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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 11
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
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10
Der Halsschmuck

Frau Cathcart war höchlich überrascht, eine Einladung zum Abendessen zu erhalten. Sie hatte an diesem Morgen ihrer Tochter einen Scheck über dreihundert Pfund geschickt, den sie von ihrem Makler empfangen hatte; aber da ihre Briefe sich kreuzten, konnten die beiden Ereignisse nicht im Zusammenhang stehn.

Sie entschloß sich nicht sofort, die Einladung anzunehmen. Sie war sich noch nicht im klaren, ob sie bei den bisherigen Beziehungen zu ihrem Schwiegersohn verharren sollte.

Jedenfalls aber war sie – was sonst auch immer ihre Fehler sein mochten – eine gute Strategin, und mit einer Ablehnung der Einladung war nichts gewonnen, während aus ihrer Annahme gewisse Vorteile erwachsen konnten.

Sie war überrascht, Herrn Warrell dort zu treffen, überrascht und ein bißchen verlegen; aber nun, da ihre Tochter alles wußte, war eigentlich gar kein Grund mehr, warum sie sich unbehaglich fühlen sollte.

Sie nahm ihn, wie es ihre Art war, von dem Moment, wo sie ihn in dem kleinen Empfangszimmer des Hauses in St. Johns Wood begrüßt hatte, in Beschlag.

Es war ein behagliches Diner. Gilbert war ein vollendeter Gastgeber; es schien etwas von dem alten fröhlichen Geist wieder in ihm aufzuleben. Warrell, eingedenk dessen, was Frau Cathcart ihm gesagt hatte, paßte scharf auf, um irgendein Anzeichen von Unstimmigkeit zwischen Mann und Frau zu entdecken; da er vor allem ein Geschäftsmann war, war er vielleicht um so eifriger darauf aus, eine Bestätigung für Frau Cathcarts Andeutungen zu finden, daß Gilberts Verhältnisse nicht ganz in Ordnung seien.

Leslie Frankfort, der auch zu der Gesellschaft gehörte, war von seinem Geschäftsteilhaber ausgefragt worden, ohne daß der ältere Mann ihm irgendeine Mitteilung entlocken konnte, die dazu angetan war, die Zweifel in Warrells Brust zu zerstreuen.

Leslie Frankfort, dieser lebenslustige junge Mann, befand sich darüber ebenso im Dunkeln wie sein Kompagnon. Es beruhigte ihn aber etwas zu merken, daß auf jeden Fall dem Haushalt seines Freundes kein unmittelbarer Bankrott drohe.

Das Diner verlief vortrefflich, das Essen war ausgezeichnet und von einem Epikuräer zusammengestellt, wie es in der Tat der Fall war, da Gilbert seiner Frau bei der Aufstellung des Menüs geholfen hatte.

Die Unterhaltung bewegte sich in den oberflächlichen Bahnen, wie immer bei solchen Gesellschaftsdiners; die Gesprächsstoffe waren die gleichen, die an tausend andern Tafeln in England von Damen und Herren behandelt werden. Ganz von selbst kam das Gespräch auch auf die Reihe von aufsehenerregenden Einbrüchen, die in jüngster Zeit in London verübt wurden. Daß die Unterhaltung auf dieses Gebiet übergreifen würde, war vielleicht um so selbstverständlicher, weil Frau Cathcart das Gespräch sehr kühn darauf brachte, indem sie auf den Einbruch bei der Firma Warrells Bezug nahm.

»Nein, tatsächlich,« sagte Herr Warrell kopfschüttelnd, »leider muß ich sagen, daß wir noch keine Spur haben. Die Polizei hat die Sache in die Hand genommen, aber ich fürchte, wir werden den Mann oder die Männer, die das Verbrechen begangen haben, niemals erwischen.«

»Ich vermute, es wäre Ihnen nicht besonders damit gedient, wenn man sie erwischen würde,« sagte Gilbert gelassen.

»Ich weiß nicht,« wandte der andre ein. »Möglicherweise könnten wir doch die Juwelen zurückbekommen.«

Gilbert Standerton lachte auf, unterbrach sich aber plötzlich.

»Juwelen?« fragte er.

»Erinnern Sie sich nicht, Gilbert,« mischte sich Leslie ein. »Ich sagte Ihnen, wir hätten einen Halsschmuck im Tresor gehabt, das Eigentum einer Kundin, einer jener spekulierenden Damen, die uns mit ihren Geschäften beehren.«

Ein warnender Blick seines Kompagnons ließ ihn stocken. Die spekulierende Dame selbst wurde ziemlich rot und warf dem indiskreten jungen Mann einen bösen Blick zu.

»Der Halsschmuck gehörte mir,« sagte sie scharf.

»Oh!« sagte Leslie und fand, daß die Unterhaltung für ihn kein weiteres Interesse bot. Gilbert lächelte nicht über die Verlegenheit seines Freundes.

»Ein Halsschmuck?« wiederholte er; »wie merkwürdig – Ihrer?«

»Ja, meiner,« bestätigte Frau Cathcart. »Ich hinterlegte ihn zur Sicherheit bei Warrells. Eine wunderbar feine Sicherheit, wie es sich gezeigt hat,« fügte sie hinzu.

Warrell brachte alle möglichen Entschuldigungen vor. Die Sache war ihm aus verschiedenen Gründen peinlich. Er war wirklich sehr ärgerlich über den indiskreten jungen Mann, der seine Vorzugsstellung in der Firma mehr dem Aktienanteil seines verstorbenen Vaters verdankte als irgendeiner Betätigung seines Verstandes oder seiner Tüchtigkeit.

»Was war es denn für eine Art von Halsschmuck?« fuhr Gilbert fort. »Ich habe keine Beschreibungen gelesen.«

»Es wurde keine Beschreibung veröffentlicht,« sagte Herr Warrell, seiner Kundin zu Hilfe kommend, die, wie er aus untrüglichen Zeichen merkte, nahe daran war, ihre Selbstbeherrschung zu verlieren.

»Wir wünschten, daß die Sache unter uns bliebe, damit sie nicht in die Zeitungen käme.«

Edith lenkte das Gespräch taktvoll in andre Bahnen, und in wenigen Minuten war man eifrig bei der Besprechung einer Frage, die niemals verfehlt, großes Interesse zu erwecken – das hohe Problem der Kirche.

Bei dieser Gelegenheit muß bemerkt werden, daß Frau Cathcart eine ziemliche Rolle als Führerin gewisser Kreise spielte und eine entschiedene Anhängerin der Hochkirche war. Man denke sich zu diesem Element die freiere Richtung des Herrn Warrell, das offene Freidenkertum Leslies, und es waren alle Vorbedingungen für eine Auseinandersetzung gegeben, die in einem weniger gebildeten Kreise recht scharfe Formen hätte annehmen können.

So drastisch der Ausweg auch sein mochte, Edith wenigstens war erleichtert und ganz bereit, lieber die Kirche von Wales oder, wenn nötig, die Kirche von England zu entstaatlichen, als die Torheit ihrer Mutter an den Pranger gestellt zu sehn.

Trotz des Wortgefechtes, des starren Standpunktes von Frau Cathcart, der Kampfreden Leslies und der gutmütigen Toleranz von Warrell, gegen dessen Einstellung äußerst schwierig anzukämpfen war, nahm das Diner einen angenehmen Verlauf, und man begab sich danach in das kleine Empfangszimmer im oberen Stock.

»Ich fürchte, ich muß euch jetzt verlassen,« sagte Gilbert.

Es war beinah zehn Uhr, und er hatte seine Frau schon vorher verständigt, daß er später eine Verabredung habe.

»Ich glaube, der alte Gilbert ist unter die Journalisten gegangen,« sagte Leslie. »Ich sah Sie neulich abends in der Fleet-Straße, nicht wahr?«

»Nein,« entgegnete Gilbert kurz.

»Dann muß es Ihr Doppelgänger gewesen sein,« sagte der andre.

Edith war nicht mit der übrigen Gesellschaft hinaufgegangen; kurz vor dem Diner hatte Gilbert sie etwas zögernd gebeten, ihm ein Paket belegter Brötchen zurecht zu machen.

»Es kann sein, daß ich den größeren Teil der Nacht fort bin,« sagte er. »Ein Mann will mit mir im Auto nach Brighton fahren, wo wir mit jemandem Zusammentreffen.«

»Wirst du die ganze Nacht über fort sein?« fragte sie etwas beunruhigt.

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, ich werde gegen vier Uhr zurück sein.«

Obwohl sie im Innern dachte, es sei eine ungewöhnliche Zeit, mit Leuten zusammenzutreffen, machte sie weiter keine Bemerkung darüber.

Als die kleine Gesellschaft hinaufgegangen war, fielen ihr die belegten Brötchen ein, weshalb sie in die Küche hinabging, um nachzusehn, ob die Köchin sie fertig gemacht und bereitgelegt hätte.

Sie wickelte sie ihm ein und packte sie in eine kleine flache Butterbrotbüchse; dann ging sie zurück in die Diele.

Sein Mantel hing an einem Kleiderständer; als sie die Büchse in die Tasche steckte, störte sie eine Zeitung; sie nahm sie heraus und fühlte etwas anderes, Lockeres und Gleitendes.

Sie lächelte über seine Nachlässigkeit und steckte ihre Hand hinein, um den Gegenstand zu entfernen.

Ihr Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an.

Was war das?

Ihre Finger schlossen sich um das Ding auf dem Grunde der Tasche und zogen es heraus.

Da, in ihrer Handfläche, von dem elektrischen Licht über ihrem Kopf klar beleuchtet, glänzte ihr Diamantenhalsband!

Einen Augenblick schien die kleine Diele um sie herum zu schwanken, aber sie raffte sich zusammen.

Ihr Halsschmuck!

Es war kein Zweifel daran – sie wandte ihn hin und her mit zitternden Fingern.

Wie war er in seinen Besitz gelangt? Woher kam er?

Ein Gedanke blitzte ihr durch den Kopf, aber er war zu furchtbar, um ihn zu Ende zu denken.

Gilbert ein Einbrecher! Es war unsinnig. Vergeblich versuchte sie zu lächeln. Fast jeden Abend war er aus dem Haus gewesen. Sogar jede Nacht in der Woche, in der dieser Einbruch verübt worden war.

Sie hörte Schritte auf der Stiege und steckte das Halsband in den Ausschnitt ihres Kleides.

Es war Gilbert. Er bemerkte ihren Gesichtsausdruck nicht; dann sagte sie:

»Gilbert!« und etwas in ihrer Stimme ließ ihn aufhorchen.

Er wandte sich zu ihr und musterte sie.

»Was ist dir?« fragte er.

»Willst du einen Augenblick mit mir ins Speisezimmer kommen,« sagte sie. Ihre Stimme klang ihr ganz entfernt; sie hatte das Gefühl, als spräche nicht sie selbst, sondern eine dritte Person.

Er öffnete die Tür zum Speisezimmer und ging hinein. Die Tafel war noch mit den Überresten des eben beendeten Diners bedeckt. Der rosige Schimmer der Deckenlampe fiel auf ein hübsches Durcheinander von Blumen, Silber und Glas.

Er schloß die Tür hinter sich.

»Was gibt es?« fragte er.

»Dies,« entgegnete sie ruhig und zog das Halsband aus ihrem Kleide hervor.

Er schaute es an. Kein Muskel seines Gesichtes rührte sich.

»Das?« sagte er. »Nun was ist das?«

»Mein Halsschmuck!«

»Dein Halsschmuck?« wiederholte er dumpf. »Ist dies das Halsband, das deine Mutter verloren hat?«

Sie nickte nur, weil sie nicht die Kraft zum Sprechen hatte.

»Das ist ja äußerst merkwürdig!«

Er streckte seine Hand aus, nahm es und prüfte den Diamantanhänger.

»Und das ist dein Halsband?« sagte er. »Nun, das ist ein sonderbares Zusammentreffen.«

»Wie bist du dazu gekommen?« fragte sie.

Er gab keinerlei Antwort, sondern schaute sie nur mit einem starren Blick an, aus dem sie weder Nachsinnen noch ein gutes Zeichen lesen konnte.

»Wo ich es herbekommen habe?« wiederholte er ruhig. »Wer hat dir gesagt, daß ich es bekommen habe?«

»Ich habe es in deiner Tasche gefunden,« sagte sie atemlos. »Oh, Gilbert, es hat keinen Zweck zu leugnen, daß es dort war oder daß du darum wußtest. Woher hast du es bekommen?«

Wieder eine Pause, dann kam die Antwort:

»Ich habe es gefunden.«

Es klang lahm und nicht überzeugend, und er war sich dessen bewußt.

Sie wiederholte die Frage.

»Ich bin nicht in der Lage, es dir zu sagen,« entgegnete er gelassen. »Du glaubst vermutlich, ich habe es gestohlen? Du stellst dir wahrscheinlich vor, ich sei ein Einbrecher?«

Trotz seines Lächelns zeigte der verzogene Mund einen harten Ausdruck.

»Ich kann das aus deinen Augen lesen,« fuhr er fort. »Du erklärst dir meine Abwesenheit von zu Hause, mein Ausscheiden aus dem Auswärtigen Amt mit der Tatsache, daß ich einen einträglicheren Beruf ergriffen habe.«

Er lachte laut auf.

»Nun, das habe ich auch,« sagte er. »Es ist nicht gerade das Gewerbe eines Einbrechers. Ich gebe dir die Versicherung,« fuhr er mit spöttischem Ernst fort, »daß ich nie in meinem Leben einen Geldschrank erbrochen habe. Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich nie auch nur einen einzigen Gegenstand gestohlen habe von –« er brach kurz ab – vielleicht könnte er zuviel sagen. Aber Edith griff gierig nach dem Strohhalm, den er ihr bot.

»Oh, ist es wirklich so, ja?« sagte sie eifrig und legte ihre Hände auf seine Brust. »Ist es wirklich o? Ich weiß, es ist blöde, verrückt und schrecklich ungerecht – gemein von mir. Alles, was du willst – einen so scheußlichen Verdacht gegen dich zu haben, aber es schien so – nicht wahr, es konnte so scheinen?«

»Es konnte so scheinen,« stimmte er ihr ernst bei.

»Willst du mir nicht sagen, wie es in deinen Besitz kam?« drang sie in ihn.

»Ich sage dir, ich habe es gefunden – das ist die Wahrheit. Ich hatte nicht die Absicht –« wieder unterbrach er sich. »Es war – ich habe es auf der Straße, auf der Landstraße aufgehoben.«

»Aber warst du nicht furchtbar überrascht, es zu finden, und hast du es nicht der Polizei gemeldet?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein,« sagte er, »ich war nicht überrascht und habe es nicht der Polizei gemeldet. Ich hatte die Absicht, es abzuliefern, weil schließlich Juwelen keinen Wert für mich haben, nicht wahr?«

»Ich verstehe dich nicht recht, Gilbert.« Sie schüttelte etwas bestürzt den Kopf. »Es hat doch nichts überhaupt einen Wett, außer was einem gehört, nicht wahr?«

»Das kommt darauf an,« erwiderte er gelassen. »Aber in diesem besondren Falle kann ich dir versichern, daß ich es heute abend mit nach Hause gebracht habe in der Absicht, es in eine kleine Büchse zu legen und es dem Polizeidirektorium zu senden. Du magst es glauben oder nicht. Das war auch der Grund, weshalb ich es so seltsam fand, als ihr beim Essen über den Verlust eines Halsschmuckes deiner Mutter spracht, nachdem ich einen gefunden hatte.«

Sie schauten einander an; er hielt das Halsband wie abwägend auf seiner Handfläche und schüttelte es mechanisch.

»Was sollen wir nun damit machen?« fragte sie ratlos. »Ich weiß mir kaum einen Rat.« Zögernd fuhr sie fort: »Ich schlage vor, du folgst deiner ursprünglichen Absicht und schickst es an die Polizei.«

»Oh!« fiel ihr mit einer leisen Regung von Unbehagen ein, »ich habe – habe mir eigentlich dreihundert Pfund zu Unrecht angeeignet.«

»Dreihundert Pfund?« Er betrachtete das Schmuckstück.

»Es ist mehr als dreihundert Pfund wert.«

In einigen Worten erklärte sie ihm, wie der Schmuck verloren und wie es zugegangen war, daß er bei Warrells hinterlegt wurde.

»Es freut mich zu hören, daß deine Mutter die Schuld trifft. Ich fürchtete schon, du hättest dich mit Spekulationen abgegeben.«

»Wäre dir das unangenehm?« fragte sie rasch.

»Ja, etwas,« erwiderte er; »es genügt, wenn ein Teil der Familie spekuliert.«

»Spekulierst du sehr viel, Gilbert?« fragte sie ernsthaft.

»Ein bißchen,« sagte er.

»Nicht nur ein bißchen,« verbesserte sie ihn. »Börsengeschäfte sind Spekulationen.«

»Ich bin bemüht, Geld für dich zu erwerben,« sagte er schroff.

Es war das Härteste, was er in der kurzen Zeit ihrer Ehe zu ihr gesagt hatte, und er sah, daß er sie schwer verletzt hatte.

»Verzeih mir,« sagte er sanft. »Ich weiß, daß ich roh war, aber es lag nicht in meiner Absicht, dich zu kränken. Ich habe mich nur eben in meinem Innern gegen die Ungerechtigkeit des Geschicks empört. Willst du dies an dich nehmen oder soll ich es?«

»Ich werde es nehmen,« sagte sie. »Aber willst du nicht der Polizei mitteilen, wo du es gefunden hast? Möglicherweise findet sie in der Nähe noch Beute von anderen Räubereien.«

»Ich bin nicht dafür,« entgegnete er mit einem leichten Lächeln. »Ich habe keine Lust, mir die Wut dieser berüchtigten Bande auf den Hals zu laden. Ich weiß ohnehin zur Genüge, daß sie zu den gefährlichsten und rücksichtslosesten gehört, die es überhaupt gibt. Aber es ist beinahe halb elf Uhr,« sagte er; »ich muß schleunigst fort.«

Er hielt ihr seine Hand hin und sie nahm sie. Sie behielt sie einen Augenblick länger in der ihren, als es sonst ihre Art war.

»Lebe wohl,« sagte sie. »Viel Glück, was auch dein Geschäft sein mag.«

»Ich danke dir,« entgegnete er.

Langsam ging sie zu ihren Gästen zurück. Sie war aus der Sachlage nicht viel klüger geworden. Sie glaubte ihrem Mann, und doch lag in seinen Aussagen eine gewisse Zurückhaltung, die ihr ebenso deutlich wie seine sorgsam abgewogenen Worte verrieten, daß er noch viel mehr hätte sagen können, wenn er gewollt hätte.

Sie zweifelte nicht an seinem Wort, daß er nie etwas gestohlen hatte von – von wem hatte er sagen wollen? Sie war entschlossener denn je, das Rätsel zu lösen, und nachdem ihre Gäste gegangen, war sie eifrig mit Briefschreiben beschäftigt. Kaum hatte sie sich spät in dieser Nacht zur Ruhe begeben, als sie seinen Schritt auf der Treppe hörte; sie lauschte gespannt.

Im Vorbeigehn klopfte er an ihre Tür und sagte: »Gute Nacht.«

»Gute Nacht,« erwiderte sie.

Sie hörte, wie sich seine Tür leise schloß und wartete noch eine halbe Stunde, bis sie aus dem Knacken des Lichtschalters entnahm, daß er zu Bett sei und sein Licht abgedreht hatte.

Dann stahl sie sich lautlos aus dem Bett, warf einen Morgenrock über und ging leise die Treppe hinab. Vielleicht hing sein Mantel in der Diele.

Es war eine phantastisch wilde Idee von ihr, er könne ihr am Ende weitere Anhaltspunkte liefern, die ihr bei ihrem Forschen nach der Wahrheit auf die Spur helfen könnten; aber die Taschen waren leer.

Sie fühlte etwas Feuchtes auf dem Ärmel und schloß daraus, daß es regnete. Dann ging sie auf ihr Zimmer zurück, schloß geräuschlos die Tür und trat ans Fenster, um auf die Straße hinauszuschauen. Es war ein klarer Morgen und die Straßen waren trocken. Sie sah ihre Hände an. Sie waren mit Blut befleckt!

Sie lief wieder die Treppe hinab und drehte das Licht in der Diele an.

Ja, da an seinem Ärmel war es; auch auf dem Treppenläufer waren kleine Blutstropfen. Sie konnte die Spur die ganze Treppe hinauf verfolgen; sie ging entschlossen an sein Zimmer und klopfte.

Er gab sofort Antwort.

»Wer ist da?«

»Ich bin es, ich möchte dich sprechen.«

»Ich bin ziemlich müde,« sagte er.

»Bitte, laß mich ein, ich muß dich sprechen.«

Sie versuchte die Tür aufzuklinken, aber sie war verriegelt. Dann hörte sie das Bett krachen, als er sich bewegte. Einen Augenblick später wurde der Riegel zurückgeschoben und das Licht schien durch das Glasfenster über der Tür.

Er war fast ganz angekleidet, bemerkte sie.

»Was ist mit deinem Arm passiert?« fragte sie.

Er war sorgfältig verbunden.

»Ich habe mich etwas verletzt. Es hat nicht viel zu bedeuten.«

»Wie bist du zu dieser Verletzung gekommen?« fragte sie ungeduldig.

Sie war fast am Rande ihrer Kräfte. Hätte er ihr nur gesagt, es sei bei einem Autozusammenstoß oder einem der Straßenunfälle geschehen, denen Stadtbewohner ausgesetzt sind! Aber er gab keine Erklärung.

Sie bat ihn, die Wunde zu zeigen. Er wollte es nicht, aber sie bestand darauf. Schließlich wickelte er den Verband ab und zeigte eine üble kleine klaffende Wunde am Unterarm. Sie war zu schartig und nicht glatt genug, um von einem Messer oder zerbrochenem Glas herzurühren.

Sie entdeckte noch eine zweite Wunde von der Größe eines Fünfzigpfennigstücks dicht am Ellbogen.

»Das sieht aus wie eine Schußwunde,« sagte sie darauf deutend. »Es ist den Arm entlang und dann am Ellbogen wieder herausgekommen.«

Er sagte nichts dazu.

Sie besorgte aus dem Badezimmer warmes Wasser, wusch den Arm, holte aus ihrem Zimmer eine kühlende Salbe und verband ihn, so gut sie konnte.

Sie kam nicht mehr auf die Art und Weise zurück, wie er sich die Verletzung zugezogen hatte. Es war jetzt nicht die Zeit und der Ort, um darüber zu reden.

»An dir ist eine ausgezeichnete Krankenschwester verloren gegangen,« sagte er, als sie fertig war.

»Ich fürchte, an dir ist ein ausgezeichneter Mann verloren gegangen,« antwortete sie mit leiser Stimme, »und ich bin fast geneigt zu glauben, daß ich daran schuld bin.«

»Bitte schlag dir diese Gedanken aus dem Kopf,« sagte er fast barsch. »Ein Mann ist das, was er aus sich macht. Du kennst das Sprichwort: ›Wenn zwei zusammen Böses tun, muß jeder einzelne dafür büßen; und selbst wenn du auf mein Leben einen schlechten Einfluß gehabt hättest, so bin doch ich letzten Endes dafür verantwortlich.«

»Davon bin ich nicht ganz überzeugt,« sagte sie.

Sie hatte ihm eine leichte Schlinge gemacht, in der sein Arm ruhen konnte.

»Du hast mich geheiratet, weil du mich liebtest; du hast mir alles geschenkt, was eine natürlich empfindende Frau als wertvoll und heilig schätzen würde, und hast erwartet, daß ich es dir vergelte. Ich habe dir nichts dafür gegeben. Ich habe dich gleich am Anfang gedemütigt, indem ich dir sagte, warum ich dich geheiratet habe. Du hast die zweifelhafte Genugtuung, daß ich deinen Namen trage. Du hegst vielleicht halb den Argwohn, mit einer Frau zusammenzuleben, die deine Handlungen und Absichten unaufhörlich kritisch betrachtet. Trage ich nun keine Verantwortung?«

Ein langes Schweigen trat ein, dann sagte sie: »Was du auch immer von mir verlangen wirst, ich werde es tun.«

»Ich wünsche nur, daß du glücklich bist, weiter nichts,« erwiderte er.

Seine Stimme hatte den gleichen harten metallischen Klang, den sie schon früher gehört hatte.

Sie errötete leicht. Ihre Worte hatten sie große Überwindung gekostet und er hatte sie zurückgewiesen. Er hatte recht, dachte sie.

Sie verließ ihn und sah ihn erst wieder am Morgen beim Frühstück. Nachdem sie einige Worte der Begrüßung gewechselt hatten, widmeten sie beide ihre Aufmerksamkeit den Zeitungen. Edith las die ihrige schweigend, las die eine Spalte, die soviel für sie bedeutete, zweimal von oben bis unten, dann legte sie die Zeitung auf den Tisch.

»Ich lese eben,« sagte sie, »daß unsre Einbrecher gestern nacht die Nordprovinzbank ausgeplündert haben.«

»Ich habe es auch gelesen,« sagte er, ohne die Augen von der Zeitung zu erheben.

»Und daß einer von ihnen von dem bewaffneten Bankwächter angeschossen wurde.«

»Auch das habe ich gelesen,« sagte ihr Gatte.

»Angeschossen,« wiederholte sie und blickte auf seinen verbundenen Arm.

Er nickte.

»Ich glaube, meine Zeitung ist eine spätere Ausgabe als die deine,« sagte er liebenswürdig. »Der angeschossene Mann starb an seiner Wunde. Man fand seine Leiche in einer Autodroschke. Sein Name steht nicht da, aber ich weiß ... zufällig, daß es ein recht netter stattlicher Herr, namens Persh, war. Armer Kerl,« sagte er sinnend, »es war eine Art poetischer Gerechtigkeit.«

»Wieso?« fragte sie.

»Er hat dies auf dem Gewissen,« sagte Gilbert Standerton und deutete mit grimmigem Lächeln auf seinen Arm.

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