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Die Mappe meines Urgroßvaters

Adalbert Stifter: Die Mappe meines Urgroßvaters - Kapitel 41
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Mappe meines Urgroßvaters
senderwbergner@aol.com
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Als er dieses gesagt hatte, wendete er sich um und begab sich wieder durch das Bücherzimmer in seine Stube. Ich ging an den Tisch und sah das Edelweis an. Es waren zwölf Stämmchen. Ich legte sechs auf diese Seite, und sechs auf jene Seite, und sagte: »Margarita, ich habe die Pflanzen aus einander getheilt; diese hier sind die eurigen, diese die meinigen. Ist es so recht?«

»Ja,« sagte sie.

Hierauf schwiegen wir wieder eine Weile – dann sagte ich: »Ich werde jetzt mein Amt recht eifrig erfüllen, und allen Hülfsbedürftigen, nah und ferne, den willfährigsten Beistand leisten.«

»Ja, thut das, thut das,« sprach sie lebhaft.

Dann fuhr ich fort: »Denkt zuweilen an mich, Margarita, und wenn auch alles anders wurde, lasset doch mein Bild in mancher Zeit vor eure Augen treten.«

»Ich habe geglaubt, daß ihr sehr gut und sehr sanft seid,« antwortete sie.

»Ich bin es,« sagte ich, »ich bin es, Margarita, nur könnt ihr es jetzt noch nicht sehen, und könnt es jetzt noch nicht glauben. Drum lebet wohl Margarita, lebet recht wohl.«

»Wartet noch ein wenig,« sagte sie.

Dann trat sie an den Tisch, nahm jene Abtheilung des Edelweises, die ich als die ihrige bezeichnet hatte, legte sie auf meine Seite und sagte: »Nehmet dieses.«

Ich sah auf sie, konnte aber ihr Angesicht nicht sehen, weil sie sich abgewendet hatte.

»Margarita,« sagte ich, »lebet recht wohl.«

Ich konnte nicht hören, daß sie etwas antwortete, sah aber, daß sie mit der Hand winkte.

Es war nun alles vorüber. Ich nahm das Edelweis, das sie mir gegeben hatte, von dem Tische, that es in das Buch, das ich immer bei mir trage, und ging zur Thür hinaus. Ich schritt zum letzten Male über die gelbe Rohrmatte, ich ging durch die große Blumenstube, in welcher manche fremdartige Gewächse standen, und trat aus derselben auf den Grundstein hinaus, den wir mit so vieler Freude und Fröhlichkeit gelegt hatten. Dann kam ich durch den Thorbogen in das Freie. Ich wollte den Obrist nicht mehr besuchen, sondern langsam meine Wege gehen. Aber ich sah ihn, da ich heraus gekommen war, in dem feinen Grase des Rasens stehen, der sich vor den Fenstern seines Hauses hin breitet. Wir gingen auf einander zu. Anfangs sagten wir gar nichts, dann aber sprach er: »Wir werden euch ein wenig begleiten.«

Es waren nemlich auch seine zwei Hunde bei ihm. Er ging ein Stück des Weges, den ich eingeschlagen hatte, mit mir, dann sagte er: »Lasset eine Zeit verfließen. Wie ich euch schon in meiner Stube gesagt habe, so wiederhole ich es auch hier, ihr habt beide gefehlt. Denkt an meine Gattin: sie stürzte ohne den leisesten Angstruf in den Abgrund, damit sie mich nicht erschrecke. Margarita gleicht ihr sehr. Sogar darin ist sie ihr ähnlich, daß sie eine solche Vorliebe für weiße Kleider hat, obwohl ihr niemand erzählt hat, daß es bei ihrer Mutter auch so gewesen ist. Sie ist eben so stark und eben so demüthig und zurückweichend vor dem harten Felsen der Gewaltthat.«

Ich antwortete im Augenblicke nicht auf diese Rede. Es war heute das erste Mal gewesen, daß der Obrist von dem Stande der Dinge zwischen mir und Margarita gesprochen hatte. Wir gingen noch eine Weile neben einander, bis ein Weg seitwärts gegen seine Wiese hinein ging. Dort beurlaubte er sich, und wandelte auf dem Wege, der ihn gegen die Wiese führte, mit seinen Hunden dahin.

Der Pfad aber, den ich eingeschlagen hatte, war nicht der zu meinem Hause hinunter, sondern der, welcher von dem Haghause weg durch die Felder empor geht, und dann in die Weidebrüche einlenkt, wo man im Sommer die Rinder hütet. Ich schlug den Pfad darum ein, weil ich noch zur Haidelis gehen mußte, die krank ist, und weil der Weg durch die Weidebrüche zu ihr führt. Ich ging nicht zum Essen nach Hause; denn ich dachte, ich könnte ja in das Gollwirthshaus gehen, wenn mein Leib etwas verlangte, oder sonst irgend wohin, wo mein Weg mich vorbei bringt.

Als ich zwischen die Haselstauden der Weiden hinauf gekommen war, und nicht gesehen werden konnte, blieb ich ein wenig stehen. Ich richtete mir das Barett zurechte, welches schief gesunken war, und sagte mir gleichsam selber die Worte: »Wenn dir nun in Zukunft noch ein Widerstand in den Weg kommt, Augustinus, den du nicht überwinden zu können meinst, so denke an den Obrist und an seine standhafte Tochter.«

Dann ging ich wieder zwischen den Haselbüschen weiter.

Ich hatte jetzt niemanden mehr, als meine Kranken, und es schien mir in dem Augenblicke, als warteten sie alle auf mich.

Ich sollte zwar erst gegen den Abend zur Haidelis hinaus, und hatte mir vorgenommen zu fahren; aber da es doch etwas weit ist, so dachte ich, werde ich bei langsamem Gehen, wenn auch der Tag noch hoch steht, doch erst gegen den Abend hin kommen. Ich mochte von dem Obrist nicht nach Hause gehen, und meine Pferde holen. Ich ging langsam – langsam und denkend durch die Wälder dahin. – Auch war ich ein wenig bei dem hinteren Wirthe in dem Schlagholze, und aß etwas von der Kost, die an seinem Mittagstische übrig geblieben war.

Als ich von der Haidelis weg durch andere Wälder nach Hause ging und die Sonne schon ziemlich nahe gegen ihren Untergang neigte, schien es sich erfüllen zu wollen, was der Obrist heute gegen Mittag vorausgesagt hatte; denn von der Scheide des Hochwaldes herüber, von woher im Winter die Wolken mit dem Regen gekommen waren, der den schrecklichen Eissturz gebracht hatte, zog es sich wie Gewitterbildung zusammen, und die Sonne mußte sich auch im Abend durch zerstückte und an ihren Enden anbrennende Wolken hinunter arbeiten. Ich betrachtete mir so, da ich in das Freie gekommen war, das Zurechtrichten und die Vorbereitungen an dem Himmel.

Zu meinem Hause ging ich nur hinzu, um den Fuchs anspannen zu lassen, damit ich noch zu dem Erlebauer hinaus führe, zu dem ich vor Abends mußte, und wieder zurück käme, bevor das Gewitter ausbräche.

Als ich mit dem Thomas durch die letzten Bäume des Thaugrundes zurück fuhr, leuchteten schon die Blitze durch die Zweige herein, und zogen manchmal über den fernen Wald ihre geschlungenen Geißellinien. Auch an dem Abendhimmel war es nun anders. Wo die Sonne zwischen roth schimmernden Wolken und blaßgelb leuchtenden Stücken heiteren Himmels untergegangen war, war nun alles zusammen geflossen, und aus der dunkeln Lagerung der Wolken brach zu Zeiten Feuer hervor. Ich habe darum den Fuchs zu dieser Fahrt genommen, weil er das himmlische Feuer nicht scheut. Die jungen Rappen entsetzen sich davor.

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