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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
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Sechstes Kapitel

Was die Mutter nicht zu Ende erzählt, das ergänzt der Diener

Am nächsten Morgen kam die Mutter zu mir und erkundigte sich nach meinem Befinden, und als ich sie inständig bat, ihr Wort zu halten und zu erzählen, wischte sie sich mit der Schürze die Augen und sagte seufzend:

»Daß ich alles genau erzähle, ist ausgeschlossen. Sehr merkwürdig war dein Treiben und dein Reden. An jenem Tag – nicht heute erwähnt! – sprachst du, was Zeug hielt, über Tiere und Vieh und über Menschen und hattest mit einer armen, elenden, unglücklichen Mähre, die krank, zerschlagen und unselig war, schreckliches Mitleid. Gebe Gott, daß deine Reden wie Rauch verfliegen, über wüste Wälder und öde Felder! Und in der Stadt ist inzwischen über dich ein Gerücht aufgekommen, daß du – – lieber Herrgott, verrückt mögen sie werden, die Feinde, die mir und ganz Israel Böses wünschen! Wie im Fieber warfst du dich ein paar Tage herum und lagst teilnahmslos und wirr da. Gelobt sei Gott, daß du heute frisch aufgewacht bist. Ach, daß es dir gut ginge!«

»Zippe!« sagte der Wundermann, der mit der Bäuerin auf den Zehenspitzen ins Zimmer getreten war, um nicht plötzlich Unruhe zu dem Kranken zu tragen, und eine Weile still hinter meiner Mutter gestanden hatte, als sie redete. »Nicht er hat gesprochen, das waren ›ihre‹ Worte, der Teufel hat aus ihm gesprochen.«

»Prawda!« mengte sich die alte Bäuerin ein, die ein bißchen Jüdisch verstand. »Eto ichnje dilo. Trasßza ich materi!«

Alle spuckten dreimal aus.

Mittendrin kam Braandel die Vorsagerin herein, die von der Mutter auf den Friedhof geschickt worden war, um auf den Gräbern zu flehen und Kerzendochte zu messen. Beim Eintreten küßte sie dreimal die Mesise und trat eilends zu meiner Mutter, verweint und tränenschluchzend, und sagte ihr in der Klagelieder-Melodie:

»Ich bat die Großmutter Jente, die Tante Selde – mögen sie das helle Paradies haben! Es waren fromme Frauen –, den Vater, den Großvater, Reb Schebbssel und die ganze Familie, ich bat auch die alte Rebbezen, die Fromme – ihr Verdienst stehe bei uns! –, daß sie sich vor Gottes Thron bemühten. Der Ewiglebende wird ihr Gebet erhören, er ist ja ein barmherziger, gerechter Vater. Ssrulik wird, will's Gott, gesund werden. Man müßte nochmals Eier rollen und Wachs gießen. Das hat er von einem plötzlichen Schreck bekommen. Voriges Jahr ist dieselbe Sache dem Sohn des Brodder Lehrers passiert. Kroine rollte gleich tüchtig Eier und nahm's ihm wie mit der Hand fort. Wie geht es ihm jetzt, Zippe?«

»So ziemlich«, sagte der Wundermann. »Es ist keine Gefahr mehr. Er hat's von einem plötzlichen Schreck bekommen, sagst du, Braandel, von einem plötzlichen Schreck? Das ist ein Irrtum! In den Dingen bin ich Fachmann. Das war ihr Werk, Braandel, das haben sie getan, Ihr könnt die Andersgläubige fragen, sie ist mejwen kol dibber, du kannst jüdisch zu ihr sprechen. Wir haben in unserm Leben schon allerhand Geschäfte zusammen besorgt.«

»Prawda, Brandlja«, sagte die alte Bäuerin und nickte mit dem Kopf. »Schtscho prawda, to prawda. Eto ichnje dilo. Trasßza ich materi!«

»Ich weiß wahrhaftig nicht«, verwunderte sich meine Mutter und sprach wie in die Luft hinein, »woher er zu so absonderlichen Gedanken kommt. Das muß nur, glaube ich, von seinen Büchern kommen, in die er sich ganz versenkt hat. Mehr als einmal habe ich ihm gesagt: ›Ssrulik, zu allen Teufeln mit deinen Büchern! Zum Satan und zur Hölle mit dem ganzen Examen, verstopfe dir den Kopf nicht mit solchen dummen Büchern, mit solchen verrückten Geschichten! Wichtige Sache!‹ Lange Zeit lernt er fortwährend, lernt eine Geschichte von einem Helden auswendig, der sechsunddreißig Pferdeställe ausräumte, eine Geschichte von einer räuberischen Nachtigall, oder von einem Ritter, der einen Branntweinozean austrank und große Eichbäume so leicht wie ein Haar ausriß; Geschichten von einem Zauberer Koschzej und von irgend einer alten Jaha, die die Welt in Aufregung brachten und deren Pferde wie die Menschen sprachen; Geschichten von einer Stiefmutter, die ihren Stiefsohn in einen Ziegenbock verwandelte; Geschichten von Tumulten, Schlägereien, Kämpfen, Kriegen, Schlägen, Hieben, Not und Unglück, und was weiß ich noch alles. Natürlich, was kann da Gutes herauskommen?«

»Aber liebste Mutter!« sagte ich. »Stehen denn in unsern Büchern nicht auch solche Geschichten geschrieben? Wieviel hast du mir doch selbst erzählt und wieviel habe ich von andern erzählen gehört, solche Geschichten und andere Geschichten von Werwölfen und Seelenwanderung? Und Tote, die in der Chaoswelt herumirren, und Geschichten von Geistern, Dämonen, von kleinen Kindern, von Bräutigamen und Bräuten, die den Unholden in die Hände fielen. Wieviel gebratene Hühner haben unsere Juden vor sich auf der Schüssel nicht schon krähen gehört? Wieviel Kälber, wieviel Kühe, wieviel Ochsen, Stiere, Pferde und Esel haben urplötzlich losgeweint und um Erlösung gebeten? Wie viele davon haben die Wundermänner nicht schon erlöst und ihnen das jüdische Grab verschafft? ›Mi mune afar Jaankew?‹«

»Was für Wörter sind das?« sagte die Mutter erschrocken und glaubte, daß ich wieder irre redete. »Mi mune . . .?«

»Bis ins hundertzwanzigste Jahr mögest du leben, Zippale«, fiel Braandel mit innigem Lächeln ein, voll Wonne, daß sie jetzt ihre Gelehrsamkeit zeigen konnte. »Schon recht, mein Herz, das heißt: Mi mune – wer kann zählen, afar – den Staub, das bedeutet die Gräber, ›Jaankew‹ – die man bei Jakob gemacht hat. Damit sind die Juden gemeint, die ›Jakob‹ genannt werden. Das ist ja ein Vers aus der Zennerenne und der Bechaje sagt –«

»Was er über Seelenwanderung sagt«, mischte sich der Wundermann ins Gespräch, »so schwöre ich Euch bei meinem Bart und den Pejes, daß es mir in meinem Leben schon oft vorkam, daß ich bei Besessenen Austreibungen machte, und sie selber schreien hörte, so wahr ich die Posaune des Messias hören will.«

»Oh, die Seelenwanderung! Oh, die Seelenwanderung! Das ist keine Kleinigkeit!« sagte Braandel und machte ein frommes Gesicht. »Oh, das steht ja in der Heiligen Schrift. Das ist sehr gewöhnlich, was braucht Ihr mehr, da habt Ihr den Schnorringer Besessenen! In der ganzen Welt machte die Seelenwanderung damals Aufsehen. Übrigens – gepriesen, der Vergessenes in Erinnerung bringt! – ist bei uns denn nicht die Geschichte mit dem schwarzen Kater vorgefallen? Das war an drei Jahre nach meiner Hochzeit mit meinem zweiten Mann, Gott habe ihn selig, gerade zu der Zeit, als ich mit meinem Chazkale – er lebe mir! – schwanger ging. Ich erinnere mich daran, als wäre es heute passiert, damals wurde in allen Schiehlen ausgerufen, man sollte gehen und der Austreibung zuschauen, und Schwangere dürften nicht zuschauen gehen –«

»Hörst du, liebste Mutter?« fragte ich sie. »Hörst du, was der Wundermann und Braandel sagen?«

»Hm, wahrhaftig, Ssrulik«, antwortete sie ohne richtige Worte. »Bei uns ist das etwas anderes. Ach, wo kommst du hin? Ach wo, wie kann man so was vergleichen? Das eine kommt vom Unreinen und das andere vom Heiligen.«

»Das ist wahr, Zippe, so wahr ich Bart und Pejes trage«, bekräftigte der Wundermann. »Eine gute Widerlegung, wahrhaftig, Zippe! Das ist die Wahrheit, auf mein Wort!«

»Nu, a schtscho wi kashete?« sagte ich zu der alten Bäuerin, da ich sah, daß meine Worte vergeblich waren und man nicht auf mich hörte.

»Win maje prawo«, antwortete sie und nickte mit dem Kopf. »Eto ichnje dilo, trasßza ich materi!«

 

Es kommt manchmal vor, daß ein Mensch etwas träumt, und wenn er aufsteht, ist keine Spur vom Traum geblieben. Später aber, wenn einem etwas wie ein Nachhall des Traumes im Kopf klingt, läßt es einen nicht ruhen, bis man sich seiner ganz erinnert. Und ebenso erging es mir.

Die paar Worte, die mir meine Mutter andeutungsweise erzählt hatte, bohrten in meinem Kopfe und wollten den Rest erfahren, der verschwommen vor mir schwebte, ohne sich im Gehirn fassen zu lassen. Bald darauf wurde mir alles klar.

Im Laden der Mutter diente ein Angestellter schon seit seiner Jugend; jetzt war er schon ein betagter Mann, ein Jude mit all seinen Eigentümlichkeiten und ein Ladenkommis mit allem Drum und Dran. Er hieß Ssenderel Schelune, »unser Ssenderlein«. Diesen Ssender kränkte es sehr, daß ich den rechten Weg verlassen hatte und mich mit dummem Zeug abgab, und mein ganzes Tun einer so hochstehenden Familie wie der meinen – lauter Adel! – keine Ehre machte. Außerdem sah er darin eine Ehrverletzung für sich selbst, wie es die Art von Dienern ist, die mit dem Ansehen ihrer Herren großtun; bei jeder Gelegenheit suchte er mir einen Stich zu versetzen, doch hielt es sich noch in gewissen Grenzen. Diesmal brachte ihn der Vorfall furchtbar gegen mich auf.

»Wie!« sagte er. »Daß er uns solche Schande macht!«

Einmal, als wir einander stichelten und er mir beweisen wollte, wie weit mich die Ketzerei verführt habe, kam er mit der ganzen Sprache heraus und hielt mir eine Strafpredigt, indem er mir meine Taten mit folgenden Worten erzählte:

»Als du einmal auf den Hof hinausgingst, kam dir unser großer Hahn entgegen. ›Durchlaucht!‹ sagtest du zu ihm und nahmst den Hut ab. ›Ihr seid ein Gardist, Ihr tragt Sporen und schöne Federn, die Welt hält Euch für gebildet und sehr klug. Aber verzeiht mir, was ich Euch sagen werde: Ihr treibt es wahrhaftig nicht sehr schön. Seit Ihr bei uns wohnt, hört man Euch nur schreien und lärmen und streiten, bald mit dem, bald mit jenem, und immer um Frauen, um Unsinn. Habt Ihr nicht jeden Tag Liebschaften genug, daß Ihr dem andern noch seine einzige rauben wollt? Warum fielt Ihr zum Beispiel über jenen armen Tropf her? Warum habt Ihr mit ihm ein Duell geführt und ihn verwundet? Und das heißt noch ›Ehre‹ bei euch! Beim gewöhnlichen Volk ist das einfach Mord. Eure Frau ist wahrhaftig zu bedauern. Die Arme rackert sich mit Euren Kindern ab, die Ihr nicht einmal ansehen wollt. Herr Gans und Herr Truthahn gefallen mir wahrhaftig besser. Die Welt hält sie für dumm, für einfältig, sie leben aber sehr anständig, sind treue Väter und ernähren Frau und Kinder, so wie es Gott befohlen hat. Im Vergleich mit ihnen seid Ihr wirklich einen Schmarren, Kapures wert, Durchlaucht, wahrhaftig!‹

Dann bist du vom Hahn weggegangen und hast unsere Kuh und das Kalb am Spreuzuber getroffen. Du begrüßtest sie sehr höflich. ›Ah, Madame Kuh!‹ sagtest du. ›Wie geht's? Was macht Euer werter Gemahl, Herr Stier? Eure Toilette, Madame, gefällt mir sehr, sie ist sowohl stark als auch schön. Der Schwanz, der Euch hinten nachschleppt, ist heute die letzte Mode, er paßt den Damen vorzüglich. Sehr schön, auf mein Wort, Euer Mann hat von Euch Hörner bekommen, sagt man. Oh, ein sehr schönes Geschenk, wahrhaftig! Er freut sich gewiß! Warum ist er immer so beschäftigt? Man muß manchmal mit der Frau spazieren gehen und zusammen Besuche machen. Was hat denn eine Dame sonst zu tun? Ihr seid wahrscheinlich der gleichen Ansicht, Madame Kuh, wie jene, die meinen, das Weib sei nicht zu ernster Arbeit geschaffen, so wie der Mann. Wie sieht denn das zum Beispiel aus, wenn ein Mädel Pferde lenkt? Ja, habt Ihr schon mit unserer Holländerin Bekanntschaft geschlossen? Oh, eine sehr schöne, dicke Dame! So was Ausländisches ist doch ganz was anderes! Herr Stier scheint mit ihr recht gut zu stehen. Bitte, nehmt doch ein bißchen Konfitüren, Madame‹, zeigtest du auf die Krippe, ›nehmt doch, Madame, und gebt auch Eurer Mamsell! Geniert Euch nicht, Mamsell Kalb! Da tut Ihr sehr recht daran, Madame Kuh, daß Ihr Eure Tochter immer bei Euch behaltet. Was kommt dabei heraus, wenn man die Töchter irgendwo zur Erziehung hintut? Hinausgeworfenes Geld, wahrhaftig! Sagt lieber, bewirbt man sich schon um Eure Mamsell? Schämt Euch nicht, Mamsell, schon recht, das ist ja eine bekannte Sache. Kälblein ist gut und fromm wie die Mutter. Ich mache Euch wahrhaftig keine Komplimente, es ist bloß die reine Wahrheit.‹

Gerade damals mußte es sich treffen, daß Herr Zempel mit Frau und Töchtern zu Besuch kam. Da packtest du – nicht heute erwähnt! – den Trog, trugst ihn in den Salon, stelltest ihn vor die Gäste und fordertest sie in der Kuhsprache auf, Spreu zu essen. ›Es ist wahrhaftig schon Zeit‹, sagtest du, ›die Kühe zu melken und sie an ihren Platz zu schicken. Wie lange sollen sie so spazieren gehen? Bei uns in der Wirtschaft ist eine schreckliche Unordnung!‹ Du kannst dir vorstellen, wie alle versteinert dasaßen und wie es jedem ums Herz war. Man entfernte dich geschwind. Plötzlich hörte man ein Geschrei, man lief hinaus und sah – schwarz wurde es allen vor Augen! Da stand Reb Izzek-Wolf im Hause – ein so angesehener Mann, keine Kleinigkeit, er ist Vorsteher in den wohltätigen Vereinen, alles in der Stadt ist in seinen Händen und man glaubt ihm aufs Wort – also du standest vor ihm und schriest – nicht heute erwähnt! – ›Ein Skandal, wie unsere Gemeinde geführt wird! Kriegt man schon einen Gemeindebock, so läßt man ihn laufen und niemand kümmert sich mehr um ihn. Was tut aber ein solcher Bock? Meistens geht er in die Klous, dort ist sein Aufenthaltsraum, er leckt die Wände, wühlt in alten Buchblättern, springt mit dem ganzen Rudel Ziegen in den Gärten herum, schleicht sich leise in alle Häuser; kaum wendet man die Augen ab, steckt er die Schnauze in einen Trog, einen Kasten oder in eine Büchse und richtet Schaden an. Gemeinde, pack deinen Bock am Bart und sieh, daß er nicht mehr in den Gärten herumspringt, nichts mehr aus den Trögen reißt! Nein, das tut keiner, jeder hat Angst, sich auch nur an ihn heranzuwagen. Kommt es manchmal vor, daß mehrere Leute beieinander stehen und wichtige Dinge besprechen, und sehen sie von weitem den Gemeindebock, beginnen sie wie Espenlaub zu zittern und zerstieben nach allen Seiten.‹

Schmach und Schande hast du uns mit deinen Sachen angetan. So feine, anständige Leute hast du zu Vieh gemacht! Oh – oh – oh!« schloß Ssenderel und griff sich an den Kopf. »Hätte sich eine Grube geöffnet, wir hätten uns lebend hineingewünscht.«

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