting antwortete nicht; er sah still vor sich hin auf den Tisch.

»Und willst Du immer noch hier bleiben, Wolfram, nach den so überaus traurigen Ereignissen dieses Tages?« sagte Frau Büchting, ihre Hand liebevoll auf den Arm ihres Gatten legend. »Fordere nicht länger das Schicksal heraus« – –

»In der Tat,« fiel der Kapitän ein, als die Dame einen Moment zögerte, »es erregt allgemeine Verwunderung, daß Herr Büchting sich hier aufhält, in einer Gegend, die gewiß in der allernächsten Zeit der Schauplatz sehr ernster Kämpfe werden wird. In Ihrem eigenen Interesse, Herr Büchting, muß ich Ihnen sagen, daß Liberty-Plantation keinen Augenblick davor sicher ist, der Mittelpunkt einer furchtbaren Schlacht zu werden.«

»Ja, wir wollen noch heute nacht fort!« unterbrach ihn Herr Büchting, und er rief sogleich einen Diener heran, damit er den Oberinspektor rufe. Dann erhob er sich und verließ den Speisesaal.

»Ein prächtiger Mann!« sagte Ralph, ihm nachblickend. »Aber ein eiserner, trotziger Charakter! Er kann von Glück sagen, daß ihn die Rebellen noch nicht aufgefangen – die Narren scheinen nicht zu wissen, welche wichtige Eroberung sie an ihm machen würden! Doch – irre ich nicht, Frau Büchting? – Miß Eliza scheint mir trauriger als früher.«

»Es ist kein Irrtum,« antwortete die Dame. »Sie haben ganz recht gesehen. Eliza wußte bis jetzt nichts von Richards Schicksal; wir hatten sie absichtlich in Ungewißheit darüber gelassen, da wir ihre Zuneigung zu Richard kennen. Heute jedoch ist ihr, wir wissen nicht, von wem, ein New Yorker Zeitungsblatt zugesendet worden, in dem das traurige Schicksal unseres jungen Freundes geschildert wird. Die unerwartete Nachricht hat ihr Gemüt tief erschüttert.«

Bei Richards Erwähnung zeigte Ralphs Gesicht einen flüchtigen Ausdruck des Schreckens. Er kämpfte ihn jedoch gleich nieder und zwang seine Züge. Als ob er tief bewegt sei, blickte er vor sich nieder auf den Tisch.

»Wer kann so herzlos gewesen sein, Miß Eliza diese Nachricht mitzuteilen!« sagte er dann halblaut, gleichsam zu sich selbst. »Der arme, arme Richard! Ich kann nicht von ihm hören, ohne alle meine Fassung zu verlieren. Ich sehe ihn immer noch vor mir, den herrlichen Jungen! Und nun so erbärmlich hingemordet zu sein – denn gewiß ist er gemordet! Ich ertrage es kaum! Noch immer sind alle meine Gedanken auf die Entdeckung des blutigen Frevels gerichtet. Ich kann mir denken, wie tief Miß Eliza ihn betrauert; es gibt wenige seinesgleichen, und ich glaube, sie hatte ihn sehr lieb. Doch weg mit diesen trüben Gedanken! Lassen Sie uns alles aufbieten, Herrn Büchting zu bewegen, den Entschluß, den er gefaßt, noch heute auszuführen. Er darf hier nicht länger bleiben; dieser Angriff von heute war gewiß nur ein Vorspiel dessen, was erst kommen soll. Nur in New York sind Sie sicher. Ich bin nicht eher ruhig, als bis ich Sie alle dort weiß.«

Die Dame dankte ihm für seine Teilnahme und ging dann zu ihrer Tochter.

Zwei Stunden später standen drei Wagen am Fuße der Hintertreppe, der eine für die Familie Büchting und Fräulein Corizon, der andere für einige Lieblingsdiener und Dienerinnen des Hauses, der dritte mit den notwendigsten Reiseeffekten. Es war nicht notwendig etwas anderes mitzunehmen, denn Mr. Büchting besaß in New York ein vollständig eingerichtetes Haus. Die Kunstschätze, die die Liberty-Plantation enthielt, sollten wohleingepackt und in den feuerfesten Gewölben der Keller geborgen werden. Nur ein Inspektor und einige Diener, die unumgänglich zur Instandhaltung der Gebäude nötig waren, sollten aus der Pflanzung bleiben. Pferde und Vieh befahl Herr Büchting nach dem Norden auf die Besitzung eines ihm befreundeten großen Farmers zu schaffen.

Ralph Pettow begleitete die Wagen eine Strecke weit und gab auch der Familie Büchting ein Detachement mit zwanzig Reitern als Bedeckung bis zur nächsten Eisenbahnstation. Mit dem Gruße: »Auf Wiedersehn in New York!« nahm er Abschied. Die Kompagnie Infanterie war bereits auf einem anderen Wege in der Nacht nach Hotstone marschiert. Der Kapitän folgte ihr jetzt mit dem Reste seiner Reiterei.

»Verflucht!« rief er plötzlich, ungefähr aus der Mitte des Weges. »Ich habe ganz vergessen, Herrn Büchting etwas sehr Wichtiges zu sagen. Ich muß noch einmal zurück und sehen, das ich ihn einhole. Sergeant Smith, führen Sie das Detachement nach Hotstone. Sie kennen ja den Weg so gut wie ich. Morgen früh sehen wir uns!«

Er riß sein Pferd herum und war bald durch eine bedeutende Entfernung und die Dunkelheit der Nacht von dem kleinen Detachement getrennt. Nun ritt er langsamer, aber nicht in der Richtung, die Herr Büchting eingeschlagen, sondern seitwärts, ungefähr nach Liberty-Plantation zu.

Vor einer kleinen Hütte, die am Abhangs eines Berges lag, machte er Halt und band sein Pferd mit dem Zügel an eine junge Birke. Dann nahm er seinen Revolver in die Rechte, ging auf die Hütte zu und klopfte an die Tür. Es erfolgte keine Antwort, dennoch war es Ralph, als höre er ein Geräusch im Innern. Er klopfte noch einmal und fragte, ob jemand da sei. Da er aber keine Antwort erhielt, so stieß er die Tür auf und trat vorsichtig ein.

Die Hütte war im Innern ganz dunkel, und da Ralph auf seine wiederholte Frage, ob irgend jemand da sei, abermals keine Erwiderung erhielt, so zog er eine kleine Blendlaterne aus der Tasche und zündete sie an. Der Schein der Laterne zeigte, daß die Hütte ganz leer war. Dennoch schien Ralph nicht ganz beruhigt. Er leuchtete in alle Ecken. »Es riecht etwas warm hier, fast wie nach einem Nigger,« flüsterte er vor sich hin. Da indessen auch eine genauere Untersuchung ihn nichts Verdächtiges finden ließ, so setzte er sich auf einen Holzstumpf, verschloß seine Blendlaterne und wartete in dem Dunkel, was da kommen würde.

Nur wenige Minuten hatte er gesessen, als er den Hufschlag eines Pferdes vernahm. Der Reiter kam gerade auf die Hütte zu. Ralph hörte, wie das Pferd ganz in der Nähe hielt und wie nach einigen Minuten ein schwerer Schritt sich der Hütte näherte. Es klopfte.

»Saint Jefferson!« rief Ralph lachend von innen.

»Holy Davis!« antwortete in demselben Tone eine starke Stimme von außen.

Ralph klappte seine Blendlaterne auseinander und ließ das Licht voll auf den Eintretenden fallen.

Er war von großer, stattlicher Gestalt, in die Tracht der Freischärler des Südens gekleidet, die vor wenigen Stunden noch Liberty-Plantation in so große Unruhe und Herrn Büchting in so tiefe Trauer versetzt hatten, und zwar war es deren Anführer, Kapitän Staunton selbst – ein Mann mit noch jugendlichen und nicht unschönen, aber längst von allen Leidenschaften und aufreibenden Erlebnissen durchfurchten Gesichtszügen.

»Also schon da, Ralph?« rief er und streckte dem Nordländer die Hand entgegen. »Das dachte ich nicht. Ich bin so scharf geritten, als es meinen müden Gliedern möglich war, und dachte, vor Dir hier zu sein. Nun, um so besser! Das war ein langweiliger Tag heute. Meine Burschen hätten mich beinahe massakriert, daß sie von Liberty-Plantation fort mußten, ohne sich die Keller etwas genauer ansehen zu dürfen. Teufel – Dein Freund, der lange schwarze Gesell, machte ein schönes Gesicht, als wir ihm das Nest ausnahmen –«

Dabei hatte er sich, nicht ohne einigemal zu ächzen und zu stöhnen, auf einen der niedrigen Holzstümpfe, Ralph gegenüber, gesetzt und dehnte und streckte sich, wie es wohl ein Reiter nach langem Ritte tut. Dann zog er eine Feldflasche hervor, tat einen guten Zug und reichte sie Ralph.

»Danke!« sagte Ralph. »Habe bei meinem Freunde Büchting gut zu Abend gegessen und getrunken und bedarf jetzt nichts, bin auch versehen! Na, Staunton, das Gesicht von dem alten Burschen – es ist jetzt noch so lang, wie der Tag vor Johannis! Ich glaube, wenn er sich unbeobachtet weiß, weint er seine bitteren Tränen über den Verlust seiner schwarzen Schafe, natürlich nicht um des Geldes willen, sondern weil ihm diese, seine Kinder, so kläglich gestohlen worden sind.«

»Ist es ihm wirklich ernst mit dieser verdammten Marotte?« fragte Staunton. »Oder ist das nur so eine Eulenspiegelei, ein Abolitionistenschwindel, Abolitionisten nennt man in Nordamerika diejenigen, die für die Abschaffung der Sklaverei wirken. mit dem, er sich beliebt machen will bei Euren Humanitätsaposteln im Norden?«

»Nein, da kennst Du ihn schlecht,« antwortete Ralph. »Er ist in seiner Art ein ganzer Charakter und kümmert sich verdammt wenig darum, was der Pöbel von ihm sagt. Aber er hat eben solche vertrackte Marotten von Humanität und dergleichen Unsinn, die ihn schlimmer machen als einer der ärgsten Schreier im Kongreß oder Senat.«

»Hol ihn der Henker!« rief Staunton dazwischen.

»Amen!« bekräftigte Ralph. »Fürs erste hat er nun genug, und wer weiß, ob er Liberty-Plantation jemals wiedersieht. Natürlich bin ich Dir aufrichtig dankbar, Staunton, und zum Beweise will ich Dir eine echte Havanna geben, wie sie Jefferson Davis zu rauchen verdiente.«

»Ein gutes Kraut,« sagte Staunton befriedigt, »das duftet durch die ganze Baracke. Vorher roch es etwas nach Nigger hier.«

»Ist Dir das auch aufgefallen?« rief Ralph verwundert. »Mir roch es auch, wie ich eintrat, als ob so ein schwarzer Hund hier gelegen habe.«

»Du hast doch nachgesehen?« fragte Staunton, schnell um sich blickend.

»Natürlich!« antwortete Pettow. »Alles sicher. Vielleicht hat vorher solch ein flüchtiger Hund hier gelegen. Was wollt Ihr mit den Schwarzen Büchtings anfangen?«

»Weiß es nicht! Mögen in Richmond darüber entscheiden, wenn nur viele noch lebend dahinkommen!« antwortete der Südländer. »Vermutlich werden sie an den Meistbietenden verkauft, und wenn sich einer rippelt, so schießt man ihm eine Kugel vor den Kopf.«

»Der alte Knabe hatte nicht übel Lust, nach dem Süden zu kommen und sie sich zurückzuholen,« sagte Ralph.

»Mag er nur kommen,« rief Staunton. »Wir möchten ihn gerne um einige Millionen leichter machen. Hättest Du nicht geschrieben, wir sollten ihn und seine Familie nicht anrühren. so hätte ich ihn schon heute mitgenommen. Schade übrigens, daß die Quarterone uns entgangen ist. Das ist ein schönes Geschöpf. Goddam!«

»'s ist mir doch lieber, daß ich dazwischen gekommen bin,« sagte Ralph. »Anstatt, daß man es mir. jetzt dankt, daß ich zur rechten Zeit erschienen, würde es mir sonst nicht verziehen haben, daß ich zu spät gekommen bin. Wir wollen uns diese schöne Miß Corizon auf ein andermal aufsparen, Will!«

»Du willst sie natürlich für Dich haben!« rief Staunton. »Nein, diesmal irrst Du,« antwortete Ralph. »Meine Pläne sind anderer Art.«

»Du könntest mir wohl ein wenig davon mitteilen,« sagte der Kapitän. »Ich weiß bis jetzt nichts weiter, als was Du mir schriebst: Ich sollte heute nachmittag Liberty-Plantation überfallen, die Schwarzen fortführen und die Familie Büchting durch die Drohung, auch Miß Corizon mitzunehmen, ängstigen, bis Du dazwischen kämst und den glorreichen Befreier spielen könntest. Das muß doch einen Zweck haben.«

»Natürlich, und da ich Deiner Verschwiegenheit sicher sein kann und sie auch gut belohnen werde, als dies nur immer in meinen Kräften steht, so will ich Dir meine Absichten in großen Umrissen mitteilen,« antwortete Ralph, ruhig seine Zigarre rauchend. »Mr. Büchting ist, was Du vermutlich schon weißt, ein sehr reicher Mann, einer der reichsten in Amerika, und das will etwas sagen. Woher er sein enormes Vermögen hat, weiß ich nicht genau; es scheint damit etwas wunderbar zugegangen zu sein, man fabelt von einem hundertfachen Millionär, der Büchting zum Erben eines Teils seines Vermögens eingesetzt hat. Er ist sehr reich, das wissen wir in Neuyork, im Kontor Mr. Everetts, am besten. Bald, nachdem er von Neu-Mexiko oder Kalifornien her, wo seine Schwester an einen ebenso reichen Grundbesitzer, Don Toledo, verheiratet ist, herübergekommen war, trat er mit Mr. Everett in Verbindung; sie mußten sich übrigens schon früher gekannt haben. Mein alter Oheim und Mr. Büchting wurden Herzens- und Busenfreunde und sahen sich täglich, wenn Mr. Büchting während des Winters in Neuyork lebte. Da ich nun mit zur Familie gehörte, wie auch Mr. Richard, der jetzt tot ist, so war ich natürlich mit Richard sehr oft bei Büchting, und wir wuchsen sozusagen mit Miß Eliza auf. Diese Miß Eliza ist Mr. Büchtings einzige Tochter, die anderen Kinder sind gestorben; Miß Eliza ist also das einzige Kind und vielleicht die reichste Erben in der ganzen Union. Das teil: viel sagen, lieber Will, aber Du weißt, in Geldsachen irre ich mich selten. Miß Eliza ist ein sehr schönes Mädchen – nun, Du hast sie ja gesehen –«

»Ja, aber nicht viel beachtet, ich fand die Corizon hübscher,« warf Staunton ein.

»Möglich,« antwortete Ralph, »für eine zehnfache Millionärin oder mehr ist sie jedenfalls außerdem noch ein sehr schönes Mädchen. Für mich war indessen dieser Bissen nicht bestimmt, das wußte ich recht gut. Richard, Everetts Pflegesohn, schien dazu ausersehen, alles Glück der Welt allein in die Tasche zu stecken. Daß ihn Mr. Everett zum Erben eines sehr großen Teils seines Vermögens eingesetzt hatte, wußte ich bereits. Außerdem aber bemerkte ich recht gut, daß ihn Miß Eliza mir vorzog; sie fand Gefallen an dem blonden Schwärmer, und auch bei den Eltern stand er gut angeschrieben. Alle meine kleinen Versuche, mich bei der heranwachsenden Miß Eliza liebes Kind zu machen, scheiterten an der Vorliebe, die sie für Richard gefaßt hatte. Das Haupthindernis ist jedoch durch einen Zufall aus dem Wege geräumt worden, Richard ist auf eine unerklärliche Weise im Februar dieses Jahres, auf dem Wege nach Liberty-Plantation verschwunden und aller Wahrscheinlichkeit nach getötet worden. Kein Mensch weiß, wie das zugegangen –«

»Und Du solltest nichts von diesem Verschwinden wissen?« fragte Staunton mit Betonung.

»Bewahre! so hohes Spiel spiele ich nicht!« antwortete Ralph achselzuckend. »Genug, der Junge ist vom Erdboden verschwunden, und der Weg zu Eliza ist seitdem für mich frei. Natürlich muß ich jedoch mit der allergrößten Vorsicht operieren. Die Hauptperson, Miß Eliza selbst, ist mir nicht grün und will ganz allmählich gewonnen sein. Ich mußte Mittel und Wege finden, mich bei den Alten und womöglich auch bei Eliza in Gunst zu setzen, und dazu diente mir der Plan, den wir heute gemeinsam ausgeführt haben. Daß Du die Schwarzen fortführen solltest, war nur eine Caprice von mit; ich mag die farbige Brut nicht leiden. Die Hauptsache war, die Familie zu ängstigen und mich im geeigneten Moment als rettenden Engel erscheinen zu lassen. Eine andere Absicht von mir war die, Mr. Büchting und seine Familie von Liberty-Plantation zu entfernen. Der alte Starrkopf wollte trotz des Krieges hier aushalten, und damit ist mir nicht gedient, ich will ihn und seine schöne Tochter in der Nähe haben, in Neuyork, wohin ich zurückkehre, sobald meine Zeit um ist, oder wo ich mich später in einem Kriegsbureau beschäftigen lassen und Euch mehr nützen kann, als hier auf offenem Felde. Nun kennst Du meine Absichten. Unser heutiger Plan ist geglückt, die Familie hat mich mit Danksagungen überhäuft. Nur Miß Eliza selbst ist noch etwas spröde gewesen, aber das wird sich legen, denn ich hoffe, in Neuyork noch ganz anders und mit besseren Mitteln zu operieren. Ich hoffe mit Sicherheit, daß sie mein wird, und dann wirst Du ein reicher Mann.«

»Nun wollen's hoffen und können's brauchen!« rief Staunton. »Inzwischen aber wäre es mir lieb, wenn ich ein paar Dutzend von gelben Dollars hätte, bei uns werden die Dinger schon ziemlich knapp. Du hast hoffentlich etwas von Eurem Ueberfluß bei Dir?«

»Ist das genug?« fragte Ralph, der in die Tasche gegriffen hatte und ihm eine Geldrolle hinhielt.

»Wieviel?« fragte Staunton, die Rolle nehmend und in der Hand wiegend.

»Fünfzig,« antwortete Ralph.

»Also zweihundertfünfzig Dollars Gold?« erwiderte Staunton und schob die Rolle in die Tasche. »Nun, als Abschlagszahlung mag das gehen; das Geld wird, wie gesagt, rar bei uns. Doch – wir verplaudern gewaltig viel Zeit mit unseren persönlichen Angelegenheiten! Laß uns zur Hauptsache übergehen. Wie steht's mit den Truppen, und was habt Ihr für Pläne?«

Die Aufklärung, die Ralph Pettow, Kapitän der Unionstruppen, dem Kapitän der südländischen Freischaren gab, zeigten deutlich, daß diese beiden Führer feindlicher Truppen nicht nur zur Erreichung persönlicher Zwecke verbunden waren, sondern daß Ralph Pettow auch sein Vaterland aufs schmachvollste verriet. Denn er teilte dem Südländer jede schwache Stelle der Unionstruppen bei Hotstone, sowie die Pläne der Unionsgenerale im allgemeinen mit.

Staunton notierte alles, was ihm Ralph Pettow mitteilte, sorgfältig in sein Taschenbuch, sah dann nach der Uhr und stand auf.

»Nun, für heute Adieu, Ralph!« sagte er. »Es ist drei Uhr, und ich muß vor Tage in Bingstown sein.«

Sie verließen die Hütte. Draußen schüttelten sie sich die Hände, plauderten noch ein wenig, dann schlug jeder in der Nacht seinen Rückweg ein.

Als der Hufschlag ihrer Pferde draußen in der Ferne verklungen war, raschelte es draußen in der Bretterwand der Hütte, und eine dunkle Masse, die dort auf der Erde gekauert hatte, erhob sich ein wenig, schob einige lose Bretter beiseite, kroch durch die Oeffnung in die Hütte, und bald verkündete ein regelmäßiges Schnarchen, daß dieses Wesen den Schlaf fortsetzte, der vorher durch das Erscheinen Mr. Ralphs unterbrochen worden war.

Als der Morgen anbrach, regte sich die dunkle Masse, und es entpuppte sich aus ihr die häßliche Gestalt eines kranken, schmutzigen Negers. Er hinkte nach der Tür, blickte vorsichtig hinaus und stieß dann einen tiefen Seufzer aus.

»Böser weißer Massa!« murmelte der Neger vor sich hin. »Böser Massa! Derselbe, der den hellhaarigen Massa vom Pferde schoß. Und weiß doch nichts davon? Hm – weißer Massa besser und ruhiger lügen können als wie Bob. Und der gute Massa Büchting nicht mehr auf Liberty-Plantation, und Bob ihm nicht melden können, daß er weiß, wer den Massa Richard erschlagen. Bob nicht nach Neuyork gehen können wie Massa Büchting – weiße Männer dort auch sehr böse sein auf den armen Nigger wie Rebellen im Süden. Bob nicht mehr wissen, wohin gehen und krank und müde sein, trotz Geld und Papiere, was dem armen Massa Richard genommen. Schlechte Zeit für Bob! Bald der böse Winter kommen. Bob sterben wie ein Hund!«

Er murmelte diese Worte abgebrochen vor sich hin, fast wie ein Blödsinniger und starrte lange mit leeren, gläsernen Augen in die Ebene. Ein krankes Tier des Waldes konnte nicht trostloser in die Welt hineinblicken als dieser schwarze Mensch. Endlich, als er in weiter Ferne Hundegebell hörte, zuckte er zusammen und schlich in den Wald.

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