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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
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Viertes Kapitel

Ssrulik und die Mähre sprechen sich miteinander aus

Als ich ein wenig zu mir kam und den Kopf aufhob, sah ich, wie der Mond schien und mit seinen silbernen Strahlen in die Grube hineinblickte. Meine Mähre kaute Heu, ganz ruhig und kühlen Mutes, wirklich wie eine geborene, wahre Mähre. In meinem Herzen wogten verschiedene Gefühle. Bald fühlte ich, wie mein Leben in großem Erbarmen über die elende, unglückliche Mähre gar vergehen wollte, bald wieder ärgerte ich mich über sie – was war das, wie konnte sie so ruhig und gleichmütig im Dreck liegen, als ob sie die Bitterkeit ihrer Lage nicht spürte und begriffe! Wie konnte sich ihr Mund zum Heukauen auftun, nach einer solch furchtbaren Szene und nach den Hieben, die sie erst heute gekriegt hatte! Ich begann bei mir zu überlegen, ob die ganze Geschichte nicht ein Traum gewesen sei; ob ich es nicht bloß mit einer einfachen Mähre zu tun hätte, die nicht einmal ein Atom von einem Prinzen in sich hatte; die kein Ehrgefühl hatte und nicht imstande war – du Jammer! – ihre eigene Not, die große Schmach und Schande zu fühlen. Es konnte nicht anders sein, als daß ich verrückt war! Was hatte ich getan? Für wen hatte ich da soeben geseufzt und geweint? Für wen Blutstränen vergossen? Für wen war ich soeben bereit gewesen, mich hinzugeben, meine Tage und Jahre, mein ganzes Leben zu opfern? Für wen? Für eine kurzatmige Schindmähre! Ich sah mich nach allen Seiten um und rückte mit zerrissenem Herzen ein wenig fort.

Die Mähre seufzte plötzlich auf. Ihr Seufzer hallte in meinem Herzen wie Donner wider. Ich erzitterte. Feurige Mitleidgefühle flammten in meinem Blut auf. Dieser eine Seufzer aus ihrem Munde rief eine ganze Umwälzung in mir hervor und zog mich wieder wie ein starker Magnet zu ihr hin. So ist's gut, dachte ich. Seufze, seufze, Mähre! Das ist ein gutes Zeichen, an dem Seufzen erkennt man den unglücklichen Prinzen, wie er alle Kräfte anstrengt, um Menschengestalt zu erlangen. In dem Seufzen ist seine Stimme zu hören, wie er ruft: »Ich lebe noch und fühle noch alles, wie alle Menschen! Um Himmels willen, Menschen, erbarmt euch, laßt mich meine Gestalt wieder annehmen!« – Seufze, Mähre, seufze!

Und als ich so dachte, bemerkte ich, daß neben meiner Mähre kein Hälmlein Heu mehr lag. Sie hatte es gänzlich aufgegessen, nicht einmal ein einziges Blättlein hatte sie übrig gelassen. Oh, oh, oh, dachte ich, das also hat ihr Seufzen bedeutet! Sie seufzte einfach, daß ihr der Wanst nicht voll wurde, weil sie nicht noch ein Bündel Heu, noch einen Haufen Gras hatte. Bekäme sie viel Heu und viel Gras, dazu noch ein paar Maß Hafer, dann wäre sie zufrieden und ganz selig. »Mag sein, was da wolle – wenn's nur viel Hafer gibt, wenn nur der Wanst was kriegt.« Eine rechte, echte Mähre, wahrhaftig!

Dieser Gedanke brachte mich ganz außer mir. Vor Ärger zitterte ich und war sehr erregt.

»Warum zitterst du so?« kam es aus der Mähre zu mir hervor. »Vielleicht hast du es hier zu eng, du scheinst neben mir unbequem zu sitzen?«

»Dir ist es hier vielleicht angenehm, aber für einen Menschen mit Verstand und Gefühl, der weiß, was gut ist, ist ein solcher Platz schlecht, ganz schlecht!« sagte ich ein bißchen zornig und wollte sie mit einem bissigen Worte verletzen.

»Du hast freilich gut reden«, sagte sie und bewegte den Kopf. »Wäre ein anderer so wie ich so viele Jahre in eine Mähre verwandelt, stünde ein anderer so viel aus wie ich, irrte ein anderer unstet und flüchtig unter Hieben und Schlägen, hätte er wahrhaftig schon längst seinen Verstand und sein Gefühl verloren. Er hätte überhaupt keine Sprache mehr und wäre ein wahres, echtes Vieh.«

»Nun, nun«, fiel ich ihr ins Wort, »ist dir der Dreck angenehm, hast du es hier gut?«

»Anscheinend. Jedenfalls besser als früher. Es hat Zeiten gegeben, da man mich fortwährend jagte und mir nicht einmal einen Augenblick Rast vergönnte. Jetzt ruhe ich mich wenigstens ein bißchen aus, im Morast liege ich weich, und ich strecke wenigstens meine alten kranken Knochen gerade.«

»Und die Hiebe und Prügel, die du erst heute von den Kerlen gekriegt hast, und die Hunde, die soeben erst über dich hergefallen sind – die hast du schon vergessen? Heißt das bei dir vielleicht auch gut?«

»Noch immer besser als früher. Das sollen Hunde sein? Die Hunde hättest du sehen müssen, die man einst auf mich hetzte. Die waren groß, gelehrt, dressiert, standen auf den Pfoten, wedelten mit den Schwänzen und gehorchten jedem Befehl, sie waren förmliche Professoren unter den Hunden. Verstand besaßen sie wie die Menschen – aber Herz und Maul waren echt hündisch. Ihr Biß war schrecklich, ich habe noch heute die Spuren ihrer Zähne. Die Hunde, die du heute gesehen hast, das sind einfach dumme Kälber, Schafsköpfe; sie verstehen nicht einmal richtig, über einen herzufallen, zu beißen, zu bellen, daß ich nicht lache, grad damit es gebellt heißt; sie bellen den Mond auch an. Mit einem Stücklein Brot verstopft man ihnen das Maul, und dann kann man frank und frei vor ihren Augen stehlen, rauben und plündern. Das sollen wilde Kerle sein? So was hat es bloß in jenen Zeiten gegeben; die glaubten an ihren Unsinn und trieben dummes Zeug, machten die andern verrückt und erfanden tolle Faxen; sie fürchteten sich vor dem erfundenen Irrsal und sie verstellten sich damit als Bären, brummten ›bu‹ und erschreckten die Leute. Es ist wahr, die heutigen Kerle lassen es auch an nichts fehlen, aber wie können sie sich mit den alten vergleichen! Wenn die mit ihren Faxen über mich kamen, verzweifelte ich einfach am Leben. Was meinst du, zum Beispiel, wie plagten und quälten mich die starken Pferde, die du heute im Korn gesehen hast!«

»Was redest du?« sagte ich schrecklich verwundert. »Was soll das heißen, Pferde quälten und marterten dich auch? Was haben die Pferde, die heutigen Pferde, mit dir zu tun?«

»Wenn die Menschen in das Innere eines jeden Dinges sehen könnten, wären ihnen viele Rätsel in der Welt gelöst. Unbesorgt, ich rede zur Sache. Diese Pferde sind die Wiedergeburten furchtbarer, entsetzlicher, häßlicher Kerle, die vor Zeiten die Leute aussaugten und plackten, viel Unheil stifteten und Schaden anrichteten. Selbst hatte keiner eine Seele, und tausende Seelen mußten für ihn arbeiten. Sie aßen im Schweiße ihres Angesichts ein trockenes Stücklein Brot und gönnten sich außer diesem gar nichts von dem, was sie selbst mit ihrer Plage hervorbrachten – und er badete im Luxus, aß auf, was sie geschaffen, und verschwendete noch gar. Sie gaben sich für ihn hin, sie verschafften ihm durch ihre Arbeit Güter, Dörfer, Städte; sie brachten ihm mit ihrer Plackerei großen Besitz, und das bißchen Essen, das die armen Kerle manchmal von ihm bekamen, es war gerade so viel, um das Leben zu erhalten – das hieß noch Almosen! Sie hießen arme Bettler und er – der Barmherzige, der Freigebige, der Wohltätige, der Gütige. Wenn sie sich für ihn rackerten, so war das etwas ganz Gewöhnliches, so hatte es eben zu sein, und gab er manchmal ein Almosen für die Hungrigen und bei ihrer schweren Rackerei Erkrankten, so kam das in alle Welt herum, man besang und bewunderte es in allen Zeitungen und verbreitete es nach allen Richtungen! Einst waren diese Pferde vornehme menschliche Müßiggänger, heute sind sie vornehme müßiggehende Pferde. Denn, wollen wir uns nicht täuschen, wozu sind edle, gelehrte Pferde nütze? Arbeiten – das tun ja die gewöhnlichen Pferde, die armen Tiere. Sie ackern die Felder, sie führen Wasser und Holz, sie tragen und schleppen Lasten und machen alle Wirtschaftsarbeit. Die edlen Pferde dagegen führen im Stall bei Heu und Hafer ein glückliches Leben; sie fahren manchmal ihren Edelmann spazieren, sie strecken den Hals, sie tun mit ihrem fetten Bäuchlein groß, mit ihrem schönen Geschirr, oder sie tanzen und treiben Possen im Zirkus und luchsen so den Leuten ihr Geld ab. Wirklich, wozu nützt das, wenn ein Pferd tanzt und Hokuspokus macht? Warum soll ein solches Pferd im Gold schwimmen, warum soll man es in seiner ganzen Größe mit Geld überschütten? Diese Pferde sollten lieber arbeiten und keinen Schaden stiften!«

»Sscht, ein wenig leiser!« sagte ich zu ihr. »Sprichst du immer so viel?«

»Ach«, antwortete die Mähre seufzend. »Gewöhnlich schweige ich und kann nicht einmal ein Wort reden. Man will nicht, daß ich spreche. Sehr oft kann ich nicht einmal einen Mucks tun, und dann bin ich wirklich eine Mähre, voll und ganz, dann könnte man von heute bis ins nächste Jahr zu mir sprechen, so hörte ich nichts. Dann kann man schreien: ›Geh rechts!‹ und ich ginge links, außer wenn man mich bei der Mähne packte und gewaltsam schleppte. Dann kann jeder, der will, auf mir reiten, selbst ein Kind, ein Narr, ein Bengel, ein Lump, ein Taugenichts, ein Schlemiel! Aber es gibt gewisse Zeiten, da sich mein Mund auftut, und wenn man dann an meiner Zunge rührt, so strömen mir die Worte scheffelweise aus dem Munde. Mein Blut siedet, steigt mir in schrecklichen Wogen zu Kopf, reißt am Gehirn und dringt bei den Augen hervor. Meine Galle platzt, die Bitterkeit meines Herzens und meine bedrückte Seele schreien sich aus.«

»Sage mir, mein Herz«, fragte ich, »sage mir, da schon einmal die Rede darauf gekommen ist: warum richtest du Schaden an? Eben heute erst fiel man deswegen über dich her. Erst heute schrie man: ›Du richtest Schaden an!‹«

»Betrachte die Sache genauer«, antwortete sie, »dann wirst du mir keine Schuld geben. Wenn man von dem Schaden durch mich spricht, so muß man auch den Nutzen, den ich bringe, dagegenstellen. Denn man kann nur so ein Urteil fällen, zum Guten oder zum Schlechten, daß man beide Dinge auf die Waagschalen einander gegenüber legt, um zu sehen, was schwerer ist. Sonst ergäbe sich, daß fast jedermann Schaden stiftet. Beinahe niemand ist von Fehlern rein, selbst der, welcher darüber Zeter schreit. Bei der heutigen Ordnung überall in der ganzen Welt ist Schaden ein Fehler, ein Vergehen, das überall sich gar nicht beseitigen und nur mit der gleichen Sünde verteidigen läßt. Warum, fragt man, stiftet der andere Schaden? – Das ist eine Sünde, die bestehen bleibt, so sehr man auch schreit; man kann sie bloß unter einer Hülle halten, mit Wohltat oder Nutzen bedeckt und verhüllt. Der Geschädigte schreit, der arme Teufel: ›Der X. Y. macht Schaden!‹ – ›Ja‹, antwortet man, ›X. Y. stiftet hier ein wenig Schaden, aber was soll er tun, er hat keine andere Wahl! Schau doch, wie er dafür anderswo nützlich ist! . . .‹ – Und daß ich auch nützlich bin? Und daß ich der Welt auch Nutzen gebracht habe und bringe? Das wird wohl niemand leugnen. Seit ewigen, unvordenklichen Zeiten ritt man mich, benützte man mich, jeder hatte was von mir, der eine mehr, der andere weniger. Wen alles habe ich denn nicht schon auf meinem Rücken getragen? Und an wessen Schaden hatte ich in meinem Leben nicht schon schuld? Ich glaube, daß meine Arbeit viel mehr als ein Haufen Gras wert ist! Das wäre das Erste. Und nun zweitens, vergiß nicht, daß mich die Verhältnisse pressen! Wenn ich mir nicht selber Essen suchen werde, geben wird mir keiner was. Dann könnte ich die Zähne in den Schrank tun und Hungers sterben. Anstand kann ich nicht abwarten; solange man lebt, muß man essen; was will ich denn mehr als essen? Und was ist denn der ganze Schaden, den ich anrichte? Ein Haufen Heu, ein bißchen Gras, daß ich nicht lache! Die netten Pferde dort haben doch das Beste und Schönste, ihnen gibt man alles, was sie brauchen, sie haben ja das Recht, überall frei auf dem Grase zu weiden – warum richten sie Schaden an? Und was für einen Schaden noch dazu! Sie zertreten Getreide, verwüsten ganze Felder und vernichten sie.«

»Welches Verhältnis«, fragte ich sie, als wäre ich ihr Richter, »bestand einst zwischen dir und den Pferden dort, oder wie du sagst, den wilden Kerlen?«

»Die wilden Kerle dort, oder, wie du sagst, Pferde«, antwortete sie, »haben mich einst, einst furchtbar gequält und bis auf den Tod gepeinigt. Als einmal eine Gesellschaft von ihnen in einen Krieg gegen die Tatern zog, stampften und traten sie mich und quetschten mir das Mark aus den Knochen. Sie rissen mir damals die Haut ab, zerfetzten mir die Adern, stempelten und brannten mich mit glühenden Kohlen. Auf meinem Fell steht in verschiedenen Buchstaben die ganze Geschichte der Grausamkeit, Wildheit und Dummheit jener bitteren Zeit geschrieben. Mein geschundenes Fell mit den blauen Malen, mein zergeißelter Rücken mit den Wunden – das ist die niedergeschriebene Geschichte jener alten Geschlechter. Betrachte mein Fell und lies!«

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