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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
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Fünftes Kapitel

Die Mähre erhebt sich im Sturm aus der Grube

Wie eine Windmühle ging mir's im Kopf von alledem, was mir soeben enthüllt worden war, und die Welt und alle ihre Geschöpfe drehten sich mit und vermischten und vertauschten sich mit- und ineinander. Mir schien, daß alle nicht das sind, wofür sie sich ausgeben. Keiner ist innen das, wonach er außen aussieht. Die Inder, die glauben, daß die Menschenseelen in alle möglichen Geschöpfe übergehen, und die Kabbalisten scheinen Recht zu haben. Die ganze Welt besteht aus lauter Seelenwanderung. Der Grund, der irgendwo im Ssidder steht, warum es eine Mizwe sei, am Schabbes Fisch zu essen – um dadurch die in Fische verwandelten Seelen zu erlösen –, ist offenbar vollständig wahr. Ist dem so, dann sieht ja die Welt ganz anders aus, dann muß man sie mit andern Augen anschauen und jegliches Ding ganz anders betrachten. In einem Menschen liegt vielleicht ein Hund versteckt, und in einem Hunde liegt ein Mensch versteckt. Ein Pfund frischer Fisch ist vielleicht ein Pfund zappelfrischer Seele, in einem guten Karpfen liegt ein Plaudersack von Redner mit Pfeffer und Zwiebeln auf der Schüssel vor mir! Ist dem so, dann lösen sich viele Rätsel der Vorsehung auch im Gebaren der Menschen; dann wird es erklärlich, woher bei uns die Narren, Dummköpfe, Heuchler, Müßiggänger, Weltbeglücker, Presser, Fleischsteuerpächter, Vorsteher, »Vertrauenspersonen«, Fürsprecher, Wohltäter, Stadterben, feine Leute, vornehme Herren, Moralprediger, Schmarotzer und Hans-Dampf-in-allen-Gassen stammen. Dann wird es begreiflich, wer sie sind, woher sie kommen, wessen Natur sie haben, und welches ihr Zweck und ihr Ziel hier in der Welt, unter uns unglücklichen, sündhaften Menschen ist.

Es kommt oft in der Welt vor, daß einer sich sein ganzes Leben lang mit Studieren beschäftigt und ein Narr bleibt. Und dem andern gelingt es, leicht und ohne Mühe weise zu werden.

In dieser Nacht wurde ich weise!

Und da ich weise wurde, versteht es sich von selbst, daß ich an allem zu zweifeln begann.

Und nicht nur an andern fing ich zu zweifeln an, so daß ich nicht klar wußte, wer sie wären und was sie wären – sogar an mir selbst höchstpersönlich auch: Vielleicht bin ich gar nicht ich? Vielleicht bin ich in der Hand einer andern in mir lebenden Kraft und nicht ich bin der Herr meines Körpers, alles nach meinem Verstand und Willen zu tun, sondern dieser andere beherrscht mich und zwingt mich mit Gewalt, das zu tun, was er will, seine Geschäfte zu vollführen und nach seiner Art zu leben, so wie er eben früher war. Wirklich »kehinne kachoimer« – ich bin der Choimer, der Stoff, und er ist der Schöpfer, der ganze Wirker, oder ich bin der Chammer, der Esel, und er ist der Treiber. Ja, aber wer soll das eigentlich in mir sein? Und wessen Geist spricht aus mir? Vielleicht wohnt in mir eine der erhabenen Seelen – etwa die Seele König Salomos! Und das könnte ich mir vorstellen. Er wurde in einer Nacht urplötzlich weise, klüger als alle Menschen seiner Zeit, und ich Jüngling wurde ja »klug wie die Nacht«. Das heißt also offenbar, er will, daß seine Weisheit durch mich weiterlaufe, und ich klüger als alle Menschen meiner Zeit sei. Oder vielleicht wohnt in mir eine andere große Seele? Wenn die Mähre – ein Weibchen – ein Prinz ist, so bin ich – ein Mann – vielleicht gar eine Prinzessin. Und daß die Seelen bei der Wanderung vertauscht werden, das heißt, daß aus einem Mann ein Weib, und aus einem Weib ein Mann wird, das ist etwas sehr leicht Mögliches. Und ich erinnere mich, daß ich dasselbe auch in einem Roman eines berühmten französischen Astronomen gelesen hatte. Wenn dem so war, konnte ich die Königin von Saba selber sein. Dann wären wir also nicht so grundlos hier zusammengetroffen, ich und die Mähre. Nun, und wenn es vielleicht ein Irrtum war und keine der beiden Seelen in mir wohnte, so schadete es auch nichts. Die Hauptsache war doch eine hohe, große Seele. Und gibt es denn nicht viele hohe Seelen bei uns? Und nach dem Wallen meines heißen Blutes und meinem großen Enthusiasmus war vielleicht der Geist Juda Makkabis in mir. Meine Kraft lag im Munde, mein Heldentum in der Zunge. Ich fühlte jetzt in mir den Drang, ein Geschrei auszustoßen, das so furchtbar war, wie es mir ums Herz war, damit die Welt erbebe.

Und als ich den Mund öffnete und aufschrie, da kamen Blitz und Donner und schrecklicher Sturm, eine große Luftsäule kreiste wie ein Rad in der Höhe, ein Gewalle, ein Gemenge verschiedener Gestalten, die tanzten, sprangen, toll wie Geister flogen und alles, was ihnen in den Weg kam, in ihren Reigen hineinrissen. Es wirbelte und kreiste tobend und heftig, von einem wahnsinnigen Orchester begleitet. Es krächzte, quakte, stöhnte, heulte, summte, toste, zerriß die Ohren. Die Bäume im Walde antworteten im Takt, bogen sich nach allen Seiten, rauschten, tönten, klatschten und patschten mit den Ästen. Der Mond erschrak und lief und versteckte sich hinter einem Wolkenstück. Ich erstarrte. War es möglich, daß dieses Toben, dieser Sturm von meinem Schrei, von dem Hauch meines Mundes kam? Vielleicht fand jetzt bei der Geisterbande eine Hochzeit statt, vielleicht führte man eine Hexe zur Vermählung mit dem ihr Bescherten, munter und lustig, während alte und junge Hexen tanzten und sprangen und mit Teufeln einen Reigen aufführten.

Ich sah mich nach der Mähre um und erkannte sie nicht. Ihr Gesicht veränderte sich, und sie nahm jede Minute eine neue Gestalt an. Bald schien sie menschliche Gestalt anzunehmen: Ein dürrer Hals, eine magere Kehle mit hervorstehendem Knopf, wirre, weichselzöpfige Pejes, ein offener Mund mit herunterhängender Lippe. Seufzer nach Seufzer entrang sich der Tiefe ihres Herzens. Im nächsten Augenblick nahm sie eine merkwürdige Gestalt an, und es war nicht zu verstehen, was für eine Mißgeburt das war. Und plötzlich spitzte sie die Ohren, als ob sie auf etwas horchte, als hätte sie etwas gefühlt, sprang zitternd auf die Beine, als ob sie eine Schlange gebissen hätte, streckte sich, so lang sie war, warf den Schweif, wie eine echte Mähre. Und bald schoß ein Wesen wie aus der Erde hervor, sprang rittlings auf die Mähre, hieb sie mit seinen Beinen, pfiff – davon, davon! Die Mähre sprang geschwind aus der Grube hinaus und verschwand.

»Ach, ach, Mähre! Ach, ach, meine Mähre!« schrie ich mit allen Kräften.

Und der Sturm ließ nicht nach, und die Donnerschläge wurden immer stärker und stärker. Die kreisende Luftsäule von früher packte mich, und ich kreiste in ihrem Innern mit verschiedenen Ungeheuern. Alte Hexen auf Besenstielen und Schaufeln und schöne junge auf Ziegenböcken, Geier, Eulen, Kater. Geschrei und Gekeife und Geschwätze und Gebrumme in ganz fremder Sprache: »Scharlui waamrlui besoch bisjoch bisbesajoch messamssajoch!« Der Kopf schwindelte mir, die Augen schlossen sich, Schweiß brach mir aus allen Poren. Und ich fühlte, wie mir eine Hand bald an den Kopf, bald an die Füße griff, ich schrie im Fallen auf und öffnete die Augen.

Ich fühlte Kissen unter dem Kopfe und wußte noch immer nicht mit Klarheit, wo ich war. Ich hörte seltsame Worte, ähnlich den früheren, als ich in der Säule kreiste, aber wer da sprach, das sah ich nicht. Eine Weile später, als ich zu mir zu kommen begann, erschienen mir nacheinander ein breitzausiger Bart, lange Pejes und das merkwürdige Gesicht eines Mannes. Dieses Geschöpf tat sich in einem Winkel herum, stierte, schnitt absonderliche Grimassen, stampfte, als ob es mit jemandem stritte und sagte zornig solcherlei Wörter: »Ich beschwöre euch im Namen Luziferiels, im Namen Plutoniels, Zerberiels, Proserpiniels, im Namen . . . im Namen . . . im Namen . . ., daß ihr keine Macht habet über Jißrulik ben Zippe. Zerstiebet, verflieget, nach öden Feldern, nach wüsten Wäldern! Dort steht ein Stein, auf dem Stein ein anderer Stein, dort steht ein Berg, auf dem Berge ein anderer Berg, oben tut Schmendrig ben Getz sitzen und weidet wilde Katzen und Kitzen. Packt die Kater vor allen Sachen, packt überall die Drachen! Packt auf der Welt alle Fliegen, Schaben, Grillen, Flöhe, Wanzen und geht mit ihnen tanzen, tanzt in den wüsten Wäldern und auf den öden Feldern, tanzt, springt mit Juhu, und laßt die Welt in Ruh!« Und eine alte Bäuerin stand da und flüsterte einsam und leise in einem Winkel, spuckte und gähnte laut mit aufgerissenem Munde.

»Porche sike limrike, bich, bich!« murmelte das Geschöpf, beugte sich über mich und erfaßte meine Nasenspitze.

»Hssich a fsssich a fsssssich!« antwortete ihm mein Nase in lautem Genieße.

»Gesundheit, Gesundheit!« wünschte mir der Mensch voll Freude, lief geschwind zur Tür und verkündete die frohe Botschaft:

»Zippe, kommt und seht, Euer Sohn ist frisch und gesund.«

»Wo bin ich?« fragte ich sehr verwundert.

»Bei mir, mein Kind. Bei mir, bis ins hundertzwanzigste Jahr«, antwortete meine Mutter noch in der Tür, und im Augenblick war sie da und fiel mir bitterlich weinend an den Hals.

»Schabriri, briri, riri, ri«, flüsterte der Mensch, blies und blies, als ob er jemanden vertreiben wollte. Dann wandte er sich zu meiner Mutter und sagte:

»Zippe, ich habe schon an dreißig Jahre mit den Geistern zu tun – ja, Zippe, so ist die Rechnung, bald nach der ersten Panik nicht heute erwähnt! – bin ich ein Wundermann geworden. Ein paar Jahre vor dem großen Brand, gerade in der Zeit, als Reb Toiwje-Kalmen Reb Gedalje-Izzes in der Stadt einen Schatz fand, ungefähr ein Jahr, bevor man den Fluß und die Mikwe reinigte – ja, Zippe, es wird schon an die dreißig Jahre sein, wenn nicht mehr. In der Zeit hatte ich genügend mit ihnen zu tun und brachte ihnen Respekt bei. Die Bande hat heute von mir eine Portion abgekriegt, aber gewiß ja. Das war ihr Werk, das hatten sie angestellt.«

»Ha – huch!« gähnte die alte Bäuerin laut, sagte einen Spruch, spie aus, und abermals gähnend schloß sie: »Trasßza ich materi!«

Der Wundermann schnitt vom Tisch und den Stühlen sieben Holzspäne ab, nahm unter der Schwelle sieben Handvoll Staub hervor, wickelte sieben Silbermünzen in ein Wollzeug von mir, das ihm meine Mutter reichte, und sagte zu ihr:

»Alles, was ich da nehme, muß ich haben, um bei Nacht darüber meinen Spruch zu sprechen, beim Mondschein vor der Stadt am Scheideweg; dazu muß man noch sieben Haare aus dem Bart eines alten Hundes legen, so wie es geschrieben steht. Aber im Notfall, wenn man keinen Hund hat, kann man auch mit einer Katze auskommen. Deine Katze ist gewiß in der Küche, Zippe, und ich gehe mal hinaus, um sieben Handvoll Asche vom Herd zu holen, dann kann ich bei der Gelegenheit gleich der Katze sieben Haare aus der Schwanzspitze reißen.«

So sagte der Wundermann, und nachdem er die Mesise geküßt hatte, winkte er der Bäuerin, und unter dem Versprechen, morgen zu kommen und seine Arbeit zu vollenden, ging er mit ihr aus dem Hause.

»Mutter, was geht hier vor?« fragte ich voll Mitleid mit meiner Mutter, da ich sah, wie sie weinte. »Warum weinst du, Mutter?«

»Ach, weh ist mir, ach wie elend ich bin, mein liebes Kind!«

»Was ist geschehen?«

»Ach, daß das nur nimmer wiederkomme, was geschehen ist!«

»Erbarme dich, Mutter, und erzähle mir. Ich werde nicht ruhig sein, bis du mich beruhigst. Weine nicht und erzähle mir, süße, teure Mutter. Ich will's wissen.«

»Warte ein wenig, mein Leben, ich will mich ausweinen.«

Es war still. Der Kopf meiner Mutter lag an meiner Brust, sie schluchzte leise und zitterte am ganzen Leibe. Eine Weile später hob sie ihr Gesicht zu mir, beherrschte sich und erzählte mir seufzend folgendes:

»Als du ins Feld spazieren gingst und bis spät nachts nicht zurückkamst, da gingen wir alle aus der Stadt und begannen dich nach allen Richtungen hin zu suchen. Wir suchten und suchten so lange, bis wir dich wie in einem wachen Schlaf unter einem Baum neben einem Kanal fanden. Als wir heimkamen, erkannten wir gleich an dir, daß du wie verwirrt warst. Der Schlaf mied dich, und du warst sehr erregt. Am nächsten Morgen nahmst du kein Essen in den Mund, warst erregt und nachdenklich und sprachst ungereimtes Zeug zu dir selber. Wir alle im Hause konnten nicht verstehen, was das bedeuten sollte. – Hernach hat es sich gezeigt, ach und wehe! Lieber Herrgott, daß wir nichts mehr davon wüßten, weder wir noch ganz Israel!«

»Nein«, sagte die Mutter unter Tränen und hielt mitten im Sprechen inne, »nein, ich kann nicht mehr reden, jedes Wort sticht mich wie eine Nadel. Ich bitte dich, mein Kind, gönne mir Ruhe, für dich ist es auch schon an der Zeit, daß du dich ausruhst. Nach dem Schlaf wird's dir leichter werden. Schlafe, mein Sohn, der Schlaf tut dir sehr gut, Ssruul!«

»Aber nur unter der Bedingung, Mutter, daß du mir versprichst, morgen weiter zu erzählen.«

»Gut, gut«, sagte die Mutter. »Schlafe, schlafe, mein Kind, schlafe, Ssruul.«

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