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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 15
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectidb11e8c06
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14
Die Diamanten der Familie Standerton

Edith Standerton packte rasch ihre Abendtoilette ein und machte sich für die kleine Reise nach Huntingdon fertig, bei der sie ihre Zofe mitnehmen wollte. Es war unangenehm, daß sie ohne Gilbert fahren mußte, aber sie hatte sich die Aufgabe gestellt, ihrem Gatten von Nutzen zu sein, und wenn ihr Erscheinen beim Diner seines schwierigen Verwandten dazu beitragen konnte, so wollte sie es gern tun.

Sie kam gerade noch zum Vier-Uhr-Zug, der nach dem Städtchen Tinley ging.

Der alte Herr tat ihr die außergewöhnliche Ehre an, sie auf der Bahn zu empfangen.

»Wo ist Gilbert?« fragte er, nachdem sie sich gegenseitig vorgestellt hatten.

»Er ist unerwarteterweise nach auswärts gerufen worden,« erwiderte sie. »Er wird außer sich sein, wenn er es erfährt.«

»Das glaube ich nicht,« sagte der alte General grimmig. »Es gehört schon ziemlich viel dazu, um Gilbert außer sich zu bringen – sicherlich braucht es etwas mehr als die Gelegenheit, sich mit einem alten Brummbär auszusöhnen. Tatsächlich,« fuhr er fort, »ist eine Versöhnung ja gar nicht nötig; aber mir kommt es immer vor, als ob jeder, den ich aus meinem Testament gestrichen habe, mich als seinen Todfeind betrachtet.«

»Bitte, nehmen Sie mich nie in Ihr Testament auf,« lächelte sie.

»Das ist noch gar nicht sicher,« entgegnete er und fügte galant hinzu: »Obwohl ich glaube, die Natur hat Sie mit so reichlichen Gaben ausgestattet, daß Sie auf so weltliche Dinge wie Geld verzichten können!«

Sie verzog schelmisch ihr Gesicht.

Er war entzückt, eine so reizende Gesellschaft an ihr gefunden zu haben, und Edith Standerton ihrerseits gab sich Mühe, ihm zu gefallen.

Sie hatte eine so gewandte Art, ältere Menschen zu behandeln, daß sie in ihnen das Gefühl erweckte, als seien sie ebenso jung wie sie selbst. Es gibt kaum einen besseren Ausdruck, um ihr Benehmen zu kennzeichnen. Ihr reizvolles Wesen nahm den alten wunderlichen Herrn rasch für sie ein.

Edith wußte nicht, aus welchen Ursachen sich das Glück ihres Mannes gewandelt hatte. Sie wußte überhaupt sehr wenig von seinen Angelegenheiten; sie wußte weiter nichts, als daß er aus diesem oder jenem Grunde, aber ohne sein Verschulden enterbt worden war. Sie wußte nicht einmal, daß es lediglich eine Folge der Launenhaftigkeit dieses alten Mannes war.

»Sie müssen bald wiederkommen und Gilbert mitbringen,« sagte der General, bevor sie auseinandergingen, um sich zum Diner anzukleiden. »Es wird mir ein großes Vergnügen sein, mich eurer anzunehmen.«

Glücklicherweise enthob sie der General ihrer Verlegenheit um eine Antwort, indem er plötzlich aufsprang.

»Ich weiß, was Sie gern sehn würden,« sagte er, »Sie würden gerne die Standerton-Diamanten sehn, und das sollen Sie auch!«

Sie hatte zwar kein Verlangen, die Standerton-Diamanten zu sehn, und wußte wirklich nicht einmal, daß ein solches Erbstück existiere; aber da ihn der Gedanke, sie ihr zu zeigen, zu beglücken schien, und sie nun einmal eine Frau war, war sie nicht abgeneigt, diese kostbaren Juwelen zu besichtigen, obwohl sie als ihre künftige Trägerin kaum in Betracht kam.

Er führte sie in die Bibliothek; Jack Frankfort folgte ihnen.

»Da drinnen sind sie,« sagte der alte Herr stolz und wies auf einen großen Geldschrank in der Ecke, einen mächtigen, verzierten Tresor.

»Das ist eine Neuerwerbung,« fuhr er wohlgefällig fort. »Ich habe ihn von einem Mann gekauft, der sechzig Pfund dafür verlangte – so ein verdammter Schwindler und Schurke von einem Reisenden! Ich habe ihn für dreißig bekommen. Was halten Sie von diesem Geldschrank?«

»Ich denke, er sieht recht hübsch aus,« sagte Jack, dem nichts Passenderes einfiel.

Der alte Mann blitzte ihn an.

»Hübsch!« schnauzte er. »Glauben Sie denn, ich kann ›hübsche‹ Dinge in meiner Bücherei brauchen?«

Er zog einen Schlüsselbund aus seiner Tasche, öffnete die Tür des Schrankes, zog eine Schublade heraus und holte ein großes Maroquinetui hervor.

»Hier sind sie!« sagte er voll Stolz, und er konnte wirklich auf eine so schöne Sammlung stolz sein.

Mit dem echt weiblichen Interesse für Schmucksachen ließ Edith die prächtigen Juwelen durch die Finger gleiten. Die Fassung war zwar altmodisch, aber zur Zeit wurden die alten Muster wieder bevorzugt und nachgeahmt. Die Steine funkelten und glitzerten, als trüge jede Facette eine winzige Glühlampe in sich, um den grünen, blauen oder rosigen Glanz ihres Feuers auszustrahlen.

Sogar Jack Frankfort, sonst kein großer Liebhaber von Schmucksachen, war von dem Anblick bezaubert.

»Wahrhaftig, Sir,« sagte er, »diese Edelsteine müssen ja einen Wert von nahezu hunderttausend Pfund haben.«

»Mehr,« sagte der alte Mann, »hier habe ich ein Perlenhalsband,« und er zog eine andre Schublade heraus. »Schauen Sie das an! In diesem Schrank befinden sich Schmuckstücke im Werte von beinahe zweimalhunderttausend Pfund.«

»In einem Schrank, der dreißig Pfund kostet,« sagte Jack unvorsichtig.

Der alte Herr wandte sich zu ihm.

»In einem Sechzig-Pfund-Schrank,« verbesserte er scharf. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich den Schweinekerl drangekriegt habe? Ich bitte um Entschuldigung, meine Liebe.« Er lachte in der Erinnerung in sich hinein, brachte die Juwelen an ihren Platz zurück und schloß den Schrank ab. »Sechzig Pfund hat er verlangt. Kam hierher wie ein richtiger geschniegelter Londoner Citykerl, Gehrock, Zylinder und Lackschuhe, mein Lieber. Es ist skandalös, wie diese Leute auftreten. Nach der Art, wie er sich gab, hätte er ein Gentleman sein können.«

Jack betrachtete den Schrank; er verstand ein wenig vom Wert solcher Sachen.

»Ich kann nicht verstehn, wie er ihn dafür verkaufen konnte,« sagte er. »Der Schrank ist seine zweihundert Pfund wert.«

»Was?« Der alte General wandte sich höchlich erstaunt zu seinem Anwalt.

Jack nickte.

»Ich habe einen in meinem Bureau, fällt mir gerade ein,« sagte er. »Der kostet zweihundertzwanzig Pfund und ist von der gleichen Konstruktion.«

»Er hat nur sechzig gefordert.«

»Das ist merkwürdig. Macht es Ihnen etwas aus, ihn nochmals aufzuschließen? Ich möchte gern die Riegel sehn.«

Der General hatte nichts dagegen, drehte den Schlüssel um und ließ die mächtige Tür aufspringen. Jack schaute sich die starken Stahlriegel an – sie waren ganz neu.

»Ich kann nicht begreifen, wie er ihn für sechzig anbieten konnte. Sie haben sicher tüchtig handeln müssen, Sir, um ihn für dreißig zu bekommen.« sagte er.

»Das will ich meinen,« erwiderte der General selbstgefällig. »Übrigens erwarte ich für heute abend zum Essen noch einen Herrn,« fuhr er fort, als sie sich ins Empfangszimmer zurückbegaben, »einen Arzt aus Yorkshire ... Barclay-Seymour heißt er. Kennen Sie ihn?«

Jack war er nicht bekannt, aber die junge Frau fiel ein: »O ja, er ist sogar ein alter Bekannter von mir.«

»Er ist ein ziemlicher Narr,« sagte der General, indem er sein einfaches Verfahren, die Menschen einzuteilen, anwandte.

Edith mußte lächeln.

»Ich habe gehört, Herr General, nach Ihrer Meinung gäbe es nur zwei Klassen von Menschen – Schurken und Narren. Ich wäre neugierig zu hören,« sagte sie verschmitzt, »in welche Klasse Sie mich einreihen?«

Der alte Herr runzelte die Brauen und blickte der jungen Frau in blendender Laune in ihr schönes Gesicht.

»Für Sie muß ich eine neue Klasse einführen,« sagte er. »Nein, Sie sollen eine Klasse für sich bilden. Aber da nun einmal die meisten Frauen Närrinnen sind ...«

»Oh, warten Sie!« lachte sie entrüstet.

»Sie sind es!« beharrte er. »Sehen Sie mich an! Wenn die Frauen keine Närrinnen wären, müßte ich dann nicht verheiratet sein? Wenn irgendeine elegante, hübsche und kluge Dame die nötige Entschlossenheit besessen hätte, sich an mich heranzumachen, so wäre ich jetzt kein Junggeselle mehr, der sein Geld Leuten hinterläßt, die sich keine zwei – Stecknadeln« – gerade noch ersetzte er das ursprünglich beabsichtigte Wort durch einen ehrbareren Ausdruck – »darum kümmern, ob ich lebendig oder tot bin. Kennt Ihr Mann übrigens den Doktor?«

Die junge Frau schüttelte den Kopf.

»Ich glaube nicht,« sagte sie. »Eines Abends bei einem Diner hätten sie sich beinahe kennen gelernt, aber Gilbert war dann durch eine Verabredung am Erscheinen verhindert.«

»Doch, er muß Gilbert bekannt sein,« versteifte sich der alte Mann. »Ich habe oft mit ihm über Barclay-Seymour gesprochen, der, nebenbei bemerkt, vielleicht kein so großer Narr ist wie die meisten Ärzte. Früher hielt ich ziemlich große Stücke von ihm; mehr als in der letzten Zeit,« gab er zu, »und ich fürchte fast, ich habe dem armen Gilbert mehr mit Lobpreisungen über Barclay-Seymour in den Ohren gelegen, als dessen Geschicklichkeit und Weisheit es verdienten. Hat er Ihnen von ihm erzählt?«

Die junge Frau verneinte kopfschüttelnd.

»Undankbarer Teufel!« grollte der General unlogischerweise.

In diesem Augenblick kam einer der vielen Diener mit einem Telegramm auf einem Tablett ins Zimmer.

»Nanu?« fragte Sir John, setzte seine Brille auf die Nasenspitze und schaute den Bedienten finster an. »Was ist das?«

»Ein Telegramm, Sir John,« erwiderte der Mann.

»Das sehe ich selber, daß es ein Telegramm ist, du Esel! Wann ist es gekommen?«

»Vor ein paar Minuten, Sir.«

»Wer hat es gebracht?«

»Ein Depeschenbote, Sir John,« sagte der Diener mit unerschütterlicher Ruhe.

»Warum hast du das nicht gleich gesagt?« schnauzte ihn der General befriedigt an. Und Edith mußte sich die größte Mühe geben, um bei dieser kleinen Szene einen Lachkrampf zu unterdrücken.

Der alte Herr öffnete die Depesche, faltete sie auseinander, las sie langsam und runzelte die Stirne. Er las sie noch einmal.

»Was soll das nun ums Himmelswillen heißen?« fragte er und reichte das Telegramm der jungen Frau.

Sie las:

»Nimm Standerton-Juwelen aus Tresor und deponiere sie unverzüglich heute abend auf der Bank. Falls es dafür zu spät, stelle sie unter bewaffneten Schutz.«

Es war unterzeichnet »Gilbert Standerton.«

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