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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 3
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectidb11e8c06
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2
Sunstars großes Rennen

Da war es wieder!

Jetzt war es zu hören, sanft und leidvoll über dem Wirrwarr von Lauten und dem Stimmgemurmel schwebend, dann versank es wieder, gleich einem verlorenen goldenen Faden, der verfangen im grauen Gewebe des Alltags aufglüht und erlischt ... Gilbert Standerton horchte gespannt und bemühte sich, den Ort, woher die Töne kamen, festzustellen.

Es war die ›Melodie in F-Dur‹, die der Musiker spielte.

»Es wird einen Gewittersturm geben.«

Gilbert hörte die Stimme nicht. Er saß mit den Händen um die Knie und schweißüberströmtem Gesicht auf dem Bocke eines Wagens.

In seiner Haltung lag etwas Tragisches, das fast ein wenig Besorgnis erregen konnte. Das Profil, das er seinem gereizten Freunde zuwandte, zeigte klassische Linien – eine hohe und wohlgeformte Stirn, eine vielleicht etwas lange Nase, ein starkes und entschlossenes Kinn.

Als Leslie Frankfort zu dem geistesabwesenden Träumer aufblickte, mußte er an das landläufige Bild von Dante denken, obwohl Dante niemals einen steifen Hut trug oder ein so ausschließliches Interesse für die Menschenmenge an einem Renntage gezeigt hätte.

»Es wird ein Gewitter geben.«

Leslie kletterte die paar Trittbretter hinauf und ließ sich auf den Sitz neben Gilbert fallen. Der andre fuhr aus seiner Träumerei auf.

»Wirklich?« fragte er und wischte sich die Stirne ab.

Doch als er um sich schaute, lenkte er seine Augen nicht auf die dunklen Wolken, die sich über Banstead ballten, sondern auf die dichtgedrängten Massen von Männern und Frauen, auf die grellen Plakate, die eindringlich den guten Ruf und die Gründung der ›alten Firma‹ verkündeten; auf die Bretterbuden am Hügel, die lange Reihe von Leinwandplanen, die man aufgestellt hatte, um irgendeinen Whisky anzupreisen; die dünnen Gerüste der Tribünen an der entgegengesetzten Seite der Rennbahn; die Geschäftigkeit, der Lärm und das lebensvolle Treiben der unübersehbaren Menschenmenge ließen auch ein Junigewitter als belanglos erscheinen.

»Wenn Sie nur wüßten, wie bemitleidenswert Sie mit Ihren herabgezogenen Brauen aussehn,« sagte Leslie Frankfort etwas verärgert, aber gutmütig, »so würden Sie nicht in einer Pose dasitzen wie für ein Bild des ›ruinierten Spielers‹. Mein lieber Freund, mit Ihrem langen, trübseligen Gesicht würden Sie ein gutes Modell für einen Farbdruck abgeben, der in der Weihnachtsnummer der Anti-Spielzeitung erscheinen müßte. Ich vermute, es gibt so eine Zeitung.«

Gilbert lachte kurz.

»Diese Menschen interessieren mich,« sagte er, sich zum Sprechen aufraffend. »Können Sie sich nicht vorstellen, was sie alles im Kopfe haben? Jeder einzelne von ihnen stellt eine eigene Persönlichkeit dar, jeder von ihnen trägt eine Hoffnung oder eine Furcht in seinem Herzen; jeder einzelne hat die Fähigkeit, zu lieben, zu hassen oder zu trauern. Schauen Sie auf den Mann dort!« sagte er und deutete mit seinem langen nervösen Finger.

Der Mann, auf den er zeigte, stand in einer kleinen grünen Oase, wo der Verkehr des Publikums so geregelt war, daß ein freier Platz blieb; in dessen Mitte war ein Mann von mittlerer Größe mit einem schwarzen steifen Hut im Nacken und einer langen dünnen Zigarre zwischen seinen weißen, regelmäßigen Zähnen zu sehen. Er war zu weit entfernt, als daß Leslie diese Einzelheiten hätte unterscheiden können, aber Gilbert Standertons Vorstellungskraft ergänzte die Lücken des Bildes, denn er hatte diesen Mann schon einmal gesehn.

Als fühle er die beobachtenden Blicke, drehte sich der Mann um und kam langsam zu dem abgegrenzten Wagenplatz heran. Er nahm die Zigarre aus dem Munde und lächelte, als er den Herrn auf dem Bocke erkannte.

»Wie geht es Ihnen, Sir?«

Seine Stimme klang schrill und dünn, als läge eine unermeßliche Entfernung zwischen ihnen, aber er schrie offenbar laut, um seine Stimme über das Stimmgebrause der Menge zu erheben. Gilbert winkte lächelnd mit der Hand, worauf sich der Mann mit einem Lüften des Hutes umwandte und in einem Menschenschwarm verschwand, der ihn verschluckte.

»Ein Dieb,« sagte Gilbert, »und zwar einer von hübsch großem Format – er heißt Wallis; es gibt viele Wallise hier. Für einen denkenden Menschen ist solch eine Menge ein schreckliches Schauspiel.«

Der andre blickte ihn scharf an.

»Die Menschenmenge wird erst etwas Schreckliches, wenn man bei einem Gewittersturm durch sie hindurch muß,« sagte er als praktischer Mann. »Ich bin dafür, wir gehn fort und holen das Auto.«

Gilbert nickte. Er erhob sich steif wie ein Mann mit Krampf in den Beinen und stieg langsam die Stufen auf den Boden hinab. Sie gingen durch die Einfriedung und überquerten die Bahn, kamen durch den kleinen Sattelplatz, dann durch lange Gänge, wo Presseleute, Jockeis und Kellner sich wie immer an Renntagen durcheinander drängten. Dann waren sie draußen auf der Hauptstraße. Auf dem mit Seilen umspannten Autopark fanden sie ihren Wagen und, was verwunderlicher war, ihren Chauffeur.

Zweimal schon hatte das erste Flackern blauer Blitze auf die Downs niedergezuckt und warnendes Donnergekrach die schwüle Luft erschüttert, als der Wagen sich in den Verkehrsstrom nach London einzufädeln begann. Das Gewitter, das sich schon den ganzen Nachmittag über zusammengebraut hatte, brach mit furchtbarer Wut über Epsom los. Es blitzte unaufhörlich, der Regen stürzte in einem fast undurchdringlichen Wasserschwall hernieder und ein Donnerkrach nach dem andern betäubte ihre Ohren.

Der große Menschenschwarm auf dem Hügel löste sich auf, als zerfließe er; die Ränder des Schwarmes fransten sich zu langen schwarzen Wimpeln aus; die Leute eilten schleunigst zu den drei Bahnstationen. Es erforderte außergewöhnliche Geschicklichkeit, das Auto aus dem Chaos von Kremsern und Autodroschken, zwischen denen es eingekeilt war, herauszuwinden.

Standerton hatte den Platz neben dem Chauffeur eingenommen, obwohl es ein geschlossener Wagen war. Er war ein Mann von rascher Beobachtungsgabe und schon beim zweiten Blitz hatte er gesehn, wie das Gesicht des Chauffeurs weiß wurde und seine Lippen zuckten. Eine fast nächtliche Dunkelheit bedeckte den Himmel. Ringsherum war der Horizont von einem trübe-drohenden, orangefarbenen Dunst eingesäumt; ein so schreckliches Unwetter hatte man seit vielen Jahren in England nicht erlebt.

Obwohl der Regen in Strömen herabkam, achtete der junge Mann neben dem Chauffeur nicht darauf. Er beobachtete die nervösen Hände des Mannes, die das Rad hin und her wenden mußten, da der Wagen einen Seitenweg nach dem andern nehmen mußte, um die vollgepfropfte Hauptstraße zu vermeiden.

Plötzlich flackerte ein Lichtstreifen vor dem Wagen auf und Standerton wurde durch ein Krachen betäubt, das noch furchtbarer als die vorausgegangenen Donnerschläge war.

Der Chauffeur prallte instinktiv mit schreckensbleichem Gesicht zurück; seine zitternden Hände ließen das Steuerrad und sein Fuß das Pedal los. Der Wagen wäre zum Stehen gekommen, wären sie nicht gerade am Rande einer Böschung gewesen.

»Mein Gott!« wimmerte er, »es ist schrecklich. Ich kann nicht mehr weiter, Sir.«

Schon war Gilbert Standertons Hand am Rad und sein elegant beschuhter Fuß am Bremspedal.

»Machen Sie, daß Sie wegkommen!« sagte er grimmig. »Rasch hier herüber!«

Der Mann gehorchte und schob sich zitternd, mit den Händen vor dem Gesicht, auf den Platz seines Herrn, während Standerton auf den Führersitz rutschte und die Kuppelung einschaltete.

Es war ein Glück, daß er ein hervorragend geschickter Fahrer war; aber er mußte seine ganze Kunst aufbieten, um den Wagen den Hang hinabzubringen, der zu den lehmigen Downs führte. Als sie stoßweise vorwärts kamen, ging wieder ein Platzregen los, so daß der Boden von einer Wasserflut wie bei einer Überschwemmung bedeckt war. Die Räder des Wagens rutschten und glitschten auf dem fettigen Boden, aber der Mann am Steuerrad behielt seinen klaren Kopf und brachte den großen Wagen allmählich, nachdem er einen kleinen Hang hinabgeglitten war, wieder auf die Hauptstraße. Sie war besät mit eilig trampelnden Menschen; nur langsam kam er unter fortwährendem Hupen vorwärts, bis der Wagen plötzlich mit einem Stoß stehen blieb.

»Was ist los?«

Leslie Frankfort hatte das Fenster geöffnet, das den Führersitz von den Insassen des Wagens trennte.

»Dort ist ein alter Mann, dort,« sagte Gilbert über die Schulter zurück, »haben Sie etwas dagegen, ihn mit in den Wagen hineinzunehmen? Ich werde Ihnen nachher sagen warum.«

Er deutete auf zwei klägliche Gestalten am Straßenrand. Es war ein alter Mann und ein Mädchen; Leslie konnte ihre Gesichter nicht deutlich sehn. Sie standen mit dem Rücken gegen den Sturm gekehrt und hatten einen dünnen Mantel über sich gebreitet.

Gilbert rief etwas, und auf den Klang seiner Stimme hin wandte sich der Alte um. Er hatte ein schönes Gesicht; es war schmal, feingeschnitten und geistig: das Gesicht eines Künstlers. Sein graues Haar hing über den Kragen und unter dem Mantel hielt er etwas, dessen Schutz ihm mehr am Herzen zu liegen schien als sein eigener Schutz vor dem erbarmungslosen Platzregen.

Das Mädchen an seiner Seite mochte etwa siebzehn Jahre alt sein; es war ein schwermütig blickendes Kind, das mit seinen großen furchtlosen Augen die Insassen des Wagens ernst musterte. Der alte Mann zögerte bei Gilberts Einladung, aber als dieser ihm ungeduldig winkte, brachte er das Mädchen über die Straße herüber, und Leslie öffnete die Tür.

»Springen Sie rasch herein,« sagte er. »Weiß Gott, Sie sind hübsch naß!«

Er schlug die Tür zu und sie setzten sich ihm gegenüber. Sie waren in einem kläglichen Zustand; das Kleid des Mädchens war völlig durchweicht und ihr Gesicht so naß, als wäre sie gerade aus dem Bade gekommen.

»Legen Sie den Mantel ab,« sagte Leslie kurz. »Ich habe ein paar trockene Taschentücher; ich fürchte allerdings, Sie brauchen eher ein Badetuch.«

Sie lächelte. »Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen,« sagte sie. »Wir werden Ihren Wagen verderben.«

»Oh, das macht gar nichts,« erwiderte Leslie heiter. »Es ist übrigens nicht mein Wagen. Auf jeden Fall,« fügte er hinzu, »wenn Herr Standerton hereinkommt, wird er ihn noch viel schlechter zurichten.«

Er fragte sich verwundert, welch wunderliche Laune Standerton veranlaßt haben mochte, diesen beiden Leuten eine Zuflucht in seiner Limousine zu gewähren.

Der Alte lächelte, als er zu sprechen begann, und seine ersten Worte enthielten eine Erklärung.

»Herr Standerton ist immer sehr gut zu mir gewesen,« sagte er höflich, fast demütig.

Er hatte eine sanfte, wohllautende Stimme. Leslie Frankfort merkte, daß es die Stimme eines gebildeten Mannes war. Er mußte lächeln; denn er war schon zu sehr an Begegnungen mit Standertons Freunden gewöhnt, als daß er über diese regendurchweichten Straßenmusikanten überrascht gewesen wäre; als solchen schätzte er ihn wenigstens ein nach dem Hals der Geige, der aus seinem durchnäßten Mantel herauslugte.

»Sie kennen ihn also?«

Der alte Mann nickte.

»Ich kenne ihn sehr gut,« erwiderte er.

Er holte das Instrument, das er unter dem Mantel hielt, hervor und Leslie Frankfort sah, daß es eine alte Geige war. Der Alte prüfte sie ängstlich, dann legte er sie mit einem Seufzer der Erleichterung auf seine Knie.

»Hoffentlich hat sie keinen Schaden erlitten?« fragte Leslie.

»Nein, Sir,« sagte der andre. »Ich hatte schon große Angst, der Tag, der so ersprießlich gewesen war, könnte ein schlimmes Ende nehmen.«

Sie hatten auf den Downs gespielt und einen reichen Verdienst eingeheimst.

»Meine Enkelin spielt auch,« sagte der Alte. »Wir lieben zwar sonst die große Menge nicht, aber sie bedeutet jedesmal Geld« – er lächelte – »und unsere Lage erlaubt uns nicht, irgendeine günstige Gelegenheit von der Hand zu weisen.«

Sie waren nun aus dem Bereich des Unwetters; nachdem sie Sutton hinter sich hatten und in einer Gegend angelangt waren, wo die Straßen fast noch trocken waren, hielt Gilbert mit dem Wagen an und übergab das Steuerrad dem beschämten Chauffeur.

»Es tut mir sehr leid, Sir,« begann der Mann.

»Oh, regen Sie sich nicht darüber auf,« lächelte sein Herr; »man braucht sich nicht zu schämen, weil man vor einem Gewitter Angst hat. Mir war früher ebenso übel zumute, bis ich dieser Schwäche Herr geworden bin ... es gibt noch schlimmere Sachen,« fügte er, halb für sich, hinzu.

Während der Mann einige Worte des Dankes stammelte, öffnete Gilbert die Wagentür und stieg ein. Er nickte dem alten Mann zu und begrüßte das Mädchen mit einem kurzen Lächeln.

»Ich habe Sie gleich erkannt,« sagte er. »Das ist Herr Springs,« wandte er sich an Leslie. »Er ist ein sehr alter Freund von mir. Wenn Sie bei St. Johns Wood gespeist haben, haben Sie sicher Springs Geige unter dem Eßzimmerfenster gehört. Es gehörte zum Programm, nicht wahr Herr Springs?« sagte er. »Übrigens,« fragte er plötzlich, »spielten Sie ...«

Er brach ab, und der alte Mann, der den Sinn der Frage mißverstand, nickte bejahend.

»Jedenfalls,« fuhr Gilbert, plötzlich einen andern Ton anschlagend, fort, »wäre es nicht menschlich gewesen, meine Privatkapelle in den Epsom Downs ertrinken zu lassen, ganz zu schweigen von der Möglichkeit, daß sie vom Blitz erschlagen würde.«

»Bestand denn diese Gefahr?« fragte Leslie überrascht.

Gilbert nickte.

»Als ich durch die Downs fuhr, sah ich, wie ein armer Teufel getroffen wurde,« sagte er. »Eine Menge Leute hatten sich um ihn versammelt. Darum habe ich mich nicht um ihn gekümmert und angehalten. Es war ein schrecklicher Anblick.«

Er schaute durch das kleine ovale Fenster nach rückwärts.

»Wir werden es heute abend noch in London haben,« sagte er, »aber in der Stadt wirken Gewitter nicht so gefährlich wie auf dem Lande, sie sind nicht so aufregend. Die hohen Hausdächer haben etwas Beruhigendes für nervöse Leute.«

In Balham verabschiedeten sie sich von dem alten Mann und seiner Enkelin; als der Wagen seine Fahrt fortsetzte, wandte sich Leslie mit einem verblüfften Ausdruck an seinen Gefährten.

»Sie sind ein wundervoller Mensch, Gilbert,« sagte er; »ich werde nicht klug aus Ihnen. Erst heute morgen haben Sie sich selbst als ein Nervenwrack bezeichnet ...«

»Habe ich das gesagt?« fragte der andre trocken.

»Nun, Sie haben es nicht mit diesen Worten gesagt,« erwiderte Leslie mit bekümmerter Miene, »aber es war eine ähnliche Schilderung, die Ihnen offenbar zusagte. Und dann, angesichts eines Unwetters, das mir offengestanden eine gehörige Angst einjagte, nehmen Sie einfach den Platz Ihres Chauffeurs ein und steuern den Wagen durch das Gewitter. Außerdem haben Sie noch so viel Umsicht, einen alten Mann aufzulesen, obwohl Ihnen niemand den geringsten Vorwurf hätte machen können, wenn Sie ihn seinem üblen Schicksal überlassen hätten.«

Gilbert antwortete nicht gleich; dann lachte er ein wenig bitter.

»Es gibt dutzenderlei Arten von Nervosität,« sagte er, »und diese ist zufällig keine von mir. Der Alte ist ein wichtiger Faktor in meinem Leben, obwohl er es nicht weiß – nichts weniger als das Werkzeug des Schicksals.«

Fast feierlich ließ er seine Stimme sinken. Dann schien ihm einzufallen, daß der neugierige Blick des andren auf ihn gerichtet war.

»Ich weiß nicht, wie Sie zu dem Eindruck gekommen sind, ich sei ein nervöses Wrack,« sagte er kurz. »Es ist kaum die ideale Verfassung für einen Mann, der sich in dieser Woche verheiraten will.«

»Das ist vielleicht die Ursache, mein lieber Freund,« erwiderte der andre bedächtig. »Ich kenne eine ganze Anzahl von Leuten, die in Anbetracht dieser Aussicht unheimlich aufgeregt waren. Da war zum Beispiel Tuppy Jones, der einfach davongelaufen ist – er hätte sein Gedächtnis verloren, oder irgend so einen Schwindel haben die Zeitungen behauptet.«

Gilbert lächelte.

»Ich tat etwas, das gleich nach dem Davonlaufen kommt,« entgegnete er ein wenig verstimmt. »Ich habe um Verschiebung der Hochzeit gebeten.«

»Aber warum?« forschte der andre. »Ich wollte Sie schon heute morgen, als ich Sie abholte, danach fragen, aber dann ist es mir aus dem Gedächtnis entschwunden. Frau Cathcart sagte mir, sie wolle nichts davon hören.«

Obgleich Gilbert ihn nicht ermutigte, das Thema weiter zu verfolgen, fuhr der gesprächige junge Mann fort:

»Nimm die Gabe der Götter an, mein Sohn,« sagte er. »Da haben Sie nun eine Stelle im Auswärtigen Amt. Der Posten eines Unterstaatssekretärs steht Ihnen in absehbarer Zeit in Aussicht, dazu eine ganz entzückende und schöne Braut, Sie sind reich ...«

»Ich wollte. Sie sagten das nicht,« sagte Gilbert scharf. »Das denken alle Leute in London. Außer meinem Gehalt habe ich keinerlei Geldmittel. Dieser Wagen,« sagte er, da er den fragenden Ausdruck in des andren Augen sah, »gehört allerdings mir – wenigstens war er ein Geschenk meines Onkels, und ich nehme nicht an, daß er ihn zurück haben will, bevor ich ihn verkaufe. Gott sei Dank, für Sie macht das keinen Unterschied,« fuhr er immer noch mit dem harten Klang in seiner Stimme fort, »aber ich bin nur zu sehr zu der Meinung geneigt, daß zwei Drittel meiner freundschaftlichen Beziehungen und die ganze Liebenswürdigkeit, die mir manchmal zuteil wird, auf dieser Täuschung über meinen Reichtum beruhen. Die Leute glauben, ich sei der Erbe meines Onkels.«

»Aber sind Sie es denn nicht?« fragte der andre voller Staunen.

Gilbert schüttelte den Kopf.

»Mein Onkel hat vor kurzem der Absicht Ausdruck gegeben, sein ganzes Vermögen jener schätzenswerten Anstalt zu hinterlassen, die der Hundewelt so hervorragende Dienste leistet – dem Hundeheim in Battersea.«

Leslie Frankforts gutmütiges Gesicht zeigte einen Ausdruck tragischer Verblüffung.

»Haben Sie das Frau Cathcart gesagt?« fragte er.

»Frau Cathcart?« erwiderte der andre überrascht.

»Nein, ich habe ihr nichts davon erzählt. Ich glaube nicht, daß es nötig ist. Schließlich,« sagte er lächelnd, »heiratet mich Edith nicht um des Geldes willen, sie ist selbst recht wohlhabend, nicht wahr? Nicht, daß es mir etwas ausmacht,« fuhr er hastig fort, »ob sie reich oder arm ist.«

Den Rest der Fahrt legten die beiden Männer schweigend zurück und an der Ecke der St. James-Straße setzte Gilbert seinen Freund ab.

Er fuhr zu dem kleinen Haus weiter, das er samt Einrichtung vor einem Jahr gemietet hatte, als ihm Heirat noch als die entlegenste Möglichkeit erschienen war und als seine äußeren Verhältnisse sich noch viel glänzender dargestellt hatten, als sie es gegenwärtig waren.

Gilbert Standerton gehörte zu einer jener sonderbaren Familien, die völlig aus Neffen zu bestehen scheinen. Sein Onkel, ein wunderlicher alter Anglo-Inder, hatte die Zukunft des Knaben in die Hand genommen; seinem Einfluß hatte Gilbert hauptsächlich die Stellung zu verdanken, die er jetzt bekleidete. Mehr noch, er hatte ihn zu seinem Erben gemacht, und da er ein Mann war, der nichts im geheimen tat, sondern eher zu Geschwätzigkeit neigte, verbreitete sich die Nachricht von Gilberts großem Glück von einem Ende Englands zum andern.

Dann war – einen Monat, bevor diese Geschichte beginnt – wie eine Bombe eine kurze Mitteilung von seinem Verwandten eingetroffen, er habe es für gut befunden, die Bestimmungen seines Testamentes zu ändern; Gilbert solle mit nicht mehr als den tausend Pfund rechnen, die ihm wie unzähligen andern Neffen als Pflichtteil zustünden.

Es bedeutete für Gilbert keinen harten Schlag; nur war er ein wenig bekümmert, weil er fürchtete, er habe auf irgendeine Weise seinen hitzigen Onkel gekränkt. Er schätzte die Güte des alten Mannes zu hoch ein, als daß er ihm seine Absonderlichkeit, wenn sie ihn auch zu einem verhältnismäßig armen Mann machte, übel genommen hätte.

Es hätte den Verlauf seines Lebens wesentlich geändert, wenn er wenigstens einen Menschen von der Veränderung seiner Aussichten verständigt hätte.

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