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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
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3
Gilbert eilt plötzlich fort

Gilbert zog sich eben für den Abend um, als das Gewitter über London gezogen kam. Es hatte noch nichts von seiner unheimlichen Stärke eingebüßt. Eine Stunde lang durchzuckte das blaue Licht der elektrischen Entladungen die Straße, und das Haus bebte unter den unaufhörlichen Donnerschlägen.

Seine Stimmung stand im Einklang zum Aufruhr der Elemente; denn in seinem Herzen tobte ein Sturm, der an den Grundfesten seines Lebens rüttelte. Äußerlich war ihm nichts von seiner Qual anzusehn. Das Gesicht, das er im Rasierspiegel sah, war eine unbewegliche, ausdruckslose Maske.

Er schickte seinen Diener nach einer Autodroschke. Das Unwetter war über London hinweggezogen, und als er auf die vom Regen reingewaschene Straße hinauskam, war nur noch dumpfes Donnergrollen vernehmbar. Einige windgepeitschte Wolkenbündel fegten in schneller Fahrt den Himmel entlang, Nachzügler, die in rasender Eile ihr Hauptheer einzuholen suchten.

An der Tür des Hauses Nr. 274 Portland Square stieg er langsam und zögernd aus dem Wagen. Er hatte sich einer unangenehmen Aufgabe zu entledigen, ebenso unangenehm, ja sicher noch unangenehmer für ihn, als es für seine künftige Schwiegermutter sein mochte.

Er zweifelte nicht daran, daß der Verdacht, der durch Leslie in ihm entstanden war, unbillig und unwürdig sei.

Im Empfangszimmer, in das er geleitet wurde, fand er sich als den einzigen Gast. Er blickte auf seine Uhr.

»Bin ich noch sehr früh daran, Cole?« fragte er den Diener.

»Ja, ziemlich früh, Sir,« erwiderte der Mann, »aber ich werde Fräulein Cathcart melden, daß Sie hier sind.«

Gilbert nickte; er schlenkerte zum Fenster und schaute, mit den Händen auf dem Rücken, auf die nasse Straße hinaus. So stand er wohl fünf Minuten und hielt in Gedanken versunken seinen Kopf auf die Brust gesenkt. Das Öffnen der Tür ließ ihn auffahren; er wandte sich, um das Mädchen zu begrüßen, das eingetreten war.

Edith Cathcart war eine der schönsten Frauen Londons, obwohl die Bezeichnung ›Frau‹ zu würdevoll klingen mochte für dieses schlanke Mädchen, das kaum der Schule entwachsen war.

In eigentümlich grauen Augen mit seltsam sanftem Ausdruck schien eine ständige heimliche Angst zu liegen – Furcht und Flehen zu gleicher Zeit. So war Edith Cathcarts Wesen. Diese ihre Augen waren immer auf der Hut, und selbst wenn sie auf jemand ihre Anziehungskraft ausgeübt hatten, hielten sie einen allzu stürmischen Werber in gehöriger Entfernung. Die Nase ging ein ganz klein wenig in die Höhe; ihr ausdrucksvoller Mund stimmte zu ihren scheuen Augen. Ihr fast tiefschwarzes Haar fiel über die Stirne herein. Sie trug ein einfaches Abendkleid aus meergrünem Atlas, kaum einige Juwelen oder sonstigen Schmuck.

Mit raschen Schritten ging er auf sie zu und nahm ihre beiden Hände in die seinen; sehnsüchtig suchten seine Augen ihren Blick.

»Du siehst reizend aus heute abend, Edith,« sagte er mit kaum hörbarer Stimme. Sie löste ihre Hände sanft aus den seinen und ließ den Schimmer eines Lächelns sehn, das mit dieser Gebärde in feiner Weise versöhnte.

»Hast du deinen Derbytag genossen?« fragte sie.

»Es war äußerst interessant,« sagte er; »es ist merkwürdig, daß ich früher noch nie dabei war.«

»Du hättest dir keinen schlimmeren Tag aussuchen können. Bist du in das Gewitter hineingeraten? Hier war es schrecklich.«

Sie sprach rasch, mit einem kleinen fragenden Ton am Ende jedes Satzes. Man hatte den Eindruck, sie wünsche mit ihrem Bräutigam auf gutem Fuß zu stehen, habe aber eine gewisse Scheu vor ihm. Sie war wie ein Kind darauf bedacht, ihre Aufgabe gut zu erledigen; und dann und wann merkte man ihr ein Gefühl der Erleichterung an, wie bei jemandem, der wieder ein Hindernis überwunden hat.

Gilbert war sich immer der Spannung bewußt, die sich in ihren Beziehungen ausdrückte. Ein dutzendmal am Tage sagte er sich, es sei unglaublich, daß es eine solche Gezwungenheit geben könne. Aber er fand eine genügende Entschuldigung für ihr Mißtrauen und die heimliche Angst, die wie Schatten über das Meer in ihren Augen kam und ging. Sie war jung, viel jünger als ihre Jahre. Diese schöne Knospe hatte sich noch nicht geöffnet; und die Verlobung hatte unter einem Übermaß von Förmlichkeiten gelitten.

Er hatte ihre Bekanntschaft auf die übliche Weise bei einem Balle gemacht; war, wie es sich gehörte, von ihrer Mutter eingeladen worden, hatte mit ihr getanzt und Ausflüge gemacht, Ruderfahrten auf dem Fluß unternommen und sie und ihre Mutter im Auto nach Ascot gefahren; alles ging in der alltäglichsten normalen Art vor sich. Es fehlte etwas dabei. Gilbert war sich nicht im geringsten darüber im unklaren.

Er suchte die Schuld für alles Fehlende bei sich, obwohl er im Widerspruch zu dieser kühlen konventionellen Verlobung etwas wie ein Romantiker war. Ihre flehenden Augen hatten ihn wie alle andern Männer nicht näher an sich herankommen lassen. Er fühlte den Abstand zwischen ihnen, als er seinen Antrag machte, dessen flüssige Gewandtheit sich durch das Fehlen jeglicher Gemütsbewegung auszeichnete. Und sie hatte mit einem leise gemurmelten »Ja« angenommen, ihm eine kalte Wange zum Kuß geboten und war dann wie ein gefangener Vogel, der seine Freiheit sucht, aus seinen Armen geflattert und aus dem konventionellen Wintergarten mit seinen schrecklichen Palmen und seinen kitschigen Tanagrafiguren geschlüpft.

Gilbert als Liebender hatte etwas von einem Knaben an sich; ein Schwärmer, ein Träumer. Er teilte diese Schwäche mit andern reifen Männern. Denn auch in den tatkräftigsten Männern liegen unerwartete Quellen von Romantik verborgen. So gab er sich mit seinen Träumen zufrieden und spann tief in seinem Herzen Phantasien süßer Hingabe. Er liebte sie völlig und ausschließlich. Sie war für ihn eine göttliche, duftende Blume.

Er hatte sie wieder bei der Hand gefaßt und merkte mit Schmerz, den eine leise Beimischung von Belustigung etwas milderte, daß sie sich wieder frei zu machen suchte, als Frau Cathcart in das Zimmer trat.

Sie war eine große, noch schöne Frau, wenn ihr auch das Alter eine gewisse Steifheit verliehen hatte. Die unbarmherzige Wirkung der Jahre hatten sie veranlaßt, künstliche Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen, um ihren Reizen nachzuhelfen. Ihr Mund war schmal, gerade und streng, ihr Kinn zu scharf, um schön zu sein. Sie lächelte, als sie durch das Zimmer rauschte und dem jungen Mann ihre behandschuhte Hand reichte.

»Sie sind früh gekommen, Gilbert,« sagte sie.

»Ja,« entgegnete er verlegen. Hier bot sich ihm die Gelegenheit, die er suchte, doch irgend etwas ließ ihn zaudern, sie auszunutzen.

Als sich die Tür öffnete, hatte er die Hand des Mädchens losgelassen; sie war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten und beobachtete ihn, die Hände auf dem Rücken, mit gespanntem Ernst.

»Ich wollte Sie sprechen,« sagte er.

»Mich sprechen?« fragte Frau Cathcart schelmisch. »Nein, sicherlich nicht mich!«

Ihr Lächeln galt dem Mädchen wie dem jungen Mann. Aus irgendeinem Grunde, über den er sich im Augenblick nicht klar werden konnte, fühlte sich Gilbert unbehaglich.

»Ja, ich hatte die Absicht, mit Ihnen zu sprechen,« sagte er. »Das ist doch jetzt in diesen besonderen Tagen nichts Auffallendes.« Er lächelte wieder.

Sie hob den Finger warnend in die Höhe.

»Sie dürfen sich nicht um irgendeine der Vorbereitungen kümmern. Ich bitte Sie, das vollständig mir zu überlassen. Sie werden finden, daß Sie keine Ursache zur Klage haben.«

»Oh, darum handelt es sich nicht,« sagte er hastig. »Es ist etwas ... etwas ...« Er zögerte. Er wollte ihr den Ernst der Angelegenheit, die ihm am Herzen lag, begreiflich machen. Und eben, als er der Frage einer Unterredung näher kam, dämmerte in ihm ein unklares Bewußtsein der Schwierigkeit seiner Lage. Wie konnte er dieser Frau, die ihm immer nur mit größter Liebenswürdigkeit begegnet war, andeuten, daß er ihr Beweggründe zutraute, die weder ihrem Herzen noch ihrem Verstande Ehre machten? Wie konnte er das Thema seiner Armut aufs Tapet bringen, einer Frau gegenüber, die ihm nicht nur einmal, sondern hundertmal anvertraut hatte, seine aussichtsreiche Zukunft und seine glänzenden Vermögensverhältnisse seien das einzig Störende bei dem, was sie unter einer idealen Liebesheirat verstand!

»Ich wünschte fast, Sie wären arm, Gilbert,« hatte sie gesagt. »Ich bin der Ansicht, Reichtum ist eine schreckliche Gefahr für zwei junge Leute, wie Sie und Edith es sind.«

Sie hatte diese Befürchtung wegen seines Reichtums mehr als einmal geäußert. Und doch hatte er auf ein gelegentliches Wort Leslies hin die Reinheit ihrer Motive angezweifelt! Er entsann sich mit wachsender Gereiztheit, daß es Frau Cathcart gewesen war, die die Verbindung zustande gebracht hatte; ein gemein denkender Mensch hätte sogar noch weitergehn und auf die Vermutung kommen können, sie habe ihm Edith an den Hals geworfen. Es gab Begründungen genug für Leslies Verdacht, überlegte er, als er auf die große elegante Frau vor sich blickte. Er aber war nur beschämt, daß er auf die mißtrauische Andeutung geachtet hatte.

»Hätten Sie eine Viertelstunde für mich übrig ...« Er hielt ein; er wollte sagen ›vor dem Essen‹, dachte aber dann, daß eine Besprechung nach dem Essen wohl ungestörter verlaufen würde.

»... nach dem Essen?«

»Mit Vergnügen,« lächelte sie. »Was werden Sie wohl vorzubringen haben? Einige Unregelmäßigkeiten aus Ihrer Jugend beichten?«

Er verzog leicht den Mund und schüttelte den Kopf.

»Sie können sicher sein, daß ich Ihnen so etwas nie erzählen werde,« sagte er.

»Dann werde ich also nach dem Essen mit Ihnen sprechen,« stimmte sie bei. »Es kommen eine Masse Leute heute abend, und ich weiß kaum, wie ich mit der Arbeit fertig werden soll. Ihr Bräutigame,« sie tätschelte ihn mit ihrem Fächer vorwurfsvoll auf die Schulter, »habt keine Ahnung, welche Verwirrung ihr in das häusliche Leben eurer unglücklichen künftigen Verwandtschaft bringt.«

Edith stand abseits immer noch in der gleichen Haltung, die sie eingenommen, als Gilbert ihre Hand losgelassen hatte; neugierig beobachtete sie die Vorgänge, ohne daran teilzunehmen. Diese Wirkung übte Frau Cathcarts Gegenwart jedesmal auf ihre Tochter aus, wie Gilbert schon oft verwundert bemerkt hatte. Nicht, als würde sie von ihr in den Schatten gestellt oder beiseite geschoben; es schien vielmehr, als habe der Eintritt der nächsten Schauspielerin sofort den Abgang der Darstellerin im Gefolge, die vorher auf der Bühne die Hauptrolle gespielt hatte. Er konnte sich vorstellen, daß Edith zwischen den Kulissen auf das Stichwort wartete, das sie wieder zur handelnden Person machen würde, und dieses Stichwort war regelmäßig das Fortgehen ihrer Mutter.

»Es kommt eine ganze Reihe netter Leute heute abend, Gilbert,« sagte Frau Cathcart mit einem Blick auf einen Papierstreifen in ihrer Hand. »Einige davon sind Ihnen unbekannt und von einigen wünsche ich sehr, daß Sie sie kennen lernen. Ich bin überzeugt, Sie werden Gefallen finden an dem lieben Doktor Cassylis – ...«

Ein unterdrückter Ausruf drang an ihr Ohr, und sie blickte scharf auf.

Aber Gilbert hatte sein Gesicht schon wieder in der Gewalt: es war vollständig ausdruckslos. Das Mädchen beobachtete mit Verwunderung diese Maske.

»Was ist Ihnen?« fragte Frau Cathcart.

»Nichts,« sagte Gilbert gelassen, »Sie haben eben über Ihre Gäste gesprochen.«

»Ich wollte sagen, daß Sie Doktor Barclay-Seymour kennen lernen müssen – er ist ein ganz reizender Mann. Ich glaube, Sie kennen ihn doch noch nicht?«

Gilbert schüttelte den Kopf.

»Nun, das müssen wir nachholen« sagte sie. »Er ist ein lieber Freund von mir; warum er eigentlich seine Praxis in Leeds ausübt, statt eine Klinik in der Harleystraße zu leiten, davon habe ich nicht die leiseste Ahnung. Das Tun und Lassen der Männer ist unbegreiflich. Dann ist noch da ...« Sie las eine Reihe von Namen herunter, von denen Gilbert einige kannte.

»Wieviel Uhr ist es?« fragte sie plötzlich.

Gilbert blickte auf seine Uhr.

»Drei Viertel acht? Ich muß gehn,« sagte sie. »Ich werde gleich nach dem Essen mit Ihnen sprechen.«

Als sie an der Tür angelangt war, wandte sie sich unschlüssig nochmals um.

»Darf ich vielleicht annehmen, Sie wollen Ihren absonderlichen Plan ändern?« fragte sie erwartungsvoll.

Gilbert hatte einen Gleichmut wiedergefunden.

»Ich weiß nicht, welchen absonderlichen Plan Sie meinen,« sagte er.

»Ihre Flitterwochen in der Stadt zu verbringen,« entgegnete sie.

»Ich glaube, man sollte das Gilbert überlassen.« Dies sagte das Mädchen; zum erstenmal mischte sie sich in das Gespräch. Ihre Mutter warf ihr einen scharfen Blick zu.

»In diesem Falle, meine Liebe,« sagte sie eisig, »handelt es sich um eine Sache, die mich mehr angeht als dich selbst.«

Gilbert beeilte sich, das Mädchen vor dem Ausbruch eines Sturmes zu schützen. Frau Cathcart geriet leicht in Zorn; obgleich Gilbert noch niemals ihre scharfe Zunge zu fühlen bekommen, hatte er den bösen Verdacht, seine künftige Frau sei ihr schon mehr als einmal zum Opfer gefallen.

»Es ist unbedingt nötig, daß ich zu der Zeit, die Sie meinen, in der Stadt bin,« sagte er. »Ich habe Sie gebeten –«

»Die Hochzeit zu verschieben. Mein lieber Junge, das kann ich unmöglich. Es war doch keine ernstgemeinte Bitte, nicht wahr?«

Sie lächelte ihm so süß zu, als es ihr innerer Ärger erlaubte.

»Ich glaube nicht,« sagte er unsicher.

Weiter sagte er nichts mehr, sondern wartete, bis die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte; dann wandte er sich rasch zu dem Mädchen.

»Edith,« stieß er hervor, »ich bitte dich um einen Dienst.«

»Du bittest mich um einen Dienst?« fragte sie überrascht.

»Ja, Liebste. Ich muß jetzt fortgehn. Ich bitte dich, irgendeine Entschuldigung deiner Mutter gegenüber zu finden. Es ist mir eine äußerst wichtige Sache eingefallen, an die ich nicht gedacht habe, bevor – ...«

Er sprach zögernd, denn lügen war ihm nicht geläufig.

»Weggehn!« Es klang mehr nach Überraschung als nach Enttäuschung, stellte er in begreiflicher Gereiztheit fest.

»Du kannst jetzt nicht fort,« sagte sie und jener furchtsame Blick kam in ihre Augen. »Mutter würde sehr böse sein. Die Leute kommen schon an.«

Von seinem Platze aus konnte er drei Zweisitzer-Autos sehn, die fast gleichzeitig vor dem Haus vorgefahren kamen.

»Ich muß gehn,« sagte er verzweifelt. Kannst du mich nicht irgendwo hinauslassen? Ich möchte diesen Leuten nicht begegnen; ich habe meine guten Gründe dazu.«

Sie zauderte einen Augenblick.

»Wo hast du deinen Hut und Mantel?« fragte sie.

»In der Diele – du wirst gerade noch Zeit finden,« sagte er.

Schon war sie in der Diele und gleich wieder mit seinem Mantel zurück; sie führte ihn zu dem andern Ende des Empfangszimmers, durch eine Tür, die in die kleine Bibliothek führte. Von da gab es einen Ausgang zu der Garage und zu den Gassen auf der Rückseite des Hauses.

Verwirrt schaute sie der großen, davonschreitenden Gestalt nach; dann, als er ihrem Blick entschwunden war, schloß sie die Tür der Bibliothek und kam gerade in das Empfangszimmer zurück, um ihre Mutter zu treffen.

»Wo ist Gilbert?« fragte Frau Cathcart.

»Fort,« sagte das Mädchen.

»Fort?«

Edith nickte langsam.

»Es ist ihm etwas sehr Wichtiges eingefallen, so daß er nach Hause mußte.«

»Aber selbstverständlich kehrt er zurück?«

»Ich glaube nicht, Mutter,« sagte sie ruhig. »Ich vermute, daß die Sache etwas sehr Dringliches ist.«

»Aber das ist ja Unsinn!« Frau Cathcart stampfte mit dem Fuß auf. »Die Leute, die ich eigens eingeladen habe, damit sie ihn kennen lernen, sind schon alle hier. Es ist schändlich!«

»Aber Mutter –«

»Um des Himmelswillen, laß dies ›aber Mutter‹!« rief Frau Cathcart.

Sie waren allein, da sich die Gäste in dem größeren Empfangssalon versammelten, so daß für die ältere Frau keine Veranlassung bestand, ihren Gefühlen Zwang anzutun.

»Du hast ihn fortgeschickt, vermute ich,« sagte sie. »Ich kann ihm keinen Vorwurf machen. Wie kannst du erwarten, einen Mann zu fesseln, wenn du ihn behandelst, als sei er ein Gemüsehändler, der um Aufträge bittet?«

Das Mädchen hörte ergeben zu, ohne die Augen vom Teppich zu erheben.

»Ich tue mein Bestes,« sagte sie mit leiser Stimme.

»Dein Schlechtestes muß ja recht übel sein, wenn das dein Bestes ist. Nachdem ich alle Anstrengungen gemacht habe, um dir einen der reichsten jungen Leute von London zuzuführen, könntest du wenigstens so tun, als ob seine Anwesenheit dir willkommen sei; aber wenn er der Teufel in eigener Person wäre, könntest du keine größere Abneigung an den Tag legen, wenn du mit ihm beisammen bist, oder eine tiefere Befriedigung, wenn er fortgeht.«

»Mutter!« sagte das Mädchen, dessen Augen sich mit Tränen füllten.

»Hör bitte auf mit deinem ewigen ›Mutter‹!« sagte Frau Cathcart nachdrücklich. »Ich ärgere mich noch zu Tode über deine Launenhaftigkeit und deine Vorurteile. Was willst du eigentlich, um alles auf der Welt? Was soll ich dir noch verschaffen?«

Sie streckte in gereizter Verzweiflung die Arme aus.

»Ich will überhaupt nicht heiraten,« sagte das Mädchen leise. »Mein Vater hätte mich nie zu einer Heirat gezwungen.«

Es war gewagt, so etwas zu sagen; es verriet eine größere Kühnheit, als sie je bei den Szenen mit ihrer Mutter gezeigt hatte. Aber seit einiger Zeit wuchs der Mut in ihrem Herzen. Die Verzweiflung, die sie zuerst betäubt hatte, glühte nun zur Wut auf; das Feuer der Empörung schwelte in ihrer Seele; und obwohl die Kundgebungen ihrer wachsenden Verbitterung nur selten und in großen Zwischenräumen erfolgten, nahm ihr Mut mit jedem neuen Wagnis zu.

»Dein Vater!« schnaubte Frau Cathcart, weiß vor Wut, »willst du mir deinen Vater vorhalten? Dein Vater war ein Narr! Ein Narr!«

Sie brachte das Wort fast zischend hervor. »Er hat mich ruiniert, ebenso wie dich, weil er nicht Verstand genug hatte, um sein ererbtes Vermögen zusammenzuhalten. Ich glaubte, er sei ein umsichtiger Mann. Zwanzig Jahre lang habe ich zu ihm aufgeschaut, wie zu einer Verkörperung von Weisheit, Güte und Geist, und in diesen zwanzig Jahren hat er es fertig gebracht, sein Vermögen mit allen möglichen albernen Spekulationen zu verplempern, zu denen er sich durch windige Glücksritter verleiten ließ. Er hätte dich nicht gezwungen! Nein, wahrhaftig nicht!« Sie lachte bitter. »Er hätte dich den Chauffeur heiraten lassen, wenn dein Herz es gewünscht hätte. Alles an ihm war liebenswürdige Schwäche, unfähige Gutmütigkeit. Ich hasse deinen Vater!«

Das kalte Funkeln ihrer weitgeöffneten blauen Augen legte allerdings ein so beredtes Zeugnis von ihrem Haß ab, daß das Mädchen schauderte. »Ich hasse ihn jedesmal von neuem, wenn ich mit einem zweifelhaften Makler verhandeln muß, um aus seinen Börsenerfahrungen einen Vorteil herauszuschlagen; ich hasse ihn wegen jeder Sparsamkeit, die ich mir auferlegen muß; ich hasse ihn immer wieder, wenn meine knappen Dividenden eintreffen und ich ansehn muß, wie sie durch die Folgen seiner Torheit verschlungen werden. Sieh dich vor, daß ich dich nicht auch noch hasse,« sagte sie und deutete warnend auf das Mädchen.

Edith duckte sich vor diesem Schwall von Worten, aber die Schmähungen ihres toten Vaters erweckten ein Gefühl in ihr, das ihr alle Furcht vor den Folgen benahm, selbst auf die Gefahr hin, daß ein weiterer solcher Zornesausbruch, den sie so fürchtete, erfolgen könnte.

Nun stand sie voll aufgerichtet und blickte der Frau, die sie Mutter nannte, in die Augen; ihr Antlitz war bleich, doch ihr Kinn reckte sich trotzig in die Höhe.

»Über mich kannst du sagen, was du willst, Mutter,« sagte sie ruhig. »Aber meinen Vater lasse ich nicht beschimpfen. Ich habe alles getan, was du verlangt hast: ich bin bereit, einen Mann zu heiraten, den ich zwar als liebenswürdigen und sympathischen Menschen schätze, der mir aber nicht mehr bedeutet als der erstbeste, der mir heute auf der Straße begegnet. Ich bringe dir zuliebe dieses Opfer. Verlange aber nicht von mir, daß ich den Glauben an den Mann aufgebe, der die einzig liebenswerte Erinnerung meines Lebens ist.«

Ihre Stimme bebte ein wenig und in ihren Augen glänzten Tränen.

Frau Cathcart hätte eine ganze Menge darauf zu erwidern gewußt, wurde aber durch den Eintritt eines Dieners daran verhindert.

Einige Augenblicke standen sich Mutter und Tochter schweigend gegenüber. Dann drehte sich Frau Cathcart ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz um und schritt hinaus.

Das Mädchen wartete noch einen Moment, dann ging es in die Bibliothek zurück, durch die Gilbert hinausgeeilt war. Sie verschloß die Tür hinter sich und knipste ein Licht an, denn es dunkelte schon. Sie zitterte an allen Gliedern und ließ ihren zurückgedrängten Gefühlen freien Lauf. Sie hätte am liebsten vor zorniger Empörung geweint. Zum erstenmal in ihrem Leben hatte sie einen Einblick in das Herz ihrer Mutter gewonnen. Eine jahrelang angesammelte Bitterkeit hatte sich, ungehemmt von Mitleid oder Berechnung, entladen. Sie hatte einen Haß enthüllt, der all die Zeit an ihrer Seele genagt, und in einem Auflodern dem ahnungslosen Mädchen die Beziehungen zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter in grellster Beleuchtung gezeigt.

Zwar wußte Edith, daß kein besonders zärtliches Verhältnis zwischen ihnen bestanden hatte, aber nach den bisherigen Erfahrungen in ihren Gesellschaftskreisen war ihr die kühle Einstellung von Mann und Frau nichts Befremdliches mehr. Sie kannte eine ganze Reihe solcher Ehen, bei denen zwischen den Eheleuten kaum mehr als freundschaftliche Beziehungen vorhanden waren, und sie hatte solche Verhältnisse als normal hingenommen. Es empörte sie zwar heftig, daß es solche Beziehungen gab; trotzdem sie fast noch ein Kind war, hatte sie herausgefühlt, daß daran irgend etwas nicht in Ordnung war. Aber andrerseits hatten sie diese Erfahrungen auch mit ihrer Verheiratung mit Gilbert ausgesöhnt. Ihr Leben mit ihm würde nicht schlechter, wahrscheinlich etwas angenehmer sein als das Zusammenleben dieser Leute, mit denen sie täglich in Berührung kam.

Aber die Heftigkeit ihrer Mutter gab ihr plötzlich die Erkenntnis, was zu einer wahren Ehe gefehlt hatte. Sie wußte nun, warum ihr vornehmer Vater sich plötzlich aus einem frohgesinnten, liebenswürdigen Mann, der so herzlich lachen konnte und so vertrauensselig war, in einen schweigsamen, trübsinnigen Menschen verwandelte, der nur ein Schatten seiner selbst war, und dessen gebrochene Gestalt sie so lebendig in ihrer Erinnerung bewahrte.

Jetzt hatte ihr Lebensweg plötzlich eine andere Richtung bekommen; ein unerwarteter Ausblick tat sich auf einmal vor ihr auf. Es machte sie ruhiger und sicherer. In diesen wenigen Minuten nachdenklicher Sammlung, als sie in der nüchternen, halbdunklen Bibliothek stand und durch die vergitterten Scheiben auf die häßlichen Gassen hinter dem backsteingepflasterten Hof blickte, empfand sie eine jener großen inneren Umwälzungen, die sich manchmal im Menschen vollziehen.

Im Zeitraum einer Sekunde hatte sie eine neue Betrachtung der Dinge, einen neuen Maßstab gegenüber ihren Mitmenschen gewonnen; eine neue Weltanschauung hatte sich in ihr entwickelt. Das kleine Gemach wurde Zeuge einer mächtigen Empörung gegen überlieferte Anschauungen.

Sie war selbst überrascht über die Gelassenheit, mit der sie in das Empfangszimmer zurückkehrte, um sich unter die Gesellschaft zu mischen, die sich eben versammelte. Es erschreckte sie selbst zu entdecken, daß sie ihre Mutter ruhig und gleichgültig musterte, als gehöre sie gar nicht zu ihr. Frau Cathcart fiel die Selbstbeherrschung des Mädchens auf, und sie fühlte eine leise Unbehaglichkeit.

In der Hoffnung, sie in Verlegenheit zu bringen, wandte sie sich unerwartet an sie und war ein wenig verblüfft über die Gefaßtheit, mit der das Mädchen ihrem Blick begegnete, und über die kühle Art, mit der sie ihre Einwendungen gegen einen Vorschlag der älteren Frau machte.

Das war eine neue Erfahrung für die herrschsüchtige Frau Cathcart. Das Mädchen konnte wohl mitunter schlechter Laune sein, aber dies war eine neue Art von Trotz, wie ihn Frau Cathcart noch nicht erlebt hatte.

Vielleicht war sie zornig, aber man sah ihr nichts davon an; vielleicht gekränkt – dann hätte sie Tränen vergossen. Doch Frau Cathcarts erfahrenes Auge konnte keine Spur von Tränen entdecken. Sie war verdutzt und etwas beunruhigt. Sie war zu weit gegangen, dachte sie, und mußte einlenken; das war besser, als die Entzweiung weiter gedeihen zu lassen; dann würde die andre schon um Verzeihung bitten.

Es ärgerte sie, sich in dieser Lage zu finden, aber sie war in allererster Linie ein guter Taktiker, und es wäre eine schlechte Taktik ihrerseits gewesen, sich auf eine nachteilige Stellung zu versteifen. Lieber wollte sie den ›Vorkriegszustand‹ wiederherstellen und war daher sehr unangenehm berührt, als sie merkte, daß ihr auch diese Möglichkeit für immer genommen war.

Wenn sie gehofft hatte, die Abendgesellschaft würde das Mädchen in Verwirrung bringen, so daß es sich unter ihre Fittiche begeben würde, so wurde sie rasch eines Besseren belehrt; zu ihrem Erstaunen unterhielt sich Edith über ihre Heirat, wie sie es nie zuvor getan hatte, ohne jede Verlegenheit, ohne zu stocken, kühl, vernünftig und gewandt.

Gegen Ende des Abends beherrschte Edith das Feld, während sich ihre Mutter in eine untergeordnete Stellung gedrängt fand.

Frau Cathcart wartete, bis der letzte Gast fort war, dann kam sie in das kleinere Empfangszimmer, um Edith aufzusuchen, die am Kamin stand und nachdenklich auf ein Blatt blickte, das auf dem Sims lag.

»Was interessiert dich so sehr, meine Liebe?«

Das Mädchen schaute sich um, nahm das Blatt an sich und faltete es langsam.

»Nichts Besonderes,« sagte sie. »Dein Doktor Cassylis ist ein amüsanter Mann.«

»Er ist ein sehr tüchtiger Mann,« erwiderte ihre Mutter streng.

Sie hatte unbegrenztes Vertrauen zu Ärzten und zollte ihnen einen Tribut von Achtung, den man sonst nur für überirdische Wesen übrig hat.

»Ist er das?« sagte das Mädchen kühl. »Ich will es gern glauben. Warum lebt er in Leeds?«

»Wahrhaftig, Edith, du kommst aus deinem Schneckenhaus heraus,« sagte ihre Mutter mit einem gezwungenen Lächeln der Anerkennung. »Ich habe früher nie gemerkt, daß du so lebhaftes Interesse an Leuten aus der Gesellschaft nimmst.«

»Ich werde mich von nun ab viel mehr um die Leute kümmern,« entgegnete das Mädchen gelassen. »Ich habe mein ganzes Leben lang soviel entbehrt.«

»Ich finde, du bist ein wenig rücksichtslos,« sagte ihre Mutter, mit Mühe ihren Zorn unterdrückend; »du bist wirklich sehr unliebenswürdig. Ich vermute, all dieser Unsinn rührt von der falschen Auffassung meiner Eröffnungen her.«

Das Mädchen gab keine Antwort. »Ich denke, ich werde zu Bett gehn, Mutter,« sagte sie dann.

»Da du schon einmal dabei bist, dir eine Meinung über die Leute zu bilden,« sagte Frau Cathcart mit verdächtiger Ruhe, »wirst du mir vielleicht auch eine Erklärung über das Benehmen deines Verlobten geben können. Doktor Cassylis hätte ihn besonders gerne kennen gelernt.«

»Ich kann dir über gar nichts eine Erklärung geben,« entgegnete das Mädchen.

»Schlag nicht diesen Ton gegen mich an,« erwiderte ihre Mutter scharf.

Das Mädchen, das schon halbwegs an der Tür war, blieb stehn; es wandte sich kaum um, sondern sprach über die Schulter zu ihrer Mutter.

»Mutter,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit, »ich möchte dir etwas klarmachen: wenn es noch einmal zu einem solchen Zwischenfall kommt und ich noch einmal unter deiner Härte zu leiden habe, werde ich an Gilbert schreiben und die Verlobung lösen.«

»Bist du verrückt?« stieß die Frau hervor.

»Nein, aber ich bin müde,« sagte sie, »vieler Dinge müde.«

Darauf hätte Frau Cathcart vieles zu erwidern gewußt, aber eine etwas verspätete Klugheit hieß sie ihre Zunge im Zaume halten, bis sich die Türe hinter ihrer Tochter geschlossen hatte. Dann ließ sie, obgleich es schon spät an der Zeit war, die Köchin kommen, um sich mit ihr eine halbe Stunde lang grimmig über das schrecklich mißratene Vol-au-vent auseinanderzusetzen.

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