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Die Millionenbraut. Erster Band

Adolf Mützelburg: Die Millionenbraut. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorDumas-Mützelburg
titleDie Millionenbraut. Erster Band
publisherVerlag von Gyldahl & Hansen
year1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140328
projectid5bcdb58e
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Ein Vorspiel

Es war an einem schönen, frischen Morgen zu Anfang des Jahres 1861, als ein Reiter den kleinen Flecken Bingstown in Virginien verließ. Er ritt einen englischen Rappen, den er, sobald die letzten Häuser des Fleckens mit ihren Gärten hinter ihm lagen, zum scharfen Trab antrieb. Die weite, scheinbar unendliche Fläche, die vor ihm lag, der weiche, mit jungem Gras bedeckte Boden, die scharfe Morgenluft – alles vereinigte sich, um einem tüchtigen Reiter und einem wackeren Pferde Vergnügen zu machen.

Der junge Reiter mochte nicht viel über 20 Jahre alt sein, und das Rot seiner Wangen, die Klarheit seines Auges, gaben seinen wohlgeformten Zügen einen Ausdruck von Reinheit und ungeschwächter Jugendkraft, der jedes ehrliche und gesunde Herz für ihn einnehmen mußte. Das war ein kräftiger, unverdorbener Sohn des Nordens, ein echter Nachkomme jener Nordlandsfahrer und Normannen, die mit stählernem Arm, hellblickenden Auges ihre Schiffe durch unerforschte Meere steuerten und jedes fremde Ufer mit der Kühnheit des Siegers betraten. Jetzt freilich, bei diesem scheinbar so friedlichen Ritt über die Prärie, bot sich dem jungen Manne keine Gelegenheit, die nervige Hand zu ballen. Seine Züge waren sanft und zeigten einen fast schwärmerischen Ausdruck, namentlich dann, wenn er sehnsüchtig in die Ferne blickte und ein leichter Seufzer seine Brust hob.

Er mochte ungefähr dreiviertel Stunden geritten sein, als er plötzlich stutzte und den Blick nach links wandte, denn er hatte den dumpfen Hufschlag eines Pferdes auf dem Wiesenboden gehört. In der Tat kam auch ein Reiter gerade vom Süden her auf ihn zu.

Der junge Mann ritt langsamer, denn es unterlag keinem Zweifel, daß jener zweite Reiter ihn anreden wolle. Für einen Moment zog ein gewisses Mißbehagen über sein Gesicht, denn er erinnerte sich, daß er keine Waffe bei sich führte, und bei so unruhigen Zeiten, wie sie Anfang des Jahres 1861 herrschten, durfte man dem ersten besten Fremden nicht leichtsinnig trauen. Indessen, der andere, ein gutgekleideter Mann, ritt ein schönes Pferd – da war wohl nichts zu fürchten! Plötzlich hielt der junge Reiter sein Roß an, faßte den Herannahenden scharf ins Auge und rief dann:

»Ist es möglich? Ralph, Du?«

Der zweite Reitet, der in scharfem Galopp herangesprengt war, schien um einige Jahre älter als der erste. Sein etwas blasses, von dunklem Haar eingefaßtes Gesicht, mit den großen schwarzen Augen und dem feinen schwarzen Bärtchen war von dem scharfen Ritt kaum merklich gerötet. Es verriet Intelligenz, Kraft und Energie, trug aber auch deutliche Spuren eines frühzeitigen Lebensgenusses, und selbst die helle Freundlichkeit, die auf seinem Antlitz strahlte, als er dem Freunde die Hand reichte, konnte den herben, verschlossenen, beinahe finsteren Ausdruck nicht ganz verdecken.

»Also doch noch getroffen, Richard!« rief er. »Du bist auf dem Wege nach Liberty-Plantation, nicht wahr?«

»Freilich,« antwortete Richard. »Wie konnte ich ahnen, daß Du hier in der Nähe seist? Wir vermuteten Dich in Charleston. Du kommst doch mit?«

»Nach Liberty-Plantation? Das weiß ich wahrhaftig noch nicht,« antwortete Ralph. »Ich wollte Dich nur auf kurze Zeit sprechen, denn ich bin selbst sehr in Anspruch genommen. Es sieht sehr böse aus hier im Süden.«

»Das scheint so,« erwiderte Richard. »Deshalb schickt mich der Vater auch nach Richmond, um dort schneller zu ordnen, was zu ordnen ist. Aber wie in aller Welt hast Du erfahren, daß ich abgereist bin?«

»Das ist einfacher, als Du glaubst, lieber Junge,« antwortete der andere. »Ich hatte an Alison eine telegraphische Anfrage gerichtet; er antwortete mir und fügte hinzu: Richard heute nach Richmond abgereist. Nun kalkulierte ich ganz einfach, daß Du einen Abstecher nach Liberty-Plantation machen würdest. Den Fahrplan kenne ich genug, ich rechnete mir aus, daß Du heute nacht in Bingstown schlafen und um diese Zeit nach Liberty-Plantation hinüberreiten würdest. Und da bin ich.«

»Nun, das ist wunderbar!« rief Richard und blickte den Gefährten herzlich an. »Das hat sich seltsam gut getroffen! Aber willst Du denn nicht mit hinüber? Hast Du Zeit?«

»Ich möchte schon mit dem Nachmittagszuge zurückkehren,« antwortete Ralph. »Uebrigens, wir sehen uns ja in Richmond. Ich hätte Dir nur über einige Personen wichtige Mitteilungen zu machen. Laß uns langsam noch ein Weilchen reiten.«

Und nun gab et seinem Freunde einige Nachrichten, die sich auf große kaufmännische Unternehmungen und Bankgeschäfte und auf die Solidität einzelner Firmen in Richmond bezogen. Aus diesen Mitteilungen ging hervor, daß die beiden jungen Männer in demselben Geschäfte arbeiteten, in dem großen Bankhause von Mr. Everett, Richard als der Pflegesohn des kinderlosen Mannes, Ralph als ein entfernter Verwandter. Richard hörte sehr aufmerksam zu, schenkte namentlich auch den politischen Bemerkungen, die Ralph einflocht, große Aufmerksamkeit. Der Abfall der südlichen Staaten von der Union war auf dem Kongreß von Montgomery bereits ausgesprochen worden. Doch glaubte noch niemand an die furchtbaren Folgen dieser Trennung.

»So, das ist es, was ich Dir hauptsächlich zu sagen hatte,« schloß Ralph seine Mitteilungen. »Ich muß noch einige Tage in Nord-Karolina bleiben. Inzwischen ordnest Du die Richmonder Affären, ich hole Dich von dort ab, und wir reiten zusammen zurück. Grüße Miß Eliza! Du willst Dir wohl das Jawort holen, Du Glücklicher?«

Ein helles Rot flog über Richards Gesicht, das seinen offenen, ehrlichen Zügen einen Ausdruck fast mädchenhafter Verwirrung verlieh.

»Ah – ich habe es erraten!« fuhr Ralph lachend fort. »Nun, meinen herzlichsten Glückwunsch hast Du, lieber Junge, das weißt Du? Aber wie ist denn das gekommen? Erzähle doch!«

»O, Du irrst Dich!« erwiderte Richard leise und mit abgewandtem Gesicht. »Zwar, daß ich Miß Eliza liebe – das kann ich nicht verbergen. Und daß sie – doch, mein Gott, wie kann ich darüber sprechen, wenn ich vielleicht auch eine glückliche Ahnung habe? Was bin ich? Was kann ich ihr bieten, dem schönen, so allgemein gefeierten und leider so reichen Mädchen? Zwar – ihr Vater spricht so herzlich zu mir, er hat mich lieb, wie es scheint. Vielleicht – ach ich mag nicht daran denken, wie unglücklich ich werden könnte, wenn mein schönster, mein heiligster Traum sich nicht erfüllte – –«

Er sprach, wie zu sich selbst, den Blick noch immer abgewandt. Ralph war einige Schritte hinter ihm zurückgeblieben. Richard sah nicht, wie bleich das Gesicht seines Genossen geworden, wie unheimlich seine Züge sich verzerrt hatten, wie die schwarzen Augen leuchteten, sah nicht, wie Ralph die Hand erhob – –

Ein Schuß krachte dicht an seinem Ohr. Richard fuhr mit den Händen in die Luft und sank lautlos vom Pferde, das mit einem wilden Satze vorwärts sprang. Jetzt lag er, leicht zuckend, auf dem Rasen, dessen dünnes Gras sich blutrot färbte. Dann streckten sich seine Glieder – –

»Tot!« murmelte Ralph; er riß sein Roß herum und schlug es mit der geballten Faust auf den Nacken, so daß es wie der Sturmwind fortsprengte, nach Süden zu, den gleichen Weg, den es gekommen. Richards Pferd trabte langsamer über die unendliche Fläche und stand endlich still.

*

Eine Viertelstunde war vergangen und Ralphs Pferd am Horizont verschwunden, als ein schwarzer Kopf mit wolligem Haar aus einer Grube auftauchte, die nur zwanzig bis dreißig Schritte von dem Orte entfernt war, an dem die entsetzliche Tat geschehen war. Der Neger blickte sich vorsichtig um, und da er kein lebendiges Wesen auf der Prärie erblickte, hinkte er langsam zu Richard hin und betrachtete ihn eine Zeitlang mit stiller Teilnahme.

»Armer, hübscher, junger Massa!« murmelte er vor sich hin. »Aber tot sein, ganz tot – Bob nicht mehr helfen können, aber Bob Geld brauchen, um schneller vorwärts kommen. Weißen Massa Geld nichts mehr nutzen.«

Dabei griff er scheu und nicht ohne Grauen in die Taschen des Leblosen und suchte, bis er dessen Börse und Notizbuch gefunden hatte.

»Gold – gut sein! Dieses Papier gut sein, wie Gold!« flüsterte er vor sich, die Golddollars und die Banknoten musternd. »Dieses Papier nichts nutzen, aber Bob es behalten, Buch behalten, kann gut sein für die Zukunft! –«

Er steckte es zu sich. Dann, wie von einem ängstlichen Gedanken ergriffen, sprang er hastig empor und sah sich erschreckt um. »Wenn weiße Männer kommen, Bob der Mörder sein!« – Er hinkte, so schnell er vermochte, zu dem Pferde, das sich genähert hatte, schwang sich hinauf und trieb es gegen Norden. Bald war auch der Neger verschwunden, und auf der weiten Fläche lag nur noch der Körper des jungen Mannes, der so frisch, in herrlicher Jugendkraft und mit sehnsüchtigem Herzen am Morgen von Bingstown fortgeritten war.

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