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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 13
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
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12
Der Aufbewahrungsort der Beute

»Will der ungebetene Gast von Hatton Garden mit dem Mann, der auf dem Boden lag, in Verbindung treten und eine Zusammenkunft ermöglichen? Der Mann auf dem Boden hat einen Vorschlag zu machen und verspricht dem ungebetenen Gast persönliche Sicherheit.«

Als Gilbert Standerton beim Frühstück diese Anzeige las, spielte ein leises Lächeln um seine Mundwinkel.

Edith sah das Lächeln.

»Was belustigt dich, Gilbert?« fragte sie.

»Es gibt so komische Anzeigen, denke ich gerade.«

Sie hatte die Richtung seiner Augen verfolgt, merkte sich genau die Seite der Zeitung und wartete auf eine günstige Gelegenheit, um selbst den Grund für seine Belustigung zu finden.

»Übrigens,« sagte er leichthin, »ich werde heute etwas Geld auf deinen Namen bei der Bank anlegen.«

»Auf meinen Namen?« fragte sie.

Er nickte.

»Ja, ich habe in der letzten Zeit auf der Börse ziemlich Glück gehabt – ich habe aus amerikanischen Eisenbahn-Papieren zwölftausend Pfund erzielt.«

Sie blickte ihn fest an.

»Ist das dein Ernst?« fragte sie.

»Warum soll das nicht mein Ernst sein,« entgegnete er. »Weißt du, amerikanische Eisenbahnen sind kürzlich ziemlich in die Höhe gegangen und so bin ich zu diesem Gewinn gekommen.«

Wieder lächelte er. »Ich griff zu, als sie niedrig standen, und stieß sie ab, als sie in die Höhe gingen. Hier ist die Aufstellung des Maklers.«

Er zog sie aus der Tasche und reichte sie über den Tisch.

»Ich habe das Gefühl,« sagte er in scheinbar scherzhaftem Ton, »du solltest wissen, daß ich nicht mein ganzes Einkommen aus meinem dunklen Gewerbe beziehe.«

Sie gab keine Antwort darauf. Sie wußte, wer der vierte Mann gewesen war. Warum war er dorthin gegangen? Was hatte er für ein Ziel damit verfolgt?

Wenn er ein Detektiv gewesen wäre oder im Dienste der Regierung gehandelt hätte, würde er es ihr gestanden haben. Ihr Herz hatte gezittert, als sie die in den Zeitungen entwickelte, aufregende Mutmaßung las.

Er war der andre Einbrecher.

Dies alles ging ihr durch den Kopf, während er das Papier vor ihr auf den Tisch gelegt hatte.

Die Aufstellung war klar genug; da standen die Beträge schön säuberlich geordnet und nacheinander aufgeführt.

»Du wirst bemerken, daß ich nicht alles auf deinen Namen eingetragen habe,« scherzte er, »etwas davon geht auch auf meinen.«

»Gilbert,« fragte sie, »warum hast du Geheimnisse vor mir?«

»Was für Geheimnisse habe ich vor dir?« erwiderte er.

»Warum hast du mir die Tatsache verschwiegen, daß du vorgestern Nacht in der Bank gewesen bist, als sich diese schreckliche Geschichte zutrug?«

Er antwortete nicht gleich.

»Ich habe es dir nicht verschwiegen,« sagte er dann. »Ich habe es tatsächlich zugegeben – es ist mir entschlüpft, das gestehe ich, aber ich habe es zugegeben.«

»Was hast du dort getan?« forschte sie.

»Meinem Glücksstern bin ich nachgegangen,« sagte er feierlich. Aber sie ließ sich durch seinen scherzhaften Ton nicht abbringen.

»Was hast du dort getan?« fragte sie wieder.

»Ich habe drei interessante Einbrecher bei ihrer Arbeit beobachtet,« sagte er, »wie ich sie nicht nur einmal, sondern schon viele Male beobachtet habe. Siehst du, ich habe eine besondere Begabung nach einer Richtung. Von Natur aus hätte ich wohl ein Einbrecher werden sollen, aber meine Abkunft und Erziehung und eine gewisse Achtung vor dem Gesetz verhinderten diesen Lebenslauf. Ich bin ein Dilettant: ich begehe keine Verbrechen, aber ich habe ein ungeheures Interesse dafür. Ich suche,« sagte er langsam, »herauszufinden, welchen Zauber das Verbrechen auf ein normales Gemüt ausübt; außerdem habe ich einen besondern Grund, die Schätze, die diese Leute sammeln, zu kontrollieren.«

Ihre sorgenvolle Stirn offenbarte ihre Verwirrung; sie tat ihm leid; er wollte sie nicht aufregen, aber sie wußte nun schon so viel, daß er ihr mehr erzählen mußte.

Er hatte an die Möglichkeit geglaubt, alles vor ihr geheim zu halten; doch zwei Leute können nicht zusammen im gleichen Haus leben und sich gegenseitig für das Kommen und Gehen des andern interessieren, ohne daß etwas von ihren wohlbehüteten Geheimnissen enthüllt wird.

»Was ich nicht begreifen kann,« sagte sie gedehnt und um einen Anfang für dieses heikle Thema verlegen.

»Was kannst du nicht begreifen?« fragte er.

»Ich kann nicht begreifen, warum du plötzlich auf alle deine normalen Vergnügungen verzichtetest, warum du aus dem Auswärtigen Amt ausgetreten bist, warum du die Musik aufgegeben hast und, vor allem, warum dieser Umschwung in deinem Leben unmittelbar, nachdem die ›Melodie in F-Dur‹ gespielt wurde, eingetreten ist?«

Er schwieg einen Augenblick, und als er wieder sprach, klang seine Stimme leise und verwirrt.

»Du hast nicht ganz recht,« sagte er. »Ich hatte meine Beobachtungen des Verbrechertreibens schon begonnen, bevor jene Melodie gespielt wurde.« Er hielt ein. »Ich habe allerdings befürchtet, daß früher oder später die ›Melodie in F-Dur‹ unter meinem Fenster gespielt würde, und war auf diesen bösen Tag schon halb und halb gefaßt. Das ist alles, was ich dir sagen kann,« erklärte er.

»Sag mir nur das eine noch,« sagte sie, als er aufstand, »wenn ich dich geliebt hätte und dir alles gewesen wäre, was du dir wünschtest, hättest du dann auch diesen Weg eingeschlagen?«

Er sann eine Weile nach. »Das kann ich dir nicht sagen,« antwortete er schließlich, »möglich, daß ich es getan hätte, vielleicht auch nicht. Ja,« sagte er mit einem Kopfnicken, »ich hätte getan, was ich jetzt tue, nur wäre es mir viel schwerer gefallen, wenn du mich geliebt hättest. Wie es nun einmal ist – –« er zuckte die Achseln.

Bald danach ging er aus dem Hause; sie fand die Zeitung, die er gelesen hatte und entdeckte ohne Mühe die Anzeige.

Dann war er also der ungebetene Gast von Hatton Garden, und was er gesagt hatte, beruhte auf Wahrheit. Er hatte diese Leute beobachtet und sie hatten darum gewußt.

Es schwirrte in ihrem Kopf, als sie sich hinsetzte, um die Fäden des Geheimnisses zusammenzuknüpfen. Zum Schluß mußte sie es aus bloßer Erschöpfung aufgeben und war der Lösung nicht näher als am Anfang.

+++

Es hatte nicht in Gilberts Absicht gelegen, den Abend außer dem Hause zuzubringen. Er sagte sich, seine Frau würde sich ängstigen und sorgen; abgesehn davon hatte er die Häuslichkeit in gewissem Sinne schätzen gelernt; war auch das Leben, das er führte, außergewöhnlich, so hatte es doch seine reizvollen und anziehenden Seiten.

Das Bewußtsein, sie jeden Morgen zu treffen, tagsüber mit ihr zu sprechen und einen immer besseren Freund an ihr zu haben, bereitete ihm eine ganz besondere Freude.

Er war nach seinem kleinen, über einem Laden gelegenen Bureau in Cheapside gegangen, das er gemietet hatte, weil seine Geschäfte in der City es nötig machten.

Er schloß die Tür zu dem winzigen Zimmer im dritten Stock auf, trat ein und machte die Tür hinter sich zu. Es waren einige Briefe da, die an ihn in seiner Eigenschaft als Inhaber des Bureaus gerichtet waren; sie enthielten hauptsächlich geschäftliche Mitteilungen ohne besondere Bedeutung.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, um eine kurze Nachricht nach Hause zu geben; da er glaubte, er werde vielleicht heute abend spät heimkommen, wollte er sein Wegbleiben erklären. Obwohl er seiner Frau keine Rechenschaft über seine Schritte schuldig war, nahm sie nun einmal einen wichtigen Platz in seinem Leben ein und konnte mit gutem Grund erwarten, über seine nächsten Pläne unterrichtet zu sein.

Kaum hatte seine Feder das Papier berührt, als es an die Türe klopfte.

»Herein,« sagte Gilbert etwas überrascht.

Es kam selten vor, daß ihn Leute hier aufsuchten. Er erwartete, vielleicht einen Inseratenwerber zu sehen, der einen Auftrag bekommen wollte; doch der Mann, der eintrat, war nichts so Gewöhnliches. Gilbert kannte ihn als einen Herrn Wallis, einen umgänglichen, freundlichen Mann.

»Wollen Sie Platz nehmen, bitte?« sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, Herr Standerton,« erwiderte Wallis, machte aber keine Anstalten, sich zu setzen. »Hätten Sie etwas dagegen, auf mein Bureau mitzukommen?«

»Ich meine, wir können uns auch hier besprechen,« sagte Gilbert ruhig.

»Es wäre mir lieber, Sie in meinem Bureau zu sprechen,« sagte der Mann. »Wir sind dort ungestörter. Sie haben doch wohl keine Angst mitzukommen?« sagte er mit einem kaum merklichen Lächeln.

»Jedenfalls bin ich nicht gerade darauf versessen, zu Ihnen zu gehn,« lächelte Gilbert. »Aber da dieses Bureau hier sehr beschränkt und gar nicht für große Gedankenflüge geeignet ist, will ich mit Ihnen gehn. Ich nehme an, Sie haben die Absicht, mich in Ihr Vertrauen zu ziehn?«

Er blickte den andern eigentümlich an und Wallis nickte.

Die zwei Männer verließen zusammen das Bureau und Gilbert war wirklich neugierig, welchen Vorschlag ihm der andre machen würde.

Zehn Minuten später waren sie an dem Laden in der St. Bride-Straße, jener hervorragenden Geldschrankhandlung, deren Geschäft sich offenbar sprunghaft erweitert hatte.

Gilbert Standerton blickte um sich. Der Geschäftsführer, ein Muster von Ehrbarkeit, war anwesend. Er verbeugte sich höflich vor Wallis und war vielleicht etwas überrascht, ihn zu sehn, denn der Besitzer der Geldschrankhandlung war ein seltener Besuch in der St. Bride-Straße.

»In mein Bureau, denke ich,« schlug Wallis vor.

Er schloß die Tür hinter ihnen.

»Nun sagen Sie mal unumwunden, was wünschen Sie eigentlich?« fragte Gilbert.

»Nehmen Sie eine Zigarre?« Herr Wallis schob ihm die Kiste hin.

Gilbert lächelte.

»Sie brauchen keine Angst davor zu haben,« sagte Wallis mit einem Augenzwinkern. »Es ist kein Schwindel und nichts Unrechtes dabei, es ist meine Leibmarke.«

»Ich rauche keine Zigarren,« sagte Gilbert.

»Lüge Nummer eins,« entgegnete Wallis lustig. »Das ist ein vielversprechender Anfang für einen Austausch von Vertraulichkeiten. Nun, Herr Standerton, wir wollen ganz offenherzig gegeneinander sein, wenigstens ich werde ganz offen zu Ihnen sein. Ich hoffe. Sie werden mein Vertrauen erwidern, weil ich es nach meiner Meinung verdiene. Sie wissen so viel über mich und ich so wenig über Sie, daß es nur recht und billig wäre, wir glichen das Verhältnis aus.«

»Ich bin nicht abgeneigt,« sagte Gilbert, »und wenn ich irgendeinen Vorteil darin erblicken kann, dürfen Sie überzeugt sein, daß ich Ihrem Vorschlag entsprechend handeln werde.«

»Vor einigen Monaten,« sagte Herr Wallis, der langsam an seiner Zigarre paffte und aufmerksamen Blickes die Decke betrachtete, »waren ich und einer meiner Freunde mit einer fachmännischen Arbeit beschäftigt.«

Gilbert nickte. »Mitten in dieser Arbeit wurden wir von einem Gentleman unterbrochen, der sein Gesicht bescheiden hinter einer Maske verbarg aus einem Grunde, den er selbst am besten weiß.« Er zuckte mit den Achseln. »So sehr ich diesen Zwischenakt beklage, so kann ich doch seiner Verschwiegenheit meinen Beifall nicht versagen. Seitdem,« fuhr er fort, »sind die Bemühungen meiner Freunde in ihrem beruflichen Streben nach Reichtum von dem gleichen Gentleman gestört und vereitelt worden. Manchmal haben wir ihn zu Gesicht bekommen und manchmal haben wir seine Anwesenheit erst entdeckt, nachdem wir uns vom Schauplatz unsrer Tätigkeit zurückgezogen hatten. Nun, Herr Standerton, dieser junge Mann mag ausgezeichnete Gründe für sein ganzes Tun haben, aber er bildet eine beträchtliche Gefahr für unsre Sicherheit.«

»Wer ist der junge Mann?« fragte Gilbert Standerton.

»Der junge Mann,« sagte Herr Wallis, ohne seine Augen von der Decke wegzunehmen, »sind Sie selbst.«

»Woher wissen Sie das?« sagte Gilbert gelassen.

»Ich weiß es,« sagte der andre mit einem Lächeln, »und das genügt. Ich kann es merkwürdigerweise beweisen, ohne Ihr Gesicht erkannt zu haben.« Er schob ein Tintenfaß vom Tischende heran. »Möchten Sie nicht einen kleinen Fingerabdruck auf dieses Blatt Papier machen?« und legte ihm ein Blatt Papier hin.

Gilbert schüttelte lächelnd den Kopf.

»Ich sehe keinen Grund ein, warum ich es tun sollte,« sagte er kühl.

»Ganz richtig. Wenn Sie es täten, würden wir einen sehr interessanten Fingerabdruck zum Vergleich damit finden. Ich habe im Geschäft hier,« fuhr Herr Wallis fort, »einen großen Geldschrank, der schon mehrere Monate bei uns steht.«

Gilbert nickte.

»Eigentum eines Kunden, der die Schlüssel hatte,« sagte er.

»Ganz recht,« sagte Wallis, »Sie erinnern sich meiner Lüge darüber. Zu diesem Schrank gibt es drei Gruppen von Schlüsseln und ein Chiffreschloß. Ich habe drei gesagt,« – er verbesserte sich genau – »tatsächlich sind es vier. Ich beging eine grobe Nachlässigkeit, als ich vor drei Wochen die Schlüssel zu diesem Geldschrank in einer Rocktasche hier in diesem Bureau ließ.«

»Ich muß gestehn,« sagte er mit einem Lächeln, »daß ich Sie nicht in Verdacht hatte. Sie verfügten über eine so vollkommene Kenntnis meines Tuns oder meiner vielen Geheimnisse. Meine Dummheit fiel mir um elf Uhr des gleichen Abends ein und ich kam noch einmal zurück, um das Vergessene zu holen. Ich fand sie genau da, wo ich sie gelassen hatte, aber jemand anders hatte sie ebenfalls gefunden und dieser jemand anders hatte einen Wachsabdruck davon genommen. Überdies,« – er beugte sich Gilbert zu und dämpfte seine Stimme, »dieser jemand anders hat sich seitdem die Gewohnheit angeeignet, nächtlicherweile aus bestimmten Privatgründen an diesen Ort zu kommen. Sind Ihnen diese Gründe bekannt, Herr Standerton?«

»Vielleicht will er sich einen Geldschrank aussuchen?« meinte Gilbert ironisch.

»Er kommt, um uns den Ertrag unsrer Arbeit zu rauben,« sagte Wallis; da er Sinn für Humor hatte, lächelte er sogar bei diesen Worten.

»Irgendeine Persönlichkeit, deren Gewissen oder rechtschaffner Sinn sie verhindert, ein berufsmäßiger Einbrecher zu werden, gibt sich mit dem reizvollen Unternehmen ab, den Räuber zu berauben. Mit andern Worten, etwa zwanzigtausend Pfund in gutem Geld sind aus meinem Schrank entnommen worden.«

»Geliehen, darüber gibt es keinen Zweifel,« sagte Gilbert Standerton und lehnte sich mit den Händen in den Taschen und einem harten Ausdruck in den Augen in seinen Stuhl zurück.

»Was meinen Sie damit – geliehen?« fragte Wallis überrascht.

»Geliehen von jemandem, der Geld verzweifelt nötig hat; von jemandem, der sich auf Börsengeschäfte viel besser versteht als viele von den Leuten, die ein besonderes Studium daraus machen; von jemandem, dessen Kenntnisse ihm die schwierigsten Spekulationen mit der geringsten Verlustgefahr erlauben würden, der aber trotzdem fürchtet, irgendeinem unglückseligen Makler durch einen zufälligen Mißerfolg Schaden zuzufügen.«

Er beugte sich, mit dem Ellbogen auf dem Tisch und halb abgewandtem Gesicht, gegen Wallis vor. Er hatte die äußere Tür sich laut schließen hören und wußte, daß sie jetzt allein waren und daß Wallis es so geplant hatte.

»Ich brauchte Geld um jeden Preis,« sagte er. »Ich hätte es leicht stehlen können. Ich wollte es sogar. Ich habe Sie einen Monat lang beobachtet, wie ich andre Verbrecher jahrelang beobachtet habe. Ich kenne ebenso viele Tricks von diesem Gewerbe wie Sie. Erinnern Sie sich, daß ich im Auswärtigen Amt in der Abteilung war, die sich hauptsächlich mit ausländischen Spitzbuben befaßt, und daß ich in Wirklichkeit ein Polizeibeamter war, obwohl ich nicht die Befugnisse eines solchen hatte.«

»Ich weiß das alles,« sagte Wallis.

Er war neugierig, und wünschte ebensosehr, sich zu seinem unmittelbaren Nutzen belehren zu lassen, als zu dem Zweck, seine umfassende Menschenkenntnis zu erweitern.

»Ich bin ein Dieb – tatsächlich, der Grund braucht Sie nicht zu kümmern.«

»Hatte die Melodie in › F-Dur‹ irgend etwas damit zu tun?« fragte der andre trocken.

Gilbert Standerton sprang auf.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte er.

»Genau das, was ich sage,« erwiderte der andre, ihn scharf beobachtend. »Ich sage mir, Sie müssen ein absonderliches Verlangen gehabt haben, diese Melodie spielen zu hören. Warum? Ich muß gestehn, daß ich neugierig bin.«

»Sparen Sie sich Ihre Neugier für etwas auf, das Sie angeht,« entgegnete der andre barsch. »Wo haben Sie es erfahren?« fügte er hinzu und Wallis lachte.

»Wir haben Nachrichtenquellen – –« begann er prahlerisch.

»O, ja,« nickte Gilbert, »natürlich, Ihr Freund Smith wohnt bei den Wings. Das hatte ich vergessen.«

»Mein Freund Smith – Sie meinen meinen Chauffeur, vermute ich.«

»Ich meine Ihren Kumpan, das vierte Glied Ihrer Bande, den Mann, der nie bei einer Ihrer Unternehmungen auftritt und der in mannigfacher Verkleidung die Grundlagen für künftige Räubereien schafft. Oh, ich weiß Bescheid über diese ganze Geschichte,« sagte er, mit seiner Hand das Geschäftslokal umschreibend. »Ich kenne diese famose Idee mit einer Geldschrankhandlung. Sie ist sehr geistreich, aber nicht originell. Ich glaube, vor einigen Jahren hat man sie in Italien schon benutzt. Sie suchen Geldschränke in Landhäusern anzubringen, indem Sie sie zu lächerlichen Preisen anbieten, und der Rest ist einfach. Sie haben die Schlüssel und können jederzeit in das Haus, wohin ein solcher Schrank verkauft ist, und wissen genau, daß Sie die ganzen Wertsachen und das ganze flüssige Vermögen auf dem einen Platz versammelt finden, der Ihnen zugänglich ist.«

Wallis nickte. »Stimmt ganz genau, mein Freund,« sagte er. »Aber ich brauche keine Belehrung über mich selbst. Wollen Sie mir gütigst genau erklären, welche Rolle Sie spielen? Haben Sie den Eindruck, daß Sie zu den anständigen Leuten gerechnet werden?«

»Ich glaube nicht,« sagte der andre kurz. »Die Moral meiner Handlungen hat durchaus nichts mit der Sache zu tun. Darüber gebe ich mich keiner Täuschung hin.«

»Sie sind ein glücklicher Mann,« sagte George Wallis beifällig. »Aber wollen Sie mir bitte sagen, welche Rolle Sie spielen, und wie Sie Ihre Handlungsweise rechtfertigen, von Zeit zu Zeit große Geldsummen aus unserm Besitz fortzunehmen und an Ihren eigenen geheimen Aufbewahrungsort zu bringen?«

»Ich rechtfertige sie nicht,« sagte Gilbert. Er stand auf und schritt in dem kleinen Bureau auf und ab, während der andre ihn nicht aus den Augen ließ.

»Ich sage Ihnen, ich weiß, daß ich dem Sinne nach ein Dieb bin, aber ich arbeite nach einem bestimmten Plan.«

Er wandte sich dem andern zu.

»Wissen Sie, daß es keinen Raubzug gibt, den Sie unternommen haben, ohne daß ich den genauen Ertrag kannte? Es gibt kein Juwelenstück, das Sie an sich genommen haben, von dem ich nicht den Besitzer und den genauen Wert kenne. Ja,« nickte er, »ich weiß auch, daß Sie keinen einzigen Gegenstand ›verklopft‹ und daß Sie alles in Ihrem Geldschrank aufbewahrt haben. Wenn ich Glück habe, hoffe ich, nicht nur Ihnen zu ersetzen, was ich Ihnen weggenommen habe, sondern auch jeden Pfennig zurückzuerstatten, den Sie gestohlen haben.«

Wallis fuhr auf. »Wie meinen Sie das?« fragte er.

»Seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzuerstatten,« fuhr Gilbert gelassen fort.

»Ich habe mich bemüht, in eine Lage zu kommen, in der ich Ihnen sagen kann: »Hier ist ein Halsband, Eigentum der Lady Dynshird, im Werte von viertausend Pfund, ich will Ihnen einen anständigen Preis dafür geben, wollen wir sagen eintausend – das ist viel mehr, als Sie bei einem Verkauf erlösen könnten – und wir wollen es seiner Besitzerin zurückerstatten. Ich will zu Ihnen sagen: ›Ich habe zehntausend Pfund in Gold und in französischen Banknoten aus Ihrem Verwahrungsort genommen, hier ist der Betrag für Sie selbst, hier ist ein entsprechender Betrag, der den Leuten, denen das Geld genommen worden ist, zurückgegeben werden muß.‹ Ich habe eine sorgfältige Aufstellung über jeden Pfennig gemacht, den Sie gestohlen haben, seit ich als außerordentliches Mitglied mit Ihrem Trupp in Verbindung stehe.«

Er lächelte grimmig.

»Mein lieber Don Quijote,« näselte George Wallis ungläubig. »Sie haben sich eine unmögliche Aufgabe vorgenommen.«

Gilbert schüttelte seinen Kopf.

»Nein, wirklich nicht,« entgegnete er. »Ich habe weit mehr Geld auf der Börse gewonnen, als ich je geglaubt hätte, in meinem Leben zu besitzen.«

»Wollen Sie mir eine Frage beantworten,« sagte der andre. »Wie ist Ihr plötzliches Verlangen nach Reichtum zu erklären – dieses plötzliche Verlangen, das, wenn ich mich nicht täusche so plötzlich aufkam?«

»Dafür kann ich Ihnen keine Erklärung geben,« sagte Gilbert und seine Worte klangen unnachgiebig.

Es entstand eine kleine Pause, dann stand George Wallis auf.

»Ich meine, es wäre besser, wir würden uns nun verständigen,« sagte er. »Sie haben uns an die zwanzigtausend Pfund weggenommen – zwanzigtausend Pfund von unserm Hab und Gut sind einfach nicht mehr vorhanden.«

Wieder schüttelte Gilbert den Kopf.

»Nein, nicht ein Pfennig davon ist weg. Ich sage Ihnen, ich habe es als Reserve für den Bedarfsfall gebraucht. Tatsächlich habe ich es jetzt nicht mehr nötig,« lächelte er. »Ich könnte es Ihnen heute abend zurückerstatten.«

»Sie würden mich zu großem Dank verpflichten, wenn Sie es täten,« entgegnete Wallis.

Gilbert schaute ihn an.

»Sie gefallen mir eigentlich, Wallis,« sagte er, »Sie haben etwas an sich, was mich zur Bewunderung reizt, ein so großer Gauner Sie auch sind.«

»Große Gauner wir sind,« verbesserte Wallis. »Da Sie ja sonst keine Illusionen haben, machen Sie sich, bitte, jetzt auch darüber keine!«

»Sie haben wohl recht,« sagte der andre traurig.

»Wie soll die Sache nun zu einem Ende kommen?« fragte Wallis. »Wo wollen wir die Abrechnung vornehmen? Und sind Sie gewillt, mit dieser hochherzigen Regelung fortzufahren, solange mein Unternehmen besteht?«

Standerton schüttelte den Kopf.

»Nein,« erwiderte er, »Ihr Geschäft nimmt heute abend sein Ende.«

»Mein Geschäft?« fragte Wallis verdutzt.

»Ja, Ihr Geschäft,« antwortete der andre. »Sie haben sich Geld genug verschafft, um sich damit zur Ruhe zu setzen. Geben Sie es auf! Ich habe so viel Geld erworben, daß ich Ihren ganzen Bestand an Wertsachen« – wieder lächelte er – »übernehmen und jeden Pfennig wieder ersetzen kann, den Sie gestohlen haben. Ich wäre in den nächsten Tagen mit diesem Vorschlage zu Ihnen gekommen.«

»Und so sollen wir also heute abend Schluß machen, meinen Sie?« sagte Wallis nachdenklich. »Mein lieber Freund,« sagte er heiter, »heute abend – gerade wo ich im Begriff bin, den wunderbarsten aller meiner Streiche auszuführen! Sie würden lachen, wenn Sie erführen, wen ich mir zum Opfer auserkoren habe.«

»Mir ist seit einiger Zeit gar nicht nach Lachen zumute,« erwiderte Gilbert. »Wer ist es?«

»Ich werde es Ihnen ein andermal sagen,« antwortete Wallis.

Mit den Händen in den Taschen ging er zur Bureautüre, blieb eine kleine Weile stehen, um einen mächtigen Geldschrank zu bewundern, und pfiff einen Schlager vor sich hin.

»Finden Sie nicht auch, daß es eine hervorragende Idee von mir ist,« fragte er so nebenbei mit der Miene eines Vorstadtbürgers, der voll Stolz ein neues Gurkenbeet zeigt, »dieser Geldschrank?«

»Ja, ich finde sie ganz ausgezeichnet.«

»Das Geschäft geht gut,« sagte Wallis wehmütig. »Es ist ein Jammer, es aufgeben zu sollen, nachdem wir so viele Unannehmlichkeiten hinter uns haben. Wissen Sie, vielleicht verkaufen wir im Jahr kein halbes Dutzend an die richtige Art von Leuten, aber wenn wir auch nur einen einzigen verkaufen – nun dann machen sich unsere Spesen bezahlt! Die Sache ist so einfach,« sagte er.

»Übrigens, haben Sie keinen wertvollen Halsschmuck vermißt, den man der Polizei ausgehändigt hat? Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen!« Er erhob die Hand. »Ich begreife, das ist eine Familienangelegenheit. Es tut mir leid, Ihnen irgendwie Unannehmlichkeiten bereitet zu haben.«

Seine spöttische Höflichkeit machte Gilbert Spaß.

»Es war keine Familiensache,« sagte er. »Ich hatte keine Ahnung, wem er gehöre; es war nur jemand sehr nachlässig – – . Ich fand den Halsschmuck außerhalb des Geldschrankes. Offenbar hatte man andre Habe eilig in Verwahrung gebracht und dabei ist er herabgefallen.«

»Ich bin Ihnen sehr zu Dank verbunden,« sagte Wallis. »Sie haben etwas beiseite gebracht, was sonst vielleicht den achtbaren Herrn Timmings in große Versuchung geführt hätte.«

Er nahm einen Schlüssel aus der Tasche, drehte am Kombinationsschloß und öffnete den Schrank. Nichts darin ließ auf den ersten Blick vermuten, daß hier das Lager des berühmtesten Diebes von London sei. Jeder Gegenstand war sehr sorgfältig verpackt und verschnürt. Er schloß die Tür wieder.

»Das ist nur die Hälfte des Schatzes,« sagte er.

»Nur die Hälfte – was meinen Sie damit?«

Gilbert zeigte eine so ehrliche Überraschung, daß ein leises spöttisches Lächeln um die Lippen des andren spielte.

»Ich dachte, daß Sie darüber sehr erstaunt sein würden,« sagte er. »Ja, das ist nur die Hälfte. Ich werde Ihnen etwas zeigen. Nachdem Sie schon soviel wissen, warum sollten Sie nicht alles wissen?«

Er kehrte ins Bureau zurück, schloß die Tür zu einem andern Raum auf und schritt, von Gilbert gefolgt, hinein. Es war ein kleines, durch Oberlicht beleuchtetes Zimmer, dessen Mitte von einer Art Käfig eingenommen wurde. Es war in Wirklichkeit ein Stahlgitter zum Umschließen von Geldschränken, wie sie manchmal französische Firmen verkaufen.

»Ein hübscher Käfig,« sagte Herr Wallis mit Stolz.

Er schloß die schmale Stahltür auf und trat hinein; Gilbert folgte ihm.

»Wie haben Sie ihn überhaupt hereingebracht?« fragte Gilbert neugierig.

»Er war in Teile zerlegt und ist eben erst zusammenmontiert worden, damit er Kunden gezeigt werden kann. Er kann sehr leicht auseinandergenommen werden und zwei oder drei Mechaniker können ihn in einem Tag wegschaffen.«

»Ist das Ihre andre Abteilung?« fragte Gilbert trocken.

»In gewissem Sinne ja,« sagte Wallis, »und ich werde Ihnen zeigen wieso. Wenn Sie dort in die Ecke gehn und den ersten Riegel herunterziehn, werden Sie etwas sehn, was Sie vielleicht nie zuvor gesehn haben.«

Gilbert war schon halbwegs in der Ecke, als ihm plötzlich der durchsichtige Trick klar wurde. Er wandte sich rasch um, aber eine Pistole war genau auf sein Herz gerichtet.

»Nehmen Sie Ihre Hände hoch, Herr Gilbert Standerton,« sagte George. »Sie mögen es ja mit Ihren Abrechnungsvorschlägen ganz ehrlich meinen, aber ich habe mir doch überlegt, daß ich lieber erst noch das Geschäft heute abend ausführe, bevor ich mich ins Privatleben zurückziehe. Sie müssen wissen, es wird wieder ein Fall poetischer Gerechtigkeit sein. Ihr Onkel – –«

»Mein Onkel!« sagte Gilbert.

»Ihr Onkel,« erwiderte der andre mit einer Verbeugung. »Ein ehrenwerter, aber wunderlicher alter Gentleman, der in einem unsrer besten Geldschränke Juwelen im Werte von beinah einer Viertelmillion Pfund verwahrt hat, die berühmten Standerton-Diamanten, die Sie, nehme ich an, eines Tages erben sollen.«

»Ist es nicht poetische Gerechtigkeit,« fragte er, während er, mit seiner Pistole den Gefangenen in Schach haltend, rückwärts hinausging, »gerade Sie ein bißchen zu berauben? Möglicherweise,« fuhr er mit grimmigem Humor fort, »habe auch ich Gewissensskrupel und werde bestrebt sein. Ihnen das Eigentum, das ich heute nacht stehlen werde, wieder zu ersetzen.«

Er ließ die Gittertür klirrend einschnappen, schloß sie zweimal ab und ging an die Tür zum Bureau.

»Sie werden hier achtundvierzig Stunden bleiben,« sagte er; »nach Ablauf dieser Zeit werden Sie frei gelassen werden – auf mein Wort. Es mag sehr unangenehm für Sie sein, aber es gibt noch viel unangenehmere Ereignisse im Leben, die wir erdulden müssen. Ich überlasse Sie Ihrem gütigen Geschick.«

Damit ging er hinaus. Gilbert glaubte, er sei fortgegangen, aber nach einer Viertelstunde kehrte er wieder, brachte einen großen Kaffeetopf, zwei funkelnagelneue Thermosflaschen und zwei Pakete mit, deren Inhalt sich später als belegte Brote erwies.

»Ich kann Sie nicht verhungern lassen,« sagte er. »Es wird sich empfehlen, Ihren Kaffee warm zu halten. Da es Ihnen in Ihrer langen Wartezeit vielleicht zu kalt werden könnte, habe ich Ihnen noch etwas mitgebracht.«

Er ging ins Bureau zurück, holte zwei schwere Mäntel und schob sie durch die Gitterstangen.

»Das ist sehr anständig von Ihnen,« sagte Gilbert.

»Nicht der Rede wert,« entgegnete der höfliche Herr Wallis.

Gilbert war ohne Waffe; aber auch wenn er eine besessen hätte, so hätte sie ihm nichts geholfen.

Wallis ließ die Pistole nicht aus der Hand, und sogar als er die Lebensmittel durch das Gitter reichte, hielt er den Kolben des Selbstladers in der Faust.

»Ich wünsche Ihnen einen recht guten Abend. Falls Sie gern eine völlig unverfängliche Mitteilung, etwa des Inhalts, Sie könnten wegen dringender Geschäfte nicht heimkommen, an Ihre Frau schicken möchten, würde es mir ein besonderes Vergnügen bereiten, die Nachricht überbringen zu lassen.«

Er reichte durch das Gitterwerk ein Blatt Papier und einen Füllfederhalter hinein. Es war eine feinfühlige Aufmerksamkeit, die Gilbert wohl zu schätzen wußte.

Dieser Schwerverbrecher zeigte bessere Charakterzüge als manche Leute, die nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind.

Er schrieb rasch ein paar Worte der Entschuldigung, faltete das Blatt, steckte es in den Umschlag und klebte diesen zu, bevor ihm einfiel, daß der Mann, der ihn gefangen gesetzt hatte, den Inhalt wohl lesen wollte.

»Verzeihen Sie vielmals,« sagte er, »aber Sie können ihn ja öffnen, der Gummi ist noch feucht.«

Wallis schüttelte den Kopf.

»Wenn Sie mir sagen, daß nicht mehr drin steht, als ich Sie ersucht habe zu schreiben, oder als ich erwarten kann, daß Sie schreiben würden, so genügt mir das,« sagte er.

Damit verließ er Gilbert, der nun in seiner Einsamkeit reichlich Stoff zum Nachdenken hatte.

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