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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 6
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectidb11e8c06
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5
Der Mann, der reich werden wollte

Eine Gruppe von drei Männern, darunter Leslie Frankfort, stand im Privatkontor der Firma Warrell & Bird vor einem hohen Geldschrank. Es gab da allerhand Interessantes und Beachtenswertes zu sehn; auf dem Boden lagen Werkzeuge aller möglichen Formen und Sorten umher.

Der Schrank selbst wies deutliche Spuren einer gewaltsamen Öffnung auf. Über dem Schloß war ein Halbkreis von Löchern in die Stahltüre gebrannt.

»Sie haben es mit einem Knallgasgebläse gemacht,« sagte einer der Männer.

Er deutete auf eine Anzahl von Stahlröhren, die unter den übrigen Diebeswerkzeugen am Boden lagen.

»Sie haben gründliche Arbeit geleistet; ich möchte nur wissen, was sie gestört hat.«

Der älteste der Herren schüttelte den Kopf.

»Ich nehme an, der Nachtwächter ist ihnen dazwischen gekommen,« sagte er. »Was glauben Sie, Frankfort?«

»Ich kann mich noch gar nicht über ihre Geschicklichkeit beruhigen,« sagte Leslie. »Die Werkzeuge, die die Kerle benutzt haben, müssen allein schon zweihundert Pfund wert sein.«

Er wies auf die Ausrüstung am Boden. Der Detektiv folgte mit seinen Blicken dem ausgestreckten Finger und lächelte.

»Ja,« sagte er gelassen, »diese Leute verstehen ihr Handwerk. Sie haben nichts verloren, sagen Sie?«

»Ja und nein,« sagte er vorsichtig. »Es war da ein Diamantenhalsschmuck, der vorige Woche von einem unsrer Kunden hinterlegt wurde – der ist fort. Ich habe aber Interesse daran, daß über diesen Verlust zunächst nichts in die Öffentlichkeit dringt.«

Der Detektiv blickte ihn erstaunt an.

»Das ist ein ziemlich sonderbares Verlangen,« sagte er lächelnd. »Es ist sonst nicht üblich, daß im Bureau eines Börsenmaklers Diamantenhalsbänder aufbewahrt werden – falls ich mir erlauben darf, diese kritische Bemerkung zu machen.«

Herr Warrell lächelte.

»Es ist allerdings nicht üblich,« sagte er, »aber einer unsrer Kunden, der vorige Woche ins Ausland verreiste, kam gerade zwanzig Minuten vor Abgang seines Zuges zu uns und bat uns, das Juwelenetui in unsere Obhut zu nehmen.«

Herr Warrell sagte dies leichthin. Er wollte dem Detektiv nicht verraten, daß der Schmuck als Sicherheit für einen sehr großen Fehlbetrag galt, der dem Kunden erwachsen war; auch hielt er die Erklärung nicht für nötig, daß er die Juwelen in seinem Bureau verwahrt habe in der Hoffnung, die Kundin sei nur in vorübergehender Geldverlegenheit und werde sie bald wieder auslösen können.

»Wußte außer Ihnen und Ihren Teilhabern irgend jemand, daß sie sich hier befanden?«

Warrell schüttelte den Kopf.

»Ich denke nicht. Ich habe es nie irgend jemandem gegenüber erwähnt. Sie vielleicht, Leslie?«

Leslie zögerte.

»Nun, ich kann nicht umhin zuzugeben, daß ich es tat,« bekannte er. »Allerdings war es jemand, der es nicht weitererzählen würde.«

»Wer war es?« fragte Warrell.

»Gilbert Standerton. Ich habe die Sache gelegentlich mal erwähnt, als wir über Geldschrankräubereien sprachen.«

Der ältere Herr nickte.

»Ich kann mir kaum denken, daß er zu den Leuten gehört, denen man die Beraubung eines Geldschrankes zutrauen kann.«

Er lächelte.

»Es ist ein sonderbares Zusammentreffen,« sagte Leslie nachdenklich, »daß er und ich gerade über diese Verbrecherbande erst ein paar Tage vor seiner Hochzeit gesprochen haben. Ich vermute,« fragte er plötzlich den Detektiv, »es besteht kein Zweifel, daß diese Tat ein Werk Ihres weltberühmten Freundes ist?«

Oberinspektor Goldberg neigte bejahend den Kopf.

»Nicht der geringste Zweifel, Sir,« sagte er. »Es gibt nur eine Bande in England, die das leisten kann; und ich könnte sie heute noch in Gewahrsam nehmen, aber es wäre eine Million gegen ein Pfund zu wetten, daß ich nicht imstande wäre, gleichzeitig einen Beweis zu liefern, der sie der Tat überführt.«

Leslie stimmte lebhaft bei.

»Das gleiche habe ich Gilbert gesagt,« wandte er sich an seinen Geschäftsteilhaber. »Ist es nicht seltsam, daß solche Dinge im zwanzigsten Jahrhundert vorkommen? Da sind drei oder vier Männer, deren Persönlichkeiten bekannt sind – Sie haben mir ja nach ihrem letzten Streich ihre Namen gesagt, Herr Inspektor – und doch ist die Polizei machtlos, ihnen ihre Schuld nachzuweisen. Das ist doch merkwürdig, nicht wahr?«

Inspektor Goldberg fühlte sich nicht gerade angenehm berührt, aber er zwang sich zu einem höflichen Lächeln.

»Andererseits müssen Sie sich aber auch die Schwierigkeit vor Augen halten, Beweismaterial zu sammeln gegen Leute, die mit einer solch unübertroffenen Gerissenheit zu Werke gehen wie diese Bankdiebe. Was ich nicht begreife,« sagte er, »ist, warum Ihr Geldschrank eine solche Anziehungskraft auf sie hat. Dieser zweite Versuch ist eine viel schlimmere Sache als der erste.«

»Ja, diesmal ist es wirklich ein gelungener Einbruch,« sagte Herr Warrell. »Das letztemal waren ihre Vorbereitungen nicht so gründlich, obwohl ihnen das Öffnen des Schrankes besser glückte.«

»Ich nehme an, Sie wünschen nicht, daß mehr von der Geschichte als unbedingt nötig in die Zeitung kommt,« sagte der Inspektor.

Herr Warrell verneinte mit einem Kopfschütteln.

»Ich möchte überhaupt nicht, daß etwas hineinkommt, bevor ich mit meinem Kunden Rücksprache genommen habe,« sagte er; »aber ich muß das vollständig Ihnen überlassen und Sie müssen Ihre Maßnahmen treffen, wie Sie es für gut befinden.«

»Sehr schön,« sagte der Detektiv. »Augenblicklich wird es, glaube ich, noch nicht nötig sein, einen Bericht zu veröffentlichen. Wenn die Reporter erst Wind von der Sache bekommen haben, wird es am besten sein, Sie erzählen ihnen so viel von der Wahrheit, als Ihnen gut dünkt. Aber es besteht die Aussicht, daß die Sache nicht einmal ruchbar wird, da Sie ja unmittelbar mit dem Polizeiamt in Verbindung getreten sind.«

Der Polizeiinspektor verwandte eine halbe Stunde darauf, alles Spurenmaterial, das er ausfindig machen konnte, zu sammeln und sich darüber Notizen zu machen. Nach Ablauf dieser Zeit sandte das Polizeiamt von der Old Jewry-Straße eine Anzahl Geheimpolizisten, um die Werkzeuge fortzuschaffen.

Die Einbrecher waren offenbar am vorigen Abend nach Geschäftsschluß in das Bureau eingedrungen und hatten wohl den ganzen Abend, möglicherweise bis spät in die Nacht hinein, mit Erfolg daran gearbeitet, das Schloß des Geldschranks zu beseitigen. Daß sie bei ihrem Unternehmen gestört worden waren, ging klar aus dem Vorhandensein der Werkzeuge hervor. Es war nicht ihr erster Einbruch in der City von London. Während der letzten sechs Monate war die City durch eine ganze Reihe kühner Räubereien in Aufregung versetzt worden, wovon die Mehrzahl erfolgreich waren.

Die Leute hatten eine ungewöhnlich gute Kenntnis des jeweiligen Inhalts der Geldschränke an den Tag gelegt und dieser Umstand war es, der die Polizei dazu veranlaßt hatte, ihre Untersuchungstätigkeit auf drei anscheinend harmlose Teilhaber einer unbedeutenden Maklerfirma zu konzentrieren. Aber trotz aller Bemühungen konnte kein Beweismaterial beigebracht werden, durch das man diese Leute auch nur entfernt mit den Verbrechen in Zusammenhang bringen konnte.

Leslie entsann sich, daß er Gilbert Standerton lachend aufgefordert hatte, sich die große Belohnung zu verdienen, die zwei Firmen wenigstens für die Wiederbeibringung der gestohlenen Werte ausgeschrieben hatten.

»Schließlich,« hatte er gesagt, »Sie würden mit Ihrer scharfsinnigen Phantasie einen idealen Diebesfänger abgeben.«

»Oder einen Dieb,« hatte Gilbert mürrisch geantwortet.

Er hatte damals einen seiner schlechten Tage, an denen ihn seine veränderten Zukunftsaussichten schwer bedrückten.

Als Leslie das enge Portal des City Proszeniumklubs betrat, lag ein Telegramm für ihn bereit. Er nahm es an sich, öffnete es lässig und las den Inhalt. Ein verblüfftes Stirnrunzeln war die Folge. Es lautete:

»Muß Sie heute nachmittag sprechen. Treffpunkt vier Uhr Charing Croß Station – Gilbert.«

Pünktlich zur Minute war Leslie auf dem Bahnhof. Er fand Gilbert, der unter der Uhr auf und ab schritt; er war bestürzt über sein Aussehen.

»Um Gottes willen, was ist los mit Ihnen?« fragte er.

»Los mit mir?« erwiderte der andre barsch, »was soll denn mit mir los sein?«

»Ist Ihnen vielleicht etwas Unangenehmes passiert?« fragte Leslie besorgt. Er hatte seinen Freund aufrichtig lieb.

»Unangenehmes?« Gilbert lachte bitter. »Mein lieber Freund, ich komme aus den Sorgen nicht heraus. Haben Sie mich je anders gekannt? Ich möchte Sie bitten, mir einen Dienst zu leisten,« fuhr er rasch fort. »Sie haben früher einmal mit mir über Geld gesprochen. Ich bin mir über die tragische Verkettung meiner Angelegenheiten klar geworden. Ich muß mir Geld verschaffen und zwar rasch.«

Er sprach lebhaft und in einem sachlichen Ton, aber Leslie hörte eine Entschlossenheit heraus, die sonst nicht zu den Eigenschaften seines Freundes zählte.

»Ich möchte mich über Aktien, Wertpapiere und dergleichen Dinge unterrichten,« fuhr Gilbert fort. »Sie müssen mich darüber belehren. Ich glaube zwar nicht, daß Sie selbst viel davon verstehn« – er lächelte in einer Anwandlung seines früheren guten Humors – »aber das wenige, was Sie wissen, müssen Sie mir mitteilen.«

»Mein lieber Junge,« wehrte der andre ab, »warum, zum Teufel, machen Sie sich in Ihren Flitterwochen über so etwas Kopfzerbrechen? Wo ist übrigens Ihre Frau?«

»Sie ist zu Hause,« sagte der andre kurz. Er hatte keine Lust, über sie zu sprechen, und Leslie hatte trotz seiner Verwunderung genügend Takt, um über die Frage hinwegzugehn.

»Ich kann Ihnen alles sagen, was ich zur Zeit weiß, wenn Sie einen Tip brauchen,« sagte er.

»Ich brauche etwas Wichtigeres als einen Tip. – Ich brauche Kapitalanlagen. Ich möchte etwas von Ihnen erfahren, das ungefähr zwölftausend im Jahr einbringt.«

Leslie blieb stehen und schaute den andren an.

»Sind Sie ganz –?« begann er.

Gilbert lächelte etwas krampfhaft.

»Ob ich recht im Kopfe bin?« vollendete er die Frage. »O ja, ich bin ganz bei Vernunft.«

»Aber begreifen Sie denn nicht,« erwiderte Leslie, »daß Sie etwas über eine Viertelmillion brauchen, um diese Zinsen zu bekommen!«

Gilbert nickte.

»Ich hatte einen ungefähren Begriff, daß ein solcher Betrag nötig sei. Ich möchte, daß Sie mir in der Zeit zwischen heute abend und morgen früh eine Liste von sicheren Papieren ausfertigen, in denen ich Kapital anlegen kann; sie müssen erstklassig sein und mir oder meinen Erben mit Sicherheit, ich wiederhole es, die erwähnte Summe einbringen.«

»Haben Sie mich wirklich,« fragte Leslie gereizt, »an einem heißen Juninachmittag an diesen scheußlichen Platz bestellt, um mich mit Ihren phantastischen Kapitalanlagen zu behelligen?«

Aber etwas in Gilberts Gesicht sagte ihm, daß nicht mit ihm zu spaßen sei.

»Im Ernst, meinen Sie es wirklich so?« fragte er.

»Im Ernst, ich meine es so.«

»Nun, dann also werde ich Ihnen das Verzeichnis unverzüglich aufschreiben. Was ist passiert? – Hat der Onkel sich eines andren besonnen?«

Gilbert schüttelte den Kopf.

»Es ist nicht wahrscheinlich, daß er seinen Entschluß ändert,« sagte er. »Ich habe aber heute eine Mitteilung von seinem Sekretär bekommen, wonach es ihm gesundheitlich recht schlecht geht. Es tut mir schrecklich leid.«

Ein aufrichtiges Bedauern klang aus seiner Stimme. »Er ist ein anständiger alter Kerl.«

»Das ist keine Begründung dafür, daß er sein Vermögen diesen verdammten Wauwaus vermacht,« bemerkte Leslie entrüstet. »Aber warum haben Sie mich hierher kommen lassen, mein Sohn, wo Ihr Klub gleich um die Ecke rum ist?«

»Ja, ich weiß,« sagte Gilbert; »aber der Klub ist – nun ich will Ihnen die Wahrheit sagen –, ich trete aus dem Klub aus.«

»Aus dem Klub austreten?« Er stellte sich breitbeinig vor den größeren Mann hin. »Nun sagen Sie mir aber,« fragte er eindringlich, »was, zum Donnerwetter, soll das alles bedeuten? Sie wollen aus Ihrem Klub austreten, nächstens werden Sie auch noch Ihre Stellung am Auswärtigen Amt aufgeben, Herr Krösus!«

Gilbert nickte.

»Ich habe die Tätigkeit am Auswärtigen Amt schon aufgegeben,« sagte er ruhig. »Ich brauche möglichst viel Zeit,« fuhr er mit raschen Worten fort. »Ich brauche jeden Augenblick des Tages für meine eigenen Pläne und für meine Privatgeschäfte. Sie können sich alles Drum und Dran nicht vorstellen, mein lieber Junge,« – er legte seine Hand warm auf Leslies Schulter – »aber glauben Sie mir nur, daß ich jeden Rat, den Sie mir geben können, dringend nötig habe, und mehr als den Rat, um den ich Sie bitte, will ich nicht haben.«

»Das soll heißen, daß ich meine Nase nicht in Ihre Geschäfte hineinzustecken habe, bis ich eine besondre Einladung auf einer schön gedruckten Karte bekomme. Sehr gut,« lachte Leslie. »Nun kommen Sie mit mir in meinen Klub. Ich nehme an, Sie haben als junger Ehemann keine Abneigung gegen alle Klubs gefaßt?«

Gilbert gab keine Antwort und sie berührten den Gesprächsstoff nicht eher wieder, als bis sie es sich in dem geräumigen Rauchzimmer der Junior Terriers bequem gemacht hatten.

Zwei Stunden lang saßen die beiden Männer dort, während derer Gilbert eifrige und genaue Fragen stellte und sich Notizen auf ein Blatt Papier machte. Leslie antwortete, und es wurde ihm manchmal schwer, dem brennenden Wissensdurst seines Freundes gerecht zu werden.

»Ich wußte gar nicht, wie wenig ich weiß,« bekannte der junge Mann wehmütig, als Gilbert die letzte Antwort auf seine allerletzte Frage niederschrieb.

»Was für ein allseitiger Fragesteller sind Sie! Sie sind der geborene Examinator, Gilbert.«

Gilbert lächelte schwach und schob den Papierstreifen in die Tasche.

»Übrigens,« sagte er beim Verlassen des Klubs, »ich habe heute morgen mein Testament gemacht und möchte Sie bitten, das Amt des Vollstreckers zu übernehmen.«

Leslie schob seinen Hut mit einem Seufzer ins Genick.

»Sie sind schon der traurigste Vogel, den ich seit langer Zeit getroffen habe,« sagte er verzweifelt. »Sie haben gestern geheiratet und heute wandern Sie mit einem Gesicht herum, so lang wie das eines Leichenbestattungsagenten – ich begreife, daß solche interessante und malerische Individuen im Ostende von London existieren –, Sie haben die Liste entworfen, die Ihnen einen Haufen Geld einbringen soll, haben über Kapitalanlagen gesprochen und haben Ihr Testament gemacht. Sie sind ein bejammernswerter Teufel!«

Wieder lächelte Gilbert mit grimmigem Humor; vor dem Klubhaus schüttelte er dem jungen Mann die Hand und rief nach einem Auto.

»Ich werde nach St. Johns Wood fahren; ich vermute, Sie haben einen anderen Weg?«

»Es beruhigt mich zu hören, daß Sie nach St. Johns Wood fahren,« entgegnete der andre mit spöttischer Höflichkeit. »Ich fürchtete schon, Sie würden zum nächsten Krematorium fahren.«

Als Gilbert nach Hause kam, fand er seine Frau in seinem Arbeitszimmer. Sie saß in einem großen Lesestuhl. Die Aufregung des vorigen Abends hatte keine Spuren in ihrem schönen Gesicht hinterlassen. Sie gab ihm ein freundliches Lächeln zum Gruß. Unbewußt hatten sie beide eine Einstellung zueinander genommen, die unter den obwaltenden Umständen die denkbar beste war. Schon in dieser kurzen Zeitspanne war ihre Achtung vor ihm gewachsen; er hatte sich so gut in der Hand gehabt, selbst in jenem Augenblick des Schreckens – jenes Schreckens, der sich auf unerklärliche Weise auch auf sie übertragen hatte. Beim Frühstück am nächsten Morgen hatte er sie heiter begrüßt; aber sie hatte keinen Zweifel, daß er eine schlaflose Nacht verbracht hatte, denn seine Augen waren schwer und müde, und seine Munterkeit wurde von seiner Stimme Lügen gestraft; sie klang heiser wie die eines Menschen, der der Natur ihren Tribut nicht gezollt.

Er schritt nun gleich auf seinen Schreibtisch zu.

»Möchtest du allein sein?« fragte sie.

Er fuhr zusammen und blickte sie an.

»Nein, nein,« erwiderte er hastig, »ich habe nicht den Wunsch, allein zu sein. Ich habe noch ein bißchen zu arbeiten, aber du störst mich nicht. Ich muß dir übrigens mitteilen,« sagte er mit scheinbarer Gleichgültigkeit, »daß ich meine Stellung aufgeben werde.«

»Deine Stellung!« wiederholte sie.

»Ja; ich finde, ich habe soviel zu tun, und das Auswärtige Amt nimmt einen so großen Teil meiner Zeit in Anspruch, die ich wirklich nicht entbehren kann, daß ich vor die Frage gestellt wurde, diese Beschäftigung aufzugeben oder etwas andres ...«

Er gab ihr keine Aufklärung darüber, was dieses ›etwas andres‹ bedeutete; und sie konnte es auch nicht ahnen. Schon fing er an, ihr ein Rätsel zu sein; so sonderbar es ihr selbst vorkam, sie begann, sich für ihn zu interessieren. Daß mit seinem Leben eine Tragödie verknüpft war, von der sie früher keine Ahnung gehabt hatte, dessen war sie sicher. Er hatte ihr ruhig und unumwunden die Geschichte seiner Enterbung erzählt; auf sein Verlangen hatte sie die ganze Sache in einem Briefe ihrer Mutter mitgeteilt. Sie fühlte weder Gewissensbisse noch Angst in der Aussicht auf die unvermeidliche Aussprache, obwohl Frau Cathcart sicher über alle Maßen wütend sein würde.

Als Edith den Briefumschlag schloß, mußte sie ein wenig vor sich hinlächeln. Es gab doch so etwas wie poetische Gerechtigkeit; allerdings würde vielleicht sie selbst ihr Leben lang an den Folgen der ehrgeizigen Pläne ihrer Mutter zu leiden haben. Sie hatte gehofft, daß auf ihren am frühen Morgen aufgegebenen Brief hin ihre Mutter sofort vorsprechen und die Unterredung beendet sein würde, noch bevor ihr Mann heimgekehrt wäre. Aber Gilbert war schon eine halbe Stunde lang im Hause, als die Bombe platzte. Das Klingeln der Dielenglocke ließ die junge Frau auffahren: gespannt hatte sie auf dieses herrische Klingeln gewartet.

Sie flog die Treppe hinab, um selbst zu öffnen.

Frau Cathcart trat, ohne ein Wort zu sagen ein, und wandte sich zu der jungen Frau, nachdem diese die Tür geschlossen hatte.

»Wo ist dein schätzenswerter Gatte?« fragte sie mit erstickter Stimme.

»Mein Mann ist in seinem Arbeitszimmer,« antwortete die junge Frau ruhig. »Willst du was von ihm, Mutter?«

»Ob ich etwas von ihm will?« wiederholte sie atemlos.

Edith sah das Funkeln in ihren Augen, sah auch ihre eingefallenen, hageren Wangen. Für einen kurzen Augenblick hatte sie Mitleid mit dieser Frau, die ihre ganzen Zukunftsträume in einem Moment zusammenstürzen sah, wo sie bestimmt auf ihre Erfüllung gehofft hatte.

»Weiß er, daß ich komme?«

»Ich glaube sogar, er erwartet dich,« sagte die junge Frau trocken.

»Ich will ihn allein sprechen,« sagte Frau Cathcart, sich auf halber Treppe umwendend.

»Du wirst ihn mit mir zusammen sprechen, Mutter, oder überhaupt nicht,« erwiderte die junge Frau.

»Du wirst tun, was ich dir sage, Edith,« brach die Frau los.

Die junge Frau lächelte.

»Mutter,« sagte sie sanft, »deine Rechte, mir irgendwelche Anweisungen zu geben, haben aufgehört. Du hast mich einem andern Beschützer überantwortet, dessen Anrechte größer sind als deine.«

Das war keine gute Einleitung für die folgende Unterredung. Edith machte sich das klar, als sie die Tür öffnete und ihre Mutter einließ.

Als Gilbert sah, wer ihn besuchen kam, erhob er sich mit einer leichten Verbeugung. Er bot ihr nicht die Hand. Er konnte sich die Gefühle dieser Frau einigermaßen vorstellen.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Frau Cathcart?« fragte er.

»Bei dem, was ich zu sagen habe, stehe ich lieber,« fuhr sie ihn an. »Nun, was soll das bedeuten?« Sie zog Ediths Brief heraus, den sie wieder und wieder gelesen, bis sie sich jedes Wort ins Gedächtnis geprägt hatte. »Ist es wahr,« fragte sie scharf, »daß Sie ein armer Mann sind? Daß Sie uns getäuscht haben? Daß Sie diese Ehe auf Lug und Trug aufgebaut haben –« er hob seine Hand.

»Sie scheinen zu vergessen, Frau Cathcart,« sagte er mit Würde, »daß meine Verhältnisse schon zwischen Ihnen und mir besprochen worden sind und Sie mir gegenüber mit großem Nachdruck die Tatsache betont haben, Vermögensfragen und derlei irdische Erwägungen spielten bei Ihnen keine Rolle.«

»Irdische Erwägungen!« höhnte sie. »Was wollen Sie damit sagen, Herr Standerton? Leben Sie etwa nicht auf Erden? Wohnen Sie nicht in einem Haus und essen Brot und Butter, die Geld kosten? Halten Sie sich nicht ein Auto, dessen Betrieb Geld erfordert? Solange ich in der Welt lebe und Sie in der Welt leben, werden irdische Erwägungen immer von Wichtigkeit sein. Ich dachte, Sie wären ein reicher Mann, und nun sind Sie ein Bettler.«

Er lächelte etwas geringschätzig.

»Sie haben uns eine hübsche Suppe eingebrockt,« sagte sie bissig. »Sie haben eine Frau bekommen, die Sie nicht liebt – ich nehme an, Sie wissen das?«

Er verneigte sich.

»Ich weiß alles, Frau Cathcart,« sagte er, »das war das Schlimmste, was ich erfahren habe. Der Umstand, daß Sie die Ehe offenbar nur betrieben haben, weil Sie glaubten, ich sei Sir John Standertons Erbe, schmerzt mich nicht weiter, da ich ja schon viele solche Frauen wie Sie kennen gelernt habe, nur« – er zuckte mit den Achseln – »muß ich gestehn, daß ich Sie für etwas andres als die meisten Mütter der Gesellschaft gehalten habe – verzeihen Sie, daß ich wieder darauf zurückkomme. Aber Sie sind durchaus nicht besser – vielleicht sogar ein wenig schlechter,« sagte er, sie nachdenklich anblickend.

In seinem Blick lag etwas Sonderbares, über das sich die Frau nicht recht im klaren war. Irgendwo hatte sie diesen Blick schon gesehn und gegen ihren Willen schauderte sie zusammen. Ihr Zorn wich einem Gefühl der Furcht.

»Ich bat Sie, die Hochzeit zu verschieben,« fuhr er sanft fort. »Ich hatte einen besonderen Grund dafür, über den ich mich jetzt nicht auslassen möchte, der aber nach Ablauf von wenigen Monaten Ihr Interesse erwecken wird. Doch Sie hatten Angst, Ihren reichen Schwiegersohn zu verlieren; damals war es mir nicht klar, daß Sie diese Befürchtung hatten. Ich habe mich damit beruhigt – es tut wirklich nichts zur Sache, auf welche Weise,« sagte er gelassen, »daß Sie die größere Verantwortung für diese gute Partie tragen als ich.«

Er war ein ganz andrer Mann; trotz ihrer stürmischen Wut konnte Frau Cathcart das feststellen: er offenbarte neue Geistes- und Charakterseiten, eine Entschlossenheit und – was ihr ganz besonders auffiel – aus seinen Augen glänzte eine ihr fremde und furchtbare Wildheit, die seinem Gesicht fast einen Ausdruck rücksichtsloser Härte verlieh.

»Ihre Tochter heiratete mich unter irrtümlichen Voraussetzungen. Sie hat Ihnen alles berichtet, was ich Ihnen zu sagen hatte –, fast alles,« verbesserte er sich, »und ich war auf Ihren Besuch gefaßt. Wären Sie nicht gekommen, so hätte ich Sie darum gebeten. Ihre Tochter ist so frei wie die Luft, soweit ich in Betracht komme. Ich nehme an, Ihre Weltgewandtheit erstreckt sich auch auf die Kenntnis des Gesetzbuches? Sie kann morgen eine Ehescheidung beantragen und wird sie wohl ohne Schwierigkeit und ohne viel Aufhebens in der Öffentlichkeit durchsetzen.«

Ein Hoffnungsschimmer leuchtete in dem Gesicht der Frau auf.

»Daran habe ich gar nicht gedacht,« sagte sie halb für sich. Da sie eine Frau von raschem Entschluß war, wandte sie sich schnell zu ihrer Tochter. »Pack deine Sachen zusammen und komm mit mir!«

Edith rührte sich nicht. Sie stand auf der andern Seite des Tisches, warf einen Blick auf ihren Gatten und schaute ihrer Mutter ins Gesicht.

»Du hörst, was Herr Standerton sagt,« fuhr Frau Cathcart gereizt fort. »Er hat dir einen Weg gewiesen, wie du aus der Sache herauskommen kannst. Was er sagt, ist richtig. Eine Scheidung kann ohne Schwierigkeiten erlangt werden. Komm mit mir, ich werde deine Kleider holen lassen.«

Immer noch rührte sich Edith nicht.

Als Frau Cathcart sie beobachtete, sah sie, wie ihre Züge sich allmählich lösten, ihre Lippen sich zu einem Lächeln öffneten; dann warf sie den Kopf zurück und ein helles Lachen klang glockenrein durchs Zimmer.

»O Mutter!« Die unendliche Verachtung, die aus ihrer Stimme sprach, wirkte auf die Frau wie ein Peitschenhieb. »Du kennst mich schlecht! Mit dir zurückgehn? Mich von ihm scheiden lassen? Du bist wahnsinnig! Wenn er tatsächlich ein reicher Mann gewesen wäre, würde ich es tun; aber so wie es nun einmal ist, wenn ich ihn auch nicht liebe und obgleich ich ihm keinen Vorwurf machen würde und auch nicht kann, wenn er mich nicht liebt, so ist jetzt mein Schicksal mit dem seinen verbunden und mein Platz ist hier.«

»Was für ein rührendes Schauspiel,« sagte die ältere Frau boshaft.

»Es gibt eine Menge Wahrheiten und unendlich viel Anständigkeit in solchen Schauspielen, Frau Cathcart,« sagte Gilbert.

Bleich vor Wut blieb seine Schwiegermutter noch einen Augenblick stehn, dann wandte sie sich um, stürzte zum Zimmer hinaus, und sie hörten, wie sie die Haustür hinter sich zuschlug.

Einige Sekunden blickte sich dieses sonderbare Ehepaar an, dann streckte Gilbert seine Hand aus.

»Ich danke dir,« sagte er.

Die junge Frau senkte ihre Augen.

»Du hast mir nichts zu danken,« sagte sie gleichgültig.« Ich habe dir viel zuviel Unrecht angetan, als daß ich mit einer unbedeutenden Tat alle Folgen meiner Selbstsucht auslöschen könnte.«

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