Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 12
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectidb11e8c06
Schließen

Navigation:

11
Der vierte Mann

An dem Abend, da Gilbert Standertons kleines Diner stattfand, kam der schwarzbärtige Chauffeur, der seinerzeit in dem Hause in der Nähe der Charing Croß-Straße vorgesprochen hatte, wieder an der Tür von Nr. 43 vorgefahren und wurde pflichtgemäß vom diensthabenden Detektiv beobachtet. Er ging in das Haus, blieb fünf Minuten oben und kam wieder heraus, worauf er ohne Fahrgast weiterfuhr.

Zehn Minuten später statteten auf die Meldung des Detektivs hin drei Kriminal-Kommissare von Scotland Yard dem Hause einen Besuch ab, und das Geheimnis wegen des Chauffeurs wurde ein für allemal aufgeklärt.

Denn an Stelle von George Wallis entdeckten sie den gleichen schwarzbärtigen Chauffeur, der behaglich im Wohnzimmer des oberen Stockes saß und in aller Gemütsruhe einen Roman las.

»Sehr einfache Sache,« sagte Inspektor Goldberg, »der Chauffeur kommt herauf, während George Wallis, genau so hergerichtet wie er, drinnen auf ihn wartet. Im Augenblick, wo er die Tür hinter sich geschlossen hat, kommt Wallis heraus, geht zum Wagen und fährt davon. Ihr Leute auf Posten habt geglaubt, es sei der gleiche Chauffeur, der zurückkehre.«

Er blickte auf den Gefangenen.

»Nun, was haben Sie mit mir vor?« fragte der bärtige Mann.

»Ich fürchte, wir können nichts mit Ihnen anfangen,« sagte Goldberg bedauernd. »Sind Sie im Besitz eines Führerscheins?«

»Darauf können Sie Gift nehmen,« sagte der Chauffeur lustig und zog ihn hervor.

»Ich kann Sie festnehmen, weil Sie Verbrechern Vorschub leisten.«

»Eine Beschuldigung, die schwer zu beweisen sein wird,« sagte der Bärtige. »Noch schwieriger, einen Schuldspruch dafür zu erlangen, und möglicherweise berauben Sie sich damit nur der Gelegenheit, George schließlich zu erwischen.«

»Das ist richtig,« sagte Goldberg; »jedenfalls werde ich mich nach Ihrem Auto umsehn und kann wenigstens George einlochen, weil er ohne Führerschein fährt.«

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Tut mir leid. Sie zu enttäuschen,« sagte er mit spöttischem Bedauern, »aber George hat ebenfalls einen Führerschein.«

»Zum Teufel damit,« sagte der sehr verblüffte Inspektor.

»Komisch, nicht wahr,« sagte der bärtige Mann. »Ja, George ist schrecklich gerissen.«

»Gehn Sie zu, Smith,« sagte der Detektiv freundlich. »Was für ein Spiel wird da getrieben? Welche Rolle haben Sie dabei?«

»Wobei?« fragte der Mann verdutzt.

Goldberg gab es auf, etwas aus ihm herauszukriegen. Er wußte, daß Wallis seine Helfershelfer mit besonderer Sorgfalt ausgesucht hatte.

»Auf jeden Fall werde ich mich hinter George dreinmachen,« sagte er. »Sie wollen mich wahrscheinlich mit dem Führerschein nur zum besten halten. Wenn ich ihn nur einmal erst hinter Schloß und Riegel habe, kann ich vielleicht eine Menge kleiner Sachen entdecken.«

»Tun Sie das,« sagte der Chauffeur ernsthaft, »Sie werden ihn am Autohalteplatz Haymarket heute abend gegen halb elf Uhr finden.«

»Ja, ich weiß,« sagte der Detektiv grimmig.

Er hatte keinen Haftbefehl und keinen sonstigen Auftrag als den der Haussuchung, der ihm das Recht gab, in die Wohnung einzudringen.

Der Chauffeur Smith wurde entlassen, um wieder seinen Geschäften nachzugehn, und es wurde ihm ein Detektiv zur Überwachung nachgeschickt.

Mit welchem Erfolg diese Überwachung ausgeführt wurde, mag aus der Tatsache entnommen werden, daß um halb elf Uhr abends Inspektor Goldberg das gesuchte Auto entdeckte und es zu seinem Erstaunen genau auf dem Platz fand, den Smith ihm angegeben hatte. Und darin saß der bärtige Chauffeur mit dem ganzen Nachdruck eines Mannes, der sich nahe am Ende eines fleißigen und einträglichen Tages fühlt.

»Nun George,« sagte der Inspektor scherzend, »kommen Sie herunter von Ihrem Sitz und lassen Sie mich einen Blick in Ihren Führerschein tun; wenn er nicht auf Ihren Namen ausgestellt ist, muß ich Sie hochnehmen.«

Der Mann stieg nicht ab, sondern steckte seine Hand in die Tasche und holte einen kleinen Lederumschlag hervor.

Der Inspektor öffnete ihn und las.

»Ah,« sagte er triumphierend, »wie ich mir dachte. Der ist auf den Namen Smith ausgestellt.«

»Ich bin ja Smith,« sagte der Chauffeur gelassen.

»Kommen Sie herunter,« sagte der Inspektor.

Der Mann gehorchte. Es gab keinen Zweifel über seine Persönlichkeit.

»Sehn Sie,« erklärte er, »als Sie Ihre plattfüßigen Schnelläufer hinter mir herhetzten, hatte ich nicht die Absicht, George zu belästigen. Er ist Manns genug, für sich selbst zu sorgen, und nebenbei bemerkt, ist sein Führerschein auf seinen eigenen Namen ausgestellt, also brauchen Sie sich deswegen keine Mühe mehr zu machen.«

»Aber sobald ich merkte, daß Sie mir nicht trauten,« sagte er vorwurfsvoll, »da ist mir sozusagen der Kamm geschwollen. Ich bin Ihrem eifrigen Burschen in der Oxford-Straße ausgewischt, kam hierher und nahm dem Kapitalverbrecher, dem Sie nachjagen, meinen Wagen ab.«

»Wo ist er jetzt?« fragte Goldberg.

»In seiner Wohnung und zu dieser Stunde vermutlich schon in seinem Bett,« sagte der bärtige Mann ehrbar.

Damit mußte sich der Inspektor zufrieden geben. Um ganz sicher zu gehn, begab er sich in das Haus in der Nähe der Charing Croß-Straße zurück und fand, wie er befürchtet, Herrn George Wallis, wenn auch nicht im Bett, so doch in seinem Schlafrock, und die seidenen Pyjamahosen hingen ihm über seine großen wollenen Pantoffeln.

»Mein verehrter Freund,« stellte er ihn ärgerlich zur Rede, »kann ich denn nie in Ruhe gelassen werden? Muß mich denn der unglückselige Ruf, den ich habe, immer weiter verfolgen, obwohl ich reumütig bestrebt bin, ein unanstößiges Leben zu führen, wie es der Staat von seinen Bürgern verlangt?«

»Lassen Sie diese hohen Töne, George,« brummte Goldberg. »Sie haben mich den ganzen Abend mit der Suche nach Ihnen in Atem gehalten. Wo waren Sie denn?«

»Ich war in einem Kino,« sagte der Mann gelassen, »und habe mir mit teilnahmsvollem Interesse den Kampf eines armen, aber ehrlichen Bankangestellten um die Tochter seines reichen und schurkischen Prinzipals angesehn. Ich habe auch gesehn, wie Cowboys ihre Revolver abschossen und Polizisten wie wahnsinnig über Ebenen galoppierten. Ich habe tatsächlich die ganze Stufenleiter von Gemütsbewegungen durchlaufen, die ein richtiges Kino in einem erweckt.«

»Sie schwätzen zuviel,« sagte der Inspektor.

Um seine Zeit nicht weiter zu vergeuden, verabschiedete er sich von Herrn Wallis, der ein schläfriges Gähnen unterdrückte; aber kaum hatte sich die Tür hinter dem Detektiv geschlossen, als Wallis seinen Schlafrock beiseite warf, aus Pyjama und Pantoffeln schlüpfte, um nach wenigen Sekunden vollständig angekleidet zu sein. Durch das Straßenfenster beobachtete er, wie die kleine Gruppe von Geheimpolizisten die Angelegenheit besprach und dann gemächlich gegen das andere Straßenende zu wandelte. Dort würde noch einmal eine Besprechung stattfinden, worauf einer von ihnen zu seiner Bewachung zurückkehren würde; aber bevor sie noch am Ende der Straße angelangt waren, hatte er das Haus verlassen und ging im Geschwindschritt in der entgegengesetzten Richtung weg.

Um den Beobachter einzulullen, hatte er sein Licht brennen lassen; er mußte an die Möglichkeit der unbemerkten Rückkehr denken. Rasch nahm er seinen Weg zu einer Untergrundbahn-Station und nach mehrmaligem wohlberechnetem Umsteigen befand er sich eine Viertelstunde später in der Gegend von Hampstead. Er ging zu Fuß zum Belsize-Park hinab und erwischte eine Autodroschke. Vorher auf der Untergrundbahn-Station hatte er sich rasch die Zeit genommen, drei verschiedene Telephonnummern anzurufen.

Kurz nach elf Uhr traf er am Chalk Farm-Bahnhof mit seinen beiden Genossen zusammen. Bis hierher war, wenn auch nur unklar und lückenhaft, Inspektor Goldberg über Wallis' Bewegungen an diesem Abend auf dem laufenden geblieben. Aber von da ab ging jede Spur verloren.

Er mochte noch so viele Mutmaßungen anstellen über das, was sicher geschehen würde – das Wild hatte seine Spur sehr geschickt verwischt.

Als um Mitternacht der Wächter der Nordprovinzbank seine Runde machte und gerade die Steintreppe vom Kellergewölbe heraufstieg, sprangen drei Männer auf ihn los und knebelten und fesselten ihn mit unglaublicher Geschwindigkeit. Sie taten ihm weiter kein Leid an, sondern versetzten ihn nur mit sachverständiger Gründlichkeit in eine Lage, daß er völlig außerstande war. Widerstand zu leisten oder Hilfe herbeizurufen. Sie schlossen ihn in ein kleines Zimmer ein, das sonst für den Prokuristen bestimmt war, und machten sich dann an ihr Werk im Kellerraum.

»Das wird uns saure Arbeit kosten,« sagte Wallis und ließ seine elektrische Lampe über das Stahlgitter streifen, durch das man in die Stahlkammer gelange.

Persh, der starke Mann an seiner Seite, nickte beruhigend.

»Das Gitter hat nicht viel zu bedeuten,« sagte er, »ich bring es schon auf.«

»Sieh dich nach dem Läutwerk um, Callidino,« sagte Wallis.

Der kleine Italiener, ein gewiegter Sachverständiger in Alarmgeräten, prüfte mit Kennerblick die Tür.

»Nichts zu finden,« sagte er mit Bestimmtheit.

Persh, der hervorragendste Schloßfachmann der Welt, begann mit seiner Arbeit und nach einer Viertelstunde sprang die Gittertür auf. Dahinter, am Ende des Ganges, war eine glatte grüne Tür, der zunächst mit keinem der mitgebrachten Werkzeuge beizukommen war. Zudem zeichnete sich der Verschluß dadurch aus, daß er nicht auf der Türfläche selbst, sondern in einer kleinen Stahlkammer darüber angebracht war. Also mußte man unverzüglich das Lötrohr in Tätigkeit setzen. Wallis hatte das System der Türe sorgsam in kleinem Maßstab nachgezeichnet, so daß er genau den entscheidenden Fleck in der massiven Stahldecke kannte. Anderthalb Stunden arbeiteten sie schon, da hielt Persh plötzlich ein.

»Was war das?« sagte er.

Ohne ein weiteres Wort rannten die drei Männer den Gang zurück und die Treppe zu den Geschäftsräumen im Erdgeschoß hinauf; Persh an der Spitze.

Als er auf dem Treppenflur erschien, krachte ein Schuß und er taumelte. Er glaubte, eine Gestalt im Schatten der Wand zu sehn und feuerte danach.

»Du Narr!« sagte Wallis, »gleich wird das ganze Haus umstellt sein.«

Wieder krachte ein Schuß und diesmal war kein Zweifel über den Angreifer. Wallis hatte den blendenden Lichtkegel seiner Lampe in Richtung auf das Bureau geworfen. Dort kauerte, mit dem Revolver in einer Hand, nahe bei der Tür der Wächter, den sie sicher verwahrt geglaubt hatten. Wallis knipste rasch seine Lampe ab, als der Mann zum drittenmal feuerte.

»Fort von hier, geschwind!« rief er.

Sie eilten durch einen Seitengang, auf einer kleinen Leiter durch das Oberlicht, wo sie eingedrungen waren, dann an einem schmalen Gesims entlang und durch das Strumpfgeschäft, das sie als Ausgangspunkt zum Einbruch benutzt hatten. Obwohl Persh tödlich verwundet war, nahm er seine ganze Kraft zusammen und brachte die höchste und letzte Leistung seines Lebens zustande. Sie sahen die Leute gegen die Bank zu laufen und hörten die Pfeifen der Polizei; aber sie traten in aller Gemächlichkeit zusammen aus dem Strumpfladen heraus, wie drei anständige Herren, von denen nur der eine anscheinend etwas zuviel getrunken hatte.

Wallis rief eine Droschke herbei und gab dem Fahrer in aller Ruhe genau durchdachte Anweisungen, während Callidino dem schweren Mann in das Fahrzeug half; dann fuhren sie langsam dahin. Als der Wagen sich in Bewegung setzte, brach Persh in seiner Ecke zusammen.

»Bist du schwer verwundet?« fragte Wallis besorgt.

»Ich glaube, ich bin erledigt, George,« flüsterte der Mann.

George untersuchte ihn mit Hilfe seiner Lampe gründlich; er seufzte und streckte seinen Kopf zum Fenster hinaus.

»Was machst du da?« fragte Persh matt.

»Ich werde dich ins Krankenhaus bringen lassen,« erwiderte Wallis.

»Du wirst nichts Derartiges tun,« sagte der andre heiser. »Um Gottes willen, bring nicht die ganze Mannschaft meinetwegen in Gefahr. Ich sag dir ja, mit mir ists zu Ende. Ich kann ...«

Er brachte nichts mehr hervor, alle Muskeln seines Körpers wurden schlaff und er sank wie ein Bündel auf den Boden.

Sie hoben ihn auf.

»Mein Gott,« sagte Wallis, »er ist tot.«

Und Persh, der freundliche, blühende Mann, war wirklich tot.

+++

»Der Einbruch in der Nordprovinzbank bildet immer noch einen aufregenden Gesprächsstoff für die Citykreise,« schrieb der Berichterstatter des ›Daily Monitor‹.

»Die Polizei hat eine Reihe interessanter Entdeckungen gemacht. Darüber besteht jedenfalls kein Zweifel, daß die Verbrecher entkommen sind, indem sie ihren Weg ...« – hier folgte eine ziemlich genaue Schilderung der Art ihrer Flucht – »Was die Polizei jedoch besonders interessiert, ist die erwiesene Tatsache, daß noch ein weiterer Mann in der Bank anwesend war, dessen Verhalten unerklärlich ist. Der vierte Mann war anscheinend an dem Raube nicht beteiligt und ohne Wissen oder Einverständnis der Einbrecher zugegen. Der heute morgen von unserem Berichterstatter befragte Bankwächter war begreiflicherweise im Interesse seiner Brotherrn mit seinen Aussagen etwas zurückhaltend, er bestätigte aber das Gerücht, wonach der vierte Mann, wer es auch war, sich wenigstens gegen ihn – den Wächter – nicht feindselig verhielt. Es verlautet weiter, daß der Wächter von den Einbrechern sehr eilig gefesselt und geknebelt wurde; wahrscheinlich ohne daß es in ihrer Absicht lag, schwebte er in ernster Gefahr, da der Knebel den Unglücklichen beinahe erstickte.

»Da, als er schon in den letzten Zügen lag, erschien die vierte Person auf der Bildfläche, zog ihm den Knebel heraus und erleichterte seine Lage. Es war offenkundig, daß er kein Mitglied der ersten Einbrecherbande war.

Die Annahme liegt nahe, daß in der fraglichen Nacht zwei getrennte, voneinander unabhängige Einbrechertrupps einen Anschlag auf die Bank vorhatten. Ob dies nun zutrifft oder nicht, jedenfalls kann man der Menschlichkeit von Numero vier die Anerkennung nicht versagen.«

+++

»So war es also.« Wallis las den Bericht in seiner Morgenzeitung, ohne sich zu ärgern. Obwohl die Nacht unheilvoll für ihn geendet hatte, glaubte er Grund zur Befriedigung zu haben. »Ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn wir den Wächter getötet hätten,« sagte er zu seinem Kameraden.

Seine Augen zeigten einen müden Ausdruck und sein Gesicht war ungewöhnlich bleich. Er hatte einen aufreibenden Abend hinter sich. Nun saß er im Bureau seines Winkelbankgeschäftes und seine einzige Gesellschaft war Callidino.

»Ich glaube fast, der arme alte Persh wird uns verraten,« sagte er.

»Wieso Persh?« fragte der andre.

»Der Chauffeur wird imstande sein, uns als die Personen zu bezeichnen, die ihn begleitet haben. Ich wundere mich, daß noch keiner gekommen ist. Es hat keinen Zweck, sich aus dem Staube zu machen. Du mußt wissen,« sagte er plötzlich, »niemand, der der englischen Polizei einmal bekannt ist, kann ihr entwischen. Es erspart einem eine Menge von Unannehmlichkeiten, wenn man die Entwicklung der Dinge abwartet.«

»Ich dachte, du wärest auf der Polizeistation gewesen,« sagte Callidino überrascht.

»War ich auch,« sagte Wallis. »Das habe ich als erstes getan – tatsächlich, in dem Augenblick, wo ich einen Vorwand dafür hatte – um Pershs Personalien mitzuteilen. Es hat keinen Sinn vorzugeben, daß wir ihn nicht kennten. Das einzige, was wir tun müssen, ist, das nötige Alibi nachzuweisen. Was mich betrifft, so war ich im Bett und habe geschlafen.«

»Hat dich niemand zurückkommen sehn?« fragte Callidino.

»Nein,« sagte Wallis kopfschüttelnd, »sie hatten einen Mann zu meiner Beobachtung zurückgelassen, der natürlich die Straße auf und ab bummelte. Nichts war leichter, als ihm hinter seinem Rücken zu folgen und im geeigneten Moment in die Türe zu schlüpfen.«

Überwachen ist ein äußerst ermüdendes Geschäft und nur sehr wenige sind sich über die körperliche Anstrengung klar, die es kostet, etwas im Auge zu behalten und immer in der gleichen Lage zu verharren. Auch ein geübter Polizist läßt sich auf die einfachste Art einlullen, und wie Wallis sagte, war es ihm nicht schwer gefallen, unbeobachtet ins Haus zurückzugelangen. Die einzige Gefahr hatte darin bestanden, daß während seiner Abwesenheit jemand bei ihm vorgesprochen hätte.

»Aber wie stehts mit dir?«

Callidino lächelte.

»Mein Alibi ist verwickelter und doch auch einfacher,« sagte er. »Meine lieben Landsleute werden für mich schwören. Sie lügen sehr bereitwillig, diese Neapolitaner.«

»Bist du nicht auch ein Neapolitaner?«

»Sizilianer,« lächelte der andre. »Neapolitaner! Was glaubst du?«

Wallis belustigte sich über die Geringschätzung, die aus seiner Stimme klang.

»Wer ist der vierte Mann?« fragte Callidino plötzlich.

»Unser geheimnisvoller Fremder, darüber habe ich keinen Zweifel,« sagte George Wallis verdrossen. »Aber wer zum Teufel ist er? Ich habe noch nie in meinem Leben einen Menschen umgebracht, aber ich werde außergewöhnliche Maßnahmen treffen müssen, um meine Neugierde in dieser Richtung zu befriedigen.

»Es muß eine Teilung der Beute erfolgen,« sagte er nach einer Weile, »ich werde mich heute noch daran machen. Persh hat irgendwo auf der Welt Verwandte, eine Tochter oder eine Schwester, die muß ihren Anteil haben. In Southwark gibt es einen Winkeladvokaten, der die Sache für uns übernehmen wird; wir müssen einen Onkel zu diesem Zweck sterben lassen.«

Callidino nickte zustimmend.

»Was mich anlangt,« sagte er, sich erhebend und reckend, »so locken mich schon längst die Weinberge des Südens. Ich werde mir eine Villa in Montecatini bauen und edle Weine trinken, eine zweite am Lago Maggiore, um dort zu baden. Für den Rest meines Lebens werde ich nichts weiter mehr tun als essen, trinken und baden.«

»Ein ganz schauderhafter Gedanke!« erwiderte Wallis.

Das Rätsel des vierten Mannes quälte ihn mehr, als er zugestand. Es rüttelte an seinen Nerven. Mit der Polizei kannte er sich aus; auf sie war er gefaßt und konnte auch gegen sie ankämpfen; aber dieser vierte Mann da war ebenso verschlagen wie sie; er kannte ihre Pläne, verfolgte sie und hielt sie unter ständiger Beobachtung. Warum? Was war sein Ziel? Er war sich nicht im Zweifel, daß der vierte Mann der gleiche war, der ihnen in Hatton Garden zugeschaut hatte.

Wenn es eine Schrulle war, so war sie so außergewöhnlich, daß sie nur einem Verrückten zuzutrauen war. Wenn er aber ein bestimmtes Ziel im Auge hatte, warum trat er dann nicht damit hervor und gab es bekannt?

»Ich frage mich, wie ich ihn in meine Hände bekommen kann?« sagte er halblaut.

»Setz doch eine Annonce in die Zeitung,« sagte Callidino.

Eine scharfe Entgegnung lag Wallis auf der Zunge, aber er unterdrückte sie. Schließlich war die Sache nicht ganz von der Hand zu weisen. Man konnte manches durch die Spalten der Tagespresse machen.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.