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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectidb11e8c06
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4
Die Melodie in F-Dur

Gilbert Standerton kleidete sich langsam vor seinem Spiegel an, als sich Leslie anmelden ließ. Dieser junge Mann bot einen prächtig schönen Anblick dar, wie es sich für den Trauzeugen bei der Vermählung eines alten Freundes geziemte.

Leslie Frankfort war eines jener vom Glück begünstigten Menschenkinder, denen ihr Einkommen erlaubt, den Genuß ihres Lebens nicht durch ihre Berufstätigkeit beeinträchtigen zu lassen. Er war der jüngere Teilhaber einer bedeutenden Börsenmaklerfirma der City, einer Firma, die sich nur mit hochfeinen Finanzgeschäften befaßte. Er fand ebenso wie Gilbert Freude an klassischer Musik; dieses Band hatte die beiden Männer zuerst einander näher gebracht.

Er trat ins Zimmer hinein, legte seinen Zylinder behutsam auf einen Stuhl, setzte sich auf den Bettrand und beglückte den Bräutigam mit kritischen Bemerkungen.

»Übrigens,« sagte er plötzlich, »habe ich gestern Ihren alten Freund wiedergesehen.«

Gilbert blickte sich um.

»Sie meinen Springs, den Musiker?«

Der andre nickte.

»Er spiele für eine lustige Gesellschaft nach dem Theater – ein feiner alter Kerl.«

»Ja, das ist er,« sagte Gilbert zerstreut.

Er unterbrach seine Toilette, nahm einen Briefumschlag vom Tisch und überreichte ihn dem andern.

»Soll ich es lesen?« fragte Leslie.

Gilbert nickte.

»Eigentlich ist nichts darin zu lesen,« sagte er; »es ist das Hochzeitsgeschenk meines Onkels.«

Der junge Mann öffnete den Umschlag und zog einen roten Schein heraus. Er schaute auf die Zahl und pfiff leise.

»Einhundert Pfund,« sagte er. »Großer Gott! Davon können Sie ja nicht einmal für ein Vierteljahr die Unterhaltungskosten Ihres Autos bestreiten. Ich nehme an, Sie haben Frau Cathcart unterrichtet?«

Gilbert schüttelte den Kopf.

»Nein,« sagte er kurz. »Ich hatte die Absicht, es ihr zu sagen, habe es aber dann doch nicht getan. Ich bin fest überzeugt, Leslie, daß wir ihr unrecht tun. Sie hat ihre Anschauungen über Geld so nachdrücklich geäußert. Und schließlich bin ich ja kein armer Teufel,« sagte er lächelnd.

»Sie sind schlimmer daran als ein Armer,« sagte Leslie ernsthaft; »ein Mann mit sechshundert Pfund im Jahr ist der bedauernswerteste Arme, den ich kenne.«

»Wieso?«

»Sie werden Ihre Bedürfnisse nie unter zweitausend herunterschrauben können und werden Ihr Einkommen nie über sechshundert bringen – dazu Ihre Stellung am Auswärtigen Amt, das sind nur weitere sechshundert.«

»Arbeit,« sagte der andre.

»Arbeit!« entgegnete Leslie spöttisch, »Sie können sich nicht durch Arbeit Geld erwerben. Man kommt zu Geld durch Spekulationen und dadurch, daß man seine Mitmenschen ausnutzt. Sie sind zu gutherzig, um Geld zu machen, mein Sohn.«

»Es scheint, daß Sie es verstehen,« sagte Gilbert mit einem leichten Lächeln.

Leslie schüttelte energisch den Kopf.

»Ich habe nie in meinem Leben einen Pfennig verdient,« gestand er mit einer gewissen Befriedigung. »Nein, ich erfreue mich einiger sehr tatkräftiger, nüchterner Seniorteilhaber, die das ganze Geld produzieren. Ich heimse nur zu bestimmten Terminen meine Dividenden ein. Aber ich hatte eben Glück. Übrigens, wie haben Sie Ihr Geld angelegt?«

Gilbert war im Begriff, seine Kravatte zu binden. Er blickte mit einem leichten Stirnrunzeln auf.

»Was meinen Sie damit?« fragte er.

»Ich meine, besteht es in sicheren Papieren – wird es auch nach Ihrem Tod noch vorhanden sein?«

Die leichte Falte zwischen Gilberts Brauen vertiefte sich.

»Nein,« sagte er kurz. »Nach meinem Tode wird kaum so viel da sein, daß es hundertfünfzig im Jahr einbringt. Ich beziehe nur eine Lebensrente aus diesem bestimmten Kapital.«

Leslie ließ ein Pfeifen hören.

»Nun, ich hoffe, alter Knabe, daß Sie gut versichert sind.«

Gilbert machte keinen Versuch, Leslie zu unterbrechen, als dieser mit großer Beredsamkeit und Geschicklichkeit sich über die Pflichten und Verantwortung eines Familienhauptes verbreitete und seine Ansichten über Versicherte und Unversicherte von sich gab.

»Manche Leute sind so unvorsichtig,« sagte er. »Ich kannte einen Mann –«

Er hielt plötzlich mit Sprechen ein, da er Gilberts Gesicht im Spiegel erblickte. Es sah abgehärmt und verzerrt aus, wie das Gesicht eines Mannes in tödlichem Schmerz. Leslie sprang auf.

»Um des Himmelswillen, was ist los mit Ihnen, mein lieber Freund?« rief er, eilte an seine Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»O, es ist nichts – nichts, Leslie,« sagte Gilbert.

Er fuhr mit der Hand über seine Augen, als wolle er ein häßliches Bild verjagen.

»Ich fürchte, ich bin ein ziemlich leichtsinniger Kerl gewesen. Sie begreifen, ich habe mich zu sehr auf das Geld meines Onkels verlassen. Ich sollte mich doch versichern lassen.«

»Das kann Sie doch nicht so aufregen?« fragte der andre verwundert.

»Es regt mich schon ein bißchen auf,« sagte Gilbert schwermütig. »Man kann nie wissen, nicht wahr – –«

Nachdenklich stand er mit den Händen in den Taschen da und schaute den andern an.

»Ich gäbe viel darum, diese Hochzeit wäre aufgeschoben worden!«

Leslie lachte.

»Es ist höchste Zeit, daß Sie heiraten,« sagte er. »Was für ein nervöser Kauz sind Sie!«

Er schaute auf seine Uhr.

»Sie würden besser daran tun, sich zu beeilen, sonst werden Sie noch um Ihre Braut kommen. Überhaupt, das ist nicht der richtige Tag für schwarze Gedanken, es ist der Tag aller Tage, lieber Freund.«

Er sah den weichen Ausdruck, der in Gilberts Augen trat, und war befriedigt über die Wirkung seiner Worte.

»Ja, Sie haben recht,« sagte Gilbert Standerton sanft. »Ich vergaß mein ganzes Glück. Gott segne sie!« sagte er leise.

Als sie das Haus verließen, fragte Gilbert:

»Ich vermute, Sie haben eine Liste der Hochzeitsgäste?«

»Ja,« sagte Leslie, »Frau Cathcart hat an alles gedacht.

»Wird Doktor Barclay-Seymour dabei sein?« fragte Gilbert obenhin.

»Barclay-Seymour – nein, er ist nicht dabei,« erwiderte Leslie, »das ist der Mann aus Leeds, nicht wahr? Er ist gestern, abend von London abgefahren. Was ist das eigentlich für ein Gerede, daß Sie an jenem Abend weggelaufen seien?«

»Es war eine dringliche Verabredung,« sagte Gilbert hastig, »ich mußte einen Mann aufsuchen; ich durfte ihn unmöglich verfehlen –«

Leslie merkte, daß er eine verfängliche Frage gestellt habe, und wechselte das Thema.

»Übrigens,« sagte er, »würde ich die Geldfrage vor Frau Cathcart nicht erwähnen, bis ihr beide euer Heim bezogen habt.«

»Ich werde es auch nicht,« sagte Gilbert grimmig.

Auf dem Weg zur Kirche rief er sich noch einmal all die Sorgen, die ihn bedrückten, vor Augen und schaute ihnen mutig ins Gesicht. Vielleicht würde es nicht so schlimm werden, als er dachte. Er neigte immer dazu, seinen Kümmernissen eine übertriebene Bedeutung beizumessen und sich damit zu quälen. Wie oft schon hatte er Gefahren vorausgesehn und immer wieder waren seine Befürchtungen grundlos gewesen. Er hatte zu lange allein gelebt. Ein Mann sollte vor seinem zweiunddreißigsten Jahre verheiratet sein. So alt war er. Er war schrullenhaft geworden. Mit nicht gerade schmeichelhafter Selbstbetrachtung half er sich über die Zeit hinweg, bis sie die Kirche erreichten.

Diese Feier war wie ein Traum: die dicht besetzten Kirchenstühle, die Orgel, der weißgekleidete Sängerchor, der Pfarrer mit seinen Gehilfen; Ediths Erscheinen; sie sah so ätherisch schön in ihrem Brautkleid aus; die zeremoniellen Fragen und Antworten, das Knien und Sich-wieder-erheben; alles war unwirklich.

Er hatte geglaubt, es würde einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn machen; er hatte einige Mühe darauf verwendet, ein ihm zusagendes Musikstück auszuwählen, und mehrere Besprechungen mit dem Organisten deswegen gehabt. Aber am Ende des Gottesdienstes, als er traumbefangen zur Sakristei wandelte, konnte er sich keines Taktes mehr entsinnen. Er hatte eine dunkle Erinnerung, daß sich über dem Altar ein buntes Glasfenster befand, dessen eine Scheibe offenbar zerbrochen und herausgenommen war.

Nachdem sie ins Haus zurückgekehrt waren und an der blumengeschmückten Tafel Platz genommen hatten, hörte er verwirrt die Reden und das laute Lachen an, das jedesmal erscholl, wenn ein Redner bei seiner Pointe angelangt war: nun erhob er sich; er sprach mühelos und gewandt, aber er hätte nicht sagen können, welche Worte er gebrauchte, oder warum die Leute Beifall klatschten, oder warum sie lächelten.

Einmal hatte er im Lauf seiner Rede auf das zarte Gesicht an seiner Seite hinabgeblickt und war dem feierlichen Blick ihrer Augen begegnet, die heute, wie es ihm schien, weniger ängstlich dreinschauten, als er sie je gesehn hatte. Er hatte nach ihrer Hand getastet und sie, die sich kalt und teilnahmlos anfühlte, in der seinen gehalten ...

»Eine ausgezeichnete Rede,« sagte Leslie.

Nach dem Frühstück hielt man sich im Empfangszimmer auf.

»Du bist ein glänzender Redner.«

»Wirklich?« sagte Gilbert.

Er kam allmählich wieder zur Besinnung. Das Empfangszimmer war etwas Wirkliches, diese Leute waren wirklich, die Scherze, das Gerede und die Witze, die von Mund zu Mund flogen – alle diese Dinge zeugten von einem Leben, das er kannte.

»Puh!« Er trocknete sich die Stirn und tat einen tiefen Seufzer. Er fühlte sich wie ein Mann, der nach einer Narkose, die nicht ganz wirksam gewesen war, wieder sein Bewußtsein erlangt hat. Ein schmerzloses und schönes Erlebnis, aber aus einer andern Welt, und, sagte er sich, das war nicht er gewesen, der vor der Altarbrüstung gekniet hatte.

+++

Offiziell sollten sie die Flitterwochen in Harrogate verbringen, in Wirklichkeit blieben sie in London. Man wahrte den Anschein, als benutze man die Eisenbahn und fuhr bis Kings Croß.

Während dieser Fahrt wurde kein Wort gesprochen. Gilbert fühlte eine Hemmung, die er nicht bekämpfen oder beseitigen wollte. Das Mädchen war begreiflicherweise schweigsam. Am richtigen Ort und zur richtigen Zeit würde sie genug zu sagen haben. Er sah, wie die alte Ängstlichkeit in ihre Augen zurückkam, und war gekränkt durch ihr unbewußtes und unwillkürliches Zurückschrecken, als er ihre Hand berührte.

In Kings Croß verließen sie den Zug, nahmen eine Autodroschke und fuhren zu dem Hause in St. Johns Wood. Es war niemand dort, da die Dienerschaft auf Urlaub war; es war ein tadellos eingerichteter kleiner Haushalt. Es gab elektrische Kocher und jede arbeitsparende Bequemlichkeit, die ein Mensch sich ausdenken und ein junger Mann mit guten Aussichten und keinem besonders ausgeprägten Sinn für den Wert des Geldes sich anschaffen konnte.

Das sollte eine ihrer Flitterwochenfreuden sein, so hatte es sich Gilbert ausgedacht. Sie hatte bereitwillig auf ihre Jungfer verzichtet; er wollte gern das Mädchen für alles machen, kochen und bedienen, während die grobe Arbeit zwei Aushilfsdienern überlassen blieb, die er für morgens bestellt hatte.

Doch kein frohes Gefühl kam in ihm auf, als er sie von Zimmer zu Zimmer führte und ihr die Schätze seines Hauses zeigte. Eine Ahnung kommenden Leides band ihm die Zunge, dämpfte seine Stimmung und machte ihn unfrei.

Edith war unbefangen. Sie bewunderte und kritisierte freundlich und belustigte sich harmlos über seine häuslichen Eigenschaften. Aber die Spannung wich die ganze Zeit über nicht; ein Schatten lag zwischen ihnen.

Sie ging auf ihr Zimmer, um sich umzukleiden. Man hatte sich vorgenommen, zum Essen auszugehn und hielt dies Programm ein. Leslie Frankfort sah sie im Speisesaal von Princes und tat so, als ob er sie nicht kenne. Es war zehn Uhr, als sie in ihr kleines Haus zurückkehrten.

Gilbert ging in sein Arbeitszimmer; seine Frau hatte sich in ihr Zimmer begeben und versprochen, zum Kaffee wieder herunterzukommen. Er machte sich mit der ganzen Gewiegtheit eines Rahbad-Schülers ans Werk, zwei Täßchen Mokka zu brauen. Diese servierte er auf dem Tisch neben dem Sofa, auf dem sie sitzen sollte – – – Da kam sie herein.

Er war rasch aus dem Traum am Morgen erwacht und nun wieder bei klaren Sinnen. Die Betäubung, in die er während der Feierlichkeit versunken gewesen, war von ihm gewichen. Er stand auf und ging ihr ein paar Schritte entgegen. Am liebsten hätte er sie in seine Arme geschlossen, aber diesmal hielt sie ihn tatsächlich auf Armeslänge von sich. Sie streckte den Arm steif aus und berührte mit der Hand seine Brust. Er empfand diese Bewegung als schroffe Ablehnung, und es schien ihm, als erstarre sein Herz und als kristallisierten sich alle die unklaren Ängste der vergangenen Tage zu einer bestimmten schrecklichen Wahrheit. Bevor sie noch sprach, wußte er alles, was sie ihm zu sagen hatte.

Sie brauchte einige Zeit, um die richtigen Worte zu finden; der Anfang war so schwierig.

»Gilbert,« sagte sie endlich, »ich bin im Begriff, etwas Feiges zu tun. Feige ist es nur deshalb, weil ich es dir nicht schon früher gesagt habe.«

Er lud sie ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen.

Diesen Augenblick hatte er sich als eine kleine Romanze ausgemalt, eine traumhafte Szene, die nun niemals zur Ausführung gelangen sollte. Jetzt fiel der Traum in sich zusammen.

»Ich möchte mich nicht setzen,« sagte sie, »ich habe meine ganze Kraft nötig, um dir das zu sagen, was ich muß. Wäre ich nicht so erbärmlich feige gewesen, hätte ich es noch gestern abend getan. Ich hatte die Absicht dazu,« fuhr sie fort, »aber du kamst nicht.«

Er nickte.

»Ich weiß,« sagte er fast ungeduldig, »ich konnte nicht kommen. Ich wollte nicht – ich konnte nicht kommen,« verbesserte er sich.

»Du weißt, was ich dir zu sagen habe?« Ihre Augen waren fest auf ihn gerichtet. »Gilbert, ich liebe dich nicht.«

Er nickte wieder.

»Ich weiß es nun,« sagte er.

»Ich habe dich nie geliebt,« sagte sie in verzweifeltem Ton. »Es gab nie eine Zeit, zu der ich in dir etwas andres sah als einen lieben Freund. Aber – –«

Sie wollte ihm sagen warum, aber ein Gefühl der Loyalität gegen ihre Mutter legte ihr Schweigen auf. Sie wollte alle Schuld auf sich nehmen, verdiente denn nicht sie alle Vorwürfe? Denn wenigstens hatte sie selbst doch über ihre eigene Seele zu bestimmen: mit einem festeren Willen hätte sie einen größeren Widerstand an den Tag legen können, als sie es tatsächlich getan hatte.

»Ich habe dich geheiratet,« fuhr sie langsam fort, »weil – weil du – reich – weil du reich werden wirst.«

Bei dem letzten Wort wurde ihre Stimme zu einem Flüstern. Ein harter Kampf spielte sich in ihrem Innern ab. Sie wollte die Wahrheit sagen, und doch wollte sie auch nicht, daß er zu schlecht von ihr denken sollte.

»Wegen meines Geldes!« wiederholte er erstaunt.

»Ja, ich – – ich wollte einen Mann mit Geld heiraten. Wir hatten – – sehr schlimme Zeiten durchzumachen.«

Das Geständnis entrang sich nur mühsam und stockend ihrem Munde; sie mußte sich jeden Satz zurechtlegen, bevor sie ihn aussprach.

»Du darfst Mutter keine Vorwürfe machen, ich habe ebensoviel schuld; und ich hätte es dir sagen sollen – – ich wollte es dir sagen.«

»Ich verstehe,« sagte er ruhig.

Es ist wunderbar, über welche Kraftquellen ein Mann im Notfalle verfügt. In dieser schrecklichen Krise, diesem Augenblick, wo sein ganzes Lebensglück ins Wanken geriet, wo sein ganzes Traumgebilde wie ein Kartenhaus zusammenstürzte, brachte er es fertig, eine fast phlegmatische Unparteilichkeit zu bewahren.

Er sah, daß sie wankte und sprang an ihre Seite, um sie zu stützen.

»Setz dich nieder,« sagte er ruhig.

Sie gehorchte ihm ohne Widerstreben. Er machte es ihr auf dem Sofa behaglich, schob ihr fast spöttisch ein Kissen hinter den Rücken und ging zum Kamin zurück.

»So, du hast mich wegen meines Geldes geheiratet,« sagte er und lachte. Diese Situation entbehrte nicht der Komik.

»Bei Gott, was für eine Komödie – das reinste Lustspiel!« Wiederum lachte er. »Mein armes Kind,« sagte er mit ungewohnter Ironie, »du tust mir sehr leid, du hast dich weder mit einem Mann noch mit Geld versorgt!«

Sie blickte rasch zu ihm auf.

»Noch Geld?« wiederholte sie.

Nur Interesse las er in ihren Augen, keine Spur von Enttäuschung. Er kannte die Wahrheit besser, als es von ihr dargestellt worden war: nicht sie war es, die eine gute Partie hatte machen wollen, sondern ihre Mutter, diese herrschsüchtige Weltdame.

»Kein Mann und kein Geld,« wiederholte er schneidend, obwohl sein Herz fast sehnsüchtig begehrte, sie zu schonen.

»Und noch schlimmer als das« – mit zwei raschen Schritten war er an dem Tisch, der sie trennte, und sich schwer darauf stützend, beugte er sich vor – »nicht nur hast du keinen Ehemann und nicht nur ist kein Geld da, sondern – – –«

Er unterbrach sich, wie von einem Schuß getroffen.

Das Mädchen sah, wie sich sein Gesicht verzerrte und grau wurde, sah, wie seine Augen wild über sie hinwegstierten und sein Mund in tragischem Schrecken offen stand. Sie erhob sich rasch.

»Was ist dir, was ist dir?« flüsterte sie bestürzt.

»Mein Gott!«

Seine Stimme klang gebrochen, wie die eines Mannes in tödlichem Schreck. Sie neigte ihr Haupt und lauschte. Von irgendwo unter dem Fenster drangen sanfte schwermütige Geigentöne. Die Weise stieg und fiel, seufzte und zitterte vor Leidenschaft unter der Zauberhand des Spielers. Sie schritt zum Fenster und blickte hinaus. Am Straßenbord spielte ein Mädchen, dessen auffallende Schönheit durch ihre ärmliche Kleidung nicht beeinträchtigt wurde. Das Licht einer Straßenlampe fiel auf ihr bleiches Gesicht; ihre Augen waren auf das Fenster gerichtet, an dem Gilbert stand.

Edith blickte auf ihren Mann. Ein Fieberschauer schüttelte ihn.

»Die Melodie in F-Dur,« flüsterte er. »Mein Gott! Die Melodie in F-Dur – – – und an meinem Hochzeitstag!«

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