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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectidb11e8c06
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7
Die Bankräuber

Drei Männer saßen im hinteren Zimmer eines Bureaus der City. Die äußere Eingangstüre war verriegelt, während die Verbindungstüre zwischen dem äußeren Bureauraum und dem Chef-Kontor weit offen stand.

Die Männer saßen an einem Tisch, waren mit einem einfachen Frühstück beschäftigt, das sie sich aus einem Restaurant in der Nachbarschaft hatten bringen lassen, und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen.

Aus George Wallis Sprechweise konnte man entnehmen, daß er als Autorität galt und eine leitende Stellung den andern gegenüber einnahm; er war ein Mann in den Vierzigern, neigte etwas zu Korpulenz, war von mittlerer Größe und hatte nichts Besonderes in seinen Gesichtszügen, abgesehn von dem kurzen borstigen Schnurrbart und den pechschwarzen Augenbrauen, die seinem Gesicht einen etwas finsteren Ausdruck verliehen. Seine Augen blickten müde und schläfrig, aber seine eckige Kinnlade verriet ungeheure Tatkraft, und die Hände, die müßig mit einem Federhalter spielten, waren klein, aber stark; es waren die Hände eines Künstlers, und tatsächlich war George Wallis unter diesem Namen oder einem andern als Künstler in seinem besonderen Fach auf jedem Polizeiamt des Kontinents bekannt.

Callidino neben ihm war ein kleiner hübscher und geschmeidiger Italiener. Seinem ziemlich langen Haar nach hätte man eher auf einen schwärmerischen Musiker als auf einen kaltblütigen Geschäftsmann schließen können. Und doch war dieser hübsche Italiener als der praktischste in diesem beachtenswerten Trio bekannt, das viele Jahre hindurch der Schrecken aller Bankdirektoren in Frankreich gewesen war.

Der dritte, ein stattlicher Mann mit einem freundlichen, rosigen Gesicht und einem schmucken Reiterschnurrbart, war Persh, der sich trotz seines Umfanges durch außergewöhnliche Gewandtheit auszeichnete. Seine Flucht von der Teufelsinsel und die anschließende Fahrt nach Australien in einem offenen Boot wird den meisten Zeitungslesern noch frisch in Erinnerung sein.

Sie machten aus ihren Personalien kein Hehl und wichen den unverblümten Fragen bei dem Verhör nicht aus, das sie zu bestehn hatten, als die City-Polizei sie aufgespürt hatte und zu ihnen kam, um den Geschäften dieser ›harmlosen Börsenmaklerfirma‹ auf den Grund zu gehen. Die Herren von der Polizei waren ein wenig enttäuscht, als sie entdeckten, daß ein völlig ordnungsgemäßes Geschäft betrieben wurde. Man kann nicht einmal notorischen Bankräubern etwas anhaben, wenn sie es vorziehn, ihren Lebensunterhalt auf irgendeine vom Gesetz erlaubte Weise, mag sie auch noch so schlecht angeschrieben sein, zu verdienen; und mehr als eventuelle Kunden darauf aufmerksam machen, daß die Leiter dieses merkwürdigen Geschäfts berüchtigte Verbrecher seien, konnte die Polizei nicht tun, sondern mußte beobachtend beiseite stehn und sich damit trösten, daß die Leute früher oder später sich eine Blöße geben würden, die sie in die Hände der Polizei lieferten.

»Und sie werden hübsch lang zu warten haben,« sagte Wallis.

Er blickte mit einem belustigten Lächeln im Kreise seines ›Aufsichtsrates‹ umher.

»Sind sie heute dagewesen?« fragte Callidino.

»Ja, sie waren heute da,« sagte Wallis ernst. »Sie haben unsre Bücher, unsre Tische und unsre Kleider und sogar die Füße unsrer Bureaustühle untersucht.«

»Ein taktloses Vorgehen,« sagte Persh lustig. »Was haben sie gefunden, George?«

George lächelte.

»Sie haben alles gefunden, was zu finden war,« sagte er.

»Ich nehme an, es war der Einbruch in der Bond Guarantees Bank, von dem ich las, der sie so aufgeregt hat,« sagte der Italiener kühl.

»Ich vermute es auch,« sagte Wallis mit gleichgültigem Ernst. »Es ist recht fatal, solche Namen, wie wir sie haben, zu tragen. Im Ernst,« fuhr er fort, »ich habe nicht sehr große Angst vor der Polizei, selbst angenommen, sie würden etwas finden. Ich habe noch keinen unter ihnen kennen gelernt, der den Scharfsinn besitzt wie jener kalte Teufel, den wir auf dem Auswärtigen Amt getroffen haben, als ich ihm einige Fragen über Persh' einzigartige Erfahrungen auf der Teufelsinsel zu beantworten hatte.«

»Wie war sein Name?« fragte Persh interessiert.

»Er erinnerte mich an etwas Südafrikanisches – o ja, ich habs – Standerton. Ein kalter Bursche – am folgenden Tag habe ich ihn wieder in Epsom getroffen,« sagte Wallis. »Er gehört an einen andern Platz als in das Auswärtige Amt. Du erinnerst dich, Persh, wie rasch er mich eingewickelt hatte?« – Dieser nickte. »Bevor ich wußte, wie mir geschah, hatte ich zugegeben, ich sei in der gleichen Woche, als Lady Perkintons Juwelen gestohlen wurden, in Huntingdonshire gewesen. Wenns noch fünf Minuten länger gedauert hätte, hätte er vermutlich erfahren« – er dämpfte seine Stimme zum Flüstern herab –, »wo all diese Schätze, die die englische Polizei sucht, verborgen sind.«

Die Männer lachten wie über einen guten Witz.

»Da wir einmal von kaltblütigen Leuten sprechen,« sagte Wallis, »entsinnst du dich noch des unheimlichen Teufels, der uns in Hatton Garden in die Quere gekommen ist?«

»Hast du ihn ausfindig gemacht?« fragte Callidino.

George schüttelte den Kopf.

»Nein,« sagte er gedehnt, »ich habe nur ziemliche Angst vor ihm.« – Was ein seltenes Zugeständnis für ihn bedeutete.

Er wechselte plötzlich den Gesprächsstoff.

»Ihr Leute wißt vermutlich,« sagte Wallis, »daß die Polizei gerade gegenwärtig eine besondere Tätigkeit entfaltet? Ich habe allen Grund, darüber Bescheid zu wissen, da sie eben erst eine äußerst gründliche Durchsuchung meines Privateigentums vorgenommen hat.«

Er übertrieb nicht. Die Polizei war tatsächlich eifrigst am Werk, irgendwelche Anhaltspunkte zu finden, um diese drei bekannten Verbrecher mit den Ereignissen des letzten Monats in Zusammenhang zu bringen.

Eine halbe Stunde später verließ Wallis das Gebäude. Er blieb in der Eingangshalle des großen Bureauhauses stehen und zündete sich eine Zigarre an mit einer Miene, die seine Zufriedenheit mit der Welt und der Menschheit bekundete.

Als er seinen Fuß auf das Pflaster setzte, trat ein großer Mann an ihn heran. Wallis blickte rasch auf und nickte leicht.

»Ich brauche Sie,« sagte der große Mann kalt.

»Wirklich?« sagte Wallis mit übertriebener Neugierde. »Und wozu brauchen Sie mich?«

»Sie werden mit mir gehn, und zwar ohne die geringste Widerrede,« sagte der Mann.

Er rief eine Droschke an und die zwei Männer fuhren rasch zur nächsten Polizei-Station. Wallis fuhr fort, seine Zigarre zu rauchen, ohne ein Zeichen von Furcht zu äußern. Er hätte gerne mit dem Beamten, der ihn verhaftet hatte, geplaudert, aber der Beamte war nicht in der Stimmung zu einem launigen Gespräch.

Er wurde in das Untersuchungszimmer gestoßen und vor den Tisch des Inspektors gebracht. Dieser Beamte blickte mit einem Kopfnicken zu ihm auf; er war freundlicher als der Polizist, der ihn verhaftet hatte.

»Nun Wallis,« sagte er lächelnd, »wir möchten einige Mitteilungen von Ihnen haben.«

»Sie wollen immer Mitteilungen von jemandem haben,« sagte der Mann unverfroren. »Hat es schon wieder einen Einbruch gegeben?«

Der Inspektor nickte.

»Ei ei,« sagte der Verhaftete und tat so, als ob es ihm peinlich sei, »das ist aber sehr ärgerlich für Sie, Herr Whitling. Ich nehme an, Sie haben den Täter erwischt,« fragte er sanft.

»Im Augenblick habe ich Sie erwischt,« sagte der Inspektor schlagfertig. »Ich wäre nicht überrascht, wenn ich damit auch den Täter erwischt hätte. Können Sie Nachweisen, wo Sie die letzte Nacht verbrachten?«

»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Wallis; »ich habe mit einem Freund zu Abend gegessen.«

»Sein Name?«

Der andre zuckte die Achseln. »Sein Name ist nebensächlich. Ich habe mit einem Freund zu Abend gegessen, dessen Name nichts zur Sache tut. Nehmen Sie das zu Protokoll, Herr Inspektor.«

»Und wo haben Sie mit diesem unbekannten Freund zu Abend gegessen,« fragte der Beamte, der sich nicht aus der Fassung bringen ließ.

Wallis nannte ein Restaurant in der Wardour-Straße.

»Um wieviel Uhr haben Sie gegessen?« fragte der Inspektor geduldig.

»Zwischen acht und elf Uhr,« entgegnete Wallis, »wie der Besitzer des Restaurants bezeugen wird.«

Der Inspektor lächelte vor sich hin; er kannte das Restaurant und auch seinen Besitzer. Seine Zeugenaussage würde vor einem Gerichtshof nicht allzu schwer ins Gewicht fallen.

Können Sie irgendeine einwandfreie Person angeben,« fragte er weiter, »die Ihre Anwesenheit dort bezeugen kann, jemand anders als Ihren unbekannten Freund und Signor Villimicci?«

Wallis nickte.

»Ja, ich kann mit gebührender Hochachtung,« sagte er, »Sergeant Colebrook der Zentralfahndungs-Abteilung von Scotland Yard namhaft machen.«

Er legte eine aufreizende Sanftmut an den Tag. Der Inspektor blickte scharf auf.

»Wird er für Sie Zeugnis oblegen können?« fragte er nachdrücklich.

»Jedenfalls hat er mich die ganze Zeit über beobachtet; er war, glaube ich, als feiner Herr verkleidet. Wenigstens trug er Abendanzug und sah ganz anders aus als die Kellner; er hatte sich als Gast an einen Tisch gesetzt, verstehen Sie.«

»Ich verstehe,« sagte der Inspektor und schrieb es nieder.

»Es hat mir ziemlichen Spaß gemacht, von einem wirklichen Detektiv-Sergeanten aus jenem unheimlichen Backsteinriesenbau bewacht zu werden,« fuhr der Mann fort. »Mir war es ganz angenehm; allerdings war zu befürchten, daß der arme Kerl die Sache früher satt bekommen würde als ich.«

»Um es zu wiederholen,« sagte der Inspektor, »Sie wurden also beobachtet gestern abend von acht Uhr bis –?«

Er hielt forschend ein.

»Bis beinahe gegen Mitternacht, wenn ich mich nicht täusche; bis unser Detektiv im Abendanzug, der wie ein richtiger Detektiv die ganze Zeit über ein tragisches Gesicht machte, mir bis vor die Haustür meiner Wohnung gefolgt war.«

»Das kann ich in einer Minute feststellen,« sagte der Inspektor. »Gehn Sie inzwischen dort ins Wartezimmer.«

Wallis schlenderte gleichgültig hinein, während der Inspektor das Telephon in die Hand nahm.

Fünf Minuten später wurde der Verhaftete wieder geholt.

»Es stimmt alles,« sagte der Inspektor. »Die Sache ist glatt für Sie, Wallis.«

»Freut mich zu hören,« erwiderte Wallis. »Ich bin wirklich sehr erleichtert!« Er seufzte schwer. »Nun, da ich bei einem Geschäft gelandet bin, das ich als eine behördlich zugelassene Form des Diebstahls am Publikum bezeichnen möchte, ist es mir besonders erfreulich zu wissen, daß meine Unternehmungen von der Polizei gebilligt werden.«

»Wir billigen keines Ihrer Geschäfte,« entgegnete der Inspektor.

Ein unangenehmer Mensch, dachte Wallis, verliert weder seinen Gleichmut noch wird er grob.

»Sie können jetzt gehen – tut mir leid, daß ich Sie habe belästigen müssen.«

»Nicht der Rede wert,« erwiderte Wallis höflich, mit einer leichten Verbeugung.

»Übrigens, bevor Sie fortgehn,« sagte der Inspektor, »wollen Sie noch einen Augenblick in das Zimmer nebenan mit mir kommen, ja?«

Wallis folgte ihm und der Inspektor verschloß die Tür hinter ihnen. Sie waren unter sich.

»Wallis, es wird Ihnen wohl bekannt sein, daß eine Belohnung von etwa zwölftausend Pfund für die Entdeckung der an diesen Einbrüchen beteiligten Leute ausgesetzt ist?«

»Das ist mir ganz neu,« antwortete Wallis, seine Augenbrauen in die Höhe ziehend.

»Das ist Ihnen nicht neu,« sagte der Inspektor; »tatsächlich wissen Sie weit mehr über die Sache als ich. Aber ich will Ihnen folgendes sagen: Wir haben alle Maßnahmen getroffen, um der Bande habhaft zu werden, und werden keine Ruhe geben, bis wir ihr auf alle Fälle das Handwerk gelegt haben. Schauen Sie, George,« er tippte mit seinen kräftigen knochigen Fingern dem andern auf die Brust, »gibt es nicht die Möglichkeit des freiwilligen Geständnisses?«

»Freiwilliges Geständnis?« Herr Wallis war die verblüffte Unschuld selbst.

»Wollen Sie nicht den Kronzeugen machen, dem Straffreiheit zusteht?« erklärte der andre kurz.

»Ich wäre äußerst glücklich,« erwiderte Wallis mit einem ratlosen Achselzucken, »aber wie soll ich in einer Sache, von der ich nicht das geringste weiß, den Kronzeugen abgeben? Die Belohnung ist ja ungeheuer verlockend. Wenn ich Verbrecherkumpane hätte, ließe ich mich leicht überreden. Mein Gewissen ist eine Sache, die sich immer den jeweiligen Umständen anpaßt; es hat eine ziemliche Ähnlichkeit mit einem Fußmaß, wie es die Schuhmacher gebrauchen, um die Füße ihrer Kunden zu messen – es ist etwas erschreckend Anpassungsfähiges, wie eine gleitende Skala, die auf und nieder rutscht.«

»Ich habe keine Lust, noch mehr über Ihr Gewissen anzuhören,« sagte der Beamte ungeduldig. »Wollen Sie ein Geständnis machen oder nicht?«

»Ich habe kein Geständnis zu machen,« erwiderte Wallis mit Nachdruck.

Der Inspektor machte eine ungehaltene Kopfbewegung; Wallis wiederholte die Verbeugung, die er vor dieser Privatunterredung gemacht hatte, und schritt auf die Straße hinaus.

Niemand wußte besser als er selbst, wie restlos jeder seiner Schritte beobachtet wurde. Schon beim Verlassen des Polizeiamtes wußte er, daß der scheinbare Tagdieb an der Ecke der Straße es auf ihn abgesehen habe und ihm auf den Fersen bleiben würde, bis er ihn einem weiteren Beamten in Zivil zur Beobachtung übergeben würde. Von einem Bezirk zum andern, vom einen Ende der Stadt zum andern würden ihn diese wachsamen Augen unablässig verfolgen; während er schlief, würden seine Türe, Vorder- und Rückseite seiner Wohnung bewacht werden. Er konnte sich nicht bewegen, ohne daß ganz London – ganz London, soweit es für ihn in Betracht kam – jede seiner Bewegungen erfuhr.

Sein Heim lag im oberen Teil eines Hauses über einem Tabakladen in einer Seitengasse der Charing Croß-Straße. Zu dieser kleinen Wohnung lenkte er gemächlich seine Schritte, ohne seine Gangart irgendwie zu beschleunigen, weil er sich bewußt war, daß auf der einen Straßenseite ein harmloser Handlungsreisender und auf der anderen ein Brötchenverkäufer, der anscheinend mit seiner Ware heimwärts trollte, ihn nicht aus den Augen ließen. Er kaufte unterwegs in der Charing Croß-Straße einige Zigarren, überquerte die Straße dicht bei der Alhambra und schloß zehn Minuten später die Tür neben dem Laden zu einem schmalen Hausflur auf, durch den sein Privateingang zum oberen Stockwerk führte.

Der behaglich eingerichtete Raum verriet keinen schlechten Geschmack. Breite Klubsessel gaben dem Zimmer ein solides Gepräge und die wenigen Bilder an der Wand fielen durch ihre Auserlesenheit auf.

Er machte sich nicht die Mühe, das Zimmer oder den übrigen Teil der kleinen Mietswohnung einer Prüfung zu unterziehen. War die Polizei dagewesen, so war sie es eben. Wenn nicht, war es ihm auch gleichgültig. Finden konnte sie nichts. Darüber hatte er ein gutes Gewissen, insofern das Gewissen eines Mannes gut sein kann, der weniger die Folgen seiner Taten an sich als die augenscheinlichen, offenkundigen und auffindbaren Spuren fürchtet.

Er drückte auf eine Klingel und nach einer kleinen Weile erschien eine alte Frau.

»Machen Sie mir etwas Tee, Frau Skard,« sagte er. »War jemand da?«

Die alte Frau blickte nachsinnend zur Decke auf.

»Nur der Gasmann,« sagte sie.

»Nur der Gasmann,« wiederholte George Wallis höchlichst erstaunt. »War er nicht mächtig überrascht, als er entdeckte, daß wir überhaupt kein Gas haben?«

Die alte Dame schaute ihn etwas verdutzt an.

»Er sagte, er sei gekommen, um nach dem Gas zu sehn,« sagte sie, »und dann, als er merkte, daß wir kein Gas haben, sagte er ›wegen des elektrischen Lichts‹ – ein ganz zerstreuter junger Mann.«

»So sind sie meistens, Frau Skard,« erwiderte ihr Zimmerherr milde; »wissen Sie nicht, daß sie sich gerade in dieser Jahreszeit gerne verlieben, und wenn dann ihr Gemüt mit anderen, erfreulicheren Gedanken als mit Gasröhren und Glühstrümpfen beschäftigt ist, werden sie leicht ein bißchen verwirrt. Ich hoffe, er hat Sie nicht belästigt – hat er Ihnen nicht gesagt, Sie brauchten nicht im Zimmer zu bleiben?« half er ihrem Gedächtnis nach.

»Ganz recht, Sir,« sagte Frau Skard. »Er sagte, er könne alles ohne Hilfe machen.«

»Und ich will wetten, er hat es getan,« sagte George Wallis in der besten Laune.

Unbekümmert darum, daß seine Wohnung von einem eifrigen Geheimpolizisten durchsucht worden war, saß er eine Stunde lang da und las eine amerikanische Zeitschrift. Um sechs Uhr fuhr eine Autodroschke in die Gasse herein und hielt vor der Haustür seiner Wohnung. Der Chauffeur, ein beleibter, bärtiger Mann, blickte ratlos auf und ab und suchte nach einer Nummer; einer der beiden Detektive, die das Haus ständig beobachteten, kam wie zufällig über die Straße zu ihm herüber.

»Na, Kamerad, Sie wollen wohl eine Nummer finden?« fragte er.

»Nr. 43 suche ich,« sagte der Fahrer.

»Das ist hier,« sagte der Beamte.

Er sah den Chauffeur klingeln, und nachdem er beobachtet hatte, daß er hineingegangen und die Türe hinter ihm geschlossen worden war, bummelte er zu seinem Kollegen zurück. »George wird wohl eine kleine Autofahrt machen,« sagte er; »wollen wir sehn, wo er hinfährt?«

Der Mann, der auf der andern Straßenseite gewartet hatte, nickte.

»Ich glaube nicht, daß er irgendwohin fahren wird, wohin es sich verlohnt, ihm zu folgen, aber um die Ecke herum habe ich einen Wagen bereitstehen.«

»Ich werde ihm nachfahren,« sagte der zweite Mann bitter. »Haben Sie gehört, was Inspektor Whitling von der City-Polizei gestern abend über mich gesagt hat?«

Der erste Detektiv zeigte reges Interesse.

»Nein, aber ich würde es gern hören.«

»Nun,« begann der Mann, aber dann besann er sich eines Besseren. Es gereichte ihm nicht gerade zur Ehre, daß er einen Mann drei Stunden lang beobachtet hatte und daß sein Opfer die ganze Zeit über sich bewußt war, daß er bewacht würde.

»Hallo!« sagte er, als sich die Tür von Nr. 43 öffnete, »da ist unser Mann.«

Er warf einen raschen Blick die Straße entlang und sah, daß sein für diesen Zweck gemietetes Auto bereit stand.

»Da kommt er,« sagte er, aber es war nicht der erwartete Mann. Der bärtige Chauffeur kam allein heraus, winkte zum Abschied jemandem im Treppenflur zu, den man nicht sehen konnte, und nachdem er seinen Motor mit großer Bedächtigkeit angekurbelt hatte, nahm er seinen Sitz ein und das Auto rollte langsam fort.

»George geht also nicht aus,« sagte der Detektiv. »Das bedeutet, daß wir noch ein oder zwei Stunden länger hier stehn müssen – dort sieht man sein Licht.«

Vier lange Stunden blieben sie noch auf ihrem Posten und unaufhörlich ruhte mindestens ein Augenpaar auf der einzigen Türe, durch welche George Wallis herauskommen konnte. Es gab keine andre Möglichkeit, das Haus zu verlassen, dessen waren sie sicher.

Hinter dem Hause war eine hohe Mauer, und falls der Mann nicht im Einverständnis mit der Hälfte der ehrbaren Hausbewohner nicht nur dieser Gasse, sondern auch der Charing Croß-Straße stand, konnte er nach menschlicher Berechnung seine Wohnung nicht anders verlassen.

Um halb elf Uhr kam das gleiche Auto wieder an der Haustür vorgefahren und der Chauffeur wurde eingelassen. Augenscheinlich rechnete er nicht mit einem langen Aufenthalt, denn er stellte den Motor nicht ab; tatsächlich hatte er seinen Wagen kaum länger als dreißig Sekunden allein stehn lassen. Er kam fast unverzüglich zurück, kletterte auf seinen Sitz und fuhr davon.

»Ich frage mich, was das zu bedeuten hat,« sagte der Detektiv etwas verdutzt.

»Er hat irgendwo eine Bestellung machen müssen,« entgegnete der andere. »Ich glaube, wir hätten es auskundschaften sollen.«

Zehn Minuten später kam Inspektor Goldberg von Scotland Yard in der Straße vorgefahren und sprang gegenüber den beiden Männern aus seinem Wagen.

»Ist Wallis zurückgekehrt?« fragte er rasch.

»Zurückgekehrt?« wiederholte der verblüffte Detektiv, »er ist noch gar nicht ausgegangen.«

»Nicht ausgegangen?« wiederholte der Inspektor baff. »Ein Mann, auf den seine Personalbeschreibung paßt, wurde vor einer halben Stunde gesehn, als er aus der City-Filiale der Goldschmiedinnung herauskam. Der Tresor ist erbrochen und Juwelen im Werte von zwanzigtausend Pfund sind gestohlen.«

Einen Moment herrschte Schweigen.

»Nun, Sir,« sagte der Unterbeamte mürrisch, »eine Sache kann ich beschwören, nämlich daß George Wallis dieses Haus heute abend nicht verlassen hat.«

»Das stimmt, Sir,« sagte der zweite Mann. »Der Sergeant und ich haben unsern Posten nicht verlassen, seit Wallis heimgekommen ist.«

»Aber,« sagte der bestürzte Inspektor, »es muß Wallis sein. Kein andrer könnte die Sache so ausgeführt haben als er.«

»Er kann es nicht gewesen sein,« beharrte der Beobachter.

»Aber wer, um des Himmelswillen, hat dann sonst die Tat verübt?« stieß der Inspektor hervor.

Seine Untergebenen enthielten sich klugerweise einer Mutmaßung.

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