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Die Mappe meines Urgroßvaters

Adalbert Stifter: Die Mappe meines Urgroßvaters - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Mappe meines Urgroßvaters
senderwbergner@aol.com
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»Lauter Felder, seit sie sich los gekauft haben.«

»Und in den drübigen Hofmarken mähen sie schon Heu?«

»Es ist kein Halm mehr auf den Wiesen.«

»Das ist ein gesegnetes, schönes Jahr. Wenn uns der Herr noch weiter hinaus behütet, und das Verheißene gut einbringen läßt, dann kann sich mancher helfen. – Wollt ihr euch denn nicht ein wenig auf das Sitzbette niederlassen, Doctor?«

Nach diesen Worten nöthigte er mich auf das Sitzbette, das er vor dem Tische hat, und setzte sich zu mir. Nachdem er die Falten an dem Teppiche gleich gestrichen, und die Brosamen herabgestreift hatte, sagte er plötzlich: »Das ist recht schön, Doctor, daß ihr gekommen seid, und wieder dahier sitzet, wie so oft; darum sagt mir auch geradeweg, ob ihr denn auch auf mich zürnet?«

»Nein, Obrist,« antwortete ich; »nein, ich weiß es schon, daß ihr mir nichts gethan habt. Ihr seid ja ein freundlicher Mann gegen jedes Geschöpf. Ihr habt allen Leuten im Walde herum wohl gethan, und wenn einer undankbar war, so seid ihr hingegangen, und habt ihm eine neue Güte erwiesen. Wie sollte ich euch zürnen? nein, eher muß ich euch jetzt sagen, was ich noch nie gesagt habe: ihr seid der beste und sanfteste Mensch, den ich auf der Welt kennen gelernt habe.«

»Bin ich das,« erwiderte er, »so macht mir die Freude, Doctor, und thut euch kein Leid an.«

Mir rollten die Thränen hervor, und ich sagte, daß ich es nun nicht mehr thun wolle.

»Ich bin vorgestern,« sagte er, »mit großer Angst durch den Reutbühl gegangen; denn der Mensch vermag hierin nichts zu ändern, und ich ließ euch in Gottes Hand zurück. Als die Sonne untergegangen war, stand ich an dem Fenster und betete – und da sah ich eure Gestalt am Saume des Kornes nach Hause gehen, wie manches Mal an andern Tagen, wenn ihr mit einem Buche unter den Birken gewesen seid – und es kam eine recht ruhige freundliche Nacht in mein Haus. – Seht, da ich damals von euch fort gegangen war, bin ich im Reutbühl auch an unsere Föhrenpflanzung gekommen, die ihr im vorigen Frühlinge mit mir angelegt habt, und habe gesehen, daß kaum ein einziges Pflänzchen ausgegangen ist; manche sind schon sehr hoch und ballen mit ihren Wurzeln das Steingerölle. – Am andern Tage bin ich von der Stube in den Stall gegangen, von dem Stalle in den Garten, und von da wieder herein – und habe über die kleinen Felderhügel geschaut, und über die Spitzen der Wälder, in denen ihr vielleicht fahren werdet, oder sonst etwas thun. Da kam in der Nacht euer Knecht, und brachte mir große Freude. – Ich hatte es ja nun in der Hand, ich kannte euch, ihr seid so oft zu mir gekommen, und ich wußte es ja, daß ihr euch herausreißen würdet.«

Ich konnte den Mann nicht anschauen, und sagte, weil ich schon so viel eingestanden hatte, daß ich so zerdrückt sei, und die Tage her keinen Menschen, nicht dem Knechte, nicht der Magd und keinem Taglöhner in die Augen sehen könne.

»Das ist unrecht,« antwortete er, »und es wird sich ändern. Thut ihnen Gutes, seid ein rechter Arzt, und ihr werdet wieder ihres Gleichen. Auch wissen sie ja nichts.«

»Aber ich weiß es.«

»Ihr werdet es vergessen.«

»Und mit einer solchen Schwermuth fahre ich an den Fichten und Tannen vorüber, daß an meinen Augen stets das Weinen ist. Ich bin gleich recht gerne zu meinen Kranken gegangen, auch zu denen, die schon besser sind, – auch zu dem alten Keum bin ich gegangen, der sterben muß, weil er das Zehrfieber hat, und habe ihn ein wenig getröstet.«

»Das ist immer so,« antwortete der Obrist, »daß aus dem harten Steine Zorn der weiche Funken Wehmuth kömmt. So fängt Gott die Heilung an.«

»Schont mich vor der Welt, Obrist.«

»Redet nicht so. Nur der Herr im Himmel und ich haben es gesehen, und beide schweigen. Lasset nun die Zeit fließen und es werden Hüllen nach Hüllen darauf kommen. Die Seele hat einen Schreck erhalten, und wird sich ermannen. Es ist nun alles gut, lassen wir es gehen, und reden von andern Dingen. – Sagt mir, Doctor, habt ihr denn den Thomas abgedankt, daß gestern ein anderer Knecht zu mir gekommen ist?«

»Nein, aber er ist jetzt blos bei den Pferden. Den andern habe ich zu den Geschäften im Hause und zum Botengehen genommen. Er ist der Sohn des Inbuchsbauer.«

»Ich kenne ihn, er hat die Füllen des Gregordubs gehütet. Ihr müsset ja jetzt viele Leute in eurem Hause haben?«

»Nur noch zwei Mägde.«

»So habt ihr das Bauen einstweils eingestellt?«

»Nein, ich habe es für das heurige Frühjahr nur noch nicht begonnen. Wir waren erst ein wenig an dem großen Brunnen, aber seit der Bernsteiner im Steinbühel den Keller gräbt, habe ich ihm alle meine Leute hinüber gehen lassen. Er will bis zu dem Schützenfeste fertig sein.«

»Ich war schon lange nicht in Pirling, und wußte nicht, daß er graben läßt. Im Steinbühel muß er wohl stark in die Felsen sprengen. «

»Sie schießen ja schon drei Wochen, und alle Leute, die ich sonst hatte, sind dabei beschäftiget.«

»Ich möchte auch manches in meinem Hause ändern, und wenn der Grunner zu empfehlen ist, so müßt ihr ihn mir einmal herauf schicken. Mit dem ganzen Hinterecke möchte ich gegen den Eichenhag hinaus fahren, auch möchte ich eine neue Stiege und einen neuen Kellereingang machen lassen.«

»Meinen Brunnen wenigstens hat der Grunner vortrefflich herausgebaut.«

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