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Die Mappe meines Urgroßvaters

Adalbert Stifter: Die Mappe meines Urgroßvaters - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Mappe meines Urgroßvaters
senderwbergner@aol.com
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Sie nahm zuerst das Wort und sagte: »Ach – ihr seid nun da – wir waren schon in Sorge, daß euch etwas zugestoßen sein könnte; denn der Vetter Rudolph ist fort, und ist im Nachmittage noch bei euch gewesen, um Abschied zu nehmen – da sagten eure Leute, daß ihr wohl mit den Pferden schon nach Hause gekommen, aber wieder fort gegangen, und dann nicht einmal zum Mittagessen zurückgekehrt seid. Der Vater meinte, ihr würdet wohl zu einem Hülfsbedürftigen gemußt haben, und es sei alles an der Sache nicht auffallend. Er hat den Vetter Rudolph bis zu dem Wirthshause am Rothberge begleitet, wohin die Reisepferde bestellt sind, dann wird er mit unseren Pferden wieder heim kommen.«

»Margarita, ihr liebt mich gar nicht!« antwortete ich.

Sie richtete ihre Augen auf mich, und sagte: »Wie kömmt denn diese Rede zu euch? – ich liebe euch ja mehr, als ihr ahnen könnt: ich bin so freudig, wenn ihr herauf kömmt, es thut mir leid, wenn ihr fort geht, und ich denke auf euch, wenn ihr fern seid.«

»Ihr liebt mich nicht,« sagte ich wieder, und sie mochte bemerken, wie es in meinem Angesichte vor Schmerz zuckte.

»Was ist euch denn, sagte sie, – ihr könnt ja eigentlich nicht so reden. – Seid ihr krank? Ihr müßt wohl einen weiten Weg gemacht haben, ich sehe es an euren Kleidern. Habt ihr schon etwas gegessen?«

»Nein, ich habe noch nichts gegessen,« antwortete ich.

»Nun so kommt nur schnell in das Haus herein,« erwiederte sie, »ich werde euch etwas geben, es sind noch Dinge genug da, ihr müsset gleich etwas essen.«

»Ich esse nichts,« antwortete ich.

»So wollt ihr etwa mit dem Vater reden,« sagte sie, »kommt, wir wollen uns auf die Gartenbank setzen, wo man den Weg weit übersieht, auf dem er kommen wird.«

»Ich will nicht mit dem Vater reden,« antwortete ich, »aber euch habe ich etwas zu sagen, daß ihr nehmlich den Vetter Rudolph viel, viel mehr liebt, als mich.«

»Ich liebe den Vetter Rudolph,« sagte sie, »weil es sich gebührt, aber ich liebe euch mehr – ihn liebe ich anders – und ihr müßt selber sagen, ob er es nicht werth ist, da er sich so schön gegen uns, seine Verwandten gezeigt hat?«

»Ja, ja, er ist es werth und ihr werdet ihn immer mehr und mehr, und endlich sehr lieben,« erwiederte ich.

»Ich werde ihn auch sehr lieben,« entgegnete sie, »wenn er noch öfter wird zu uns gekommen sein, wie er es gesagt hat.«

»Nun, so ist es gut, und wir sind in Ordnung,« antwortete ich.

Jetzt gingen wir eine Weile schweigend neben einander her, bis wir zu dem Gartengitter gekommen waren, wo die Rosen stehen, deren Reiser wir mit einander eingelegt hatten. Dort blieb sie stehen, wendete ihr Angesicht und ihre Augen auf mich und sagte: »Ich bitte euch, lieber, theurer Freund, seht, ich bitte euch aus der innersten Inständigkeit meines Gemüthes, lasset diese Dinge und diese Worte aus eurem Herzen fahren.«

»Ich lasse ja die Dinge alle,« antwortete ich, »ihr liebt mich nicht, und ich lasse die Dinge aus meinem Herzen fahren.«

»Ich habe im Eichenhage zu euch gesagt,« erwiederte sie, »daß ich euch außer meinem Vater mehr liebe, als alle andern Menschen auf der Erde.«

»Ja ihr habt es gesagt,« antwortete ich – »ob es aber auch wahr ist!?«

Auf diese Rede erwiederte sie gar nichts. Sie sagte kein Wort mehr. Sie ging durch das Gartengitter hinein, und ich auch. Sie zog einen Schlüssel aus der Tasche ihres Kleides, machte das Gitter zu und sperrte mit dem Schlüssel das Schloß. Dann ging sie auf dem geraden Wege durch den Garten, der gegen das zweite Gitter führt, durch das man in den Hof des Hauses gelangt, – ich ging immer neben ihr, und es war mir, als ob sie scheu von mir weg wiche. Da wir das Gitter erreicht hatten, ging sie durch dasselbe in den Hof, that es hinter sich zu, aber sperrte es nicht ab, weil es nie abgesperrt wird. Im Hofe redete sie wieder das erste Wort, indem sie sagte: »Wenn ihr auf den Vater warten wollt, so will ich mich zu euch auf die Bank setzen, und so lange warten, bis er da ist.«

»Ihr könnt ihm in meinem Namen eine gute Nacht sagen,« antwortete ich, »ich gehe nach Hause.«

»So werde ich es thun,« sagte sie, indem sie stehen blieb.

Ich wendete mich von ihr, ging neben dem Blumensaale durch das große Thor hinaus, und schritt auf dem Wege nach meinem Hause hinunter.

Am andern Tage hatte ich nur zu dem Erlebauer zu fahren, der etwas bedeutend krank war, dann zur Mechthild, die ein Gallenfieber hatte, und dann noch zu einigen andern von geringer Bedeutung. Ich fuhr sehr frühe des Morgens aus, damit ich bis zu Mittag mit allen meinen Kranken, und mit dem Schreiben, das nothwendig geworden war, fertig wäre.

Als ich die Suppe, die ich als einzige Speise an diesem Mittage zu mir nahm, gegessen hatte, ging ich in das Haghaus hinauf.

Ich ging zuerst zu dem Obrist, der in einem Buche las. Er stand auf, grüßte mich, wie sonst, und war um gar nichts anders, als er sich stets gegen mich benommen hatte. Er sagte mir nach einigen gewöhnlichen Worten, daß gestern sein Vetter Rudolph fort gereiset sei, daß er mich noch gesucht, aber nicht gefunden habe, und mir daher durch ihn die schönsten Grüße zum Abschiede sagen lasse. Er fügte dann noch hinzu, daß der junge Mann ein vortrefflicher Mensch sei, daß er sich freue, daß nun der Hader in der Verwandtschaft ein Ende habe, und daß, wenn der Jüngling in seiner Gesinnung so fort fahre, aus ihm ein einfacher, gutherziger und starker Mann hervorgehen könne. Ich pflichtete den Worten bei, wie sie auch in der That ganz der Wahrheit gemäß waren.

Von unsern andern Dingen sprach der Obrist kein Wort.

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