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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 7
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectidb11e8c06
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6
Das Geldschrankgeschäft

Die City von London ist, wie alle Welt weiß, voll von blühenden und wohlbegründeten Geschäften.

Es gibt dort eine Menge von Firmen, die, sei es mit würdevollen oder ruhmredigen Aufschriften, die Tatsache verkünden, daß dieses Geschäft schon seit hundert Jahren am gleichen Platze stehe und daß es von den rechtmäßigen Nachkommen seiner Begründer weitergeführt würde.

Man findet dort auch in protzig eleganten Häusern, mit ganzen Fluchten von Geschäftsräumen, Aktiengesellschaften, Syndikate und sonstige Handelsunternehmungen, die im Frühjahr ins Leben treten und im Winter sich in das Nichts auflösen, ohne andere Spuren ihres Daseins zu hinterlassen als unbezahlte Rechnungen und einen Hausbesitzer, der sich wenigstens damit abfinden konnte, daß er sich seine Miete im voraus hatte zahlen lassen.

Die Tragödien der City von London spielen sich im weiteren Sinne hauptsächlich um das häßliche, unscheinbare Gebäude der Börse herum ab; ihre Opfer mögen wohl unter den vereinzelten heruntergekommenen Leuten zu suchen sein, die wie körperlose Schatten in den Straßen um dieses grimmige Gebäude herumstreichen.

Doch der unglückliche Spekulant ist keine Besonderheit der Weltstadt; seine Schicksalsgenossen, die an einem Tag oder in einer Stunde Vermögen erwerben und wieder verlieren, finden sich in jeder Stadt der Welt, wo Börsengeschäfte gehandelt werden.

Die landläufige Vorstellung malt sich das Elend der City in menschlichen Wracks aus, die in der Dunkelheit am Themsekai herumlungern oder mit zu Boden gesenkten Augen den Straßendamm entlang humpeln, um nach weggeworfenen Zigarrenstummeln zu suchen. Das ist traurig genug, obgleich zwar oft diese Unglücklichen, die wir bemitleiden, zufriedener mit ihrem Los sind, als sich die meisten Leute vorstellen.

Die wahren Trauerspiele gehn in den Hunderten kleiner Geschäfte vor sich, die mit freudiger Zuversicht ins Leben gerufen werden, um die jahrelangen Ersparnisse von zwei oder drei Menschen zu verschlingen. Die prunkhaften Briefbogen, die aus funkelnagelneuen, nach frischem Anstrich und Firnis riechenden Geschäftsräumen hinausgehen, die jungfräulichen Bücher, die sich wichtig auf neuen Regalen breitmachen, die Unmenge von Briefen, die täglich versandt werden, die Werbeheftchen und -blätter, die Tabellen und alle sonstigen Mätzchen eines unerfahrenen Reklamemachers, und dann das langsame Tröpfeln der einlaufenden Antwortschreiben – das alles gehört zu dem grausamen Spiel.

Manche Firmen legen es darauf an, sich mit Gewalt, mit einem großen Aufgebot von Trompetengeschmetter einzuführen. Andere wieder fügen sich geräuschlos ins Geschäft ein und gedeihen rätselhafterweise; im allgemeinen kann man wohl annehmen, daß sie den unschätzbaren Vorteil einer ›Verbindung‹ für sich hatten, die ihnen aus dem Dunkel einer Vorstadt heraus zu einer günstigeren Geschäftslage verhalf.

Eines der Geschäfte, die sich im Jahre 1910 in London auftaten, war im Telephon- und Adreßbuch als die ›St. Brides Safe Company‹ eingetragen. Es vertrieb neue und gebrauchte Geldschränke, Stahlkammern und alle übrigen kunstvollen Sicherheitsvorrichtungen.

In seinem Schaufenster waren neue und alte Geldschränke jeder Machart, Vergitterungen, Diebsalarmläutewerke, große und kleine Geldkassen ausgestellt, und was es sonst noch gibt an Eisen und Stahl, um den Gelüsten von Berufseinbrechern zu begegnen.

Der Geschäftsinhaber, anscheinend ein Herr aus der Midlandgegend, suchte sich das Personal, einschließlich des Geschäftsführers und Verkäufers, mittels Zeitungsinserate zusammen, hielt mit ihnen in einer Midlandstadt eine Besprechung ab und stellte dem Geschäftsführer, der mit tadellosen Zeugnissen ausgerüstet kam, eine reichliche Geldsumme zur Einrichtung und zum Betrieb zur Verfügung.

Zur Auffüllung des umgesetzten Betriebskapitals erhielt er von Zeit zu Zeit weitere Zuschüsse; obwohl der Absatz sehr schwach war, ließ es sich der Besitzer nicht verdrießen, die hohe Miete und die recht anständigen Gehälter des Personals weiter zu bezahlen.

Gelegentlich pflegte der Besitzer dem Laden einen Besuch abzustatten, gewöhnlich spät am Abend, weil sein Geschäft in Birmingham, wie er erklärte, seine Tätigkeit ständig in Anspruch nehme.

Das vorhandene Material wurde dann geprüft, es fand eine Inventuraufnahme der Schlüssel statt – diese wurden in der Regel im Privattresor der Firma aufbewahrt – und der Besitzer drückte schließlich jedesmal seine Befriedigung über den Fortschritt des Geschäftes aus.

Der Geschäftsführer selbst begriff nie recht, wie sein Prinzipal dieses Geschäft weiterführen konnte; aber offenbar hatte er einen großen Umsatz in der Provinz, denn er war in der Lage, ein großes Lastauto nebst Chauffeur zu unterhalten, das von Zeit zu Zeit vor dem Laden in der Bride-Straße erschien, um einen Geldschrank abzuladen oder verkaufte Ware seinen neuen Eigentümern zuzuführen.

Der Geschäftsführer, Herr Timmings, ein ehrenwerter Bürger von Balham, konnte sich nur vorstellen, daß die Provinz-Filiale des Geschäftes recht guten Umsatz hatte. Mitunter kam das Lastauto mit allen Anzeichen einer meilenweiten Fahrt, so daß er den Eindruck gewann, daß jedenfalls in der Birminghamer Gegend das Geschäft gut gedeihen müsse.

Es war am Tage nach der merkwürdigen Auseinandersetzung, die im vorigen Kapitel geschildert wurde, daß Gilbert Standerton unter anderm sich zur Anschaffung eines Geldschrankes entschloß. Er brauchte einen für sein Haus und es gab Gründe, die im einzelnen nicht dargelegt zu werden brauchen, warum ihm ein solches Möbelstück nötig erschien. Früher hatte er nie das Bedürfnis nach einem Geldschrank empfunden. Als ihm aber jetzt dieser Wunsch kam, wollte er ihn sofort befriedigen. Es war sein Unglück oder Glück, wie man es nehmen will, daß dieser Entschluß erst zu einer Stunde in ihm reifte, zu der die meisten Händler dieser ungewöhnlichen Einrichtungsgegenstände Geschäftsschluß gemacht haben. Es war schon sechs Uhr vorüber, als er in der City ankam.

Herr Timmings war an diesem Abend schon zeitig weggegangen, doch hatte er einen äußerst tüchtigen Vertreter zurückgelassen.

Der Besitzer war an diesem Tag etwas früher nach London gekommen; Gilbert sah ihn durch die Glastüre und blickte ihn erstaunt an. Als er die Tür öffnen wollte, war sie verschlossen; aber der Besitzer kam mit einem liebenswürdigen Lächeln selbst und schloß sie auf.

»Wir haben schon Schluß gemacht,« sagte er, »und ich fürchte, mein Geschäftsführer ist schon nach Hause gegangen. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?«

Gilbert schaute ihn an.

»Ja,« sagte er langsam, »ich möchte einen Geldschrank kaufen.«

»Dazu kann ich Ihnen möglicherweise behilflich sein,« sagte der Herr gutgelaunt. »Wollen Sie nicht hereinkommen?«

Gilbert trat ein und die Tür wurde hinter ihm verriegelt.

»Was für eine Art Schrank wünschen Sie?« fragte der Mann.

»Ich möchte einen kleinen,« sagte der andre. »Ich möchte gern einen gebrauchten Schrank, wenn Sie einen da haben.«

»Ich glaube, wir haben noch einen auf Lager. Sie brauchen ihn wohl für Ihr Bureau?«

Gilbert schüttelte den Kopf.

»Nein, ich brauche ihn für meine Wohnung,« sagte er kurz, »und es wäre mir lieb, wenn er möglichst sofort geliefert werden könnte.«

Er besah sich die verschiedenen Behältnisse für Wertsachen und traf schließlich seine Wahl.

Er war schon im Hinausgehn, als er den großen Geldschrank am Ende des Ladens sah.

Es war ein ziemlich auffallendes Stück, etwa acht Fuß hoch und ungefähr ebenso breit. Er sah täuschend einem großen Kleiderschrank aus Stahl ähnlich. Drei verschiedene Schlösser schützten das Innere und dazu kam noch ein Chiffreschloß.

»Das ist aber ein mächtiger Schrank,« sagte Gilbert.

»Nicht wahr,« sagte der andre gleichgültig.

»Wieviel kostet so einer?«

»Er ist verkauft,« sagte der Besitzer etwas kurz angebunden.

»Verkauft? Ich möchte gern das Innere sehn,« sagte Gilbert.

Der Mann lächelte ihn an und strich nachdenklich seinen aufwärtsgedrehten Schnurrbart.

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht damit dienen kann,« sagte er. »Der Grund ist einfach der, daß der neue Besitzer nach Abschluß des Verkaufs die Schlüssel mit sich genommen hat.«

»Das ist sehr schade,« sagte Gilbert, »denn das ist einer der interessantesten Geldschränke, die ich je gesehn habe.«

»Er ist gar nichts Besonderes,« sagte der andre kurz und klopfte mit seinem Fingerknöchel nachsinnend an die Seiten. »Es ist eigentlich ein ziemlich teures Vergnügen.«

»Er sieht aus, als ob sie ihn ständig hier gehabt hätten.«

»Sieht er so aus, ja?« erwiderte der andre zerstreut. »Ich mußte ihm eben einen praktischen Platz geben.«

Lächelnd geleitete er seinen Kunden in einen andern Teil des Ladens. Gilbert wollte zuerst mit einem Scheck zahlen, aber irgend etwas ließ ihn davon Abstand nehmen. Er suchte in seinen Taschen nach und fand die fünfzehn Pfund, die für seinen Tresor verlangt worden waren.

Mit einem freundlichen »Guten Abend« wurde er zum Laden hinausgeleitet und die Tür hinter ihm verschlossen.

»Wo habe ich dein Gesicht schon gesehn?« sagte der Besitzer für sich.

Obwohl er in vielen Beziehungen ein äußerst gewandter Mann war, bleibt die seltsame Tatsache bestehn, daß er seinen Kunden erst viele Monate später in seinem Gedächtnis einordnen konnte.

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