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Die Makkabäer

Otto Ludwig: Die Makkabäer - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDie Makkabäer
authorOtto Ludwig
year1898
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. Saale
titleDie Makkabäer
pages81-82
created20020519
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Fünfter Akt.

Im Zelte Antiochus'; ein Thronsessel mit Baldachin; das Zelt aus prächtigen Stoffen durch von der Decke herabhängende Ampeln erleuchtet. Wenn die Hinterwand sich öffnet, Aussicht über das übrige Lager auf das hoch liegende Jerusalem, erst vom Monde beschienen, der dann von Gewitterwolken verdeckt wird und später untergeht.

Antiochus, Eleazar, Nikanor (eben eintretend). Ein Hauptmann als Ordonnanz am Eingang.

Nikanor (beugt die Knie vor dem sitzenden Antiochus).
Herr, alles ist gethan, was du gebotst.
Des Marterofens Flamme leuchtet weit,
Ein glüh'nder Warnungsfinger, um den Unsinn
Zu schrecken aus des Wahnes altem Trotz.

Antiochus. Und noch kein Bote von Jerusalem?
Ein Schritt naht eilend. Ist's der Bote endlich?
Jerusalem ergiebt sich?

Nikanor (der durch den Eingang gesehen).
                                        Hoher Herr,
's ist Gorgias.

Antiochus.             Den erst ich heimgesandt?
Was wendet den Vermessenen zurück?

Gorgias (eilend herein, beugt die Knie).
Herr, zürn' der Botschaft, doch dem Boten nicht.

Antiochus. Was ist?

Gorgias.                   Du glaubtest auf dem Wege mich.
Schon war ich's, als auf schaumbedecktem Rosse
Mir Lysias entgegenkam.

Antiochus.                               Den ich
Auf meinen Stuhl hieß sitzen, bis ich kehrte?
Was treibt ihn treulos weg von seiner Pflicht?

Gorgias. Er war ihr treu; drum mußt' er sie verlassen.

Antiochus. Ha, Aufruhr?

Gorgias.                           Eil' und Sorge warf ihn nieder.
Sein Wort an dich heißt: Unzufriedenheit
Mit diesem Judenkrieg, durchs Siegerbeispiel
Der Juden kühn gemacht, trägt frech den Aufruhr
Durch deine Lande. Kehr', Herr, um zu steuern!

Antiochus. Was mehr?

Gorgias.                       In deinen Heeren Meuterei.
Drum rechne nur auf das, so mit dir ist,
Auf dies auch rechne, Herr, nicht zu gewiß!
Führ' sie zurück, dann bürg' ich ihre Treue,
Doch gegen Juden –

Eleazar.                           Die sie erst besiegt?

Gorgias. Ich habe manches Sieges stählenden
Einfluß gesehn auf Siegerheere wirken
Und weiß, daß Sieg den Sieg gebiert. Allein
Der bei Ammaus über Waffenlose,
Die selbst dem Schwert die unbewehrte Brust
Entgegenboten, Herr, das war kein Sieg,
Wie er Besiegte schwächt und Sieger stärkt.
Die Krieger überfiel ein Graun im Schlachten,
Sie fühlten sich nicht Krieger mehr, nur Mörder.
Die Wut des Feindes weckt die eigne Wut
Und scheucht den Sinn der Menschlichkeit von dannen;
Doch kalt zu morden, das ist grauenhaft.
So kam's, daß die Empfindungslosigkeit,
Mit der die Sterbenden den Tod begrüßten,
Indem sie lächelten und lächelnd starben,
Das Lächeln von der Sieger Wange pflückte
Und bleiche Reu' drauf säte und Besorgnis,
Wie sonst man im Gesicht Besiegter liest.
»Mit solchem Feind zu kämpfen, den solch furchtbar
Gewalt'ger Gott erfüllt, daß er, was menschlich
Im Menschen ist, den Sinn für Schmerz verzehrt?
Sie lachen unsrer Streiche, und wir werden
Die ihren doppelt fühlen, wenn ihr Gott,
Der sie beseelt, es will!« Das und noch Schlimmres
Sagt' ihre Blässe und ihr trüber Blick.

Eleazar. Wenn das erfahrne Auge dasmal nicht
Im fremden las, was in ihm selbst nur stand.

Antiochus. Vollende, denn die Wolk' auf deiner Stirn
Birgt mehr noch.

Gorgias.                     Philipp, dem dein Vater sterbend
Auftrug, daß er zum König dich ernenne,
Braucht diesen Vorwand treulos, die Regierung
Des Reichs sich anzumaßen. Kehrst du nicht,
So geht er weiter. Thu es, Herr!

Eleazar.                                             Eh' daß
Der Juden Unterwerfung du vollendet?

Gorgias. Noch mehr; der Sohn von deines Vaters Bruder,
Demetrius, erhebt den alten Anspruch
Auf deinen Thron. Gelandet ist er schon
An deinem Strand und naht der Hauptstadt eilend,
Und alles fällt ihm zu, wohin er kommt,
Denn er verspricht den Frieden mit dem Juda,
Der großen Scheuche von ganz Syrien.
Kehr' eilend –

Eleazar.                 Den Triumph des Feinds im Rücken,
Der den Rebellen laut zurufen wird:
Harrt aus wie wir, wie wir, dann müßt ihr siegen?

Nikanor. Herr, zieht dein Zögern diesen Aufruhr groß,
Rankt sich an seinem Siegerstab die Hoffnung
Der Juden neu empor, und zwischen Feinden
Wirst du erdrückt.

Eleazar.                       Schickst du den Ruf vom Siege
Voran, besiegst den Arm du durch das Ohr.
Ein Tag beendet alles!

Antiochus (der Gorgias mit dem abgegangenen und wieder eingetretenen Hauptmann reden sieht).
                                    Ist's der Bote?

Gorgias. Die Wache bringt ein Weib. Für Judas Mutter
Giebt sie sich aus, die dich zu sprechen fleht.

Eleazar (für sich, erschreckend).
Meine Mutter? Jetzt? Weh mir! Was bringt sie her?

Antiochus. Des Juda Mutter? Geh und heiß sie kommen!

(Der Hauptmann ab.)

Und muß ich's töten, um's zu unterwerfen,
Will ich auf dieses Volkes Leichnam stehn.

Lea wird vom Hauptmann hereingeführt, sie kniet am Eingang des Zeltes nieder. Nikanor führt sie auf den König zu; sie wirft sich schweigend vor dem König nieder; währenddes:

Eleazar. Sie ist's! O welch ein Anblick, Tiger zähmend!
O Mutter! Mutter! Kaum noch halt' ich mich,
Dein heilig Knie in Staub gebeugt zu sehn!
Sturm Gottes, wie du dieses Prachtgefäß
Zerschlugst. von Menschenhoheit überfüllt,
Du konntest seinen Inhalt nicht verschütten;
Noch predigt jede Scherbe Majestät. –
Klag' ich das Schicksal an um meine That?
Still, Eleazar! Dort liegt Graun und Schwindel.
Was ich gethan, hätt' ich umsonst gethan.
Verbirg dein Mitleid, schling's zurück in dich;
Ihr half' es nicht, und dich würd' es verderben.

Antiochus (nachdem Lea eine Weile vor ihm gelegen).
Wer bist du?

Lea.                     Herr, ein Weib, verarmt an allem
Und selbst an Thränen; eine Mutter, Herr,
Die deine Majestät zu flehen kommt:
Herr, bist du Gottes Bild an Macht und Größe,
Sei's auch an Gnade, gieb mir meine Kinder!

Antiochus. Sind sie in meiner Hand?

Gorgias (der mit dem Hauptmann gesprochen).
                                                    Drei Brüder, Herr,
Des Juda, von dem Hause Simei
Als Zeichen seiner Treue dir gebracht.
Sie harren deines Spruchs.

Eleazar (für sich).                     Auch meine Brüder?
Aus allen Adern strömt mein Leben fort.

Lea. Um deinen Eleazar! gieb sie mir.
(Sieht um und bleibt auf Eleazar haften. der sich abwendet.)

Eleazar (für sich). Nacht, sei mitleidig! birg mich ihren Augen!

Lea. O meiner Seele Kind, noch ungeboren
Begnadigt schon mit göttlicher Verheißung,
Mußt du nun so der Mutter Auge fliehn?
Und weh mir! durch der Mutter eigne Schuld?
Herr, sieh ihn an; wie angenagt vom Wurm
Die süße Blüte welkt; gieb mir auch ihn;
Wenn du ihn liebst – und, Herr, ich weiß, du liebst ihn –,
Willst du nicht seinen Tod und giebst ihn mir.
Neig' deinen Scepter, Herr, und sieh, wie schön
Sich Majestät in Dankesthränen spiegelt.

Eleazar (für sich). Halt, Eleazar, dich! Du darfst nicht reden.

Antiochus. Du flehst um deiner Kinder Leben?

Lea.                                                                   Um
Ihr nacktes Leben.

Antiochus.                   Tod und Leben liegt
In ihrer eignen Wahl.

Lea (erschreckend).           Wie meinst du das?

Antiochus. Bekehrung heißt ihr Leben, Weigrung Tod.

Lea. Das wolltest du? Herr! Herr! was sprichst du da?

Antiochus. So will es das Gesetz Antiochus'.

Lea. Nein, Herr! Sprich: Das Gesetz, das ich gemacht,
Kann ich vernichten.

Antiochus.                         Bald, das schwör' ich dir,
Soll es euch heil'ger sein als das von Moses.
(Zu Nikanor.)
Führ sie zum Marterofen; thu mit ihnen,
Wie das Gesetz gebeut!

Nikanor.                                 So thu' ich, Herr. (Will gehen)

Lea (hält ihn).
Nein, bleibe noch! (Wirft sich wieder nieder vor Antiochus.)
                                Herr, höre mich; laß mich
Nur erst der Schreckensworte Sinn verstehn!
Ihr ungeahnter Klang hat mich erschreckt.
Sieh, meine Sinne schwindeln von dem Schlag.
Abfallen oder sterben? – (Zu Nikanor) Bleib noch! – Sterben?
Du kalter Laut, du lügst Gleichgiltigkeit.
Wer hört die Angst der Kreatur dir an,
Alles zu lassen, was das Auge sieht,
Das Auge selbst? Und selber was wir hassen,
Wird lieb uns, wenn's es lassen gilt. Wie klein
Der Sprung, und doch liegt eine Welt von Sträuben,
Anklammern angstvoll zwischen seinen Ufern.
(Sie hält Nikanor wieder auf, der gehen will.)
O alles! alles! Nur nicht Tod! nicht Tod!
Und doch – Herr, bleib noch! Kann ich sie erst sehn?
Wie sind sie? Lassen sie von ihrem Gott?

Nikanor. Sie sind voll Trotz.

Antiochus.                               Voll Trotz? Ich will ihn brechen.

(Er winkt, Nikanor will gehen.)

Lea (hält ihn wieder).
Sie sind voll Trotz? O freilich! Strenge wirkt
Nur Trotz. Mit Drohn verlangten's fremde Männer,
Da bäumt sich in dem Kinde schon der Mann;
Doch wenn die Mutter fleht, da wird der Mann
Zum Kind und läßt sich lenken. Herr, vergönne
Die Frage mir: Darf ich die Kinder sprechen?

Antiochus. Wenn du zu ihrem Heile reden willst –

Lea. Wie sonst? Wie anders soll die Mutter reden?
Darf ich allein sie sprechen?

Antiochus.                                     Laß dir g'nügen –

Lea. Wie du willst, Herr; ich meinte nur, sprech' ich
Vor deinem Angesicht, sie würden glauben,
Ich rede deine Rede. Sei's darum!

Antiochus winkt; der Hauptmann bringt Johannes, Joarim und Benjamin.

Eleazar (für sich). Antiocha, schütz' du mich, süßes Bild!

Benjamin (Lea erblickend und auf sie zulaufend).
Die Mutter! Joarim, da ist die Mutter!

Joarim. O Mutter! Mutter!

Johannes (umfaßt ihre Knie). Herrin!

Lea (alle umarmend).                            Kinder! Kinder!

Antiochus. Zur Sache!

Lea.                               Ja, mein Herr; so thu' ich schon,
Dorthin seht. Jener Mann dort ist der König;
Er will euch leben lassen, wenn ihr euch
Von euerm Gott zu seinen Göttern wendet –

Benjamin. Wir haben ihm ja nichts zuleid gethan;
Weshalb sollt' er uns töten?

Lea.                                             Doch er wird's.

Joarim. So laß ihn, Mutter. Er ist nur ein Mensch,
Wie du und ich und meine Brüder sind.
Wir wollen Gott gehorchen, nicht den Menschen.

Lea. Mein Heldenkind! Vergieb mir, Herr; es ist
Ja so natürlich, daß die Mutter freut,
Wenn ihr die Kinder nachgeartet sind.
Von ihrer Mutter haben sie den Trotz.
Kommt her, du böser Joarim, und du,
Mein Benjamin und mein Johannes; legt
Die Hände mir aufs Haupt, schwört mir, zu thun,
Was ich euch sagen werde!

Joarim.                                         Doch nichts wider
Den Herrn!

Lea.                   Ich schwör' euch zu für euern Schwur,
Zu euerm Heil nur fordr' ich diesen Schwur.

Benjamin, Joarim, Johannes (die Hände auf Leas Haupt).
Wir schwören, Mutter!

Johannes.                             Und nun sprich!

Eleazar (bewältigt sich, daß er ihnen nicht laut zuruft). Schwört nicht!

Antiochus. Zeigt ihr den Marterofen, eh' sie spricht!

(Die hintere Zeltwand fällt; Aussicht auf das Lager, über dem hinten Jerusalem mit dem Tempel, vom Monde erleuchtet; der Himmel übrigens bewölkt; von der Seite fällt ein Feuerschein aus die Bühne; Wetterleuchten.)

Lea (vor dem Feuerschein entsetzt zurückwankend).
Gott Israels! (kniend) Herr, sei ein Mensch! Du hattest
Eine Mutter, und du weintest, wie sie starb, –
Gewiß! Du weintest! Herr, du selbst hast Kinder
Und liebst sie, Herr! Gewiß! Du liebst sie, Herr!
Gehorch' ich dir, gehorch' ich nicht – ich muß,
Ich selbst, die Mutter ihre Kinder töten.
O, denke deiner Mutter, deiner Kinder
Und sprich: Es ist genug; lebt euerm Gott!

Antiochus. Nun komm zum Ende!

Lea.                                               Ja, zum Ende komm' ich,
Zu meinem Ende! – Nur so lange, Herr,
Laß mir den Atem, bis ich sie gerettet
Nicht vor des Königs, nur vor deinem Zorn!
Mein Fluch auf den, der brechen wird den Schwur!
Nun hört, was ihr geschworen: Bleibt getreu
Dem Gott der Väter; er allein ist Gott!
Und du nun, Herr, nicht mehr um Gnade fleh' ich:
Sei nur gerecht! Sie können nun nicht anders;
Nur mich laß sterben; ich allein bin schuldig!

Antiochus. Nur du sollst leben! Meinen Schwur an deinen!
So fremd sei mir Barmherzigkeit, als dir
Die Mutterliebe ist. – Führt sie zur Marter,
Den Ältesten zuerst, zuletzt den Jüngsten!

(Von hier an ferner, allmählich näher kommender Donner.)

Lea. Du bist ein Henker, kennst das Mutterherz;
Ein feiger Henker, der sich schmähen läßt!
Wärst du ein Mann, ich lebte schon nicht mehr,
Um dich zu schmähn!

Antiochus winkt Nikanor; dieser will die Kinder abführen

Lea (hält Nikanor auf, ununterbrochen sprechend).
                                    Was ras' ich, Herr? Hör' nicht,
Was Wahnsinn aus mir redet. Bei dem Gott
Des Himmels und der Erde: sei ein Mensch!
Nur diesmal sei ein Mensch!

Antiochus.                                     Was flehst du mich?
Ihr Tod und Leben steht in deiner Hand.
Du hörtst, ich schwur. (Wendet sich zum Gehen.)

Lea (kleine Pause des Kampfes).
                                    So schwurst du dein Gericht –
Denn diese wird der Herr, ihr Gott, erwecken,
Wenn du ein Schatten bist im Totenreich.
Thor, der du meinst, die Kinder zu verderben,
Und bist das Werkzeug nur, sie zu erhöhn!
Denn über ihrer Marter wird der Herr
Von seinem Volke wenden seinen Zorn.
So lang' ein Odem weht, wird er sie preisen,
Doch du wirst ewiglich verworfen sein!

Eleazar (für sich). Sie reißt mich fort so wie auf Adlerschwingen.

(Da Antiochus wieder winkt, stürzt er vor ihm auf die Knie; Nikanor bleibt noch erwartend.)

Herr, laß sie leben! Herr. laß sie! um mich,
Herr, laß sie leben, ihrem Gotte leben.
Herr, sieh: ich bin ihr Bruder; sieh, ihr Volk
Ist mein Volk; sieh, ihr Gott mein Gott; ich muß
Ihr Schicksal teilen, welches auch es sei.

Antiochus. Wirfst du zu früh die Larve hin, Verräter?

Eleazar (aufschreiend). Verräter? ich, der alles dir geopfert,
Volk, Vater, Mutter, Brüder, Gott und mich?

Antiochus. Dem sollt' ich trauen, der sein Volk verriet?

Eleazar (auflachend). Das Herz gerissen aus der Brust und dir
Geopfert und nun weggeworfen wie
Ein totes Werkzeug, das man nicht mehr braucht!
Du bist gerecht, furchtbarer Gott, du strafst
Verräter durch Verräter. Zittre drum,
Tyrann, auch dein Verrat wird sich bestrafen.
Vor deinem Diener zittre, der dir treu ist,
Und zwing' durch Mißtraun selbst ihn zum Verrat.

Antiochus. Aus meinen Augen!

Eleazar.                                     Strafst du so, Tyrann?
Aus deinem Aug'? Das heißt: aus Nacht und Tod
Ins Leben, in das Licht und in die Freiheit!
(Wirft sich den Seinen in die Arme.)
Ich hab' euch wieder!

Lea.                                   Zweimal mir Geborner,
Doppelt mein Kind!

Eleazar.                           Ich hab' Euch wieder, Mutter,
Euch, Brüder! Aus des dunkeln Thales Irrweg
Gerettet, steh' ich an des Vaters Thür.
Sieh, wie sich dir des Herrn Gesicht erfüllt;
Wir alle tragen Kronen jetzt, sind Fürsten
Des Duldens, du der Schmerzen Königin. –
Daß der Tyrann nicht meine, seine Ohnmacht
Füll' uns mit Bangen! – Juda grüß mir noch.
Sag ihm: Ein Königreich warf Eleazar
Von sich – und sag' ihm, daß ich ihn geliebt
Wie – Nun leb' wohl! Sieh her, Tyrann, der du
Dich Sieger meinst, sieh her: wir sind die Sieger!
Wir höhnen deiner Qual und deiner Götter,
Denn mit uns ist der ewig einz'ge Gott.

(Er umschlingt Johannes und Joarim und eilt mit ihnen ab, indem er anstimmt und die beiden einstimmen:)

        Wen er behütet, der kann lachen,
        Denn wer ist herrlich so wie er?
        Der Herr ist mächtig in den Schwachen,
        Schickt seinen Sieg vor ihnen her.
                Halleluja!

Nikanor und Gorgias folgen. Die folgenden Reden begleitet der Psalm, bald schwächer, bald stärker, melodramatisch; Donner immer stärker und in kürzeren Zwischenräumen. Der Sturm reißt am Zelte und verlöscht eine Ampel nach der anderen; das Mondlicht immer düsterer unter den Gewitterwolken.)

Lea (unwillkürlich nach).
So laßt die Mutter ihr? ohn' eine Thräne,
Ohn' einen Kuß, eh' noch das Mutterherz –
Weh mir! Was thu' ich? Falsche Thräne, fort!
Wollt ihr dem Henker feile Helfer sein?
Wenn jetzt du weinst, hast du sie nie geliebt.
Zu stählen gilt es jetzt, nicht zu erweichen! –
Geht hin, zu kämpfen, wie ein Löwe kämpft,
Geht hin, zu sterben so, wie Lämmer sterben.
Hörst du, mein Kind? (Nach dem Himmel zeigend.)

Benjamin.                         Jehovahs Stimme donnert,
In Wolken donnert hoch der große Gott.

Lea. Er ist euch nah; der Herr sieht, wie ihr leidet,
In seines Atems Sturm ist er euch nah,
In seinem Donner redet er zu euch,
Daß über euerm Haupt er wenden will
Den Zorn von seinem Volk. Er will euch rächen
Und euch erwecken wieder von dem Tod.
Vergebens birgst du unter deinem Lächeln
Der Seele Angst, die deine Blässe plaudert!
Wo willst du hinfliehn? wo, Tyrann, wenn er
Herniederfährt im Sturm, um dich zu richten?
(Der Sturm verlöscht zwei Ampeln.)
So wie er deine Lampe jetzt verlöscht,
So wird er dich verlöschen! – Benjamin,
Hörst du Schaddais Ruf?

Benjamin.                               Hast keinen Henker,
Tyrann, du mehr für Benjamin?

Antiochus.                                       Welch Weib!
Und welch ein Kind! – Im Schein der letzten Ampel
Steht er so wie mein Perseus vor mir da.
Soll's heißen: Seine Heere schlug Ein Mann,
Ihn selbst ein sterbend Weib mit ihrem Knaben?
Schenk' seinen Schwur ihm, Weib; gehorch' und rett' ihn!
(Eine einzige Lampe flackert noch, der Mond geht unter.)

Lea. Rette dich selbst!

Antiochus.                   Und er soll groß –

Lea.                                                             Er ist
größer als du.

Antiochus.             Gieb ihn dem Leben.

Lea.                                                         Leben
Wird er, wenn dich des Todes Nacht umfängt.

Antiochus. Auf deiner Seele last' er denn. Sprich selber
Sein Urteil ihm.

Lea.                           Er sterbe. Nehmt ihn hin!
(Sie hält ihn, bei ihm kniend, unwillkürlich fest.)
Geh! – Seid barmherzig! nehmt ihn mir!
(Matt, indem sie ihn mit Gewalt fortstößt.)
                                                                Geh! Geh!

Benjamin geht, die Hände erhoben, in den Gesang einstimmend ab. Lea kniet; sie stemmt mit Anstrengung sich auf eine Hand, um nicht zu sinken; ohne zu hören, was gesprochen wird, sieht sie Benjamin starr und atemlos nach.

Gorgias kommt eilend zurück.

Antiochus. Gehorchen sie?

Gorgias.                               Für solche Menschen, Herr,
Giebt's keine Marter. Sieh und hör' sie selbst.
Ein solch Verachten aller Qual sah ich
An keinem Wesen noch.

Nikanor eilend herein.

Nikanor.                                 Herr, laß es enden!
Die Krieger stehn entsetzt. Von Brust zu Brust,
Von Zelt zu Zelt schleicht die Entmutigung.
Die Meuterei hebt schon ihr Schlangenhaupt,
Die Schar, die die Gefangnen soll bewachen,
Befreit sie selber. Aus der Brüder Qual
Weissagen sie das Ende Syriens.
Die Simeiten, die sie dir gebracht,
Zerrissen sie im Zorn; ich konnt's nicht hindern,
»Fort,« hört ich einen rufen, »eh' das Weib,
Das riesige, den Himmel niederbetet,
Uns zu erdrücken!« Andre schwuren drauf,
Judas Posaunen klängen durch die Donner.
Herr, laß dein Schauspiel enden.

Antiochus (nach kleiner Pause).             Macht ein Ende.

(Der Hauptmann ab.)

Zum Aufbruch blast! Zurück nach Syrien!

Noch ein aufjubelndes Halleluja, dann schweigt der Psalm plötzlich.)

Lea (zusammenbrechend).
Gelobt sei Gott, der Herr! es ist vollbracht.
Nun – end' – dein Werk an mir – sonst trügt, dir untreu,
Dein – Scherge Tod – dich um – die Marterlust.

(Die letzte Ampel verlöscht.)

(Von allen Seiten Posaunen in den Donner.)

Antiochus. Posaunen? Sind's die unsern?

(Erstes Frührot; das Gewitter verzieht sich.)

Judas Gefolge erst noch in der Scene.

Judas Gefolge.                                           Schwert des Herrn
Und Juda!

Geschrei im Lager. Ein Überfall! Ein Überfall!

Von der einen Seite kommt Juda mit Gefolge; von der anderen Syrier, alle mit bloßen Schwertern.

Juda. Birg, Syrierkönig, dich im Kern der Erde,
Der Juda gräbt sich nach! – Du bist's; sonst lügt
Dein stolzes Angesicht. Steh meinem Schwert!

Nikanor. Den König schützt!

(Die Syrier scharen sich um Antiochus, sie stehen bis in die Coulissen hinein, sodaß man an ihre Menge gegen Judas Häuflein glauben kann.)

Antiochus.                               Halt ein! Bist Juda du,
Scheuch an die Seit' zurück der Deinen Schwerter
Und hör' mich reden. Nicht aus Furcht – sieh her,
Unübersehbar folgen meine Treuen.
Ihr seid vom Hunger abgezehrt, die Meinen
Sind stark; was irgend Sieg verspricht, das steht
Auf meiner Seite.

Juda.                           Wer den Sieg verspricht,
Ist unser Gott, der Herr, der uns beseelt.
Bist deines Schwerts du so gewiß, was ziehst du
Die Zunge? Zieh dein Schwert!

Antiochus.                                         Wollt' ich's bekränzt
Vom Siege sehn, so zög' ich's; doch den Frieden
Zu reichen genügt die unbewehrte Hand.
Ich will euch nicht vertilgen. Lebt fortan
Und sterbet euerm Gott; bei meinen Göttern
Und euerm Gott schwör ich's.

Juda.                                             Gieb mir die Mutter,
Die Brüder, die Gefangnen meines Volkes,
Und zieh' in Frieden.

Antiochus.                       Deine Brüder kann
Kein Gott dir wiedergeben.

Juda (wütend, will auf ihn ein).       Kindermörder!

(Die Seinen folgen, die Syrier setzen sich zur Wehr; da erhebt sich Lea zwischen beiden mit dem Aufwand der letzten Kraft.)

Lea. Zurück, Sohn Mattathias'! laß ihn ziehn!
Im Namen des, der war und ist und sein wird!
Er spricht durch mich: Zieh, Syrier, hin in Frieden!

(Die Syrier ziehen ab; Lea hält Juda zurück.)

Und du – setz nicht der Brüder Sieg aufs Spiel,
Den sterbend sie ersiegten. – Hier hat Gott
Geweilt; – bet an!

(Sie sinkt; Juda hält sie.)

Juda.                             Wie wird dir?

Lea (immer schwächer).                         Meine Leiche
Und deiner Brüder bring zu Mattathias
In unser Erbbegräbnis nach Modin.
Dann nach Jerusalem und reinige
Sein Haus vom Heidengreul und weih's ihm neu.
Noch nach Jahrtausenden wird unser Volk
Das Fest von Judas Tempelweihe feiern.
Wie Moses das gelobte Land, so zeigst
Du meinem letzten Blick die Herrlichkeit,
Die neue deines Volks, und so – wie Mose –
Sterb ich – dich – preisend –

(Sie stirbt; Juda läßt sie nieder und kniet bei ihr.)


Jonathan, Simon, jüdische Krieger, Priester und Volk.

(Sonnenaufgang, der Himmel ist rein; ein ferner Donner verhallt leise bis zum Ende des Stücks.)

Krieger, Priester, Volk.               Fort ist der Tyrann!
Juda sei König! Juda sei's, der Retter!

Juda (halb für sich).
Er braucht den Starken nicht; er haucht die Schwäche
Mit seinem Odem an, und sie wird Sieger;
Es überhebe keiner sich vor Gott. –
Nehmt auf den toten Leib!

(Es geschieht; er steht auf.)

                                          Sein Priester will
Ich sein, doch König ist allein der Herr!

(Er erhebt den Speer; indem man sich zum Abzug ordnet, einige Posaunenaccorde; der Vorhang fällt schnell)

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