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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 14
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
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13
Der Testamentenonkel

General Sir John Standerton war ein Mann von boshafter und reizbarer Gemütsart. Man hielt ihm die Entschuldigung zugute, daß er den größeren Teil seines Lebens in Indien zugebracht hatte, einem Lande, dem man die Wirkung zuschreibt, auch den sanftesten Charakter zu untergraben. Er war Junggeselle und lebte für sich allein, abgesehn von einem kleinen Dienerheer. Dem Landgut, das er vor zwanzig Jahren käuflich erworben, hatte er einen andern Namen gegeben: es war in der ganzen Gegend als ›Die Residentschaft‹ bekannt, wo er eine Art Feudalherrschaft aufrecht erhielt.

Seine Feinde behaupteten, er halte sein Dienerbataillon nur deswegen auf voller Stärke, um immer jemanden zu haben, auf den er schimpfen konnte; aber das war sicher gehässige Verleumdung. Man erzählte sich auch, er nehme sich jedes Jahr einen neuen Anwalt, und es stand fest, daß er seine Banken mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit wechselte.

Leslie Frankfort saß eines Morgens mit seinem Bruder beim Frühstück in seinem kleinen Haus in Mayfair.

Jack Frankfort war ein vielversprechender junger Rechtsanwalt und gehörte zu dem Anwaltsbureau, das zur Zeit die Geschäfte Sir John Standertons verwaltete.

»Übrigens,« sagte Jack Frankfort, »ich werde heute nachmittag einen alten Freund von dir aufsuchen.«

»Welchen alten Freund?«

»Standerton.«

»Gilbert?«

Jack Frankfort lächelte.

»Nein, Gilberts schrecklichen Onkel; wir haben gerade etwas für ihn zu erledigen.«

»Worum handelt es sich bei deinem Besuch?«

»Um ein Testament, mein Junge; wir sollen ein Testament machen.«

»Wie viele Testamente hat der alte Mann wohl schon gemacht?« fragte Leslie nachdenklich. »Armer Gilbert!«

»Warum armer Gilbert?« fragte der andre und nahm sich Marmelade.

»Nun, er war ungefähr zehn Minuten lang der Erbe seines Onkels.«

Jack grinste.

»Jedermann ist mal für zehn Minuten der Erbe des alten Standerton. Ich glaube wahrhaftig, er hat im Lauf der letzten zwanzig Jahre jedes Krankenhaus, jedes Hundeheim, jedes Katzenspital, jede wunderliche Anstalt, von der die Welt je gehört hat, zu Erben eingesetzt, und heute will er wieder ein andres Testament machen.«

»Leg ein gutes Wort für Gilbert ein,« sagte Leslie.

Der andre brummte.

»Da gibts keine Möglichkeit, für jemanden ein gutes Wort einzulegen. Der alte Tomlins, der zuletzt mit ihm zu tun hatte, hat gesagt, die größte Schwierigkeit bestehe darin, ein Testament für den alten Burschen fertigzustellen, bevor der Alte sich ein neues ausgedacht habe. Jedenfalls ist er jetzt gerade wieder auf ein neues Testament versessen und ich werde hinfahren und ihn aufsuchen. Kommst du mit? Du kennst doch den alten Herrn?«

»Nicht um mein Leben komme ich mit,« sagte der andre hastig. »Ich kenne ihn allerdings und er kennt mich! Er weiß, daß ich mit Gilbert auf gutem Fuß stehe. Ich war einmal mit Gilbert zusammen zwei Tage bei ihm im Hause. Um Gottes willen, gib nicht zu, daß du mein Bruder bist, sonst wird er sich eine andre Anwaltsfirma aussuchen.«

»Es ist nicht meine Gepflogenheit, mich meiner Verwandtschaft mit dir zu rühmen,« erwiderte Jack.

»Du bist ein frecher Teufel,« erwiderte Leslie anerkennend. »Aber ich glaube, als Anwalt mußt du wohl so sein.«

Jack Frankfort reiste am Nachmittag nach Huntingdon hinunter; in seinem Abteil befand sich ein freundlicher Mann, mit dem er bald ins Gespräch kam, da sie beide nicht zu jenen unleidlichen Durchschnittsengländern gehörten, die auf der Reise eine unüberwindliche Scheu vor der Anknüpfung einer Unterhaltung haben.

Der Herr war offenbar schon in der ganzen Welt herumgekommen und kannte viele Leute, die auch Jack bekannt waren. Er plauderte eine Stunde lang interessant über fremde Gegenden, und als der Zug auf der kleinen Aussteigestation Jacks anhielt, stieg sein Reisegefährte mit ihm aus.

»Was für ein merkwürdiges Zusammentreffen,« sagte der Fremde herzlich. »Das ist auch mein Reiseziel; ein wunderliches kleines Nest, nicht wahr?«

Trotz der Bezeichnung ›wunderlich‹ war es ein sehr freundliches Städtchen und hatte einen der behaglichsten Gasthöfe Englands aufzuweisen, wo die beiden Reisegenossen in zwei aneinanderschließenden Zimmern untergebracht wurden.

Jack Frankfort hoffte, mit seinem Auftrag noch am Abend fertig zu werden, um mit einem Nachtzug nach London zurückfahren zu können; doch wußte er, daß es unklug wäre, sich auf eine rasche Geschäftsabwicklung bei dem alten Herrn zu verlassen.

Tatsächlich war er kaum eine Viertelstunde im Hotel, als er eine Weisung aus der ›Residentschaft‹ empfing, Sir John sei erst um zehn Uhr abends zu sprechen.

»Damit kann ich jeden Gedanken, heute nach London zurückzukommen, fahren lassen,« sagte Jack verzweifelt.

Beim Essen traf er seinen Reisegefährten.

Obgleich er sonst im einzelnen nicht mit den Lebensgewohnheiten Sir Johns vertraut war, wußte er doch, daß spätes Abendessen eines seiner Steckenpferde war, und da er keine Lust hatte, einen hungrigen Abend zu verbringen, hatte er das Essen um dreißig Minuten früher bestellt, als es sonst in dem kleinen Hotel üblich war.

Dies erklärte er mit entschuldigenden Worten dem gemütlichen Mann, der ihm gegenüber saß, während sie sich über einen vorzüglich gebratenen Kapaun unterhielten.

»Es paßt mir sehr gut,« sagte der andre, »ich habe eine Reihe von Geschäften in der Nachbarschaft zu erledigen. Sie müssen wissen,« erklärte er, »ich bin der Besitzer einer Geldschrankfirma.«

»Geldschrankfirma?« wiederholte Jack erstaunt.

Der Mann nickte.

»Obwohl es Ihnen sonderbar klingen mag, so ist es doch ein recht weitverzweigtes Geschäft,« sagte er. »Wir handeln hauptsächlich in Tresors und Stahlkammern, sowohl neuen wie gebrauchten. In London besitzen wir ein ziemlich großes Verkaufslager; aber ich werde nicht gegen die Höflichkeit verstoßen« – er lächelte – »und versuchen, etwas aus meinem Bestand bei Ihnen abzusetzen.«

Frankfort war belustigt.

»Geldschrank-Handlung,« sagte er. »Man kann sich gar nicht vorstellen, daß man bei so etwas Geld herausschlagen kann.«

»Das kann man sich bei keinem Geschäftszweig vorstellen,« entgegnete der andre. »Die einträglichsten Unternehmungen sind solche, wo sich der Scharfsinn in bare Münze verwandelt.«

»Zum Beispiel –?«

»Zum Beispiel der Beruf eines Rechtsanwalts,« lächelte der andre. »O ja, ich weiß. Sie sind ein Rechtsanwalt, das sieht man Ihnen an, und ich hätte Ihren Stand erraten, wenn ich auch nicht Ihre Aktentasche und dann Ihren Namen gesehn hätte.«

Jack Frankfort lachte.

»Sie sind scharfsinnig genug, um selbst ein Rechtsanwalt zu sein,« bemerkte er.

»Sie machen sich selbst ein Kompliment,« entgegnete der andre.

Als Jack später in der Hauptstraße einen Einspänner heranrief, um nach der ›Residentschaft‹ zu fahren, sah er ein großes gedecktes Lastauto, an dessen Seite nur die einfache Aufschrift stand: ›St. Brides Geldschrank-Gesellschaft‹.

Er sah auch seinen angenehmen Reisegefährten in ernstem Gespräch mit dem schwarzbärtigen Chauffeur.

Ein wenig später setzte sich das Lastauto durch die engen Straßen der Stadt in Bewegung und schlug die Richtung nach London ein.

Jack Frankfort hatte keine Zeit, Betrachtungen darüber anzustellen, welche Verkaufsmöglichkeiten für Geldschränke die kleine Stadt biete, denn fünf Minuten später befand er sich in Sir John Standertons Arbeitszimmer.

Der alte General gehörte zu dem Typ, der oft in Witzblättern abgebildet wird. Er war stattlich, hatte ein rotes Gesicht und trug einen kurzgeschorenen Streifen weißen Backenbartes, der plötzlich unter seinem Ohr endete und sich in einem langen buschigen weißen Schnurrbart durch das Gesicht fortsetzte. Außer einem schmalen Kranz weißen Haares, der sich von Schläfe zu Schläfe über das Hinterhaupt zog, war er kahlköpfig. Seine Redeweise ließ sich mit einer Reihe von Explosionen vergleichen. Als der junge Mann in das Arbeitszimmer eintrat, blickte der Alte unter seinen wilden Augenbrauen hervor und musterte ihn von Kopf zu Fuß.

Er war Rechtsanwälte gewöhnt; er kannte alle Abarten und hatte sie in zwei verschiedene Klassen geteilt – sie waren entweder Schurken oder Narren. Für diesen alten Herrn gab es keine Zwischenstufe, und er hegte keinen Zweifel darüber, daß Jack Frankfort, ein klug aussehender junger Mann, zu der ersten Klasse zu rechnen sei. Er forderte ihn barsch auf, Platz zu nehmen.

»Ich möchte mit Ihnen über mein Testament sprechen,« sagte er. »Ich trage mich seit einiger Zeit ernsthaft mit dem Gedanken, die Verteilung meines Besitztums anderweitig zu regeln.«

Das war seine stets gleichbleibende Formel. Sie sollte den Eindruck hervorrufen, er sei erst nach langen und sorgfältigen Erwägungen zu dem gegenwärtigen Entschluß gekommen, und als sei das Aufstellen eines Testaments ein ernsthaftes und wichtiges Geschäft, das man vielleicht ein- oder zweimal während seines Lebens unternimmt.

Jack nickte.

»Sehr wohl, Herr General,« sagte er. »Haben Sie einen Entwurf?«

»Ich habe keinen Entwurf,« fuhr ihn der andre an. »Ich habe ein schon vorbereitetes Testament, und hier ist eine Abschrift davon.«

Er warf es seinem Anwalt zu.

»Ich weiß nicht, ob Sie das schon gesehn haben?«

»Ich glaube, ich habe eins in meiner Tasche,« sagte Jack Frankfort.

»Was zum Teufel wollen Sie damit sagen, daß Sie mein Testament in Ihrer Tasche mit herumschleppen?« schnarrte der andre.

»Ich wüßte mir keinen andern Ort dafür,« sagte der junge Mann gelassen. »Sie würden es doch nicht gerne sehn, wenn ich es in meiner Hosentasche mit mir herumtrüge, nicht wahr?«

Der General starrte ihn an.

»Werden Sie nicht unverschämt, junger Mann,« sagte er unheilvoll.

Das war kein guter Anfang, aber Jack wußte, daß jede Taktik angewendet worden war, von der schmeichlerischen bis zur hochtrabenden; aber keine hatte Erfolg gehabt, und das Ende aller Bemühungen, soweit die Anwälte in Betracht kamen, war immer der Abbruch der Geschäftsbeziehungen zu dem Hause des Generals.

Er wäre ein ziemlich wertvoller Klient, wenn man ihn dauernd festhalten könnte. Aber kein einziger Anwalt hatte noch eine Methode entdeckt, ihn sich zu sichern.

»Also gut,« sagte der General schließlich. »Nun bitte, bringen Sie genau zu Papier, welches meine Wünsche sind, und machen Sie dann einen entsprechenden Testamentsentwurf. In erster Linie widerrufe ich alle früheren Testamente.«

Jack, mit Papier und Bleistift bewaffnet, nickte und notierte sich die Sache.

»Als zweites wünsche ich, daß Sie klar zum Ausdruck bringen, daß kein Pfennig meines Vermögens an Dr. Sundles Hundeheim geht. Der Mann ist unverschämt gegen mich gewesen, und ich hasse Hunde nun einmal. Keinen Pfennig meines Geldes soll irgendein Krankenhaus oder überhaupt irgendeine Wohltätigkeitsanstalt bekommen.«

Der alte Sünder deklamierte dies alles mit Genugtuung.

»Ich hatte ursprünglich die Absicht, eine recht ansehnliche Geldsumme als Stammkapital für ein Krankenhaus zu hinterlassen,« erläuterte er, »aber nach dem Verhalten dieser schändlichen Regierung – –«

Jack lag die Frage auf der Zunge, was die Auseinandersetzung des alten Herrn mit der bösen Regierung damit zu tun habe, daß er allen Wohlfahrtseinrichtungen für die Armen seine Unterstützung entzog, aber wohlweislich behielt er die Frage für sich.

»Überhaupt keine Wohltätigkeitsanstalt.«

Der alte Herr sprach langsam und schlug bei jedem Wort nachdrücklich auf den Tisch.

»Hundert Pfund vermache ich dem Heeres-Mäßigkeitsverein, obgleich ich ihn für eine eselhafte Einrichtung halte. Hundert Pfund für das Soldatenheim in Aldershot, die auf tausend Pfund erhöht werden, wenn man ihm seinen konfessionellen Charakter nimmt.« Er grinste und fügte hinzu: »Aber es wird zur Kirche von England gehören bis zum jüngsten Tag, daher ist das Geld sicher! Und,« fuhr er fort, »kein Geld für die hiesige Krankenkolonie – lassen Sie dieses Legat ja nicht mit einschlüpfen. Dieser blöde verrückte Doktor – ich habe seinen saudummen Namen vergessen – stand an der Spitze der Bewegung, die ein Wegerecht durch mein Besitztum durchsetzen wollte. Ich werde ihm schon ein ›Wegerecht‹ geben,« sagte er boshaft.

Er brauchte eine halbe Stunde, um alle die Leute einzeln anzuführen, die in seinem Testament nicht bedacht werden sollten, und während dieser Zeit überschritt der Gesamtbetrag seiner spärlichen Legate nicht die Summe von tausend Pfund.

Als er zu Ende war, schaute er den jungen Rechtsanwalt ratlos an, und ein leiser Schimmer von Humor trat in seine harten blauen Augen.

»Ich denke, wir haben jedermann bedacht,« sagte er, »ohne wesentliche Verfügungen getroffen zu haben. Kennen Sie meinen Neffen?« fragte er plötzlich.

»Ich kenne einen Freund Ihres Neffen.«

»Sind Sie verwandt mit diesem grinsenden Idioten Leslie Frankfort?« brüllte der alte Mann.

»Er ist mein Bruder,« sagte der andre ruhig.

»Hmpf,« machte der General. »Ich dachte mirs gleich, als ich Ihr Gesicht sah. Sind Sie mit Gilbert Standerton zusammengekommen?« fragte er plötzlich.

»Ich habe ihn ein- oder zweimal getroffen,« sagte Jack Frankfort gleichgültig, »so wie Sie wohl auch mit Leuten zusammenkommen, nur um zu fragen: ›Wie geht es Ihnen?‹ und dergleichen.«

»Ich bin niemals mit Leuten zusammengekommen, nur um zu sagen: ›Wie geht es Ihnen?‹« protestierte der alte Herr schnaubend. »Für was für einen Burschen halten Sie ihn?« fragte er nach einer Pause.

Leslies Mahnung, ein gutes Wort für Gilbert einzulegen, kam dem jungen Mann in den Sinn.

»Ich halte ihn für einen recht anständigen Menschen,« sagte er. »Wenn er auch etwas zurückhaltend und ein bißchen verschlossen ist.«

Der alte Mann funkelte ihn an.

»Mein Neffe verschlossen? Zurückhaltend?« brach er los. »Natürlich ist er zurückhaltend. Glauben Sie denn, ein Standerton ist Allerweltsware? An unsrer Familie gibt es nichts Müller-Meier-Schulzenhaftes, Sir. Wir sind alle zurückhaltend, Gott sei Dank. Ich bin der zurückhaltendste Mann, dem Sie je in Ihrem Leben begegnet sind.«

»So siehst du aus,« dachte Jack, gab aber seinen Gedanken keinen Ausdruck. Statt dessen setzte er das Thema mit der ihm eigenen Schlauheit fort.

»Er gehört zu den Menschen,« sagte er harmlos, »denen Geld zu geben, ich für ziemlich überflüssig halte.«

»Warum?« fragte der General mit steigender Wut.

Jack zuckte die Achseln.

»Nun, er macht kein großes Haus und gibt sich keine Mühe, eine besondere Stellung in der Londoner Gesellschaft einzunehmen. Tatsächlich behandelt er die Gesellschaft, als ob er etwas Besseres wäre.«

»Und das ist er auch,« grollte der General. »Wir sind alle etwas Besseres als die Gesellschaft. Glauben Sie, Sir, ich kümmere mich einen Deut um irgend jemand von diesen Leuten hierzulande? Denken Sie etwa, der Lord High Towers und die Lady Grange imponieren mir? Und die verschiedenen neugebackenen adligen Emporkömmlinge, die das Land bevölkern wie – wie – Feldmäuse? Nein, Sir! Und ich habe das Vertrauen zu meinem Neffen, daß er die gleiche Gesinnung hat. Die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung ist nicht so viel wert!« Er schnippte mit den Fingern in Jacks unbewegliches Gesicht. »Das gibt den Ausschlag,« sagte der General mit Entschiedenheit und deutete mit dem Finger auf die Notizen, die der andre gemacht hatte. »Den Rest meines Besitzes vermache ich an Gilbert Standerton. Bringen Sie das zu Papier.«

Zweimal zu seinen Lebzeiten hatte er die gleichen Worte geäußert, und zweimal hatte er seinen Sinn geändert. Es war leicht möglich, daß er sich wieder eines andern besinnen würde. Falls der Ruf, der ihm in dieser Beziehung anhaftete, begründet war, konnte sich sein Wille schon bis zum nächsten Morgen gewandelt haben.

»Bleiben Sie bis morgen hier,« sagte er bei der Verabschiedung. »Bringen Sie mir den Entwurf zur Frühstückszeit.«

»Um wieviel Uhr?« fragte Jack höflich.

»Zur Frühstückszeit,« brüllte der alte Mann.

»Zu welcher Stunde frühstücken Sie?«

»Zur gleichen Stunde wie jedes zivilisierte menschliche Wesen,« herrschte ihn der General an. »Um fünfundzwanzig Minuten vor ein Uhr. Um welche Zeit frühstücken denn Sie, um des Himmelswillen?«

»Um zwanzig vor ein Uhr,« sagte Jack milde und war auf dem ganzen Heimweg mit sich selbst zufrieden.

An diesem Abend bekam er seinen Reisegefährten nicht mehr zu Gesicht, sondern traf ihn erst am nächsten Morgen beim ersten Frühstück zu der gut bürgerlichen Zeit von halb neun Uhr.

In der Zwischenzeit mußte sich etwas ereignet haben, das den gleichmäßig fröhlichen Charakter des Mannes verändert hatte. Er war düster und schweigsam und sah abgespannt, beinah krank aus, sagte sich Jack. Möglicherweise war es eine schlechte Zeit für den Absatz von Geldschränken, wie für alle andern Erwerbszweige. Aus dieser Erwägung vermied er, vom Geschäft zu sprechen, und während der Mahlzeit wurden kaum ein halbes Dutzend Sätze zwischen den beiden ausgetauscht.

Als Jack Frankfort wieder in die ›Residentschaft‹ kam, stellte er zu seiner Überraschung fest, daß der alte Herr seinen Entschluß über Nacht nicht geändert hatte. Er hatte noch dieselbe Absicht, schien sie sogar noch mehr zu betonen, so daß Jack ihn wirklich nur mit größter Mühe daran verhindern konnte, ein armseliges Hundert-Pfund-Vermächtnis für eine Armen-Apotheke im Norden zu streichen.

»Das ganze Geld soll in der Familie bleiben,« sagte der General kurz; »es ist sinnlos, es so hundertpfundweise zu verzetteln, es macht einem nur Unbequemlichkeiten. Ich nehme an, es wird noch einige Jahre dauern, bis er die Verfügung über das Geld bekommt, aber ›Vorbedacht‹ ist der Wahlspruch unsrer Familie.«

Es schlug zu Gilberts Vorteil aus, daß der Anwalt auf der Forderung bestand, das Legat für die Armen-Apotheke wieder einzusetzen. Schließlich strich der General überhaupt jedes Legat im Testament aus, und in dem kürzesten Schriftstück, das er je unterzeichnet hatte, vermachte er sein gesamtes bewegliches und unbewegliches Besitztum ausschließlich ›meinem lieben Neffen‹.«

»Er ist verheiratet, nicht wahr?« fragte er.

»Ich glaube, ja,« sagte Jack Frankfort.

»Sie glauben! Was nützt mir Ihr Glaube,« entrüstete sich der alte Mann. »Sie sind mein Anwalt und Ihr Beruf ist es, alles zu wissen. Bringen Sie heraus, ob er verheiratet ist, wer seine Frau ist, woher sie stammt, und schicken Sie ihnen eine Einladung zum Diner bei mir.«

»Wann?« erkundigte sich der verdutzte Anwalt.

»Heute abend,« sagte der alte Herr. »Es kommt ein Mann aus Yorkshire, mein Arzt, auf Besuch zu mir; es wird eine lustige Gesellschaft geben. Ist sie hübsch?«

»Ich glaube, ja.«

Jack sagte dies zögernd, denn er war ehrlich im Zweifel darüber, da er sehr wenig über Gilbert und seine Angelegenheiten wußte.

»Wenn sie hübsch und eine vornehme Dame ist,« sagte der alte General langsam, »werde ich noch ein besonderes Vermächtnis für sie machen.«

Jack bekam es mit der Angst. Sollte das ein neues Testament bedeuten? Wohl oder übel, die Telegramme wurden losgelassen.

Edith empfing das ihrige und las es voller Staunen.

Das an Gilbert blieb auf dem Tisch in der Diele liegen; denn er war weder während der vergangenen Nacht noch im Lauf dieses Tages zu Hause erschienen.

Die rotgeweinten Augen der jungen Frau legten beredtes Zeugnis ab für die Sorgen, die sie sich um ihn machte.

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