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Die Melodie des Todes

Edgar Wallace: Die Melodie des Todes - Kapitel 10
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDie Melodie des Todes
publisherJosef Singer Verlag A.-G.
year1928
translatorRichard von Goßmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectidb11e8c06
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9
Edith lernt die Geigenspielerin kennen

Edith wandte sich zu dem wartenden Mädchen.

»Gehen Sie sofort hinaus und holen Sie das Mädchen herein!« sagte sie ruhig.

»Was für ein Mädchen, gnädige Frau?« fragte die erstaunte Zofe.

»Das Mädchen, das Geige spielt,« entgegnete Edith. »Bitte, machen Sie rasch, sonst geht sie fort.«

Eine plötzliche Entschlossenheit, dieses Geheimnis aufzudecken, durchdrang sie. Wenn sie auch vielleicht eine ungehörige Handlung gegen ihren Gatten begehen würde, so beschwichtigte sie alle Befürchtungen in dieser Hinsicht mit der Erwägung, sie könnte ihm vielleicht auch einen Dienst erweisen.

Die Zofe kam nach wenigen Minuten zurück und führte ein Mädchen herein.

Ja, es war das Mädchen, das sie an ihrem Hochzeitsabend gesehn hatte. Im Rahmen der Tür stand es nun da und betrachtete mit freimütiger Neugier die Herrin des Hauses.

»Wollen Sie nicht näher treten?« sagte Edith. »Haben Sie schon zu Abend gespeist?«

»Ich danke Ihnen vielmals,« erwiderte das Mädchen, »wir essen gewöhnlich kein Abendbrot, aber ich habe reichlich zum Nachmittagstee gegessen.«

»Wollen Sie sich nicht ein Weilchen hinsetzen?«

Mit einer anmutigen Neigung des Kopfes nahm das Mädchen die Einladung an.

Ihre Stimme verriet keinerlei ausländischen Akzent, wie es Edith erwartet hatte. Sie war zweifellos Engländerin, und aus ihrem Ton sprach eine feinere Bildung, als Edith vorausgesetzt hatte.

»Sie wundern sich wohl, warum ich Sie habe holen lassen?« fragte Edith Standerton.

Das Mädchen zeigte lächelnd zwei Reihen weißer ebenmäßiger Zähne.

»Wenn man mich rufen läßt,« erwiderte sie ironisch, »so geschieht es entweder, um mich für mein Spiel zu bezahlen oder mich zu bestechen, damit aufzuhören.«

In ihren Augen lag aufrichtige Fröhlichkeit; ein Lächeln strahlte über ihr Gesicht und veränderte ihr ganzes Aussehen.

»Ich will beides tun,« sagte Edith, »und außerdem möchte ich Sie noch etwas fragen: Kennen Sie meinen Mann?«

»Herrn Standerton,« sagte das Mädchen und nickte. »Ja, ich habe ihn öfters gesehn und für ihn gespielt.«

»Entsinnen Sie sich eines Abends im Juni,« fragte Edith und ihr Herz schlug rascher bei der Erinnerung, »als sie unter diesem Fenster standen und eine gewisse« – sie zögerte – »eine gewisse Melodie spielten?«

Das Mädchen nickte bejahend.

»O ja,« sagte sie überrascht, »natürlich erinnere ich mich an diesen besonderen Abend.«

»Warum besonderen Abend?« fragte Edith rasch.

»Nun, Sie müssen wissen, daß in der Regel mein Großvater für Herrn Standerton spielt und an jenem Abend war er krank. Er hatte sich beim Rennen eine böse Erkältung zugezogen – wir wurden durch einen Gewitterregen bis auf die Haut naß, nachdem wir in Epsom gespielt hatten – und deshalb mußte ich hierherkommen und ihn vertreten. Ich hatte gar keine Lust, an jenem Abend auszugehn,« gestand sie mit einem bitteren Lächeln, »und ich hasse die Melodie; aber es war geheimnisvoll und romantisch.«

»Sagen Sie mir nur, was ›geheimnisvoll‹ und was ›romantisch‹ war,« sagte Edith.

In diesem Augenblick wurde der Kaffee hereingebracht, und sie goß ihrem Besuch eine Tasse ein.

»Wie heißen Sie?« fragte sie dann.

»May Wing,« sagte das Mädchen.

»Nun, May, berichten Sie mir alles, was Sie wissen,« fuhr Edith fort, und schenkte sich auch eine Tasse Kaffee ein, »und glauben Sie mir bitte, daß ich nicht aus gewöhnlicher Neugierde frage.«

»Ich will Ihnen gern alles erzählen,« sagte das Mädchen kopfnickend. »Ich habe diesen Tag besonders gut im Gedächtnis, weil ich auf der Musikakademie war, um meine Stunde zu nehmen – Sie werden meinen, wir könnten uns das nicht leisten, aber Großväterchen besteht durchaus darauf. Ich bin ziemlich müde nach Hause gekommen. Großvater lag auf dem Divan. Wir wohnen in Hoxton. Er schien etwas aufgeregt. ›May,‹ sagte er, ›ich möchte gern, daß du heute abend etwas für mich tust‹. Selbstverständlich war ich gerne bereit und freute mich, ihm einen Gefallen tun zu können.«

Das Mädchen hielt plötzlich ein.

»Ach, wie merkwürdig,« sagte sie, »ich glaube, ich habe einen Beleg für meine Erzählung in der Tasche.«

An ihrem Gürtel hing ein Täschchen vom gleichen Stoff wie ihr Kleid, das sie öffnete und durchsuchte.

Sie holte einen Briefumschlag heraus.

»Das will ich Ihnen jetzt noch nicht zeigen,« fuhr sie fort, »sondern weitererzählen, was geschah. Wie ich schon gesagt habe, war Großvater sehr aufgeregt und fragte ob ich etwas für ihn tun wolle; er wußte natürlich, daß ich es gern täte. ›Ich habe einen Brief bekommen, aus dem ich absolut nicht klug werden kann,‹ sagte er und zeigte mir diesen Brief.«

Das Mädchen hielt ihr den Briefumschlag hin.

Edith nahm ihn an sich und zog eine Karte daraus hervor.

»Aber das ist ja die Schrift meines Mannes!« rief sie.

»Ja,« bestätigte das Mädchen.

Er trug den Poststempel von Doncaster und der Inhalt war kurz. Er war an den alten Musiker adressiert und lautete wie folgt:

»Beiliegend ein Postscheck auf ein Pfund; nach dessen Einlösung gehen Sie in der Zeit zwischen halb acht und acht Uhr vor das Haus von Herrn Standerton und spielen Sie Rubinsteins ›Melodie in F-Dur.‹ Vergewissern Sie sich, daß er zu Hause ist; wenn nicht, so kommen Sie am nächsten Abend wieder und spielen Sie das gleiche Stück zu der gleichen Zeit.«

Das war alles.

»Ich kann das nicht verstehn,« sagte Edith verwirrt. »Was soll es bedeuten?«

Die Geigenspielerin lächelte.

»Ich möchte selbst gerne wissen, was es heißen soll. Sie sehen, ich bin ebenso neugierig wie Sie, und ich glaube, es ist eine allen Frauen gemeinsame Schwäche.«

»Und Sie wissen nicht, warum diese Mitteilung geschickt wurde?«

»Nein.«

»Oder was sie bedeuten soll?«

Wieder schüttelte das Mädchen den Kopf.

Edith betrachtete den Umschlag und prüfte den Poststempel.

Das Datum war der vierundzwanzigste Mai.

»Der vierundzwanzigste Mai,« wiederholte sie für sich. »Warten Sie nur einen Augenblick,« sagte sie und lief in ihr Schlafzimmer hinauf.

In fieberhafter Eile schloß sie ihren Schreibtisch auf und holte das rotgebundene Tagebuch heraus, in das sie die kleinen Ereignisse ihres Lebens in Portland Square eingeschrieben hatte. Sie schlug den vierundzwanzigsten Mai auf. Es waren nur zwei Einträge zu lesen. Der erste handelte von der Ablieferung eines neuen Kleides, aber der zweite war sehr bedeutungsvoll:

»G. S. kam um sieben Uhr und blieb zum Abendessen. War sehr zerstreut und anscheinend in Sorgen. Er ging um zehn Uhr. Der Abend war deprimierend.«

Sie schaute wieder auf den Umschlag.

›Doncaster 7.30‹ stand dort.

Der Brief war also hundertachtzig Meilen von London entfernt, eine halbe Stunde nach Gilberts Ankunft in Portland Square, abgestempelt worden.

Bestürzt ging sie in das Speisezimmer zurück, ließ sich aber ihre Aufregung in Gegenwart des Mädchens nicht anmerken.

»Ich fühle mich verpflichtet, der Kunst einen kleinen Tribut zu zollen,« sagte sie lächelnd, nahm ein Goldstück aus ihrer Börse und überreichte es May.

»Oh, aber bitte,« wehrte die kleine Musikerin ab.

»Nein, bitte nehmen Sie es. Sie haben mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben. Ist Herr Standerton seither jemals wieder auf diesen Vorfall zurückgekommen?«

»Niemals,« erwiderte das Mädchen. »Ich habe ihn seither nie mehr gesehn, außer einmal, als ich auf dem Deck eines Autobusses saß.«

Einige Minuten später verabschiedete sich das Mädchen.

Das war eine ergiebige Quelle, um ihre Einbildungskraft zu speisen, dachte Edith.

»Was hat es zu bedeuten?« fragte sie sich. »Welches Geheimnis steckt hinter alledem?«

Nun, da sie sich die näheren Umstände ins Gedächtnis zurückrief, entsann sie sich, daß Gilbert an jenem Abend schrecklich zerstreut gewesen war; er war so nervös, daß sie das Zittern seiner Hand bemerkt und sich zu ihrer Mutter über seine auffallende Geistesabwesenheit geäußert hatte.

Aber wenn er das Erscheinen des Musikers erwartet und wenn er selbst das Stück, das er spielen sollte, ausgemacht hatte, warum hatte dann das Spiel eine so furchtbare Wirkung auf ihn ausgeübt? Er war kein Mann der Posen. In seinem Charakter lag nichts Theatralisches.

Er war Musiker und liebte Musik wie sonst nichts auf der Welt außer ihr.

Nicht ohne Zärtlichkeit machte sie in Gedanken diesen Vorbehalt.

Zu jener Zeit hatte er sie geliebt, mochten seine Gefühle nunmehr auch andre sein; aber die Liebe eines starken Mannes verflüchtigt sich nicht so leicht und läßt sich nicht durch ein Wort vernichten.

Seit ihrer Verheiratung hatte er seinen Flügel nicht geöffnet. Während er früher sich fast kein einziges musikalisches Ereignis Londons hatte entgehen lassen, hatte er seither weder ein Konzert besucht, noch eine Oper gehört.

Es kam ihr vor, als habe mit dem Spiel der ›Melodie in F-Dur‹ ein köstlicher Abschnitt seines Lebens sein Ende gefunden.

Einmal hatte sie vorgeschlagen, in ein Konzert zu gehn, bei dem das ganze musikalische London zugegen war.

»Vielleicht gehst du allein hin, wenn es dir recht ist,« hatte er ihr kurz entgegengehalten. »Ich fürchte, ich werde heute abend geschäftlich ziemlich in Anspruch genommen sein.« Und das war der gleiche Mann, der ihr nicht nur einmal, sondern Dutzende Male erklärt hatte, Musik drücke ihm jede Botschaft und jede Gefühlsbewegung in einer klareren Sprache aus als das gedruckte Wort.

Was hatte das zu bedeuten? Eine ungeduldige Energie und ein drängendes Verlangen, den Dingen auf den Grund zu gehn, überkam sie – sie wollte einen größeren Anteil an seinem Leben haben. In welchem Zusammenhang stand diese Melodie mit der plötzlichen Veränderung, die mit ihm vorgegangen war? Welche Verbindung bestand zwischen ihr und dem rastlosen Leben, das er in der letzten Zeit führte? Was hatte sie mit seinem Austritt aus dem Auswärtigen Amt und aus seinen Klubs zu tun?

Sie war fest überzeugt, daß ein Zusammenhang bestehen müsse, und sie war entschlossen, ihn zu entdecken.

Solange sie im Dunkeln tappte, konnte sie ihm nicht helfen. Instinktiv fühlte sie, daß es wenig Wert haben würde, ihn zu fragen. Er gehörte zu der Art Menschen, die sich nicht gerne in die Karten schauen lassen.

Sie war seine Frau und fühlte sich ihm verpflichtet. Sie hatte Unglück in sein Leben gebracht und mußte sich nach Kräften bemühen, ihm zu helfen; doch dazu brauchte sie Geld.

Sie setzte sich nieder, um eine kurze Mitteilung an ihre Mutter zu schreiben: Sie wolle die vom Makler gebotenen dreihundert Pfund annehmen; sie verstieg sich sogar zu der Andeutung, sie würde selbst Herrn Warrell aufsuchen und die Verhandlungen mit ihm abschließen, falls die Angelegenheit nicht umgehend von ihrer Mutter erledigt würde.

Im Morgenblatt hatte sie die Anzeige einer Privatdetektei gelesen und war vorübergehend geneigt, einen Mann in ihren Dienst zu nehmen. Aber welche besonderen Fähigkeiten konnten Privatdetektive haben, die sie selbst nicht auch besaß. Man brauchte keine eigene Ausbildung, um sein Gehirn arbeiten und seinen Scharfsinn walten zu lassen.

Sie hatte eine Lebensaufgabe gefunden – die Entschleierung des Geheimnisses, das ihren Mann wie eine Wolke umhüllte. Es wurde ihr freudig zumute bei der Aussicht auf das Werk, das sie sich zum Ziel gesetzt hatte.

»Du solltest eine Beschäftigung für dich finden,« hatte Gilbert in seiner zurückhaltenden Art gesagt.

Sie lächelte und fragte sich, was er wohl denken würde, wenn ihm die Beschäftigung bekannt würde, die sie sich ausgesucht hatte.

+++

Das Häuschen in Hoxton, das May und ihrem Großvater als Obdach diente, lag in einer kleinen anständigen Straße, die größtenteils von Angehörigen der Künstlerklasse bewohnt wurde. So klein und einfach die Wohnung war, so war sie doch mit ausgezeichnetem Geschmack eingerichtet. Die Möbel waren alt in dem Sinne, daß sie um so wertvoller und feiner waren.

Der alte Herr Wing saß in einem Armstuhl neben dem Feuer in einem Raume, der gleichzeitig als Küche und Speisezimmer diente. May war mit einer Handarbeit beschäftigt.

»Mein liebes Kind,« sagte der alte Mann mit seiner angenehmen Stimme, »ich glaube, es ist besser, du gehst heute abend nicht wieder fort.«

»Warum nicht, Großpapa?« fragte das Mädchen, ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen.

»Nun, wahrscheinlich ist es selbstsüchtig von mir,« erwiderte er, »aber ich möchte nicht gern allein bleiben. Ich erwarte einen Besuch.«

»Einen Besuch?«

Besuche waren im Haus Nr. 9 Pextonstraße-Hoxton etwas Ungewöhnliches. Der einzige gewohnte Besucher war der Mieteinnehmer, der jeden Montagmorgen mit gleichbleibender Regelmäßigkeit vorsprach.

»Ja,« sagte ihr Großvater zögernd, »ich glaube, du wirst dich an den Herrn erinnern; du hast ihn vor einiger Zeit gesehn.«

»Doch nicht Herr Standerton?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr Standerton ist es nicht,« sagte er, »aber du wirst dich des recht netten Mannes entsinnen, der dir nach dem Rennen in Epsom aus dem Gedränge heraushalf?«

»Ich entsinne mich,« sagte sie.

»Sein Name ist Wallis,« sagte der Alte, »ich bin ihm heute zufällig beim Einkaufen begegnet.«

»Wallis,« wiederholte sie.

Der alte Wing schwieg eine Weile, dann fragte er:

»Meinst du, mein liebes Kind, wir könnten einen Zimmerherrn brauchen?«

»O nein,« protestierte das junge Mädchen. »Bitte nicht!«

»Ich finde, die Miete ist ziemlich schwer aufzubringen,« sagte ihr Großvater kopfschüttelnd, »und dieser Herr Wallis ist ein ruhiger Mensch, der uns wahrscheinlich nicht weiter stören wird.«

Das Mädchen gab sich noch nicht zufrieden.

»Es wäre mir lieber, wir brauchten es nicht zu tun,« sagte sie. »Ich bin überzeugt, wir können genug verdienen, um den Haushalt ohne solche Hilfe zu bestreiten. Zimmerherrn bringen immer Unannehmlichkeiten mit sich. Ich glaube auch nicht, daß Frau Gamage damit einverstanden wäre.«

Frau Gamage war die ältliche Nachbarin, die jeden Morgen zur Hilfe im Haushalt erschien.

Als das Mädchen das enttäuschte Gesicht des alten Herrn sah, ging sie zu ihm und legte ihren Arm um seine Schultern.

»Reg dich nicht auf, liebes Großväterchen,« sagte sie, »wenn du einen Zimmerherrn haben willst, sollst du einen haben. Ich glaube, es wird sehr nett für dich sein, jemanden im Haus zu haben, mit dem du plaudern kannst, wenn ich fort bin.«

Da klopfte es an die Tür.

»Das wird wohl unser Besucher sein,« sagte sie und ging öffnen. Sie erkannte den Mann wieder, der unter der Türe stand.

»Darf ich hereinkommen?« fragte er. »Ich möchte Ihren Großvater geschäftlich sprechen. Ich vermute, Sie sind Fräulein Wing.«

Sie nickte.

»Treten Sie ein,« sagte sie und führte ihn in die Küche herein.

»Ich will Sie nicht allzulange aufhalten,« sagte Herr Wallis. »Nein danke, ich will solange stehen bleiben. Ich möchte gerne ein ruhiges Logis für einen Freund von mir finden. Wenigstens,« fuhr er fort, »ist er ein Mann, für den ich etwas übrig habe, ein recht ruhiger, nüchterner Mensch, der den größten Teil des Tages und möglicherweise manchmal auch in der Nacht aus dem Hause ist.« Er lächelte. »Er ist ein –« er zögerte. »Er ist ein Autodroschkenchauffeur, um genau zu sein. Allerdings hat er es nicht gern, daß diese Tatsache allzu bekannt wird, weil er – äh – bessere Tage gesehn hat.«

»Wir haben nur ein kleines Zimmer, das wir Ihrem Freund geben können,« sagte May, »vielleicht wollen Sie es gerne ansehn.«

Sie geleitete ihn in ein kleines Schlafzimmer hinauf, das sie nur sehr selten zur Unterbringung ihrer wenigen Gäste gebraucht hatten. Das Zimmer war hübsch und sauber, und George Wallis nickte beifällig.

»Am liebsten würde ich es für mich selbst haben,« sagte er.

Er schlug selbst einen höheren Preis vor, als sie verlangte, und bestand darauf, einen Monat im voraus zu bezahlen.

»Ich habe dem Mann gesagt, er solle vorsprechen, er könnte jetzt schon hier sein; wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich auf ihn warten.«

Er brauchte nicht lange zu warten, denn nach wenigen Minuten erschien der neue Zimmerherr. Es war ein beleibter Mann mit einem dicken, schwarzen, kurzgeschnittenen Bart; der Umstand, daß er etwas einsilbig war und wenig Worte machte, war für einen Zimmerherrn eher ein Vorzug.

Wallis verabschiedete sich von dem alten Mann und seiner Enkelin und wanderte in Begleitung des Mannes, für den der etwas belanglose Name Smith angegeben worden war, bis zum Ende der Straße.

Er hatte ihm etwas zu sagen, und zwar etwas Wichtiges.

»Ich habe diese Wohnung für dich besorgt, Smithy,« sagte er, als sie langsam gegen Hoxton High-Straße schritten, »weil sie ruhig und recht sicher ist. Es sind geachtete Leute und niemand wird dich stören.«

»Man wird mich nicht so leicht behelligen, nicht wahr?« sagte der mit Smithy angeredete Mann.

»Zur Zeit noch nicht,« entgegnete der andre, »aber ich weiß nicht genau, wie die Dinge sich entwickeln werden. Ich bin sehr in Sorgen.«

»Worüber machst du dir Sorgen?«

George Wallis lachte ein wenig ratlos.

»Warum stellst du so dumme Fragen?« sagte er mit gutmütigem Ärger. »Bist du dir nicht klar, was geschehen ist? Irgend jemand kennt unser Spiel.«

»Nun, warum geben wir es dann nicht auf?« fragte der andre gelassen.

»Wie können wir es aufgeben? Mein lieber guter Kerl, wir haben zwar im Laufe von zwölf Monaten einen Vorrat an beweglichem Eigentum angehäuft, dessen Wert uns allen erlaubt, uns zur Ruhe zu setzen; aber keiner von uns ist in diesem Moment geneigt, sich aus dem Staube zu machen – es würde weitere zwölf Monate dauern, bis wir die Beute an den Mann gebracht hätten,« sagte er nachdenklich.

»Ich weiß ja gar nicht genau, wo sie ist,« sagte Smith mit einem leisen Lächeln.

»Das weiß niemand außer mir,« entgegnete Wallis mit einem leichten Stirnrunzeln, »das ist das, was mir am meisten Sorgen macht. Ich fühle die ganze Verantwortlichkeit auf mir. Smithy, wir werden tatsächlich überwacht.«

Der andere lächelte.

»Das ist doch nichts Außergewöhnliches,« sagte er. Aber Wallis blieb sehr ernsthaft.

»Auf wen hast du Verdacht?« fragte Smith. Der andre gab nicht gleich Antwort.

»Ich habe keinen Verdacht, sondern ich weiß,« sagte er dann. »Vor einigen Monaten, als Calli und ich in Hatton Garden eine Sache drehten, wurden wir durch das Erscheinen eines geheimnisvollen Gentleman unterbrochen, der zuschaute, wie ich den Geldschrank öffnete, und der sofort danach verschwand. Damals schien er nicht gerade feindselig gegen uns gestimmt oder ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben. Jetzt aber, aus irgendeinem Grunde, den er selbst am besten wissen wird, arbeitet er gegen uns. Das ist der Mann, den wir ausfindig machen müssen.«

»Aber wie?«

»Man setze eine Annonce in die Zeitung,« sagte der andre spöttisch: »Wird der Herr, der Herrn Wallis auf der Fährte ist, die Güte haben, seine Persönlichkeit zu enthüllen, und es wird nichts weiter mehr unternommen werden.«

»Aber sprich jetzt ernsthaft,« sagte der andre.

»Wir müssen herausbringen, wer er ist. Es muß eine Möglichkeit geben, ihn in eine Falle zu locken; aber das einzige, was wir jetzt tun können, und ich muß es schon zu meiner eigenen Sicherheit tun, ist, euch alle zusammenzutrommeln und die Beute zu teilen. Es wird gut sein, wenn wir uns verabreden.«

Smith nickte: »Wann?«

»Heute abend,« sagte Wallis, »treffen wir uns im ...« Er nannte ein Restaurant in der Nähe der Regentstraße.

Es war höchst merkwürdigerweise ausgerechnet das Restaurant, wo Gilbert Standerton regelmäßig allein speiste.

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